
Dieser eine Moment – Der Podcast mit Philipp Fleiter· Staffel 2· Folge 23
"Vom Slum zur Spitzenköchin" mit Carol Mühlenbrock
Montag, 5. Mai 2025 · 1 h 21
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Shownotes
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Carol wächst in einem kenianischen Slum auf. Schon früh lernt sie, Verantwortung zu übernehmen und widrigsten Umständen zu trotzen. Sie weiß: Irgendwo da draußen wartet mehr auf sie.
Carol ist eine sehr gute Schülerin und als 1994 die Möglichkeit aufkommt, ein Internat zu besuchen, setzt ihr großer Bruder David alles daran, ihr dies zu ermöglichen. Später studiert Carol Jura und findet einen Job in Mombasa. Ihre Cousine lebt ganz in der Nähe und sie verbringen oft die Wochenenden zusammen. Der zweite große Wendepunkt in Carols Leben ereignet sich ganz zufällig: Auf einer Fahrt im Matatu zu ihrer Cousine lernt sie ihren späteren Ehemann kennen. 2006 zieht sie für ihn ins Münsterland.
Zunächst scheint Deutschland vor allem eines zu sein: kalt – die Temperaturen, die Gesellschaft. Und auch Studium und Führerschein werden nicht anerkannt. Carol lässt sich nicht entmutigen und macht eine neue Ausbildung – zur Köchin. Was als Notlösung beginnt, wird zu einer großen Leidenschaft. 2016 eröffnen sie und ihr Partner ein eigenes Restaurant. Besonders die afrikanischen Gerichte kommen bei den Gästen sehr gut an. Trotzdem beschließt Carol kürzlich, das Restaurant aufzugeben, um mehr Zeit mit ihren Kindern zu verbringen. Was danach kommt, ist ungewiss – doch Carol ist sich sicher, dass es gut wird. Denn Optimismus ist bis heute ihr größter Antrieb.
Ihr findet Carol auf Instagram @carolmuehlenbrock und YouTube @afrikakulinarisch
Hier der Link zu ihrem Kochbuch: hugendubel.de/de/buch_gebunden/carol_waithira_…
Bleib auf dem Laufenden über Philipp und seine Projekte auf Instagram: @philippfleiter
Dieser Podcast ist eine Produktion von Philipp Fleiter und WeMynd im Auftrag von Podimo. Neue Folgen alle 14 Tage montags überall, wo es Podcasts gibt.
Redaktion: Philipp Fleiter und Laila Keuthage | Produktion: WeMynd
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Ganz viele Kinder zum Beispiel mit mir nicht spielen dürften, weil die Eltern irgendwie dachten, ich könnte die mit irgendwas anstecken. Oder halt, dass wir nicht gut erzogen waren, weil unsere Familie halt ohne Vater und meine Mutter zu dieser Zeit auch Alkoholikerin war, was ganz schwer war für uns Kinder.
Manchmal sind es nur ganz kurze Momente, die ein Leben komplett verändern können. Ein Augenblick, eine Entscheidung, ein Ereignis, ein Wimpernschlag und danach ist alles anders. Ich bin Philipp Fleiter und ich treffe in diesem Podcast Menschen, um mit Ihnen genau über diesen einen Moment zu sprechen, der Ihr Leben für immer verändert hat.
Hallo und herzlich willkommen. Schön, dass ihr auch in dieser Folge wieder mit dabei seid. Ich spreche heute mit Karol Mühlenburg. Karol ist 45, Köchin und hat auf einen eher ungewöhnlichen Weg zu mir in dem Podcast gefunden. An der Stelle muss ich jetzt mal meinen Eltern danken. Keine Angst, das wird jetzt nicht so eine Oscar-Verleihungs-Dankesrede.
Sondern meine Eltern haben einen Kochkurs bei Karol gemacht, in dem sie auch einiges aus ihrem Leben erzählt hat. Und dann hat direkt am nächsten Tag mir meine Mama geschrieben und hat gesagt, Philipp, du musst diese Frau in deinen Podcast einladen. Und ich denke, ihr werdet im Gespräch mit Karol schnell verstehen, warum das so ist.
Karol kommt aus Kenia und wächst dort mit ihrer Mutter und ihren Geschwistern in einem Slum auf. Hier geht es heute darum, wie sich ihr Leben durch eine unglaublich große Geste ihres Bruders verändert hat und wie sie schließlich vor einigen Jahren in Deutschland gelandet ist. Übrigens, falls ihr nach dieser Folge noch mehr von Karol hören wollt, und das kann ich mir sehr gut vorstellen, denn sie ist ein wirklich großartiger, lustiger und inspirierender Mensch, bekommt ihr bei Podimo im Bonusteil noch zusätzliches Podcast-Futter.
In dieser kleinen Extra-Folge sprechen Karol und ich über die Geburt ihrer ersten Tochter, die leider für sie sehr traumatisch war und wirklich strukturelle Probleme bei uns in Deutschland aufzeigt. Die könnt ihr exklusiv bei Podimo in der Podimo App hören. Unter go.podimo.com slash Moment könnt ihr die Podimo App kostenlos testen.
Dort gibt es neben allen gängigen Podcasts wie diesem hier auch viele exklusive Formate und natürlich eine große Auswahl. Alle Infos dazu gibt es natürlich auch nochmal in den Shownotes. Für euch ändert sich aber sonst nichts. Die reguläre Folge bekommt ihr weiterhin kostenlos und überall da, wo ihr gerne Podcasts hört, aber eben die Zusatzfolgen nur weiter.
Und damit geht es jetzt los mit dieser Folge. Hi Karol, schön, dass es geklappt hat. Danke für die Einladung, Philipp. Sehr, sehr gerne. Wir gehen jetzt für deinen Moment mehr als 30 Jahre zurück. Es ist Anfang Februar 1994 in Kenia. Du bist mit deinem großen Bruder David am Tor eines Internats angekommen und hier sollst du ab sofort zur Schule gehen, was aber für dich alles andere als selbstverständlich ist. Warum das für dich so besonders ist, darüber werden wir gleich noch ausführlich sprechen.
Aber lass uns erstmal in diesen Moment reingehen. Du weißt, dass du da jetzt auf diese Schule gehen wirst. Was fühlst du? Also Aufregung, Erleichterung und auch ein bisschen Traurigkeit. Ich habe mein Uniform an, wirklich ganz neu alles. Mein Bruder musste mir noch die Krawatte binden. Ich wusste nicht, wie man das macht.
Aber das war ein Moment, wo ich auch glücklich war. Endlich mal aus dem Slum, wo ich geboren bin, raus zu sein. Jetzt nicht für immer, aber das war das erste Mal, wo ich von zu Hause weg war. Und ich war glücklich drüber. So ein bisschen klang das jetzt schon raus, denn dieser Moment wird dein Leben ganz entscheidend verändern.
Du bist ja damals 13 Jahre alt. Ist dir das überhaupt schon klar, was das alles ändern wird und dass das was ändern wird? Nicht wirklich, was das ändern wird. Aber was für mich ganz wichtig war, ist aus dieser Umgebung, wo ich geboren bin, raus zu sein. Das war immer mein Traum oder halt dieses Gefühl von, hier möchte ich nicht bleiben, ich möchte weg.
Und dadurch, dass ich auch wusste, dass irgendwie nur Bildung mich da rausholen könnte. Ich habe gerade schon gesagt, du warst 13 Jahre alt zu diesem Zeitpunkt, aber du hast schon vorher sehr, sehr viel erlebt. Vielleicht beginnen wir mal ganz vorne. Du wirst 1980 geboren. Wo genau wirst du geboren? Wo wächst du auf? Ich bin in Nanjuki.
Das ist eine Stadt, wenn man jetzt Nairobi kennt, so ungefähr 150 Kilometer entfernt, so südlich von Nairobi. In einem Slam. Majengo heißt das. Ich habe drei Brüder, die älter als ich sind und zwei kleine Schwestern. Das heißt, wir waren zu sechs. Und meine Mutter war eine alleinerziehende Mutter und hatte keinen Job, jetzt was Festes.
Und wie du dir vorstellen kannst, war das Leben nicht so einfach. Meine Brüder sind viel älter als ich. Mein älterer Bruder ist 14 Jahre älter als ich. Wir haben in einem Zimmer geschlafen. Meine Mutter und wir Mädchen und mein Bruder hatten ein Zimmer extra für sich. Und wenn ich von Zimmer rede, ist das Wohnzimmer, Schlafzimmer, Küche, alles in einem und ein paar Quadratmeter nur.
Und da habe ich ein Bett mit meinen Schwestern geteilt. Das heißt, ihr habt alle in einem Raum mehr oder weniger geschlafen, also zumindest die Frauen der Familie. Da wurde dann auch gekocht, da wurde dann auch alles andere gemacht, was man in der Familie so macht. Also ein sehr beengter Lebensraum eigentlich, ne?
Ja, so war das Leben. Ich finde das total interessant, weil ich ja nur so die Vorstellung von Slums habe, wie man die irgendwie in Filmen sieht oder in Dokumentationen. Und du hast gerade gesagt, es ist genauso, wie man sich das vorstellt. Also selbst wenn du jetzt sagst Haus, ist ja nicht Haus, wie man in Deutschland sich ein Haus vorstellt wahrscheinlich, oder?
Nee, nee, nee. Das ist ein Grundstück. Mit Quadratmeter kenne ich mich jetzt nicht so gut aus. Aber das war so ein Grundstück. Und du kannst dir das so vorstellen wie ein Esstisch. Ein Esstisch mit acht oder sechs Stühlen. Der Esstisch ist ein Raum in der Mitte. Und die einzelnen Stühle sind die Räume, wo wir gewohnt haben.
Verschiedene Familien. Wir haben die Plots genannt oder sie heißen ein Plot. In einem Plot haben sechs oder acht Familien gewohnt. Bei uns waren das acht. Und in der Mitte war da, wo das Leben stattgefunden hat. Wir haben da gespielt. Die Frauen haben da teilweise gekocht draußen, gewaschen. Und eine Toilette für alle. Das heißt, du hast jetzt nur von deiner Mutter gesprochen.
Hast du deinen Vater kennengelernt? Gab es den in deinem Leben? Alleinerziehend hast du gerade schon gesagt bei eurer Mutter. Ja, ich habe ihn kurz kennengelernt. Ich habe eine Erinnerung. Und die Erinnerung, die ich von ihm habe, mit vier vielleicht oder fünf, ist als er weggegangen ist. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass wir zusammengelebt haben oder dass er in meinem Leben war.
Und dann irgendwann später habe ich ihn nochmal gesehen durch seinen Bruder, der mich irgendwo getroffen hat und gesagt hat, du bist die Tochter von meinem Bruder. Und ich war so, hä? Ja, und dann, ich glaube, ich war schon acht oder neun so in dem Alter. Und dann haben wir ihn besucht. Der hat auch nicht so weit weg von uns gelebt. was so komisch war.
Aber meine Mutter hat von ihm nie gesprochen. Und da wusste ich, wie er hieß. Und ich habe ab dann angefangen, mich so zu nennen. Ja, ich fand das ganz komisch in der Schule, dass alle so einen Nachnamen hatten und ich nicht. Und da war klar, dass manche Kinder oder viele Kinder einen Vater hatten und ich nicht. Und dann, als ich ihn kennengelernt habe, habe ich gedacht, oh ja, das ist mein Vater, das ist jetzt mein Name, Miano.
Das heißt also, in Kenia nehmen die Kinder die Nachnamen vom Vater an sozusagen? Ja, genau. Wenn der Vater halt da ist, wenn nicht der Nachnamen von Mutter. Nur, das ist dann ein bisschen mit Scham verbunden, wenn man in der Schule ist, weil dann jeder irgendwie weiß, dass du keinen Vater hast. Und deswegen habe ich mich nur Carol Waidera genannt, ohne Nachname.
Ah, okay, ich verstehe. Und da ist dann sehr früh, wo man die Unterschiede sieht. Klar, die Schule war auch im Slum und viele Kinder waren dann auch so wie wir. Nur auch im Slum sind Hierarchien und wir waren ganz unten, wo auch die armen Kinder uns als arm gesehen haben. Okay. Ja, genau. Also selbst im Slum ist ja schon unten und dann da auch nochmal unten.
Ja. Also okay, deutliche Hierarchien. Ja, ganz viele Kinder zum Beispiel mit mir nicht spielen dürften, weil die Eltern irgendwie dachten, ich könnte die mit irgendwas anstecken oder halt, dass wir nicht gut erzogen waren, weil unsere Familie halt ohne Vater und meine Mutter zu dieser Zeit auch Alkoholikerin war, was ganz schwer war für uns Kinder.
Und es war viel Scham dabei. Das wäre jetzt nämlich meine Frage gewesen, wie du das selbst erlebt hast damals, also hat dich das belastet, weil wenn du selber im Slum groß wirst, weißt du ja vielleicht gar nicht, wie es anderswo aussieht, verstehst du, was ich meine? Also da ist vielleicht der Unterschied gar nicht so groß, aber du hast schon diese Scham und diese Armut trotzdem gespürt, hast du gerade gesagt.
Ja, Armut weiß ich nicht, aber Scham. Das war, Man hat die Dinge gesehen. Die Plots, auch meine Nachbarn, waren so wie wir. Da waren auch keine Väter. Irgendwie sind wir alle ohne Väter groß geworden. Ich wusste nicht, wie ein Haushalt mit Vater aussieht. Aber in der Schule waren Kinder aus einer Umgebung, wo auch die Lehrer gewohnt haben.
Und da war es anders. Man hat schon gemerkt, dass das anders ist, dass die Kinder jetzt mit Schuhen in der Schule sind, dass ihre Kleidung nicht kaputt ist, dass die Kinder nicht kaputt sind. Man sieht das schon, dass da Unterschiede sind. Und das mit Scham fängt sehr früh an. Zu sehen, du kannst dir das nicht leisten.
Oder wir haben zum Beispiel nur einmal im Jahr, wenn überhaupt, Schuhe bekommen zu Weihnachten. Und auch Kleidung. Und ich habe diese Schuhe und ich sehe, wie meine Kinder, alle drei Monate sind die Schuhe zu klein und müssen neue kaufen. Ich musste mich in diese Schuhe reinquetschen. weil da keine andere waren.
Und bis heute sind meine Zehen krumm. Meine Kinder fragen das immer, warum sind deine Zehen krumm? Weil ich immer kleine Schuhe hatte. Wie muss ich mir denn so deinen Alltag als Kind vorstellen? Du hast gerade schon gesagt, du bist zur Schule gegangen natürlich, was ja auch schon nicht auf viele Kinder oder nicht auf alle Kinder zutrifft in den Slums.
Aber was macht man denn so den ganzen Tag? Weil viel Spielsachen oder ein eigenes Spielzimmer hattest du ja nicht. Nee, das nicht. Als ich im Kindergarten war, hat mein Bruder mich fertig gemacht für den Kindergarten. Ein bisschen später könnte ich schon alleine. Ich war sehr früh sehr selbstständig.
Musste ich auch. Das ginge nicht anders. Und Grundschule bin ich zur Schule gegangen. In Kenia ist das so, ab der ersten Klasse teilweise bleibt man bis 16, 17 Uhr in der Schule. Mhm. Und danach bin ich nach Hause gegangen und musste dann anfangen zu waschen, Geschirr spülen, kochen und dann irgendwann ins Bett.
Spielzeit nicht so viel. Ich war trotzdem immer wieder draußen, habe mit meinen Freunden gespielt. Aber das war viel, dass ich arbeiten musste. Du hast gerade gesagt, deine Mutter war Alkoholikerin zu dem Zeitpunkt. Und wie hat das dein Leben als Kind beeinflusst? Du wirst es ja wahrscheinlich auch schon schnell mitbekommen haben, dass da irgendwas nicht stimmt mit der Mama.
Ja, sie hat von morgens bis abends geschlafen, getrunken, geschlafen. Am Anfang war sie viel unterwegs. Sie war kaum da. Das heißt, mein Bruder haben dann gearbeitet und ich auch dann nach der Schule und tagsüber auch. Und dann irgendwann, sie war in irgendwelche. Pubs mit Freunden und mein Bruder hat mir eine Geschichte erzählt.
Als ich klein war, wirklich ein Baby, habe ich teilweise so geweint, wie Babys so machen. Und er musste mich zu meiner Mutter in die Kneipe bringen, dass sie mich stillt. Das war schon so, dass wir die nicht so oft gesehen haben. Und wenn sie da war, war sie dann betrunken und hat uns teilweise beleidigt und geschlagen.
Und ja, ich musste, wenn ich die Stimme von meiner Mutter gehört habe, wenn ich draußen spielen war, bin ich ganz schnell reingegangen, weil irgendwas war nie fertig. Ich habe nie alles fertig machen können. Ja. Weil irgendwas war immer. Das hast du nicht gemacht und das hast du nicht gemacht und ich musste immer reinrennen, gucken, ich habe gespült, ich habe die Wäsche gefaschen, ich habe gekocht.
Aber trotzdem war immer irgendwas und ich war dann immer am Zittern, weil ich nicht wusste, was wird es heute sein. Das heißt, eigentlich führst du da als junges Mädchen mit sieben, acht Jahren schon das Leben einer Erwachsenen, weil du ja auch Verantwortung für deine kleineren Schwestern übernimmst und dich auch um die kümmern musst. Genau, genau.
So früh fing es an schon für mich. Hast du damals schon den Gedanken, dass du es da irgendwie rausschaffen musst? Das Glauben. Ich habe immer, immer geglaubt, dass das nicht mein Leben sein wird oder sein könnte. Ich habe immer so fest geglaubt, dass ich irgendwann aus dem Slum rausgehe. Und das ist ja so eine Art an Lebenstraum von dir damals gewesen, die Hoffnung, das da rauszuschaffen oder der feste Glauben, es rauszuschaffen.
Konntest du denn da mit irgendjemandem drüber reden über diesen Traum? Nee, nicht wirklich. Und was ich immer gemacht habe, wir hatten einen Schrank. Meine Mutter hatte einen Kleiderschrank, was auch einen Spiegel davor hatte. Das war der einzige Schrank im Raum. Und ich habe da gestanden und ich habe mit dem Spiegel gesprochen.
Dieser Spiegel war alles für mich. Das war die Mutter, die nie war. Das war die Freundin. Das war mein Lehrer. Das war alles. Und ich habe eine Art Interview geführt. Ich weiß es nicht. Ich wusste auch nicht, was ein Interview war. Wir hatten keinen Fernseher. Ja, ich habe dann mit dem Spiegel immer gesprochen. Ich habe alles gesagt, was ich sagen wollte.
Ich habe eine Mutter gehabt, die gesagt hat, dass sie mich liebt, weil das habe ich noch nie von meiner Mutter gehört. Nicht einmal. Ich habe eine Freundin gehabt. Ich habe auch natürlich, auch wenn... Kinder hatte, die zu uns kommen wollten, wollte ich nicht, weil ich wollte nicht, dass sie sehen, wo wir leben, wie wir leben.
Dass meine Mutter da betrunken ist und schreit ist, das wollte ich. Das heißt, ich habe alles, wo es zu eng war, habe ich die Freunde wieder weggeschoben. Wenn es zu eng war, dass ich merkte, sie möchte uns jetzt besuchen, nee, nee, ab da war dann die Freundschaft vorbei. Das heißt, auch das hatte ich nicht so wirklich.
Und dieser Spiegel war alles für mich. Ich habe mit dem Spiegel immer gesprochen. Das heißt also eigentlich, obwohl du von so vielen Menschen umgeben warst, in dieser Enge, in diesem Raum, in diesem Slum, warst du auch einsam? Ja, ich war ein einsames Kind. Weil das war eine Umgebung, wo viel mit Alkohol belastet war.
Und wenn viel Alkohol im Spiel ist, man sieht alles. Es war eine Hinterstraße, wo ich gesehen habe, dass mein Vater verschwunden ist. Das war eine Straße, wo alles passiert ist. Man hat alles beobachtet, ob Schläge, ob Sex mitten am Tag, alles hat man gesehen. Und du kannst dir vorstellen, als kleines Kind musst du das auch irgendwie ein bisschen verarbeiten oder halt nicht.
Und das musst du auch selber gucken, wie du dich betäubst, dass das alles dich nicht belastet. Karol erlebt als Kind Dinge, die wirklich kein Kind erleben sollte. In der Psychologie spricht man davon ACEs, Adverse Childhood Experiences. Also auf Deutsch könnte man das mit ungünstiger Kindheitserfahrung übersetzen.
Zu diesen Erfahrungen können Vernachlässigung, körperliche oder sexuelle Gewalt, Sucht in der Familie, aber zum Beispiel auch die Trennung von einem Elternteil zählen. Carol hat also gleich mehrere dieser ACIs. In Deutschland sind ungünstige Kindheitserfahrungen ein großes Thema. Es gibt eine Studie mit über 2000 Versuchspersonen und die hat gezeigt, dass 44 Prozent davon mindestens eine ACE erlebt hat.
Ein Fünftel der Teilnehmenden hatte sogar zwei ungünstige Kindheitserfahrungen und neun Prozent hatten mindestens vier. Das Forschungsteam hat sich dem Thema angenommen, weil die Auswirkungen solcher Erlebnisse ziemlich fatal sein können. Jegliche ACIs können nämlich mit späteren psychosozialen Problemen zusammenhängen.
In der deutschen Studie waren das vor allem Angst, Depression, Aggression und eine geringere Lebenszufriedenheit. Ganz allgemein kann man sagen, dass die psychischen Probleme zunehmen, je mehr ACIs ein Mensch als Kind erlebt hat. Dabei ist es vielleicht noch wichtig zu sagen, dass schlimme Erfahrungen in der Kindheit nicht zwangsläufig zu psychischen Problemen führen und dass es eben auch darauf ankommt, welche Erlebnisse das sind.
Eine Scheidung der Eltern können viele Kinder zum Beispiel gut verarbeiten. Carol dagegen ist als Kind aus sich allein gestellt und muss irgendwie schauen, wie sie den Alltag bewältigt. Und das ist so das Alter, wo du dann angefangen hast, auch für die anderen zu kochen. Also das war sozusagen dein Start ins Kochen.
Womit hast du angefangen? Also was hast du da so an so einem normalen Tag gekocht für deine Geschwister? Ja, so einfach Ugali ist immer noch mein Lieblingsgerät. Ugali ist einfach Wasser und Maismehl. Also man muss Wasser aufkochen, Maismehl rein, umrühren ganz schnell und dann fertig. Das ist das Schnellste.
Und da ist auch ein Gericht, was sehr viel in Kenia gegessen wird. Und dann ein bisschen Eier mit Tomaten, sowas, was schnell ist. Das habe ich immer gemacht. Irgendwann, sehr schnell kam dann auch, dass ich Reis machen könnte, Kartoffeln und sowas. Aber jetzt auch teilweise mittags kamen wir von der Schule und müssten was essen.
Da musste ganz schnell gehen. Ugali und Eier hat man innerhalb zehn Minuten fertig und da war keiner zu Hause. Wir haben, da waren Monate, wo es nicht so warm war, wo man Essen mitnehmen kann, könnte. und auch in so einer Plastikdose jetzt keine Kühlung, nichts. Und dann hat man die Stunden gewartet und mittags gegessen.
Aber als es warm war, was sehr oft in Kenia ist, anders als hier in Deutschland. War das Essen schon mittags schlecht und man könnte nichts essen. Das heißt, dann hieß es dann, rennen nach Hause, schnell kochen, essen und dann wieder zur Schule. Wahnsinn. Also ich finde, wenn du das so erzählst, was du alles da schon für Aufgaben übernommen hast, also neben der Schule und neben dem Kind sein, was ja eigentlich noch das Hauptthema sein sollte.
Du schaffst es ja aber trotzdem irgendwie in der Grundschule richtig gut zu sein. Die geht ja in Kenia bis zur achten Klasse und du hast ziemlich gute Noten, bist dann fertig mit dieser Grundschule. Wie soll es dann für dich weitergehen, schulisch gesehen? Ja, ich war, wie du sagst, gut in der Schule.
Und das war von Anfang an klar, dass ich eine gute Schule bekomme. Das ist in Kenia so, dass die Schulen nach Noten gehen. Und ich habe dann eine Schule bekommen, die etwas weiter weg von zu Hause war. Waren, glaube ich, ungefähr 100 Kilometer oder so entfernt von zu Hause. Das war natürlich auch viel Stress für meine Mutter, die auch wusste, dass sie das nicht zahlen kann.
In der Zeit war das auch so, dass Grundschule auch zu zahlen war. Ach so, okay. Und das war schon eine Belastung an sich. Und Grundschule war fast nichts, was wir da bezahlt haben. Man musste natürlich auch alle Bücher und sowas alles selber kaufen. Das heißt, das, Viele haben das auch nicht geschafft, die Grundschule fertig zu machen.
Mittlerweile ist die Grundschule in Kenia kostenlos, aber dann die weiterführende Schule, was jetzt hier die neunte Klasse, dann noch viel teurer, vor allem wenn man ins Internat geht, wo ich war. In Kenia, hier, wenn ich von Internat rede, sage ich, wie jetzt Internat? Aber in Kenia sind die viele, sehr, sehr gute Schulen, ist das Internat.
Und das war ja klar, dass ich auch ins Internat gehe. Aber das Problem war erst mal, dass ihr das Geld dafür gar nicht hattet. Das heißt, du hättest die Qualifikation eigentlich gehabt, zu der Schule zu gehen und hättest dann da in deine Karriere starten können. Aber es war gar kein Geld, dich da hinzuschicken.
Ja, genau. Genau, und da ist er, wo mein Bruder jetzt reinkommt, der hat dann zu diesem Zeitpunkt einen Job bei der Polizei bekommen. Der hat geboxt, alle, mein Bruder, haben irgendwie Sport gemacht und der war ein guter Boxer. Und das ist auch so in Kenia hier, glaube ich auch, da ist diese Talentscouting, wo Leute kommen und gucken, wer am besten spielen kann. Und dadurch ist er dann in die Mannschaft gekommen und hat einen Job bekommen.
Und er hat in Nairobi gewohnt und er musste dann wirklich viele Schulden aufnehmen. Wenn ich mittlerweile darüber nachdenke, da waren ungefähr 300 Euro, die ich für die ersten drei Monate gebraucht habe, um alleine in die Schule reinzukommen. Wir haben, das ist ein Internat, wir haben ein Bettgerüst zur Verfügung gestellt bekommen und da musste man selber eine Matratze mitbringen, Bettzeug, alles was du brauchst, Bücher natürlich.
Deine eigenen Badesachen, musste ich alles, alles, alles mitbringen und dadurch war das dann auch viel besser. Teurer, vor allem das erste Mal. Und diese 300 Euro, der hat damals, glaube ich, ungefähr 60 Euro verdient im Monat. Das heißt, das wären jetzt fünf Monatsgehälter von ihm gewesen, diese 300 Euro. Ja, ja.
Und die hatte er auch nicht. Das heißt, er hat versucht, in Kenia fangen die Schulen im Januar an. Und er hat seinen Urlaub, Jahresurlaub, alles gespeichert. Er war das ganze Jahr nicht in Urlaub gewesen. Dann ist er im November gekommen und hat dann Jobs gemacht, die er eigentlich als Polizist nicht machen dürfte.
Da wird keiner hören jetzt hier in Kenia. Vielleicht nicht ganz so legale Jobs waren. Krumme Geschäfte, sagt man, glaube ich. Ja, die wir auch gemacht haben. Das war jetzt normal für da nur er als Polizist. Ja, verstehe. Aber der musste das machen, damit er für mich dieses Geld zusammenkriegt. Das war anders nicht möglich.
Sein Gehalt, und er hat noch gelebt. Der könnte nicht die ganzen sechs Monate sein Gehalt zur Seite legen, weil in Nairobi musste er noch essen und alles machen, was man halt macht, um zu leben. Wahnsinn. Und dann hatte er innerhalb dieser Zeit wirklich alles zusammen. Und dann mit meiner Hilfe und allen anderen, die da waren. Wir haben alle, ging es nur darum, dass ich in die Schule komme.
Wow. Und ihr habt es geschafft, ne? Ihr habt es geschafft. Und wir haben es geschafft. Und dann an dem Tag, wo jetzt wir angefangen haben, haben wir da gestanden am Tor. Und beide wirklich fast in Tränen. Er hat gesagt, du bist jetzt hier und du kommst in die Schule. Und was auch so toll war für mich, da war entweder eine Matratze, ich weiß jetzt nicht, zwei Inch, entweder so klein oder vier. Ja.
Und er hat gesagt, du kriegst auch eine vier Inch Matratze, die etwas teurer war, damit du besser schlafen kannst. Und so Kleinigkeiten, die mich jetzt auch zum Tränen bringen. Du weißt ganz genau, dass das Geld so knapp ist, Aber dann ist das für ihn wichtig, dass ich besser schlafe. Und dann standen wir da und dann habe ich ihn gefragt, wie kommst du zurück nach Hause?
Davor, als wir in dieser Stadt, Njahururu heißt diese Stadt, als wir da angekommen, sind wir in die Supermarkt gegangen. Und der hat für mich zwei Toilettenpapier, Schuhcreme und Zahnpasta. Mehr könnte er nicht. Das war alles Geld, was er hatte. Ja, der hat wirklich bis zum letzten Cent, was er hatte.
Und du kannst dir vorstellen, das sind drei Monate, die ich in der Schule bleiben musste. Ich hatte zwei Toilettenpapier, eine Zahnpasta und eine Schuhcreme. Aber mehr hatte er nicht. Und dann haben wir da gestanden und ich habe ihn gefragt, wie kommst du jetzt nach Hause? Und er hat gesagt, das Wichtigste ist, dass du jetzt hier bist.
Gott wird irgendwie einen Weg machen für mich. Weil ihr seid ja, glaube ich, mit so einer Art Sammeltaxi hingefahren, was auch Geld kostet und der hatte jetzt nicht mal Geld, um damit wieder zurückzufahren. Ja, genau. Und das waren zwei Euro, die hatte er nicht. Und er geht zurück nach Nairobi und er hat auch kein Geld zum Essen kaufen.
Nichts, nichts. Es ist so für mich so bewegend, das zu hören, weil natürlich 300 Euro sind nicht wenig Geld in Deutschland. Aber wenn man überlegt, was diese 300 Euro dein Leben im Nachhinein verändert haben und hier überlegst du, okay, da kann ich mir zwei Paar Schuhe von kaufen und da hat dieses Geld noch viel, viel mehr Bedeutung für ein Leben, als es hier oft hat.
Das heißt, dein Bruder hat wirklich seinen letzten Cent, wie du gerade gesagt hast, für dich ausgegeben. Und dann seid ihr dann in die Schule reingegangen. Und ich glaube, er hat dir noch die Krawatte gebunden? Ja, er hat die Krawatte gebunden und dann sind wir da reinmarschiert und ins Schulbüro, haben wir dann alles geklärt.
Und dann ist er weggegangen. Und mein Leben im Internat hat dann da angefangen. Wie habt ihr euch voneinander verabschiedet, dein Bruder und du? Puh, da sind Tränen geflossen. Ja, das war ein Moment, was man mit Wörtern nicht fassen kann. Wie gesagt, da war so eine Dankbarkeit, was ich weiß, dass ich nie wieder spüren werde.
Wenn jemand dir sowas ermöglicht, kein anderer... Kann das in meinem Leben das schaffen? Eine Mischung, ich spüre das jetzt, ich spüre diesen Moment jetzt gerade und er ist ganz voller Emotionen. Was glaubst du, warum es David so wichtig war, dass er dir das ermöglicht? Weil er hätte ja auch sagen können, keine Ahnung, ich gebe dir 100 Euro dazu und den Rest musst du selber schaffen, aber er hat sich ja selber aufgegeben, um dich dahin zu bringen.
Warum glaubst du, dass ihm das so wichtig war? Ich glaube, er wusste, dass wenn seine Schwester da im Slum bleibt. Dass als nächstes ein Kind da sein wird, dass er keinen anderen Weg für mich gegeben hätte, da rauszukommen. Und das war für ihn, dadurch, dass er auch selber raus aus dem Slum war, wollte er uns alle da rausholen. ausholen.
Sozialer Aufstieg durch Bildung. Das hört man ja immer wieder, nicht nur aus weit entfernten Ländern, sondern auch hier aus Deutschland. Studien zeigen, dass Bildung als Schlüssel zur Verbesserung von Lebensumständen gilt. Aber der Bildungserfolg ist auch sehr stark von der sozialen Herkunft abhängig.
Kinder wie Karol, die in prekären Verhältnissen aufwachsen, stehen vor sehr großen Herausforderungen, die selten allein durch Bildung überwunden werden können, aber sie spielt eben auch eine sehr große Rolle. Das sagen auch viele Organisationen wie die UNESCO-Ziräume. Bildung macht nicht nur bessere Jobs zugänglich, sondern fördert auch Gesundheitskompetenz, politische Teilhabe und finanzielle Selbstständigkeit.
Kurz gesagt, Bildung ist ein super wichtiger Grundstein für ein selbstbestimmtes Leben. Aber da gehören natürlich noch mehr Dinge dazu. Zum Beispiel ein Zugang zu grundlegender Infrastruktur, sauberem Wasser, Strom und auch Gesundheitsangebote, Geburtsurkunden und gute soziale Netze sind entscheidend, wenn es um soziale Mobilität geht.
Carol hatte großes Glück, dass ihr Bruder alles für ihre Aufstiegschancen getan hat. Das ist jetzt also wirklich ein neues Leben, im wahrsten Sinne des Wortes. Damals, 1994, ein komplett neues Leben. Wie gefällt es dir denn in dem Internat? Das ist ja ganz anders als das, was du von zu Hause kennst. Ja, erstens hatte ich ein eigenes Bett zum ersten Mal, aber auch Struktur, was für mich gut und manchmal sehr schwierig war.
Ich kam aus einer Umgebung, wo keine Regeln waren, keine Struktur. Ich könnte machen, was ich wollte. Keiner hat sich darum gekümmert, wo ich war, was ich gemacht habe, wann ich ins Bett gegangen bin. Was ich in der Schule gemacht habe. Irgendwie war, ja, war für mich, ich musste selber gucken, wie ich klarkomme.
Ich kann mir vorstellen, dass wenn man mit 13 Jahren so eine neue Umgebung ist, dass das auch nicht immer einfach ist. Ich meine, du hast ja wahrscheinlich auch deine Familie sehr vermisst, oder? Nicht wirklich. Und ich habe auch Scham empfunden dafür. Ich habe jetzt mittlerweile viel Therapie gemacht, aber ich war einfach froh, weg zu sein.
Ich habe nicht darüber nachdenken wollen, Wie geht es meiner Schwester, die ganz alleine, die haben jetzt keiner da, der für sie kocht. Ich habe versucht, nicht darüber nachzudenken. Klar, dann kommt ja auch das schlechte Gewissen. Einmal, weil du nicht an sie denken willst und dann, wenn du so doch an sie denkst, ich habe die alleine gelassen, in Anführungsstrichen.
Ja, diese Gefühle. Aber ich habe meine Familie nicht vermisst. Ich wollte in der Schule sein. Das Schlimmste war, auch wenn man nicht glaubt, Philipp, das Schlimmste für mich war Semesterende, dass ich nach Hause musste. Erstens, weil ich nie Geld hatte. Ich musste mit dem Bus oder Sammeltag nach Hause.
Ich hatte nie Geld am Ende. Viele Kinder oder alle Kinder haben Geld zugeschickt bekommen. Ich hatte nie Geld, nach Hause zu fahren. Das war das erste Problem. Das zweite Problem war dieses Gefühl, oh nein, ich gehe wieder nach Hause. Meine Mutter ist wieder betrunken, sie wird wieder schreien. Das war eine Umgebung, die so, wie gesagt, strukturiert war.
Wir haben geregelte Mahlzeiten. Ich habe mir keine Sorgen machen müssen über sowas. Und das war wirklich eine gute Schule. Da war auch eine Laundry, Wäscherei, Luxus pur. Nur, ich konnte auch meine Sachen nicht zur Wäscherei bringen, weil, um die Sachen da zu bringen, musste man mehrere haben. So, du musstest fünf Blusen haben. Ach so, und hattest du ja gar nicht.
Du hattest immer nur eine. Nein, eins. Ich hatte nur, ja, ja. Das heißt, ich musste meine eigenen Sachen immer waschen, Teilweise auch klauen, wenn eine Bluse nicht trocken war. Ich musste immer irgendwie Toilettenpapier von Freunden leihen oder Zahnpasta und ja, so peinliche Sachen. Also ich habe gelesen, dass du auch teilweise so Geschichten dir ausgedacht hast über deine Familie, über deine Mutter zum Beispiel, warum die nicht an den Besuchstagen kommt.
Was hast du denn da erzählt? Ja, das war so, drei Monate war so ein Schulsemester und einmal im Monat war ein Besuchstag. So das erste Mal war das so. Nach drei Wochen war Besuchstag und ich war mir sicher, dass mein Bruder kein Geld hatte, um mich zu besuchen. Und stell dir vor, eine Schule mit ungefähr 500 Kindern. Ab neun Uhr stehen alle Kinder am Tor, Und schreien, wenn die Familie sehen. Die Mutter ist da, die Geschwister sind da.
Die gehen dann ins Feld, da war ein großes Fußballfeld. Die legen so Picknickdecken, die sitzen alle zusammen, die essen. Das Essen war jetzt nicht so toll in der Schule. Und man hat sich total gefreut, wenn Besuchstag da war, weil wir was anderes gekriegt haben. Alleine Pommes. Das Tollste überhaupt. Und die waren kalt und matschig, als sie da hingekommen sind. Aber das war ja egal.
Und die ganze Schule hat danach gerochen. Und ich stand am Tor und habe gewartet. Ich wusste, dass keiner kommt, aber die Hoffnung stirbt, wie gesagt, zuletzt. Und ich habe da gestanden und gestanden. Und ich habe nur andere Kinder angeguckt, wie die Eltern gekommen sind. Und ich habe jetzt Herzklopfen. Ich habe gestanden und gestanden.
Bis 16 Uhr, von 9 bis 16 Uhr. Oh Gott. Da am Tor, ich habe geweint. Ich habe die ganze Sammeltag, die da vorbeigefahren sind, jedes Mal, wenn einen angehalten hat, habe ich gedacht, ich hoffe, dass jemand für mich rausgeht. Ich hoffe, dass jemand für mich. War natürlich keiner. Und ich bin dann ins Esszimmer gegangen und da waren drei Kinder, von 500 Kindern.
An drei Kinder, die dann zum Abendessen gekommen sind. Und wir haben da, ohne dass man geredet hat, einfach unser Essen gegessen. Das war hart. Aber was hast du denn, also hast du den anderen Kindern denn erzählt, dass du so arm bist? Wahrscheinlich nicht, weil du hast ja gesagt, du schämst dich ein bisschen dafür.
Natürlich nicht. Ich könnte immer... Reden und Geschichten erzählen. Und ich habe immer erzählt, ach, meine Mutter ist diese Geschäftsfrau und sie reist immer, deswegen kann sie nicht kommen, weil, jetzt, wenn Besuchstag war, sie ist irgendwo in Tansania und sie macht und tut und ist sehr beschäftigt und ich habe immer Geschichten erzählt und empfunden.
Und irgendwann ist das natürlich so, dass alles nicht zusammenpasst. Wenn meine Mutter dieser super Geschäftsfrau ist, wieso hast du kein Toilettenpapier? Wieso kannst du dir kein Brot leisten? Wir haben morgen zum Beispiel nur Tee, ohne alles, nur Tee bekommen und um elf Uhr auch und jeder hat sich, wenn man Geld hatte, hat sich ein Brot gekauft. Ich könnte nicht.
Die Frau, die die Brote verkauft hat, kannte mich und mittlerweile aus Mitleid hat sie mir Brot gegeben und deswegen haben die Kinder Irgendwann nicht mehr geglaubt, was ich alles erzählt habe. Und wenn die Kinder fragen, ja und wieso und wirklich jedes Mal ist deine Mutter unterwegs. Und ich war vier Jahre im Internat und es kam dann später so, dass meine beste Freundin, dass die Mutter auch gemerkt hat, dass keiner für mich kommt.
Und dann war ich mit der Familie. Die hat ihre Doktor gesagt, sagt deine Freundin, die kann mit uns sitzen. und das war dann meine Familie. Und ich bin mit nach vorne gegangen und die Mutter hat wirklich zwei Sachen eingepackt für mich und für Ruth war meine Freundin. Und das war das Tollste für mich. Ich wusste, jemand kommt für mich und das war wie Familie.
Und dann ist meine Mutter einmal gekommen und ich wollte nicht zu ihr. Sie hat nach Alkohol gerochen und sie. Ich wollte irgendwie nicht, dass meine Freunde sie sieht. Und dann auch Wut. Du warst die ganze Zeit nicht da. Was möchtest du jetzt? Das kann ich verstehen. Du hast gerade gesagt, du warst vier Jahre in dem Internat. Das heißt, mit 17 warst du fertig.
Wie soll es denn dann für dich weitergehen? Was ist der Plan dann? Ja, der Plan ist, mein Bruder war, wie gesagt, noch in Nairobi. Der hatte dann auch eine Familie, ein kleines Kind. Und dann hat er gesagt, du gehst nicht zurück nach Hause, du kommst zu mir nach Nairobi. Und da fing es an, das ist so hier in Deutschland, dass die Kinder anfangen, Führerschein zu machen und so.
Wir machen keinen Führerschein. Wofür? Er hat kein Auto. Ja, so was die Kinder machen, sind Computer-Packets, so dass man Word, Excel, sowas alles lernt. Und dann hat er direkt für mich das bezahlt. Und dann, als die Ergebnisse rausgekommen sind, war das so, dass ich gute Noten hatte, aber nicht genug, um eine staatliche Universität zu tun.
Ah, auch da geht es dann wieder um die Noten, wie bei den weiterführenden Schulen. Das heißt, nur die allerbesten können auf die staatlichen Universitäten gehen. Ja, und ich hatte auch viele Probleme in der Schule, viele psychische Probleme. Ich sage immer, Internat war die beste Zeit meines Lebens, aber natürlich auch mit vielen Problemen verbunden.
Ja, auf jeden Fall waren die Noten nicht genug und dann war die Frage, was möchtest du machen? Und Anwalt oder Jura-Studium kam dann in Frage für mich oder das wollte ich machen. Und wir haben dann ein privates College rausgesucht, nur das war möglich. Und das war extrem teuer, extrem teuer. Und da hat er dann große Darlehen aufgenommen oder Schulden, weil sein Gehalt nicht genug war dafür.
Und dann hat er diese Schule für mich oder College für mich bezahlt und das hieß ja, dass das wirklich am Ende des Monats ein Minus war in seiner Gehaltsabrechnung. Und wir hatten da, ich hatte, glaube ich, nie so wirklich Hunger empfunden in meinem Leben. Zu Hause war das so, da war jetzt nicht das tollste Essen, aber wir hatten immer irgendwie was zu essen.
Aber da war das so, wir hatten wirklich gar kein Geld. Gar kein Geld. Und da bin ich gelaufen von Makongeni bis Paklans, wo meine Uni war, mehr als zehn Kilometer mehr. Ein Weg zehn Kilometer. Ja, ich bin teilweise zwei Stunden gelaufen, weil wir natürlich auch kein Bußgeld hatten. Und nur mit Tee morgens gelaufen bis zur Schule oder bis zur Uni, den ganzen Tag da geblieben und dann abends wieder zurückgelaufen.
Und einmal bin ich umgekippt, weil ich Hunger hatte. Weil du nichts gegessen hast die ganze Zeit. Den ganzen Tag nichts gegessen. Und dann abends erst hatten wir was zu essen. Meistens war das Ugali mit Grundkohl nur, mehr auch nicht. Fleisch, Fehlanzeige. Das heißt, ich habe gelesen, 400 Euro hat das Semester gekostet.
Also nochmal teurer als das Internat, was ja schon eigentlich zu teuer war. Das war extrem teuer. Irgendwann ging es natürlich nicht. Das wäre jetzt meine Frage gewesen. Irgendwann hat das Geld einfach nicht mehr gereicht, die Schulden waren zu groß und du konntest dein Jurastudium nicht abschließen.
Nee, und er könnte auch nicht mehr Geld aufnehmen. Und dann haben wir darüber gesprochen und das war so, dass wir gesagt haben, okay, da kannst du jetzt mit dem, was du schon hast, einen Job suchen. Und ich hatte einen Professor, mit dem ich mich sehr gut verstanden habe. Dann hatte er eine Stelle für mich an der Küste.
Gefunden. Und ich bin dann sehr schnell dahin gegangen oder jetzt an die Küste gezogen. Das war, wenn ich das richtig in Erinnerung habe, in Mombasa, also an der kenianischen Küste. Das ist, glaube ich, nochmal ein ganz anderes Leben als in Nairobi, oder? Ja, ja. Da habe ich dann wieder, ich habe alleine gewohnt.
Jetzt eine Gegend, was nicht so toll war, aber das war egal. Das war für mich nicht so ein Problem. Aber da kommt natürlich auch die Einsamkeit. Zum Glück habe ich eine Cousine, die auch an der Küste lebt. Die wohnt aber nicht direkt in Mombasa, sondern in Diani. Da bin ich immer am Wochenende zu denen gegangen. Sie ist mit dem Deutschen verheiratet. Ah.
Ja, oder der ist mittlerweile verstorben. Aber da war ich immer am Wochenende bei dem Horst. Das war also sozusagen dein erster kleiner Kontakt in Richtung Deutschland, der Horst. Und wenn ich das richtig verstanden habe, ist der ein leidenschaftlicher Hobbykoch und hat auch für euch gekocht und du hast da, glaube ich, das erste Mal deutsches Essen probiert. Weißt du? Barkraut, Haxe und Kartoffeln. Wirklich? Ja.
In Kenia. Das ist mein lieblings Gericht noch geblieben. Wirklich? Heute immer noch, ja. Das war, Horst hat immer gerne gekocht und er hat. Alleine gekocht. Der wollte nie, dass jemand in die Küche reinkommt. Aber mit mir hat er gekocht. Und das war irgendwie eine Ehre. Du lebst dann einige Zeit dort in Mombasa, findest da auch einen neuen Job in so einer Apartmentvermietung und verdienst ganz gut Geld.
Und an dem Wochenende fährst du dann meistens mit einem von diesen Sammeltaxis zu deiner Cousine und zu Horst. Und auf einer deiner Fahrten hält dann das Schicksal eine ganz besondere Begegnung für dich bereit. Vielleicht kannst du das mal erzählen, weil die hat ja nun auch dein Leben verändert auf eine gewisse Art und Weise. Ja, das auf jeden Fall.
Ich war in diesem Matatu und da waren zwei Leute vor mir, ein weißer Mann und Kenianer. Und der Kenianer hat die ganze Zeit gesprochen. Der hat in der Natur gesprochen. Der hat versucht, wie es für alle so ist, die versuchen alles zu verkaufen. Ach, okay. Ja, und er hat versucht zu verkaufen, irgendwie ein Safari oder Muscheln oder eine Kette und irgendwann könnte ich nicht mehr. Es war einfach zu viel.
Und der Mzungu ist ein weißer in Kenia, ist ein weißer Mann, der Begriff Mzungu. Irgendwann habe ich ihm gesagt, kannst du bitte die Klappe halten und diesem Sungu in Ruhe lassen? Der war auch genervt. Man hat gemerkt, er hat nur, nein, brauche ich nicht, nein, nein. Und irgendwann hat er gesagt, ja, ich brauche keine Kette, ich habe keine Frau, nein, nein, nein, nein, nein.
Ja, und dann als ich das gesagt habe, hat er sich umgedreht, hat zu mir geguckt. Und dann wieder nach vorne. Und irgendwann dachte ich, der steigt aus. Dann ist er zu mir nach hinten gekommen. Und ja, dann haben wir angefangen, uns zu unterhalten. Und er hatte noch eine Woche in Kenia. Noch, der war zwei Wochen, glaube ich, in Urlaub. Und die eine Woche haben wir zusammen verbracht, sozusagen. Das ist ja, das ist doch wie im Film.
Im Sammeltag sie kennengelernt und dann da verliebt. Also wir können jetzt mal ein bisschen vorspulen. Die eine Woche seht ihr euch die ganze Zeit, hast du gerade gesagt. Und er kommt dann relativ schnell dich wieder besuchen. Und irgendwann, ich glaube Oktober 2005, hast du ihn dann das erste Mal in Deutschland besucht.
Also vor fast 20 Jahren in Schermbeck im Münsterland. Also jetzt auch nicht unbedingt, wo ich sagen würde, das ist Metropole Deutschland, sondern schon eher ländlich. Ja, sehr, sehr ländlich. Weißt du noch, was so dein allererster Eindruck ist, als du nach Deutschland kommst? Erstmal Autobahn. Ich habe gedacht, in Deutschland fliegen die Autos.
Die fahren nicht, die fliegen. Das war so schnell, so schnell. Und dann, wir sind in die Wohnung reingegangen und dann musste er auch schnell wieder arbeiten. Der hat seinen Urlaub natürlich alle weg, nachdem er kurzer Zeit wieder nach Kenia gekommen ist. Und ich war alleine zu Hause. Das heißt, die Zeit war wirklich sehr einsam.
Ich hatte gedacht, wie so in Kenia ist. Ich koche gerne, ich werde meinen Nachbarn einladen, dann kochen wir zusammen und so. Das ist dieser Vibe, was ich hatte, die Türen offen sehen. Ich habe meinen Nachbarn, ich glaube, drei, zwei, drei Wochen nicht gesehen. Ich wusste nicht, wer der Nachbar war. Und ich habe gedacht, mein Gott, da ist aber auch.
Dann bin ich auch viel gelaufen, weil ich in der Wohnung nicht die ganze Zeit bleiben könnte. Das war Oktober. Ich habe gesehen, die Sonne scheint. Dann bin ich rausgegangen. Ich bin nur mit so Spaghetti-Tops gekommen. Irgendwie auch Ignoranz. Ich weiß es nicht. Ich wusste nicht, dass es in Deutschland so kalt ist.
Ja, wahrscheinlich aus deiner Perspektive ist das sehr, sehr kalt. Und du hast dann gedacht, Sonne scheint, da kann ich ja im Spaghetti-Top rausgehen. Genau, und dann bin ich rausgegangen und ich habe gedacht, oh mein Gott, irgendjemand schneidet mein Gesicht mit dem Rasierklingel, so kalt weiß mir. Dann bin ich wieder reingegangen oder ich bin so, Gegen 10 Uhr rausgegangen, nicht sehr schwer angezogen und dann irgendwann zurück, weil ich viele Kilometer gelaufen bin.
Und dann war es so kalt abends. Das ist der erste Eindruck, kalt. Und auch die Menschen, ich fand die Menschen ein bisschen kalt. Das war alles sehr kalt. Das wäre jetzt meine Frage gewesen, weil ich komme ja aus Ostwestfalen und Ostwestfalen-Münsterland, das ist nah beieinander. und die Menschen sind sich auch nicht ganz unähnlich. Das sind jetzt nicht die.
Fröhlichsten Menschen unbedingt auf den ersten Blick und das sind auch nicht welche, die dich sofort ins Herz schließen. Also von Anfang an, es dauert ein bisschen. Ich glaube, wenn du dann im Herz bist, bist du wirklich im Herz. Das ist der Vorteil davon. Aber die sind jetzt nicht so wie Rheinländer, dass die sagen, hallo und setz dich zu mir und so. Und wie heißt du denn? Gar nicht.
Wie war das für dich? Weil du bist ja das komplette Gegenteil. Du strahlst ja Freude und Fröhlichkeit aus. Das passt ja eigentlich erstmal gar nicht zusammen. Nee, und das war auch so. Teilweise sehr fröhlich und so Hallo gesagt. Und dann kriegt ihr nur irgendwas gesagt, was ich auch nicht verstanden habe.
Und dann fängt man an, sich zu fragen, was ist denn los? Habe ich irgendwas falsch gesagt? Und das war jetzt nicht, ich habe nicht gedacht, die Menschen sind, ich habe gedacht, irgendwas ist nicht in Ordnung mit mir. Warum habe ich irgendwas falsch gesagt? Das war meine Gedanke die ganze Zeit. Ich habe irgendwas falsch gesagt.
Und dann war das so, dass ich irgendwann nicht aus dem Haus wollte, weil ich gedacht habe, die Menschen hier irgendwas, mache ich hier falsch. Ich grüße, teilweise kommt nichts zurück und ich hatte auch Nachbarn, die, wenn ich Müll rausgebracht habe, haben dann kontrolliert, ob ich es richtig gemacht habe.
Das ist so das Deutscheste, was man machen kann. Ja, ja. Und ja, sehr, sehr einsam. Aber das heißt, das klingt ja schon so ein bisschen an, du hast da schon allererste Erfahrung mit Rassismus auch machen müssen, weil sie haben natürlich geguckt, das ist die schwarze Frau, die kann wahrscheinlich den Müll nicht richtig sortieren. Ja, genau.
Philipp, ich sage dir, ich könnte nichts falsch machen. Mein Mann damals hat erklärt, der hat sogar aufgeschrieben alles, was gelb ist, wo was reingeht und ich könnte, der hat sogar hinter der Tür gesagt, Diese ganze Liste, ich glaube, damit beim Rausgehen, dass ich nicht vergesse, wo Kartons und Papier reingehen.
Oh Gott, das ist auch wieder sehr, sehr, sehr deutsch. Ja. Das sind ja so deine ersten Wochen dann in Deutschland. Kannst du dir zu dem Zeitpunkt vorstellen, in dieses kalte Land zu ziehen? Nein. Ich weiß noch, ich habe meine Freundin angerufen, heulend. Meine beste Freundin, die immer noch meine beste Freundin ist.
Ich habe gesagt, Junis, ich kann hier in diesem Land nicht bleiben. Ich kann es nicht. Das ist so kalt alles jetzt, von Menschen her, Temperatur, alles sehr. Ich lache gerne, ich bin gerne mit Menschen, ich sehe keinen. Und ich könnte damals auch nicht so viel telefonieren wie heutzutage mit WhatsApp und so.
Das war auch gucken, dass das nicht zehn Minuten, mehr als zehn Minuten sind. Da war es extrem teuer. Das heißt, ich hatte keinen zum Reden. Ich habe nur CNN geguckt, wenn ich nicht am Sport machen war. Ich habe Sport gemacht wie verrückt. Ich habe ihr gesagt, ich kann es nicht. Ich kann es nicht. Ich möchte nach Hause.
Und das war nach sechs Wochen. Das war natürlich auch sehr aufregend. Das ist jetzt nicht nur das Schlechte, sondern auch die... Ey, ich bin in Deutschland. Es ist eine Sache, die ich mir im Leben nie hätte vorstellen können. Weil wenn wir gehört haben, dass jemand im Ausland ist, war das jemand, der studiert hat.
Leute, die reich waren, das hatte mit reichen Menschen zu tun. Das heißt, ich könnte, oder auch andere jetzt Frauen, die mit weißen Männern waren, was auch nicht so positiv angesehen war. Auch in Kenia, nicht? In Kenia, vor allem in Madjango, da im Islam, wo ich groß geworden bin, war natürlich auch so, wegen Armut und so, sind viele Frauen rausgegangen und haben nach Möglichkeiten gesucht. Ja, verstehe.
Möglichkeiten hieß ja auch an der Küste, nach Möglichkeiten mit weißen Männern. Und wenn man mit einem weißen Mann zusammen war, war das nicht als positiv angesehen. Okay. Das war für mich dann eine Mischung der Gefühle, wie gehe ich damit rum? Aber trotzdem, obwohl du dich am Anfang so unwohl fühlst, ich glaube Mai 2006 ziehst du dann ganz fest zu deinem Partner, zu deinem damaligen Partner nach Deutschland und dann bist du richtig in Deutschland.
Nicht mehr nur zu Besuch, sondern so richtig mit Heiratsvisum und willst dann da auch irgendwie vor Ort Fuß fassen und arbeiten und so. Und das ist, glaube ich, da wird es dann schwierig. Ja, das ging alles sehr, sehr schnell, wie du auch merkst. Wir haben uns im Juni kennengelernt, im Oktober war ich hier, im nächsten Jahr, ohne dass wir uns wirklich auch gut kennengelernt haben, war das mit Heiraten.
Ich bin im Mai gekommen, Mitte Mai, Anfang Juni war das das perfekte Jahr, 2006 musste dann an dem Tag geheiratet werden. Dann haben wir auch geheiratet, sehr, sehr schnell alles. Und dann kam dann die Realität, Okay, ich habe einen Führerschein, ich darf damit nicht fahren. Das heißt, als erstes musste ich wieder oder nochmal einen Führerschein.
Machen. So, die Sprache kann ich nicht, da ist natürlich eine große Barriere für mich. Ich habe keine Familie, keine Freunde, keine Sprache, kein Führerschein, kein Studium, kein Job, nichts. Und dann einen Job suchen, was kannst du denn ohne Sprache? Nicht viel. Ja, dann habe ich nach zwei Wochen, habe ich ihm gesagt, entweder habe ich einen Job oder ich fliege zurück nach Hause.
Und dann haben wir angefangen, eine Zeitung zu suchen, da war ein Job, in der Küche zu spülen. Und da habe ich angefangen. In einem Restaurant? In einem Restaurant, ja. In der Hoffnung, dass ich auch die Sprache, und dann habe ich auch sehr schnell mit der Sprache angefangen. Nach Wesel bin ich immer jeden Tag gefahren, um dort zu lernen.
Und auch sehr schnell dann gelernt, wenn es um Fleißarbeit geht, kann ich. Das war sehr, sehr fleißig. Oder auch, ich wollte mich mit Menschen unterhalten können. Das war, wenn man in der Küche arbeitet und da werden Witze erzählt und alle lachen. Und ich stehe da und ich weiß nicht, was die gesagt haben. Ich könnte damit nicht so gut umgehen.
Und deswegen hatte ich dann irgendwann, ich weiß, das war irgendwie August oder so, habe ich gesagt, ab jetzt. Es ist nichts mehr mit Englisch. Ich habe nur noch Deutsch. Deutsche Fernseher, Deutsch, alles, alles Deutsch. Und dann hatte meine Lehrerin mir gesagt, Karol, die Maria. Maria hat mir gesagt, Karol, versuch mal alles zu lesen, was du siehst. Alles.
Das heißt, ich bin durch Schärmpe gegangen, Rewe, Supermarkt, Bäckerei. Ich habe alles gelesen, alle Schilder. Ich habe alles und dann laut lesen. Nicht nur, damit du deine Stimme auch hörst. Du musst immer laut lesen. Ich habe alles gelesen. Und innerhalb einem Jahr hatte ich wirklich alles so Native Speaker Level.
Ja, dass du alles verstehen kannst und dass du dich auch verständigen kannst sozusagen. Also dein kenianischer Führerschein ist nicht anerkannt, dein kenianisches Studium ist nicht anerkannt. Also du musst praktisch in Deutschland nochmal ganz von vorne anfangen und dich wirklich von unten, von der Tellerwäscherin sozusagen hocharbeiten.
Und machst dann, glaube ich, weil ja dein Studium nicht anerkannt war, entscheidest du dich, eine neue Ausbildung zu machen. Das fällt ja dann auch mit privaten Veränderungen zusammen. Also dein damaliger Partner und du, ihr habt euch getrennt nach anderthalb Jahren. Genau, ja. Und du sagst, okay, ich mache jetzt nochmal eine Ausbildung und zwar jetzt nicht irgendwie was Juristisches, was du schon mal was gemacht hast, sondern was ganz anderes, nämlich Köchin.
Warum Köchin? Kochen habe ich immer gerne gemacht. Am Anfang nicht so gerne, ich musste es, aber irgendwann auch wegen Horst und so, das ist zu einer Leidenschaft geworden. Und auch als ich Teller gewaschen habe, war das immer so, das war getrennt, die Spülküche und die Küche und ich habe immer schnell, schnell gespült.
Dann bin ich reingegangen, um zu gucken, was die da in der Küche machen. Damals habe ich meinen Chef gefragt, der später mein Schwiegervater geworden ist, habe ich gefragt. Kann ich, wenn ich jetzt nicht hier spülen muss, kann ich einen Tag oder so immer hier reinkommen, um zu gucken, wie ihr arbeitet, ohne dass ich Geld dafür bekomme. Einfach nur lernen.
Dann hat er gesagt, ja, kein Problem. Dann war ich einmal da, beim zweiten Mal habe ich schon Geld bekommen, weil ich nicht nur gestanden habe, ich habe mitgearbeitet. Und ich habe dann auch ganz schnell angefangen zu kellnern, weil die Sprache sehr schnell besser wurde. Und ich habe dann fast drei Jahre noch gekellnert und in der Küche noch ein bisschen geholfen. Ich habe alles gemacht.
Und dann, als meine Tochter zur Welt kam 2009, habe ich gedacht, das kann nicht das Leben sein, dass ich nur jetzt Kellner, ich muss irgendwas Festes haben. Und die Entscheidung als Köchin war ganz schnell getroffen. Das war einfach. Und das ist ja nicht nur, dass du da einen neuen Job findest oder eine neue Berufung ist es bei dir, glaube ich, ist nicht nur der Beruf, sondern auch die Berufung.
Sondern du lernst eben auch Stefan kennen, den Sohn des Restaurantinhabers. Und ihr verliebt euch ineinander bei der Arbeit. Ich sage immer noch, das war der... Erster Mensch, wo ich das Gefühl hatte, wir sind gleich. Das ist ein Mensch, der mich als gleicher Mensch sieht. Wir waren befreundet, für eine längere Zeit befreundet. Und ich könnte mit ihm über alles reden.
So Dinge, die ich vorher keinem erzählt hatte. Das war unglaublich intensiv. Der war am Anfang nicht da, der hat seine Ausbildung als Hotelfachmann erstmal gemacht und dann ist er später dann gekommen, als ich schon da ein paar Monate war. Ich war noch verheiratet, wir waren Freunde, aber wirklich nur Freunde und wir haben dann eine schöne Zeit zusammen gehabt, einfach nur quatschen.
Wir haben teilweise, die Gäste waren um 11 Uhr oder 23 Uhr abends weg und wir haben bis 5 Uhr morgens da gesessen, aber dann nur geredet. Und es war auch so in meiner ersten Ehe, dass ich keine Zeit hatte für die Beziehung. Ich war mit so vielen anderen Dingen beschäftigt, erst mal hier anzukommen. Und ja, es war schwierig.
Und wir sind wirklich auch befreundet auseinandergegangen. Wir wohnen immer noch in Schermbeck. Wir sehen uns immer noch. Das war klar, dass es einfach nicht mehr funktionieren könnte. Und ja, und dann beim Stefan war das ganz schnell schön. Ihr habt ja dann auch 2009 eine Tochter bekommen und zwei Jahre später einen Sohn. Und du kommst ja selber aus einer sehr großen Familie.
Wie wichtig war dir das selbst, Kinder zu bekommen? Wahrscheinlich sehr wichtig, oder? Sehr wichtig. Ich wusste von klein an, dass ich Kinder haben wollte. Und das war mir auch wichtig. und ich möchte jetzt nicht von meinem ersten Ex-Mann schlecht reden, es war mir wichtig, dieses Gefühl zu haben, mit dem, Mann, möchte ich Kinder haben? Verstehe. Und ich war mit Stefan zusammen und nach zwei Wochen war es mir klar, mit ihm kann ich mir alles vorstellen, sogar Kinder haben.
Und dann hat er auch genau so, wie bei mir gesagt, mit dir kann ich ja alles vorstellen und dann war das klar, ja. Jetzt sind deine beiden Kinder oder wachsen deine beiden Kinder ja ganz anders auf, als du aufgewachsen bist. Wie ist das für dich, das Zuwissen, dass du denen ja vielleicht auch was ganz anderes bieten kannst, als du selber damals hattest?
Das ist das schönste Gefühl, Philipp. Es ist natürlich, und durch viel Therapie mittlerweile habe ich vieles gelernt. Alleine, dass ich deren Probleme als Probleme zu erkennen. Weil es ist, wenn du mir sagst, dass, oh, mein Schultonista ist so schwer und sie kommt aus dem Auto raus, sie geht in den Schulbus rein.
Ich bin, weiß ich nicht, wie viele Kilometer gefahren, um erklärt zu kriegen, wie man einen Schultonista trägt. Ich habe einen Schuldner für, weiß ich nicht wie viele, hundert Euro gekauft. Alleine diese Dinge zu erkennen als Probleme, das musste ich erst mal lernen. Und es ist wie Tag und Nacht. Ich kann viele Dinge nicht vergleichen.
Aber ich habe letztens, mein Sohn spielt Basketball und ich habe letztens ein Basketball für ihn gekauft. Das ist das schönste Gefühl. Für meinen Sohn, für meine Kinder, was zu machen. Alleine eine Umarmung für meine Kinder, von meinen Kindern, das hatte ich nie. Das hatte ich nie. Dieses Gefühl von Liebe, dass ich für diese zwei Menschen alles machen kann. Alles.
Nicht nur, weil ich als Mutter jetzt muss, aber weil ich möchte. Ich möchte deren Träume ermöglichen. Ich möchte da sein. Und was auch total schön ist, ist zu sehen, dass meine Kinder mich nicht nur lieben, sondern auch mögen. Die möchten Zeit mit mir verbringen. Ja, dafür lebe ich, glaube ich. Ich hätte nie im Leben gedacht, dass man diese Art von Liebe spüren kann.
Ich wusste nicht, dass das möglich ist. Man merkt das gerade in jedem Wort, jedem Video. Du strahlst das so aus, das ist ganz, ganz toll, das zu hören. Es verändert sich ja nicht nur privat bei dir durch deine beiden Kinder einiges, sondern Stefan und du, ihr Gründe 2016, ein eigenes Restaurant. Und habt da, glaube ich, am Anfang eher deutsch gekocht, oder?
Ja, ja, nicht ganz deutsch. Das war so, dass da, wo die Eltern ein Restaurant haben, nicht so weit weg von hier, wo ich jetzt bin. Ja. Und wir wollten natürlich auch die Gäste mitnehmen, weil das war jetzt ein neues Restaurant. Aber das ist das, was die Gäste kannten und wir wollten das auch anbieten.
Aber das war auch so, dass mein Herz auch für die afrikanische Küche schlägt. Ich habe die deutsche Küche, ich kannte das, ich habe die Ausbildung gemacht. Ja, und dann haben wir so angefangen, 70 Prozent Deutsch, dass man noch einen Schnitzel bekommen könnte, Medaillons und sowas, aber dann auch afrikanisch.
Das Restaurant selber ist auch sehr, wenn man reinkommt, sieht man, dass das afrikanisch ist. Wir haben die Einrichtung, ich bin extra nach Kenia geflogen, haben alles gekauft. In meinem Kopf wusste ich ganz genau, wo und wie mein Restaurant aussehen wird. Und dann irgendwann…, haben wir gemerkt, dass manche Gäste enttäuscht sind, weil die kommen hier rein, die erwarten afrikanische und afrikanische Küche.
Und dadurch habe ich angefangen, ein bisschen mehr, dann war irgendwann 50-50 und dann war irgendwann 70 afrikanisch, 30. Und die Entscheidung irgendwann kam durch unsere Zahlen, dass die afrikanische Küche mehr läuft als die deutsche Küche. Damit bist du ja so ein bisschen Kulturbotschafterin sozusagen.
Kenianische Kulturbotschafterin im Münsterland. Also du bringst den Leuten was aus deiner Heimat mit und zeigst denen was aus deiner Heimat. Was bedeutet dir das, dass du so ein Stück Kenia nach Deutschland bringen kannst? Total wichtig. Ich weiß, dass das auch ein bisschen so eine Verantwortung, was ich habe mit afrikanischer Community.
Einfach die Küche, die jetzt nicht so bekannt ist, zu präsentieren, dass die Leute nicht nur kennenlernen, sondern auch lieben. Und das kommt durch, klar, gut kochen, das kann ich, glaube ich, aber auch Gefühle zu transportieren. Ich habe immer gedacht, ich möchte Menschen nicht nur satt kriegen, sondern auch glücklich machen.
Und das hatte ich einmal, mein Bruder hat gerne gebrickdance, als Brickdance zu ihm war. Es gab einmal, wo er beim Kochen immer so getanzt. Und ich habe so eine Freude empfunden, dass ich gedacht habe, boah, das Essen kann auch glücklich machen, dass man mit Freude genießt und die Seele ist dann auch damit gefüttert.
Und so wollte ich auch machen, dass die Menschen wirklich durch Singen, Tanzen, diese Freude transportieren, dass die Menschen wirklich essen. Satt werden können, Und dann auch glücklich nach Hause gehen. Das strahlst du eigentlich aus. Ich finde, das merkt man auch, wenn man sich die YouTube-Videos von dir anguckt, wenn man sich dein Instagram-Profil anschaut. Du strahlst das so sehr aus.
Und ja, du bist schon, würde ich sagen, eine Frau mit sehr großer Ausstrahlung. Das, was du machst, da wirfst du dich rein. Ob das jetzt das Muttersein ist oder das Köchensein oder auch das Sein als schwarze Frau. Oder ja, Botschafterin, so haben wir es gerade ein bisschen genannt. Und bin ich auch so genannt worden von einem Sterne-Koch, der bei mir hier war.
Der hat gesagt, du bist eine gute Burschafterin der afrikanischen Küche. Ja, das ist ein sehr, sehr großes Kompliment. Gibt es auch Menschen, die dich blöd finden für deine Hautfarbe und für das, für was du stehst? Ja, klar, das gibt es immer. Angefangen auch, wenn manche Leute kommen. Mittlerweile etwas weniger, aber das war am Anfang so, dass manchmal jemand hier reingekommen ist, hat gefragt, ich möchte mit dem Chef reden.
Dann bin ich aus der Küche rausgeholt worden. Ich kam nach vorne und haben gesagt, nee, wir möchten mit dem Chef reden. Und dann hat die Kellnerin oder der Kellner gesagt, das ist sie. Nee, und dann sind die, die haben sich umgedreht und sind gegangen. Das habe ich erlebt. Oder dann auch mit dem N-Wort, dass jemand hier fragt, was gibt es denn hier in der afrikanischen Küche? Das N-Wort am Spieß.
Quatsch. Ja, ja, ja. Während du dabei warst? Ja, ja, ja. Boah, ja. Ja, das gab es alles. Aber dann habe ich trotzdem so viele, viele nette Menschen. Dass für mich, auch wenn das manchmal stört, ich konzentriere mich nicht auf diese blöde, ja, ich wollte jetzt. Nein, ein Wort sagen. Kann sich jetzt jeder denken.
Ich verstehe, was du meinst. Das heißt also, die Menschen im Münsterland, wenn man sie ein bisschen besser kennt, sind die eigentlich doch gut, ne? Ja, ich habe natürlich auch hier Schützenfest mitgefeiert und dann gut feiert und dann wird schnell und Stefan jetzt als Schermbecker, der hier geboren ist, hat natürlich viele andere Kontakte zu den Menschen und ich bin ganz schnell dann wieder in Schermbeck reingekommen, ganz, ganz schnell.
Und dann auch Freunde und Bekannte und wenn man schnappt, zusammen trinkt und mittlerweile trinke ich nicht mehr, aber damals war das wirklich so, dass das irgendwie verbindet und man fühlt sich auch zu Hause. Ich bin wirklich in Schermbeck zu Hause. Was würdest du jemandem, der jetzt neu nach Deutschland kommt, der vielleicht in einer ähnlichen Position ist wie du vor ungefähr 20 Jahren.
Kann man dem oder derjenigen einen Rat geben, wie man besser hier ankommt? Boah, ja, viele Dinge. Ich finde, für jemanden wie mich, ich habe jemanden gehabt, der mir viele Dinge erklärt hat, gezeigt hat, aber für jemanden, der alleine ist zum Beispiel, die Leute, die zum Studieren hier kommen, die haben es wirklich schwer.
Und das Problem ist, dass viele Leute. Kein Verständnis für haben, dass wir diese Dinge nicht kennen. In Kenia Mülltrennung zum Beispiel. Das kennen wir nicht. Oder dass der Bus nicht überall anhält. Das heißt, viel Information würde ich sagen, dass man wirklich die Leute, die schon da sind, und mittlerweile ist das so, es gibt Podcasts, es gibt viel Information, dass man sich mit diesen Sachen vorher auseinandersetzt.
Sonst ist das Leben wirklich schwer hier, wenn man neu ist und eine Community sucht. Das ist auch wichtig, dass man andere Menschen sucht, mit denen man, auch wenn man deutsche Freunde hat, trotzdem, dass man andere Menschen, die diese Dinge auch vielleicht erlebt haben, dass die mit dir reden können und dir erzählen können.
Ich habe ein Buch gelesen von einer Frau, die auch aus Kenia kommt und die hat über Immigration und ihre Probleme geschrieben. Und am Anfang, als ich das Buch genommen habe, habe ich gesagt, ja, das ist gut für weiße Menschen, dass sie wissen, wie es uns geht. Und dann habe ich gelesen und habe gedacht, nee.
Genau das ist mir passiert, wie einsam wir alle sind, wie schwer es ist, Freunde zu finden. Solche Bücher zu lesen, dass man sieht, alleine zu sehen, ich bin nicht verrückt. Das ist wirklich ein Problem, was ich jetzt gerade hier erlebe. Jetzt hast du vor einiger Zeit eine Entscheidung getroffen, nochmal was an deinem Leben zu verändern.
Also zum einen, vielleicht das nochmal der Vollständigkeit halber, Stefan und du, ihr habt euch vor, glaube ich, fünf Jahren getrennt, aber du trennst dich oder ihr trennt euch jetzt auch von dem Restaurant. Das wirst du schließen. Warum machst du das? Ich glaube, zehn Jahre lang habt ihr das jetzt geführt. Ja, das wird nächstes Jahr, wenn ich schließe, werden das zehn Jahre.
Wie gesagt, das war ein Traum von zwei Menschen, die wirklich dafür gebrennt haben. Wir haben er als Hotelfachmann, ich als Köchin, das war das beste Team für Gastronomie. Und dann war das wirklich so, dass es am Anfang, das ist jetzt nicht nur der Grund, aber am Anfang so viel zu tun hatten wir und es ist schnell so, dass wir irgendwann nur über die Arbeit geredet haben und die Beziehung ist dann irgendwann auseinandergegangen.
Und dann war das auch irgendwann so, dass wir, wir haben ein bisschen noch zusammengearbeitet, auch getrennt und dann ging es nicht mehr und dann arbeitet jetzt woanders, weil das Restaurant in meinem Namen ist. Dann führe ich jetzt alleine seit einiger Zeit, fast vier Jahre mittlerweile. Und das ist viel Arbeit.
Für mich alleine, auch wenn ich wirklich das liebe, was ich tue. Und ich liebe das Kochen. Ich sage immer, Kochen ist für mich wie Malen für einen Maler. Da komme ich in den Flow. Ich kann mir nicht vorstellen, ich kann mir ein Leben ohne Kochen nicht vorstellen. Aber dann, Dann musste ich mich fragen, ich bin 45 geworden und ich habe mich gefragt, ist das so, wie es im Moment ist, mit so viel Arbeit, kann ich mir das noch die nächsten 30 Jahre vorstellen?
Und mein Körper, mein System, mein Kopf, mein Herz, alle haben Nein gesagt. Irgendwas möchte ich ändern. Und ich habe das Gefühl, ich habe diese Art von Gastronomie oder Kochen alles gegeben, was ich zu geben hatte. Und ich möchte meine Energie noch haben, weiterhin. Aber so glaube ich nicht, dass ich dieser Energiepegel halten kann.
Und deswegen werde ich schließen. Weißt du denn schon, was danach für dich kommt? Nein. Ich sage immer, ich habe genug Matratzen geschaffen auf dem Boden, dass ich nicht jetzt so tief fallen kann, falls ein Fall kommt. Was ich irgendwie nicht glaube. Ich habe schon vieles gelernt. Zur Not kann ich immer noch als Köchin arbeiten irgendwo, was ich nicht möchte.
Aber weißt du, es ist nicht, dass ich bei null arbeite. Bin. Und ich bin so ein Mensch, ich bin so groß geworden, dass das Leben weitergeht. Immer. Egal wie. Auch jetzt mit der Schule, dass das Geld da war. Irgendwie geht es weiter. Irgendwie. Und das glaube ich ganz fest dran, dass das irgendwie, dieses Glauben, wie ich als Kind, ich hatte dieses Glauben, dass ich aus dem Slum rauskomme, das ist genau, das hat nicht nachgelassen.
Ich glaube immer noch fest, dass ein besseres Leben für mich kommt. Das ist toll, diesen Optimismus immer zu haben und zu wissen, es stimmt ja auch, irgendwie geht es immer weiter. Das heißt, jeden Tag geht irgendwann zu Ende, egal ob es gut oder schlecht ist. Und der nächste Tag bringt was Neuem damit und es ist eine Chance wieder was zu machen, was Besseres und ich glaube, dass das Beste noch kommt für mich.
Das ist eigentlich das perfekte Schlusswort, aber wir sind noch nicht ganz fertig, denn ich stelle ja in meinem Podcast immer zwei Abschlussfragen, nämlich wenn du heute auf diesen einen Moment zurückblickst, also diesen Moment, wo du da vor dieser Schule stehst, vor diesem Internat, welches Gefühl löst das in dir aus?
Ich glaube, jetzt ist das Dankbarkeit. Ich habe Herzklopfen, wo ich jetzt drüber rede. Das ist ein ewiges Gefühl der Dankbarkeit. Und wie war das für dich heute mit mir über diesen einen Moment und viele weitere Momente in deinem ja sehr aufregenden Leben zu sprechen? Das sind Achterbahn-Gefühle. Für mich auch.
Natürlich teilweise jetzt so Tränen unter Drucken. Aber auch schön. Du bist ein super guter Zuhörer. Und ich habe das Gefühl, dass du alles fühlst, was ich dir erzähle. Und das ist schön, mit jemandem zu reden, obwohl du mich nicht kennst, aber trotzdem zu sehen, der versteht mich. Weil das ist nicht immer selbstverständlich.
Es war schön, mit dir zu reden. Dankeschön. Was für ein tolles Kompliment. Kann ich nur zurückgeben. Es hat mir sehr großen Spaß gemacht. Danke für das Gespräch. Sehr, sehr gerne und danke für diese tolle Einladung, Philipp. Okay, Leute, das war wirklich eine krasse Lebensgeschichte. Ich bin immer noch total beeindruckt von Carols Stärke, von ihrem Willen und gleichzeitig auch von ihrer entspannten Einstellung zum Leben.
Sie strahlt im Gespräch so eine Wärme und so einen Humor aus und das ist nach dem, was ihr passiert ist, sehr, sehr beeindruckend. Das Schöne an diesen Gesprächen ist für mich immer, dass ich daraus ganz viel mitnehmen kann und das ist auch dieses Mal wieder so. Ich habe mir jetzt vorgenommen nach diesem Gespräch mit Karol, dass ich häufiger einfach mal zu mir selbst sage, irgendwie geht es immer weiter.
Und wenn das einer glaubhaft vermitteln kann, dann Karol, deshalb vielen Dank für dieses Gespräch. Ich habe es ja am Anfang der Folge schon gesagt, wenn ihr noch mehr von dieser einen Moment wollt, dann gibt es ab jetzt die Möglichkeit dazu, bei Podimo in der Podimo App gibt es zu einigen Folgen einen Bonus-Teil zu hören, in dem wir dann noch tiefer in ein bestimmtes Thema einsteigen.
Unter go.podimo.com könnt ihr die Podimo-App kostenlos testen. Da gibt es neben allen gängigen Podcasts wie diesem hier auch viele exklusive Formate und eine große Auswahl an Hörbüchern, die es so nur dort gibt. Die Infos dazu findet ihr auch nochmal in den Shownotes zum Nachlesen. In zwei Wochen geht es dann hier weiter mit der Geschichte von Christina.
Christina hat einen Moment erlebt, an den wir uns wahrscheinlich alle noch erinnern können. Die meisten von uns zum Glück nur aus den Medien. Aber Christina war leider hautnah dabei. Es geht um die Hochwasserkatastrophe im Ahrtal, die im Juli 2021 ganz Deutschland erschüttert hat. 135 Menschen sind in dieser einen Nacht gestorben, in der auch Christinas Leben und das ihres kleinen Sohnes in sehr ernsthafte Gefahr geraten ist.
Ich freue mich sehr, wenn ihr uns auch in dieser Folge zuhören möchtet. Bis dahin, ihr wisst doch Bescheid, schreibt gerne eine Bewertung und lasst auf jeden Fall, falls ihr es nicht gemacht habt, schon mal ein Abo da. Wir hören uns. Tschüss. Dieser eine Moment, der Podcast mit Philipp Fleiter, ist eine Produktion von Philipp Fleiter und WeMind im Auftrag von Podimo.
Redaktion Philipp Fleiter, Leila Keuthage und WeMind. Sound, Design und Schnitt Marius Fuchtmann für WeMind.