
Dieser eine Moment – Der Podcast mit Philipp Fleiter· Staffel 2· Folge 42
"Zwischen Millionen-Exit, ADHS und Mafia-Drohungen" mit Randolf Jorberg
Montag, 23. März 2026 · 1 h 32
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Shownotes
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Randolf Jorberg erlebt in den frühen Tagen des Internets einen kometenhaften Aufstieg: Mit gulli.com gründet er eines der größten deutschsprachigen Internetforen und verkauft es später für einen siebenstelligen Betrag. Was folgt, ist ein radikaler Neuanfang in Kapstadt, wo er mit dem „Beerhouse“ eine neue Existenz aufbaut. Doch sein Leben nimmt eine dramatische Wendung, als er sich öffentlich gegen die südafrikanische Schutzgeldmafia stellt – zwei seiner Mitarbeiter werden getötet, und auch er selbst gerät ins Visier.
Mitten in dieser Zeit fällt 2023 ein Satz, der alles verändert: „Vielleicht hast du ja auch ADHS.“ Kurz darauf erhält Randolf die Diagnose – und beginnt, sein Leben neu zu verstehen.
In dieser Folge spricht Randolf darüber, wie diese Erkenntnis rückblickend vieles erklärt: seinen Drang, Dinge groß zu denken, seine Risikobereitschaft und seinen Hyperfokus. Und darüber, warum er heute konsequent Gelb trägt.
Ihr findet Randolf auf instagram und anderen sozialen Medien @yellowrandolf
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Dieser Podcast ist eine Produktion von Philipp Fleiter und WeMynd.
Neue Folgen alle 14 Tage montags - überall wo es Podcasts gibt.
Redaktion: Philipp Fleiter und Laila Keuthage | Produktion: WeMynd
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Direkt im Bermuda-Dreieck Bochum über dem Café Konkret war dann erst das Büro und später auch unsere Riesen-WG, wo ich dann mit sechs Leuten zusammengewohnt habe, häufig erst zu Mittag im Schlafanzug auch noch ins Büro gestolpert bin und da den Mitarbeitern Hallo gesagt habe. Und sechs Wochen, nachdem die Idee entstand, hatten wir eine Umsatzmillion.
Manchmal sind es nur ganz kurze Momente, die ein Leben komplett verändern können. Ein Augenblick, eine Entscheidung, ein Ereignis, ein Wimpernschlag und danach ist alles anders. Ich bin Philipp Leiter und ich treffe in diesem Podcast Menschen, um mit Ihnen genau über diesen einen Moment zu sprechen, der Ihr Leben für immer verändert hat.
Als ich das erste Mal über die Geschichte von meinem heutigen Gast gelesen habe, dachte ich, okay, der scheint ein bisschen verrückt zu sein. Aber nachdem ich länger darüber nachgedacht habe, habe ich gedacht, ich denke, der ist vor allem ziemlich mutig und denkt die Dinge nicht kaputt, so wie ich das ganz oft mache, sondern macht einfach, worauf er Bock hat.
Heute ist bei mir Randolf Jorberg zu Besuch. Er ist komplett in Gelb gekleidet, sogar sein Bart ist gelb gefärbt und, Lebensgeschichte im Gepäck, in der es ganz viele Momente gibt, die eigentlich einen eigenen Podcast wert wären. Und das, obwohl er gerade mal 44 Jahre alt ist. Von Ärger mit der Mafia über kurz entschlossene Firmengründung bis hin zum Thema ADHS ist in dieser Geschichte alles dabei.
Und deshalb freue ich mich sehr auf das Gespräch mit Randolf und hoffe, ihr findet sein Leben genauso spannend wie ich. Hallo Randolf. Hi Philipp. Wir sprechen heute über einen Moment vom 24. Februar 2023, also von vor drei Jahren. Du bist damals 41, sitzt mit Freunden zusammen und eine Freundin sagt einen Satz zu dir, der für dich alles verändert.
Welcher Satz ist das? Ja, Randolf, vielleicht passiert dir sowas in deinem Leben, weil du auch ADHS hast. Und das war für mich überraschend, weil ich kannte ADHSler, ich wusste, dass der Mann dieser Freundin ADHS hat, aber weder wusste ich, dass sie es hatte, noch, dass ich es haben könnte. Und das war so ein, wie bitte was?
Ich, ich bin noch nicht so der hyperaktive Zappelphilip-Typ, wieso sollte ich ADHS haben? Und dann war erstmal die Frage, wieso hat sie es denn? Und sie konnte mir nur sagen und warum haben die anderen im Raum, ist laut ihrer Aussage auch und wir waren bei einer kleinen Hausparty, wir waren vier, fünf Leute, es war spät in der Nacht und in Wirklichkeit war mir gar nicht nach Party zumute, weil ich hatte wenige Tage davor eine Firma verloren.
Die war einfach von der Bank liquidiert worden und ich hatte die Immobilie, die dieser Firma gehörte, eine Gewerbeimmobilie verloren aufgrund von. Sau dummen Fehlern, die überhaupt nicht hätten passieren müssen. Da hat mir einfach das Admin-Monster, wie ich es nenne, mal wieder einen Streich gespielt und ich war in dem Moment gerade einfach niedergeschlagen, verwundbar, aber auch offen zu erfahren, was mit mir denn anders ist, dass mir regelmäßig solche dummen Fehler passieren, die sich einfach teuer aufaddiert haben.
In meiner gesamten Lebenszeit. Und ich konnte auch jetzt seit diesem einen Moment sagen und feststellen, dass die Unternehmung von mir, wo ich erfolgreich war, wo wir erfolgreich waren, das waren immer Firmen, wo ich zufälligerweise oder scheinbar zufälligerweise sehr frühe Mitarbeiter hatte, die... Unbewusst meine Schwächen ausbalanciert haben und mich einfach gut ergänzt haben.
Das heißt, viele Dinge aus deiner Vergangenheit ergeben dann durch diese Erkenntnis plötzlich Sinn. Vielleicht schauen wir uns mal so ein bisschen an dein Leben bis dahin. Fang von vorne an. Du wirst im Ruhrgebiet geboren, wächst dort auf bis zu deinem sechsten Lebensjahr und dann ziehst du mit deiner Mutter nach Eckernförde.
Wie ist das damals für dich, mit sechs nach Eckernförde zu ziehen? Ich glaube, am Anfang war das schön hier. So, das ist ein hübsches Küstenörtchen. Ich bin hier anfangs auf die Waldorfschule gegangen. Da erlebst du eine schöne Klassengemeinschaft. Und es war sicherlich ein gutes Stück weit heile Welt.
Nur irgendwann, so in meinen frühen Teenagerjahren, habe ich irgendwie mitbekommen, unbewusst auf alle Fälle, dass ich nicht so ganz hier reinpasse. Und ich habe so meine kleinen Fluchten gesucht, meine kleinen Auswege. Und ich wurde sicherlich nicht zum konstruktivsten Mitarbeiter in der Schule. Und habe dann irgendwann außerschulisch mir Interessensgebiete gesucht.
Und das war erst politisches Engagement, so in der Punk- und hinter Antifa-Szene, Dann aber auch relativ bald wurde ich, ja, inspiriert durch einen US-Aufenthalt, wurde ich sehr aktiv im Internet, was damals ja noch in den absoluten Anfangsstunden war. Lass uns mal zurückgehen an den Punkt, da bist du so ungefähr zwölf und in deiner Region passiert etwas, was dich politisiert, was auch dein Leben verändert, was dich Teil einer neuen Gruppe werden lässt.
Erzähl mal darüber. Also damals, ich glaube das war 1993, gab es ja so eine bundesweite Nazi-Bewegung, dass auf einmal Rostock, Hoyerswerda, also Asylbewerberheimer brannten und auch hier im kleinen Eckernförde wurde ein Punker angegriffen, schwer am Kopf verletzt und lag dann auf der Intensivstation.
Ungefähr um die Zeit herum kamen die Ärzte mit dem Song Schrei nach Liebe heraus. Und das war für mich auch ein Song, der mich ganz stark geprägt hat. Dieser Song hat mich politisch gemacht, weil dieser Songtext, wo so eindeutig gesagt wird, dass diese Nazis, diese brutalen Menschenhasser in Wirklichkeit doch eigentlich auch nur Liebe suchen, also aus missverstandener Liebe zu Gewalttätern werden oder fehlender Liebe.
Und für mich war aber trotzdem klar, dass dem entschieden entgegengetreten werden muss, dann kam ich halt relativ schnell in die lokale Antifa und das wurde dann bis Gulli überhand nahm, wurde für mich so zu dem Fokus, zu dem der Faszination, weil dort etwas anderes passierte, dort wurde ein gesellschaftlicher Gegenentwurf zum Mainstream, der mir halt nie intuitiv Sinn zu machen schießt, Also die gesamte Gesellschaft, die ich immer beobachtet habe.
Machte für mich nie Sinn. Und eine Alternative zu entwickeln, eine alternative gesellschaftliche Vision, in der neue Dinge ausprobiert werden, war für mich immer wichtig. Logisch, dass wir es probieren müssten und Antifa war das naheliegendste, was ich einfach finden konnte, weil die Gegenseite, also eine angstbasierte Hass-Szenario der Nazis war natürlich falsch.
Darüber hinaus, also jetzt über das Politische hinaus, was gibt es dir denn damals Teil dieser Gruppe zu sein? Das hat ja wahrscheinlich auch was mit Zugehörigkeitsgefühl zu tun, oder? Ja, auch Zugehörigkeitsgefühl in einem Nicht-Verstanden-Werden durch die Gesellschaft. Also, dass ich mich halt schon auch vor dieser Politisierung irgendwie nicht komplett als Teil der Gesellschaft, wie ich sie damals als junger Bub praktisch wahrgenommen habe, das war irgendwie klar und da habe ich einen Lichtblick gesehen.
Auch heute, also ich würde definitiv nicht mehr Antifa in dem Sinne machen wollen, weil auch da ich heute zu viele Elemente von, also gegen etwas sein erlebe und ich heute lieber für Dinge bin, also Positives hervorhebe und nach vorne bringe. Aber ja, damals war das für mich die einzige Alternative, die ich gesehen habe.
Bin auf alle Fälle froh, dass ich diesen Weg auch damals gesehen habe. Absolut. Jetzt kommt 1996 eine neue Leidenschaft dazu. Du bist 15 und dein Vater reist mit dir in die USA zu einer Gastfamilie in der Nähe von New York. Und diese Gastfamilie hat etwas, was du von zu Hause ja gar nicht kennst oder nicht zu Hause hast.
Was ist das, was dich da so fasziniert? Ja, also bis zu dieser Reise in die USA kannte ich das Internet nur aus Printmagazinen. Also damals waren im Fokus und im Spiegel, die wir häufiger genannt haben, Ja, im Haus hatten und waren, war häufig über das Internet die Rede. Und damals in diesem Sommer gab es auch die sogenannten Chaos-Tage in Hannover, die ich nie in Person erlebt habe, aber die ich dann am Internet-Computer meiner Gasteltern, mein Vater hatte mich nämlich nach zwei Tagen bei denen allein gelassen.
Da in dem Keller schaffte ich es, die Telefonleitung der Gasteltern natürlich die ganze Zeit zu belegen. Das sind ja ganz faszinierende Zeiten. Internet in den Kinderschuhen und überhaupt noch gar nicht so verbreitet. Also ich kann mich auch dunkel daran erinnern, dass ich irgendwann, glaube ich, mal in einer Stadtbibliothek bei uns auf dem Dorf so einen Einführungskurs in Suchmaschinenbedienung gemacht habe.
Also es war wirklich Neuland für uns. Dann kommst du nach Eckernförde zurück und möchtest halt auch gern so einen Computer haben und irgendwie in dieses Internet gehen, aber da musst du erstmal das Geld für zusammenkratzen, weil ein Computer steht bei euch zu Hause noch nicht. Richtig, genau. Also meine Eltern sind Lehrer.
Da war sowas damals überhaupt nicht üblich. Ich hatte aber einen Job im lokalen Hagebaumarkt. Da war ich sozusagen der Müllbeauftragte und habe die Plastik- und Papiermüll recycelt. Und ja, war in der Lage, von dem Geld, was ich da nach der Schule gemacht habe. Meinen ersten Computer zu bezahlen, also beziehungsweise ein Drittel des Computers.
Und die zwei anderen Drittel haben dann meine Eltern sich aufgeteilt. Und dann stand dann ein Gateway 2000 Computer mit Monitor am Ende bei mir im Kinderzimmer. Meine Mutter hat zum Glück die ersten Monatsrechnungen der Telefonrechnung bezahlt, weil die wurde relativ schnell, relativ teuer. Und ich musste dann, weil damals hat man ja noch, ich glaube, 15 Pfennig tagsüber, 9 Pfennig nach 9 Uhr und dann ab 2 Uhr nachts wurde es richtig günstig mit 3 Pfennig.
Das musste ich dann aber, glaube ich, auch nach ein paar Monaten selber bezahlen und dann wurde ich auch zur absoluten Nachteule. Und ja, es passiert auch, dass ich dann ausgezogen bin in eine Antifa-WG und es war dann halt wirklich so diese Zeit, dass ich in der Zeit angefangen habe, nicht nur zu surfen, sondern auch erste Websites zu bauen, erste Suchmaschinenoptimierungserfahrungen zu machen und dann eben diese Gully-Seite zu bauen, die Ende 98 live ging.
Innerhalb von wenigen Wochen viral ging und auf einmal anfing, ohne dass ich es je geplant hätte, mir auch, meinen Lebensunterhalt zu finanzieren. Vielleicht mal für die jüngeren ZuhörerInnen. Das Internet und auch das Ganze drumherum war ja damals noch komplett anders. Vielleicht kannst du das mal ganz kurz erklären. Man musste sich da mit so einem Modem einwählen und Geld dafür bezahlen für jede einzelne Minute. Auch das weiß ich noch.
Nicht so lange ins Internet, das ist teuer. Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. Ja, absolut. Also ja, es lief über die reguläre Telefonleitung, Leitung, das Modem wählte sich so ein. Ja, und dann lud man da mit einer unglaublich langsamen Geschwindigkeit einzelne Bilder runter, dass man zusehen konnte, wie so ein Bild Schritt für Schritt, Pixelreihe für Pixelreihe runtergeladen wurde.
Ich habe jetzt letztens mal bei meiner Mutter Glasfaser installiert und ich habe ausgerechnet, dass der Internetzugang, den sie heute dort hat, zweieinhalb tausend Mal so schnell ist, wie mein erster Internetzugang, den ich damals in der gleichen Stelle installiert habe. So, und das ist natürlich... Ja, ein unglaublicher Fortschritt, den wir erlebt haben seitdem und auch jegliche Dinge, an die wir uns heute gewöhnt haben.
Und ich muss gar nicht mit AI anfangen, sondern einfach nur Social Networks und ähnliches gab es damals nicht. Damals gab es Usenet-Gruppen, in denen die Vorläufer von Social Media passierten, in denen Online-Diskussionen stattfanden. Es gab eben tausende kleine Webseiten, die alle ihre Nische bedient haben.
Aber es gab nicht diese Giganten, die Facebooks, Metas. Ja, TikToks dieser Welt, auf denen sich dann Milliarden an Nutzern tummeln, sondern es war so, dass sich das alles in kleinen Gruppen, kleinen Foren und so weiter sammelte. Und da war dann relativ schnell, wurde Gulli einer der Pioniere im deutschsprachigen Raum, weil ich erst mit einer redaktionellen Seite anfing, wo ich Downloads angeboten habe und dann aber relativ schnell...
Und festgestellt habe, ich baue mal so ein kleines Forum, weil es gab Vorbilder in den USA, wo ich das gesehen habe. Und vielleicht auch unbewusst, um mein Englisch ein bisschen zu verbessern, war ich dann auf einmal halt dabei, eine deutschsprachige Seite zu bauen, die so ein Best-of der von verschiedenen englischsprachigen Seiten aufbaute, die ich so auf meinen Ausflügen im Internet gefunden habe.
Vielleicht muss ich hier an der Stelle kurz mal erklären, was Gulli überhaupt ist. 1998 gründet Randolf als 16-Jähriger die Internetseite Gulli.com. Das ist damals so eine Art Internetforum oder Webportal, in dem Themen wie raubkopierte Software, IT-Sicherheit, Datenschutz, File-Sharing und Anonymität im Netz diskutiert werden.
Also alles rund um das damals noch ziemlich junge Internet. Und was als kleine Szene startet, wächst dann um das Jahr 2000 herum zu einem richtig populären Nachrichtenportal mit riesigem Forum. Wer treibt sich denn damals so auf gulli.com rum? Was sind das für Leute, die da unterwegs sind? Tja, das ist eine gute Frage. Damals hätte ich gesagt, ja das sind halt alles so Nerds und Computerhacker und so weiter.
Und jetzt in der Retrospektive würde ich sagen, dass ganz, ganz, ganz viele von uns neurodivers waren, also dass ganz viele. Autisten und undiagnostizierte ADHSler damals sich schon in der Community getroffen haben. Weil wir eben schon immer diese Menschen waren, die glaube ich viel schneller sind, Neues zu erkunden und zu testen und auch Fehler zu machen und uns korrigieren zu müssen.
Aber einfach diese Beweglichkeit, die wir haben, dass wir andauernd scannen und gucken und ausprobieren und uns für irgendwas faszinieren, irgendwas wieder vergessen und in das nächste Thema einarbeiten, das ist natürlich auch dienlich, um viel schneller sich neue Technologien anzueignen und dann auch mitzugestalten.
Ich finde das einen ganz wichtigen Punkt, den du gerade ansprichst, weil bei all den Diskussionen, die wir jetzt gerade führen mit künstlicher Intelligenz, mit den negativen Seiten von sozialen Netzwerken, mit Fake News, in den Anfangsjahren hat das Internet vielen Menschen eine Heimat gegeben, die in der normalen Gesellschaft eben nicht so akzeptiert worden sind, hat Möglichkeiten gegeben, sich auszutauschen.
Also für mich damals, als schwuler Junge vom Dorf, war das Internet ein totales Informationsmedium. Ich hätte gar nicht gewusst, das waren ja Sachen, die konnte ich niemanden fragen, das habe ich im Internet alles rausgefunden. Also das darf man eben heute auch nicht vergessen, was für eine Rolle das gespielt hat.
Ich würde gerne nochmal auf Gulli eingehen. Es wird ja richtig groß in kurzer Zeit und dann kommt der Moment, wo du auf einmal merkst, oh da kann ich ja mit Geld verdienen. Vielleicht kannst du das nochmal kurz erzählen. Ja, das wurde mir praktisch aufgezwungen. Wie gesagt, da schrieb mich nach ein paar Wochen einen Walter Völl an und sagte, hey.
Wenn du dieses Banner auf deiner Seite einbaust, kriegst du 30 Pfennig pro Klick. Und da ich ja gerne Dinge ausprobiere, habe ich das natürlich ausprobiert. Und nach ein paar Tagen waren dann irgendwie 40 Mark auf der Statistik. Dann habe ich irgendwie Auszahlung angefordert geklickt. Und auf einmal hatte ich Geld auf meinem Konto.
Noch ein paar Tage oder Wochen später waren es auf einmal 150, dann 450 Mark. Und auf einmal hatte ich nebenbei mehr Geld auf meinem Konto durch diese kleine Webseite, die ich gestartet habe, als durch meinen Job, wo ich als Schüler, keine Ahnung, 15 Wochenstunden im Baumarkt gearbeitet habe. Und das eine war natürlich ein Job mit Vorgesetzten und so.
Und das andere war mein Hobby. Ich wurde dafür etwas bezahlt, was ich freiwillig aus Spaß an der Freude begonnen habe. Und auf einmal konnte ich Geld damit verdienen. Das war natürlich für mich absolut faszinierend und hat mich weiter motiviert und hat damit meine gesamte Zukunft natürlich verändert, weil bis dahin hatte ich glaube ich so im Hinterkopf den groben Karriereplan Dauerstudent zu werden und irgendwie Jura 15 Semester zu studieren.
Ohne dass ich mir je überlegt habe, dass ich dafür vielleicht auch einen guten Numerus Clausus und Abiabschnitt brauche. Aber das war einfach so. Eine komplett neue Welt, die sich mir eröffnet hat. Ich habe gelesen, dass du in den letzten Jahren oder am Ende deiner Schulzeit teilweise mehr Geld verdient hast als deine Lehrer.
Haben denn deine Mitschüler und Lehrer überhaupt verstanden, was du da machst in deinem Kinderzimmer am Computer? Nein, verstanden hat das die zwei in der Klasse, die dann auch irgendwie Internet hatten. Die haben das, glaube ich, ein bisschen verstanden. Die waren aber, der eine war so in der Aktienwelt unterwegs und der andere eher so in der Gamer-Welt.
Das war etwas, wo ich absolut in meiner Online-Bubble war, wo ich keinen in meinem persönlichen Freundeskreis hatte, die damit irgendwas anfangen konnten. Auch als irgendwann oder relativ schnell sogar eine erste Abmahnung kam, die meine Mutter dann an meine Mutter gerichtet war, war die natürlich total überfordert.
Was soll denn da sein? Und da die zum Glück damals nicht kostenpflichtig war, sondern einfach im Endeffekt nur ein Warnbrief, gab es daraus auch keine Konsequenzen. Und ich habe ihr versprochen, das kommt nie wieder vor und habe seitdem alles viel anonymer gemacht, mich da ein bisschen fit gemacht und ja, dann diese Seite erst mal anonym betrieben, bis ich dann 2002 gesagt habe, ich habe keinen Bock auf Versteckspiel und die Seite komplett legalisiert habe und ab dem Zeitpunkt mit meinem Namen im Impressum stand.
Aber zu dem Zeitpunkt hatte ich ja dann auch schon Mitarbeiter und war nach dem Abi einfach, ja, in einem ... Zurück nach Bochum gezogen und hatte da dann auch mit Mitarbeitern aus der Community angefangen, bewusst eine richtige Firma aufzubauen. Genau, du wolltest nämlich eigentlich nach dem Abi in die USA, hast dann aber gemerkt, dass die Willkommenskultur, wie du die kennst, eben nach dem 11.
September nicht mehr ganz so vorhanden war und dann ist es Bochum geworden. Warum Bochum? Ist ja also Kalifornien, Bochum, ich könnte mir jetzt nichts vorstellen, was weiter auseinander ist. Es war wirklich so, Kalifornien war auf einmal überhaupt nicht mehr welcoming und ich musste eine Alternative zu den USA finden, evaluierte dann, ob ich Berlin, Hamburg oder Bochum, wo eben mein Vater und auch ein zukünftiger Mitarbeiter saßen und aus diesem Grund habe ich dann Bochum gewählt, weil da sozusagen ein ganz bisschen an persönlichen Bekannten schon war.
Da dann direkt im Bermuda-Dreieck Bochum über dem Café Konkret, was wahrscheinlich relativ viele im Ruhrgebiet kennen, direkt da drüber war dann erst das Büro und später auch unsere Riesen-WG, wo ich dann mit sechs Leuten zusammengewohnt habe, häufig erst zum Mittag im mehr oder weniger Schlafanzug auch noch ins Büro gestolpert bin, da es ja im gleichen Treppenhaus lag.
Und da den Mitarbeitern Hallo gesagt habe. Ja, und das war auch abenteuerlich, weil da fand natürlich auf einmal ein Partyleben auch statt und dadurch fand ich auch relativ schnell einen Freundeskreis, der sich durch das Leben in diesem kleinen Dreieck exzessives Leben und viel Alkohol auszeichnete. Auf der anderen Seite natürlich ein hochintensives Geschäftsmodell, wo jeden Tag neue Krisenherde zu lösen, löschen waren.
Wir regelmäßig mit Abmahnungen und andere juristische Themen konfrontiert waren. Und ich auch in der Lage war, neben der Gulli-Seite andere Seiten aufzubauen, die mit krasser Suchmaschinenoptimierung teilweise unglaubliche Lücken im System ausnutzen konnten. Also dass wir es teilweise geschafft haben auf irgendeiner ollen Domain, die irgendwo rumlag.
Ein paar Doorway-Pages aufzubauen und innerhalb von fünf Tagen schoss die Seite dann von null auf 300.000 Besucher am Tag. Also zu dem Zeitpunkt war es dann auch so, dass Gully gar nicht die Haupteinnahmequelle war, sondern das war immer noch so mehr Hobby, als dass es ernst war und auf einmal wurde in ganz anderen Bereichen sehr viel Geld verdient.
Gleichzeitig merkst du ja aber auch, dass du nicht in Deutschland unbedingt bleiben willst langfristig, schaust dir irgendwie verschiedene Orte auf der Welt an und landest dann schließlich in Südafrika, in Kapstadt. Warum Kapstadt? Was hat sich da für dich so nach zu Hause angefühlt, dass du sagst, hier bleibe ich jetzt erstmal?
Ja, nach einigen Jahren in Bochum habe ich festgestellt, dass die Menschen dort tolle Freunde sind, aber irgendwie es mir trotz alledem auch langweilig wird. Und so wie die Freunde dort jede Woche die gleichen fünf Läden besuchen wollen, nicht bereit sind, mal irgendwie Vorschläge von mir zu irgendwelchen Ausflügen in andere Städte oder so mitzukommen, war es für mich irgendwo immer klar, da draußen ist eine spannende Welt, ich muss sie kennenlernen.
Andere dann Geschäftsfreunde hatten so eine Art Zweitwohnsitz auf Mallorca. Da war ich dann zwei, dreimal, fand es aber sterbenslangweilig nach drei Tagen. Und genauso wie ich irgendwie bei einem, also als ich mal so spontan alleine irgendwie einen Ausflug nach Dubai gebucht habe, ich nach drei Tagen mich nur gelangweilt habe und gedacht habe, hier geht ja gar nichts.
Was machen denn die Leute hier? Wieso sind die fasziniert von so einer Art Pauschalurlaub? Für mich muss das irgendwo immer aufregend, spannendes sein. Ja, Excitement sein. Irgendwann war mir dann klar, ich suche einen zweiten Wohnsitz. Der muss vier Kriterien erfüllen. Er muss besseres Wetter haben.
Er muss am Meer sein, weil das Meer, an dem ich in Eckernförde groß geworden bin, das fehlte mir. Eine große Stadt in einer ähnlichen Zeitzone, damit ich das Business weiter betreiben kann und englisch oder deutschsprachig, weil ich definitiv kein Sprachentalent habe und ich einfach mir in harter Arbeit Englisch erarbeitet habe und ich auch wusste, ich möchte die Muttersprache der Menschen vor Ort sprechen und nicht irgendwo in einer deutschen Community auf Mallorca oder sonst wo abhängen.
So kam es dann durch Zufälle, dass ich nach Kapstadt ging für einen normalen Urlaub. Die ersten drei Tage habe ich im Ländlichen bei Freunden meiner Familie verbracht, um dann am vierten Tag nach Kapstadt zu ziehen. Und ich hatte irgendwo von dieser Longstreet gehört, dieser Partystraße. Auf die Partystraße ging ich dann natürlich am ersten Abend an dem ersten Abend wurde sofort klar, ich habe mein Zuhause gefunden die Menschen, die Offenheit der Menschen die Freundlichkeit, das Lächeln.
Auch natürlich die Party und der Exzess, den ich dort erlebt habe, das alles war für mich eigentlich vom ersten Moment ein Ankommen. Die Diversität der Leute, dass dort alle Kulturen, zumindest an diesem einen Ort, alle Kulturen zusammen gefeiert haben, das war für mich so Liebe auf den ersten Blick zu diesem Land, diesem Ort, der Lebensqualität dort, weil ich habe bis heute auf meinen weltweiten Reisen nicht einen Ort gefunden, der an einem Ort, in einem Umfeld von anderthalb Stunden Fahrzeit alle Möglichkeiten der Freizeitgestaltung außer Wintersport anbietet.
Damals, 2007, war sofort klar, ich habe mein zweites Zuhause gefunden. Ich fing dann sofort an, die Hälfte meiner Zeit dort zu verbringen, auch in gewisser Art und Weise mein aufgeschobenes Leben nachzuholen. Weil trotz eines Freundeskreises in Bochum hatte ich doch in den neun Jahren, die ich Gully aufgebaut habe, eben nur online gelebt.
Und ich glaube, ganz große Teile meiner emotionalen Entwicklung einfach vernachlässigt, weil wenn du in der Online-Welt auf einmal der Leader, der Founder. Der Guru für die Leute bist, dann ist es natürlich sehr leicht zu vernachlässigen, dass es auch noch ein Leben über diese Online-Welt hinaus gibt.
Ich hatte vor der Gründung von Gulli als Teenie eine normale, nette Beziehung gehabt, in den neun Jahren als Gulli, aber nicht eine einzige. Und erst kurz vor dem Verkauf fand ich dann damals noch in Deutschland meine zweite Beziehung. So ging es dann irgendwann weiter. Wir sind dann auch zusammen nach Kapstadt gezogen für zwei Saisons, glaube ich.
Und ja, dann fing ich erst, glaube ich, wirklich an, mich emotional weiterzuentwickeln. Ein neues Leben, ein neuer Lebensabschnitt, ein ganz anderes Leben als das, was du davor geführt hast. Dazu gehört ja auch, dass du Gulli verkauft hast 2008. Das war ja dein Baby. Wie hat sich das angefühlt, das zu verkaufen?
Ich meine, der Preis war, glaube ich, ganz gut, aber trotzdem ist das natürlich auch ein Abschnitt, der da irgendwie endet. Das ist richtig. Also das Angebot, Gulli zu verkaufen, kam aus heiterem Himmel. Da hat mich auf ICQ damals, die Älteren erinnern sich, ja. Hat mich ein entfernter Geschäftsbekannter angeschrieben und gefragt, willst du Gulli verkaufen?
Und innerhalb von 30 Minuten hat er mir eine Summe genannt, wo ich wusste, dass so eine Gelegenheit wird nicht allzu häufig wiederkommen. Gleichzeitig war das Timing davon auch so passend da ich einfach in den Monaten davor, mehrere Momente erlebt habe, wo ich mir eingestehen musste dass ich mit meinem technischen, aber auch unternehmerischen Wissen am Ende der Entwicklung angelangt bin also ich hatte versucht, technische Plattformen unter der Gulli-Marke, aufzubauen und zu skalieren aber ich musste einfach feststellen, dieses Wachstum auf diesem komplexen, unternehmerischen Level, was ich damit betrat, war nicht mehr, ja, war außerhalb meines Kompetenzbereichs.
Und es war möglich, das zu machen. Diese Gulli-Marke hatte das Potenzial. Aber nicht ich persönlich. Und deswegen kam mir dann einfach der Zeitpunkt sehr gelegen, um zu sagen, okay, ich mache hier einen Cut. Ich nehme auch das Geld, was mir angeboten wird. Aber ich gestehe mir auch ein, dass ich für die zukünftigen Aufgaben und das zukünftige Potenzial von Gulli, was der Käufer und ich uns relativ einig zu sein schienen, das werde ich jetzt nicht mehr selber entwickeln können, sondern das macht jetzt jemand anders.
Aus dieser Art, die Geschichten zu erzählen, ergaben sich dann auch sofort wieder die nächsten Unternehmungen, die sofort 2008 im August, September durch die Decke gingen. Also keine sieben Monate, nachdem ich Gulli verkauft hatte. Da waren einige Sachen dabei, die ich sogar noch kannte. 3G-Store zum Beispiel.
Das war damals der erste Ort in Deutschland, wo man iPhones bekommen konnte außerhalb von dem Telekom-Monopol. Kommunikations, genau, stimmt, auch das wissen die jüngeren Leute ja gar nicht mehr, man konnte damals nur über die Telekom ein iPhone bekommen, anders ging das nicht oder eben über den 3G-Store, das heißt du bist dann in Südafrika, hast dein Unternehmen kurz vorher verkauft für eine siebenstellige Summe, ich glaube das darf man sagen.
Bist da als Unternehmer unterwegs, machst eine Branchenparty für die Online-Marketing-Szene, also du brennst schon wieder richtig für ganz viele Sachen gleichzeitig. Richtig. Also nachdem dann wir 2008 zum ersten Mal diese Party veranstaltet haben, habe ich relativ schnell festgestellt, dass einmal im Jahr die Branche betrunken zu machen, mir viel mehr Spaß machte als...
Regelmäßig weitere Suchmaschinen-Optimierungstricks zu lernen und anzuwenden und dieses Katze-und-Maus-Spiel weiterzutreiben, in dem halt immer mehr Leute das jetzt auch machten. Es wurde halt zu einer Industrie, in dem man im Endeffekt nur noch Handwerk machen musste. Das Improvisierte, das Innovative fiel immer weiter zurück und es wurde immer mehr Handwerk.
Und gleichzeitig habe ich festgestellt, Menschen zusammenzubringen und in diesen Zustand zu bringen, dass sie miteinander agieren auf einer Plattform, in einem Safe Space, den ich vorbereitet habe, das ist das, was mir wirklich liegt. Das ist meine Mission im Leben. Egal, ob es bei Gulli eine Online-Community war, wo die Menschen für das eine kommen, aber für die Community bleiben oder ob es ein Networking-Event ist, wo ich einfach ein unglaubliches Gefühl von Glück empfinde, wenn irgendwann um nachts um eins das Troubleshooting kommt.
Aufhört, eigentlich alles erstmal läuft und ich einfach nur diese elektrisierende Stimmung im Raum aufnehmen kann, aufsaugen kann, die Energie der Leute, die eine gute Zeit haben, die auf einmal ihre Arbeitskollegen oder Geschäftspartner von einer menschlichen Seite kennenlernen, die feststellen, dass echte Connection viel wichtiger ist als der reine Business-Deal.
Das ist einfach für mich der Golden Moment, wo ich einfach jedes Mal sagen kann, wenn ich in einen Raum komme und das ist mein Raum und in diesem Raum knüpfen die Menschen ihre Verbindungen, das ist für mich einfach das Gefühl von echter Erfüllung. Und das führt jetzt wieder zu einem neuen beruflichen Neustart.
Du gehst nämlich in die Gastronomie. 2013 eröffnest du in Kapstadt das Bierhaus, also ein Craft-Bier-Lokal, wo man sehr, sehr viele verschiedene Sorten Bier probieren kann. Und jetzt könnte man sagen, Randolfs Geschichte endet hier mit einem Happy End. Er lebt glücklich und zufrieden in der Sonne von Kapstadt und uns schenkt Bier aus.
Aber schon am Tag nach der Eröffnung vom Bierhaus bekommst du Besuch. Wer kommt dich da besuchen? Es kommt ein Mensch, der sich nur als Colin vorstellt, sehr breitschultrig, sehr fester Händedruck, also Bodybuilding, gestellter Körper. Dieser Verkäufer mit ungewöhnlicher Erscheinung bietet mir halt ein Sicherheitsprodukt an, wo ich nur sagen kann, ich habe unsere eigenen Türsteher, ich habe unsere Doorman.
Ich weiß nicht, warum ich euer Sicherheitsprodukt brauchen sollte und ich möchte auch nicht eure Unterstützung. Ich bin unabhängiger Unternehmer, war Zeit meines Lebens unabhängig. Ich will mich nicht in irgendeine Abhängigkeit begeben. Ja, relativ schnell wurde klar, dass dieser Colin nicht ganz alleine da war, sondern dass er Teil der sogenannten Mark-Liftman-Gang war.
Und Mark Liffman war ein medienbekannter Unternehmer slash Mafiosi, der mit Drogendeals, Türstehern und ähnlichen krummen Geschäften häufig für Schlagzeilen sorgte, allerdings der weniger schönen Art. Nur um das klar zu machen, also es geht jetzt nicht darum, dass die dir Türsteher stellen wollten, sondern da geht es um Schutzgeld.
Im Idealfall würden sie gerne alles machen. Die würden Schutzgeld kassieren und zusätzlich auch Türsteher stellen, um dann auch, Wenn dein Laden voll ist, auch irgendwo noch einen Drogendealer mit dazu zu bringen. Weil vielleicht nicht alle wissen, worum es hier genau geht, möchte ich einmal kurz zum Thema Schutzgelderpressung was erzählen.
Schutzgelderpressung ist eine Form der organisierten Kriminalität, bei der Täter von Personen oder Unternehmen regelmäßig Geld oder andere Leistungen verlangen, angeblich als Gegenleistung für Schutz. Und ich hoffe, ihr hört die Anführungsstriche. Dieser Schutz ist jedoch vor allem eine Drohung, denn wer nicht zahlt, muss mit Sachbeschädigung, Rufschädigung oder auch mit Gewalt bis hin zu Mord rechnen.
Gastronomien wie auch Kioske, Nachtclubs und Lieferdienstleister sind dabei häufig betroffene Branchen. Da war für mich relativ klar, wenn ich einmal Ja sage, kann ich beim zweiten Angebot nicht mehr Nein sagen. Und das war der Grund, warum ich von Anfang an freundlich, aber bestimmt Nein sagte. Da ich...
Mich schon seit der Om-Club-Zeiten, also seit der Party, habe ich mich immer halb im Scherz als Drogendealer bezeichnet, auch wenn die einzige Substanz, die wir ausgeschenkt haben, Alkohol war. Ich wollte immer die Kontrolle in meinem Laden behalten. Ich bin Unternehmer und höre nicht auf die Kommandos von irgendjemandem anders.
Meine Unabhängigkeit und Freiheit ist mir unglaublich wichtig. Deswegen war das für mich ein klares Nein. Damals habe ich auch, wenn ich mitbekam, dass irgendwas konsumiert wurde im Laden, die Leute immer ganz klar nach Hause verwiesen, da das einfach nicht die Stimmung war, die ich wollte. Zwei Jahre lang hältst du das durch, das Nein, das vehemente Nein gegen die Mafia und dann kommt der 15. Juni 2015.
Vielleicht magst du mal erzählen, was an diesem Tag passiert ist, welchen Anruf du da bekommen hast. Ich war schon zu Hause, es war 10.30 Uhr, abends an einem Freitag und auf einmal ruft mich der General Manager an und sagt, Randolph, come, Joe was attacked. Und während ich noch auf der Sieben-Minuten-Fahrt bin, ruft er mich dann leider nochmal an und sagt, Joe ist dead. Also Joe ist gestorben.
Das heißt, als ich ankam, wusste ich schon, also was mich grundsätzlich erwartet und trotz alledem war das natürlich ein Schock. In den Laden zu kommen, der ansonsten immer für die Freude steht, der mit seiner gelben Energie der Mittelpunkt der Longstreet war in diesen Jahren. Anstatt normal nach oben gehen zu können, lag im Treppenhaus der tote Türsteher Joe.
Joe, der nicht besonders groß oder mega stark war, der ein unglaublicher Gentleman war, unglaublich beliebt bei vor allem den weiblichen Gästen, da er einfach, ja, alles tat, damit die sich wohlfühlten. Der wurde angegriffen von vier Menschen, die zur Tür kamen und innerhalb von 15 Sekunden ihn aus heiterem Himmel angriffen.
Und durch die Umstände, wie das passierte, war es ganz, ganz klar, das war ein ganz gezieltes Attentat. Und der Hintergrund war auch offensichtlich, das war eine Nachricht an uns, an mich, dass wir jetzt definitiv zu zahlen haben. Das war natürlich ein wahnsinniger Schlag. Da gab es sofort die absoluten Existenzängste für uns, weil natürlich klar ist, dass nach so, wenn so etwas in einem Laden passiert, ja, ist es wahrscheinlicher, dass man zumacht und so.
Und da war dann die Frage, mache ich zu, gehe ich zurück nach Deutschland, gehe ich aus dieser Branche raus, gehe ich in den Gegenangriff oder was sind die Optionen? Aus einem Instinkt heraus wollte ich in den Gegenangriff gehen und nachdem die Polizei weg war, nachdem der Körper abtransportiert war und ich irgendwann spät nachts oder am nächsten Morgen schlaflos zu Hause war, fing ich halt an einen offenen Brief an die damalige Ministerpräsidentin zu schreiben.
Der ich einfach, in der ich Ross und Reiter nannte, also Mark Lifman als vermutlichen Täter oder Auftraggeber und sie um Intervention bat. Und ich war kurz davor, diesen offenen Brief auf meinem Blog zu veröffentlichen, als mich irgendwas im Hinterkopf dazu brachte, innezuhalten und aus diesem Instinkt hinaus kurz zu stoppen und ein paar Geschäftspartner um Rat zu fragen.
Und einer netzte mich dann mit einer Krisen-PR-Beraterin, die sofort zur Hilfe kam, sich den Brief anguckte und einfach nur sagte, Randolf, wenn du das so veröffentlichst, dann, ich kenne dich jetzt erst seit zwei Stunden, aber dann verabschiede ich mich jetzt auch wieder, weil das wirst du nicht überleben und dein Business auch nicht.
Und dann haben wir uns im Endeffekt statt auf den Gegenangriff auf einen Heilungsprozess geeinigt und wir haben... In der Öffentlichkeit uns auf Joe fokussiert, nicht auf die Täter, sondern auf das Opfer und auf seine damals viermonatige Tochter. Ich möchte mal gerne noch kurz in deine Gefühlswelt gehen, weil letzten Endes die Täter sind die Mafia, gar keine Frage, müssen wir nicht darüber diskutieren, aber dein Türsteher wird getötet, im Prinzip, weil du dich geweigert hast, Schutzgeld zu zahlen.
Was macht das mit dir? Das ist ja auch krasse Verantwortung, die du dann wahrscheinlich gespürt hast. Es war immer ein Gefühl der Verantwortung da. Ich konnte jetzt nicht einfach ganz normal zum täglichen Geschäft zurückkehren, auch wenn wir das natürlich aus pragmatischen Gründen im Geschäft selbst sehr bald machen mussten.
Aber insbesondere in den Folgejahren wurde mir immer bewusster, dass das ein Trauma ist und dass wahrscheinlich mein größtes Privileg im Leben ist, dass ich dieses Trauma erst im Alter von 34 erlebt habe und nicht irgendwann in der Jugend. Und ganz viel meiner Handlungen, die jetzt insbesondere in den letzten fünf Jahren ist dadurch zu erklären, dass ich innerlich immer noch eine, ja, irgendeine Wut habe, dass das passiert, dass da ein kleines Kind ohne ihren Vater wach groß wird.
Und vor allem später soll das nochmal sehr wesentlich werden, weil ich dann die wesentliche Entscheidung, die zur Aufgabe vom Bierhaus führt, eigentlich dann treffe, als mich diese im Alter von zehn seine Tochter fragt. Randolf, du kanntest doch meinen Papa. Wie ist der eigentlich gestorben? Und wenn dich das so ein damals neunjähriges Mädchen fragt und mir auf einmal klar wird, wow, sie weiß nicht, ihre Pflegemutter hat es ihr nicht erzählt, ihre Verwandtschaft auch nicht.
Und jetzt fragt sie mich, weil sie weiß, dass ich mit ihm gearbeitet habe und in dem Moment hätte ich ihr halt erzählen müssen, ja, also wenn, ja, dein Vater ist gestorben, weil wir uns als Firma gegen die Mafia gestellt haben und übrigens derjenige, der das entschieden hat, der, ja, der lebt hier weiterhin um die Ecke von deiner Schule und der wohnt übrigens in dieser Riesenvilla, keine 150 Meter von der Villa des Präsidenten von Südafrika entfernt.
Und also Mark Liffman ist halt, war immer bemüht, ein scheinbar reguläres Business Image zu haben, war großer Immobilien Besitzer und war zu dem Zeitpunkt auch nicht mehr im Schutzgeldgeschäft drin. Das hatte ihm jemand anders abgenommen. Aber. Der lebte ein Leben, was er nicht verdient hatte. Und da war halt klar, dass auch wenn es jetzt zehn Jahre später ist, ich mit der vollen Wahrheit an die Öffentlichkeit gehen muss und nicht nur den Tod ihres Vaters beklagen, sondern auch die Untätigkeit der Polizei, der Strafverfolgungsbehörden in dieser Sache auf die Agenda setzen muss.
Zu diesem zu dieser Agenda kommen wir gleich nochmal es passiert ja vorher noch etwas anderes denn Mark Liffman gibt sozusagen die Macht in dem Schutzgeldbusiness ab es gibt einen Nachfolger und du lernst auch jemanden kennen mit dem du zusammenarbeiten willst oder der dir auch helfen soll den Laden und das alles sicherer zu machen vielleicht erzählst du da ein bisschen davon wer das ist den du da kennenlernst, Tim Lotter, der ist in der Öffentlichkeit nicht sehr bekannt geworden, war aber ein kleiner, sehr energetischer Mensch, der Sicherheit nicht als Druck, Mittel und Erpressung verstanden hat, sondern wirklich Sicherheit als Dienstleistung lebte.
Da ich damals, obwohl ich bezahlt habe. Seit dem Mord natürlich bezahlt habe, auf einmal von zwei Seiten bedroht wurde, gab es einfach die Situation, dass ich ihn kennengelernt und ihm sehr schnell vertraut habe. Er von Anfang 2018 an die einzige Partei war, die ich bezahlt habe. Okay, also du hast erst Schutzgeld bezahlt an die Mafia nach dem Vorfall mit dem Türsteher und dann kommt eben dieser Sicherheitsexperte, wo du dann sagst, dann zahle ich lieber dem Geld als der Mafia.
Habe ich das richtig verstanden? Genau, weil er halt auch eine echte Dienstleistung dazu gebracht hat. Er hat uns auch gelegentlich Aushilfstürsteher gebracht, wenn unsere eigenen Jungs zu wenig Zeit hatten, zu wenig Kapazität hatten. Ja, das lief zwei Jahre richtig, richtig gut. Er hat auch immer mehr andere Läden da die Sicherheit übernommen.
Dann kam es zum 5. Januar 2020 auf einmal dazu, dass er auf der Highway falsch abgebogen und in 30 Kugeln reingefahren ist, wie ich scherzeshafter gerne sage. Also er wurde halt auf der Highway exekutiert in seinem fahrenden Fahrzeug. Und da wusste ich auf alle Fälle, die nächsten Monate werden spannend.
Und wie spannend das Jahr 2020 werden sollte, konnte ich zu dem Zeitpunkt ja noch nicht wissen. Aber ja, es war natürlich der Beginn einer absolut krassen Episode dieses Lebens. Das heißt, da ist jetzt das zweite Mal jemand, der für dich gearbeitet hat, von der Mafia getötet worden. Also was macht das mit dir? Also Tim war ein Risk-Taker, wie sagt man auf Deutsch?
Ein Risikobereiter. Der wusste, was für ein Spiel er spielt und der wurde ganz sicher, fand er nicht sein Ende aufgrund der Kundenbeziehung zu mir, sondern der hatte noch deutlich größere Kunden, also Gastronomiegruppen mit teilweise 20 Niederlassungen. Und da waren meine zwei Läden, weil ich gerade im November 2019, also vier Monate vor Covid, hatte ich gerade noch einen weiteren Laden eröffnet bei Kapstadt, im Norden Kapstads.
Das war sicherlich der kleinste Anteil davon. Er wusste, welches Risiko er eingegangen ist. Ja, das war also sozusagen weniger etwas, was für mich persönlich, also was mich persönlich betroffen hat. Es war halt einfach nur, ich weiß, es wird jetzt wieder irgendeinen Verteilkampf geben. Die Leute werden wieder zu mir kommen. Aber dann passiert ja im Jahr 2020 auch da, die Älteren erinnern sich, noch was ganz anderes.
Covid, mit dem ja eigentlich niemand gerechnet hat. In Deutschland war die Gastronomie relativ schnell dicht. Wie sieht das in Kapstadt aus? Leider ganz, ganz, ganz anders. Also während unsere Mitarbeiter teilweise. Und sehr bedingt so eine Art Kurzarbeitergeld von der Regierung erhalten haben, hat die gesamte Gastronomie des Landes nicht eine einzige Fördermöglichkeit erhalten.
Es gab keinerlei Möglichkeit für uns Geld zu verdienen, weil auch Außerhausverkauf war uns verboten. Und in Südafrika war für insgesamt sechseinhalb Monate lang Der gesamte Kauf von Alkohol verboten, also noch nicht mal in den Supermärkten, war während des Lockdowns Alkohol erhältlich. Was natürlich für ein Bierhaus, wo 70 bis 80 Prozent unserer Umsätze aus dem Verkauf von Alkohol kamen, absolut desaströs war.
Und nach drei Monaten Kämpfen und kurz vorm Burnout habe ich dann irgendwann mir eingestehen müssen, okay, vielleicht ist es jetzt das Beste, die drei Monate Winter, die jetzt kommen, was sowieso immer die drei Monate waren, die ich eher ungerne in Kapstadt verbracht habe. Okay, jetzt nehme ich einen dieser Evakuierungsflüge und nutze mein Privileg des deutschen Passes und reise einfach mal nach Europa.
Und landete damals in Amsterdam im 27. Juni 2020 mit dem Ziel nach drei Monaten, zusammen mit meiner Tochter, mit dem Ziel nach drei Monaten. Wieder zurück nach Kapstadt zu gehen, um dann das Business wieder zu eröffnen. Und genau in diesen Tagen passierte es eben, dass Nafis Modak, der neue Erpresser der Gastronomiebranche, halt auf die Idee kam, seine Jungs, die bisher immer nur Geld bei den Nightclubs, also bei dem Nachtleben und den Bars zu kassieren, die halt auf einmal zu den Läden zu schicken, die noch auf waren, die wieder öffnen durften, nämlich die normalen Restaurants, die Coffeeshops.
Und das wurde natürlich bei mir in dieser Netzwerkgruppe diskutiert. Und wir stellten nur fest, wow, die versuchen gerade mit massivem Druck bei allen, die irgendwie aufhaben, teilweise auch Immobilienfirmen, Luxushotels und so weiter, Schutzgelder zu erpressen, was sie vorher nie gemacht haben. Vorher waren sie es auf Nachtleben beschränkt, da wo eben Türsteher präsent waren.
Jetzt auf einmal sollten alle bezahlen. Nach dieser Situation habe ich in der Gruppe gesagt, Leute, ich bin jetzt die nächsten sechs Wochen, bin ich noch in Sicherheit. Wenn ihr wollt, können wir, wir sollten damit an die Öffentlichkeit gehen. Ich kann euer, ja, Sprecher sein für die nächsten paar Tage, um das publik zu machen. Und das funktionierte überraschend gut.
Es führte aber auch dazu, dass dann ich erst Morddrohungen erhielt, dann kam der Polizeiminister nach Kapstadt geflogen. Es gab eine Geheimkonferenz, es gab eine Pressekonferenz und danach ging er am 16. September zurück. Auf die Longstreet, um vor meinem Laden in die Fernsehkameras zu sagen, Herr Jorberg ist sicher, er kann zurückkommen, das neue Komitee löst alle Erpressungsprobleme, was alle überrascht hat, weil keiner hätte erwartet, dass diese Initiative überhaupt den Polizeiminister dazu bringt, sich darum zu kümmern.
Und das war schon höchstes Level, was jetzt auf einmal da involviert war, es hat aber dann auch den Gangster Modak dazu gebracht, direkt am nächsten Tag am 17. September brachte dann die Deutsche Welle dazu ihn vor dem Bierhaus zu treffen, und er dann auf einmal mehr oder weniger an der gleichen Stelle, wo der Polizeiminister davor stand auch sagte, ja Herr Jorberg muss ich keine Sorgen machen Alles ist gut hier.
Und noch einen Tag später, am Freitag, den 18. September, wurde dann der Top-Polizist Charles Kinnear, der dieses Erpressungs- und andere organisierte Kriminalitätsfälle in diesem Umfeld ermittelte, wurde vor seiner Haustür erschossen. Und auf einmal stellte sich heraus, dass sein Telefon überwacht wurde von Gangstern, die damals noch nicht genannt wurden, dass sein.
Also seine Location wurde immer gepinkt und auf einmal rief mich das führende Medienhaus an und fragte, ja Herr Jorberg, Sie sind auch auf dieser Pingliste, Ihr Telefon wurde auch überwacht, wo ich dann wusste, okay, jetzt muss ich definitiv, ich muss diese Drohungen, die ich schon vorher erhalten habe, ernst nehmen und ich darf jetzt nicht einfach so in drei, vier Wochen zurückkehren nach Südafrika.
Geplant waren drei Monate weg aus Südafrika, am Ende sind es fast drei Jahre geworden, weil dir ja glaube ich auch in der Zeit immer bewusster geworden ist, in was für einer Gefahr du schwebst, dadurch, dass du eben den Mund aufgemacht hast. Ich habe irgendwie gelesen, es gab sogar auch eine Liste, wo draufsteht, dass du von der Mafia überwacht bist und da standst du relativ weit oben.
Das kannst du ja vielleicht auch mal erzählen. Die Medien rufen mich an und sagen, auf dieser Liste bist du auf Platz zwölf und auf Platz eins war dieser Charles Kinnear und zwischen mir und ihm waren zwei Menschen, zwei weitere Menschen, die nicht mehr lebten, zwei, drei, auf die geschossen wurde, also wo ich wirklich einfach wusste.
It's serious. Das ist jetzt nicht mehr hier Kindergarten und irgendwelche Drohnachrichten, sondern das ist real. Das ist eine Hitliste, die in irgendeiner Form abgearbeitet wurde von echten Gegnern, die dieser, ja, und Nafis Modak, der nämlich sieben Monate nach dem Attentat auf Charles Kenier für dessen Mord verhaftet wurde und bis heute noch vor Gericht steht.
Das ist so eine ernste Situation, die ich seitdem ernst nehme und wo ich jetzt nur noch zurückreise nach Kapstadt, wenn ich mir sicher bin, dass diese Gefahr kontrolliert ist. Wie viel Angst hast du in dieser Zeit? Jetzt wirst du dich wahrscheinlich daran gewöhnt haben. Das ist jetzt ein Teil deines Lebens.
Aber gerade am Anfang, als dir bewusst wird, it's serious, das ist kein Spaß mehr. Wie viel Angst macht dir das? Ganz am Anfang hatte ich, egal wo ich war, Angst und habe auch auf meinem Social Media Yellow Randolph nicht mehr live gepostet, sondern immer erst um Tage versetzt. Mhm. Irgendwann habe ich aber realisiert und mich informiert, das ist organisierte Kriminalität, aber nicht international organisierte Kriminalität.
Diese Mafia-Bosse, die. Werden wahrscheinlich nicht international irgendwelche Hitmen aussenden, die nämlich dann doch ein bisschen zu teuer für sie sind, weil in Südafrika kriegen sie das für ein paar tausend Mark hin, international International ist das ein bisschen teurer. Und danach fühlte ich mich ...
Bei meinen Reisen rund um die Welt zunehmend sicher und bin einfach nur dann, wenn ich jetzt nach Südafrika zurückkomme, immer vorsichtiger, was das Timing angeht, dass ich weiß, welche Gegner ich habe oder auch nicht. Oder dass, wenn ich irgendwelche Öffentlichkeitskampagnen starte, dass ich dann nicht im Lande bin.
2023 kommst du das erste Mal wieder zurück nach Kapstadt. Wie ist die Situation, als du da ankommst? 23 war ich der Meinung, okay, ich kann jetzt mal zurückgehen. Ich bin da wirklich nur hingegangen, um eine Business-Konferenz meiner Unternehmervereinigung und einmal Afrika Burn, mein Lieblingsevent in Afrika, zu besuchen.
Und hatte eigentlich geplant, mich aus der Innenstadt und der Öffentlichkeit ansonsten sehr weit rauszuhalten. Das hat natürlich nicht lange gehalten. Und als ich dann einmal in irgendeinem Laden nur an der Tür stand, kam sofort der erste Türsteher und sagte, oh, Mr. Bärhaus, you are back in town. Und da wusste ich, okay, jetzt wird es interessant.
Jetzt werde ich rausfinden, was passieren kann. Ich habe aber auch sehr gute Freunde und einige Menschen, denen ich in Sachen Sicherheit mit meinem Leben vertraue. Und von denen hole ich mir im Endeffekt immer ein Briefing ab, bevor ich komme und mich mehr oder weniger auch dran halte. Und da von denen und von anderen Quellen nie eine Warnung kam, habe ich es bisher gesagt, dabei belassen, einmal im Jahr nach Kapstadt zurückzukehren.
Langsam mich da wieder zu orientieren, wie es nach Covid läuft und festgestellt, dass es natürlich auch weiterhin ein. Wunderschöner, der schönste Ort ist, an dem ich je gelebt habe. Obwohl ich inzwischen eben so viele Orte der Welt bereisen konnte und auch bereisen konnte mit der Frage im Hinterkopf, ob nicht dieser Ort vielleicht doch meine zukünftige Heimat werden könnte.
Und bisher musste ich bei jedem Ort, egal wie schön, immer sagen, schön hier, aber fühlt sich nicht wie Kapstadt nach zu Hause an. Du bist da aber auch, auch das wird keine Überraschung sein, jetzt nicht still und nett und hältst die Füße still, sondern du triffst die Entscheidung, auch öffentlich Mark Liffmans Namen in den Mund zu nennen.
Du bist im Fernsehen gewesen, hast seinen Namen genannt und gleichzeitig auch das Bierhaus geschlossen, weil es zu gefährlich geworden ist. Was hast du damit oder was löst du damit aus, dass du dieses Thema, was glaube ich die meisten schon von gehört hatten, aber niemand hat sich bisher getraut, das öffentlich auszusprechen, da hast du ja wahrscheinlich richtig was ins Rollen gebracht.
Ja, das war einfach, also was das für mich ins Rollen gebracht hat, war wirklich, dass Joes Tochter mich fragte nach dem Tod ihres Vaters. Und da war dann für mich klar, ich muss etwas machen. Seiner Familie beigestanden und im Endeffekt unserer Familie, also der Bierhausfamilie mit Trauma-Counseling und Therapie zur Seite gestanden.
Und dann in den Folgejahren ein Stipendium in einer sehr, sehr guten privaten Schule für seine Tochter bekommen und uns zunehmend stärker um sie gekümmert. Da ihre Mutter leider, die ersten vier Jahre haben wir sie bei uns angestellt, aber irgendwann hat sie ihre eigene Krise gehabt und verschwand auch leider aus dem Leben ihrer Tochter.
Dass dann eine damalige Lehrerin von ihr wurde auf einmal zu einer Art Pflegemutter und die später dann auch ein unglaublich tolles, ja, also Orphanage, also so eine Art Kinderheim, Pflegefamiliengruppe mit drei anderen Kindern aufgebaut hat. 2024 habe ich Anfang des Jahres diese Entscheidung, meine Optionen.
Einfach bin ich durchgegangen und habe mich entschieden, lieber trenne ich mich vom Bierhaus, um dann unabhängig zu sein und alles erzählen zu können. Weil ich konnte, mir war klar, ich kann es nicht riskieren, dass nochmal jemand sein Leben verliert. Und meine eigene Sicherheit kann ich kontrollieren und die meiner Familie, indem ich das Land verlasse, aber ich kann nicht vor Ort eine Unternehmung haben.
Und das habe ich dann im Juli 2024 umgesetzt. Ich habe durch Zufälle die Fernsehproduktionsfirma Carte Blanche, das ist so etwas wie Akte in Südafrika, so ein Enthüllungsprogramm erreicht und die hat ein Interesse gezeigt, diese Geschichte aufwendig zu produzieren. Und ich habe von Anfang an gesagt, okay, wir machen das, ihr müsst mir aber schriftlich garantieren, dass das erst ausgestrahlt wird, wenn ich das Land wieder verlassen habe.
Und wir haben das dann gefilmt und die Veröffentlichung dieses 15 Minuten, dieser 15 Minuten Reportage hat vor Ort für viel Aufruhr gesorgt. Dann passierte es, dass eigentlich aber die öffentliche Diskussion über die Erpressung und wie strukturell, dass alle Wirtschaftszweige der Südafrikas inzwischen wie einen Krebs durchweicht hatten.
Diese Diskussion, die ich mir auch gewünscht habe, die ist tatsächlich aber erst mit der. Ja, mit den Nachrichten, dass Bierhaus geschlossen ist, ist erst ins Rollen gekommen. Der erste Tag war auf den Titelseiten der Zeitung die Schließung vom Bierhaus. Und am zweiten und dritten und vierten Tag wurden auf einmal all die kleinen Unternehmen, die schließen mussten oder beeinträchtigt waren durch Erpressung, die erst in den letzten Jahren anfangen mussten, Schutzgelder zu bezahlen, die haben dann auf einmal Aufmerksamkeit bekommen.
Und auf einmal kam es dazu, dass die Regierung neue Gesetze, was die Polizeikollaborationen anging, beschloss. Auf einmal passierte es, dass innerhalb von wenigen Wochen die Polizei, die ansonsten wirklich nicht für Aktionismus bekannt ist, mit Sondereinheiten insgesamt 25 bis 35 Erpresser erschossen hat.
Also wo es damals auch schon durchaus eine Besorgnis gab, dass jetzt das Ganze umkippt in Richtung eines Polizeistaats. Also es gab eine unglaubliche Reaktionswelle, die Südafrika so in dieser Sache noch nie erlebt hat. Eine Aufmerksamkeit für die Problematik, eine öffentliche Diskussion, dass auf der einen Seite und auf der anderen Seite wurde Mark Liffman, der sozusagen als Nadelstreifen Gangster jetzt nicht von den Einsatzkommandos besucht wurde.
Der reagiert halt auf seine ganz eigene Art und Weise. Und das war halt eben, dass er mich wegen Rufmord anklagte, da der Mord, den ich ihn halt beschuldigte, natürlich nicht gerichtlich festgestellt war. Randolph hat diesen Namen jetzt schon häufiger erwähnt, Mark Livman. Mark Livman ist damals eine bekannte Figur der südafrikanischen Unterwelt, insbesondere in Kapstadt.
Geboren 1964 bewegt er sich über Jahrzehnte in der Grauzone zwischen legalem Geschäft und organisiertem Verbrechen, vor allem im Milieu des Nachtlebens. Schutzgelderpressung, Drogenhandel und Bandenstrukturen, all das wird ihm vorgeworfen. Er selbst bestreitet viele der Vorwürfe. Sein öffentliches Bild bewegt sich zwischen Geschäftsmann als Nachtclub und Sicherheitsunternehmer und mutmaßlichem Kriminellen.
Und er war auch derjenige, der damals seine Leute vorbeigeschickt hat, um Randolf nach Eröffnung seines Bierhauses Schutz anzubieten. Aka, der versucht hat, Schutzgeld zu erpressen. Also zum einen, es hat sich dann wirklich was getan, es hat sich verändert. Die Polizei ist gegen diese Erpresserbanden vorgegangen, gegen diese Schutzgeldbanden.
Aber Marc Lifman, also der ganz oben saß und der auch im Prinzip dafür ja verantwortlich ist, dass sein Türsteher getötet wurde, der ist nicht belangt worden, juristisch, zu dem Zeitpunkt. Zu dem Zeitpunkt nicht. Es kam dann im Endeffekt in Bewegung, als er mich verklagte und ich war nicht in der Lage, Anwälte zu finden, die bereit waren, mich zu vertreten.
Weil keiner den Lifman als Fein haben. Ich hatte eine Schlagzeile, I'm looking for a lawyer with balls. Also ich suche einen Anwalt mit dicken Eiern und bis auf zwei Glücksritter, also Anwälte, die keinerlei Format hatten, hat sich keiner gemeldet, trotz der großmöglichen Sichtbarkeit. Was ich aber immer gemacht habe, ist die jegliches Anwaltschreiben, was ich von ihm erhalten habe, sofort an die gesamte Mediengruppe, die ich zusammen hatte, wo halt die führenden Redaktionen des Landes zusammen sind, weiterzuleiten, was dazu führte, dass.
Es wieder Schlagzeilen gab, erweitert die Öffentlichkeit, die er ja eigentlich nicht wollte, bekam. Er mir gleich das nächste Eskalationsschreiben mit verdoppelter Strafforderung zusandt und es dann auch dazu kam, dass mein Haus, also schon Monate vor dem Prozestag, mein Haus verpfändet wurde. Also, dass ich nicht mehr legaler Besitzer vollständig im Besitz meines Wohnhauses war, sondern dass das jetzt praktisch für ihn reserviert war, falls ich halt den Prozess gegen ihn verloren hätte.
Dieser Prozess war für den 7. November 2024 terminiert. Eine Woche vorher hatten wir noch die letzte Titelseite der größten Tageszeitung, wo ein Foto vom Haus, ein Foto von Livman und mein Name und unsere Geschichte eben auf der Titelseite waren. Und ich suchte händeringend dann doch irgendwie noch nach Lösungen, entweder Beweismittel, die stichfest genug waren, gegen ihn zu finden und Anwälte, die das vorbringen können, da ich natürlich durch die ganze Aufmerksamkeit unglaublich viele private Nachrichten erhalten habe.
Die teilweise auch signifikante Beweismaterialien gegen ihn erhielten. Das heißt, dadurch, dass er gegen dich vorgegangen ist, hat er eigentlich Tür und Tor geöffnet von Informanten, die sich dann wieder bei dir gemeldet haben. Also eigentlich hat er sich ins eigene Bein geschossen sozusagen. Ja, genau.
So, diese Aufmerksamkeit war im Hintergrund sehr, sehr hilfreich. Ex-Mitarbeiter, Opfer, Leute mit Insights, die einfach nochmal, also ich meine, so ein Typ hat sich ja ein paar tausende an Gegnern gemacht in seinem Leben, in seiner Lebenszeit. Mark Liffman wurde glaubwürdig angeklagt von mehreren 13- bis 15-jährigen Jungs, die sexuell von ihm missbraucht wurden.
Er hat Geschäftspartner umgebracht und die einzige Verurteilung, die er jemals erhalten hat, war die für Steuerschulden um die 20 Millionen Euro, die er niemals bezahlt hat, Zeit seines Lebens. Weil alle anderen Klagen wurde, hat er durch Intimidation, also Gegenbedrohung und seine ultraaggressiven Anwälte immer weggebügelt bekommen.
Und genau wie Al Capone ist die einzige Verurteilung, die er Zeit seines Lebens erhalten hat, eben die der Steuerschuld aus seinen illegitimen Einnahmen. Aber dann kamen, Gerade als ich im Urlaub in Dänemark ankam, auf einmal zwei Missed Calls, zwei Anrufe von ungewöhnlichen Nummern, wo ich nur wusste, oh, wenn mich der Mitarbeiter eines südafrikanischen Geheimdienstes anruft, ich sollte, glaube ich, mal zurückrufen.
Ich gehe ans Telefon, er antwortet und sagt, Randolph, your friend is dead. Ich war so, was ist passiert? Und es stellte sich heraus, dass Mark Lifman zwei Stunden vorher auf einem Parkplatz eines Shopping Centers, wo er sich ausnahmsweise ohne Bodyguard aufhielt, weit entfernt von Kapstadt, erschossen wurde.
Ich war in dem Moment zuerst sehr enttäuscht, weil ich einfach auf echte Gerechtigkeit einen Prozess, in dem alles rauskommt und Haftstrafe für Mark Liffman gehofft hatte, in den folgenden Tagen und in der Realisierung, dass mir doch plötzlich eine. Ganz gute Portion Gewicht aus dem Rucksack genommen wurde.
Ja, klar. Und ich irgendwie ein bisschen freier durchatmen konnte, weil sich auch mit seinem Tod die Gefahr des Verlusts meiner Immobilie aufgelöst hat und so weiter. Da war dann doch irgendwo eine leichte Erlösung, die einsetzte und eine Veränderung meiner Perspektive. Die Menschen, die drei Jungs, die für den Mord an Joe erwischt wurden, den vierten mit dem Messer haben sie nie erwischt, die haben für die Teilnahme an diesem Hit, an diesem Angriff, zu dritt umgerechnet 50 Euro erhalten.
Ja, finde ich. Glauben wir wirklich, dass diese Menschen, diese Jungs, die teilweise minderjährig waren, in Südafrika so verzweifelt waren, dass die Summe von 50 Euro den Ausschlag gab? Oder ist es die Notwendigkeit, Zugehörigkeit zu fühlen? und dass sie diese Zugehörigkeit in ihrem Umfeld eben nur in einer Gang finden, die ihnen sagt, hey...
Wenn du hier bei dem Hit mitmachst, dann wirst du in unserer Gang auf einmal in den und den Rang aufsteigen. Dann bist du auf einmal wer, dann bist du Teil von uns. Das ist der wahre Grund, warum sich viele Menschen in die Abgründe von Gewaltkriminalität begeben. Es ist nicht eine Frage des wirtschaftlichen Überlebens, sondern anderer Motive.
Und diese Motive zu ersetzen durch ein Glücksgefühl, ein Zugehörigkeitsgefühl. Und das sind Motive, die uns alle betreffen. Happiness, Glück, Zufriedenheit ist das, was alle suchen. Und das ist das, was ich in den letzten Jahren durch meine eigene Journey, durch mein Gelb, durch mein Leben wirklich langsam erlernen durfte.
Ich konnte lernen, dass meine ADHS mich in der Jugend in eine Isolation geführt haben, wo ich mich alleine gefühlt habe. Und das wahre Glück kann ich seit drei Jahren erleben, dass ich verstehe, wo ich stehe, dass alles Sinn macht in meinem Leben, dass ich genau weiß, wem ich mich zugehörig fühle, wer auf meiner Frequenz funkt.
Wer denkt wie ich und wo ich diese finde und wie ich Plattformen baue, die sich an Menschen, die ähnlich wie ich Verständnis und Zugehörigkeit suchen, bauen kann. Vielleicht habt ihr ja das Gefühl, dass ADHS seit einiger Zeit irgendwie überall ist und plötzlich jeder und jede ADHS zu haben scheint. Auf Social Media werden wir überschwemmt mit Reels oder TikToks, in denen Symptome beschrieben und vermeintliche Selbsttests verbreitet werden.
Aber ist ADHS wirklich eine Modeerscheinung? Vielleicht schauen wir ein bisschen in die Geschichte. Tatsächlich finden wir schon in einer Schrift eines deutschen Arztes aus dem Jahr 1775, Beschreibungen von Verhaltensweisen, die aus heutiger Perspektive klar an das erinnern, was wir als ADHS bezeichnen.
Und trotzdem hielt sich jahrzehntelang der Irrglaube, dass ADHS eine reine Kinderstörung sei, also nur bei Kindern auftritt. Wir alle haben ja wahrscheinlich schon mal vom Zappelfilip gehört. Und ja, diesen Namen habe ich in der Schulzeit absolut gehasst. Also das ständig unruhige Kind, das Eltern und Lehrkräfte gleichermaßen an ihre Grenzen bringt, weil es einfach nicht still sitzen kann.
Und das war ziemlich lange genau das Bild, was zu einer ADHS-Diagnose geführt hat und zwar ausschließlich bei Kindern. Man ging davon aus, dass sich dieses Verhalten auswächst. Das hat dann dazu geführt, dass man bei Erwachsenen mit ähnlichen Symptomen wie Kindern gar nicht auf die Idee gekommen ist, dass das ADHS sein könnte.
Außerdem hat auch eine Rolle gespielt, dass die Symptome sehr vielfältig sein können und eben nicht nur der klassische Zappelphilip ein ADHS-Betroffener sein kann. Klinisch ist ADHS durch drei Hauptsymptome gekennzeichnet. Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität. Diese zeigen sich dann jeweils in unterschiedlichen Untersymptomen und für eine Diagnose müssen über einen längeren Zeitraum hinweg mehrere dieser Untersymptome vorliegen und den oder die Betroffene deutlich negativ beeinträchtigen.
Also nicht jede Unruhe, jede Vergesslichkeit oder jede Impulsivität ist automatisch ADHS. Entscheidend sind Dauer, Intensität und die damit verbundenen Einschränkungen. Auch nochmal ganz wichtig. In Deutschland wurde ADHS im Erwachsenenalter erst 2003 offiziell als Diagnose anerkannt. Und erst seit 2011 kann bei schweren Ausprägungen auch bei Erwachsenen die Einnahme von Medikamenten wie zum Beispiel Ritalin verordnet werden. Zuvor war das nur auf Kinder und Jugendliche beschränkt.
Entwicklung erklärt vielleicht so ein bisschen, warum die Diagnosen in den letzten Jahrzehnten sprunghaft angestiegen sind. Es gibt also nicht plötzlich mehr Betroffene, sondern die diagnostischen Möglichkeiten sind viel besser und viele Menschen haben eben erst in den letzten Jahren davon erfahren, dass es ADHS auch bei Erwachsenen gibt und sich eine Diagnose abgeholt.
Schätzungsweise sind etwa drei Prozent der Erwachsenen bei uns in Deutschland von ADHS betroffen. Das sind so viele Menschen wie in Hamburg leben, also gar nicht mal so wenige. Was vielleicht noch wichtig ist, bei ADHS handelt es sich nicht um eine psychische Erkrankung oder Störung, die jetzt heilbar wäre, sondern man spricht heute von ADHS als einer neurophysiologischen Disposition.
Klingt jetzt ein bisschen kompliziert, das ist es auch, aber vereinfacht gesagt ist das Gehirn von ADHSlern einfach anders organisiert. Informationen werden neurologisch anders verarbeitet als bei Menschen ohne ADHS und das führt dann zu den Symptomen. Deshalb bezeichnen sich viele Betroffene vielleicht anders als früher nicht als gestört, sondern als Neurodivergent.
Den Begriff benutzt ja auch Randolf. So vielfältig wir Menschen sind, so vielfältig funktionieren eben auch unsere Gehirne. Und ADHS kann auch positive Seiten haben. So sind Betroffene zum Beispiel sehr oft kreativ oder können sich besonders gut und tief in komplexe Themen einarbeiten, die sie interessieren.
Genauso geht es auch Randolf. Und damit sind wir ja sozusagen wieder am Anfang von diesem Interview, nämlich der ADHS-Diagnose. Ein bisschen hast du es schon angeschnitten. Was hat sich durch die Diagnose für dich erklärt? Also welche Fragen konntest du dir dadurch beantworten, die du vorher vielleicht nicht beantworten konntest, weil du es jetzt erst verstanden hast, woran manche Sachen liegen?
Auf einmal macht alles Sinn. Ich bin... Seit der Diagnose an alle meine Wohnorte der Vergangenheit gezogen und habe dort drei Wochen verbracht und kann jetzt mit den neuen Brillen, mit denen ich auf einmal scharf sehen kann, Meine ADHS-Brille sehen und verstehen, was damals passiert ist, warum ich mich an diesen Orten so verhalten habe und warum ich heute und in der Vergangenheit gehandelt habe, wie ich gehandelt habe.
Warum ich immer ungewöhnliche Entscheidungen getroffen habe, warum sich dadurch ungewöhnliche Dinge entwickelt haben. Das war für mich einfach so, dieses Verständnis für mich selbst zu haben, war für mich einfach die größte Veränderung meines Lebens. Und weil ich habe angefangen, mich selbst verstehen zu können, andere, mein Umfeld, meine Freunde, meine Familie und deren Unterschiede und Gemeinsamkeiten zu verstehen und dann eigentlich auch die gesamte Welt zu verstehen.
Wieso Dinge, viele Dinge in dieser Welt mir nicht liegen, warum ich für einen 9-to-5-Office-Job wirklich überhaupt nicht gemacht bin und warum die Menschheitsgeschichte überhaupt diesen Typ, den wir ADHS nennen, hervorgebracht hat. Was würdest du sagen, sind rückblickend die deutlichsten Symptome bei dir gewesen von der ADS, die du nicht so direkt erkannt hast damals, weil du sie vielleicht nicht kanntest?
Also ganz sicher, mein Verhalten zum Risiko ist nicht das eines normalen Menschen. Ich habe schon immer das Risiko gesucht. Skydiven wurde mir nach 75 Sprüngen zu langweilig. Routine ist mir zuwidergegeben. Alles, was ich irgendwie zwei-, dreimal gemacht habe, wird dann einfach langweilig und fange ich dann an zu vergessen.
Buchhaltung und das sogenannte Admin-Monster ist etwas, was ich mit ganz, ganz vielen anderen ADHS-Unternehmern als große Schwäche teile. Ja, permanent Stimulation zu suchen, unglaublich tief, nächtelang irgendwelche Sachen zu recherchieren, neue Hobbys zu finden, die dann aber nach drei Wochen wieder zur Seite gelegt werden, all das sind typische ADHS-Symptome.
Gleichzeitig ein, wie die Jäger und Sammler damals, einen unsteten Lebenslauf mit unterschiedlichen Karrieren, in meinem Fall, Politik, Online, dann Gastronomie, dann Non-Profit, dann Weltreisender zu suchen und zu genießen und sich von der damit anhergehenden Unsicherheit, dass ich häufig bei meinen Reisen morgens nicht weiß, wo ich in welcher Stadt und in welchem Bett ich abends schlafen werde, nicht beeindrucken zu lassen, sondern das zu genießen, weil gleichzeitig die Stimulation, die das mit sich bringt und das Adrenalin halt für mich unglaublich notwendig sind.
Ich meine, es gibt keinen, der sagt, oder kaum jemanden, der sagt, ich mag Buchhaltung. Aber die meisten haben. Sagen dann, ich mag es zwar nicht, aber wenn es halt notwendig ist, dann mache ich es halt. Manchmal ein paar Tage später. Was die halt nicht fühlen, ist diese hohen Hochs des Mega-Interesses an irgendwas, was brennend jetzt gelernt und gewollt wird.
Und dann aber auch die tiefen Tiefs des Desinteresses, dass man eigentlich fast schon körperliche Abwehrsymptome fühlt, dass man teilweise triviale Aufgaben wie Belege zu sortieren einfach nicht kann, auch wenn sie faktisch nicht. Handwerklich einfach sind. So, aber das ist da, dass das im Gehirn sich so unterschiedlich anfühlt, je nachdem, was für ein Menschentyp man ist.
Das ist einfach etwas, was, glaube ich, schwierig für Außenstehende ist zu verstehen. Und da wir uns ja nur von außen sehen können und nicht in den Kopf gucken können, ist es auch etwas, was, glaube ich, so schwierig zu kommunizieren ist. Auf der anderen Seite ist es ja auch, wie du gerade schon richtig gesagt hast, eine Superpower eigentlich, wenn man sie richtig zu nutzen weiß.
Hättest du denn diese Diagnose, die auch so viel erklärt und die auch dein Leben nochmal in eine neue Richtung gelenkt hat, gerne früher gehabt im Nachhinein? Ja, auf alle Fälle. Ich fange erst seit drei Jahren an, Lösungen, die für mich passen, zu lernen. Und deswegen sind für mich diese Unternehmerkreise, wo ich mit anderen ADHS-Unternehmern zusammenlerne, so unglaublich wichtig, die wir jetzt initiieren. Das ist toll.
Ein Themenkomplex haben wir noch ein bisschen ausgelassen, weil wenn ich dich jetzt hier so mir gegenüber sehe, dein Bart ist gelb gefärbt, du trägst ein gelbes Oberteil mit Quietscheändchen drauf, also gelb, kann man auch auf deinem Instagram sehen, spielt schon eine große Rolle in deinem Leben. Warum gelb? Was ist gelb? Was macht gelb so besonders für dich?
Sunshine, Love and Happiness. Also, für mich ist das das größte Geschenk, dass ich gelb gefunden habe und vor. Zehn Jahren fing es an, seit über acht Jahren trage ich jeden Tag gelb und seit vier Jahren ist dann auch der Bart dem Farbtrend gefolgt. Und es ist einfach, ja, mein Ding, was für mich ein Signal an die Welt da draußen ist.
Hey, ich bin anders. Wenn ihr auch anders seid, lasst uns zusammenkommen. Ich habe einige meiner besten Freunde dadurch kennengelernt, dass die sagen, hey, du bist irgendwie anders. Ich auch, lass uns quatschen. und ich beobachte ab und zu, dass es auch Menschen, glaube ich. Die sehr konventionell denken, doch auf einem gewissen Abstand hält, wo ich aktuell auch nicht ein Problem mit habe, weil ich sehr gerne mit unkonventionellen, ungewöhnlichen, kreativen Menschen in meinem Umfeld zu tun habe und mit den gemeinsamen Wege zu mehr Gelb, zu mehr Happiness, zu mehr Glück erforsche.
Auf der anderen Seite, ich inzwischen feststelle, dass so viele Menschen auf dieser Welt sich von der Angst, nicht von der Liebe treiben lassen. Also jede Entscheidung im Leben kann entweder aus Angst, Angst oder aus Liebe getroffen werden. Fast alle Entscheidungen sind wirklich eine Entscheidung dazwischen.
Habe ich Angst, dass eine berufliche Veränderung schief gehen könnte? Oh, ich bleibe lieber in einem sicheren Job. Habe ich Angst, was meine Nachbarn über mich denken, wenn ich jetzt auf einmal mir ein pinkes Auto kaufe? Okay, wir holen lieber Grau. Dafür möchte ich gerne ein Signal setzen für alle, sich zu trauen.
Seid anders. Es geht mir nicht darum, dass alle in Gelb rumlaufen, aber es geht mir darum, dass möglichst viele sich trauen, ihrer Liebe, ihrer Leidenschaft zu folgen und einfach mal auszuprobieren und zu verstehen, ein kleines Scheitern ist nicht das Ende. Das ist nur, dass ich etwas lerne. Das war jetzt eigentlich gerade so ein schönes Plädoyer für mehr Mut, was du hier gerade gesagt hast.
Ich fand das ganz, ganz toll. Es wäre das perfekte Schlusswort für diesen Podcast. Aber da du ja schon ein paar Folgen gehört hast, weißt du, es gibt immer zwei Abschlussfragen. Und die erste ist, wenn du heute auf diesen einen Moment zurückblickst, also den Moment, wo die Freundin dich auf ADHS anspricht, welches Gefühl löst dieser Moment in dir aus? Erlösung.
Antwort auf all die Fragen, die unbewusst immer in meinem Kopf herumgeschwirrt sind. Wie war das für dich heute mit mir über diesen einen Moment und auch um alles drumherum und eigentlich, wie du es selber schon gesagt hast, die vielen Leben, die du schon geführt hast, zu sprechen? Dankbar, das war eine schöne Unterhaltung. Ich bin dir sehr dankbar, dass du dich vorbereitet hast, glaube ich, ein bisschen auch führen konntest, da meine ADHS sonst teilweise mich doch sehr vom einen auf das andere Detail springen lässt oder von der einen in die andere Zeit.
Danke, dass du das mit deinen Hörern meine Geschichte teilen willst und hoffentlich ein paar Menschen vielleicht zum Nachdenken kommen und vielleicht sich überlegen, vielleicht bin ich ja auch anders und vielleicht ist das ja gar nicht schlecht. Vielleicht gibt es ja auch für mich noch ganz viele Antworten und da ist einfach für mich jetzt wieder die Mission, in der Zukunft diesen Menschen wieder eine Community zu bieten.
Weswegen jetzt meine nächste Unternehmung wieder Gully.com heißen wird, wo ich jetzt gerade anfange, zuerst nur für ADHS-Unternehmer, später aber auch für alle anderen, die Zusammengehörigkeit und Verständnis suchen für sich selbst, eine Plattform zu bieten. Randolf, ich habe ganz viel gelernt heute. Ich lerne immer was aus den Gesprächen, aber heute war es echt nochmal besonders und danke für deinen Input, danke für deine tolle Lebensgeschichte, danke für deine Zeit. Danke dir, Philipp.
Vielleicht bin ich ja auch anders und vielleicht ist das gar nicht schlecht. Also dieser Satz von Randolf ist bei mir total hängen geblieben, weil ich mich da auch auf eine Art und Weise sehr gut wiederfinden kann. Also dieses seltsame Kind, das zu Hause immer viel gelesen hat und nicht mit den coolen Kids auf dem Sportplatz war, der macht jetzt ganz erfolgreich seine Dinge.
Und ja, eigentlich sind wir ja auch beide der Beweis dafür, dass es gar nicht so schlecht ist, wenn man ein bisschen anders ist. Also ich hoffe, dass auch ihr ein bisschen aus diesem Gespräch mitnehmen könnt. Und vor allem den Mut, Sachen einfach mal zu machen und auszuprobieren. Das würde ich mir zumindest wünschen.
Hier geht es in zwei Wochen weiter mit der nächsten Folge. Und falls ihr es noch nicht getan habt, ihr würdet mich wirklich super unterstützen, wenn ihr diesen Podcast abonniert und natürlich auch bewertet. Tschüss! Bis zum nächsten Mal.