Ein Jahr in der Natur· Staffel 2· Folge 4

Der Pilzwald – Das geheime Netzwerk unter unseren Füßen

Donnerstag, 29. Januar 2026 · 17 min

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Shownotes

Pilze bilden ein eigenes Reich des Lebens, das Königreich Fungi – weder Pflanze noch Tier, sondern etwas Drittes. Anders als Pflanzen betreiben sie keine Photosynthese, sondern ernähren sich heterotroph, indem sie organisches Material zersetzen oder mit anderen Organismen in Symbiose leben. Ihre Zellwände bestehen aus Chitin, demselben Material wie die Panzer von Insekten.
Wir sprechen über das unterirdische Pilzgeflecht, das Wälder wie ein Kommunikationsnetzwerk durchzieht und Bäume über weite Strecken miteinander verbindet – das sogenannte Wood Wide Web. Eine Reise in ein Reich, das unter unseren Füßen liegt und doch ganze Ökosysteme am Leben hält.
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Willkommen zu einer neuen Folge von Schlafreise durch die Natur. Kennst du schon unsere anderen Podcast reihen wie Schlafreise durchs Universum oder Schlafreise durch vergessene Welten. Heute nehmen wir dich mit in eine verborgene Welt, die sich größtenteils unseren Blicken entzieht. Wir begeben uns.

Auf eine Schlafreise durch den Pilzwald in ein Reich, das weder ganz Pflanze noch Tier ist, sondern etwas völlig eigenes. Ein Netzwerkwerk aus Leben, das unter unseren Füßen pulsiert, das Bäume miteinander verbindet und ohne dass kein Wald existieren könnte. Wenn wir durch einen Wald gehen, sehen wir die mächtigen Baumstämme, die sich gen Himmel recken, das grüne Blätterdach, die Farne am Boden.

Doch der wahre Wald, das eigentliche Leben, spielt sich unter der Erde ab. Dort, in der Dunkelheit des Bodens, erstreckt sich ein Geflecht aus Pilzfäden, das Mützel genannt wird. Dieses Netzwerk ist so fein, dass ein einziger Teelöffel Waldboden bis zu 8 Kilometer pilzfäden enthalten kann. Pilze bilden ein eigenes Reich des Lebens, das Königreich Fungi, sie sind weder Pflanzen noch Tiere, sondern etwas drittes, anders als Pflanzen betreiben sie keine Photosynthese, sie können ihre Nahrung nicht aus Sonnenlicht herstellen, stattdessen ernähren sie sich heterotroph. Ähnlich wie Tiere, indem sie organisches Material zersetzen oder mit anderen Organismen in Symbiose leben. Ihre Zellwände bestehen nicht

aus Cellulose wie bei Pflanzen, sondern aus Chitin, dem gleichen Material, aus dem die Panzer von Insekten gebaut sind. Das Myzell ist der eigentliche Organismus. Was wir als Pilz bezeichnen der Fruchtkörper, der aus dem Boden sprießt, ist nur ein kleiner Teil des Ganzen, vergleichbar mit einem Apfel am Baum. Der Fruchtkörper dient einzig der Fortpflanzung, der Produktion und Verbreitung von Sporen. Das Moitzl selbst kann Jahrhunderte, manche Arten sogar Jahrtausende alt werden und sich über gewaltige Flächen erstrecken.

In den Blue Mountains von Oregon lebt vermutlich der größte bekannte Organismus der Erde, ein dunkler Hallimasch. Arminaria Ostojai, dessen Mützel sich über 965 Hektar erstreckt, etwa 1665 Fußballfelder. Das Alter dieses gewaltigen Pilzes wird auf 2400 bis 8650 Jahre geschätzt. Er wächst langsam, aber stetig, breitet sich unter der Erde aus, unsichtbar und doch allgegenwärtig.

Im Waldboden bilden Pilze die wichtigste Gruppe der Zersetzer sie bauen totes organisches Material ab, recyceln Nährstoffe und machen sie wieder verfügbar. Ohne Pilze würden die Wälder unter Bergen von totem Holz, abgefallenen Blättern und toten Tieren ersticken. Pilze produzieren eine Vielzahl von Enzymen, die selbst die widerstandsfähigsten Moleküle aufbrechen können. Sie können Lignin zersetzen, den Stoff, der Holz seine Festigkeit gibt und für die meisten anderen Organismen unverdaulich ist. Der Schwefelporling Laetiporus Sulfureus mit seinem leuchtend gelb orangen Fruchtkörper besiedelt alte Eichen und Weiden der Zunderschwamm.

Phomes Formentarius wächst an Buchen und Birken, beide sind holzzersetzende Pilze, die über Jahre hinweg dicke Baumstämme in nährstoffreichen Humus verwandeln. Ein gefallener Baumstamm durchläuft verschiedene Stadien der Zersetzung, jedes Stadium von spezifischen Pilzarten dominiert. Dieser Prozess kann bei einem großen Stamm 50 bis 100 Jahre dauern.

Doch die faszinierendste Rolle der Pilze im Wald ist ihre Symbiose mit Bäumen, etwa 90% aller Landpflanzen leben in enger Gemeinschaft mit Pilzen, einer Beziehung, die Mycoriza genannt wird, vom griechischen Wort für Pilzwurzel. Diese Symbiose ist so grundlegend, dass die Besiedlung des Landes durch Pflanzen vor etwa 450000000 Jahren vermutlich nur durch die Hilfe von Pilzen möglich wurde.

Es gibt verschiedene Formen der Mycorica die Ektomycorica ist typisch für die meisten Waldbäume der gemäßigten Zonen. Die Pilzfäden umhüllen die feinen Wurzelspitzen der Bäume wie ein Mantel und dringen zwischen die Zellen der äußersten Wurzelschichten ein, ohne diese zu durchdringen. Die Endomycorrica, auch Arbuskuläre Mycorrica genannt, dringt tiefer in die Wurzelzellen ein und bildet dort verzweigte Strukturen, die Arbuskeln, die wie kleine Bäumchen aussehen. Die Vorteile dieser Partnerschaft sind beidseitig. Der Pilz erhält von der Pflanze Zucker, die Produkte der Photosynthese, die er selbst nicht herstellen kann. Im Gegenzug erweitert das Mützel das Wurzelsystem der Pflanze um ein Vielfaches, die feinen

Pilzfäden sind viel dünner als Pflanzenwurzeln und können in kleinste Bodenporen eindringen. Sie erschließen Wasser und Nährstoffe, besonders Phosphor und Stickstoff, die für die Wurzeln allein unerreichbar wären. Mycoriza Pilze können das effektive Wurzelsystem einer Pflanze um das 100 bis Eintausendfache vergrößern, bestimmte Pilzarten sind auf bestimmte Baumarten spezialisiert der Fliegenpilz Ammanita Muscaria mit seinem ikonischen Rotweißen Hut. Lebt in Symbiose mit Fichten, Kiefern und Birken. Der Steinpilz Boletus Edulis, einer der beliebtesten Speisepilze, assoziiert mit Fichten, Tannen und Buchen. Der Pfifferling Cantarellus Cibarius bevorzugt buchen, Eichen und Fichten.

Wenn du im Wald Pilze sammelst, verraten dir die Fruchtkörper, welche Bäume in der Nähe stehen. Neuere Forschungen haben gezeigt, dass das mycoriza Netzwerk mehr ist als nur eine Ansammlung individueller Verbindungen. Die Pilzfäden verbinden verschiedene Bäume miteinander und schaffen ein regelrechtes Kommunikationsnetzwerk, das manchmal als Wood White Web bezeichnet wird.

Über dieses Netzwerk können Bäume Nährstoffe, Wasser und sogar Informationen austauschen. Die kanadische Ökologin Susanne Simart hat in jahrzehntelanger Forschung nachgewiesen, dass alte, große Bäume, die sie Mutterbäume nennt, junge Setzlinge über das Pilznetzwerk mit Nährstoffen versorgen. Radioaktiv markierte Kohlenstoffatome wanderten von Großen zu kleinen Bäumen, selbst zwischen verschiedenen Arten.

Eine alte Birke versorgte junge Tannen mit Zucker. Besonders im Herbst, wenn die immergrünen Tannen noch Photosynthese betreiben konnten. Während die Birke ihre Blätter bereits verloren hatte. Das Netzwerk überträgt auch Warnsinnungen, wenn ein Baum von Schädlingen befallen wird, produziert er Abwehrstoffe. Über das mycoriza Netzwerk können chemische Signale an benachbarte Bäume gesendet werden, die daraufhin präventiv ihre eigenen Abwehrmechanismen hochfahren. Experimente haben gezeigt, dass Bäume, die mit einem Pilznetzwerk verbunden waren, Schädlingsbefall besser widerstanden als isolierte Bäume. Dieses unterirdische Netzwerk ist komplex und demokratisch zugleich.

Ein einzelner Pilz kann Dutzende von Bäumen verbinden und ein einzelner Baum ist oft mit mehreren verschiedenen Pilzarten assoziiert. Die größten, ältesten Bäume haben die meisten Verbindungen, fungieren als Knotenpunkte im Netzwerk, werden diese Mutterbäume entfernt, leidet der gesamte Wald, die Sterblichkeit junger Bäume steigt, die Resistenz gegen Krankheiten sinkt.

Im Herbst, wenn die Bedingungen stimmen, explodiert der Wald förmlich mit Fruchtkörpern. Über Nacht scheinen Pilze aus dem Boden zu sprießen, ein Schauspiel, das Menschen seit jeher fasziniert und mystifiziert hat. Tatsächlich wächst der Fruchtkörper nicht über Nacht, das Mützel hat oft wochenlang unter der Erde winzige Pilzanlagen gebildet. Wenn dann Regen und Temperatur passen, nehmen diese Anlagen innerhalb von Stunden Wasser auf und entfalten sich. Die Vielfalt der Formen ist erstaunlich, röhrlinge wie der Steinpilz haben an der Unterseite des Hutes feine Röhren, in denen die Sporen reifen, Lamellenpilze wie der Champignon oder der Fliegenpilz tragen radiäre Blättchen unter dem Hut.

Pohrlinge bilden holzige Konsolen an Baumstämmen mit winzigen Poren an der Unterseite. Korallenpilze verzweigen sich wie Marine Korallen Stäublinge sind kugelige Gebilde, die bei Berührung Wolken von Sporen freisetzen, ein einzelner Fruchtkörper kann Milliarden von Sporen produzieren, ein großer Riesenbovist calvatia Gigantea, der einen Durchmesser von über 50 Zentimetern erreichen kann er. Enthält schätzungsweise 7 Billionen Sporen. Diese winzigen Partikel, oft nur wenige Mikrometer groß, werden vom Wind verbreitet, von Tieren transportiert, mit Wasser fortgespült.

Die allermeisten finden nie geeignete Bedingungen zum Keimen, aber bei solchen Zahlen reichen wenige Erfolge aus, manche Pilze haben raffinierte Verbreitungsmechanismen entwickelt. Der Tintenfischpilz Klatrus Archeri lockt mit seinem Aasgeruch Fliegen an, die seine Sporen verbreiten. Trüffeln wachsen unterirdisch und verströmen intensive Aromen, die Wildschweine und andere Tiere anlocken, die sie ausgraben und fressen.

Die Sporen passieren Unverdaut den Darm und werden an anderen Orten ausgeschieden, Pilze haben auch eine immense kulturelle Bedeutung für den Menschen. Seit Jahrtausenden sammeln wir sie als Nahrung. Steinpilze, Pfifferlinge, Morcheln, Champignons sind kulinarische Delikatessen der Schiitake aus Asien wird weltweit kultiviert, Trüffeln, besonders der weiße Albatrüffel und der schwarze Perigor Trüffel gehören zu den teuersten Lebensmitteln der Welt mit Preisen von mehreren 1000€ pro Kilogramm.

Doch Vorsicht ist geboten. Viele Pilze sind giftig, manche tödlich. Der grüne Knollenblätterpilz Amanita phaloides ist einer der giftigsten Pilze überhaupt, bereits 50 Gramm können einen erwachsenen Menschen töten, die Gifte, vor allem Alpha Amanitin, zerstören die Leber und die Nieren. Tückisch ist, dass die ersten Symptome oft erst nach 6 bis 24 Stunden auftreten, wenn die Gifte bereits irreversible Schäden angerichtet haben, etwa 90% aller tödlichen Pilzvergiftungen gehen auf das Konto von knollenblätterpilzen Pilze haben auch die Medizin revolutioniert 1928 entdeckte Alexander Flemming zufällig.

Dass der Schimmelpilz Penicillium notatum Bakterien abtötet, diese Entdeckung führte zur Entwicklung des Penicillins, des ersten Antibiotikums, das Millionen von Menschenleben gerettet hat. Viele weitere Medikamente stammen aus Pilzen, Cyclosporin, ein Immunsuppressivum, das Organtransplantationen ermöglicht, wird von einem Schlauchpilz produziert. Statine zur Cholesterinsenkung stammen ebenfalls aus Pilzen. Die Fähigkeit von Pilzen, komplexe organische Verbindungen abzubauen, macht sie auch zu Hoffnungsträgern in der Umweltsanierung.

Manche Arten können Schwermetalle aus verseuchten Böden akkumulieren, andere können Erdöl, Pestizide oder sogar Plastik abbauen. Der Austernpilz Pleurotus Osteatus kann Polyurethan zersetzen. Forscher experimentieren mit Pilzen, um Ölverschmutzungen zu reinigen oder radioaktiv verseuchte Gebiete zu sanieren.

Nach der Katastrophe von Tschernobyl wurden Pilze entdeckt, die radioaktive Strahlung nicht nur tolerierten, sondern sie sogar als Energiequelle nutzten, indem sie Melanin zur Absorption von Gammastrahlung verwendeten. Im Ökosystem Wald sind Pilze unverzichtbar. Sie halten den Nährstoffkreislauf am Laufen, versorgen Bäume, zersetzen Totholz, bieten Nahrung für unzählige Tiere. Wildschweine durchwühlen den Boden auf der Suche nach Trüffeln, Schnecken fressen pilzfruchtkörper, Käferlarven entwickeln sich im inneren alter baumpilze, Eichhörnchen sammeln Pilze und lagern sie für den Winter ein. Die Diversität der Pilze ist gewaltig. Schätzungsweise gibt es 2,2 bis 3,8, Millionen Pilzarten auf der Erde, doch bisher sind nur etwa

150000 wissenschaftlich beschrieben. Jedes Jahr werden Hunderte neue Arten entdeckt, Pilze. Besiedeln nahezu jeden Lebensraum, von den Polarregionen bis zu den Tropen, von Wüsten bis zu Ozeanen, von heißen Quellen bis zu den Tiefen der Erde. Manche Pilze leben in extremen Umgebungen in der Atacamawüste, einem der trockensten Orte der Erde, überleben kryptobiotische Pilze, die bei Wassermangel in einen Ruhezustand fallen und bei Feuchtigkeit wieder erwachen. In der Tiefsee wurden Pilze in über 10000 Metern Tiefe gefunden.

In den oberen Schichten der Atmosphäre treiben Pilzsporen, die möglicherweise eine Rolle bei der Wolkenbildung spielen. Der Pilzwald ist ein Wunderwerk der Evolution, ein System von gegenseitiger Abhängigkeit und Kooperation, das sich über hunderte Millionen Jahre entwickelt hat. Es erinnert uns daran, dass nichts in der Natur isoliert existiert, dass alles miteinander verbunden ist.

Die mächtigen Bäume, die wir bewundern, sind nur möglich durch ihre unsichtbaren Partner unter der Erde. Diese Erkenntnis sollte uns demütig machen, wenn wir Wälder roden, zerstören wir nicht nur Bäume, sondern ein ganzes Netzwerk des Lebens. Die Regeneration eines alten Waldes mit seinem komplexen Pilznetzwerk dauert Jahrhunderte. Aufforstungen mit genetisch uniformen Setzlingen ohne die natürliche Pilzvielfalt schaffen nur schwache Imitationen echter Wälder, der Schutz unserer Wälder bedeutet auch den Schutz der Pilze der stillen Architekten, des Lebens unter unseren Füßen.

Diese verborgene Welt zu verstehen und zu bewahren ist essentiell, nicht nur für die Wälder selbst, sondern für das gesamte Klima der Erde. Wälder speichern, Kohlenstoff produzieren Sauerstoff, regulieren Wasserkreisläufe und im Herzen dieses Systems pulsiert das Mützel, das große Netzwerk, das alles verbindet. Unsere Erde mit all ihren Wundern, ihren sichtbaren und unsichtbaren Bewohnern ist unser einziges zu Hause. Sie zu schützen ist nicht nur eine Pflicht, sondern die Voraussetzung für unsere eigene Zukunft.

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