Hörbücher zum Einschlafen

#164: Die schönsten Märchen von Wilhelm Hauff (Hörbuch zum Einschlafen)

Sonntag, 25. Mai 2025 · 2 h 42

MP3

Shownotes

Die schönsten Märchen von Wilhelm Hauff zum Einschlafen, Träumen und Entspannen. Eine Hörbuch-Compilation (Zusammenstellung) für Kinder und Erwachsene. 📚🎙️

INHALT
Die Errettung Fatmes
Der kleine Muck
Kalif Storch
Die abgehauene Hand

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Die Errettung Fatmes von Wilhelm [Musik] Hauf. Mein Bruder Mustafa und meine Schwester Fatme waren beinahe in gleichem Alter. Jener hatte höchstens zwei Jahre voraus. Sie liebten einander innig und trugen vereint alles bei, was unserem kränklichen Vater die Last seines Alters erleichtern konnte. An Fatmes 16. Am Geburtstage veranstaltete der Bruder ein Fest. Er ließ alle ihre Gespielen einladen, setzte ihnen in dem Garten des Vaters ausgesuchte Speisen vor und als es Abend wurde, lud er sie ein auf einer Barke, die er gemietet und festlich geschmückt hatte, ein wenig hinaus in die See zu fahren. Fatm und ihre Gespielinen willigten mit Freuden ein, denn der Abend war schön und die Stadt gewährte

besonders abends von dem Meere aus betrachtet einen herrlichen Anblick. Den Mädchen aber gefiel es so gut auf der Barke, daß sie meinen Bruder bewogen, immer weiter in die See hinauszufahren. Mustafa gab aber ungern nach, weil sich vor einigen Tagen ein Corsar hatte sehen lassen. Nicht weit von der Stadt zieht sich ein Vorgebirge in das Meer. Dorthin wollten noch die Mädchen, um von da die Sonne in das Meer sinken zu sehen. Als sie um das Vorgebirg herumruderten, sahen sie in geringer Entfernung eine Barke, die mit Bewaffneten besetzt war. Nichts Gutes ahnend befahl mein Bruder den Ruder sein Schiff zu drehen und dem Lande zuzurudern. Wirklich schien sich auch seine Besorgnis zu bestätigen, denn jene

Barke kam jener meines Bruders schnell nach. Überfing sieh, da sie mehr Ruder hatte und hielt sich immer zwischen dem Land und unserer Bake. Die Mädchen aber, als sie die Gefahr erkannten, in der sie schwebten, sprangen auf und schrienen und klagten. Umsonst suchte sie Mustafa zu beruhigen. Umsonstellt er ihnen vor, ruhig zu bleiben, weil sie durch ihr hin und her rennen, die Barke in Gefahr bringen, umzuschlagen. Es half nichts. Und da sie sich endlich bei Annäherung des anderen Bootes alle auf die hintere Seite der Barke stürzten, schlug diese um. Indessen aber hatte man vom Land aus die Bewegungen des fremden Bootes ausgemacht und da man schon seit einiger Zeit Besorgnisse wegen Karen hegte, hatte dieses Boot

Verdacht erregt und mehrere Barken stießen vom Lande, um den Unsigen beizustehen. Aber sie kamen nur noch zur rechten Zeit. um die Untersinkenden aufzunehmen. In der Verwirrung war das feindliche Boot entwischt. Auf den beiden Barken aber, welche die Geretteten aufgenommen hatten, war man ungewiss, ob alle gerettet sein. Man näherte sich gegenseitig und ach, es fand sich, dass meine Schwester und eine ihre Gespielen fehlte. Zugleich entdeckte man aber einen Fremden in einer der Barken, den niemand kannte.

Auf die Drohungen Mustafas gestand er, daß er zu dem feindlichen Schiff, das zwei Meilen Ostwärts vor Anker liege, gehöre und dass ihn seine Gefährten auf ihrer eiligen Flucht im Stich gelassen haben, indem er im Begriff gewesen sei, die Mädchen auffischen zu helfen. Auch sagte er aus, dass er gesehen habe, wie man zwei derselben in das Schiff gezogen. Der Schmerz meines alten Vaters war grenzenlos, aber auch Mustafa war bis zum Tod betrübt, denn nicht nur, dass seine geliebte Schwester verloren war und dass er sich anklagte, an ihrem Unglück Schuld zu sein. Jene Freundin Fatmes, die ihr Unglück teilte, war von ihren Eltern ihm zur Gattin zugesagt gewesen. Und nur unserem Vater hatte er es noch nicht zu gestehen gewagt, weil

ihre Eltern arm und von geringer Abkunft waren. Mein Vater aber war ein strenger Mann. Als seine Schmerz sich ein wenig gelegt hatte, ließ er Mustafa vor sich kommen und sprach zu ihm: "Deine Torheit hat mir den Trost meines Alters und die Freude meiner Augen geraubt. Geh hin, ich verbanne dich auf ewig von meinem Angesicht. Ich fluche dir und deinen Nachkommen und nur wenn du mir Fatme wiederbringst, soll dein Haupt rein sein von dem Fluche des Vaters. Dies hatte mein armer Bruder nicht erwartet. Schon vorher hatte er sich entschlossen gehabt, seine Schwester und ihre Freundin aufzusuchen, und wollte sich nur noch den Segen des Vaters dazu erbitten, jetzt schickte er ihn mit dem Fluch beladen in die Welt,

aber hatte ihn jener Jammer vorher gebeugt, so stellte jetzt die Fülle des Unglücks, dass er nicht verdient hatte, seinen Mut. Er ging zu dem gefangenen Seeräuber und befragte ihn, wohin die Fahrt seines Schiffes ginge. Und er fuhr, daß sie Sklavenhandel treiben und gewöhnlich in Balsor großen Markt hielten. Als er wieder nach Hause kam, um sich zur Reise anzuschicken, schien sich der Zorn des Vaters ein wenig gelegt zu haben, denn er sandte ihm einen Beutel mit Gold zur Unterstützung auf der Reise. Mustafer aber nahm weinend von den Eltern Zidens, so hieß seine geraubte Braut, Abschied und machte sich auf den Weg nach Balsora.

Mustafa machte die Reise zu Land, weil von unserer kleinen Stadt aus nicht gerade ein Schiff nach Balsora ging. Er mußte daer sehr starke Tagreisen machen, um nicht zu lange nach den Seeräubern nach Balsora zu kommen. Doch da er ein gutes Ross und kein Gepäck hatte, konnte er hoffen, diese Stadt am Ende des sechsten Tages zu erreichen. Aber am Abend des vierten Tages, als er ganz allein seines Weges ritt, fielen ihn plötzlich drei Männer an, da er merkte, dass sie gut bewaffnet und stark seien und dass es mehr auf sein Geld und sein Ross als auf sein Leben abgesehen war, so rief er ihnen zu, dass er sich ihnen ergeben wolle.

Sie stiegen von ihren Pferden ab und banden ihm die Füße unter dem Bauch seines Tieres zusammen. Ihn selbst aber nahmen sie in die Mitte und trabten, indem einer den Zügel seines Pferdes ergriff, schnell mit ihm davon, ohne jedoch ein Wort zu sprechen. Mustafa gab sich einer dumpfen Verzweiflung hin. Der Fluch seines Vaters schien schon jetzt an dem Unglücklichen in Erfüllung zu gehen. Und wie konnte er hoffen, seine Schwester und Zoraiden retten zu können, wenn er aller Mittelberaubt nur sein ärmliches Leben zu ihrer Befreiung aufwenden könnte. Mustafa und seine stummen Begleiter mochten wohl eine Stunde geritten sein, als sie in ein kleines Seitental einbogen. Das Tälchen war von hohen Bäumen eingefasst. Ein weicher

dunkelgrüner Rasen, einen Bach, der schnell durch seine Mitte hinrollte, luden zur Ruhe ein. Wirklich sah er auch fünfzeh bis 20 Zelte dort aufschlagen. An den Pflöcken der Zelte waren Kamele und schöne Pferde angebunden. Aus einem der Zelte hervor tönte die lustige Weise einer Ziter und zweier schöner Männerstimmen. Meinem Bruder schien es als ob Leute, die ein so fröhliches Lagerplätzchen sich erwählt hatten, nichts Böses gegen ihn im Sinn haben könnten. Und er folgte also ohne Bangigkeit dem Ruf seiner Führer, die ihm, als sie seine Bande gelöst hatten, ihm winkten, abzusteigen. Man führte ihn in ein Zelt, das größer als die Übrigen und im Innern hübsch fast zierlich aufgeputzt war.

Prächtige goldgestickte Polster, gewirkte Fußteppiche, übergoldete Rauchpfannen hätten anderswo Reichtum und Wohlleben verraten. Hier schienen sie nur kühner Raub. Auf einem der Polster saß ein alter kleiner Mann. Sein Gesicht war hässlich, seine Haut schwarzbraun und glänzend und ein widriger Zug von tückischer Schlauheit um Augen und Mund machte seinen Anblick verhasst.

Obgleich sich dieser Mann einiges Ansehen zu geben suchte, so merkte doch Mustafa bald, daß nicht für ihn das Zelt so reich geschmückt sei, und die Unterredung seiner Führer schien seine Bemerkung zu bestätigen. "Wo ist der Starke?", fragten sie den Kleinen. "Er ist auf der kleinen Jagd", antwortete jener. "Aber er hat mir aufgetragen, seine Stelle zu versehen." "Das hat er nicht gescheit gemacht", entgegnete einer der Räuber.

"Denn es muss sich bald entscheiden, ob dieser Hund sterben oder zahlen soll, und das weiß der Starke besser als du." Der kleine Mann erhob sich im Gefühl seiner Würde, streckte sich lang aus, um mit der Spitze seiner Hand das Ohr seines Gegners zu erreichen, denn er schien Lust zu haben, sich durch einen Schlag zu rächen. Als er aber sah, dass seine Bemühung fruchtlos sei, fing er an zu schimpfen, und wahrlich die anderen blieben ihm nichts schuldig, dass das Zelt von ihrem Streit ertröhnte.

Da tat sich auf einmal die Türe des Zeltes auf und hereint trat ein hoher stattlicher Mann, jung schön wie ein Perserprinz. Seine Kleidung und seine Waffen waren außer einem reich besetzten Dolch und einem glänzenden Säbel gering und einfach, aber sein ernstes Auge, sein ganzer Anstand gebot Achtung, ohne Furcht einzuflößen. "Wer ist, der es wagt in meinem Zelte Streit zu beginnen?", rief er den Erschrockenen zu. Eine Zeit lang herrschte tiefe Stille.

Endlich erzählte einer von denen, die Musterfahr hergebracht hatten, wie es gegangen sei. Da schien sich das Gesicht des Starken, wie sie ihn nannten, vor Zorn zu röten. "Wann hätte ich dich je an meine Stelle gesetzt, Hassan?", schrie er mit furchtbarer Stimme dem Kleinen zu. Dieser zog sich vor Furcht in sich selbst zusammen, dass er noch viel kleiner aussah als zuvor und schlich der Zeltüre zu.

Ein hinlänglicher Tritt des Starken machte, daß er in einem großen sonderbaren Sprung zur Zeltüre hinausflog. Als der Kleine verschwunden war, führten die drei Männer Mustafa vor den Herren des Zeltes, der sich in desess auf die Polster gelegt hatte. "Hier bringen wir den, welchen du uns zu fangen befohlen hast." Jener blickte den Gefangenen lange an und sprach so dann: "Bass von Soliaika.

Dein eigenes Gewissen wird dir sagen, warum du vor Orbasan stehst. Als mein Bruder dies hörte, warf er sich nieder vor jenem und antwortete: "Oh Herr, du scheinst im Irrtum zu sein. Ich bin ein armer unglücklicher, aber nicht der Basser, den du suchst." Alle im Zelt waren über diese Rede erstaunt. Der Herr des Zeltes aber sprach: "Es kann dir wenig helfen, dich zu verstellen, denn ich will dir Leute vorführen, die dich wohl kennen." Er befahl Suleima fortzuführen. Man brachte ein altes Weib in das Zelt, das auf die Frage, ob sie in meinem Bruder nicht den Basser von Soliaika erkenne, antwortete. Jawohl. Und sie schwöre es beim Grab des Propheten. Es sei der Basser und kein anderer. Siehst du, erbärmlicher, wie

deine List zu Wasser geworden ist? Begann zirnend der Stärke. Du bist mir zu elend, als dass ich meinen guten Dolch mit deinem Blut besudeln sollte. Aber an den Schweif meines Rosses will ich dich binden morgen, wenn die Sonne aufgeht. Und durch die Wälder will ich mit dir jagen, bis sie scheidet hinter die Hügel von Suliaika. Das sank meinen armen Bruder der Mut. Das ist der Fluch meines harten Vaters, der mich zum schmachvollen Tode treibt, rief er weinend. Und auch du bist verloren, süße Schwester. Auch du zur Deine Verstellung hilft dir nichts, sprach einer der Räuber, indem er ihm die Hände auf den Rücken band. Mach, dass du aus dem Zelt kommst, denn der Starke beißt sich in die Lippen und

blickt nach seinem Dolch. Wenn du noch eine Nacht leben willst, so komm. Als die Räuber gerade meinen Bruder aus dem Zelt führen wollten, begegneten sie drei andern, die einen Gefangenen vor sich hintrieben. Sie traten mit ihm ein. "Hier bringen wir den Basser, wie du uns befohlen hast", sprachen sie und führten den Gefangenen vor das Polster des Starken. Als der Gefangene dorthin geführt wurde, hatte mein Bruder Gelegenheit, ihn zu betrachten, und dem selbst fiel die Ähnlichkeit auf, die dieser Mann mit ihm hatte.

Nur war er dunkler im Gesicht und hatte einen schwerzeren Bart. Der Starke schien sehr erstaunt über die Erscheinung des zweiten Gefangenen. "Wer von euch ist denn der Rechte?", sprach er, indem er bald meinen Bruder bald den anderen Mann ansah. "Wenn du den Basser von Suliaika meinst?", antwortete in stolzem Ton der Gefangene. "Der bin ich." Der Starke sah ihn lange mit seinem ernsten, furchtbaren Blick an.

Dann winkte er schweigend, den Basser wegzuführen. Als dies geschehen war, ging er auf meinen Bruder zu, zerschnitt seine Bande mit dem Dolch und winkte ihm, sich zu ihm aufs Polster zu setzen. "Es tut mir leid, Fremdling", sagte er, "dass ich dich für jenes Ungeheuer hielt. Schreibe es aber einer sonderbaren Fügung des Himmels zu, die dich gerade in der Stunde, welche dem Untergang jenes Verruchten geweiht war, in die Hände meiner Brüder führte.

Mein Bruder bat ihn um die einzige Gunst, ihn gleich wieder weiterreisen zu lassen, weil jeder Aufschub ihm verderblich werden könne. Der Stärke erkundigte sich nach seinen eiligen Geschäften und als sie Mustafa alles erzählt hatte, überredete ihn jener diese Nacht in seinem Zelt zu bleiben. Er und sein Ross werden der Ruhe bedürfen. Den folgenden Tag aber wolle er ihm einen Weg zeigen, der ihnen anderthalb Tagen nach Belsora bringe.

Mein Bruder schlug ein, wurde trefflich bewirtet und schlief sanft bis zum Morgen in dem Zelt des Räubers. Als er aufgewacht war, sah er sich ganz allein im Zelt. Vor dem Vorhang des Zeltes aber hörte er mehrere Stimmen zusammensprechen, die dem Herrn des Zeltes und dem kleinen schwarzbraunen Mann anzugehören schienen. Er lauschte ein wenig und hörte zu seinem Schrecken, dass der Kleine dringend den andern aufforderte, den Fremden zu töten, weil er, wenn er freigelassen würde, sie alle verraten könnte.

Mustafa merkte gleich, daß der Kleine im Kram sei, weil er Ursache war, dass er gestern so übel behandelt wurde. Der Starke schien sich einige Augenblicke zu besinnen. "Nein", sprach er. "Er ist mein Gastfreund und das Gastrecht ist mir heilig. Auch sieht er mir nicht aus, wie wenn er uns verraten wollte." Als er so gesprochen, schlug er den Vorhang zurück und trat ein. "Friede sei mit dir, Mustafa.

sprach er. Laß uns den Morgentrunk kosten und rüste dich dann zum Aufbruch. Er reicht meinem Bruder einen Becher Sorbet und als sie getrunken hatten, zäumten sie die Pferde auf und wahrlich, mit leichterem Herzen, als er gekommen war, schwang sich Mustafa aufs Pferd. Sie hatten bald die Zelte im Rücken und schlugen dann einen breiten Pfad ein, der in den Wald führte.

Der Starke erzählte meinem Bruder, daß jener Bassar, den sie auf der Jagd gefangen hätten, ihnen versprochen habe, sie ungefährdet in seinem Gebiet zu dulden. Vor einigen Wochen aber habe er einen ihrer tapfersten Männer aufgefangen und nach den schrecklichsten Martern aufhängen lassen. Er habe ihm nun lange auflauern lassen und heute noch müsse ersterben.

Fahr wagte es nicht etwas dagegen einzuwenden, denn er war froh, selbst mit heiler Haut davon gekommen zu sein. Am Ausgang des Waldes hielt der Starke sein Pferd an, beschrieb meinem Bruder den Weg, bot ihm die Hand zum Abschied und sagte: "Mustafa, du bist auf sonderbare Weise der Gastfreund des Räubers Urbasan geworden. Ich will dich nicht auffordern, nicht zu verraten, was du gesehen und gehört hast.

Du hast ungerechterweise Todesangst ausgestanden und ich bin dir Vergütung schuldig. Nimm diesen Dolch als Andenken und so du Hilfe brauchst, so sende ihn mir zu und ich will eilen dir beizustehen. Diesen Beutel aber kannst du vielleicht zu deiner Reise brauchen. Mein Bruder dankte ihm für seinen Edelmut. Er nahm den Dolch, den Beutel aber schlug er aus. Doch Orbasan drückte ihm noch einmal die Hand, ließ den Beutel auf die Erde fallen und sprengte mit Sturmeseile in den Wald.

Als Musterfa sah, daß er ihn doch nicht mehr werde einholen können, stieg er ab, um den Beutel aufzuheben, und er schrak über die Größe von seines Gastfreundes Großmut, denn der Beutel enthielt eine Menge Goldes. Er dankte Allah für seine Rettung, empfahl ihm den edlen Räuber in seine Gnade und zog dann heiteren Mutes weiter auf seinem Wege nach Balsora.

Am Mittag siebenden Tages nach seiner Abreise zog Mustafa in die Tore von Balsora ein. Sobald er in einer Karawanserei abgestiegen war, fragte er, wann der Sklavenmarkt, der Alljährliche gehalten werde, anfange, aber er hielt die Schreckensantwort, dass er zwei Tage zu spät komme. Man bedauerte seine Verspätung und erzählte ihm, dass er viel verloren habe. Denn noch an dem letzten Tage des Marktes seien zwei Sklavinnen angekommen von so hoher Schönheit, dass sie die Augen aller Käufer auf sich gezogen hätten. Man habe sich ordentlich um sie gerissen und geschlagen und sie seien freilich auch zu einem so hohen Preis verkauft worden, dass sie nur ihr jetziger Herr nicht habe scheuen können. Er erkundigte sich

näher nach diesen beiden und es blieb ihm keinen Zweifel, dass es die Unglücklichen seien, die er suche. Auch erfuhr er, dass der Mann, der sie beide gekauft habe, 40 Stunden von Balsora wohne und Tiol Kos heiße. Ein vornehmer, reicher, aber schon ältlicher Mann, der früher Kapudan Bass des Großherrn war, jetzt aber sich mit seinen gesammelten Reichtümern zur Ruhe gesetzt habe.

Mustafa wollte von Anfang sich gleich wieder zu Pferd setzen, um dem Tiolikos, der kaum einen Tag Vorsprung haben konnte, nachzueilen. Als er aber bedachte, dass er als einziger Mann dem mächtigen Reisenden doch nichts anhaben, noch weniger seine Beute ihm abjagen konnte, sann er auf einen anderen Plan und hatte ihn noch bald gefunden. Die Verwechslung mit dem Wasser von Suliaika, die ihm beinahe so gefährlich geworden wäre, brachte ihn auf den Gedanken, unter diesem Namen in das Haus des Tiolikos zu gehen und so einen Versuch zur Rettung der beiden unglücklichen Mädchen zu wagen. Er miete daher einige Diener und Pferde, wobei ihm Urbasahens Geld trefflich zu Statten kam, schaffte sich und seinen Dienern

prächtige Kleider an und machte sich auf den Weg nach dem Schlosse Tiolis. Nach f Tagen war er in die Nähe dieses Schlosses gekommen. Es lag in einer schönen Ebene und war rings von hohen Mauern umschlossen, die nur ganz wenig von den Gebäuden überragt wurden. Als Mustafa dort angekommen war, färbte er Haare und Bart schwarz. Sein Gesicht aber bestrich er mit dem Saft einer Pflanze, die ihm eine bräunliche Farbe gab, ganz wie sie jener Basser gehabt hatte.

Er schickte hierauf einen seiner Diener in das Schloss und ließ im Namen des Basser von Zuliaika um ein Nachtlager bitten. Der Diener kam bald wieder und mit ihm vier schön gekleidete Sklaven, die Mustafas Pferd am Zügel nahmen und in den Schlosshof führten. Dort halfen sie ihm selbst vom Pferd und vier andere geleiteten ihn eine breite Marmortreppe hinauf zu Tioli. Dieser ein alter lustiger Geselle empfing meinen Bruder Ehre bietig und diesem das Beste, was ein Koch zubereiten konnte, aufsetzen. Nach Tisch brachte Mustafa das Gespräch nach und nach auf die neuen Sklavinnen und Tioli rühmte ihre Schönheit und beklagte nur, dass sie immer so traurig sein. Doch er glaubte, dieses würde sich bald geben. Mein

Bruder war sehr vergnügt über diesen Empfang und legte sich mit den schönsten Hoffnungen zur Ruhe nieder. Er mochte ungefähr eine Stunde geschlafen haben, da weckte ihn der Schein einer Lampe, der blendend auf sein Auge fiel. Als er sich aufrichtete, glaubte er noch zu träumen, denn vor ihm stand jener kleine schwarzbraune Kerl aus Obasahns Zelt, eine Lampe in der Hand, sein breites Maul zu einem widrigen Lächeln verzogen. Mustafa zwickte sich in den Arm, zupfte sich an der Nase, um sich zu überzeugen, ob er denn wach, aber die Erscheinung blieb wie zuvor. "Was willst du an meinem Bette?", rief Mustafa, als er sich von seinem Erstaunen erholt hatte. "Bemühet euch doch nicht so, Herr", sprach der Kleine.

"Ich habe wohl erraten, weswegen ihr hierhermt. Auch war mir euer wertes Gesicht noch wohl erinnerlich. Doch wahrlich, wenn ich nicht den Basser mit eigener Hand hätte erhängen helfen, so hättet ihr mich vielleicht getäuscht. Jetzt aber bin ich da, um eine Frage zu machen. Vor allem sage, wie du hierherkommst, entgegnete ihm Mustafa, voll Wut, dass er verraten war. Was will ich euch sagen? Antwortete Jener. Ich konnte mich mit dem Starken nicht länger vertragen, deswegen floh ich. Aber du, Mustafha warst eigentlich die Ursache unseres Streites und dafür musst du mir deine Schwester zur Frau geben und ich will euch zur Flucht behilflich sein.

Gibst du sie nicht, so gehe ich zu meinem neuen Herrn und erzähle ihm etwas von dem neuen Wasser. Mustafa war vor Schrecken und Wut außer sich. Jetzt, wo er sich am sicheren Ziel seiner Wünsche glaubte, sollte dieser Elende kommen und sie vereiteln. Es war nur ein Mittel, das seinen Plan retten konnte. Er musste das kleine Ungetüm töten. Mit feinem Sprung fuhr er daher aus dem Bett auf den Kleinen zu. Doch dieser, der etwas solches geahnt haben mochte, ließ die Lampe fallen, dass sie verlöschte, und entsprang im Dunkeln, indem er mürderisch um Hilfe schri.

Jetzt war guter Rat teuer. Die Mädchen mußte er für den Augenblick aufgeben und nur auf die eigene Rettung denken. Daher ging er an das Fenster, um zu sehen, ob er nicht entspringen konnte. Es war eine ziemliche Tiefe bis zum Boden und auf der anderen Seite stand eine hohe Mauer, die zu übersteigen war. Sinn stand er an dem Fenster, da hörte er viele Stimmen sich seinem Zimmer nähern. Schon waren sie an der Türe. Da faßte er verzweiflungsvoll seinen Dolch und seine Kleider und schwang sich zum Fenster hinaus. Der Fall war hart, aber er fühlte, dass er kein Glied gebrochen hatte. Drum sprang er auf und lief der Mauer zu, der den Hof umschloss, stieg zum Erstaunen seiner Verfolger hinauf und befand sich bald im Freien. Er floh,

bis er an einen kleinen Wald kam, wo er sich erschöpft niederwarf. Hier überlegte er, was zu tun sei. Seine Pferde und seine Diener hatte er müssen im Stich lassen, aber sein Geld, das er in dem Gürtel trug, hatte er gerettet. Sein erfinderischer Kopf zeigte ihm bald einen anderen Weg zur Rettung. Er ging in dem Wald weiter, bis er an einen Dorf kam, wo er um geringen Preis ein Pferd kaufte, das ihn in Blde in eine Stadt trug.

Dort forschte er nach einem Arzt und man riet ihm einen alten erfahrenen Mann. Diesen bewog er durch einige Goldstücke, dass er ihm eine Arznei mitteilte, die einen todähnlichen Schlaf herbeiführte, der durch ein anderes Mittel augenblicklich wieder gehoben werden könnte. Als er im Besitz dieses Mittels war, kaufte er sich einen langen falschen Bart, einen schwarzen Talar und allerlei Büchsen und Kolben, sodass er füglich einen reisenden Arzt vorstellen konnte, lud seine Sachen auf einen Esel und reiste in das Schloss des Tiolikos zurück. Er durfte gewiss sein, diesmal nicht erkannt zu werden, denn der Bart entstellte ihn so, daß er sich selbst kaum mehr erkannte.

Bei Tioli angekommen, ließ er sich als den Arzt Chakaman Kabudi Baba anmelden und wie er es sich gedacht hatte, geschah es. Der prachtvolle Name empfahl ihn bei dem alten Narren ungemein, sodass er ihn gleich zur Tafel einlut. Chakaman Kabudi Baba erschien vor Tioli und als sie sich kaum eine Stunde besprochen hatten, beschloss der Alte alles seine Sklavinnen, der Kur dieses weisen Arztes zu unterwerfen. Dieser konnte seine Freude kaum verbergen, dass er jetzt seine geliebte Schwester wiedersehen solle und folgte mit klopfendem Herzen Tioli, der ihn ins Serte. Sie waren in ein Zimmer gekommen, das schön ausgeschmückt war. worin sich aber niemand befand. "Cambada oder wie du heißt, lieber Arzt", sprach

Tiolikos. Betrachte einmal jenes Loch dort in der Mauer. Dort wird jede meiner Sklavinnen einen Arm herausstrecken und du kannst dann untersuchen, ob der Puls krank oder gesund ist. Mustafachte einwenden, was er wollte. Zu sehen bekam er sie nicht. Doch willigte Tioli ein, daß er ihm alle mal sagen wolle, wie sie sich sonst gewöhnlich befanden. Tioli zog nun einen langen Zettel aus dem Gürtel und begann mit lauter Stimme seinen Sklavinnen einzeln beim Namen zu rufen, worauf alle eine Hand aus der Mauer kam und der Arzt den Puls untersuchte.

Sex waren schon abgelesen und sämtlich für gesund erklärt. Da las Tiolie als die siebte Fatme ab und eine kleine weiße Hand schlüpfte aus der Mauer. Zitternd vor Freude ergreift Mustafa diese Hand und erklärt sie mit wichtiger Miene für bedeutend krank. Tiuli war sehr besorgt und befahl seinem weisen Chakaman Kabudaba schnell eine Arznei für sie zu bereiten. Der Arzt ging hinaus, schrieb auf einen kleinen Zettel: "Fatme, ich will dich retten, wenn du dich entschließen kannst, eine Arznei zu nehmen, die dich auf zwei Tage tot macht. Doch ich besitze das Mittel, dich wieder zum Leben zu bringen. Willst du, so sage nur, dieser Trank habe nicht geholfen und es wird mir ein Zeichen sein, dass du einwilligst. Bald kam er in das Zimmer

zurück, wo Tioli seiner harrte. Er brachte ein unschädliches Tränklein mit, fühlte der kranken Fatme noch einmal den Puls und schob ihr zugleich den Zettel unter ihr Armband. Das Tränklein aber reichte er ihr durch die Öffnung in der Mauer. Tioli schienen großen Sorgen wegen Fatm zu sein und schob die Untersuchung der Übrigen bis auf eine gelegenere Zeit auf. Als er mit Mustafa das Zimmer verlassen hatte, sprach er mit traurigem Ton: "Chutty Baba sage aufrichtig, was hältst du von Fatmes Krankheit?"

Chakamanka Budibaba antwortete mit einem tiefen Seufzer. Ach Herr, möge der Prophet dir Trost verleihen. Sie hat ein schleichendes Fieber, dass ihr wohl den Gar ausmachen kann. Da entbrannte der Zorn Tiolis. Was sagst du? Verfluchter Hund von einem Erzt. Sie, um die ich zweiend Goldstücke gab, soll mir sterben wie eine Kuh.

Wisse, dass wenn du sie nicht rettest, so haue ich dir den Kopf ab. Da merkte mein Bruder, dass er einen dummen Streich gemacht habe und gab Tioli wieder Hoffnung. Als sie noch so sprachen, kam ein schwarzer Sklave aus dem Ser zu sagen, dass das Tränklein nicht geholfen habe. "Biete deine ganze Kunst auf, Chakabanda oder" oder wie du dich schreibst. Ich zahle dir, was du willst", schrie Tiolikos fast heulend vor Angst, so vieles Gold an den Tod zu verlieren. "Ich will ihr einen Säftlein geben, dass sie von aller Not befreit", antwortete der Arzt. Ja, ja, gib ihr einen Säftlein." schluchzte der alte Tioli. Frohen Mutes ging Mustafa seinen Schlaftrunk holen und als er ihn dem schwarzen Sklaven gegeben und gezeigt

hatte, wie viel man auf einmal nehmen müsse, ging er zu Tioli und sagte, er müsse noch einige heisame Kräuter am See holen und eilte zum Tor hinaus. An dem See, der nicht weit von dem Schloss entfernt war, zog er seine falschen Kleider aus und warf sie ins Wasser, daß sie lustig umherschwammen. Er selbst aber verbarg sich im Gesträuch, wartete die Nacht ab und schlich sich dann in den Begräbnisplatz an dem Schlosse Tiolis.

Als Mustafa kaum eine Stunde lang aus dem Schloss abwesend sein mochte, brachte man Tioli die schreckliche Nachricht, daß seine Sklavin Fatme im Sterben liege. Er schickte hinaus an den See, um schnell den Arzt zu holen, aber bald kehrten seine Boten allein zurück und erzählten ihm, dass der arme Arzt ins Wasser gefallen und ertrunken sei.

Seinen schwarzen Talar sehe man mitten im See schwimmen und hi und da gucke auch sein stattlicher Bart aus den Wellen hervor. Als Tioli keine Rettung mehr sah, verwünschte er sich und die ganze Welt, raufte sich den Bart aus und rannte mit dem Kopf gegen die Mauer. Aber alles dies konnte nichts helfen, denn Fatme gab bald unter den Händen der übrigen Weiber den Geist auf.

Als Tioli die Nachricht ihres Todes hörte, befahl er schnell einen Sag zu machen, denn er konnte keinen Toten im Hause leiden und ließ den Gleichnam in das Begräbnishaus tragen. Die Träger brachten den Sarg dorthin, setzten ihn schnell nieder und entflohen, denn sie hatten unter den übrigen Sergen, Stöhnen und Seufzen gehört. Mustafa, der sich hinter den Sergen verbogen und von dort aus die Träger des Sarges in die Flucht gejagt hatte, kam hervor und zündete sich eine Lampe an, die er zu diesem Zweck mitgebracht hatte. Dann zog er ein Glas hervor, das die erweckende Arznei enthielt, und hob dann den Deckel von Fatmes Sarg.

Aber welches Entsetzen befiel ihm, als sich ihm beim Scheine der Lampe ganz fremde Züge zeigten, weder meine Schwester noch Zuraide, sondern eine ganz andere lag in dem Sar. Er brauchte lange, um sich von dem neuen Schlag des Schicksals zu fassen. Endlich überwog doch mit Leid seinen Zorn. Er öffnete sein Glas und flöste ihr die Arznei ein.

Sie atmete, sie schlug die Augen auf und schien sich lange zu besinnen, wo sie sei. Endlich erinnerte sie sich des Vorgefallenen. Sie stand auf dem Sarg und stürzte zu Mustafas Füßen. "Wie kann ich dir danken, gütiges Wesen?", rief sie aus, "dass du mich aus meiner schrecklichen Gefangenschaft befreitest?"

Mustafa unterbrach ihre Danksagungen mit der Frage, wie es denn geschehen sei, daß sie und nicht Fatme seine Schwester gerettet worden sei. Jene sah ihn staunend an. Jetzt wird mir meine Rettung erst klar, die mir vorher unbegreiflich war, antwortete sie. Wißse, man hieß mich in jenem Schlosse Fatme. Und mir hast du deinen Zettel und den Rettungstrank gegeben. Mein Bruder forderte die Gerettete auf, ihm von seiner Schwester und ziden Nachricht zu geben, und erfuhr, dass sie sich beide im Schloss befinden, aber nach der Gewohnheit Tiolis andere Namen bekommen haben. Sie heißen jetzt Mirza und Nurm.

Als Fatme, die gerettete Sklavin, sah, daß mein Bruder durch diesen Fehlgriff so niedergeschlagen sei, sprach sie ihm Mut ein und versprach ihm ein Mittel zu sagen, wie er jene beiden Mädchen dennoch retten könne. Aufgeweckt durch diesen Gedanken schöpfte Mustafa von neuem Hoffnung und bat sie dieses Mittel ihm zu nennen. Und sie sprach: "Ich bin zwar erst seit 5 Monaten die Sklavenis, doch habe ich gleich von Anfang an auf Rettung gesonnen, aber für mich allein war sie zu schwer. In dem Innern Hof des Schlosses wirst du einen Brunnen bemerkt haben, der aus zehn Röhren Wasser speit. Dieser Brunnen fiel mir auf. Ich erinnerte mich in dem Hause meines Vaters einen ähnlichen gesehen zu haben, dessen Wasser durch eine

geräumige Wasserleitung herbeiströmt. Um nun zu erfahren, ob dieser Brunnen auch so gebaut sei, rühmte ich eines Tages vor Tioli seine Pracht und fragte nach seinem Baumeister. "Ich selbst habe ihn gebaut", antwortete er. Und das, was du hier siehst, ist noch das Geringste. Aber das Wasser dazu kommt wenigstens tausend Schritte weit von einem Bach her und geht durch eine gewölbte Wasserleitung, die wenigstens manns hoch ist und alles dies habe ich selbst angegeben. Als ich dies gehört hatte, wünschte ich mir oft nur auf einen Augenblick die Stärke eines Mannes zu haben, um einen Stein aus der Seite des Brunnens ausheben zu können, dann könnte ich fliehen, wohin ich wollte. Diese Wasserleitung nun will ich

dir zeigen. Durch sie kannst du nachts in das Schloss gelangen und jene befreien. Aber du mußt wenigstens noch zwei Männer bei dir haben, um die Sklaven, die das SER die Nacht bewachen, zu überwältigen." So sprach sie. Mein Bruder Mustafa aber obgleich schon zweimal in seinen Hoffnungen getäuscht, faßte noch einmal Mut und hoffte mit Allahs Hilfe, den Plan der Sklavin auszuführen. Er versprach ihr für ihr weiteres Fortkommen in ihre Heimat zu sorgen, wenn sie ihm behilflich sein wollte, ins Schloss zu gelangen. Aber ein Gedanke machte ihm noch Sorge, nämlich der, woher er zwei oder drei treuige Hilfen bekommen könnte.

Da fiel ihm Orbas Dolch ein und das Versprechen, das ihm jener gegeben hatte, ihm, wo er seiner Bedirfer zu Hilfe zu eilen. Und er machte sich daher mit Fatme aus dem Begräbnis auf, um den Räuber aufzusuchen. In der nämlichen Stadt, wo er sich zum Arzt umgewandelt hatte, kaufte er um sein letztes Geld ein Ross und mietete Fatm bei einer armen Frau in der Vorstadt ein.

Er selbst aber eilte dem Gebirge zu, wo er Orbasan zum ersten Mal getroffen hatte und gelangte in drei Tagen dorthin. Er fand bald wieder jene Zelte und trat unverhofft vor Orbasan, der ihn freundlich willkommen hieß. Er erzählte ihm seine misslungenen Versuche, wobei sich der ernsthafte Obersah nicht enthalten konnte, h und da ein wenig zu lachen, besonders wenn er sich den Arzt Chakamanka Budibaba dachte.

Über die Verräterei des Kleinen aber war er wütend. Er schwuh, ihn mit eigener Hand aufzuhängen, wo er ihn finde. Meinem Bruder aber versprache er sogleich zur Hilfe bereit zu sein, wenn er sich vorher von seiner Reise gestärkt haben würde. Mustafa blieb daher diese Nacht wieder in Orbas Zelt. Mit dem ersten Frührod aber brachen sie auf und Orbasan nahm drei seiner tapfersten Männer, wohl beritten und bewaffnet mit sich. Sie ritten stark zu und kamen nach zwei Tagen in die kleine Stadt, wo Mustafa die gerettete Fatm zurückgelassen hatte. Von da aus reisten sie mit dieser weiter bis zu dem kleinen Wald, von woaus man das Schloss Tio ließ, in geringer Entfernung sehen konnte.

Dort lagerten sie sich, um die Nacht abzuwarten. Sobald es dunkel wurde, schlichen sie sich von Fatma geführt an den Bach, wo die Wasserleitung anfing, und fanden diese bald. Dort ließen sie Fatme und einen Diener mit den Rossen zurück und schickten sich an hinabzusteigen. Ehe sie aber hinabstiegen, wiederholte ihnen Fatme noch einmal alles genau, nämlich, dass sie durch den Brunnen in den inneren Schlosshof kämen. Dort seien rechts und links in der Ecke zwei Türme. In der sechsten Türe vom Turme rechts gerechnet befinden sich Fatme und Zuraide, bewacht von zwei schwarzen Sklaven.

Mit Waffen und Brecheisen wohl versehen stiegen Mustafa Obersahn und zwei andere Männer hinab in die Wasserleitung. Sie sanken zwarbes an den Gürtel ins Wasser, aber nichts desto weniger gingen sie rüstig vorwärts. Nach einer halben Stunde kamen sie an den Brunnen selbst und setzten sogleich ihre Brecheisen an.

Die Mauer war dick und fest, aber den vereinten Kräften der vier Männer konnte sie nicht lange widerstehen. Bald hatten sie eine Öffnung eingebrochen, groß genug, um bequem durchschlüpfen zu können. Basan schlüpfte zuerst durch und half den anderen nach, und als sie alle im Hof waren, betrachteten sie die Seite des Schlosses, die vor ihnen lag, um die beschriebene Türe zu erforschen. Aber sie waren nicht einig, welche es sei, denn als sie von dem rechten Turm zum linken zelten, fanden sie eine Türe, die zugemauert war und wussten nun nicht, ob Fatm diese übersprungen oder mitgezählt habe. Aber Orbasan besann sich nicht lange. "Mein gutes Schwert wird mir jede Türe öffnen", rief aus, ging auf die

sechste Türe zu und die anderen folgten ihm. Sie öffneten die Türe und fanden sechs schwarze Sklaven auf dem Boden liegend und schlafend. Sie wollten schon wieder leise sich zurückziehen, weil sie sahen, dass sie die rechte Türe verfehlt hatten, als eine Gestalt in der Ecke sich aufrichtete und mit wohlbekannter Stimme um Hilfe rief.

Es war der Kleine aus Urbasahns Lager, aber eher noch die Schwarzenrecht wußten, wie ihnen geschah. Stürzte Obersan auf den Kleinen zu, riss seinen Gürtel in zwei, verstopfte ihm den Mund und band ihm die Hände auf den Rücken. Dann wandte er sich an die Sklaven, wovon schon einige von Mustafa und den zwei anderen halbgebunden waren, und half sie voll ins Überwältigen. Man setzte den Sklaven den Dolch auf die Brust und fragte sie, wo Nur Maall und Mirzer wären, und sie gestanden, dass sie im Gem nebenan seien. Mustafa stürzte in das Gem und fand Fatme und Zoraiden, die der Lärm erweckt hatte.

Schnell rafften diese ihren Schmuck und ihre Kleider zusammen und folgten Mustafa. Die beiden Räuber schlugen in des Orbasan vor zu plündern, was man fände. Doch dieser verbot es ihnen und sprach: "Man soll nicht von Orbasan sagen können, dass er nachts in die Häuser steige, um Gold zu stehlen." Mustafa und die Geretteten schlüpften schnell in die Wasserleitung, wohin ihnen Urbasan sogleich zu folgen versprach.

Als sie in die Wasserleitung hinabgestiegen waren, nahm Orbasan und einer der Räuber den Kleinen und führten ihn hinaus in den Hof. Dort banden sie ihm eine seidene Schnur, die sie deshalb mitgenommen hatten um den Hals, und hingen ihn an der höchsten Spitze des Brunnens auf. Nachdem sie so den Verrat desenden bestraft hatten, stiegen sie selbst auch hinab in die Wasserleitung und folgten Mustafa.

Mit Tränen dankten die beiden ihrem edelmütigen Retter Obasan. Doch dieser trieb sie eilens zur Flucht an, denn es war sehr wahrscheinlich, dass sie Tiolikos nach allen Seiten verfolgen ließ. Mit tiefer Rührung trennten sich am andern Tage Mustafa und seine Geretteten von Obersan. Wahrlich, sie werden ihn nie vergessen. Fatme aber, die befreite Sklavin, ging verkleidet nach Balsora.

um sich dort in ihre Heimat einzuschiffen. Nach einer kurzen und vergnügten Reise kamen die Meinigen in die Heimat. Meinen alten Vater tötete beinahe die Freude des Wiedersehens. Den anderen Tag nach ihrer Ankunft veranstaltete er ein großes Fest, an welchem die ganze Stadt teilnahm. Vor einer großen Versammlung von Verwandten und Freunden mußte mein Bruder seine Geschichte erzählen und einstimmig briesen sie ihn und den edlen Räuber. Als aber mein Bruder geschlossen hatte, stand mein Vater auf und führte zur Raiden ihm zu. "So lösche ich denn", sprach er mit feierlicher Stimme, "Den Fluch von deinem Haupte.

Nimm diese hin als die Belohnung, die du dir durch deinen rastlosen Eifer erkämpft hast. Nimm meinen väterlichen Segen und möge es nie unsere Stadt an Männern fehlen, die an brüderlicher Liebe, an Klugheit und Eiferm dir gleichen. Die Geschichte [Musik] vom Inesa, meiner lieben Vaterstadt, wohnte ein Mann, den man den kleinen Muck hieß. Ich kann mir ihn, ob ich gleich damals noch sehr jung war, noch recht wohl denken, besonders weil ich einmal von meinem Vater wegen seiner Halbtot geprügelt wurde. Der kleine Muck nämlich war schon ein alter Geselle. als ich ihn kannte. Doch war er nur drei bis vier Schuh hoch. Dabei hatte er eine sonderbare Gestalt, denn sein Leib, so klein und zierlich er war, musste einen

Kopf tragen, viel größer und dicker als der Kopf anderer Leute. Er wohnte ganz allein in einem großen Haus und kochte sich sogar selbst. Auch hätte man in der Stadt nicht gewußt, ob er lebe oder gestorben sei, denn er ging nur alle vier Wochen einmal aus, wenn nicht um die Mittagsstunde ein mächtiger Dampf aus dem Hause aufgestiegen wäre. Doch sah man ihn oft abends auf seinem Dacher auf und abgehen. Von der Straße aus glaubte man aber, nur sein großer Kopf allein laufe auf dem Dache umher.

Meine Kameraden und ich waren böse Buben, die jeder Mann gerne neckten und belachten. Daher war es uns alle mal ein Festtag, wenn der kleine Muck ausging. Wir versammelten uns an dem bestimmten Tage vor seinem Haus und warteten, bis er herauskam. Wenn dann die Türe aufging und zuerst der große Kopf mit dem noch größeren Turban herausguckte, wenn dann das übrige Körperlein nachfolgte, angetan mit einem abgeschabten Mäntelein, weiten Beinkleidern und einem breiten Gürtel, an welchem ein langer Dolch hing, so lang, dass man nicht wusste, ob Muck an dem Dolch oder der Dolch an Muck.

Wenn er also so heraustrat, da ertönte die Luft von unserem Freudengeschrei. Wir warfen unsere Mützen in die Höhe und tanzten wie toll um ihn her. Der kleine Muck aber größte uns mit ernsthaftem Kopfnicken und ging mit langsamen Schritten die Straße hinab. Dabei schlurfte er mit den Füßen, denn er hatte große weite Pantoffeln an, wie ich sie noch nie gesehen. Wir Knaben liefen hinter ihm her und schrien immer: "Kleiner Muck, kleiner Muck."

Auch hatten wir ein lustiges Verslein, dass wir ihm zu Ehren hie und da sangen. Es hieß: "Kleiner Muck, kleiner Muck, wohnst in einem großen Haus, gehst nur all vier Wochen aus, bist ein braver kleiner Zwerg, hast ein Köpflein wie einen Berg. Schau dich einmal um und guck. Lauf und fang uns, kleiner Muck.

So hatten wir schon oft unser Kurzweih getrieben, und zu meiner Schande muß ich es gestehen, ich trieb's am ärgsten, denn ich zupfte ihn oft am Mäntelein und einmal trat ich ihm auch von hinten auf die großen Pantoffel, dass er hinfiel. Dies kam mir nun höchst lächerlich vor, aber das Lachen verging mir, als ich den kleinen Muck auf meines Vaters Haus zugehen sah. Er ging richtig hinein und blieb einige Zeit dort. Ich versteckte mich an der Haustüre und sah den Muck wieder herauskommen, von meinem Vater begleitet, der ihn ehrerbiet an der Hand hielt und an der Türe unter vielen Bücklingen sich von ihm verabschiedete. Mir war gar nicht wohlut. Ich blieb daher lange in meinem Versteck.

Endlich aber trieb mich der Hunger, den ich Ärger fürchtete als Schläge heraus, und demütig und mit gesenktem Kopf trat dich vor meinen Vater. "Du hast, wie ich höre, den guten Muck geschimpft", sprach er in sehr ernstem Tone. "Ich will dir die Geschichte dieses Muck erzählen und du wirst ih gewiss nicht mehr auslachen.

Vor und nachher aber bekommst du das Gewöhnliche." Das Gewöhnliche aber waren Hiebe, die er mir allzu richtig aufzuzählen pflegte. Er nahm daher sein langes Pfeifenrohr, schraubte die Bernsteinmundspitze ab und bearbeitete mich Ärger als je zuvor. Als die 25 voll waren, befahl er mir aufzumerken und erzählte mir von dem kleinen Muck.

Der Vater des kleinen Muck, der eigentlich Muckra heißt, war ein angesehener, aber armer Mann hier in Nissa. Er lebte beinah so einsiedlerisch als jetzt seinen Sohn. Diesen konnte er nicht wohl leiden, weil er sich seiner Zwerggestalt schämte und ließ ihn daher auch in Unwissenheit aufwachsen. Der kleine Muck war noch in seinem 16. Ja, ein lustiges Kind und der Vater ein ernster Mann, tadelte ihn immer, dass er, der schon längst die Kinderschuhe zertreten haben sollte, noch so dumm und leppisch sei. Der Alte tat aber einmal einen bösen Fall, an welchem er auch starb, und den kleinen Muck arm und unwissend zurückließ.

Die harten Verwandten, denen der Verstorbene mehr schuldig war, als er bezahlen konnte, jagten den armen Kleinen aus dem Hause und rieten ihm in die Welt hinauszugehen und sein Glück zu suchen. Der kleine Muck antwortete: "Er sei schon reisefertig, wart sich aber nur noch den Anzug seines Vaters aus, und dieser wurde ihm auch bewillig.

Sein Vater war ein großer, starker Mann gewesen, daher paen die Kleider nicht. Muck aber wußte bald Rat. Er schnitt ab, was zu lang war, und zog dann die Kleider an. Er schien aber vergessen zu haben, dass er auch in der Weite davon schneiden müsse, daher sein sonderbarer Aufzug, wie er noch heute zu sehen ist.

Der große Turban, der breite Girtel, die weiten Hosen, das blaue Mäntellein. Alles dies sind Erbstücke seines Vaters, die er seitdem getragen. Den langen Dammas Zehner Dolch seines Vaters aber steckte er in den Gürtel, er griff ein Stöcklein und wanderte zum Tor hinaus. Fröhlich wanderte er den ganzen Tag, denn er war ja ausgezogen, um sein Glück zu suchen. Wenn er einen Scherben auf der Erde im Sonnenschein glänzen sah, so steckte er ihn gewiss zu sich. Im Glauben, daß er sich in den schönsten Diamant verwandeln werde. Sah er in der Ferne die Kuppel einer Moschee wie Feuerstrahlen, sah er einen See wie einen Spiegel blinken. So eilte er voll Freude darauf zu, denn er dachte, in einem Zauberland angekommen zu

sein. Aber ach, Trugbilder verschwanden in der Nähe und nur allzu bald erinnerte ihn seine Müdigkeit. und sein Vorhunger knurrender Magen, daß er noch im Lande der Sterblichen sich befinde. So war er zwei Tage gereist, unter Hunger und Kummer und verzweifelte sein Glück zu finden. Die Früchte des Feldes waren seine einzige Nahrung, die harte Erde, sein Nachtlager. Am Morgen des dritten Tages erblickte er von einer Anhöhe eine große Stadt. Hell leuchtete der Halbmond auf ihren Zinnen. Unte Fahnen schimmerten auf den Dächern und schienen den kleinen Muck zu sich her zu winken. Überrascht stand der Stille und betrachtete Stadt und Gegend. "Ja, dort wird Klein Muck sein Glück finden", sprach er zu sich und

machte trotz seiner Müdigkeit einen Luftsprung. "Dort oder nirgends?" Er raffte all seine Kräfte zusammen und schritt auf die Stadt zu. Aber obgleich sie ganz nahe, konnte er sie doch erst gegen Mittag erreichen, denn seine kleinen Glieder versagten ihm beinah ergänzlich ihren Dienst und er musste sich oft in den Schatten einer Palme setzen, um auszuruhen. Endlich war er an dem Tor der Stadt angelangt. Er legte sein Mäntelein zurecht, wand den Turban schöner um, zog den Gürtel noch breiter an und steckte den langen Dolch schiefer.

Dann wischte er den Staub von den Schüen, ergriff sein Stöcklein und ging mutig zum Tor hinein. Er war schon einige Straßen durchwandert, aber nirgends öffnete sich eine Türe. Nirgends rief man, wie er sich vorgestellt hatte: "Kleiner Muck, komm herein und iss und trink und lass deine Füßlein ausruhen." Er schaute gerade auch wieder recht sehnsüchtig an einem großen, schönen Haus hinauf.

Da öffnete sich ein Fenster. Eine alte Frau schaute heraus und rief mit singender Stimme: "Herbei, herbei, gekocht ist der Brei. Den Tisch ließ ich decken, drum lasst es euch schmecken. Ihr Nachbarn herbei, gekocht ist der Brei." Die Türe des Hauses öffnete sich und Muck sah viele Hunde und Katotzen hineingehen. Er stand einige Augenblicke in Zweifel, aber der Einladung folgen sollte. Endlich aber fasste er sich ein Herz und ging in das Haus. Vor ihm her gingen ein paar junge Kätzlein und er beschloss ihnen zu folgen, weil sie vielleicht die Küche besser wüssten als er. Als Muck die Treppe hinaufgestiegen war, begegnete er jener alten Frau, die zum Fenster herausgeschaut hatte.

Sie sah ihn mürrisch an und fragte nach seinem Begehr. "Du hast ja jeder Mann zu deinem Brei eingeladen", antwortete der kleine Muck. "Und weil ich gar so hungrig bin, bin ich auch gekommen." Die Alte lachte und sprach: "Woher kommst du denn, wunderlicher Gesell? Die ganze Stadt weiß, daß ich für niemand koche als für meine lieben Katzen. Und hier und da lade ich ihnen Gesellschaft aus der Nachbarschaft ein, wie du siehest.

Der kleine Muck erzählte der alten Frau, wie es ihm nach seines Vaterst so hart ergangen sei, und bat sie, ihn heute mit ihren Katzen speisen zu lassen. Die Frau, welcher die treuherzige Erzählung des Kleinen wohl gefiel, erlaubte ihm, ihr Gast zu sein und gab ihm reichlich zu essen und zu trinken. Als er gesättigt und gestärkt war, betrachtete ihn die Frau lange und sagte dann: "Kleiner Muck, bleibe bei mir in meinem Dienste. Du hast geringe Mühe und sollst gut gehalten sein." Der kleine Muck, dem der Katzenbrei geschmeckt hatte, willigte ein und wurde also der Bediente der Frau Ahafsi. Er hatte einen leichten, aber sonderbaren Dienst. Frau Ahaff. Sie hatte nämlich zwei Kater und vier Katzen. Diesen musste der kleine Muck

alle morgen den Pelz kämmen und mit köstlichen Salben einreiben. Wenn die Frau ausging, musste er auf die Katzen Achtung geben. Wenn sie aßen, musste er ihnen die Schüsseln vorlegen. Und nachts musste er sie auf seidene Polster legen und sie mit stenen Decken einhüllen. Auch waren noch einige kleine Hunde im Haus, die er bedienen musste, doch wurden mit diesen nicht so viele Umstände gemacht wie mit den Katzen, welche Frau erhaff sie, wie ihre eigenen Kinder hielt. Übrigens führte Muck ein so einsames Leben wie in seines Vaters Haus, denn außer der Frau sah er den ganzen Tag nur Hunde und Katzen. Eine Zeit lang ging es dem kleinen Muck ganz gut. Er hatte immer zu essen und wenig zu arbeiten, und die

alte Frau schien recht zufrieden mit ihm zu sein. Aber nach und nach wurden die Katzen unartig. Wenn die Alte ausgegangen war, sprangen sie wie besessen in den Zimmern umher, warfen alles durcheinander und zerbrachen manches schöne Geschirr, das ihnen im Weg stand. Wenn sie aber die Frau die Treppe heraufkommen hörten, verkrochen sie sich auf ihre Polster und wedelten ihr mit den Schwänzen entgegen, wie wenn nichts geschehen wäre. Die Frau Erhafsi geriet dann in Zorn, wenn sie ihre Zimmer so verwüstet sah, und schob alles auf Muck. Er mochte seine Unschuld beteuern, wie er wollte. Sie ihm glaubte, ihren Katotzen, die so unschuldig aussahen, mehr als ihrem Diener. Der kleine Muck war sehr traurig, dass er also auch hier sein

Glück nicht gefunden habe und beschloss bei sich, den Dienst der Frau Ahavsi zu verlassen. Da er aber auf seiner ersten Reise erfahren hatte, wie schlecht man ohne Geld lebt, beschloss er, den Lohn, den ihm seine Gebieterin immer versprochen, aber nie gegeben hatte, sich auf irgendeine Art zu verschaffen. Es befand sich in dem Hause der Frau Ahafsi ein Zimmer, das immer verschlossen war und dessen Inneres er nie gesehen hatte. Doch hatte er die Frau oft darin Rumoren gehört, und er hätte oft für sein Leben gern gewußt, was sie dort versteckt habe. Als er nun an sein Reisegeld dachte, fiel ihm ein, dass dort die Schätze der Frau versteckt sein könnten.

Aber immer war die Türe fest verschlossen und er konnte daher den Schätzen nie beikommen. Eines Morgens, als die Frau Ahafsi ausgegangen war, zupfte ihn eines der Hundlein, welches von der Frau immer sehr stiefmitterlich behandelt wurde, dessen Gunst er sich aber durch allerlei Liebesdienste in hohem Grade erworben hatte, an seinen weiten Beinkleidern und geberdete sich dabei, wie wenn Muck ihm folgen sollte. Muck, welcher gerne mit den Hunden spielte, folgte ihm. Und siehe da, das Hundlein führte ihn in die Schlafkammer der Frau Ahafsi vor eine kleine Türe, die er nie zuvor dort bemerkt hatte. Die Türe war halb offen, das Hundlein ging hinein und Muck folgte ihm.

Und wie freudig war er überrascht, als er sah, daß er sich in dem Gemach befinde, das schon lange das Ziel seiner Wünsche war. Er spähte überall umher, ob er kein Geld finden könnte, fand aber nichts. Nur alte Kleider und wunderlich geformte Geschirre standen umher. Eines dieser Geschirre zog seine besondere Aufmerksamkeit auf sich. Es war von Kristall und schöne Figuren waren darauf ausgeschnitten. Er hob es auf und drehte es nach allen Seiten. Aber oh Schrecken, er hatte nicht bemerkt, dass es einen Deckel hatte, der nur leicht darauf hingesetzt war. Der Deckel fiel herab und zerbrach in tausend Stücken. Lange stand der kleine Muck Schrecken leblos. Jetzt war sein Schicksal entschieden. Jetzt mußte er

entfliehen, sonst schlug ihn die alte Tod. Zugleich war auch seine Reise beschlossen und nur noch einmal wollte er sich umschauen, ob er nichts von den Habseligkeiten der Frau Ahafsi zu seinem Marsch brauchen könnte. Da fielen ihm ein paar mächtig große Pantoffeln ins Auge. Sie waren zwar nicht schön, aber seine eigenen konnten keine Reise mehr mitmachen. Auch zogen ihn jene wegen ihrer Größe an, denn hatte er diese am Fuß. So mußten ihm hoffentlich alle Leute ansehen, daß er die Kinderschuhe vertreten habe. Er zog also schnell seine Töflein aus und fuhr in die Großen hinein. Ein Spazierstöcklein mit einem schön geschnittenen Löwenkopf schien ihm auch hier allzu müßig in der Ecke zu stehen. Er nahm es also mit und eilte

zum Zimmer hinaus. Schnell ging er jetzt auf seine Kammer, zog sein Mäntelein an, setzte den väterlichen Turbahn auf, steckte den Dolch in den Gürtel und lief, so schnell ihn seine Füße trugen, zum Haus und zur Stadt hinaus. Vor der Stadt lief er aus Angst vor der Alten, immer weiter fort, bis er vor Müdigkeit beinah nicht mehr konnte.

So schnell war er in seinem ganzen Leben nicht gegangen. Ja, es schien ihm, als könne er gar nicht aufhören zu rennen, denn eine unsichtbare Gewalt schien ihn fortzureißen. Endlich bemerkte er, dass es mit den Pantoffeln eine eigene Bewandnis haben müsse, denn diese schossen immer fort und führten ihn mit sich.

Er versuchte auf allerlei Weise stillzustehen, aber es wollte nicht gelingen. Da rief er in der höchsten Not, wie man den Pferden zuruft, sich selbst zu oh, halt! Oh! Da hielten die Pantoffeln und Muck warf sich erschöpft auf die Erde nieder. Die Pantoffeln freuten ihn ungemein. So hatte er sich denn doch durch seine Dienste etwas erworben, dass ihm in der Welt auf seinem Weg, das Glück zu suchen, forthelfen konnte.

Er schlief trotz seiner Freude vor Erschöpfung ein, denn das Körperlein des kleinen Muck, das einen so schweren Kopf zu tragen hatte, konnte nicht viel aushalten. Traum erschien ihm das Hundlein, welches ihm im Hause der Frau Ahafse zu den Pantoffeln verholfen hatte und sprach zu ihm: "Lieber Muck, du verstehst den Gebrauch der Pantoffeln noch nicht recht. Wisse, dass wenn du dich in ihnen dreimal auf dem Absatz herumdrehst, so kannst du hinfliegen, wohin du nur willst.

Und mit dem Stöcklein kannst du Schätze finden, denn wo Gold vergraben ist, da wird es dreimal auf die Erde schlagen. Bei Silber zweimal. So träumte der kleine Muck. Als er aber aufwachte, dachte er über den wunderbaren Traum nach und beschloß als bald einen Versuch zu machen. Er zog die Pantoffeln an, lupfte einen Fuß und begann sich auf dem Absatz umzudrehen. Wer es aber jemals versucht hat, in einem ungeheuer weiten Pantoffel dieses Kunststück dreimal hintereinander zu machen, der wird sich nicht wundern, wenn es dem kleinen Muck nicht gleich glückte. besonders, wenn man bedenkt, daß ihn sein schwerer Kopf bald auf diese, bald auf jene Seite hinüberzog. Der arme Kleine fiel einige Mal tüchtig auf die Nase, doch ließ er

sich nicht abschrecken, den Versuch zu wiederholen und endlich glückte es. Wie ein Rat fuhr er auf seinem Absatz herum, wünschte sich in die nächste große Stadt, und die Pantoffeln ruderten hinauf in die Lüfte, liefen mit Windeseile durch die Wolken, und ehe sich der kleine Muck noch besinnen konnte, wie ihm geschah, befand er sich schon auf einem großen Marktplatz, wo viele Buden aufgeschlagen waren und unzählige Menschen geschäftig hin und herliefen.

Er ging unter den Leuten hin und her, hielt es aber bald für ratsamer, sich in eine einsamere Straße zu begeben, denn auf dem Markt trat ihm bald da einer auf die Pantoffeln, dass er beinahe umfiel. Bald stieß er mit seinem weit hinausstehenden Dolch einen oder den anderen an, daß er mit Mühe den Schlägen entging. Der kleine Muck bedachte nun ernstlich, was er wohl anfangen könnte, um sich ein Stück Geld zu verdienen. Er hatte zwar ein Stäblein, das ihm verborgene Schätze anzeigte, aber wo sollte er gleich einen Platz finden, wo Gold und Silber vergraben wäre? Auch hätte er sich zur Not für Geld sehen lassen können, aber dazu war er doch zu stolz.

Endlich fiel ihm die Schnelligkeit seiner Füße ein. Hm, vielleicht, so dachte er, können mir meine Pantoffelnunterheit gewähren. Und er beschloss, sich als Schnelläufer zu verdingen. Da er aber hoffen durfte, dass der König dieser Stadt solche Dienste am besten bezahle, so erfragte er den Palast. Unter dem Tor des Palastes stand eine Wache, die ihn fragte, was er hier zu suchen habe. Auf seine Antwort, dass er einen Dienst suche, wies man ihn zum Aufseher der Sklaven. Diesen trug er sein Anliegen vor und bat ihn, ihm einen Dienst unter den königlichen Boten zu besorgen. Der Aufseher maß ihn mit seinen Augen von Kopf bis zu den Füßen und sprach: "Wie? Mit deinen Füßlein, die kaum so lang als eine Spanne sind,

willst du königlicher Schnelläufer werden? Hebe dich weg. Ich bin nicht dazu da, mit jedem Narren Kurzweil zu machen. Der kleine Muck versicherte ihn aber, dass es ihm vollkommen ernst sei mit seinem Antrag und dass er es mit dem schnellsten auf eine Wette ankommen lassen wollte. Dem Aufseher kam die Sache gar lächerlich vor. Er befahl ihm, sich bis auf den Abend zu einem Wettlauf bereitzuhalten, führte ihn in die Küche und sorgte dafür, daß ihm gehörig Speiß und Trank gereicht wurde. Er selbst aber begab sich zum König und erzählte ihm vom kleinen Muck und seinem Anerbieten. Der König war ein lustiger Herr, daher gefiel es ihm wohl, dass der Aufseher der Sklaven den kleinen Menschen zu einem Spaß behalten habe. Er

befahl ihm, auf einer großen Wiese hinter dem Schloss Anstalten zu treffen, dass das Wettlaufen mit Bequemlichkeit von seinem ganzen Hofstaat könnte gesehen werden und empfahl ihm nochmals, große Sorgfalt für den Zwerg zu haben. Der König erzählte seinen Prinzen und Prinzessinnen, was sie diesen Abend für ein Schauspiel haben würden. Diese erzählten es wieder ihren Dienen. Und als der Abend herankam, war man in gespannter Erwartung.

Und alles, was Füße hatte, strömte hinaus auf die Wiese, wo Gerüste aufgeschlagen waren, um den großerischen Zwerg laufen zu sehen. Als der König und seine Söhne und Töchter auf dem Gerüst Platz genommen hatten, trat der kleine Muck heraus auf die Wiese und machte vor den hohen Herrschaften eine überausziierliche Verbeugung.

Ein allgemeines Freudengeschrei ertönte, als man den Kleinen ansichtig wurde. Eine solche Figur hatte man dort noch nie gesehen. Das Körperlein mit dem mächtigen Kopf, das Männelein und die weiten Beinkleider, der lange Dolch in dem breiten Gürtel, die kleinen Füßlein in den weiten Pantoffeln. Nein, es war zu drulig anzusehen, als daß man nicht hätte laut lachen sollen. Der kleine Muck ließ sich aber durch das Gelächter nicht irre machen.

Er stellte sich stolz auf sein Stöcklein gestützt hin und erwartete seinen Gegner. Der Aufseher der Sklaven hatte nach Mucks eigenem Wunsche den besten Läufer ausgesucht. Dieser trat nun heraus, stellte sich neben den Kleinen und beide harrten auf das Zeichen. Da winkte die Prinzessin am Marsa, wie es ausgemacht war, mit ihrem Schleier und wie zwei Pfeile auf dasselbe Ziel abgeschossen, flogen die beiden Wettläufer über die Wiese hin.

Von Anfang hatte Mucksgegner einen bedeutenden Vorsprung, aber diese jagte ihm auf seinem Pantoffelfuhrwerk nach, holte ihn ein, überfing ihn und stand längst am Ziele, als jener noch nach Luft schnappend daherlief. Verwunderung und Staunen fesselte eine Augenblicke die Zuschauer. Als aber der König zuerst in die Hände klatschte, da jauchzte die Menge und alle riefen: "Hoch lebe der kleine Muck, der Sieger im Bettlauf.

Man hatte in desin kleine Muck herbeigebracht. Er warf sich vor dem König nieder und sprach: "Großmächtigster König, ich habe dir hier nur eine kleine Probe meiner Kunst gegeben. Wolle nur gestatten, dass man mir eine Stelle unter deinen Läufern gebe." Der König aber antwortete ihm: "Nein, du sollst mein Leibläufer und immer um meine Person sein, lieber Muck.

Jährlich sollst du hundert Goldstücke erhalten als Lohn und an der Tafel meiner ersten Diener sollst du speisen. So glaubte den Muck endlich das Glück gefunden zu haben, dass er so lange suchte und war fröhlich und wohlgemut in seinem Herzen. Auch erfreute er sich der besonderen Gnade des Königs, denn dieser gebrauchte ihn zu seinen schnellsten und geheimsten Sendungen, die er dann mit der größten Genauigkeit und mit unbegreiflicher Schnelle besorgte.

Aber die übrigen Diener des Königs waren ihm gar nicht zugetan, weil sie sich ungern durch einen Zwerg, der nichts verstand als schnell zu laufen, in der Gunst ihres Herren zurückgesetzt sahen. Sie veranstalteten daher manche Verschwörung gegen ihn, um ihn zu stürzen, aber alle schlugen fehl an dem großen Zutrauen, dass der König in seinen geheimen Oberleibläufer, denn zu dieser Würde hatte er es in so kurzer Zeit gebracht, setzte. Muck, dem diese Bewegungen gegen ihn nicht entgingen, sann nicht auf Rache. Dazu hatte er ein zu gutes Herz.

Nein, auf Mittel dachte er, sich bei seinen Feinden notwendig und beliebt zu machen. Da fiel ihm sein Stäplein, das er in seinem Glück außer Acht gelassen hatte, ein. Wenn er Schätze finde, dachte er, werden ihm die Herren schon geneigter werden. Er hatte schon oft gehört, daß der Vater des jetzigen Königs viele seiner Schätze vergraben habe, als der Feind sein Land überfallen. Man sagte auch, er sei darüber gestorben, ohne dass er sein Geheimnis habe seinem Sohn mitteilen können. Von nun an nahm Muck immer sein Stöcklein mit, in der Hoffnung, einmal an einem Ort vorüberzugehen, wo das Gold des alten Königs vergraben sei. Eines Abends führte ihn der Zufall in einen entlegenen Teil des Schlosskartens, den er wenig besuchte,

und plötzlich fühlte er das Stärplein in seiner Hand zucken und dreimal schlug es gegen den Boden. Nun wußte er schon, was dies zu bedeuten hatte. Er zog daher seinen Dolch heraus, machte Zeichen in die umstehenden Bäume und schlich sich wieder in das Schloss. Dort verschaffte er sich einen Sparten und wartete die Nacht zu seinem Unternehmen ab. Das Schatzgraben selbst machte übrigens dem kleinen Muck mehr zu schaffen, als er geglaubt hatte. Seine Arme waren g schwach, sein Sparten aber groß und schwer, und er mochte wohl schon zwei Stunden gearbeitet haben, ehe er ein Parfuß tief gegraben hatte. Endlich stieß er auf etwas Hartes, das wie Eisen klang.

Er grub jetzt emsiger und bald hatte er einen großen eisernen Deckel zutage gefördert. Er stieg selbst in die Grube hinab, um nachzuspähen, was wohl der Deckel könnte bedeckt haben, und fand richtig einen großen Topf mit Goldstücken angefüllt, aber seine schwachen Kräfte reichten nicht hin, den Topf zu heben.

steckte er in seine Beinkleider und seinen Gürtel, so viel er zu tragen vermochte, und auch sein Mäntelein füllte er damit, bedeckte das Übrige wieder sorgfältig und locken. Aber wahrlich, wenn er die Pantoffel nicht an den Füßen gehabt hätte, er wäre nicht vom Fleck gekommen, so zog ihn die Last des Goldes nieder.

Doch unbemerkt kam er bis auf sein Zimmer und verwahrte dort sein Gold unter den Polstern seines Sofas. Als der kleine Muck sich im Besitz so vielen Goldes sah, glaubte er, das Blatt werde sich jetzt wenden und er werde sich unter seinen Feinden am Hof viele Gönner und warme Anhänger erwerben. Aber schon daran konnte man erkennen, dass der gute Muck keine gar sorgfältige Erziehung genossen haben musste, sonst hätte er sich wohl nicht einbilden können, durch Gold wahre Freunde zu gewinnen. Ach, dass er damals seine Pantoffeln geschmiert und sich mit seinem Mäntelein voll Gold aus dem Staub gemacht hätte. Das Gold, das der kleine Muck von jetzt an mit vollen Händen austeilte, erweckte den Neid der übrigen

Hofbedienten. Küchenmeister Ahuli sagte, er ist ein Falschmünzer. Der Sklavufseher Ahmed sagte, er hat's dem König abgeschwatzt. Arschas, der Schatzmeister, aber sein ärgster Feind, der selbst hier und da einen Griff in des Königs Kasse tun mochte, sagte geradezu: "Er hat's gestohlen." Um nun ihrer Sache gewiss zu sein, verabredeten sie sich, und der Ober Mundschenk Kurchus stellte sich eines Tages recht traurig und niedergeschlagen vor die Augen des Königs. Er machte seine traurigen Gebärden so auffallend, dass ihn der König fragte, was ihm fehle. "Ach", antwortete er, "ich bin traurig, dass ich die Gnade meines Herrn verloren habe." "Was vorbelst du, Freund Couros?", entgegnete ihm der König. "Seit wann hätte ich die Sonne

meiner Gnade nicht über dich leuchten lassen? Der Obermundschenk antwortete ihm, dass er den geheimen Oberleibläufer mit Gold belade, seinen armen treuen Dienen aber nichts gebe. Der König war sehr erstaunt über diese Nachricht, ließ sich die Goldausteilungen des kleinen Muck erzählen und die Verschworen brachten ihm leicht den Verdacht bei, dass Muck auf irgendeine Art das Geld aus der Schatzkammer gestohlen habe.

Sehr lieb war diese Wendung der Sache dem Schatzmeister, der ohnehin nicht gerne Rechnung ablegte. Der König gab daher den Befehl, heimlich auf alle Schritte des kleinen Muckacht zu geben, um ihn womöglich auf der Tat zu ertappen. Als nun in der Nacht, die auf diesen Unglückstag folgte, der kleine Muck, der durch seine Freigebkeit um seine Kasse sehr erschöpft sah, den Sparten nahm und in den Schlossgarten schlich, um dort von seinem geheimen Schatze neuen Vorrat zu holen, folgten ihm von weitem die Wachen, von dem Küchenmeister Ahli und Archas, dem Schatzmeister, angeführt und in dem Augenblick, da das Gold aus dem Topf in sein Mäntelein legen wollte, fielen sie über ihn her, banden ihn und führten ihn sogleich vor den

König. Dieser, denin die Unterbrechung seines Schlafes mürrisch gemacht hatte, empfing seinen armen geheimen Oberleibläufer sehr ungnädig und stellte sogleich das Verhör über ihn an. Man hatte den Topf vollend aus der Erde gegraben und mit dem Sparten und dem Mäntelein voll Gold vor die Füße des Königs gesetzt.

Der Schatzmeister sagte aus, daß er mit seinen Wachen den Muck überrascht habe, wie er diesen Topf mit Gold gerade in die Erde gegraben habe. Der König befragte hierauf den Angeklagten, ob es wahr sei und woher er das Gold, das er vergraben, bekommen habe. Der kleine Muck im Gefühl seiner Unschuld sagte aus, dass er diesen Topf im Garten entdeckt habe, dass er ihn habe nicht ein, sondern ausgraben wollen. Alle Anwesenden lachten laut über diese Entschuldigung. Der König aber, aufs Höchste erzirend über die vermeintliche Frechheit des Kleinen, rief aus: "Wie, du Elender, du willst deinen König so dumm und schändlich belügen, nachdem du ihn bestohlen hast."

Schatzmeister Archas, ich fordere dich auf zu sagen, ob du diese Summe Goldes für die nämliche erkennst, die in meinem Schatze fehlt. Der Schatzmeister aber antwortete: Er sei seiner Sache ganz gewiss. So viel und noch mehr fiele seit einiger Zeit in dem königlichen Schatz. und er könnte einen Eid darauf ablegen, daß dies das Gestohlene sei. Da befahl der König, den kleinen Muck in enge Ketten zu legen und in den Turm zu führen. Dem Schatzmeister aber übergab er das Gold, um es wieder in den Schatz zu tragen. Vergnügt über den glücklichen Ausgang der Sache zog dieser ab und zählte zu Hause die blinkenden Goldstücke. Aber das hat dieser schlechte Mann niemals angezeigt, dass unten in dem Topf ein

Zettel lag, der sagte: "Der Feind hat mein Land überschwemmt, daher verberge ich hier einen Teil meiner Schätze. Wer es auch finden mag, den Treffe der Fluch seines Königs, wenn er es nicht so gleich meinem Sohne ausliefert, König Sadi. Der kleine Muck stellte in seinem Kerker traurige Betrachtungen an. Er wusste, dass auf Diebstahl an königlichen Sachen der Tod gesetzt war.

Und doch mochte er das Geheimnis mit dem Stäbchen dem König nicht verraten, weil er mit Recht fürchtete, dieses und seine Pantoffeln beraubt zu werden. Seine Pantoffeln konnten ihm leider auch keine Hilfe bringen, denn da er in engen Ketten an die Mauer geschlossen war, konnte er, so sehr sich quälte, sich nicht auf dem Absatz umdrehen. Als ihm aber am anderen Tage seinen Tod angekündigt wurde, dachte er doch, es sei besser, ohne das Zauberstäbchen zu leben, als mit ihm zu sterben, ließ den König um geheimes Gehör bitten und entdeckte ihm das Geheimnis.

Der König maß von Anfang seinem Geständnis keinen Glauben bei, aber der kleine Muck versprach eine Probe, wenn ihm der König zugestünde, dass er nicht getötet werden solle. Der König gab ihm sein Wort darauf und ließ von Muck ungesehen einiges Gold in die Erde graben und befahl diesem mit seinem Stäbchen zu suchen. In wenigen Augenblicken hatte er es gefunden, denn das Stäbchen schlug deutlich dreimal auf die Erde. Da merkte der König, dass ihn sein Schatzmeister betrogen hatte und sandte ihm, wie es im Morgenland gebräuchlich ist, eine seidene Schnur, damit er sich selbst erdrossle. Zum kleinen Muck aber sprach er: "Ich habe dir zwar dein Leben versprochen, aber es scheint mir, als ob du nicht nur allein dieses Geheimnis mit

dem Stäbchen besitzest. Darum bleibst du in ewiger Gefangenschaft, wenn du nicht gestehst, was für eine Bewandnis es mit deinem Schnelllaufen hat. Der kleine Muck, den die einzige Nacht im Torm alle Lust zu längerer Gefangenschaft benommen hatte, bekannte, dass seine ganze Kunst in den Pantoffeln liege, doch lehrte er den König nicht das Geheimnis von dem dreimaligen Umdrehen auf dem Absatz.

Der König schlüpfte selbst in die Pantoffel, um die Probe zu machen, und jagte wie unsinnig im Garten umher. Oft wollte er anhalten, aber er wusste nicht, wie man die Pantoffeln zum Stehen brachte. Und der kleine Muck, der diese kleine Rache sich nicht versagen konnte, ließ ihn laufen, bis er ohnmächtig niederfiel. Als der König wieder zur Besinnung zurückgekehrt war, war er schrecklich aufgebracht über den kleinen Muck.

der ihn so ganz außer Atem hatte laufen lassen. Ich habe dir mein Wort gegeben, dir Freiheit und Leben zu schenken. Aber innerhalb 12 Stunden musst du mein Land verlassen haben, sonst lasse ich dich aufknüpfen. Die Pantoffeln und das Stäbchen aber ließ er in seine Schatzkammer legen. So arm als je wanderte der kleine Muck zum Land hinaus. seine Torheit verwünschend, die ihm vorgespiegelt habe, er könne eine bedeutende Rolle am Hofe spielen. Das Land, aus dem er gejagt wurde, war zum Glück nicht groß. Daher war er schon nach 8 Stunden auf der Grenze. Obgleich ihm das gehen, da er an seine lieben Pantoffeln gewöhnt war, sehr sauer ankam.

Als er über der Grenze war, verließ er die gewöhnliche Straße, um die dichteste Einöde der Wälder aufzusuchen und dort nur sicht zu leben, denn er war allen Menschen Kram. In einem dichten Walde traf er auf einen Platz, der ihm zu dem Entschluss, den er gefasst hatte, ganz tauglich schien. Ein klarer Bach von großen schattigen Feigenbäumen umgeben, ein weicher Rasen luden ihn ein. Hier warf er sich nieder mit dem Entschluss, keine Speise mehr zu sich zu nehmen, sondern hier den Tod zu erwarten. Über traurige Todesbetrachtungen schlief er ein.

Als er aber wieder aufwachte und der Hunger ihn zu quälen anfing, bedachte er doch, daß der Hungertod eine gefährliche Sache sei und sah sich um, ob er nirgends etwas zu essen bekommen könnte. Köstliche reife Feigen hingen an dem Baume, unter welchem er geschlafen hatte. Er stieg hinauf, um sich einige zu pflücken, ließ es sich trefflich schmecken und ging dann hinunter an den Bach. um seinen Durst zu löschen. Aber wie groß war sein Schrecken, als ihm das Wasser seinen Kopf mit zwei gewaltigen Ohren und einer dicken langen Nase geschmückt zeigte. Bestürzt griff er mit den Händen nach den Ohren und wirklich, sie waren über eine halbe Elle lang. "Ich verdiene Esels Ohren", rief er aus.

denn ich habe mein Glück wie ein Esel mit Füßen getreten. Er wandelte nun den Bäumen umher und als er wieder Hunger fühlte, musste er noch einmal zu den Feigen seine Zuflucht nehmen, denn sonst fand er nichts essbares an den Bäumen. Als sie ihm über der zweiten Portion Feigen einfiel, obwohl seine Ohren nicht unter seinem großen Turbannplatz hätten, damit er doch nicht gar so lächerlich ausseähe, fühlte er, dass seine Ohren verschwunden sein. Er lief gleich an den Bach zurück, um sich davon zu überzeugen. Und wirklich, es war so. Seine Ohren hatten ihre vorige Gestalt, seine lange, unfirmliche Nase war nicht mehr. Jetzt merkte er aber, wie dies gekommen war.

Von dem ersten feigen Baum hatte er die lange Nase und Ohren bekommen. Der zweite hatte ihn geheilt. Freudig erkannte er, dass ein gütiges Geschick ihm noch einmal die Mittel in die Hand gebe, glücklich zu sein. Er pflückte, da er von jedem Baum so viel er tragen konnte und ging in das Land zurück, dass er vor kurzem verlassen hatte.

Dort machte er sich in dem ersten Städtchen durch andere Kleider ganz unkenntlich und ging dann weiter auf die Stadt zu, die jener König bewohnte, und kam auch bald dort an. Es war gerade zu einer Jahreszeit, wo reife Früchte noch ziemlich selten waren. Der kleine Muck setzte sich daher unter das Tor des Palastes, denn ihr war von früherer Zeit her wohl bekannt, dass ihr solche Seltenheiten von dem Küchenmeister für die königliche Tafel eingekauft worden. Muck hatte noch nicht lange gesessen, als er den Küchenmeister über den Hof herüberschritten sah.

ermusterte die Waren der Verkäufer, die sie am Tor des Palastes eingefunden hatten. Endlich fiel sein Blick auch auf Muckskörbchen. "Ah ein seltener Bissen", sagte er, "direko Majestät gewiss behagen wird. Was willst du für den ganzen Korb?" Der kleine Muck bestimmte einen mäßigen Preis und sie waren bald des Handels einig.

Der Küchenmeister übergab den Korb einen Sklaven und ging weiter. Der kleine Muck aber machte sich einstweilen aus dem Staub, weil er befürchtete, wenn sich das Unglück an den Köpfen des Hofes zeige, möchte man ihn als Verkäufer aufsuchen und bestrafen. Der König war über Tisch um sehr heiter gestimmt und sagte seinem Küchenmeister einmal über das andere Lobsprüche wegen seiner guten Küche und der Sorgfalt, mit der immer das Seltste für ihn aussuche. Der Küchenmeister, aber, welcher wohl wusste, welchen Leckerbissen er noch im Hintergrund habe, schmunzelte gar freundlich und ließ nur einzelne Worte fallen als es ist erst noch nicht aller Tage Abend oder Ende gut, alles gut. sodass die Prinzessinnen sehr neugierig wurden,

was er wohl noch bringen werde. Als er aber die schönen einladenden Feigen aufsetzen ließ, da entfloh ein allgemeines A dem Munde der Anwesenden. "Wie reif! Wie appetitlich!", rief der König. Küchenmeister, du bist ein ganzer Kerl und verdienst unsere ganz besondere Gnade." Also sprechend teilte der König, der mit solchen Leckerbissen sehr sparsam zu sein pflegte, mit eigener Hand die Feigen an seiner Tafel aus.

Jeder Prinz und jede Prinzessin bekamen zwei, die Hofdamen und die Visiere und Agas eine. Die Übrigen stellte er vor sich hin und begann mit großem Behagen sie zu verschlingen. "Ach lieber Gott, wie siehst du so wunderlich aus, Vater?" rief auf einmal die Prinzessin Armasa. Alle sahen den König erstaunt an. Ungeheure Ohren hingen ihm am Kopf.

Eine lange Nase zog sich über sein Kinn herunter. Auch sich selbst betrachteten sie untereinander mit Staunen und Schrecken. Alle waren mehr oder minder mit dem sonderbaren Kopfputz geschmückt. Man denke sich den Schrecken des Hofes. Man schickte sogleich nach allen Ärzten der Stadt. Sie kamen haufenweise, verordneten Pillen und Mixturen, aber die Ohren und die Nasen blieben. Man operierte einen der Prinzen, aber die Ohren wuchsen nach.

Muck hatte die ganze Geschichte in seinem Versteck, wohin er sich zurückgezogen hatte, gehört und erkannte, dass es jetzt Zeit sei zu handeln. Er hatte sich schon vorher von dem aus den feigen gelösten Geld einen Anzug verschafft, der ihn als Gelehrten darstellen konnte. Ein langer Bart aus Ziegenhaaren vollendete die Täuschung.

Mit einem Säckchen voll Feigen wanderte er in den Palast des Königs und bot als fremder Arzt seine Hilfe an. Man war von Anfang sehr ungläubig, als aber der kleine Muckane Feige einem der Prinzen zu essen gab und Ohren und Nase dadurch in den alten Zustand zurückbrachte. Da wollte alles von dem fremden Arzt geheilt sein. Aber der König nahm ihn schweigend bei der Hand und führte ihnen sein Gemar. Dort schloss er seine Türe auf, die ihn in die Schatzkammer führte und winkte Muck ihm zu folgen. "Hier sind meine Schätze", sprach der König.

Wähle dir, was es auch sei. Es soll dir gewährt werden, wenn du mich von diesem schmachvollen Übel befreist. Das war süße Musik in des kleinen Mucks Ohren. Er hatte gleich beim Eintritt seine Pantoffeln auf dem Boden stehen sehen. Gleich daneben lag auch sein Stäbchen. Er ging nun umher in dem Saal, wie wenn er die Schätze des Königs bewundern wollte. Kaum aber war er an seine Pantoffeln gekommen, so schlüpfte er eilend hinein, er griff sein Stäbchen, riß seinen falschen Bart herab und zeigte dem erstaunten König das wohlbekannte Gesicht seines verstoßenen Muck.

Treuloser König, sprach er, der du treue Dienste mit Undank lohnst, nimm als wohlverdiente Strafe die Missgestalt, die du trägst. Die Ohren lasse ich dir zurück, damit sie dich täglich erinnern an den kleinen Muck. Als er so gesprochen hatte, drehte er sich schnell auf dem Absatz herum, wünschte sich weit hinweg und ehe noch der König um Hilfe rufen konnte, war der kleine Muck entflohen. Seitdem lebt der Kleine hier in großem Wohlstand, aber einsam, denn er verachtet die Menschen. Er ist durch Erfahrung ein weiser Mann geworden, welcher wennnoch sein Äußeres etwas Auffallendes haben mag, deine Bewunderung mehr als deinen Spott verdient.

So erzählte mir mein Vater. Ich bezeugte ihm meine Reue über mein rohes Betragen gegen den guten kleinen Mann und mein Vater schenkte mir die andere Hälfte der Strafe, die er mir zugedacht hatte. Ich erzählte meinen Kameraden die wunderbaren Schicksale des Kleinen, und wir gewannen ihn so lieb, dass ihn keiner mehr schimpfte. Im Gegenteil, wir errten ihn.

solange er lebte und haben uns vor ihm immer so tief als vor Kadi und Mufti gebückt. Die Geschichte von der Abgehauen Ich bin in Konstantinopel geboren. Mein Vater war ein Dolmetscher am türkischen Hof und triebi einen ziemlich einträglichen Handel mit wohlriechenden Essenzen und seiden Stoffen. Er gab mir eine gute Erziehung, indem er mich teils selbst unterrichtete, teils von einem unserer Brester mir Unterricht geben ließ.

Er bestimmte mich anfangs, seinen Laden einmal zu übernehmen. Als ich aber größere Fähigkeiten zeigte, als er erwartet hatte, bestimmte er mich auf das Anraten seiner Freunde zum Arzt. Weil ein Arzt, wenn er etwas mehr gelernt hat, als die gewöhnlichen Marktschreier in Konstantinopel sein Glück machen kann.

Es kamen viele Franken in unser Haus und einer davon überredete meinen Vater, mich in sein Vaterland nach der Stadt Paris reisen zu lassen, wo man solche Sachen unentgeltlich und am besten lernen könne. Er selbst aber wolle mich, wenn er zurückreise, umsonst mitnehmen. Mein Vater, der in seiner Jugend auch gereist war, schlug ein und der Franke sagte mir, ich könne mich in drei Monaten bereihalten. Ich war außer mir vor Freuden, fremde Länder zu sehen und konnte den Augenblick nicht erwarten, wo wir uns einschiffen würden. Der Franke hatte endlich seine Geschäfte abgemacht und sich zur Reise bereitet. Am Vorabend der Reise führte mich mein Vater in sein Schlafkämmerlein. Dort sah ich schöne Kleider und Waffen auf dem Tische

liegen. Was meine Blicke aber noch mehr anzog, war ein großer Haufe Goldes, denn ich hatte noch nie so viel beieinander gesehen. Mein Vater umarmte mich dort und sagte: "Siehe, meinen Sohn, ich habe dir Kleider zu der Reise besorgt. Jene Waffen sind dein. Es sind die nämlichen, die mir dein Großvater umhingen, als ich in die Fremde auszog. Ich weiß, du kannst sie führen.

Gebrauche sie aber nie, als wenn du angegriffen wirst, dann aber schlage auch tüchtig drauf. Mein Vermögen ist nicht groß. Siehe, ich habe es in drei Teile geteilt und einer davon ist dein. Einer davon sei mein Unterhalt und Notpfennig. Der Dritte aber sei mir ein heiliges, unantastbares Gut. Er diene dir in der Stunde der Not.

So sprach mein alter Vater und Tränen hingen ihm im Auge. Vielleicht aus Ahnung, denn ich habe ihn nie wiedergesehen. Die Reise ging gut von Statten. Wir waren bald im Lande der Franken angelangt und sechs Tagreisen herach kamen wir in die große Stadt Paris. Hier mietete mir mein fränkischer Freund ein Zimmer und riet mir, mein Geld, das in allem Zweitausend Taler betrug, vorsichtig anzuwenden. Ich lebte drei Jahre in dieser Stadt und lernte, was ein tüchtiger Arzt wissen muss. Ich müsste aber lügen, wenn ich sagte, dass ich gerne dort gewesen sei, denn die Sitten dieses Volkes gefielen mir nicht. Auch hatte ich nur wenige gute Freunde dort.

Diese aber waren edle junge Männer. Die Sehnsucht nach der Heimat wurde endlich mächtig in mir. In der ganzen Zeit hatte ich nichts von meinem Vater gehört und ich ergriff daher eine günstige Gelegenheit nach Hause zu kommen. Es ging nämlich eine Gesandschaft aus Frankenland an den türkischen Hof. Ich verdang mich als Wundarzt in das Gefolge des Gesandten und kam glücklich wieder nach Stanul.

Das Haus meines Vaters aber fand ich verschlossen, und die Nachbarn staunten, als sie mich sahen, sagten mir: "Mein Vater sei vor zwei Monaten gestorben." Jener Priester, der mich in meiner Jugend unterrichtet hatte, brachte mir den Schlüssel allein und verlassen zog ich in das verödete Haus ein. Ich fand noch alles, wie es mein Vater verlassen hatte. Nur das Gold, das er mir zu hinterlassen versprach, fehlte. Ich fragte den Priester danach und dieser verneigte sich und sprach: "Euer Vater ist als ein heiliger Mann gestorben, denn er hat seinen Gold der Kirche vermacht." Dies war und blieb mir unbegreiflich. Doch was wollte ich machen? Ich hatte keine Zeugen gegen den Priester und musste froh sein, dass er

nicht auch das Haus und die Waren meines Vaters als Vermächtnis angesehen hatte. Dies war das erste Unglück, das mich traf. Von jetzt an aber kam es Schlag auf Schlag. Mein Ruf als Arzt wollte sich gar nicht ausbreiten, weil ich mich schämte, den Marktschreier zu machen. Und überall fehlte mir die Empfehlung meines Vaters, der mich bei den reichsten und vornehmsten eingeführt hätte, die jetzt nicht mehr an den armen Zaloikos dachten. Auch die Waren meines Vaters fanden keinen Abgang, denn die Kunden hatten sich nach seinem Tode verlaufen, und neue bekommt man nur langsam.

Als ich einst trostlos über meine Lage nachdachte, fiel mir ein, daß ich oft in Franken Männer meines Volkes gesehen hatte, die das Land durchzogen und ihre Waren auf den Märkten der Städte auslegten. Ich erinnerte mich, dass man ihnen gerne abkaufte, weil sie aus der Fremde kamen und dass man bei solchem Handel das Hundertfache erwerben könne.

Sogleich war auch mein Entschluss gefasst. Ich verkaufte mein väterliches Haus, gab einen Teil des gelösten Geldes, einem bewährten Freunde zum Aufbewahren. Von dem übrigen aber kaufte ich, was meinen Franken selten hat, Schals, seidene Zeuge, Salben und Öle, mietete einen Platz auf einem Schiff und trat so meine zweite Reise nach Franken an. Es schien als ob das Glück, sobald ich die Schlösser der Dardanellen im Rücken hatte, wie wieder günstig geworden wäre. Unsere Fahrt war kurz und glücklich. Ich durchzogen und kleinen Städte der Franken und fand überall willige Käufer für meine Waren. Mein Freund in Istanbul sandte mir immer wieder frische Vorräte und ich wurde von Tag zu Tag wohlhabender. Als ich endlich so viel

erspartte, dass ich glaubte, ein größeres Unternehmen wagen zu können, zog ich mit meinen Wagen nach Italien. Etwas muß ich aber noch gestehen, was mir auch nicht wenig Geld einbrachte. Ich nahm auch meine Arzneikunst z. Hilfe. Wenn ich in eine Stadt kam, ließ ich durch Zettel verkünden, dass ein griechischer Arzt da sei, der schon viele geheilt habe. Und wahrlich, mein Balsam und meine Arzneien haben mir manche Zerchine eingebracht.

So war ich endlich nach der Stadt Florenz in Italien gekommen. Ich nahm mir vor, längere Zeit in dieser Stadt zu bleiben, teils weil sie mir sowohl gefiel und teils auch, weil ich mich von den Strapazen meines Umherziehens erholen wollte. Ich miete mir ein Gewölbe in dem Stadtviertel Santa Kroche und nicht weit davon ein paar schöne Zimmer, die auf einen Altar führten in einem Wirus. Sogleich ließ ich auch meine Zettel umherragen, die mich als Arzt und Kaufmann ankündigten. Ich hatte kaum mein Gewebe eröffnet, so strömten auch die Käufer herzu, und ob ich gleich ein wenig hohe Preise hatte, so verkaufte ich doch mehr als andere, weil ich gefällig und freundlich gegen meine Kunden war. Ich hatte schon vier Tage vergnügt in

Florenz verlebt, als sich eines Abends, da ich schon mein Gewölbe schließen und nur die Vorräte in meinen Salbenbüchsen nach meiner Gewohnheit noch einmal mustern wollte, in einer kleinen Büchse einen Zettel fand, den ich mich nicht erinnerte, hineinetan zu haben. Ich öffnete den Zettel und fand darin eine Einladung. Diese Nacht punkt zwelfr auf der Brücke, die mein Ponteveio heißt, mich einzufinden. Ich san lange darüber nach, wer es wohl sein könnte, der mich dorthin einlut. Da ich aber keine Seele in Forenz kannte, dachte ich, man werde mich vielleicht heimlich zu irgendeinem Kranken führen wollen, was schon öfter geschehen war. Ich beschloß also hinzugehen, doch hing ich zur Vorsicht den Säbel um, den mir einst mein Vater

geschenkt hatte. Als es stark gegen Mitternacht ging, machte ich mich auf den Weg und kam bald auf die Ponteveio. Ich fand die Brücke verlassen und öde und beschloss zu warten, bis der erscheinen würde, der mich rief. Es war eine kalte Nacht. Der Mond schien hell und ich schaute hinab in die Wellen des Arno, die weitem im Mondlicht schimmerten. Auf den Kirchen der Stadt schlug es jetzt 12 Uhr und ich richtete mich auf. Und vor mir stand ein großer Mann ganz in einen roten Mantel gehüllt, dessen einen Zipfel er vor das Gesicht hielt. Ich war von Anfang an etwas erschrocken, weil er so plötzlich hinter mir stand, faßte mich aber sogleich wieder und sprach: "Wenn ihr mich habt hierher bestellt, so sagt an, was steht zu eurem

Befehl?" Der Rotmantel wandte sich um und sagte langsam: "Folge!" Da wart mir es doch etwas unheimlich zum Mut, mit diesem Unbekannten allein zu gehen. Ich blieb stehen und sprach. Nicht also, lieber Herr, wollt ihr mir vorerst sagen, wohin auch? Könnet ihr mir euer Gesicht ein wenig zeigen, dass ich sehe, ob ihr Gutes mit mir vorhabt? Der Rote aber schien sich nicht darum zu kümmern. Wenn du nicht willst, Zaloikos. So, bleibe antwortete er und ging weiter. Da entbrannte mein Zorn. Meinet ihr? Rief ich aus. Ein Mann wie ich lasse sich von jedem Narren foppen und ich werde in dieser kalten Nacht umsonst gewartet haben. In drei Sprüngen hatte ich ihn erreicht, packte ihn an seinem Mantel und schrie noch

lauter, indem ich die andere Hand an den Säbel legte. Aber der Mantel blieb mir in der Hand, und der Unbekannte war um die nächste Ecke verschwunden. Mein Zorn legte sich nach und nach. Ich hatte doch den Mantel und dieser sollte mir schon den Schlüssel zu diesem wunderlichen Abenteuer geben. Ich hing ihn um und ging meinen Weg wieder nach Hause. Als ich kaum noch hundert Schritte davon entfernt war, streifte jemand dicht an mir vorüber und flüsterte in fränkischer Sprache: "Nehmt euch in Achtgarb. Heute Nacht ist nichts zu machen. Wie ich mich aber umsehen konnte, war dieser jemand schon vorbei und ich sah nur noch einen Schatten an den Häusern hinschweben. Dass dieser zuruf den Mantel und nicht mich anging,

sah ich ein, doch gab er mir kein Licht über die Sache. Am anderen Morgen überlegte ich, was zu tun sei. Ich war von Anfang an gesonnen, den Mantel ausrufen zu lassen, als hätte ich ihn gefunden. Doch da konnte der Unbekannte ihn durch einen dritten holen lassen und ich hätte dann keinen Aufschluss über die Sache gehabt.

Ich besah, indem ich so nachdachte, den Mantel näher. Er war von schwerem genuischem Samt, purpurrot, mit astrachanischem Pelz verbrämt und reich mit Gold gestickt. Der prachtvolle Anblick des Mantels brachte mich auf einen Gedanken, den ich auszuführen beschloss. Ich trug ihn mein Gewbe und legte ihn zum Verkauf aus, setzte aber auf ihn einen so hohen Preis, dass ich gewiss war, keinen Käufer zu finden. Mein Zweck dabei war, jeden, der nach dem Pelz fragen würde, schärfe ins Auge zu fassen, denn die Gestalt des Unbekannten, die sich mir nach Verlust des Mantels, wenn auch nur flüchtig doch bestimmt zeigte, wollte ich aus tausenden erkennen. Es fanden sich viele Kauflustige zu dem Mantel, dessen

außerordentliche Schönheit alle Augen auf sich zog. Aber keinerlich entfernt dem Unbekannten. Keiner wollte den hohen Preis von zweiundert zerschienen dafür bezahlen. Auffallend war mir dabei, dass wenn ich einen oder den anderen fragte, ob denn sonst kein solcher Mantel in Florenz sei, alle mit nein antworteten und versicherten eine so kostbare und geschmackvolle Arbeit nie gesehen zu haben. Es wollte schon Abend werden. Da kam endlich ein junger Mann, der schon oft bei mir gewesen war und auch heute viel auf den Mantel geboten hatte, warf einen Beutel mit Zerschienen auf den Tisch und rief: "Bei Gott, Zukos, ich muss deinen Mantel haben und sollte ich zum Bettler darüber werden." Zugleich begann er seine Goldstücke

aufzuzählen. Ich kam in große Not. Ich hatte den Mantel nur ausgehängt, um vielleicht die Blicke meines Unbekannten darauf zu ziehen, und jetzt kam ein junger Tor, um den ungeheuren Preis zu zahlen. Doch was blieb mir übrig? Ich gab nach, denn es tat mir auf der anderen Seite der Gedanke wohl, für mein nächtliches Abenteuer so schön entschädigt zu werden. Der Jüngling hing sich den Mantel um und ging. Er kehrte aber auf der Schwelle wieder um, indem er ein Papier, das am Mantel befestigt war, losmachte. mir zuwarf und sagte: "Hier, Zaloos hängt etwas, das wohl nicht zu dem Mantel gehört."

Gleichgültig nahm ich den Zettel, aber siehe da, dort stand geschrieben: "Bringe heute Nacht um die bewuß Stunde den Mantel auf die Ponteveu. 400 Zechinen warten deine." Ich stand wie niedergedonnert. So hatte ich also mein Glück selbst verscherzt und meinen Zweck gänzlich verfehlt. Doch ich besann mich nicht lange, raffte die 200 Zerchinen zusammen, sprang dem, der den Mantel gekauft hatte, nach und sprach: "Nehmt eure Zerchinen wieder, guter Freund, und lasst mir den Mantel. Ich kann ihn unmöglich hergeben." Dieser hielt die Sache von Anfang für Spaß. Als er bemerkte, dass es ernst war, geriet er entzorn über meine Forderung. Schalt mich einen Narren. Und so kam es endlich zu Schlägen. Doch ich war so glücklich, im

Handgemeng ihm den Mantel zu entreißen und wollte schon mit davon eilen, als der junge Mann die Polizei zur Hilfe rief und mich mit sich vor Gericht zog. Der Richter war sehr erstaunt über die Anklage und sprach meinem Gegner den Mantel zu. Ich aber bot dem Jünglingzig hundert Zerchinen über seine zweihundert, wenn er mir den Mantel ließe. Was meine Bitten nicht vermochten, bewirkte meinen Gold. Er nahm meine guten Zchinen. Ich aber zog mit dem Mantel triumphierend ab und musste mir gefallen lassen, dass man mich in ganz Florenz für einen Wahnsinnigen hielt. Doch die Meinung der Leute war mir gleichgültig. Ich wußte es ja besser als sie, daß ich an dem Handel noch gewann. Mit Ungeduld erwartete ich die

Nacht. Um dieselbe Zeit wie gestern ging ich den Mantel unter dem Arm auf die Ponteveciu. Mit dem letzten Glockenschlag kam die Gestalt aus der Nacht heraus auf mich zu. Es war unverkennbar, der Mann von gestern. "Hast du den Mantel?", wurde ich gefragt. Ja, Herr", antwortte ich, "aber er kostete mich bar hundert Zerchinen."

"Ich weiß es", entgegnete jene. "Schau auf, hier sind 400." Er trat mit mir in das breite Geländer der Brücke und zählte die Goldstücke hin. 400 waren es. Prächtig blitzten sie im Mondschein. Ihr Glanz erfreute mein Herz. Ach, es ahnte nicht, daß es seine letzte Freude sein werde. Ich steckte mein Geld in die Tasche und wollte mir nun auch den gütigen Unbekannten Recht betrachten, aber er hatte eine Larwe Gesicht, aus der mich dunkle Augen furchtbar anblitzten. "Ich danke euch, Herr, für eure Güte", sprach ich zu ihm. "Was verlangt ihr jetzt von mir? Das sage ich euch aber vorher." daß es nichts Unrechtes sein darf. Unnötige Sorge, antwortete er, indem er den Mantel um die Schultern legte. Ich

bedarf eure Hilfe als Arzt, doch nicht für einen lebenden, sondern für einen Toten. "Wie kann das sein?", rief ich voll Verwunderung. Ich kam mit meiner Schwester aus fernen Landen", erzählte er und winkte mir zugleich ihm zu folgen. Ich wohnte hier mit ihr bei einem Freund meines Hauses. Meine Schwester starb gestern schnell an einer Krankheit und die Verwandten wollen sie morgen begraben.

Meiner alten Sitte, unsere Familie aber sollen alle in der Gruft der Väter ruhen. Viele, die in fremdem Lande sterben, ruhen dennoch dort einbalsamiert. Meinen Verwandten könne ich nun ihren Körper. Meinem Vater aber muss ich wenigstens den Kopf seiner Tochter bringen, damit er sie noch einmal sehe. Diese Sitte, die Köpfe geliebte Anverwandten abzuschneiden, kam mir zwar etwas schrecklich vor, doch wagte ich nichts dagegen einzuwenden, aus Furcht den Unbekannten zu beleidigen. Ich sagte ihm daher, dass ich mit dem Einbalsamieren der Toten wohl umgehen könne und bat ihn, mich zu der Verstorbenen zu führen. Doch konnte ich mich nicht enthalten zu fragen, warum dies denn alles so geheimnisvoll und in der Nacht geschehen müsse. Er

antwortete mir, dass seine Verwandten, die seine Absicht für grausam halten, bei Tage ihn abhalten würden. Sei aber nur erst einmal der Kopf abgenommen. So könnten sie wenig mehr darüber sagen. Er hätte mir zwar den Kopf bringen können, aber ein natürliches Gefühl halte ihn ab, ihn selbst abzunehmen. Wir waren in Desbis in ein großes, prachtvolles Haus gekommen. Mein Begleiter zeigte es mir als das Ziel unseres nächtlichen Spaziergangs. Wir gingen an dem Haupttor des Hauses vorbei, traten in eine kleine Pforte, die der Unbekannte sorgfältig hinter sich zumachte und stiegen nun im Finstern eine enge Wendeltreppe hin. Sie führte in einen spärlich erleuchteten Gang, aus welchem wir in ein Zimmer

gelangten, dass eine Lampe, die an der Decke befestigt war, erleuchtete. In diesem Gemar stand ein Bett, in welchem der Leichnah lag. Der Unbekannte wandte sein Gesicht ab und schien Tränen verbergen zu wollen. Er deutete nach dem Bett, befahl mir mein Geschäft gut und schnell zu verrichten und ging wieder zur Türe hinaus. Ich packte meine Messer, die ich als Arzt immer bei mir führte aus und näherte mich dem Bett.

Nur der Kopf war von der Leiche sichtbar, aber dieser war so schön, daß mich unwillkürlich das innigste Mitleiden ergriff. In langen Flechten hing das dunkle Haar herab. Das Gesicht war bleich, die Augen geschlossen. Ich machte zuerst einen Einschnitt in die Haut nach der Weise der Ärzte, wenn sie ein Glied abschneiden. So, dann nahm ich mein schärfstes Messer und schnitt mit einem Zug die Kehle durch. Aber welche erschrecken!

Die Tote schlug die Augen auf, schloß sie aber gleich wieder und in einem tiefen Seufzer schien sie jetzt erst ihr Leben auszuhauchen. Zugleich schoss mir ein strahl heißen Blut das aus der Wunde entgegen. Ich überzeugte mich, dass ich erst die Arme getötet hatte. Denn dass sie tot sei, war kein Zweifel, da es von dieser Wunde keine Rettung gab. Ich stand einige Minuten in banger Beklommenheit über das, was geschehen war. Hatte der Rotmantel mich betrogen oder war die Schwester vielleicht nur scheintot gewesen?

Das letztere schien mir wahrscheinlicher, aber ich durfte dem Bruder der Verstorbenen nicht sagen, dass vielleicht ein weniger rascher Schritt sie erweckt hätte, ohne sie zu töten. Darum wollte ich den Kopf vollens ablösen. Aber noch einmal stöhnte die Sterbende, streckt sich in schmerzhafter Bewegung aus und starb. Da übermannte mich der Schrecken und ich stürzte schaudernd aus dem Gemach.

Aber draußen im Gang war es finster, denn die Lampe war verlöscht. Keine Spur von meinem Begleiter war zu entdecken und ich musste aufs ungefähr mich im Finstern an der Wand fortbewegen, um an die Wendeltreppe zu gelangen. Ich fand sie endlich und kam halb fallend, halb gleitend hinab. Auch unten war kein Mensch.

Die Tür fand ich nur angelehnt und ich atmete freier, als ich auf der Straße war, denn in dem Hause war mir ganz unheimlich geworden. Von Schrecken gespor rannte ich in meine Wohnung und begrub mich in die Polster meines Lagers, um das Schreckliche zu vergessen, dass ich getan hatte. Aber der Schlaf floh mich und erstm ermahnte mich wieder, mich zu fassen. Es war mir wahrscheinlich, dass der Mann, der mich zu dieser verruchten Tat, wie sie mir jetzt erschienen, geführt hatte, mich nicht angeben würde.

Ich entschloss mich, gleich in mein Gewölbe an mein Geschäft zu gehen und womöglich eine sorglose Miene anzunehmen. Aber ach, ein neuer Umstand, den ich jetzt erst bemerkte, vermehrte noch meinen Kummer. Meine Mütze und mein Gürtel, wie auch meine Messer fehlten mir, und ich war ungewiss, ob ich sie in dem Zimmer der Getöteten gelassen oder erst auf meiner Flucht verloren hatte.

Leider schien das erste wahrscheinlicher und man konnte mich also als Mörder entdecken. Ich öffnete zur gewöhnlichen Zeit mein Gewölbe. Mein Nachbar trat zu mir her, wie er alle morgen zu tun pflegte, denn er war ein gesprächiger Mann. "Ei, was sagt ihr zu der schrecklichen Geschichte?", rub er an, die heute Nacht vorgefallen ist. Ich tat, als ob ich von nichts wüßte. Wie solltet ihr nicht wissen, von was die ganze Stadt erfüllt ist? Nicht wissen, daß die schönste Blume von Florenz, Bianca, die Tochter des Gouverneurs, in dieser Nacht ermordet wurde. Ach, ich sah sie gestern noch heite durch die Straßen fahren mit ihrem Bräutigam, denn heute hätten sie Hochzeit gehabt. Jedes Wort des Nachbars war mir

ein Stich ins Herz. Und wie oft kehrte meine Martha wieder? Denn jeder meiner Kunden erzählte mir die Geschichte, immer einer schrecklicher als der andere. Und doch konnte keiner so schreckliches sagen, als ich selbst gesehen hatte. Um Mittag ungefähr trat ein Mann vom Gesicht in mein Gewölbe und bat mich die Leute zu entfernen. "Senore Zaloikos", sprach er, indem er die Sachen, die ich vermisst, hervorzog.

gehören diese Sachen euch zu. Ich besann mich, ob ich sie nicht gänzlich ableugnen sollte, aber als ich durch die halbgeöffnete Türe meinen Wirt und Meere Bekannte, die wohl gegen mich zeugen konnten, erblickte, beschloss ich, die Sache nicht noch durch eine Lüge zu verschlimmern und bekannte mich zu den vorgezeigten Dingen. Der Gerichtsmann bat mich, ihm zu folgen und führte mich in ein großes Gebäude, dass ich bald für das Gefängnis erkannte.

Dort wies mir bis auf weiteres ein Gemach an. Meine Lage war schrecklich, als ich so in der Einsamkeit darüber nachdachte. Der Gedanke gemordet zu haben, wenn auch ohne Willen, kehrte immer wieder und wieder. Auch konnte ich mir nicht verhehlen, daß der Glanz des Goldes meine Sinne befangen gehalten hatte, sonst hätte ich nicht so blinds in die Falle gehen können. Zwei Stunden nach meiner Verhaftung wurde ich aus meinem Gemach geführt. Mehrere Treppen ging es hinab. Dann kam man in einen großen Saal. Um einen langen schwarz behängten Tisch saßen dort zwölf Männer, meistens Kreise. An den Seiten des Saales zogen sich Bänke herab.

angefüllt mit den vornehmsten von Florenz. Auf den Galerien, die in der Höhe angebracht waren, standen dicht gedrängt die Zuschauer. Als ich bis vor den schwarzen Tisch getreten war, erhob sich ein Mann mit finsterer, trauriger Miene. Es war der Gouverneur. Er sprach zu den Versammelten, dass er als Vater in dieser Sache nicht richten könne und dass er seine Stelle für diesmal an den Ältesten der Senatorin abtrete. Der älteste der Senatoren war ein Kreis von wenigstens 90 Jahren. Er stand gebückt und seine Schläfe waren mit dünnen weißem Haar umhängt. Aber feurig brannten noch seine Augen und seine Stimme war stark und sicher. Er hob an mich zu fragen, ob ich den Mord gestehe. Ich bat ihn um Gehör und

erzählte unerschrocken und mit vernehmlicher Stimme, was ich getan hatte und was ich wusste. Ich bemerkte, dass der Gouverneur, während meine Erzählung bald blass bald rot wurde. Und als ich geschlossen, fuhr er wütend auf. "Wie elender!", rief er mir zu. "So willst du ein Verbrechen, das du aus Habgier begangen noch einem anderen aufbürden?"

Der Senator verwies ihm seine Unterbrechung, da er sich freiwillig seines Rechtes begeben habe. Auch sei es gar nicht zu erwiesen, dass sich aus habg gefrewelt, denn nach seiner eigenen Aussage sei er der getöteten nichts gestohlen worden. Ja, er ging noch weiter. Er erklärte dem Gouverneur, dass er über das frühere Leben seiner Tochter Rechenschaft geben müsse, denn nur so könne stießen, ob ich die Wahrheit gesagt habe oder nicht.

Zugleich hob er für heute das Gericht auf, um sich, wie er sagte, aus den Papieren der Verstorbenen, die ihm der Gouverneur übergeben werde, ratzuholen. Ich wurde wieder in mein Gefängnis zurückgeführt, wo ich einen traurigen Tag verlebte, immer mit dem heißen Wunsch beschäftigt, dass man doch irgendeine Verbindung zwischen der Toten und dem Rotmantel entdecken möchte. Voll Hoffnung trat ich den anderen Tag in den Gerichtssaal.

Es lagen mehrere Briefe auf dem Tisch. Der alte Senator fragte mich, ob sie meine Handschrift seien. Ich sah sie an und fand, daß sie von derselben Hand sein müssten wie jene beiden Zettel, die ich erhalten habe. Ich äußerte dies den Senatoren, aber man schien nicht darauf zu achten und antwortete, dass ich beides geschrieben haben könne und müsse, denn der Namenszug unter den Briefen seie unverkennbar ein Z. der Anfangsbuchstabe meines Namens. Die Briefe aber enthielten Drohungen an die Verstorbene und Warnungen vor der Hochzeit, die sie zu vollziehenden Begriffe war.

Der Gouverneur schien sonderbare Aufschlüsse in Hinsicht auf meine Person gegeben zu haben, denn man behandelte mich an diesem Tage mißstrauischer und strenger. Ich berief mich zu meiner Rechtfertigung auf meine Papiere, die sich in meinem Zimmer finden müssen. Aber man sagte mir, man habe nachgesucht und nichts gefunden. So schwand mir am Schlussse dieses Gerichts alle Hoffnung.

Und als ich am dritten Tag wieder in den Saal geführt wurde, las man mir das Urteil vor, daß ich eines vorsätzlichen Mordes über Wesen zum Tode verurteilt sei. Dahin also war es mit mir gekommen. Verlassen von allem, was mir auf Erden noch teuer war, fern von meiner Heimat, sollte ich unschuldig in der Blüte meiner Jahre vom Beile sterben. Ich saß am Abend dieses schrecklichen Tages, der über mein Schicksal entschieden hatte, in meinem einsamen Kerker. Meine Hoffnungen waren dahin, meine Gedanken ernsthaft auf den Tod gerichtet. Da tat sich die Türe meines Gefängnisses auf und ein Mann tratin, der mich lange schweigend betrachtete. "So finde ich dich wieder, Zalukos", sagte er. Ich hatte ihn bei

dem matten Schein meiner Lampe nicht erkannt, aber der Klang seiner Stimme erweckte alte Erinnerungen in mir. Es war Valetti, einer jener wenigen Freunde, die ich in der Stadt Paris während meiner Studien kannte. Er sagte, daß er zufällig nach Florenz gekommen sei, wo sein Vater als angesehener Mann wohne. Er habe von meiner Geschichte gehört und sei gekommen, um mich noch einmal zu sehen und von mir selbst zu erfahren, wie ich mich so schwer hätte verschulden können. Ich erzählte ihm die ganze Geschichte. Erschien darüber sehr verwundert und beschwor mich ihm, meinem einzigen Freunde, alles zu sagen und nicht mit einer Lüge von innen zu gehen.

Ich schwor ihm mit dem teuersten Eid, das ich wahrgesprochen und dass keine andere Schuld mich drücke, als dass ich von dem Glanze des Goldes geblendet das Unwahrscheinliche der Erzählung des Unbekannten nicht erkannt habe. "So hast du die Bianca nicht gekannt?", fragte jener. Ich bete ihm, sie nie gesehen zu haben. Valetti erzählte mir nun, daß ein tiefes Geheimnis auf der Tat liege, dass der Gouverneur meine Verurteilung sehr hastig betrieben habe und es sei nur ein Gerücht unter die Leute gekommen, dass ich Bianca schon längst gekannt und aus Rache über ihre Heirat mit einem andern sie ermordet habe. Ich bemerkte ihm, dass dies alles ganz auf den Rotmantel passe, dass ich aber seine Teilnahme an

der Tat mit nichts beweisen könne. Walletti umarmte mich weinend und versprach mir alles zu tun, um wenigstens mein Leben zu retten. Ich hatte wenig Hoffnung, doch wusste ich, dass Valetti ein weiser und der Gesetze kundiger Mann seie und dass er alles tun werde, mich zu retten. Zwei lange Tage war ich in Ungewissheit. Endlich erschien auch Valetti. Ich bringe Trost, wenn auch einen schmerzlichen. Du wirst leben und frei sein, aber mit Verlust einer Hand.

Gerührt dankte ich meinem Freund mein Leben. Er sagte mir, dass der Gouverneur unerbittlich gewesen sei, die Sache noch einmal untersuchen zu lassen. Dass er aber endlich, um nicht ungerecht zu erscheinen, beigt habe, wenn man in den Büchern der Florentinischen Geschichte einen ähnlichen Fall finde, so solle meine Strafe sich nach der Strafe, die dort ausgesprochen sei, richten. Er und sein Vater haben nun Tag und Nacht in den alten Büchern gelesen und endlich einen ganz deminigen ähnlichen Fall gefunden. Dort lautet die Strafe: Es soll ihm die linke Hand abgehauen, seine Güte eingezogen und er selbst auf ewig verbannt werden. So laute jetzt auch meine Strafe und ich solle mich jetzt bereiten zu der

schmerzhaften Stunde, die meiner warte. Ich will euch nicht diese schreckliche Stunde vors Auge führen, wo ich auf offenemte meine Hand auf den Block legte, wo mein eigenes Blut in weiten Bogen mich überströmte. Valetti nahm mich in sein Haus auf, bis ich genesen war. Dann versah mich edelmütig mit Reisegeld, denn alles, was ich mir so mühsam erworben, war eine Beute des Gerichts geworden. Ich reiste von Florenz nach Sizilien und von da mit dem ersten Schiff, das ich fand, nach Konstantinopel. Meine Hoffnung war auf die Summe gerichtet, die ich meinem Freund übergeben hatte. Auch bat ich ihn, bei ihm wohnen zu dürfen. Aber wie erstauntte ich, als dieser mich fragte, warum ich denn nicht mein Haus beziehe?

Er sagte mir, daß ein fremder Mann unter meinem Namen ein Haus in dem Quartier der Griechen gekauft habe. Dselbe habe auch den Nachbarn gesagt, dass ich bald selbst kommen werde. Ich ging sogleich mit meinem Freunde dahin und wurde von allen meinen alten Bekannten freudig empfangen. Ein alzer Kaufmann gab mir einen Brief, den der Mann, der für mich gekauft hatte, hier gelassen habe. Ich lasß ihn Zalukos.

Zwei Hände stehen bereit, rastlos zu schaffen, daß du nicht fühlest der einen. Das Haus, das du siehst und alles, was darin ist, ist dein. Und alle Jahre wird man dir so viel reichen, dass du zu den Reichen deines Volkes gehören wirst. Mögest du dem vergeben, der unglücklicher ist als du. Ich konnte ahnen, wer geschrieben, und der Kaufmann sagte mir auf meine Frage, es sei ein Mann gewesen, den er für einen Franken gehalten. Er habe einen roten Mantel angehabt. Ich wusste genug, um mir zu gestehen, dass der Unbekannte doch nicht ganz von aller edler Gesinnung entblößt sein müsse. In meinem neuen Haus fand ich alles aufs Beste eingerichtet, auch ein Gewölbe mit Waren. Schöner als ich sie je gehabt. 10 Jahre sind seitdem

verstrichen. Mehr aus alter Gewohnheit, als weil ich es nötig hätte, setzte ich meine Handelsreisen fort. Doch habe ich jenes Land, wo ich so unglücklich wurde, nie mehr gesehen. Jedes Jahr erhielt ich seitdem 1000 Goldstücke. Aber wenn es mir auch Freude macht, jenen unglücklichen Edel zu wissen, so kann er mir doch den Kummer meiner Seele nicht abkaufen. Denn ewig lebt in mir das grauenhafte Bild der ermordeten Bianca.

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