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Shownotes
Julia D. Krammer im Gespräch mit der Literaturkritikerin, Bachmann-Preis-Jurorin und Feuilletonchefin der Wochenzeitung "Die Furche" Brigitte Schwens-Harrant über
* Zustand und Zukunft der Literaturkritik
* den Stellenwert der Kultur innerhalb der Redaktionen
* Autorinnen und Autoren, die von den Verlagen zur Selbstvermarktung angehalten werden.
* die Unterschätzung des Publikums
* die Initiative Kulturjournalismus
* Forderungen an die Medienpolitik
Tonaufnahme & Audio-Engineering: Gabriel Gruber
Transkriptvom Podcast bereitgestellt · Zeitmarken springen hin
speaker-0: Wir sind heute bei Volltext im Gespräch und ich habe einen ganz besonderen Gast Brigitte Schwenz-Harrant, die einerseits Fétonchefin der Wochenzeitung Die Furche ist, aber andererseits auch Buchautorin, Kulturjournalistin und Literaturkritikerin. Herzlich willkommen.
speaker-1: Hallo, ich freue mich auf das Gespräch.
speaker-0: Ich freue mich auch sehr auf das Gespräch. Brigitte, du bist sehr lange Jurorin beim Bachmann-Preis gewesen, hast jetzt dein Amt pausiert und wir wollen das auch ein bisschen zum Anlass nehmen, über Literaturkritik im öffentlichen Raum zu sprechen.
speaker-1: Sehr gerne, es ist mir ein großes Anliegen.
speaker-0: Warum braucht denn eine Gesellschaft Kultur?
speaker-1: Ich glaube, es gibt ja gar keine Gesellschaft ohne Kultur. Das mal vorweg, weil Kultur ist ja ein ganz, ganz breites Feld, kann man sehr breit verstehen und ist ja viel, viel mehr als jetzt nur die Salzburger Festspiele, an die man vielleicht auch denkt, wenn man an Kultur denkt, zurecht. Ich glaube, dass es keine Menschheit gibt ohne Kultur, dort wo der Mensch sich irgendwie zusammentut, miteinander arbeitet, lebt, da spielt er auch, da denkt er und reflektiert er gemeinsam. Und da sind wir schon im Bereich der Kultur. Wenn wir jetzt von einer Gefährdung der Kultur sprechen, dann meinen wir ja, bestimmte Freiräume, die auch vielleicht extra ermöglicht werden sollten in einer Gesellschaft und möglich gemacht werden sollen. Einerseits für alle, also jenseits von Klassen, ökonomischen Möglichkeiten und so weiter. Also das ist jetzt auch so der Gerechtigkeitsgedanke, der ganz wichtig ist bei Kultur, Zugänge für alle zur Kultur. aber auch Freiraum im Sinn von was alles möglich sein soll und darf. Und da ist natürlich eine gewisse Vielfalt extrem nötig. Und wenn Vielfalt gefährdet ist, da wird es dann etwas gefährlicher auch für Gesellschaft, glaube ich.
speaker-0: Wo siehst du denn im aktuellen Diskurs oder im aktuellen demokratiepolitischen Kontext Gefährdungen?
speaker-1: Naja, bei uns jetzt nicht direkt, weil wir ja im Unterschied zu anderen Ländern kein totalitäres System haben, wo man genau sehen kann, was passiert. Wir haben Ungarn als Alarmbeispiel die letzten Jahre als Nachbarland gesehen, was passiert, was da mit den Theatern, mit der Kulturszene passiert und wie schwierig das wahrscheinlich jetzt sein wird, das alles wieder aufzubauen. Also insofern sehen wir, was drohen kann. Aber ich glaube, es gibt auch Gefährdungen, die durch die Marktbedingungen vielleicht da sind. Durch die Konzentration auf wenige Große, die dann die Kleinen unter den Tisch fallen lassen. Und bei uns in Österreich haben wir da hinsichtlich dessen ja auch immer die Diskussionen natürlich die Förderungen, die ja genau dazu da sind, da ausgleichend auch eine Rolle zu spielen. Das wird natürlich auch immer wichtiger, je größer die Großen werden. Das betrifft jetzt die Verlagszene genauso wie andere Kulturbereiche.
speaker-0: Wo siehst du denn da im Moment einen ganz besonderen Handlungsbedarf?
speaker-1: Na für mich als Kulturjournalistin, wenn ich diesen Bereich mal rausgreifen darf, ist schon alarmierend, dass ich den Eindruck habe, dass Kulturjournalismus immer weniger wertgeschätzt wird. Und zwar von innen und von außen, also von den Medienhäusern selber, aber eben auch von außen von der Politik her. Das finde ich deswegen alarmierend, weil das ja alles zusammenhängt. Wo kein Kulturjournalismus, da kommt ja die Kultur auch nicht mehr vor. Ich höre ja auch die Klagen vom Kleinen. Verlagen von kleinen Bühnen. Wir kommen überhaupt nicht mehr vor und das stimmt ja. Wenn man sich anschaut, was vor 30 Jahren in Zeitungen noch berichtet worden ist, da sind Vorträge berichtet worden, sind Tagungen berichtet worden. Also da war ja ein Diskurs, da würde jetzt jeder schreien, wenn man sagt, ich möchte bitte darüber berichten, was vorgestern irgendwo diskutiert worden ist. Sag mal, was hat das heute noch für eine Relevanz? Ist ja morgen nicht mehr zum Anschauen. Also da hat sich unheimlich viel in der Argumentation, was wichtig ist, was nicht, verändert und das auch sehr viel zu Kürzungen geführt. Und das finde ich sehr alarmierend bei uns. Und ein konkretes Beispiel zu nennen, woran man sehen kann, wie wenig Wert offenbar der Kultur heute in der Gesellschaft zugemessen wird, sind die diesjährigen Sommergespräche gewesen. Die Sommergespräche mit den Parteien. Es waren insgesamt fünf Sommergespräche, die so etwa über 50 Minuten gedauert haben. Und von all diesen fünf Sommergesprächen war genau eine Minute die Kulturthema. Und wenn das nicht alarmierend ist, dann weiß ich nicht. Und das Interessante ist ja, dass Österreich sich als Kulturnation bezeichnet. Und dann denke ich mir, wie geht das zusammen? Und die Frage beginnt natürlich auch beim Journalismus. Also warum? stellen Journalistinnen und Journalisten nicht Fragen nach Kulturdämen. Also wie man als Politiker damit umzugehen, wieso kommt das nicht vor und das hat schon damit zu tun. Und dann sieht man auch, dass die Sendeplätze für Kultur an den Rand geschoben werden, spät abends, dass sie verkürzt werden. Es gibt ja da aktuelle Beispiele. Und das ist schon sehr erstaunlich, weil ich ja nicht glaube, dass das Interesse generell abgenommen hätte. Ich glaube, das ist ja auch ein Irrtum, dass Man braucht ja nur schauen, wie Konzerte, Theater am Abend besucht werden, was da los ist. Also es ist ja ein Interesse da. Warum? Aber spiegelt sich das nicht wieder in den gesellschaftlichen Diskurs darüber? Warum ist Kultur, ist ja auch in Zeitungen so immer so das letzte Stück, das was hinten ist, so das Anhängsel, das Schmuckstück, der Luxus, wo man glaubt, das kann man weglassen, weil man jetzt mal sparen müssen, dann lassen wir halt die Kultur weg, weil das... ist am wenigsten brisant, vielleicht stimmt ja gar nicht, weil eben, da kommen wir jetzt auch zur Funktion von Kultur, weil ja dort genau gesellschaftliche Fragen verhandelt werden, weil es dort genau darum geht, was ist und was ist möglich und dort ist es, genau deswegen ist ja Kultur auch in totalitären Systemen störend, weil die Kultur ja immer fragt, könnte es nicht auch anders sein, Robert Musils Möglichkeitssinn aufzugreifen, diese Frage könnte es nicht auch anders sein. ist ja eine immens störend und gleichzeitig ein unendlich wichtiger für das menschliche Zusammenleben. Und darum verstehe ich auch gar nicht, dass das so als Randerscheinung gedacht wird. auch aus dem Grund gibt es jetzt auch eine Initiative von Kulturjournalistinnen und Kulturjournalisten. Österreichweit und zwar aus unterschiedlichen Medien haben wir uns zusammengetan, einfach auch eine Öffentlichkeitsarbeit anzugehen und darauf hinzuweisen, wie sehr das alles zusammenhängt, wie sehr das wichtig ist, dass es Kulturschornalismus noch gibt.
speaker-0: Ich beziehe mich jetzt nochmal auf den Bachmann-Preis, wo man sich mit Texten im Gespräch auseinandersetzt und das ist ja eigentlich das beste Beispiel für partizipative öffentliche Kulturkritik, richtig?
speaker-1: So ist es. Also überhaupt Kritik vielleicht mal, dass generell selbst dort, noch Kulturjournalismus vielleicht zugelassen wird, ist ja oft der Kritikrat unter Kritik. Wer braucht denn noch die Kritik? Das ist so eine negative Sicht von Kritik, als würde das immer ein herumnörgeln bedeuten. Aber Kritik ist ja im besten Fall tatsächlich ein Abwägen, ein Unterscheiden, ein Kriterienfinden. Das ist ja was unendlich Wichtiges, ohne dass eine Gesellschaft ja auch nicht wirklich überleben kann, im politischen Bereich genauso wie im privaten. Und die Literaturkritik ist ein Beispiel dafür, wie man das durchspielen kann. Vielleicht ist das Wort spielen da auch tatsächlich auch ein wichtiges oder auch durchstreiten kann, weil Kultur ist ja auch immer Streit. Und öffentlich finde ich es deswegen besonders reizvoll, weil man dann ja zuschauen kann, wie Gedanken entstehen und wie Argumente sich formulieren. Wenn was schon fertig ist, also wenn ich einen Text schreibe, eine Kritik, dann kann man die fertig lesen, aber man sieht ja nicht die Gänge, meine Gedankengänge, die dazu geführt haben. Man sieht ja nur das Endergebnis. Und reizvoll fand ich beim Bachmann-Preis wirklich nicht nur in meiner Rolle, dass ich anderen zuhören kann, wie sie das tun und wie sie versuchen zu argumentieren, sondern eben auch das Publikum uns zuschaut beim Nachdenken über die Kriterien. Und was ich spannend fand auch zu sehen ist, dass das funktioniert, dass das Interesse dafür da ist, dass das eben nicht stimmt, wie uns oft ja auch gesagt wird, ach es muss jetzt alles emotional sein und es muss alles so durch und durch gefühlsbetont sein und kommen uns da nicht mit rationalen Vernunft, Argumenten, weil das ist sozusagen passé. Das stimmt ja nicht. Im Gegenteil, die Leute wollen in dem Fall, dass man ganz genau einen Text liest, dass man sich anschaut, wie ist der gebaut, wie ist die Sprache, wie ist die Form. Das Interesse ist da und das ist auch total spannend, dass das wirklich da ist und dass das noch durch keine Medienveränderung eigentlich verloren gegangen ist und im Gegenteil vielleicht sogar wieder mehr Platz braucht. Ich habe unlängst die diese geäußert und fand sie dann selbst interessant, wie ich sie geäußert habe. Aber ich glaube, sie hat was, dass vielleicht sogar jetzt auch Medien wie das Fernsehen oder das Radio, angesichts dessen, dass es sehr viele Medien gibt, also Social Media, die mit kurzen Postings arbeiten, mit Kurztexten arbeiten, dass sie vielleicht wieder sich zurückbesinnen können auf die Zeit ihrer Anfänge, wo man lange Zeit hatte, was zu diskutieren, wo man auch länger an einem Thema bleiben kann. Möglicherweise sind das die Medien, wo ich wieder wie in einem Podcast, den wir jetzt machen, einfach auch länger zuhören kann, länger zuschauen kann und nicht so dieses schnell, schnell diese eigentlich sehr gehätzten Gedanken rausbringen kann, die dann nie zu Ende geführt werden oder wo der eine der fragt, dem anderen gar nicht zuhört, so wie du mir ja jetzt zuhörst, ohne mich sozusagen alle Minuten zu unterbrechen, zu sagen, Ganz kurz antworten bitte, weil wir haben nicht mehr viel Zeit. Das ist ja eigentlich auch für einen Zuhörer schrecklich, so was anzuhören. Und das hört man aber leider sehr oft. Für mich unverständlicherweise.
speaker-0: Das ist ein bisschen so ein Phänomen, das dann auch auf die Qualität von Texten einen großen Einfluss hat. Und als Autorin selbst muss ich sagen, ich kann mich erinnern damals, als ich Bachmann zum ersten Mal zugehört habe, mich hat das einfach so fasziniert, sehr professionellen Blick auf meine Texte auch mal zu überlegen. quasi wie würde denn ich gelesen werden? Das verbessert ja auch meine Arbeit als Autorin ungemein. Also ich finde... dass ja öffentliche Kritik und eine genaue Besprechung extrem sinnes- und geisteserweiternd ist und dass es das eigene Arbeiten so verbessert, wenn man sich denkt, aha, okay, das sagen die jetzt über den Text, finde ich da eine Parallele zu meinem eigenen Schaffen, aha, okay, na wie könnte man das verstehen, also ich würde tatsächlich sagen, dass es meine Arbeit extrem verbessert, solche Diskurse mitzuverfolgen.
speaker-1: Es ist schön, zu hören, weil es wird ja oft gesagt, das ist so dieses von oben herab und das ist so asymmetrisch, was es ja stimmt, also was es ja prinzipiell ist, da sind die Kritiker und da sind die Autorinnen und Autoren, aber ich finde auch, im besten Fall ist es ja so ein Gesamtdiskurs und es gilt ja umgekehrt für uns auch, wir lernen ja auch dazu, wenn wir den anderen zuhören, aber nötig sind da natürlich ein paar bestimmte Bedingungen, also zum Beispiel, dass es mit Respekt vorgetragen wird, dass es tatsächlich auch eine gründliche Auseinandersetzung vorhergegeben hat und auch das Zuhören. Und das sind aber alles wieder Punkte, wo man sagt, da bin ich doch wieder im gesellschaftlichen Bereich. Wie wichtig ist das, wieder zu üben und das einzuüben? Das Zuhören, das gute Argumentieren, das Respektieren auch, dass jemand einander zu einem anderen Schluss kommen kann mit dem selben Faktenausgang sozusagen. Das ist ja eigentlich unendlich, also gesellschaftspolitisch unendlich wichtig, das einzuüben.
speaker-0: Das ist ein wahnsinnig schöner und wichtiger Gedanke zu sagen, ja, was können wir denn von einer guten, fundierten öffentlichen Kritik auch für unser Privatleben oder für unseren gesellschaftlichen Umgang miteinander lernen? Wenn wir jetzt wieder zurückgehen auf das Schreiben selbst und auf den Text und die Tätigkeit als Autorin, als Autor, dann ist natürlich eine Außenperspektive wahnsinnig wertvoll. weil ich als Person, die geschrieben hat, ja nicht im Buchhandel stehen kann und allen Menschen, die da irgendwie vorbeigehen an meinem Buchcover, erklären kann, wie der Text gemeint ist. Also ich glaube, zu begreifen, wie ein Text, den ich verfasse, rezipiert wird oder rezipiert werden kann es ist ja meistens nicht die eine Wahrheit, die es gibt, sondern halt nur eine mögliche Wahrheit oder eine mögliche Lesart – das kann ja mich in meinem Schreiben auch extrem bereichern. Aber Brigitte, was ist denn deiner Meinung nach gerade eine Form von Literatur, die gut funktioniert? Gibt es da eine Tendenz zum Trivialen? Und wenn ja, bist du damit einverstanden oder findest du das problematisch?
speaker-1: Ich sage mal, grundsätzlich ist ja alles erlaubt. Und auch jede Leserin, jeder Leser soll lesen dürfen und können, was er oder sie will. Und Geschmäcker sind unendlich verschieden, das einmal überhaupt vorausgestellt. Für den Diskurs selber bin ich natürlich eine Verfechterin, dass es eine möglichst große Vielfalt gibt. Genau deswegen auch, aber genau auch deswegen... also die auch ein bisschen gegenarbeitet gegenüber Marktmechanismen. Und da ist natürlich schon eine Auffälligkeit, finde ich. Es gibt unheimlich viele Kumulationen, also Verlage, die sich zusammengeschlossen sind, wo Verlage wirklich groß werden, weil sie verschiedene Verlageshäuser, wenn man so will, geschluckt haben. Damit ist natürlich schon eine gewisse Gefahr verbunden gegen die Vielfältigkeit. Österreich hat eigentlich noch eine sehr tolle Literaturszene, was die Verlage betrifft. Aber die haben es natürlich schwer genug, wenn man sich das anschaut. sind ja oft ein Mann, ein Frau-Verlage, die unheimliche Schwierigkeiten haben wahrscheinlich zu überleben, die aber natürlich für eine gewisse Vielfalt sorgen. Also das ist das eine, was ich wahrnehme, dass dann natürlich bestimmte Trends gepusht werden und dass sich sehr vieles jetzt als Literaturkritikerin auf den Tisch wo ich jetzt sagen würde, das schaut so ähnlich aus. Und das ist für mich ein bisschen ein Alarmzeichen, weil ich mir denke, eigentlich wäre es ja viel schöner, wenn mich jeder Text irgendwie überrascht, weil ich davon ausgehe, ja, Autorinnen und Autoren sind unterschiedlich, haben unterschiedliche Formale, vorstellen unterschiedliche Themen, also eigentlich müsste die Literatur sehr bunt sein und ganz so bunt ist sie aber scheinbar nicht und ich schätze, dass das damit zu tun hat, dass halt der Markt bestimmte Themen will, bestimmte Literaturen. und andere eben nicht so sehr annimmt. Und ich glaube, das hat sich schon verändert. Also ich vermute mal in letzten 20 Jahren schon sehr stark.
speaker-0: Wir haben ja vorher auch angesprochen, dieses Thema, die Verlage haben kein Geld. Das führt natürlich auch dazu, ich kann jetzt als Autorin sprechen hier und nicht in meiner Funktion als Podcast-Fragenstellerin oder Moderatorin. Als Autorin bemerke ich, dass es immer schwieriger wird, irgendeiner Form eine Sichtbarkeit zu generieren und zwar abseits vom Bloggerinnenmarkt. Ich habe den Eindruck, dass wir in letzter Zeit ein bisschen in eine Aufgabe gedrängt werden, einfach zwangsläufig, die uns erstens einmal von der Kompetenz ja eigentlich irgendwie gar nicht in die Hände spielt, weil wir die nicht alle haben, sagen wir mal so. Wir sollen sehr viel Selbstmarketing betreiben, wir müssen irgendwie BloggerInnen gut stimmen, es kommt ja dann zum Teil schon dazu, dass man dann versucht... Ich sage jetzt nicht beschenken, aber dass man sagt, man macht möglichst attraktive Packages, damit man die dann beschickt und damit die Kritik äußern. Das geht aber ein bisschen weg von der Pressekritik oder von PR, die eigentlich ein Verlag machen sollte. Wie geht es denn dir in deiner Tätigkeit als Journalistin, wenn du solche Dinge kriegst oder mitkriegst oder geschickt bekommst von AutorInnen selbst, die dann irgendwie so eine Bitch-Stellunghaltung bekommen?
speaker-1: Daran sieht man ja den Gesamts Zusammenhang. Darum ist mir ja auch dieser Kulturjournalismus so wichtig. Weil was bedeutet der? Der bedeutet ja eine gewisse Professionalisierung und gleichzeitig aber auch eine Unabhängigkeit damit. Wenn ich eine angestellte Kulturjournalistin in einem Medienunternehmen bin, bin ich zwar natürlich in diesem Medienunternehmen, aber ich bin ja mal grundsätzlich frei und nicht käuflich. und nicht bestechlich durch wen auch immer, sei es Verlager oder Autorinnen. Das ist eben ganz, ganz wichtig und das betrifft ja alle anderen Bereiche auch. Deswegen ist es ja gut und sinnvoll, dass es zum Beispiel Pressebüros gibt, also Pressestellen in Verlagen oder auch freie dazugekaufte, die sich professionell damit beschäftigen, die Bücher an die Redaktionen zu bringen, damit nicht die Autorin und der Autor selber zu einer Bittstelle wird. Also ich halte das für eine ganz schreckliche Tendenz. Mir tut das eigentlich auch persönlich sehr leid, dass sich das so entwickelt hat und das hat sich in den letzten 20 Jahren enorm entwickelt. Es ist auch unangenehm, glaube ich, für alle Beteiligten. Es ist ja unangenehm für Autorinnen, wenn sie schreiben müssen und für mich ist es unangenehm, weil ich immer das Gefühl habe, ich muss da jetzt persönlich was abweisen. Ansonsten ist es ja in einem professionellen Zusammenhang und man schaut dann gemeinsam mit den Pressevertretern. durch, was passt für mein Medium, es passt ja auch nicht immer alles und das wird dann professionell gemacht. Das Professionelle wird oft ja beschimpft als Elitea vielleicht, aber ich glaube, man übersieht dabei eben genau diese Aufgabe, dass es ja auch eine unheimliche Entlastung ist für Schreibende, wenn sie nicht selbst, wie sie jetzt ja schon ist, ihre eigenen Pressebüros sind und bis hin zu Social Media Auftritten, die gefordert werden und wenn es die nicht gibt, hat man ja auch keine Chance mehr auf Publikationen, was ich so höre. Also das sind schon sehr unangenehme Erscheinungen, weil ich denke mir ja, wenn ich gerne schreiben würde und eine gute Literatin bin, wieso soll ich denn das andere alles können? Wieso soll ich denn überhaupt PR können? Wieso soll ich Pressearbeit können? Und warum soll ich überhaupt meine Zeit damit verbringen? Das können ja andere auch viel viel besser.
speaker-0: Das ist wirklich wahr. Ich habe jetzt längst von Leuten auch schon gehört, dass quasi eine Publikation oft davon abhängt, wie viele Follower man hat. Und was macht es denn aus, wenn ich irgendwelche Fotos von mir poste, wo mein Buch liegt oder... Ja, und ich habe das Gefühl, man muss es aber tun. Hast du eine Idee, was man dagegen tun könnte? Du hast ja vorher die Initiative Kulturjournalismus angesprochen. Was sind denn eure wichtigsten Anliegen?
speaker-1: Ehe die, dass es wichtig ist, zu etablieren fix in Qualitätszeitungen. Ich spreche jetzt mal von den Zeitungen, weil ich in einer Zeitung arbeite. Es geht uns darum, es ist ja tatsächlich auch eine politische Forderung. wissen, das Medienförderungsgesetz wird gerade ausgearbeitet, ausverhandelt. Und wir sagen, was heißt ein Qualitätsmedium? Müsste nicht in einem Qualitätsmedium zum Beispiel die Kultur auf jeden Fall eine Rolle spielen. ist das nicht auch eine Möglichkeit, etwas in ein Medienfördergesetz zum Beispiel auch hineinzuschreiben. damit einfach auch indirekt natürlich dann doch direkt auch die Kultur wieder mit zu fördern. Weil natürlich das Da-Sein oder Nicht-Da-Sein eine riesige Rolle spielt. Das Beispiel vorher zeigt sehr ehedeutig, warum ist das so, dass Autorinnen selber zuständig ist, weil sich keiner mehr eine Pressestelle leisten will. Das Problem ist aber auch, wenn Kulturredaktionen kaum mehr besetzt sind, schlecht besetzt sind. Wenn es wenige Leute gibt, sich darum kümmern, haben die natürlich weniger Zeit zum selber auswählen. Das heißt, das ist ja ein Teufelskreis und deswegen ist es unheimlich wichtig, dass solche Positionen überhaupt besetzt sind. Aber man kann ja auch in anderen Bereichen noch weiter denken, etwa was wäre eine Initiative, die Zeitungen an die Schulen bringt und zwar fix und flächendeckend. sodass man damit arbeiten kann. Und was ich alarmierend finde, dass man manchmal hört, das kann man ja gar nicht mehr machen, man kann ja in den Schulen nicht mehr ein Födom lesen. Und dann sage ich, wenn das so ist, dann ist doch das Alarmstufe rot und wir müssen alles dagegen tun, dass das so weitergeht. Wir haben jetzt gerade die Pisaer-Ergebnisse bekommen, wir haben keine guten Ergebnisse zum Thema Lesekompetenz. Das heißt, das eine hängt mit dem anderen zusammen, die Bildung, das Lesen können, die Situation der Medien, das hängt zusammen und das wäre zum Beispiel auch ein großer Wunsch von mir auch an die Politik da, zum Beispiel dafür zu sorgen, dass die Medien in die Schulen kommen und dass man von klein auf lernt, wieder solche Texte zu lesen und sie auch als ganz immens wichtig zu empfinden für das eigene politische Wachwerden oder Erwachsenwerden. Da gehört das dazu und das ist jetzt eigentlich egal, ob das Medien sind, audiovisuelle Medien oder Zeitungen sind oder ob das Online-Produkte sind, also Zeitungen jetzt nicht mehr in Print. Das ist ja dann egal, aber es geht darum, kann ich das noch, mich mit so einem Content auseinandersetzen, der vielleicht nicht nur ganz platt ist, sondern ein paar komplexere Fragestellungen behandelt, kann ich solche Texte überhaupt noch lesen und begreifen? und weiterdenken und diskutieren. Und das ist eigentlich etwas, ganz dringend in die Schulen gehört. Und ich denke mir manchmal, wo ist eigentlich dieser Anspruch hin, auch der Politik, der ja in Kreisgeszeiten ganz stark da war, wo das geheißen hat, jeder soll Zugang haben zur Bildung, jeder soll die Möglichkeit haben, ein Buch in die Hand zu bekommen. Und ich finde, Anspruch an den muss man eigentlich wieder neu erinnern, gerade angesichts dieser Ergebnisse von dass das nötig ist. Also das ist ein Bereich, ganz wichtig ist. Und dann finde ich persönlich auch noch sehr, sehr wichtig, immer wieder, das mache ich auch in persönlichen Begegnungen gerne, wenn mir Leute sagen, das ist so gefährlich, die Medienvielfalt ist so gefährdet, ist ja fast nicht mehr da, dann frage ich immer, was hast denn du für ein Zeitungsabokrade? Und da sind die Antworten oft auch alarmierend und ich sage immer, wir können natürlich immer, das Jammern und Lamentieren ist ja einfach, aber wenn ich selber als Staatsbürgerin nichts dazu tun, dass es zum Beispiel diese sogenannte vierte Gewalt der Medien gibt, wer soll es denn dann tun? Das heißt, es ist auch wichtig, dass ich selbst weiß, dass es einen Wert hat, für den ich auch etwas zahlen sollte, damit es das weiter gibt, einen Journalismus, einen kritischen Journalismus, und das ist ja jetzt natürlich noch weiter gedacht als nur der Kulturschulenismus, aber der steht und fällt eben auch mit solchen Grundentscheidungen.
speaker-0: weil es wieder an der Budgetierung liegt.
speaker-1: Ja, war auch an der privaten Budgetierung. Also, lasse ich mir ein Medium? Zahl ich für ein Medium? Lasse ich mir eine Zeitung oder nicht?
speaker-0: Dazu kommt ja noch ein Punkt. Und zwar hört man immer wieder von VertreterInnen aus dem Buchhandel, dass es erstaunlich viel bringt in Qualitätsmedien, denen die Leute vertrauen, Rezensionen abgedruckt zu haben. Weil die dann tatsächlich mit den Ausschnitten zu ihnen gehen und sagen, ja, dieses Buch wurde besprochen, haben Sie das und kann ich das bitte haben?
speaker-1: Das ist, glaube ich, ein total wichtiger Punkt, der ja auch noch dazu beiträgt, Vertrauen in eine grundsätzliche Kompetenz. Und das Vertrauen kann ja auch so ausschauen, dass ich auch kritisch dem gegenüber stehe. Also ich muss ja nicht einer Theaterkritik zum Beispiel so trauen, dass ich sage, ich bin der selben Meinung, aber ich traue der Kompetenz dessen, der es geschrieben hat und setze mich dann vielleicht selber kritisch damit auseinander mit dem. was die Kritik äußert. glaube, ist eben auch so ein wichtiger Punkt, dass die Institutionalisierung von Kulturjournalismus schon eine wichtige Rolle spielt.
speaker-0: Es ist ja generell so, wenn man der darstellenden Kunst arbeitet oder eben auch zum Beispiel im Schreiben, du bist immer abhängig von Personen, die es rezipieren. Es geht nicht anders. Du bist keine Insel, du machst das ja jetzt nicht nur für dich. Ich meine, du kannst memoir schreiben für dich, wenn du sagst, ja, das ist jetzt mein Ziel, ich möchte jetzt meine Gefühle ausdrücken. Aber sobald du eine öffentlich wahrgenommene Professionalisierung anstrebst, brauchst, das ist zumindest meine Ansicht, den Dialog mit RezipientInnen eigene künstlerische Praxis zu reflektieren und vielleicht auch sie bisschen weiter zu entwickeln und weiter zu denken. Ich habe den Eindruck, dass wir uns selbst auslöschen in dem was unsere Arbeit mit und in Menschen und natürlich dadurch auch in uns selbst bewirken kann und soll, wenn Kultur in der Berichterstattung und in der öffentlichen Wahrnehmung nur noch so einen stillen Platz zugewiesen bekommt.
speaker-1: Ich kann jetzt vielleicht auch damit, dass wir Schluss noch was Positives haben, noch mal auf meine Erfahrungen beim Bachmann-Preis zurückgreifen. Ich komme ja aus dem Printmedium und wie ich damals gefragt worden bin, ob ich in die Schule gehen soll, war ich sehr skeptisch, weil ich mir gedacht habe, ist das überhaupt meine Form, ist das der Rahmen, dem ich das so rüberbringen kann, wie ich möchte. Ich komme ja nicht aus dem Fernsehen. Es war wirklich eine großartige Erfahrung zu sehen, dass das funktioniert, dass man sehr bei den Argumenten bleibt, dass man über Texte und Kriterien sprechen kann, dass man über Kunst als Form sprechen kann und dass die Menschen, sage ich jetzt mal wirklich, trotzdem an den Lippen hängen, weil da offenbar wirklich auch eine Sehnsucht danach ist, dass das jemand tut, dass jemand versucht zu argumentieren, warum Kunst Kunst ist. Und dass dieses Interesse noch da ist, das habe ich dann nachher auch gespürt. Ich habe nachher Mails bekommen. Ich werde auf der Straße angesprochen von Menschen, die sich gemerkt haben, teilweise, was ich argumentiert habe und mit mir weiter diskutieren. Und ich habe mir gedacht, wie großartig ist das denn? Das habe ich als Printjournalistin weniger gehabt, weil da eigentlich weniger Rückmeldung kommt. Das ist klassisch eher eine Einbahnstraße. Also ich weiß ja nicht, wie die Leute glücklich sind, wenn sie meine Texte lesen. Ich kriege da keine Rückmeldung. Aber da habe ich das ganz stark gemerkt, wie das Bedürfnis da ist. Und dass das eigentlich im Grunde auch ein sehr dialogisches Bedürfnis ist, weil die ja miteinander dann weiter diskutieren. Und ich finde, das ist so der beste Fall von Streit Kultur und Kriterien, wenn das nicht nur jetzt unter den Kritikerinnen stattfindet, sondern wenn das so ansteckt, dass die Leute selber weiter diskutieren, was sie ja auch machen, Lesekreise machen und dann die Bücher gemeinsam lesen und dann weiter diskutieren oder dass sie sich beim Bachmobreis tatsächlich gemeinsam zusammensetzen, sich das gemeinsam anschauen. bei D und Kuchen und dann auch darüber reden. Das ist doch das Beste, was Kultur passieren kann. Also wenn es sich einfach wie ein Lauffeuer sozusagen verbreitet. Auch die Art der Diskussion.
speaker-0: Absolut.
speaker-1: Mir zeigt das etwas, woran ich sowieso glaube, dass wir nämlich eigentlich das Publikum überhaupt nicht unterschätzen sollten und dass es nicht gut ist, wenn wir das selbst so eine Abwärtsspirale betreiben im Sinn von Es muss immer noch einfacher werden und es muss noch simplifizierter werden, weil sonst folgt uns keiner. Ich glaube, wir sollten uns selber und auch den anderen einfach mehr zutrauen. Und ich glaube ja, dass die Bedeutung, die Kultur- und Literaturkritik im öffentlichen Raum haben, auch darin liegt, dass man gegen diese extrem polarisierte Welt andere Beispiele setzt und zeigt. Dieses Miteinanderringen. wo es vielleicht auch nicht unbedingt dann die eine Wahrheit gibt, aber wo man verschiedene Positionen sehen kann, denen man dann folgen kann oder eben auch nicht. Das ist ja auch ganz wichtiges gesellschaftspolitisches Einüben. Und ich glaube, es ist ganz wichtig, dass wir das nicht immer noch einfacher machen und simpler, sondern dass wir dem Publikum eine gewisse Komplexität zutrauen. Vielleicht als ein Beispiel, was mich ja besonders gefreut hat. wie vergangenes Jahr Natascha Gangl den Bachmann-Preis gewonnen hatte. Das war ja nicht zu erwarten eigentlich, weil sie ja keinen Text schreibt und geschrieben hat, der jetzt so gängig ist als Narration, wie sie üblich ist. Und dass das Publikum so begeistert war von diesem Text, der sprachlich extrem viel probiert und macht und mit der Sprache arbeitet, das zeigt mir nur, es funktioniert. Das Publikum. will ja nicht immer nur das ganz einfachste haben und da müssen wir auch dran bleiben, zu glauben und das auch, also gemeinsam, die ihr Autorinnen und wir gemeinsam daran glauben und das weiterhin einfach auch selbstbewusst betreiben, weil das ist eben auch der Freiraum, den wir uns selber nehmen müssen.
speaker-0: Ich glaube, dass wir gerade in Österreich eine sehr, sehr blühende Szene haben, was Spoken Word, Spoken Art und überhaupt diese Verbindung von Text und Lautlichkeit. Ich meine, haben wir ja auch in der Tradition ganz klar. Aber dass wir diese unomadopoetischen Elemente einfach wieder so ganz, ganz stark spüren, auch in dem, Leute jetzt und heute machen. Und ich finde auch, das ist ein sehr schöner Ausblick zu sagen, wir haben ja eigentlich den Schulterschluss zwischen der Kritik. eigentlich sollte auch in der Politik liegen oder es hat eine ganz starke Reflexwirkung auf die Politik und den Leuten, die Kunst betreiben und Kunst schaffen und damit aber eigentlich nur die Nähe zu den anderen Menschen wieder suchen und die Verbindung, weil das ja unser eigenes Schaffen auch so verändert und verbessert.
speaker-1: Das ist aber so wichtig, dass wir das sichtbar machen. Es ist ja da, es ist so vieles da.
speaker-0: Vielen, vielen Dank für das spannende und schöne Gespräch. Brigitte Schwenz-Harrant.
speaker-1: Gern, danke.