Laut + Leis· Folge 79

Uni-Seelsorger Thomas Reschke über die Generation Z an der HSG

Freitag, 30. Oktober 2026 · 34 min

MP3

Shownotes

Er ist seit 25 Jahren katholischer Seelsorger und Lehrbeauftragter für Theologie an der Hochschule St. Gallen (HSG). Wie hat sich die Kaderschmiede verändert, und wie erlebt Thomas Reschke die Studierenden der Generation Z? Ein Gespräch über Höhepunkte und Tiefschläge, über Vorurteile und Lebensrealitäten.
Die Themen:
• Ende Jahr geht Thomas Reschke in Frühpension: Hat er genug von seiner Arbeit als Uni-Seelsorger?
• Zu Beginn seiner Tätigkeit hatte die HSG exakt 4701 Studierende. Heute sind es mehr als doppelt so viele: Was heisst das für seine Arbeit?
• Was ist dran an der Aussage, dass an der HSG vor allem sogenannte «Rich Kids» studieren?
• Das Umfeld ist sehr kompetitiv: Wie schwer fällt es den Studierenden, bei Problemen das Gespräch mit einem Seelsorger zu suchen?
• Wie unterscheiden sich die Sorgen der Generation Z von den Sorgen früherer Generationen?
• Kriege, Klimakrise und künstliche Intelligenz: Wie stark ist Zukunftsangst auch an der HSG spürbar?
• Früher hat es an der HSG kein Care-Team gegeben. Das hat sich vor ein paar Jahren geändert: Was war der Auslöser?
• Arbeits- und Wohnort fallen bei Reschke zusammen: Wie grenzt er sich ab?
• Neben der Tätigkeit als Seelsorger sind Vorlesungen ein wichtiger Bestandteil seiner Arbeit: Wie frei ist er in der Wahl seiner Themen?
• Mit dem neuen Jahr beginnt für Thomas Reschke ein neuer Lebensabschnitt: Wie wird er ihn gestalten?

Transkriptvom Podcast bereitgestellt · Zeitmarken springen hin

Thomas Reschke [00:00:01] Ich hab da irgendwie so eine väterliche Rolle offenbar. Und wenn die dann hierherkommen und dann eine Auslegerordnung machen und sich überlegen, ja, was berührt mich eigentlich, was möchte ich? Und wenn sie dann auch lernen, dass vieles von dem Kompetitiven auch, dass man das auch etwas spielerisch sehen kann, unverkrampft sehen kann und dass das Leben nicht verloren ist, wenn man jetzt eine Prüfung nicht bestanden hat, sondern dass es weitergeht und dass man so viele Chancen noch hat und dass man sowieso privilegiert ist, hier an der Uni zu studieren.

Sandra Leis [00:00:36] Das sagt Thomas Reschke. Er ist katholischer Universitätsseelsorger und Lehrbeauftragter für Theologie an der Hochschule St. Gallen. Ende Dezember geht er nach 25 Jahren in Pension. Im Podcast «Laut und Leis» fragen wir, wie sich das Lebensgefühl der Studierenden in dieser Zeit verändert hat und was es heisst, in einem sehr kompetitiven Umfeld auch Schwäche zu zeigen.

Ich bin Sandra Leis und treffe meinen Gast auf dem Universitätsgelände im Akademikerhaus, das er leitet und wo er auch wohnt. Thomas Reschke, ganz herzlich willkommen zu unserem Gespräch. Thomas Reschke [00:01:14] Ganz herzlichen Dank Frau Leis, dass Sie gekommen sind. Sandra Leis [00:01:18] Sie gehen frühzeitig in Pension, haben Sie genug nach 25 Jahren von der Arbeit als Uni-Seelsorger?

Thomas Reschke [00:01:26] Nein, das ist die schönste Aufgabe, die unser Bistum überhaupt zu vergeben hat, aus meiner Sicht. Und ich denke, 25 Jahre ist jetzt für mich so eine gute Zeit. Und ich habe wunderbare Abschiede mit allen. Also für mich ist das wirklich so stimmig. Es gibt ja so dieses Stufengedicht von Hermann Hesse. Für mich ist es jetzt so die Zeit.

Sandra Leis [00:01:45] Die Arbeit als Universitätsseelsorger ist manchmal auch sehr anspruchsvoll. Gerade gestern waren Sie beispielsweise im tiefsten Graubünden. Thomas Reschke [00:01:57] Genau, aber man wird so freundlich empfangen, oder. Ich war gestern im Graubünden, weil wir den Jahrestag hatten von einem Studenten, den ich vor einem Jahr beerdigt habe. Und dann habe ich wieder die Eltern besucht. Und man merkt, daraus entstehen auch Beziehungen, auch Freundschaften. Und es tut so gut zu spüren, was denen das bedeutet, dass man da am Grab miteinander betet, dass man einfach füreinander da ist, dass sie merken, ja, da sind Menschen da und auch andere Studenten. Und das ist so was Wunderbares, wenn

man als Eltern spürt, mein Kind wird geliebt oder wird immer noch geliebt, auch wenn es tot ist. Sandra Leis [00:02:35] Sie sind ein Vierteljahrhundert hier tätig an der Universität St. Gallen. Gibt es eine Erfahrung, die Sie ganz besonders geprägt hat? Thomas Reschke [00:02:47] Es gibt unglaublich viele schöne Erfahrungen.

Ich kann das kaum so kategorisieren und sagen, die überragt alle anderen. Aber schön sind natürlich Erfahrungen, wo man merkt, dass das Leben denn doch die Aufgabe des Studenten ist, ist ja zu leben. Natürlich, die Uni würde sagen, ist es zu studieren. Aber ich sage erstmal, deine Aufgabe ist, zu leben und zum Leben zu kommen. Das ist eigentlich auch unsere christliche Aufgabe, das weiterzugeben. Und für mich ist das eins immer der prägendsten. Elemente, wenn ich spüre, da kommt jemand wieder zum Leben. Da ist jemand z.B. sehr depressiv und hat dann nachher wieder Hoffnung, kommt zum Leben. Eine Studentin, die jahrelang immer jede Woche da war und nachher merkt, ja, ich kann doch mit meinem Leben was bewirken, ich kann zum Beispiel in eine NGO gehen und da etwas

Tolles machen, also das ist so erfreulich. Und ich habe da so viele solche erfreulichen Erlebnisse. Sandra Leis [00:03:38] Als Sie 2001 hier angefangen haben, gab es gut 4700 Menschen, die hier studierten. Heute sind es mehr als doppelt so viele. Wie hat diese Zunahme Ihre Arbeit verändert? Doppelt so viel Arbeit ,oder wie muss ich mir das vorstellen?

Thomas Reschke [00:03:58] Ja, also doppelt so viel Arbeit würde ich nicht sagen. Es ist umfangreicher geworden. Man hat natürlich eine größere Internationalität. Das hatten wir früher nicht so. Und die Uni ist relativ schnell gewachsen in den letzten Jahren. Im Verhältnis zu afrikanischen Universitäten übrigens langsam. Da hat man in zwei Jahren von null auf 20’000 Studenten. Das haben wir hier nicht so. Eigentlich sind wir sehr lange organisch gewachsen in den letzten Jahrzehnten. Genau zu der Zeit, wo ich war, sind wir langsam gewachsen und da merke ich, dass dadurch, dass es gewachsen ist, braucht es auch stärkere Regelungen. Es gibt eine größere Verrechtlichung, das muss klar sein. Früher haben die Studierenden studiert und am

Schluss haben sie eine Prüfung gemacht, sozusagen und waren dann fertig, hatten den lic. oec. Und jetzt haben sie ganz viele so Prüfungen, und es ist sehr, sehr stark alles geregelt. Sandra Leis [00:04:54] Das hat aber auch mit der Bologna-Reform zu tun. Thomas Reschke [00:04:56] Genau, das hat mit der Bologna-Reform zu tun. Da haben wir hier, genau in dem Zimmer, wo wir jetzt hier sitzen, damals gesprochen, mit dem Sascha Spoun, Professor in Lüneburg bzw. der Rektor dort, wie wir diese Bologna-Reform so machen bei uns an der Uni, dass sie möglichst einen großen Impact hat. Und zwar haben wir da noch eingeführt Reflektionskompetenz und Kulturkompetenzen, dass man das hineinnimmt. Die Idee von der Uni war früher immer ein T. Der untere Balken ist quasi so

das Fachwissen, aber dass man oben auch einen breiten Horizont hat. Im Moment geht das ein bisschen in Richtung I, weil diese ganzen Kulturfächer und Reflektionskompetenz-Fächer, die werden zwar noch gelehrt, aber man merkt, wir können im Bereich von KI, müssen wir uns sehr, sehr stark auf die Kennkompetenzen fokussieren, damit wir eine Chance haben, dass unsere Absolventen auch gute Arbeitsplätze bekommen. Aber ich selbst bedauere das schon. Das T ist für mich wirklich das große Vorbild eigentlich. Dieser breite Horizont. Und als Theologe habe ich auch immer gelitten: Ich habe auch noch Germanistik studiert, Pädagogik und Philosophie. Und dass zum Beispiel die Theologen nie mit den Germanisten gesprochen haben. Also die Exegeten zum Beispiel.

Wir machen beide das Gleiche. Wir tun Texte interpretieren. Und da kann man doch voneinander lernen. Und dieses Interdisziplinäre, das habe ich immer wahnsinnig wichtig gefunden. Sandra Leis [00:06:21] Thomas Reschke, was hat es mit dem vielleicht Vorurteil zu tun, vielleicht ist es ein Vorurteil, vielleicht auch nicht, sagen wir die Aussage, dass hier an der HSG vor allem junge Menschen aus sehr wohlhabenden Familien kommen, also sogenannte Rich Kids. Stimmt das oder stimmt das nicht?

Thomas Reschke [00:06:40] Das stimmt absolut nicht, weil wir haben Studenten, die arbeiten am Wochenende noch, die arbeiten noch in der Woche, weil sie ihre Eltern nicht belasten wollen. Es hat einige wenige Rich Kids, das gibt es sicher, aber ich kann das wirklich nicht so bestätigen. Oder es gibt, aber was ich bestätigen kann, wir haben Studierende, die wirklich etwas aus ihrem Leben machen wollen, die 120 Meter statt 100 Meter laufen, die wirklich wissen, was sie wollen in ihrem Leben. Und ich habe mal einen Studentenschaftspräsidenten gehabt, der hat mit 24 gesagt, so jetzt will ich Präsident sein von dem Verein, mit 25 Studentschaftspräsident, mit 30 will ich heiraten.

Und das hat alles geklappt. Und ich hab ihn dann verheiratet auch. Also der hat eine ganz klare, ganz klare Vorstellung gehabt. Für mich ist das ein typisches Bild vom HSG-ler. Der hat wirklich sehr klar sein Leben strukturiert. Sie lernen das schon im ersten Semester, wie man so einen ganzen Wochenplan macht, dass man überhaupt 60 Stunden arbeiten kann.

Sandra Leis [00:07:32] Dieses berühmte Assessment-Jahr, wo ja auch 35 bis 40 Prozent der Studierenden durchfallen. Das muss man sich schon sehr bewusst sein. Das heißt also, das Umfeld hier ist ja sehr, sehr kompetitiv. Thomas Reschke [00:07:45] Es ist sehr kompetitiv, aber ich bin sehr glücklich darüber. Weil nämlich in der Zeit vorher, wo ich angefangen habe, hatten wir das so, dass manche 12, 13, 14 Jahre studiert haben und am Schluss kein lic. oec. gehabt haben.

Die hatten nichts und standen dann da. Dann habe ich mit den Eltern sprechen müssen usw. Oder die Eltern haben mich angerufen, ich soll doch immer mal ein bisschen was tun, damit der was tut. Wenn die Eltern dann 10, 15 Jahre jemanden finanziert haben, und der macht gar nichts, ist das für die Eltern sehr enttäuschend. Das ist jetzt ein bisschen traurig, aber es hat dann natürlich auch Suizide gegeben, die dann mitbedingt waren dadurch, dass jemand sagt, jetzt kann ich meine Lebensziele nicht erreichen. . .

Sandra Leis [00:08:26] Wenn ich diesen Abschluss nicht schaffe. Thomas Reschke [00:08:27] Und das ist weniger geworden. Das ist weniger. Wir fallen überhaupt statistisch gar nicht auf, also wir sind ganz normal. Es ist jetzt nicht, dass wir da groß was anderes hätten wie woanders, aber ich finde das vernünftig, dass man sagt, ja, dann geht man nach einem Jahr, als wenn man nach zehn Jahren geht. Und dann wieder etwas Neues anfangen muss.

Sandra Leis [00:08:45] Und gleichwohl, man muss sich vergleichen, man muss eben kompetitiv sein. Wie schwer fällt es denn da den heutigen Studierenden, sich auch zu öffnen und mal über Schwierigkeiten mit Ihnen beispielsweise zu sprechen, in einer Welt, wo man ja cool sein muss? Thomas Reschke [00:09:00] Ja, das finde ich eben das Erstaunliche.

Also zu mir haben sie das Vertrauen, die kommen zu mir. Das ist der einzige Ort, wo sie sagen, da können wir sein, wie wir sind. Oder ich habe da irgendwie so eine väterliche Rolle offenbar. Oder auch die Mädchen, die sagen, ja zu Weihnachten ist die einzige Zeit, wo ich mal meine Emotionen zeigen kann. Man ist sehr, sehr diszipliniert, oder. Sehr diszipliniert.

Sandra Leis [00:09:24] Man muss ja auch, damit man das Ganze schaffen kann. Thomas Reschke [00:09:27] Genau. Aber wenn die dann hierherkommen und dann eine Auslegerordnung machen und sich überlegen, ja was berührt mich eigentlich, was möchte ich und wenn sie dann auch lernen, dass man das auch etwas spielerisch sehen kann, unverkrampft sehen kann. Und dass das Leben nicht verloren ist, wenn man jetzt eine Prüfung nicht bestanden hat, sondern dass es weitergeht und dass man so viele Chancen noch hat und dass man sowieso privilegiert ist, hier an der Uni zu studieren. Oder? Das ist, also das gelingt nur den wenigsten. Und für die deutschen Studenten ist das wie ein Sechser im Lotto, wenn sie hier an der HSG angenommen werden. Weil sie müssen ja auch noch eine Prüfung machen.

Sandra Leis [00:10:09] Also alle ausländischen Studierenden müssen eine Prüfung haben. Thomas Reschke [00:10:12] Ja, wir haben eine Quote von 25 Prozent, die Maximum hier anfangen dürfen als ausländische Studierende. Das haben die Bürger mal so bestimmt, die Stimmbürger, und die sind total happy, wenn sie das geschafft haben.

Sandra Leis [00:10:27] Aber darf ich fragen, ganz konkret, wie viele solche Gespräche führen Sie pro Tag jetzt mit Studierenden, wo es wirklich um was geht? Thomas Reschke [00:10:35] Mindestens ein bis zwei pro Tag, wo es wirklich um was geht. Sandra Leis [00:10:38] Ah so viel doch pro Tag. Thomas Reschke [00:10:39] Ja, das ist viel. Die trauen sich, die trauen sich, also man darf natürlich nicht ein goldenes Schild an die Tür machen und sagen ich bin der so und so und kommt, sondern man muss hineingehen in diese ganzen Vereine, wir haben 120 Vereine. Man muss da mitmachen, die müssen einen kennen, die müssen einen niederschwellig kennenlernen, dass sie Vertrauen gewinnen und dann ist das Mund-zu-Mund-Propaganda. Also ich habe so viel Studenten unten im Saal,

ich darf gar nicht mehr Werbung machen, weil da passen nicht mehr Leute rein. Sandra Leis [00:11:03] Also ich nehme an, Sie beraten auch Menschen, die jetzt nicht römisch-katholisch sind, sondern alle, nicht? Thomas Reschke [00:11:07] Natürlich, alle. Auch Dozierende, die dann zum Beispiel, wo der Mann fremd gegangen ist, oder irgendwie so, oder.

Sandra Leis [00:11:14] Eben, die kommen ja dazu. Auch die Angestellten. Thomas Reschke [00:11:16] Wir haben 3700 Angestellte. Ich sage immer, ich habe die einzige Pfarrei, die wächst. 10’500 Studenten plus noch diese 3700. Und das ist eine wunderbare Sache, eine wunderbare Aufgabe. Ich bin so dankbar, dass ich das so viele Jahre machen durfte. Das ist ja auch nicht selbstverständlich. Aber das ging auch nur, weil die haben sich ja immer. . . Da gab es ja immer wieder neue, oder. Und in der Pfarrei bleiben immer die gleichen. Und dann ist die Gefahr, dass man irgendwie die Pfarreientwicklung stören könnte.

Sandra Leis [00:11:47] Ja, man ist ein wenig so in sich geschlossen. Thomas Reschke [00:11:48] Man ist in sich, und man erreicht ja nie immer alle, und hier ist das eine andere Voraussetzung. Sandra Leis [00:11:56] Eben, Sie sind jetzt seit 25 Jahren hier, können auch die Studierenden beobachten, wie Sie sich verhalten, wie, Ihrer Meinung nach, wie unterscheiden sich die Sorgen der Generation Z von den Sorgen früherer Generationen?

Thomas Reschke [00:12:12] Ja, die haben heute vieles Neues, was wir damals nicht hatten. Zum Beispiel haben sie heute das Handy. Und jetzt kann es ja passieren, dass selbst beim Vaterunser das Handy klingelt. Und man muss eigentlich immer erreichbar sein. Man muss immer in Kontakt sein. Und der Nachteil ist, der Mensch hat Schwierigkeiten, sich zu fokussieren. Wir haben viele Leute, die müssen Ritalin nehmen und so was. Weil der Mensch sucht immer neue Reize.

Und wenn sie scrollen, das geht immer schneller. Man hat einen Reiz nach dem anderen. Und das ist ja eigentlich wirklich bewusst gewollt von Social Media, dass man immer wieder einen neuen Reiz sucht und immer in seiner Bubble bleibt, die dann immer noch verstärkt wird und wo man auch in seinen Dingen, wo man ja einseitig wird, immer verstärkt wird. Und das finde ich eben so gut, wenn man in Vereinen ist oder auch, wo ich hier nach St. Gallen gekommen bin, bin ich in den Kiwanis-Club und verschiedene Clubs reingekommen, wo auch politisch andere Meinungen hat. Und nicht nur unter Theologen ist oder so, sondern dass man wirklich andere Positionen hört, darüber diskutiert, ja, wie stimmst du ab, warum und so weiter, finde ich total spannend.

Sandra Leis [00:13:10] Und kommen denn diese Studierenden mit der Sorge zu Ihnen, ich hänge zuviel am Handy? Thomas Reschke [00:13:14] Ja, also das gibt es so, dass sie sagen, ich will jetzt Digital Detox machen. Das gibt es immer mal wieder. Das geht aber meist immer nur sehr, sehr kurz. Also das schaffen die nicht lange. Und wichtig ist eben, dass sie merken, in der Tradition der Kirche gibt es sowas wie Kontemplation, oder. Die Mönche oder die Nonnen, die wirklich verweilen können bei etwas. Und das ist eigentlich auch eine tiefe Sehnsucht, einfach mal zur Ruhe kommen. Und ich habe eine Studentin, die hat mir mal gesagt, es gibt zwei Momente, wo sie so ganz zur Ruhr kommt. Ich weiß nicht, ob man das auf dem Podcast

so sagen kann, aber einfach sagen darf. Aber sie sagt beim Gottesdienst oder beim Orgasmus da ist sie ganz bei sich sozusagen und kommt zur Ruhe. Weil sonst sind so viele Reize, die auf einen einfluten und wo man ständig irgendwie etwas erreichen muss. Das ist sicher eine Situation, in der unsere heutige Jugend so lebt.

Sandra Leis [00:14:05] Wie ist es so mit den Autoritäten? Ich erinnere mich natürlich an die eigene Studentinnenzeit, wo wir auch gegen Autoritäten, auch gegen Eltern angekämpft haben. Auch politisch natürlich. Wie ist das heute? Ist das heute auch noch ein Kampf oder ist das viel weniger? Thomas Reschke [00:14:19] Also ich merke, dass die Autoritäten der Eltern, da wird immer noch angekämpft.

Sandra Leis [00:14:24] Kann ich mir denken. Thomas Reschke [00:14:25] Weil die Eltern natürlich immer wieder in das Leben hineinregieren, und da müssen manchmal auch die Eltern loslassen, und das ist ein Lernprozess für beide, der manchmal ein bisschen schmerzhaft ist, oder. Was ich wenig erlebe, ist, dass man, also dass man irgendwas in Frage stellt, was Professoren sagen oder Professorinnen. Also da würde ich mir mehr wünschen. Ich bin noch damals auch auf die Straße gegangen. Ich habe auch gegen den Iran-Krieg protestiert.

Sandra Leis [00:14:49] Ja, eben. Da waren wir ständig an Demos. Thomas Reschke [00:08:45] Das kann man sich jetzt bei uns an HSG eher selten vorstellen. Bei uns ist aber, wir machen es anders, wir machen es durch Dialog. Wir haben zum Beispiel das St. Gallen-Symposium, wo dann 600 Führungskräfte kommen, 400 Studenten.

Und da diskutiert man die aktuellen Fragen nicht gewalttätig, sondern wirklich auf Augenhöhe auch, das finde ich ganz spannend. Und ist nämlich entstanden zur Zeit der 68er-Jahre dieses Symposium als Gegenbewegung zu dem, dass man auf die Straße geht. Aber trotzdem, ich würde mir manchmal ein bisschen mehr Mut wünschen, aber die haben oft nicht den Mut, weil sie denken, ja, meine Karriere ist kaputt, wenn ich jetzt etwas sage gegen den Doktorvater oder so, oder. Also man ist da doch sehr, sehr vorsichtig.

Sandra Leis [00:15:33] Beobachten Sie auch eine Art berufliche Zukunftsangst an der HSG? Von der kann man immer wieder lesen, aber ich weiss nicht, ob das auch an der HSG ein Thema ist. Aber sonst, junge Menschen, es ist ja nicht mehr so, dass man denkt, es geht mir dann besser als meinen Eltern, dieses Lebensgefühl. Wie erleben Sie das an der HG?

Thomas Reschke [00:15:51] Also ich sehe da auch dunkle Wolken aufziehen. Und ganz früher, wo ich angefangen habe, hat jeder mindestens zwei Stellen bekommen von Firmen. Die sind auf die Leute zugegangen, dann zehn Jahre später vielleicht einer, und jetzt ist es manchmal schwierig. Manche hangeln sich von Praktikum zu Praktikum.

Sandra Leis [00:16:10] und das ist ja schon nicht ganz einfach, eines zu kriegen. Thomas Reschke [00:16:13] Genau, das ist auch nicht so einfach. Man schafft es nur, wenn man auch während des Studiums Praktika macht. Und das beißt sich so ein bisschen, dass man auch noch arbeitet dabei oder. Es ist noch anstrengend, die werden in der Regel kaum bezahlt. Das macht denen schon Sorge. Also diese berufliche Unklarheit, vor allem auch mit der KI. Oder wenn man sagt, jetzt habe ich zwei Jahre was gelernt und die KI kann das jetzt auch. Warum lern ich das? Die können das vielleicht sogar genauer und besser. Und das ist etwas, wo die Studierenden sehr am Fragen sind, wo ist jetzt unser Alleinstellungsmerkmal,

wo kann man uns einsetzen? Die ganzen typischen Anfängerjobs gibt es nicht mehr. Sandra Leis [00:16:52] Das ist doch ein Riesenunterschied zu vor 25 Jahren. Thomas Reschke [00:16:55] Genau, ein Riesenunterschied. Und deshalb sind sie auch nicht so, ja, ich merke es, ist so ein bisschen gedrückt. Und aber eben die HSG-ler sind schlau genug, sie machen dann also Networking, oder. Sie sprechen ja alles auf Englisch aus, Workload und Networking und so. Und das ist total wichtig in der Wirtschaft oder auch in der Juristerei, dass man einander kennt, dass man Beziehungen hat, dass man einander vertrauen kann.

Dann hat man auch viel mehr Chancen, angenommen zu werden. Sandra Leis [00:17:28] Und wenn jetzt ein Student zu Ihnen kommt und wirklich mal offen von seiner beruflichen Zukunftsangst spricht, die man nicht einfach vom Tisch wegwischen kann, wie reagieren Sie da? Als Theologe meine ich. Thomas Reschke [00:17:39] Als Theologe, ja, das sehr ernst nehmen. Und natürlich kann ich als Theologe auch immer sagen, du hast einen Wert auch ohne jetzt den beruflichen Auftrag. Und in der Regel kommt es immer gut. Also als Theologe tue ich ihn ermutigen, und dann habe ich auch ein Netzwerk, oder. Dann weiß ich auch, wen ich da mal wieder fragen kann, wem ich den empfehlen kann. Und da kommen auch Studenten,

ja, können Sie mir nicht eine Empfehlung schreiben und so. Und das tue doch sehr gerne. Sandra Leis [00:18:06] Das machen Sie auch? Thomas Reschke [00:18:07] Ja, ich mache auch so eine Begabtenförderung, Cusanuswerk, also von der Deutschen Bischofskonferenz. Die Begabten kriegen ein Stipendium, da kommt ja auch alles zu mir. Und ich finde vor allem, dass das ermutigen soll und das wird sehr, sehr gern angenommen.

Sandra Leis [00:18:24] Heute sind 35 Prozent der Studierenden weiblich. Hat sich das Miteinander unter den Geschlechtern verändert in Ihrer Zeit? Thomas Reschke [00:18:34] Es sind sogar noch mehr weiblich bei der Juristerei, ich glaube 60 oder 70 Prozent. Sandra Leis [00:18:38] Ich meine insgesamt aufs Ganze gesehen. Ich habe das in Ihren Unterlagen gelesen.

Thomas Reschke [00:18:39] Ach so, ja insgesamt sind wir bei 35 Prozent. Das ist doch ganz toll. Früher hat man doch immer bei diesen ganzen Veranstaltungen, da sieht man nur lauter Männer. Und das Bild ändert sich langsam. Nicht ganz schnell, aber langsam. Und jetzt an der Uni ist das jetzt sehr viel stärker geworden, dass Frauen wirklich präsent sind. Und ich hab's auch bei mir unten im Saal. Fast ein Viertel sind immer Frauen oder ein bisschen mehr. Und es ist schon, schon ganz anders. Wenn ich daran denke, dass früher die erste Frau, die ein Doktorat gemacht hat, die Hanny Thalmann war, die hier, also die Nationalrätin, die in diesem Haus gelebt hat.

Sandra Leis [00:19:22] Sie sind ja manchmal eben auch unterwegs und stellen die HSG vor. Deshalb habe ich vorhin gesagt, in Ihren Unterlagen. Sie haben mir freundlicherweise eine Powerpoint-Unterlage geschickt, die Sie bei den Rotariern vorgestellt haben. Und da gibt es eine Folie, die nennen Sie Dark Secrets.

Thomas Reschke [00:19:41] Ui, die ist aber intern. Aber wir können darüber reden. Sandra Leis [00:19:42] Ja, genau. Aber es gibt doch einen Punkt, ich will nur einen herausgreifen, da sagen Sie, dass doch circa 500 Studierende krank seien während oder pro Prüfungsphase. Es ist doch eine hohe Zahl, dass 500 Menschen dann so Stress haben pro Prüfungsphase, es gibt ja da sicher auch verschiedene Krankheitsgrade. Krank ist ja nicht gleich krank. Wie unterscheiden Sie da?

Thomas Reschke [00:20:07] Also wir als Uni können das natürlich nicht unterscheiden. Wir haben den Attest. Sandra Leis [00:20:11] Aber Sie haben vielleicht Leute, die zu Ihnen kommen, nicht? Thomas Reschke [00:20:12] Genau, es gibt welche, die zu mir kommen, die haben dann zum Beispiel Prüfungsängste. Dann kann man an diesen Prüfungsängsten arbeiten. Man kann sagen, okay, also was kannst du vielleicht machen? Du kannst zum Beispiel Atemübungen machen.

Also es gibt gewisse Atemübungen, um zur Ruhe zu kommen. Man kann auch ermutigen und sagen, du ... Du kannst das, oder. Also man selbst ist ja immer der größte Kritiker von sich selber und sagt, ich kann das nicht. Und wenn du sagst, du kannst das. Also oft kommen die dann zu mir und erwarten, dass ich wahnsinnig viel Verständnis habe und wahnsinnig lieb bin. Und stattdessen gebe ich oft so einen Tritt in den Hintern und sage, du machst das jetzt. Und nachher sind die mega dankbar, dass sich dann so hart war mit denen. Sie haben das geschafft. Das braucht es ja auch machmal, oder?

Sandra Leis [00:20:53] Ja, manchmal braucht es das auch. Aber wie spüren Sie denn, Sie sind ja Theologe. Wenn Sie merken, das ist wirklich eine harte Nuss, braucht vielleicht sogar psychiatrische Unterstützung, dann müssen Sie ein richtig sensibles Gefühl dafür haben. Thomas Reschke [00:21:08] Genau, da mache ich natürlich eine Triage.

Sandra Leis [00:21:10] Das haben Sie wahrscheinlich jetzt mit der Zeit. Eben, das meine ich mit dieser Triage. Thomas Reschke [00:21:12] Genau. Und dann, wir haben auch Psychologen an der Uni, und das ist auch gewachsen, und es gab früher keine Psychologin an der Uni, es gab nur die Seelsorger und dann ist so ein Seelsorger hin. Inzwischen haben wir glaube ich vier, fünf Psychologinnen, das wächst und die können natürlich dann in solchen Fällen auch sehr gut eingreifen, und zu denen kann man sich wenden. Wobei man sagen muss, die Studenten haben eher Angst ein bisschen dahin zu gehen manchmal, weil sie sagen, die sind ja vom System bezahlt, oder von der Uni, und ich werde von der Kirche bezahlt.

Sandra Leis [00:21:45] Genau, Sie sind beim Bistum angestellt. Thomas Reschke [00:21:47] Genau, das wird nirgendswo aufgeschrieben, dass man da einen Tolggen im Reihenheft hat oder so. Da haben sie ein bisschen Angst vor. Sandra Leis [00:21:53] Und das Reinheft ist ja ganz wichtig. Thomas Reschke [00:21:55] Das Reinheft ist ganz wichtig, das muss alles top aussehen. Und nein, und da greife ich auch durchaus ein, wenn ich auch merke, dass es jetzt wirklich ganz hart kommt. Habe ich zum Beispiel auch jemand mal vom Hier ist er direkt ab, also das war ein schwieriger Student. Da ist, der hatte einen Psychiater gehabt, und der Psychiater traute sich nicht allein mit dem. Der hatte immer noch zwei Psychologen dazu

eingeladen. Aber der Student war allein mit mir, oder. Zu einem Gespräch, wo er ganz viel Mist gebaut hat, der hat das Zeugnis verändert. Der hat. . . Sandra Leis [00:22:28] Also gefälscht. Thomas Reschke [00:22:29] Gefälscht, genau. Der hat Leute bedroht. Und dann habe ich dann von hier aus dem Psychiater angerufen und gesagt, was muss noch passieren? Und daraufhin hat der Psychiater mir dann zwei Polizisten geschickt und die haben ihn nach Wil gebracht, den Studenten.

Und das Schöne ist, nach einem Monat kam der Student wieder mit einer Magnumflasche Sekt, oder. Und wollte sich bedanken, weil er war so in so einem Wahn drin, und da musste er rausgeholt werden. Manchmal muss das halt ein bisschen gewaltsam auch erfolgen. Nicht ganz freiwillig, aber. . . Es ist schön, wenn dann auf krummen Zeilen nachher wieder gerade geschrieben wird. Und der hat nachher weiter studiert in London und so, und das Leben ist gut gegangen.

Sandra Leis [00:23:07] Im Vorgespräch haben Sie mir gesagt, ein sogenanntes Care-Team, das hat jetzt die HSG auch, hatte sie lange Jahre aber nicht. Was war der Auslöser, damit man jetzt dieses Care-Team installiert hat? Thomas Reschke [00:23:21] Ganz früher gab es das wirklich nicht, wo ich angefangen habe, da haben wir Seelsorger eigentlich immer in so Situationen wie im Todesfall an der Uni reagiert. Und es sind ja aber immer relativ viele von betroffen, und dann gibt es ja noch andere Krisen. Und dann haben wir uns vor so ungefähr zehn Jahren alle zusammengesetzt, die Psychologen und der reformierte Kollege Markus Anker und ich, und wir haben überlegt, was könnte es alles für Krisen geben? Wir haben eine Riesenliste gemacht.

An alles haben wir gedacht, Pandemie nicht übrigens, und genau geschrieben, wer für was zuständig ist. Die Zuständigkeiten sind ja wichtig und wie wir vorgehen, wie wir kommunizieren. Wir haben auch eine App, wo wir gegenseitig sofort in Kontakt sind mit dem Rektorat und so weiter. Aber früher war eben der Gedanke von der Uni, ja, wir haben nur die besten Schüler, also wenn man nur die besten Schüler und Schülerinnen hat oder Studierende, dann hat man keine Probleme, oder? Wir sind die Weltmeister, um uns selbst auf die Schultern klopfen. Und dann. . .

Sandra Leis [00:24:20] Eben, das ist schon das Selbstbewusstsein. Thomas Reschke [00:24:22] Das Selbstbewusstsein. Und dann muss man natürlich zugeben, man hat natürlich immer mal wieder Suizide, und die sind natürlich schwer zu verarbeiten. Die sind schwer zu verarbeiten, weil dann oft auch viel Unverdautes rauskommt.

Zum Beispiel, wenn das ist in der Prüfungsphase, dann fragt man sich als Uni auch, haben wir was falsch gemacht? Und es ist gut, wenn man merkt, oh nee, der Student hatte super Noten. Und das Schöne ist auch, in einem Fall erinnere ich mich, habe ich auch einen Studenten. Mit den Eltern bin ich dann hierhergegangen in seine Wohnung, wo er sich dann aufgehängt hat. Und dann haben wir – ja, irgendeiner muss die Eltern ja begleiten, oder- Und das Schlimme ist noch, von der Polizei ist ganz schiefgelaufen, die Polizei sind zur Mutter hin, die Mutter ist selbst Stadträtin, aber von einer anderen Stadt gewesen und haben ihr das benachrichtigt und sind wieder gegangen. Man darf so eine Person nicht allein lassen.

Sandra Leis [00:25:13] Haben sie einfach alleine gelassen? Thomas Reschke [00:25:14] Die war alleine gelassen, und die hat sich fast umgebracht, oder. Und dann hab ich die dann begleitet hierher, und wir sind noch in die Kirche gegangen nachher. Und das Schöne ist, dass nachher die Schwester bei mir geheiratet hat. Ich habe gedacht, mit mir hat sie nur alles Dunkle verbunden, alles Traurige die Schwester von diesem Studenten. Aber nachher habe ich noch das Kind getauft.

Also, man merkt es, auch aus solchen Momenten kann doch Kirche Kraft geben. Und wir sind da, wenn niemand da ist. Wir fragen nicht nach Zeit. Wenn jetzt ein Todesfall ist, dann bin ich dafür da. Dann ist das für mich Priorität eins. Sandra Leis [00:25:53] Sie leben hier ja auch auf dem Unigelände, da sind wir jetzt auch. Das heisst, bei Ihnen ist Wohn- und Arbeitsort ziemlich identisch. Wie grenzen Sie sich eigentlich ab?

Thomas Reschke [00:26:08] Ja, das ist eigentlich wirklich ein bisschen schwierig. Ich muss ehrlich sagen, also das ist für mich immer das Schwierigste gewesen, weil ich eben im gleichen Haus wohne, wo ich auch die Gespräche führe, wie jetzt mit Ihnen und so, oder? Aber eben ich habe so viel Geborgenheit gespürt von der Familie, ich habe vom Glauben oder auch dadurch, dass Menschen, denen man helfen konnte, einem positive Verstärkung gegeben haben, wie zum Beispiel dann die Hochzeit von. . .

Sandra Leis [00:26:35] Von der Schwester, was Sie gerade erzählt haben. Thomas Reschke [00:26:37] Und das finde ich so schön und so befriedigend, und das gibt dann einem doch wirklich Kraft und Freude. Sandra Leis [00:26:46] Und es gibt ja manchmal auch Semesterferien, da haben Sie vielleicht auch ein bisschen ruhigere Zeiten.

Thomas Reschke [00:26:50] Ja, ja, und man hat so viele lustige und schöne Momente mit den Studenten. Ich bin ja nicht nur hier im Haus, ich bin ja auch bei den Vereinen. Sandra Leis [00:26:58] Ja, auch im Gym, haben Sie mir im Vorgespräch gesagt, da würden Sie mal eine Vorlesung halten, weil die Jugendlichen ja heute sehr viel Zeit gerne im Gym verbringen.

Thomas Reschke [00:27:07] Ja, also ich habe da sogar früher Vorlesungen gehalten. Sandra Leis [00:27:10] Haben Sie mir erzählt. Sie sind wirklich präsent hier auf dem Campus. Wir sind beim Thema Vorlesung: Das ist ja das andere Standbein, das Sie sehr intensiv betreiben. Wenn man auf die Webseite schaut, sieht man, dass Sie da diverse Vorlesungen gehalten haben. Zum Beispiel Faszination Engel, sieben Todsünden oder auch 1300 Jahre Kloster Reichenau. Also eine sehr breite Palette, wo Sie sich intensiv mit den Themen beschäftigen. Sind Sie da vollkommen frei in der Wahl Ihrer Themen?

Thomas Reschke [00:27:43] Ja, ich bin ganz frei, muss mich natürlich absprechen mit meinen Kollegen oder mit meinen reformierten Kollegen nicht, dass wir nicht alle beide über Engel machen, das wäre schlecht, die katholischen und die evangelischen oder so, das geht nicht. Aber grundsätzlich bin ich da ganz frei. Ich nehme natürlich auch Gedanken auf von den Hörerinnen und Hörern, wenn die mir was sagen und nehme das gerne auf. Was immer sehr gut ankommt, sind natürlich so Dinge mit Lokalbezug oder wie Insel Reichenau, wo sehr eng mit St. Gallen zusammen war.

Sandra Leis [00:28:09] Oder die Wiborada. Da haben Sie, glaube ich, auch was gemacht, oder? Thomas Reschke [00:28:14] Genau, das war in der Corona-Zeit noch, ja. Und das ist wirklich sehr, sehr hilfreich, wenn man da so einen Bezug hat. Und auf der anderen Seite gibt es so diese Klassiker. Über Engel habe ich die Vorlesungsreihe gemacht und dann habe ich etwas gewagt. Da haben sogar die Professoren gesagt, wow, das ist ja ein tolles Thema. Und dann habe ich gedacht, ja, eigentlich müsstest du die Hörerinnen und Hörern auch mal reden lassen. Und dann haben die von ihren Geschichten erzählt. Und das braucht ja Mut, oder? Da sind da so 120 Leute, der Saal ist voll. Dass man nach vorne geht und sagt ja.

Zum Beispiel so eine Psychiatriefachfrau war da irgendwie bedroht worden von jemandem. Und dann kam zu einer Zeit, wo sonst nie einer kam und hat sie praktisch da gerettet, dass der andere mit dem Messer sie nicht angriff und so. Ganz viele Geschichten haben die erzählt, und die waren nicht irgendwie albern. Also wirklich ganz tief. Und da war ich richtig begeistert, was so der normale Christ, der jetzt nicht Theologie studiert hat. In der Theologie ist mir das kaum vorgekommen, die Engel. Ich habe ein Seminar gemacht bei Herbert Vogrimler. Nach einem Semester wusste ich immer noch nicht, gibt es jetzt Engel oder nicht? Das war so dogmatisch und so überhöht.

Aber hier merke ich, es gibt Menschen, die glauben und da hilft mir etwas und begleitet mich. Und der eine brachte es mir, ein Appenzeller war noch da, ein ehemaliger Redaktor übrigens. Sandra Leis [00:29:30] Eben die sind öffentlich, diese Vorlesungen. Thomas Reschke [00:29:32] Die sind öffentlich. Und die Leute kommen von überall her. Und er hat dann erzählt, ja, im Leben geht einem der Engel hinterher, und im Tod kommt er einem gegenüber und trägt einen dann auch, selbst wenn man ganz allein ist, das ist auch ein schönes Bild vom Tod.

Sandra Leis [00:29:47] Das ist ein sehr schönes Bild. Thomas Reschke [00:29:49] Er trägt einem dann auch zu Gott, oder? Also auch wenn ich alleine sterbe, da ist jemand, das ist ja auch so was Befreiendes. Und solche Dinge erzählen Menschen mit sehr viel Lebenserfahrung. Und das ist für mich auch ein mega Geschenk gewesen. Oder sie schreiben mir auch ganz viel, die Hörerinnen und Hörern. Also sie sind auch selber Sprecher und Sprecherinnen.

Sandra Leis [00:30:10] Es ist ja noch wichtig, dass Sie auch Resonanz haben und Feedback und so. Ende Jahr geht diese Zeit zu Ende, werden Sie das nicht auch vermissen? Sie haben ja so begeistert von den Vorlesungen erzählt und auch von Ihren Gesprächen mit den Studierenden. Was bedeutet das für Sie, dieser Schritt?

Thomas Reschke [00:30:31] Also ich hab viele Hobbys, vor allem möchte ich mit Dankbarkeit zurückblicken auf die ganze Zeit. Also ich bin auch dankbar für die ganze Zeit, und natürlich bin ich auch ein bisschen traurig, aber traurig kann man ja nur sein über etwas, was man geliebt hat, oder? Und ich hab das wirklich geliebt.

Und ich möchte auch so auf dem Höhepunkt eigentlich gehen, oder, und merken, ja. Sandra Leis [00:30:49] Sie sind noch im Saft, das merkt man, wenn man mit Ihnen spricht. Thomas Reschke [00:30:51] Genau. Ich weiß auch, ich erlebe auch immer wieder, das Leben ist ja nicht unendlich, es gibt eine Endlichkeit. Und dann bin ich in sehr vielen Vereinen und Clubs drin, und ich könnte also zweimal am Tag warm essen. Also ich muss nicht verhungern, den Freundeskreis pflegen und ich habe weiter Kontakt mit denen, wo ich so viel schon erlebt habe. Das schließt sich ja nicht ab. Aber ich möchte natürlich den Neuen, meinen Nachfolgern, nicht in der Sonne stehen.

Sandra Leis [00:31:18] Es sind zwei, ein Mann und eine Frau. Thomas Reschke [00:31:20] Genau, da freue ich mich auch. Das ist ganz toll. Und ich hoffe, dass die sich genauso wohlfühlen wie ich. Und das ist für mich wirklich eine große Freude, dass das so schnell ging und wir eine große Auswahl hatten. Also das ist richtig toll.

Sandra Leis [00:31:37] Es ist eine tolle Stelle, wie Sie zu Beginn unseres Gesprächs gesagt haben. Aber wird Ihnen diese öffentliche Bühne, die Sie hatten – Leute kamen eben zu Ihnen und wollten Sie hören –, werden Sie das nicht vermissen? Thomas Reschke [00:31:51] Also, man muss die Demut haben, zu sagen, man ist nicht unverzichtbar. Und ich finde, auch andere müssen die Chance haben, so etwas machen zu können. Und mein Motto ist immer, dass ich jeden Tag einen neuen Anfang mache.

Es gibt ja von jedem Leben, gibt es irgendwie manchmal einen Satz. Und der einzige Satz, der einmal von einem Wüstenvater übriggeblieben ist, war, er machte jeden Tag einen neuen Anfang. Sandra Leis [00:32:14] Vielen herzlichen Dank für Ihre Ausführungen und alles Gute für den neuen Lebensabschnitt.

Thomas Reschke [00:32:20] Ich freue mich sehr und danke Ihnen, Frau Leis, für diese Möglichkeit, hier mit Ihnen sprechen zu dürfen. Sandra Leis [00:32:25] Sehr gerne. Das ist die 79. Folge des Podcasts «Laut + Leis». Zu Gast war Thomas Reschke. Der Universitätsseelsorger der Hochschule St. Gallen geht nach 25 Jahren in Frühpension. Über Feedback freuen wir uns. Schreibt gerne per Mail an podcast@kath.ch oder per WhatsApp auf die Nummer 078 251 67 83.

Und abonniert den Podcast und bewertet ihn positiv, wenn er euch gefällt. In der nächsten Folge von «Laut + Leis» spreche ich mit der deutschen Schriftstellerin und Bestsellerautorin Nora Bossong. In ihrem soeben erschienen Buch «Welt mit anderen Mitteln. Für mehr Glauben in erschöpften Zeiten» plädiert die studierte Theologin und praktizierende Katholikin für eine Wiederentdeckung spiritueller Ressourcen. Bis in zwei Wochen und bleibt laut und manchmal auch leise.

0:00 / 0:00