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Poschardt, Fleischhauer und Co. – der Großangriff der Wutbürger
Mittwoch, 28. Oktober 2026 · 16 min
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Shownotes
Neulich beim Frisör. Auf dem Tischchen, zwischen einer zerfledderten „Landlust“ und Blättern wie „Frau im Koma“, lag ein Focus. Ich habe den Fehler gemacht, ihn aufzuschlagen. Jan Fleischhauer erklärte mir dort, wovor ich mich zu fürchten habe – vor Lastenrädern, glaube ich, oder vor den nun drohenden Enteignungen durch die rot-rot-grünen „Kommunisten“ in Berlin; vielleicht auch vor allem gleichzeitig. So genau weiß man das bei ihm nie und so genau will man es auch gar nicht wissen. Als eine junge Dame mich aufrief, empfand ich dies als Erlösung. Ein Essay von Jens Berger.
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Wobei der Print ja gar nicht mal das typische Habitat von reaktionären Wutbürgern vom Schlage eines Fleischhauer ist. So richtig schlimm wird es im Mordor des deutschen Wutbürgertums – auf Facebook und YouTube. Da kann man – je nachdem, wie boshaft und übergriffig der Algorithmus gerade drauf ist – kaum noch ein paar Beiträge durchscrollen, bis man auf die stets übel gelaunten grauhaarigen Pöbeldiven trifft; meist aufgewärmt durch die Durchlauferhitzer der „rechten Blase“ – YouTube-Kanäle mit Buchstaben auf den Titelbildern, die noch größer sind als die der BILD.
Seitdem lässt mich eine Frage nicht los, die man in einer pluralistischen Gesellschaft eigentlich nicht stellen darf: Welche Existenzberechtigung haben eigentlich Typen wie Poschardt, Fleischhauer, Blome und Co.? Nicht als Menschen wohlgemerkt – als Menschen sollen sie lange und gut leben, darauf komme ich noch zurück. Sondern als Kommentatoren, als Meinungsmacher, als selbsternannte Stimmen der Vernunft in einem Land, das angeblich von links gekapert wurde. Was tragen sie eigentlich bei, außer die Steigerung des eigenen Blutdrucks und des ihrer Leser?
Die Hausmeister des Bestehenden
Es geht ihnen angeblich um Freiheit, um Vernunft, um den gesunden Menschenverstand gegen ideologische Verirrungen. Doch das ist vorgeschoben. Es kann natürlich daran kein Zweifel bestehen, dass die Kulturkämpfer von links ihren Unsinn in den letzten Jahren bis an die Grenze des Unerträglichen überzogen haben, und es ist sowohl wohlfeil als auch notwendig, dies zu kritisieren. Das machen zum Beispiel die NachDenkSeiten ja in steter Regelmäßigkeit. Nur weil die Kulturkämpfer – um es mal umgangssprachlich zu formulieren – so richtig einen an der Glocke haben, heißt dies im Umkehrschluss jedoch nicht, dass ihre Antipoden, die Kulturkämpfer von rechts, nun die Weisheit mit Löffeln gefressen hätten.
Mich erinnert das immer an einen alten Mann, der früher bei uns am Teich saß, Enten fütterte, und jedem Passanten, ob der es nun wollte oder nicht, erzählte, dass die „Sozialisten“ unser Land zerstören. Ein wenig so, als hätte man Menges „Ekel Alfred“ Tetzlaff in die Wirklichkeit gebeamt. Und ja, die Poschardts, Fleischhauers und Blomes wirken in der Tat so, als seien sie eine Reinkarnation von Alfred Tetzlaff – jedoch mit dem entscheidenden Unterschied, dass wohl (fast) jedem Zuschauer von „Ein Herz und eine Seele“ (de.wikipedia.org/wiki/Ein_Herz_und_eine_Seele) klar war, dass es sich hierbei um ein Satireformat handelt.
Obgleich ich mir vor allem bei Ulf Poschardt gar nicht mal sicher bin, ob er nicht auch ein satirisches Gesamtkunstwerk ist. Diese perfekte Mischung aus Blasiertheit, Arroganz und maßloser Selbstüberschätzung bei maximaler Ahnungslosigkeit kann doch eigentlich nicht echt sein. Wobei ich ja zugeben muss, dass ich den „blasierten Parvenü“ bereits als „Paris Hilton des deutschen Journalismus“ bezeichnet habe (blogs.taz.de/schmaehkritik_199_ulf_poschardt_3), als er abseits der Hardcore-Jungliberalen noch nicht als „cool“ galt.
Was mich heute „am Ulf“ besonders fasziniert, ist ja die Schlagzahl seiner Übellaunigkeiten. Selbst wenn der Ulf mal Freizeit hat und mit seinem schicken Ferrari in Gefilden unterwegs ist, die Leistungsträgern wie ihm vorbehalten sind, twittert er, was das Zeug hält, und wittert pathologisch griesgrämig hinter jeder Kurve den Untergang des Abendlandes. Man möchte ihm ja raten: Ulf, das Leben ist schön. Komm wieder runter und genieße es. Aber nein, irgendwo im politisch-medialen Deutschland könnte ja wer beispielsweise einen höheren Spitzensteuersatz gefordert haben und wo kämen wir denn da hin, wenn Ulf diese Forderung nicht vom Steuer seines Ferraris aus mit ernstem Gesicht bei X als Vorstufe des Stalinismus verbrämt?
Die bessere Frage wäre aber: Wem nützt eigentlich, was da Woche für Woche aus den Kolumnenspalten tropft?
Der Ökonom Albert O. Hirschman hat 1991 in seinem Buch „Denken gegen die Zukunft. Die Rhetorik der Reaktion“ drei Argumentationsfiguren beschrieben, mit denen Reaktionäre seit der Französischen Revolution jeden Fortschritt bekämpfen. Erstens die Perversitätsthese: Jede progressive Reform bewirkt das Gegenteil des Gewollten. Zweitens die Vergeblichkeitsthese: Bringt eh nichts. Drittens die Gefährdungsthese: Gefährdet alles, was wir bisher erreicht haben. Man könnte die gesammelten Werke unserer drei Herren problemlos als Anschauungsmaterial für ein Hirschman-Proseminar verwenden.
Mindestlohn? Vernichtet Arbeitsplätze – Perversität. Vermögensteuer? Bringt nichts, die Reichen ziehen doch eh weg – Vergeblichkeit. Mietendeckel? Gefährdet den Wohnungsbau, die Marktwirtschaft und vermutlich das Abendland – Gefährdung. Und beim Bürgergeld schafft man alle drei auf einmal. Das ist der publizistische Hattrick.
Mit Rebellion, mit der sie gerne kokettieren – Poschardt beschreibt sich ja allen Ernstes als „Punk“ – hat das nichts zu tun. Das ist Hausmeisterei. Sie sind die Pförtner des Bestehenden, die mit dem Feuerlöscher bereitstehen, bevor es überhaupt brennt. Sobald irgendwo ein Hauch linker Politik aufkommt – eine Umverteilungsidee, ein Tarifkonflikt, der nicht sofort mit einer Nullrunde endet, ein Politiker, der das Wort „Frieden“ ohne vorgeschaltetes „aber“ ausspricht –, wird er im Keim erstickt. Mit dem Etikett „Neiddebatte“, mit dem Verdacht der „DDR 2.0“, mit dem bewährten Hinweis, dass Sozialismus noch nie funktioniert habe.
Dazu braucht es übrigens keine Anweisung von oben. Gesinnung ist billiger als Befehl. Man stellt einfach Leute ein, die ohnehin schon so denken, und lässt sie machen. Der Rest erledigt sich von selbst. Es ist ja auch kein Zufall, dass die Hausmeister der Reaktion genau bei den Verlagen beschäftigt sind, die sich seit jeher als Bastion der bestehenden Verhältnisse begreifen – Springer, Focus, RTL.
Zensiert in Millionenauflage
Besonders putzig wird es, wenn die Herren über Cancel Culture klagen. Über Meinungskorridore, über Sprechverbote, über ein Klima, in dem man „ja nichts mehr sagen darf“. Natürlich ist Cancel Culture zu kritisieren. Aber man muss sich das bildlich vorstellen: Ein Mann sitzt in der Chefetage eines der größten Medienhäuser Europas, hat eine feste Kolumne, einen eigenen Podcast und Talkshow-Einladungen im Wochentakt – und beklagt, dass man in diesem Land nichts mehr sagen dürfe. Er sagt es. Und dann sagt er es noch einmal. Zur besten Sendezeit, in Millionenauflage, mit Push-Benachrichtigung aufs Smartphone.
„Man darf ja nichts mehr sagen“, dürfte inzwischen der meistgesagte Satz der Republik sein. Zensiert? Ach was. Das sind Zensuropfer mit Dienstwagen und Ferrari, Dissidenten mit Pensionsanspruch, Widerstandskämpfer, deren Untergrund ein Glasturm in Berlin-Kreuzberg ist. Und dennoch: Manchmal loten sie ja in der Tat die Grenzen des Sagbaren aus. Aber auch nur im Kulturkampf und in der Sozial- oder Wirtschaftspolitik. Man stelle sich nur einmal vor, die Herren Poschardt, Fleischhauer oder Blome würden in außen- und sicherheitspolitischen Fragen gegen den Strom schwimmen. Würde der Israel-Fan Ulf Poschardt den Völkermord in Gaza beklagen, könnte er sich die Leasingraten für seinen Zweit-Ferrari sicher bald nicht mehr leisten. Würde das Atlantikbrücken-Mitglied Fleischhauer die Aufrüstungsorgien brandmarken, wär’s das wohl mit der Chefredaktion beim Focus. Und Nikolaus Blome von RTL würde wohl …