Spektrum-Podcast

Tag der Artenvielfalt: Die bedrohte Biodiversität

Freitag, 22. Mai 2026 · 22 min

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Shownotes

Wir entdecken mehr neue Arten als je zuvor. Gleichzeitig ist die Artenvielfalt extrem bedroht. Wie können wir die Natur besser schützen?

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() Warum heutzutage besonders viele neue Arten entdeckt werden

() Abgrenzung: Ab wann spricht man von einer eigenen Art

() Wie es zur Entwicklung neuer Tierarten kommt

() Die Tierformen, die bis heute am meisten neu entdeckt werden

() Die unerforschtesten Regionen der Welt

() Schwierigkeiten, die Anzahl verstorbener Arten zu ermitteln

() Die Konsequenzen des Artensterbens

() Werden wir jeweils alle Arten auf der Erde kennen?

➡️ Artikel zum Nachlesen: detektor.fm/wissen/spektrum-podcast-tag-der-ar…

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Wir entdecken aktuell mehr Arten als je zuvor und haben trotzdem immer 00:00:05.000 --> 00:00:09.000 noch keine Ahnung, wie viele es wirklich gibt. Und natürlich ist die 00:00:09.000 --> 00:00:16.000 Artenvielfalt auch massiv bedroht. Darum geht es heute zum Internationalen Biodiversitätstag bei 00:00:16.000 --> 00:00:19.000 uns hier im Spektrum Podcast. Mein Name ist Max Zimmer. Schön, dass 00:00:19.000 --> 00:00:27.000 ihr dabei seid. Spektrum der Wissenschaft – der Podcast von detektor.fm.

Wie viele Arten gibt es eigentlich auf der Erde? Das klingt nach 00:00:49.000 --> 00:00:53.000 einer einfachen Frage, ist es aber ganz und gar nicht. Denn obwohl 00:00:53.000 --> 00:00:59.000 die Wissenschaft heute mehr Arten entdeckt als jemals, ist die tatsächliche Zahl 00:00:59.000 --> 00:01:04.000 der Lebewesen auf unserem Planeten immer noch ein Rätsel. Rund zweieinhalb Millionen 00:01:04.000 --> 00:01:08.000 Arten sind bislang beschrieben, aber Schätzungen gehen davon aus, dass es vielleicht 00:01:08.000 --> 00:01:12.000 auch zehnmal oder sogar hundertmal so viele sein könnten. Und besonders spannend 00:01:12.000 --> 00:01:17.000 – die Geschwindigkeit der Entdeckungen hat sich in den letzten Jahrzehnten massiv 00:01:17.000 --> 00:01:22.000 erhöht. Gleichzeitig wirft das Ganze natürlich auch eine unbequeme Frage auf, denn 00:01:22.000 --> 00:01:28.000 die Artenvielfalt ist extrem bedroht. Täglich sterben Arten aus. Wie viele sind 00:01:28.000 --> 00:01:31.000 denn vielleicht wohl bereits ausgerottet worden, bevor wir sie überhaupt entdeckt haben? 00:01:32.000 --> 00:01:37.000 Das sind alles Fragen, die wir uns heute zum Internationalen Biodiversitätstag stellen 00:01:37.000 --> 00:01:40.000 können. Das ist ein guter Anlass, um sich die Artenvielfalt mal 00:01:40.000 --> 00:01:45.000 genauer anzuschauen. Und das mache ich heute gemeinsam mit Daniel Lingenhöhl. Der 00:01:45.000 --> 00:01:48.000 ist Chefredakteur von Spektrum der Wissenschaft, und wer Daniel hier schon mal 00:01:48.000 --> 00:01:52.000 im Podcast gehört hat, der weiß, die Artenvielfalt ist seine große Leidenschaft. 00:01:52.000 --> 00:01:57.000 Hallo Daniel. Hallo Max. Daniel, schön, dass du mal wieder da bist. 00:01:57.000 --> 00:02:00.000 Vielleicht gehen wir mal so rein. Ihr schreibt bei Spektrum in einem 00:02:00.000 --> 00:02:04.000 aktuellen Artikel, dass heute mehr Arten entdeckt werden als jemals zuvor. Warum 00:02:04.000 --> 00:02:09.000 denn? Ja, das hat verschiedene Gründe. Der eine sehr wichtige Grund ist, 00:02:10.000 --> 00:02:16.000 dass wir heute sehr viele moderne Techniken zur Verfügung haben, mit denen 00:02:16.000 --> 00:02:23.000 wir Arten neu bestimmen können. Beispielsweise die DNA-Analyse. Wir können deutlich 00:02:23.000 --> 00:02:33.000 besser mit Hilfe von Technik Vogelstimmen unterscheiden. Wir können Massenspektrometrie machen, Massengentests 00:02:33.000 --> 00:02:38.000 machen und dabei feststellen, wie viel Genmaterial in der Probe vorhanden ist 00:02:38.000 --> 00:02:43.000 und welche Gensequenzen davon beispielsweise bislang unbekannt sind. Und dann kann man 00:02:43.000 --> 00:02:49.000 natürlich fahnden, woher diese Gensequenzen kommen, die man bislang nicht kannte, und 00:02:49.000 --> 00:02:53.000 auf diese Art und Weise dann neue Arten ausfindig machen. Ein zweiter 00:02:53.000 --> 00:03:00.000 Punkt ist, dass heutzutage Lebensräume viel leichter erreichbar sind, als sie 00:03:00.000 --> 00:03:04.000 das in der Vergangenheit waren. Das hat natürlich Vor- und Nachteile. 00:03:04.000 --> 00:03:07.000 Wenn etwas leichter erreichbar ist, kann man es auch leichter erschließen. Aber 00:03:07.000 --> 00:03:17.000 man kommt halt heutzutage mit einem Hubschrauber in ein entlegenes Regenwaldgebiet und 00:03:17.000 --> 00:03:22.000 kann dann dort die Expeditionstruppe absetzen und das ganze Material. Dann können 00:03:22.000 --> 00:03:26.000 die dort forschen und müssen nicht wochenlang sich erst mal mit Kanu 00:03:26.000 --> 00:03:31.000 und zu Fuß dorthin durchschlagen. Man hat natürlich auch neue Möglichkeiten, in 00:03:31.000 --> 00:03:35.000 die Tiefsee vorzustoßen. Man muss dann nicht selber runtertauchen, man kann einen 00:03:35.000 --> 00:03:41.000 Tauchroboter hinschicken. Man kann mit Kartenmaterial vorher arbeiten und Gebiete ausfindig machen, 00:03:42.000 --> 00:03:45.000 die abgelegen sind von der Zivilisation, und sich dann eben mit dem 00:03:45.000 --> 00:03:50.000 Hubschrauber hinfliegen lassen und auf die Art und Weise Regionen eingrenzen, in 00:03:50.000 --> 00:03:54.000 denen die Wahrscheinlichkeit, neue Arten zu finden, sehr hoch ist. Da geht 00:03:54.000 --> 00:03:56.000 es teilweise auch wirklich um Nuancen, wie du das gerade schon so 00:03:56.000 --> 00:03:59.000 ein bisschen beschreibst. Das ist ja gar nicht so ganz trivial. Wo 00:03:59.000 --> 00:04:02.000 beginnt denn eigentlich eine neue Art überhaupt? Wie macht man diese Abgrenzung? 00:04:03.000 --> 00:04:07.000 Das ist noch nicht mal so hundertprozentig definiert. Normalerweise sagt man, es 00:04:07.000 --> 00:04:13.000 ist eine eigenständige Art, wenn sie nur mit ihresgleichen fruchtbaren Nachwuchs erzeugen 00:04:13.000 --> 00:04:17.000 kann. Aber es ist natürlich schon möglich, dass Arten sich so stark 00:04:17.000 --> 00:04:22.000 unterscheiden, dass man von jeweils eigenen Arten spricht, die aber im Kontaktbereich 00:04:22.000 --> 00:04:27.000 zueinander tatsächlich sich auch untereinander erfolgreich vermehren können. Da gibt es dann 00:04:27.000 --> 00:04:34.000 so Hybride. Die existieren aber halt nur in diesem Übergangsbereich. Es gibt 00:04:34.000 --> 00:04:37.000 natürlich auch die Möglichkeit, dass es unterschiedliche Arten sind, die leben in 00:04:37.000 --> 00:04:42.000 getrennten Lebensräumen, die kämen unter natürlichen Bedingungen nie miteinander in Kontakt. Aber 00:04:42.000 --> 00:04:45.000 dann verschleppt der Mensch die eine Art in den Lebensraum des anderen. 00:04:46.000 --> 00:04:50.000 Dann können die sich dort natürlich dann schon treffen und auch vermehren. 00:04:50.000 --> 00:04:55.000 Dann hat man wieder Hybride. Also diese hundertprozentige Definition, was ist eine 00:04:55.000 --> 00:04:59.000 Art, was ist eine Unterart, da ist noch einiges im Fluss. Da 00:04:59.000 --> 00:05:04.000 ist die Wissenschaft noch nicht hundertprozentig sich einig. Ja, das hat wahrscheinlich 00:05:04.000 --> 00:05:06.000 auch viel mit der Art, wie neue Arten entstehen, auch einfach zu 00:05:06.000 --> 00:05:13.000 tun, evolutionär beispielsweise, ja. Also normalerweise entwickeln sich Arten, indem sie 00:05:13.000 --> 00:05:22.000 sich in Teilpopulationen, Teilbestände aufspalten. Ein gutes Beispiel ist, es kommt ein 00:05:22.000 --> 00:05:27.000 Vogel, in dem Fall mindestens zwei Vögel, Männchen und Weibchen oder Insekten 00:05:27.000 --> 00:05:32.000 oder andere Lebewesen, die kommen auf eine bislang unbesiedelte Insel, also von 00:05:32.000 --> 00:05:37.000 ihrer Art unbesiedelte Insel, und passen sich dann dort an die Lebensgewohnheiten 00:05:37.000 --> 00:05:41.000 an. Und dann können die sich dort dann auch im Laufe der 00:05:41.000 --> 00:05:49.000 Zeit auseinander entwickeln, weil sie unterschiedliche sogenannte ökologische Nischen dann besetzen. Und 00:05:49.000 --> 00:05:52.000 dann passen sie sich an diese Nische an und entwickeln sich so 00:05:52.000 --> 00:05:55.000 im Laufe der Zeit auseinander. Das ist ein ganz klassisches Beispiel. Das sind 00:05:55.000 --> 00:06:00.000 ja die Darwin-Finken auf den Galapagos-Inseln. Ja, die stammen von 00:06:00.000 --> 00:06:04.000 einem Vertreter, von einer einzigen Art ursprünglich ab. Ja, die ist auf 00:06:04.000 --> 00:06:10.000 diese Inseln gekommen und dann haben die sich dort dann ausgebreitet. Und 00:06:10.000 --> 00:06:15.000 auf diesen Inseln herrschen halt unterschiedliche Bedingungen. Also man hat trockenheiße Tiefländer, 00:06:15.000 --> 00:06:21.000 man hat eher kühle, feuchte Hochländer, man hat unterschiedliche Nahrungsquellen. Und im 00:06:21.000 --> 00:06:24.000 Laufe der Zeit haben sich diese Finken dann an unterschiedliche Nahrungsquellen oder 00:06:24.000 --> 00:06:31.000 unterschiedliche Lebensbedingungen angepasst, haben unterschiedliche Vorlieben entwickelt. Es gibt da eine Finkenart, 00:06:31.000 --> 00:06:35.000 die pickt andere Vögel zum Beispiel an und nimmt dann das Blut 00:06:35.000 --> 00:06:40.000 auf. So ein Vampir-Fink. Oder sie haben kräftige Schnäbel entwickelt, um 00:06:40.000 --> 00:06:44.000 dort harte Samen zu knacken oder feine Schnäbel, um Insekten zu fressen. 00:06:45.000 --> 00:06:49.000 Und wenn die sich dann irgendwann im Laufe der Zeit, dieses klassische 00:06:49.000 --> 00:06:55.000 Artkonzept, sie können sich nicht mehr miteinander fortpflanzen, wenn das dann soweit 00:06:55.000 --> 00:06:59.000 ist, ja, dann spricht man von zwei Arten. Der ganze Prozess, den 00:06:59.000 --> 00:07:05.000 nennt man auch adaptive Radiation, also die Aufspaltung in verschiedene Spezies in 00:07:05.000 --> 00:07:09.000 Anpassung an ihre jeweiligen Umweltbedingungen. Und das ist so ein ganz gängiger 00:07:09.000 --> 00:07:14.000 Prozess, der immer noch und weltweit abläuft. Ja, und das Ergebnis sehen 00:07:14.000 --> 00:07:16.000 wir ja heute quasi auch darin, dass wir immer noch so viele 00:07:16.000 --> 00:07:21.000 neue Arten entdecken. Daniel, was sind denn so Gruppen von Lebewesen, die 00:07:21.000 --> 00:07:24.000 heutzutage noch besonders häufig entdeckt werden? Ich vermute, es ist ja relativ 00:07:24.000 --> 00:07:28.000 selten, so dass man noch ein sehr großes Landsäugetier neu entdeckt. Das 00:07:28.000 --> 00:07:34.000 stimmt. Da komme ich nachher gleich nochmal drauf. Aber erstmal prinzipiell ist 00:07:34.000 --> 00:07:43.000 es so, die am wenigsten untersuchten Lebensgruppen sind natürlich eher kleine Spezies, 00:07:43.000 --> 00:07:51.000 Insekten oder bei den Pflanzen auch beispielsweise Gräser, Orchideen, dergleichen oder auch 00:07:51.000 --> 00:07:58.000 Weichtiere, also Würmer, Spinnentiere. Natürlich kann man das Ganze noch ins Unendliche 00:07:58.000 --> 00:08:01.000 quasi treiben, indem man sagt, man hat ja auch natürlich noch die 00:08:01.000 --> 00:08:06.000 Bakterien und die Archaeen und so weiter. Also da hat man riesige 00:08:06.000 --> 00:08:13.000 weiße Flecken in der Wissenskarte. Und prozentual entdeckt man natürlich oder beschreibt 00:08:13.000 --> 00:08:19.000 man jedes Jahr am häufigsten neue Insektenarten oder neue Gras- und Orchideenarten 00:08:19.000 --> 00:08:23.000 dergleichen. Aber es ist nicht so, dass wir bei den Wirbeltieren schon 00:08:23.000 --> 00:08:27.000 am Ende der Skala angelangt wären. Auch hier ist es so, da 00:08:27.000 --> 00:08:30.000 hat sich in den letzten Jahren der Trend bei den Neubeschreibungen eigentlich 00:08:30.000 --> 00:08:37.000 noch gesteigert. Bei sehr vielen Wirbeltiergruppen, Amphibien, Reptilien, Fische. Auch bei den 00:08:37.000 --> 00:08:41.000 Säugetieren entdeckt man tatsächlich noch regelmäßig neue Arten und sogar relativ große. 00:08:42.000 --> 00:08:47.000 Allein in den letzten Jahren gab es verschiedene neue Affenarten. Man hat 00:08:47.000 --> 00:08:52.000 sogar riesige Wale neu beschrieben, die einfach relativ in den Weiten des 00:08:52.000 --> 00:08:56.000 Ozeans dann doch versteckt gelebt haben und die man nicht als eigene 00:08:56.000 --> 00:09:01.000 Art erstmal klassifiziert hatte, bis man sie näher untersucht hat. Die einzige 00:09:01.000 --> 00:09:07.000 Wirbeltiergruppe, bei der die Anzahl der Neubeschreibungen auf relativ niedrigem Niveau jedes 00:09:07.000 --> 00:09:10.000 Jahr voranschreitet, sind die Vögel. Das ist also die am besten untersuchte 00:09:10.000 --> 00:09:14.000 Wirbeltiergruppe. Aber auch hier kann man sagen, so pro Jahr so zwischen 00:09:14.000 --> 00:09:21.000 10 und 20 neuen Spezies werden da noch beschrieben. Interessant. Du hast 00:09:21.000 --> 00:09:24.000 ja gesagt, vor allem Insekten werden eben noch entdeckt. Warum ist es 00:09:24.000 --> 00:09:26.000 denn so, dass wir so viele Arten da haben im Vergleich zu 00:09:26.000 --> 00:09:32.000 anderen Tiergruppen zum Beispiel? Das hängt mit der starken Anpassungsfähigkeit zum einen 00:09:32.000 --> 00:09:38.000 zusammen von Insekten. Die haben sich im Laufe ihrer Evolution an extrem 00:09:38.000 --> 00:09:43.000 viele unterschiedliche ökologische Nischen angepasst. Man kann sagen, es gibt Insekten, die 00:09:43.000 --> 00:09:48.000 sind auf eine einzige Pflanze spezialisiert, an der sie fressen. Und dann 00:09:48.000 --> 00:09:53.000 gibt es wiederum parasitäre Insekten, die nur auf dieses Insekt spezialisiert sind, 00:09:53.000 --> 00:09:56.000 das nur an dieser einen Pflanze frisst. Und dann gibt es wiederum 00:09:56.000 --> 00:10:02.000 Parasiten, die die Parasiten parasitieren. Also da gibt es sehr viele Möglichkeiten, 00:10:02.000 --> 00:10:08.000 dass sich Insekten neu entwickeln. Sie existieren auch schon sehr lange, also 00:10:08.000 --> 00:10:12.000 schon seit Hunderten von Millionen Jahren. Und das ist natürlich ein extrem 00:10:12.000 --> 00:10:16.000 langer Zeitraum. Sie haben auch die Massenaussterben in der Vergangenheit gut überlebt. 00:10:16.000 --> 00:10:21.000 Und man kann sagen, dass sich über diese lange Periode hinweg Artenzahlen 00:10:22.000 --> 00:10:33.000 anreichern. Und sie haben natürlich auch eine schnelle Generationenfolge. Ein Insekt kann 00:10:33.000 --> 00:10:38.000 eben bei Menschen oder, noch schlimmer, vielleicht bei Elefanten, die bekommen alle 00:10:38.000 --> 00:10:43.000 paar Jahre mal Nachwuchs. Da entwickelt sich dann was entsprechend langsamer. Während 00:10:43.000 --> 00:10:48.000 bei Insekten kann sowas wirklich im Zeitraffer ablaufen. Das ist jetzt nicht 00:10:48.000 --> 00:10:53.000 innerhalb eines Jahres, aber sehr schnell, dass da neue Arten entstehen. Und 00:10:53.000 --> 00:10:59.000 durch diese hohe Anpassungsfähigkeit besiedeln sie halt auch alle Lebensräume, von den 00:10:59.000 --> 00:11:03.000 trockenen Wüsten und selbst in der Antarktis gibt es einzelne Insektenarten bis 00:11:03.000 --> 00:11:06.000 hin zu den tropischen Regenwäldern. Und dann kann man sich vorstellen, es 00:11:06.000 --> 00:11:12.000 gibt ein sehr bekanntes Experiment von einem Käferforscher. Der hat im tropischen 00:11:12.000 --> 00:11:17.000 Regenwald dann einen Baum eingenebelt mit einem Insektizid. Und dann sind die 00:11:17.000 --> 00:11:21.000 ganzen Insekten tot aus dem Baum gepurzelt. Dann hat er gezählt, wie 00:11:21.000 --> 00:11:24.000 viele Arten sind da drin. Da waren es dann hunderte Arten, die 00:11:24.000 --> 00:11:27.000 zum Teil auf diesen Baum spezialisiert waren. Und dann hat er extra 00:11:27.000 --> 00:11:32.000 polieren gesagt, okay, in dem tropischen Regenwald, da gibt es mehrere tausend 00:11:32.000 --> 00:11:39.000 Baumarten. Jede einzelne Baumart hat so und so viele darauf spezialisierte Insektenarten 00:11:39.000 --> 00:11:45.000 und dann wieder auf diese Insekten spezialisierten Parasiten. Und daher kam er 00:11:45.000 --> 00:11:49.000 am Ende auf die gigantische Zahl von 30 Millionen Arten, die es 00:11:49.000 --> 00:11:53.000 weltweit geben könnte. Das hat man mittlerweile ein bisschen revidiert, das ist 00:11:53.000 --> 00:11:57.000 ein bisschen reduziert. Aber wie du schon am Anfang gesagt hast, man 00:11:57.000 --> 00:12:01.000 weiß es nicht genau, wie viele Arten gibt es auf der Erde 00:12:01.000 --> 00:12:08.000 überhaupt. Und auch die Schätzungen, die reichen wirklich so von vielleicht noch 00:12:08.000 --> 00:12:14.000 fünf Millionen bis hin zu mehreren zehner Millionen, 20 Millionen Arten oder 00:12:14.000 --> 00:12:17.000 sowas. Der Mittelwert, auf den man sich so im besten Fall einigen 00:12:17.000 --> 00:12:23.000 konnte, sind um die 8 bis 9 Millionen Arten, die weltweit existieren. Und 00:12:23.000 --> 00:12:27.000 das ist schon einiges. Du hast gerade öfter schon die Lebensräume angesprochen 00:12:27.000 --> 00:12:33.000 und auch die Verfügbarkeit dieser Lebensräume. Wo finden denn diese neuen Entdeckungen 00:12:33.000 --> 00:12:37.000 in letzter Zeit so am häufigsten statt und in welchen Regionen der 00:12:37.000 --> 00:12:40.000 Erde werden vielleicht auch noch besonders viele unentdeckte Arten vermutet? Das sind 00:12:40.000 --> 00:12:46.000 auf der einen Seite die tropischen Regenwälder in Südamerika, im Kongo-Becken, 00:12:47.000 --> 00:12:54.000 im asiatisch-pazifischen Raum, Neuguinea beispielsweise, wo wirklich noch große Flächen an 00:12:54.000 --> 00:13:00.000 weitgehend unberührten Regenwäldern vorhanden sind, wo man halt jetzt auch verstärkte Expeditionen 00:13:00.000 --> 00:13:07.000 hinmachen kann und dort dann eigentlich auf jeder dieser Reisen neue Arten 00:13:07.000 --> 00:13:12.000 dann kennenlernen, einfangen und dann später im Museum und so weiter bestimmen. Der 00:13:12.000 --> 00:13:18.000 zweite große Lebensraum, der noch praktisch völlig unbekannt ist, ist die Tiefsee. 00:13:18.000 --> 00:13:23.000 Es gibt Hochrechner, die sagen, wir haben erst 0,001 Prozent der 00:13:23.000 --> 00:13:28.000 Tiefsee überhaupt in Augenschein genommen. Und da kann man sich vorstellen, dass 00:13:28.000 --> 00:13:35.000 das ein riesiger Lebensraum ist, der im Prinzip noch völlig blank ist 00:13:35.000 --> 00:13:40.000 in unserem Kenntnisstand. Und wenn man sich die Fische ansieht, man kennt 00:13:40.000 --> 00:13:45.000 momentan um die 12.000 bis 15.000 Fischarten und vermutet aber, 00:13:45.000 --> 00:13:49.000 dass es weit mehr als 40.000 Fischarten geben könnte. Und ein 00:13:49.000 --> 00:13:53.000 Großteil davon lebt einfach in der Tiefsee. Und ein anderer Teil 00:13:53.000 --> 00:13:59.000 lebt in Süßwasser-Ökosystemen in Südamerika. Das Amazonasbecken ist bekannt für seine 00:13:59.000 --> 00:14:04.000 Fischvielfalt, und selbst da vermutet man, dass da noch tausende Arten im 00:14:04.000 --> 00:14:08.000 Prinzip unentdeckt sind. Dass man in manche Lebensräume dann eben doch immer 00:14:08.000 --> 00:14:10.000 noch nicht so gut vordringen kann, das macht es auch so schwierig, 00:14:10.000 --> 00:14:13.000 zu sagen, wie viele Arten es gibt. Und interessanterweise ist es auch 00:14:13.000 --> 00:14:17.000 total schwer zu sagen, wie viele Arten so aussterben. Das ist vielleicht 00:14:17.000 --> 00:14:21.000 sogar noch schwieriger zu sagen. Erstens, man kennt viele Arten ja gar 00:14:21.000 --> 00:14:25.000 nicht. Und wenn jetzt ein Lebensraum zerstört wird, dann weiß man nicht, 00:14:25.000 --> 00:14:32.000 für viele Tiergruppen und auch Pflanzengruppen, was dort verschwindet. Das ist also 00:14:32.000 --> 00:14:37.000 ein Problem. Es gab schon Studien, beispielsweise in Ecuador, da hatte man 00:14:37.000 --> 00:14:45.000 dann kleinräumig Ökosysteme untersucht, Bergregenwald, und eine Katalogisierung gemacht der Arten, die 00:14:45.000 --> 00:14:49.000 dort vorkommen. Und dann wurde das Ding abrasiert, und dann ist man 00:14:49.000 --> 00:14:54.000 davon ausgegangen, dass da dutzende Arten ausgestorben sind. Man kannte aber einen 00:14:54.000 --> 00:14:57.000 Teil davon. Man hat ja nicht alle Insekten untersucht. Also man weiß 00:14:57.000 --> 00:15:01.000 nicht, was verloren gegangen ist, dass dieser einzigartige Lebensraum dann komplett verschwunden 00:15:01.000 --> 00:15:05.000 ist. Das ist der eine Punkt. Der andere Punkt ist, meistens existieren 00:15:05.000 --> 00:15:10.000 ja dann noch irgendwo kleine Flecken der ursprünglichen Natur. Wenn man dann 00:15:10.000 --> 00:15:13.000 genauer hinguckt, dann sieht man, okay, die Pflanze, von der man gedacht 00:15:13.000 --> 00:15:18.000 hätte, die wird ausgestorben, die wächst ja doch noch. Deswegen sind also 00:15:18.000 --> 00:15:23.000 sehr viele Biologen und Biologinnen sehr zögerlich, bis sie definitiv sagen, eine 00:15:23.000 --> 00:15:30.000 Art ist ausgestorben. Das funktioniert natürlich bei großen Landsäugetieren vielleicht ganz gut. 00:15:31.000 --> 00:15:34.000 Da kann man sagen, okay, man hat ja seit 50 Jahren hier 00:15:34.000 --> 00:15:39.000 den südafrikanischen Blaubock nicht mehr nachgewiesen oder die ställische Seekuh. Das sind 00:15:39.000 --> 00:15:46.000 beides ausgestorbene Säugetierarten, schon aus dem 18. und 19. Jahrhundert ausgestorben. Da weiß 00:15:46.000 --> 00:15:49.000 man es dann sicher. Aber bei vielen Arten hat man halt doch 00:15:49.000 --> 00:15:54.000 noch die Hoffnung, dass sie vielleicht in abgelegenen Nischen überdauert haben, die 00:15:54.000 --> 00:15:58.000 noch keiner untersucht hat. Und man will nicht eine Art vorstellen als 00:15:58.000 --> 00:16:03.000 ausgestorben erklären, weil dann kann man ja auch kein Geld mehr für 00:16:03.000 --> 00:16:08.000 Schutzmaßnahmen akquirieren oder keine Schutzgebiete mehr ausweisen für diese Art, weil man 00:16:08.000 --> 00:16:11.000 sagt, die ist ja nicht mehr vorhanden. Deswegen dauert es oft Jahrzehnte, 00:16:11.000 --> 00:16:16.000 bis man sagt, okay, dieser Vogel existiert nicht mehr oder dieser Fisch 00:16:16.000 --> 00:16:24.000 existiert nicht mehr. Daher sind diese Aussterberaten auch allesamt nur Schätzungen. Verstehe. 00:16:25.000 --> 00:16:27.000 Okay. Und es ist ja jetzt auch so, man kann, wenn eine 00:16:27.000 --> 00:16:30.000 Art ausstirbt, das einfach quasi schade finden, weil die existiert dann nicht 00:16:30.000 --> 00:16:33.000 mehr. Aber das hat ja auch Konsequenzen. Lass uns darauf vielleicht mal 00:16:33.000 --> 00:16:35.000 noch so ein bisschen eingehen. Also was passiert denn zum Beispiel in 00:16:35.000 --> 00:16:38.000 einem Ökosystem, wenn da jetzt eine Art verschwindet? Man kann sich das 00:16:38.000 --> 00:16:44.000 Ganze vorstellen wie ein Sicherheitsnetz. Es macht vielleicht noch nicht viel aus, 00:16:44.000 --> 00:16:46.000 wenn man jetzt mal den einen Faden zieht und vielleicht noch den 00:16:46.000 --> 00:16:49.000 anderen Faden zieht, dann hält das gesamte Netz noch. Wenn man aber 00:16:49.000 --> 00:16:54.000 zu viele Fäden zieht oder vielleicht auch einen tragenden Faden oder einen 00:16:54.000 --> 00:17:02.000 Hauptsicherheitsfaden, dann kann das dazu führen, dass das gesamte Ökosystem zusammenbricht oder 00:17:02.000 --> 00:17:06.000 sich radikal umbaut und nichts mehr mit dem vorherigen Ökosystem zu tun 00:17:06.000 --> 00:17:11.000 hat. Je nach Art, wenn es eine Schlüsselart beispielsweise ist, dann kann 00:17:11.000 --> 00:17:15.000 das natürlich auch langfristig zu wirtschaftlichen Folgen führen, das muss man 00:17:15.000 --> 00:17:22.000 so sagen. Klassisches Beispiel hierfür sind die Seeotter vor der nordamerikanischen Pazifikküste. 00:17:23.000 --> 00:17:29.000 Die halten bestimmte andere Arten in Schach, etwa so Seeigel, die den 00:17:29.000 --> 00:17:34.000 Kelp fressen, also den Seetang. Und der Seetang ist ein wichtiges Ökosystem, 00:17:34.000 --> 00:17:40.000 Kinderstube für Fische etc. und bindet auch viel Kohlenstoff. Als man dann 00:17:40.000 --> 00:17:51.000 diese Seeotter gejagt hat und ausgelöscht hat, lokal, die sind dann die 00:17:51.000 --> 00:17:57.000 Seeigel zu, die fraßen dann den gesamten Tang zusammen und damit ist 00:17:57.000 --> 00:18:02.000 die Kinderstube für diese Fische verloren gegangen, was dann verringerte Fischfänge zur 00:18:02.000 --> 00:18:06.000 Folge hatte. Und so muss man sich das da vorstellen. Diese ganzen 00:18:06.000 --> 00:18:11.000 Arten haben ja auch Abhängigkeiten zueinander, und wenn man zu viele dieser 00:18:11.000 --> 00:18:18.000 Abhängigkeiten dann beseitigt, dann führt das letztlich dann irgendwann zu einem radikalen 00:18:18.000 --> 00:18:22.000 Umbau oder Zusammenbruch des Ökosystems, was, wie du ja gerade schon angesprochen 00:18:22.000 --> 00:18:25.000 hast, dann aber immer auch Auswirkungen auf uns Menschen hat. Da muss 00:18:25.000 --> 00:18:29.000 man immer dran denken. Also die Biodiversität, die beeinflusst uns ganz entscheidend. 00:18:30.000 --> 00:18:33.000 Auf alle Fälle. Das sehen wir auch in Deutschland. Wir haben in 00:18:33.000 --> 00:18:40.000 Brandenburg ja ausgedehnte Kiefernforste. Das sind im Prinzip halt Holzplantagen. Ursprünglich wuchsen 00:18:40.000 --> 00:18:47.000 dann Buchen-Eichen-Mischwälder, vor allem Eichenmischwälder, die weniger feuerempfänglich sind oder 00:18:47.000 --> 00:18:54.000 die auch die Grundwasserneubildung stärker ermöglichen. Man hat das Ökosystem noch ein 00:18:54.000 --> 00:19:00.000 anderes ersetzt. Jetzt hat man ein feuergefährdetes Ökosystem, das weniger Grundwasserneubildung anregt, 00:19:00.000 --> 00:19:04.000 und damit haben wir natürlich ein Problem. Es entstehen wirtschaftliche Schäden durch 00:19:04.000 --> 00:19:10.000 die Brände. Man hat Wassermangel während Trockenphasen, und das schlägt dann eindeutig 00:19:10.000 --> 00:19:16.000 auch auf uns zurück in Gesundheitsfragen, wirtschaftlichen Fragen, in Versorgungsfragen. Und das 00:19:16.000 --> 00:19:19.000 muss man sich natürlich dann vorher überlegen, ob man zu viele Arten 00:19:19.000 --> 00:19:23.000 verlieren will. Ja, das ist nur eines von vielen Beispielen, auf jeden 00:19:23.000 --> 00:19:27.000 Fall. Daniel, ich würde zum Abschluss gerne noch eine Frage stellen. Du 00:19:27.000 --> 00:19:29.000 wirst wahrscheinlich sagen, die kann man nicht beantworten, aber ich möchte es 00:19:29.000 --> 00:19:33.000 trotzdem mal wissen. Glaubst du, wir können jemals alle Arten auf der 00:19:33.000 --> 00:19:36.000 Erde erfassen? Da bin ich ziemlich sicher, dass wir das nicht können. 00:19:36.000 --> 00:19:44.000 Wir werden es wahrscheinlich schaffen, die meisten Säugetierarten, bei den Vögeln 00:19:44.000 --> 00:19:48.000 sind wir fast schon so weit, oder die meisten Wirbeltiere am Ende 00:19:48.000 --> 00:19:54.000 des Tages erfassen zu können. Aber ich glaube nicht, dass wir irgendwann 00:19:54.000 --> 00:20:00.000 in den nächsten 100 Jahren, dass es uns gelingt, auch alle Bakterien 00:20:00.000 --> 00:20:07.000 oder Archaeen etc. zu erfassen. Das ist einfach eine unglaubliche Fülle an 00:20:07.000 --> 00:20:13.000 Lebensformen, die dann auch wissenschaftlich beschrieben werden müssten. Und es sind ja 00:20:13.000 --> 00:20:17.000 nicht nur die Arten bedroht, es sind ja auch die Artenkenner bedroht, 00:20:17.000 --> 00:20:24.000 die Taxonominnen und Taxonomen. Das ist nicht unbedingt mehr der beliebteste Bereich 00:20:24.000 --> 00:20:27.000 des Studiums oder da, wo die Gelder hinfließen. Es muss ja auch 00:20:27.000 --> 00:20:31.000 Leute geben, die das können. Technik wird uns natürlich auch weiterhin helfen, 00:20:33.000 --> 00:20:37.000 aber dieser Mangel an Expertentum auf der einen Seite und diese Fülle 00:20:37.000 --> 00:20:42.000 an Lebensformen auf der anderen, das ist ein zu großer Berg, den 00:20:42.000 --> 00:20:47.000 wir hier nicht überwinden werden. Aber es wird uns noch gelingen, hier 00:20:47.000 --> 00:20:52.000 sehr, sehr viel erfahrbar zu machen und zu erkennen. Also eine schöne 00:20:52.000 --> 00:20:57.000 Sisyphos-Arbeit im besten Sinne eigentlich, die Artenerkennung. Daniel, vielen, vielen Dank 00:20:57.000 --> 00:21:00.000 dir, dass du uns hier zum Biodiversitätstag ein bisschen Einblick in die 00:21:00.000 --> 00:21:04.000 Artenvielfalt und auch die Neuentdeckungen von Arten und die ganze Problematik mit 00:21:04.000 --> 00:21:07.000 den Ökosystemen gegeben hast. Mehr dazu erfahrt ihr in ganz, ganz vielen 00:21:07.000 --> 00:21:12.000 Artikeln auf spektrum.de. Da einfach mal nach dem Schlagwort Biodiversität oder 00:21:12.000 --> 00:21:15.000 Artenvielfalt oder Artenschutz suchen. Und Daniel, ja, dir sag ich vielen, vielen 00:21:15.000 --> 00:21:19.000 Dank fürs Erklären. Ja, vielen Dank dir und viel Spaß noch. Tschüss. 00:21:19.000 --> 00:21:22.000 Ciao. Und das war's für diese Woche von uns hier beim Spektrum 00:21:22.000 --> 00:21:26.000 Podcast. Euch vielen Dank fürs Zuhören. Seid gerne auch kommende Woche wieder 00:21:26.000 --> 00:21:29.000 dabei. Wie immer am Freitag gibt's dann eine neue Folge von uns. 00:21:30.000 --> 00:21:32.000 Bis dahin freue ich mich, wenn ihr den Podcast abonniert, wenn ihr 00:21:32.000 --> 00:21:36.000 kommentiert, bewertet und teilt. Das hilft uns sehr. Auch dafür vielen Dank. 00:21:37.000 --> 00:21:40.000 Mein Name ist Max Zimmer, und ich sag Tschüss und macht's gut. 00:21:42.000 --> 00:21:45.000 Spektrum der Wissenschaft. Der Podcast von detektor.fm.

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