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Shownotes
STÄDEL MIXTAPE
„Adler“ in der Digitalen Sammlung (sammlung.staedelmuseum.de/de/werk/adler-1)
Was erzählt uns ein Adler über Macht, Freiheit und deutsche Geschichte? In der neuen Folge des STÄDEL MIXTAPE begegnen wir Georg Baselitz’ Gemälde „Adler“ (1977). Zu sehen sind auf den ersten Blick dunkle, grobe Pinselstriche auf einem weiß-grauen Hintergrund. Erst der Titel verrät uns, dass hier ein Adler zu sehen ist: kopfüber und fast bis zur Auflösung abstrahiert. Der Adler als Symbol für Kraft, Mut und Weitblick scheint buchstäblich vom Himmel zu stürzen. Welche Einblicke gewährt uns das Werk in Baselitz’ Leben zwischen Ost- und Westdeutschland? Wie wurde Baselitz einer der wichtigsten Künstler der Nachkriegszeit? Und natürlich: Warum steht der Adler auf dem Kopf? Mit Musik von unter anderem The Velvet Underground, Bob Dylan und Radiohead entdecken wir einen Künstler, der keine Ordnung anerkannte.
Mehr Informationen unter mixtape.staedelmuseum.de
STÄDEL MIXTAPE. Ein Kunstwerk – ein Soundtrack. Der Podcast vom Städel Museum (staedelmuseum.de/de) in Frankfurt am Main und ByteFM (byte.fm), dem Radio für gute Musik.
Mehr Infos auf mixtape.staedelmuseum.de
Das Werk zur nächsten Sendung in der Digitalen Sammlung (sammlung.staedelmuseum.de/de/werk/goldmine-ser…): Sebastião Salgado, Goldmine Serra Pelada, State Pará, Brasil (The Number Eight), from the Series "Uncertain Grace", 1986
Feedback zum Podcast und Musikwünsche an mixtape@staedelmuseum.de
Playlist Steve Miller Band – Fly Like An Eagle / Ludovico Einaudi – Whirling Winds / Morton Feldman – For Philip Guston V. / Sex Pistols – Anarchy In The UK / Bob Dylan – Outlaw Blues / Andrew Bird – Manifest / The Velvet Underground – Heroin / Franz Josef Degenhardt – Wölfe mitten im Mai / Alice Boyd – Return of the White-Tailed Eagle / Radiohead – Like Spinning Plates / Protomartyr – Exalted Eagles / Cass McCombs – Opposite House / Robbie Basho – Eagle Sails The Blue Diamond Water
Zur Spotify-Playlist (open.spotify.com/playlist/5gtG3mfnPS5iuXgRWqUl…)
Credits Moderation, Text und Produktion - Liz Remter (ByteFM) / Kunsthistorische Recherche und Text - Anne Sulzbach (Städel Museum) / Redaktion und Koordination - Carolin Fuhr (Städel Museum), Anton Wenzel (Städel Museum)
Transkriptvom Podcast bereitgestellt · Zeitmarken springen hin
Anfang Oktober haben wir gefeiert, thirty-six Jahre deutsche Einheit. Am dritten Oktober wurde die DDR formal als Staat aufgelöst und der Bundesrepublik angegliedert – Ost gehörte wieder zu West. Doch die Grenze hat Spuren hinterlassen in vielen Lebensgeschichten auch bei Georg Baselitz. Der Maler kannte beide Seiten den Osten und den Westen zwei Welten doch in keiner passte er so richtig hinein.
Also ging er seinen eigenen Weg. Daraus entstand eine Kunst, die gewohntes auf den Kopf stellt. Einer seiner Bilder schaume uns heute ganz genau an – Adler aus dem Jahr und neunzehnt siebzig. Den Adler kennen wir alle! Manche haben ihn schon gesehen als klein Punkt hoch oben am Himmel. Wir kennen ihn aus Sagen- und Farbeln.
Fußballfans denken vielleicht an Eintracht Frankfurt, deren Maskottchen ein Adler ist? Und als neunundsechzig zum ersten Mal Menschen auf dem Mond landeten, funkte Neil Armstrong. Der Adler ist gelandet.". So hieß nämlich die Mondphäre. Viele Länder tragen ihn im Wappen – auch Deutschland! Er steht für Kraft und Weitblick.
Wir denken an einen mächtigen Vogel, ein ausgebreitet Flügel und an wachsame Augen. Doch wie sieht ein Adler aus wenn Georg Basilec ihn malt? Baselitz zeigt uns ein Adler, der kaum zu erkennen ist. Beinahe abstrakt auf das Wesentliche reduziert und dann auch noch Kopf über! Warum malt jemand einen Adler verkehrt herum?
Stößt der Vogel gerade vom Himmel. oder steckt hinter diesem ungewöhnlichen Bild vielleicht etwas ganz anderes? In diesen Städelnickstabe schauen wir mit Adler-Augen hin und lassen uns von der Musik in die Lüft tragen. Ein Jahr vor unserem Adler von Georg Baselitz erscheint dieser Song Fly Like an Eagle, von der Steve Miller Band.
Im Text drin die Zeit davon – Der Ausweg heißt abheben, frei sein, fliegen wie ein Adler. In diesem Song ist der Adler also ein Vogel der Freiheit. Ist er das auch auf unserem Werk von Georg Bazelitz? Das erfahrt ihr in dieser Folge. Und damit hallo zum Stedl-Mix Tape, der Podcast in dem wir Kunst hörbar machen.
Vom Frankfurter Stedlenmuseum und dem Radiosender Byte FM! Mein Name ist Des Remta, Monat für Monat schaue ich mir ein Werk aus der Sammlung des Stedelmuséums ganz genau an und bringe es mit Musik in Verbindung. Die Wege dahin sind ganz unterschiedlich. Mal sind es Assoziationen, mal historische Verbindungen, mal ein gemeinsames Thema oder eine Stimmung – alles ist möglich!
Deshalb könnt auch ihr euch Musik wünschen. So ist der Song der Steve Miller Band in dieser Folge gelandet. Gerade sammeln wir Songs für die nächste Folge. Im November geht's um eine Fotografie Goldschmine Serra Pellada von Sebastiao Salgado aus dem Jahr. Den Link zum Werk packen wir euch wie immer an die Show Notes, schaut es euch gerne vorab an und wenn ihr Ideen habt dann schickt sie mir gerne an.
mixtape at städelmuseum.de. Ich bin gespannt was euch einfällt! Jetzt aber erstmal zur Georg Basalitz und einem ganz bestimmten Tier dem Adler. Auf den ersten Blick wirkt unser Bild von Georg Baselitz wie eine abstrakte Komposition aus nur wenigen Farben. Es ist mächtig, fast zweieinhalb Meter hoch und gut zwei Meter breit – ein Werk das die Betrachtenden bei Weitem überragt!
Vor einem hellen Grund ziehen dunkle kräftige Pinselstriche durch die Bildmitte. Erst der Name des Werks liegt eine Spur zu dem was wir hier eigentlich sehen. Der Titel lautet Adler. mit diesem Wort im Kopf verändert sich das Bild. Nach und nach wird das Tier sichtbar, sein Körper ist stark verzerrt fast bis zur Auflösung.
Baselitz hat das Motiv wortwörtlich auf den Kopf gestellt. so sieht es aus ein Stürze der Vogel kopfüber nach unten die Flügel sind weit ausgebreitet Kopfen Schnabel zeigen nach unten. Einzelne Federn lassen sich noch erahnen. Die Umrisse lösen sich in groben Pinselstrichen auf. Die dunklen Farben des Adlers gehen bis in schwarz.
Sie füllen große Teile in der Bildmitte, links heben sie sich deutlich von hellen Flächen ab, rechts kommen blau und grau dazu. Baselitz trägt die Ölfarbe mit kräftigen sichtbaren Pinselstrichen auf. Dadurch haben die Form keine klaren Grenzen – manche Stellen sind gut zu erkennen, andere verschwimmen und gehen ineinander über.
Der Adler ist zusehen und bleibt trotzdem abstrakt! Vielleicht würde er sich durch die wirbelnden Winde bewegen, die diesen Stück vom italienischen Komponisten Ludovico Inaudi seinen Titel geben. Wirling Wins. Georg Baselnitz greift in seiner Malerei auf vertraute Motive zurück und verändert sie – auch der Adler beschäftigt ihn über viele Jahre hinweg!
Wie es dazu gekommen ist? Das erfahren wir wenn wir einen Blick in seine Biografie werfen. Diese beginnt…. Georg Baselitz kommt in der Welt von Hans-Georg Kern. Sein Geburtsort ist Deutsch-Baselitz bei Karnens in Sachsen. Deutschland wird dieserzeit von den Nationalsozialisten beherrscht. In der Zeit beginnt der Zweite Weltkrieg.
Baselits wächst in einer Zeit auf, die stark vom Krieg und seinen Folgen geprägt ist. Am achten Mai, nineteenhundfünfundvierzig endet der Krieg mit der bedingungslosen Kapitulation der Deutschen Wehrmacht. Nach der Kapitulation wird das besiegte Deutschland in vier Zonen aufgeteilt. Die USA, Großbritannien und Frankreich kontrollieren den Westen die Sowjetunion kontrolliert den Osten.
Baselitz lebt zunächst in der sowjetischen Besatzungszone. Neunzehnhundneinundvierzzig wird dort die DDR gegründet. Die Nachkriegszeit und die Spuren des Krieges prägen eine ganze Generation, auch Georg Baselitz. Eines steht für Baselits früh fest – er will Maler werden! Die Kunstakademie in Dresden lehnt ihn ab, also geht danach Berlin.
In den letzten Jahren beginnete dort sein Studium an der Hochschule für Bildende und angewandte Kunst im Weißensee, im Osten der Stadt. Doch schon nach zwei Semestern muss er die Hochschulen verlassen. Die Begründung gesellschaftspolitische Unreife. Baselitz wechselt die Seite. In den letzten Jahren studiert er an der Hochschule für bildende Künste in Westberlin weiter, der heutigen Universität der Künstler UDK.
Ein Jahr später zieht er ganz in den Westen der Stadt. Zwei französische Kommilitonen öffnen ihm in dieser Zeit die Ohren für zeitgenössische Musik. Gemeinsam hören sie Platten von Karl-Hein Stockhausen und Pierre Boulez. In dieser Zeit wurde auch der Komponist Morten Feldman bekannt. Er geht als Meister der Langsamkeit.
Morten-Feldmann wird mit dieses gut vierstündige Stück sein Malerfreund Philip Gaston. Feldmans Stücke sind fast immer sehr leise, Töne tauchen auf, schweben und verklingen. Es gibt kaum Melodie, kaum Rhythmus im klassischen Sinn und keine Dramatik. Feldman fühlt sich malern näher als Komponenten. Er ist eng befreundet mit Malern der New York School, wie Mark Rothko, Philip Guston Willem de Koening und Jackson Pollock.
Feldmann will Musik machen die wie ihre Bilder funktioniert. Flächig ohne große Erzählung als reiner Klangraum. Auch Georg Baselitz kommt in West-Berlin mit der internationalen Avantgarde im Berührung. Gezeigt werden Werke von Pollock, de König und Gasten. Es folgen Reisen nach Amsterdam und Paris. Dort schaut er sich alte und zeitgenössische Kunst an.
In der Berliner Galerie Werner & Katz zeigt Baselitz seine erste Einzelausstellung. Es kommt zum Skandal. Am neunten Oktober beschlagnahm die Staatsanwaltschaft zwei Bilder Nacktermann und Die Große Nacht im Eimer. Der Vorwurf Unsinnigkeit. Erst in den letzten Jahren endet der Rechtsstreit und Baselitz bekommt die Bilder zurück.
Der Skandal sorgt für große Aufmerksamkeit – und er prägt noch lange den Blick auf ihn und seine Kunst. Provokation, Empörung, ein Skandal, der bekannt macht! Das erinnert auch an die Anfänge einer britischen Band. Sie gilt als Auslöser der Punk-Bewegung in Großbritannien. Die Sexpistols Erneke. In The UK heißt dieser Song der Sexpistols.
Er scheint in neunzehnt sechsen siebzig als ihre erste Single. Wenige Tage später springen die Musiker kurzfristig als Gäste im britischen Fernsehen ein, Moderator Bill Grundy provoziert sie. Sie fluchen live vor der Kamera – das F-Wortfeld mitten am Vorabendprogramm. Am nächsten Morgen ist die Band auf allen Titelseiten.
Der Daily Mirror titelt «The Fifth and the Fury». Also der Schmutz und die Wut. Wenige Wochen später wirft die Plattenfirma, die brennt raus und zieht die Single zurück. Doch da sind die Sexpistols längst eine nationale Sensation – mit ihnen der Punk! Wie bei Baselitz katapultiert einen Skandal sie ins Licht der Öffentlichkeit.
Schon der Songtitel Erna Key in the UK ist eine Kampfansage an jede Ordnung. Georg Baselits ist zwar kein Punk aber auch er will sich keiner Ordnung beugen. Seine Jugend ist geprägt von Krieg, Zerstörung und Neuanfang. Vom Wechsel aus dem Osten in den Westen. Die Welt erscheint ihm fremdun widersprüchtig – er fühlt sich entwurzelt auch in der Kunst!
Auch sie wird zum Schauplatz des Kalten Krieges. Im Osten herrscht der sozialistische Realismus. Die Bilder sollen gegenständlich sein und der Gesellschaft dienen.". Im Westen gilt die Abstraktion als modern und steht für Freiheit. Baselitz meint gegenständlich, dass seine Bilder grenzen oft an die Abstraktion.
Damit steht er fast allein – im Osten gilt seine Malerei als zu abstrakt, im Westen als zugegenständig. Diesem Platz zwischen den Stühlen kennen auch Musikerinnen und Musikern. Eines der bekanntesten Beispiele aus derselben Zeit ist Bob Dylan. Zuerst gilt er als Volkmusiker in der Tradition von Woody Guthrie, mit Akustik-Gitarre und politischen Songs wird er zur Stimme der Volksszenen.
Doch Bob Dylan lässt sich nicht festnageln – Mitte der Sechziger greift er zur E-Gitare! Beim Newport Folkfestival in den letzten Jahren spielte er mit elektrischer Band. Für die einen ist das Verrat am Volk, für die anderen die Geburt des Folkrock. Auch im Rock passt er an keine Schublade. Seine Musik wurzelt in Folk und Blues, seine Texte klingen wie Literatur.
In den Sechzigern ist er dem Volk zu laut und dem Rock zu poetisch. Zur selben Zeit verjagt Baselitz mit seiner Malerei den einen zu abstrakt und den anderen zugegenständlich. Doch Baseliz will sich auch gar nicht entscheiden müssen! Dahinter steht seine tiefe Abneigung gegen Ideologien, gegen ein festes System aus Ideen und Regeln.
Ein Konstruktor sagt was richtig ist und was falsch – etwas das vorschreibt wie die Welt und die Kunst auszusehen hat. Baselitz wehrt sich gegen solche Vorgaben in der Gesellschaft wie im Atelier. Seine Bilder sollen keiner Politik dienen sie sollen sich aber auch keinem künstlerischen Dogma beugen. so bleibt er einen Grenzkänger zwischen den Lagern.
Er selbst sagt Ich bin in eine zerstörte Ordnung hineingeboren worden. In einer zerstörten Landschaft, in einem zerstörtes Volk, in einer zertörten Gesellschaft und ich wollte keine neue Ordnung einführen – ich hatte mehr als genug sogenannte Ordnung gesehen.". Aus dieser Erfahrung wächst seine Kunst!
Er verzerrt vertraute Figuren, bringt sie bis an die Grenze der Auflösung. Er geht ungewöhnlich mit Farbe und Form um. das sehen wir auch bei unserem Adler. Ende onehneunzehnundsechzig und Anfang neunzehntzeinzechsig veröffentlichen Georg Baselitz und Eugen Schönebeck ihre beiden pandemonischen Manifeste.
Von einem Manifest erzählt auch dieser Song von Andrew Burt! Andrew Berg's Song Manifest spielt auf das Manifeste Destiny an. Der Begriff steht für eine Überzeugung, die im neunzehnten Jahrhundert in den USA weit verbreitet war. Gott habe die Vereinigten Staaten dazu bestimmt sich über dem ganzen nordamerikanischen Kontinent auszudehen.
Bört selbst beschreibt den Song als Reise durch die Evolution vom Einzeller bis zum modernen Menschen. Im Kern geht es um Vergänglichkeit und um den Zweifel am eigenen Anspruch auf die Welt. Zweifeln und Manifest passen eigentlich nicht zusammen. Ein Manifest verkündet. Es zweifelt nicht! Baselitz schreibt zusammen mit Eugen Schönebeck gleich zwei davon, doch klassische Manifeste sind das nicht – sie bieten kein geschlossenes Programm.
Die Texte sind widersprüchlich, provokant und bewusst schwer zugänglich. Baselits und SchöNebeck wollen keine alte Ordnung durch eine Neue ersetzen. Sie stellen sich grundsätzlich gegen die herrschende Vorstellung davon wie Kunst auszusehen hat…. In der westdeutschen Kunstwelt ist die abstrakte Malerei damals besonders einflussreich.
Die beiden setzen ihr eine expressive, gegenständliche Bildsprache entgegen. Ihre Motive bleiben erkennbar – doch sie werden verzerrt, verändert und in fremde Zusammenhänge gestellt. So brechen die beiden mit den Erwartungen ihrer Zeit! Ein Musiker, der mit den erwartung seiner Zeit bricht, ist Lurit mit The Velvet Underground.
Ihr Song Heroin von Pfeift auf die Regeln des Pop-Songs. Es gibt kein Refrain und keine klare Dramaturgie, das Tempo zieht immer wieder an und bremst wieder ab. John Cales' Bratsche legt einen sägenden Dauerton darunter. Lurid singt kühl und distanziert – und das Thema Heroinerpengigkeit ist in der Popmusik damals tabu!
The Velvet Underground stellen grundsätzliche Frage, wie ein Song klingen kann und wovon er erzählen darf. Auf Stimme, Gitarre, Rhythmus & Geräusch entsteht eine Musik mit eigenen Regeln. The Velvet underground brechen mit Heroin einen Tabu – sie singen über etwas, wovor die Gesellschaft lieber nichts wissen will!
Auch in der Bundesrepublik herrscht damals ein großes Schweigen. Nun geht es hier nicht um Drogen, sondern um die Vergangenheit des Landes. Nach dem Krieg schaut die Bundesrepublique vor allem nach Form – die Wirtschaft wächst, der Wohlstand auch! Viele wünschen sich einen Neuanfang. Der Blick zurück fällt dagegen schwer.
Nur wenige setzen sich mit den Verbrechenen des Nationalsozialismus und des Krieges auseinander. Erst Ende der nineteenhundfünfziger und Anfang der sechziger Jahre beginnt eine breitere öffentliche Debatte. Ein wichtiger Moment ist der Ausschwitzprozess in Frankfurt am Main, er beginnt neunzehnundsechszig und gehört zu den größten Prozessen dieser Art.
Zweieres später beginnt Baselitz mit seinen Heldenbildern – doch strahlende Helden sucht man darauf vergeblich! Die Figuren tragen zerschlüssene Kleidung, manchen fehlen Gliedmaßen. Ihre Haltung wirkt unsicher und verdreht! Sie erinnern an Soldaten, Künstler oder Außenseiter – doch keine Rolle passt ganz.
Die Figur wirken verletzlich, erschöpft und entwurzelt. In ihnen trifft die Geschichte des jungen Basilits auf die Umbrüche seiner Zeit.". Auch Liedermacher melden sich damals zur Wort. Einer der bekanntesten ist Franz-Josef Degenhardt. Erschien sein Album Spiel nicht mit den Schmuddelkindern. Darauf ist auch das Lied Wölfe mitten im Mai.
Degenhart warnt darin vor einem neuen Rechtsextremismus in der Bundesrepublik, seine Botschaft, die alten Denkmuster seien nicht verschwunden. Die hätten zusammen das Fraslied geheult, Das soll's früher Zeit. und er schreit Und sein Hut ist verbäunt. Schreit rasch hol die Sensen sonst isst es zu spät Schlagt sie tot noch ehe der Hahn dreimal prädt.
Doch wer hört schon auf einen alten Hut? Und ist auf der Hut? August der Schäfer fahrt nie mehr gesehen. Nur sein alter Hut voller Blut Schwamm im Bach, circa zehn Hat dann später das Dorfächsten Kind Nachts im Steinbuch entdeckt Blut befleckt und die Schnauzen im Wind. Dem Kind hat die Mutter den Mund zu gehäckst Hat geflüstert bis still oder du verrext.
Werden bösen Wolf. nicht vergisst mein Kind bleibt immer ein Kind Bleibt immer rein, Kind. Bald wird wieder gefeiert. zu den Liedern von damals. Nur der Knecht kann nicht vergessen und zerbricht daran, dann beginnt das Lied von vorn Die Wölfe stehen für den Nationalsozialismus Das Dorf für die Gesellschaft.
Degenhardt's Warnung ist klar Wer vergisst lässt die Wölfer wiederkommen. Degenhart erzählt von Wölfen. Baselitz malt ein Adler. Beide Tiere stehen für mehr als sich selbst. Als Symbol trägt der Adler die Vergangenheit mit sich, seit Jahrhunderten ist er ein Zeichen für Herrschaft und Staat – das Wappentier schlechthin!
Baselitz greift dieses Zeichen auf und verändert es von Grund auf. In wilden Pinselstrichen verschmilzt der Adlar mehr und mehr mit seiner Umgebung. Die dunklen Farben wirken düster vielleicht sogar unangenehm. Baselits selbst sagt ich bin ein deutscher Künstler Und was ich mache, ist in der deutschen Tradition verwurzelt.
Es ist hässlich und expressiv. Hässlich heißt hier nicht einfach das Gegenteil von schön – es heißt anders als erwartet! Was unregelmäßig verzerrt oder grob gemalt ist zieht den Blick an. Es zwingt uns genauer hin zu sehen… und genau das tun wir jetzt. Was hat es mit diesen Adler auf sich? Die Klangkünstlerin Alice Beuth will hier den Ruf des See-Adlers aufnehmen.
Doch der Adler schweigt! Beut wartet und lauscht trotzdem. Genau dieses Warten wird zum Herz ihrer Songs Return of the White-Tailed Eagle. Naturaufnahmen mischen sich mit Stimmen und Instrumenten, Beut schreibt den Song für einen Film der Vogelschutzorganisation RSPB. Inundzehnundachzehn wird in Großbritannien der letzte See Adler erschossen.
Inunzundundfünfundsiebzig beginnt die erfolgreiche Wiederansiedlung – heute kreist er wieder über Schottland und Südengland. Der Adler ist nicht nur ein Tier! sondern auch ein Symbol. Seit Jahrtausenden steht er in verschiedenen Kulturen für Macht und Herrschaft. In Deutschland spiegelt seine Geschichte den Wandel der politischen Systeme wieder, im Heiligen Römischen Reich wird der Adler zum Wappentier der Herrscher – im fünften Jahrhundert bekommt er einen zweiten Kopf!
Der Doppeladler steht nun für den Kaiser und das Reich. Dieses Zeichen bleibt. bis zum Ende des Heiligen römischen Reiches, Als Achtzehnundseinundsiebzig das Deutsche Kaiserreich gekröntet wird, entscheidet man sich für einen einköpfigen Adler mit KRONE. Nach dem Ende der Monarchie übernimmt die Weimarer Republik den Adler – KRONE und andere monarchische Zeichen.
nimmt sie ihm aber ab! Dann greifen die Nationalsozialisten nach ihm. Sie setzen ihn ein Hakenkreuz in die Fänger. In Neunzehnhunddreißig machen sie den Parteiadler der NSDAP zum Nationalsymbol. Nach dem Zweiten Weltkrieg sucht die Bundesrepublik einen Neuanfang. Für ihr Wappen greift sie auf die demokratischen Werte der Weimarer Republik zurück, am XX.
Januar wird der Bundesadler offiziell festgelegt – ein schwarzer Adler mit einem Kopf auf goldenem Grund nach dem Vorbild des Weimacher Adlers. Bis heute zählt der Adler zu den verbreitetsten Wappentieren der Welt. Nur der Löwe taucht ähnlich oft auf! Jörg Baselnitz aber bildet den Adler nicht einfach ab.
Er verwandelt ihn. Der freie Einsatz der Farbe sorgt dafür, dass der Adler sich zunehmend in der Bildfläche auflöst. Damit verliert er seine Funktionen als Abbild. Dazu kommt das charakteristische Markenzeichen von Baselitz – die Motivumkehr! Der Adler steht auf dem Kopf wie dieser Song von Radiohead.
Radiohead um das Jahr zweitausend. Die Band steckt mitten in den Aufnahmen. Ein Song will einfach nicht funktionieren. Spät in der Nacht spielt Tom York die Aufnahme zum Spaß rückwärts ab. Plötzlich hört er eine fremde Melodie, es ist sein eigener Gesang nur rückwerz und er klingt besser als das Original!
Die Melodie lässt Tom York nicht mehr los – den Rest der Nacht lernt er sich auswendig, Silbe für Silbe rückwerts. Dann singt er sie genauso ein. Die Aufnahme wird noch einmal umgedreht. Heraus kommt ein Gesang, der seltsam schwebt – vertraut und fremd zugleich. Das ist auch Georg Baselitz. Nur dreht er kein Tonband um, sondern das Motiv auf seiner Leinwand.
Lange sucht er nach dem neuen Bild. Es soll sich von den alten Regeln der Malerei lösen! Eine erste Umkehr wagt er schon. Das Kreuz stehen zwei Häuser auf dem Kopf. Ninzeintneunundsechzig folgt das erste konsequent umgedrehte Gemälde, der Wald auf dem Kopf. Ab jetzt wird die Umkehrung zu seinem Markenzeichen.
Da spannende daran, Baselitz dreht seine Bilder nicht erst am Ende um – er malt sie gleich kopfüber! Auch unser Adler entsteht so. Das verraten die Farbspuren am unteren Bildrand. Sie sind beim Malen nach unten gelaufen. Baselitz bricht damit die gewohnte Ordnung von oben nach unten, unterbricht mit der Art wie wir Bilder normalerweise anschauen.
Er selbst beschreibt es als bewusster Abkehr von den Regeln, nach denen Bilder gemalt und betrachtet werden – wenn das Motiv Kopf steht rückt die Malerei selbst in den Vordergrund. Farbe, Form, Pinselstrich. Aber was bedeutet das für unseren Adler? Kopfüber scheint er zu stürzen! Als würde der stolze Wappenvogel vom Himmel fallen So wie es in diesem Song von Proto-Martyr angedeutet wird.
Adler, gelblich golden vor strahlendem Blau. So empfängt uns das Cover von Hotel Yusona dem aktuellen Album der US Band Proto Martyr. Der Adler fliegt weiter mitten hinein in den Song Exalted Eagles. Dort steigen erhabende Adler auf und nisten zwischen den Sternen. Das bildert einen doppelten Boden. Es erinnert an eine Stelle aus dem Buch Obadja im alten Testament.
In der Übersetzung Martin Lutters heißt es dort, wenn du auch in die Höhe führst wie ein Adler und machtest dein Nest zwischen den Sternen, dennoch will ich dich von dort herunter stürzen.". Im Text zum Album heisst es Der Song handelt von verzerrten Patriotismus. Das Album zeigt eine Nation im freien Fall festem Griff des Faschismus.
Der Weißkopfseeadler ist das Wappentier der Heimat, der Band. Seit über zweihundert Jahren sitzt er auf dem großen Siegel. Lange ist vor allem ein Amtszeichen – auf Pessen, Münzen und Behördenbriefen! Mit Donald Trump wird er wieder zu einem Gefühl, Stolz, Stärke, America First. Der Adler prangt auf Fahnen, T-Shirts & Kappen und auf KI-Bildern aus dem weißen Haus glänzend in Gold wie auf dem Cover von Protomator.
Auf diesem Cover thront der Adler noch. Im Song ist er sturz nur angedroht, bei Georg Baselitz scheint er schon zu fallen! Die Farben sind dunkel – Der Pinsel fährt wild über die Leinwand Das Bild vibriert vor Spannung. Kaum erkennen wir den Adler. In den Flecken und Strichen Ist auch seine Bedeutung da.
Macht Herrschaft Wappen All das scheint mit ihm in die Tiefe zu stürzen. Doch Baselits nimmt dem Adler diese Last Er stellt ihn auf den Kopf Und mit ihm all seine Bedeutung. Der Vogel löst sich auf, in Farbe und Pinselstrich – ganz verschwindet er aber nie! Vielmehr bildet er eine Einheit mit Farbefläche und Formen.
Sie alle greifen ineinander und werden zu einem einzigen Bild. Jeder Pinsel Strich wirkt unmittelbar und lebendig. Wir sehen den Adler noch, aber es ist eins geworden mit der Malerei. Es entsteht eine eigenständige Bildwelt. Fernab fester Regeln. Deshalb fällt er am Ende auch nicht vom Himmel herab. In diesem Bild gibt es kein oben und kein unten mehr, keine Gegensätze – wie im Haus von Kers McCombs über das Er in diesen Song singt.
Haus, in dem alles verkehrt ist, drinnen regnet es, im Flur schlängeln sie Schlangen. Kers McCombs nennt es Opposite House, das Haus der Gegensetze. Der Song erscheint aus seinem Album Manji Love. Angel Olsen singt im Hintergrund leise und schwebend. Streicher-und weich Gitarren klingen ruhig, fast gemütlich.
Doch was Casement Cormes erzählt ist ein surrealer Albtraum! Die Musik sagt – alles ist gut? Der Text sagt nichts ist gut. Vertraut und fremd zugleich wie der Adler von Baselitz. Vielleicht wohnen wir alle ein bisschen in diesem Haus der Gegensätze... richtig oder falsch, oben oder unten, gegenständlich oder abstrakt, vertraut oder fremd.
Baselitz Adler führt uns diese Gegensätze vor Augen – und vielleicht vereint er sie sogar! Aus den Widersprüchen wird ein Ganzes. Nicht ganz hier, nicht ganz dort. Seine Kunst lässt sich keine Richtung zuordnen. Doch gerade daraus entwickelt er seine eigene Sprache.". Im April zwanzig ist Georg Baselits im Alter von achtundachtzig Jahren gestorben Erzählte zu den bedeutendsten zeitgenössischen Künstlern Deutschlands.
Ich bin es Remta, Autoren und Produzentin dieses Podcasts. Vielen Dank auch an Caroline Fuhr, Anna Sulzbach, Nazanin Raji und Anton Wenzel vom Städelmuseum für Redaktion und Recherche! Zum Abschluss begeben wir uns noch mal musikalisch in die Lüfte mit einem Song von dem Album Sometimes I Wish We Were An Eagle Podcast wird ermöglicht durch die Partnerschaft des Städelmuseums mit der Deutschen Bank.