
Sternengeschichten· Folge 643
Sternengeschichten Folge 643: Der Meteorit Neuschwanstein
Freitag, 21. März 2025 · 13 min
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Shownotes
Bayrisches Bombardement aus dem All
Sternengeschichten Folge 643: Der Meteorit Neuschwanstein
Das Schloss Neuschwanstein in Bayern ist eine der berühmtesten Sehenswürdigkeiten Deutschlands; über eine Million Menschen pro Jahr schauen sich das von König Ludwig II. gebaute "Märchenschloss", wie es auch oft genannt wird, an - was den Tourismus freut, die Leute, die direkt dort im Ostallgäu leben aber nicht ganz so sehr. Aber das hier ist ja kein Tourismus- oder Tourismuskritik-Podcast, sondern einer über Astronomie. Und deswegen geht es nicht um das Schloss, sondern um den Meteoriten, der das Schloss fast zerstört hätte.
Ok, das war jetzt ein wenig übertrieben. Aber es ist nicht völlig falsch. Am 6. April 2002 ist ein Meteorit aus dem Weltall in der Nähe von Schloss Neuschwanstein aufgeschlagen und es wäre nicht völlig unmöglich gewesen, dass er das Schloss getroffen hätte. Aber fangen wir am besten im Weltraum an. Von dort stammt der Brocken und er war an diesem Tag auf Kollisionskurs mit der Erde. Gegen halb elf Uhr Abends war er weit genug in die Atmosphäre eingedrungen, um zu leuchten zu beginnen. Oder korrekterweise gesagt: Nicht der Meteorit hat geleuchtet. Aber weil er mit fast 21 Kilometer pro Sekunde in die Atmosphäre eingetreten ist, hat er bei seinem rasanten Flug durch die Luftschichten die Luftmoleküle angeregt und zum Leuchten gebracht. Die Lichtspur, die er dann über den Himmel gezogen hat, hat in Innsbruck begonnen, da war der Meteorit noch 85 Kilometer über dem Boden. Der Brocken hat da vermutlich ein Gewicht von 300 Kilogramm gehabt. Der Meteorit ist weiter von Tirol in Richtung Bayern geflogen, über Garmisch-Partenkirchen war er nur noch 21 Kilometer vom Boden entfernt und hat heller als der Vollmond geleuchtet. Ungefähr zu diesem Zeitpunkt hat er auch die Luftreibung nicht mehr ausgehalten und ist in kleinere Bruchstücke zerplatzt. Ab da befand sich der Meteorit in der sogenannten "Dunkelflugphase", wo er sich durch die Atmosphäre bewegt, ohne die Luft zum Leuchten zu bringen. Dafür waren die Brocken jetzt auch zu langsam, sie waren nur noch wenig mehr als 2 Kilometer pro Sekunde drauf. Ein paar Sekunden später waren sie auch langsamer als die Schallgeschwindigkeit und sind nur noch im freien Fall zum Boden gefallen. Dort, in der Nähe von Schloss Neuschwanstein, sind sie dann mit circa 250 km/h aufgeschlagen. Und in dieser letzten Phase des Falls, wenn die Brocken die untersten Schichten der Atmosphäre durchqueren, spielt auch der Wind eine Rolle. Der war an diesem Abend nicht schwach und hat genau von Neuschwanstein kommend in Richtung Österreich geweht - also dem Meteorit entgegen. Das bedeutet, dass die fallenden Brocken am Ende ihres Flugs durch den Wind entgegen ihrer Flugrichtung abgelenkt worden sind. Ansonsten wären sie noch näher an das Schloss Neuschwanstein heran geflogen und auch wenn es enorm unwahrscheinlich ist, wäre es nicht unmöglich gewesen, dass sie das berühmte Bauwerk getroffen hätten.
Haben sie aber nicht! Und das haben auch jede Menge Menschen gesehen. Denn die extrem helle Lichterscheinung ist natürlich nicht unbeobachtet geblieben. Überall in Bayern haben Leute bei der Polizei und bei den Zeitungen angerufen, um das unerwartete Licht am Himmel zu melden. Und nicht nur Menschen haben den Fall des Meteoriten beobachtet, sondern auch die wissenschaftlichen Kameras des Europäischen Feuerkugelnetzwerks. Das ist genau für solche Situationen da: An unterschiedlichen Stationen überall in Europa beobachten Kameras Nacht für Nacht den gesamten Himmel; auf der Suche nach den Leuchtspuren von Meteoriten. Wenn mehrere Stationen die selbe Leuchtspur aufzeichnen, kann man daraus dann die genaue Flugbahn rekonstruieren. Das ist einerseits wichtig, wenn man wissen möchte, wo eventuelle Bruchstücke auf der Erde gelandet sind. Und andereseits relevant, weil man aus der Flugbahn auch rekonstruieren kann, auf welcher Bahn sich das Objekt vorher um die Sonne bewegt hat.
Aber bleiben wir vorerst noch auf der Erde. Feuerkugelnetz-Stationen in Deutschland, der Tschechischen Republik und in Österreich konnten den Fall beobachten und so herausfinden, dass Bruchstücke irgendwo im Grenzgebiet zwischen Deutschland und Österreich, bei Füssen und Garmisch-Partenkirchen gelandet sein müssten. Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt hat sich dann auch gleich auf die Suche gemacht. Beziehungsweise nicht ganz gleich, denn im April ist es in den bayrischen Bergen noch kühl und überall lag Schnee. Erst im Mai waren die Bedingungen geeignet für eine Suche, die aber dann ohne Erfolg aufgegeben werden musste.
Nicht aufgegeben haben Nadin Bukow und Thomas Grau. Für das Paar aus Brandenburg war die Astronomie nur ein Hobby, die Suche nach dem Meteorit haben sie aber durchaus ernst genommen und am 14. Juli 2002 waren sie erfolgreich. Knapp vor der österreichischen Grenze, an der Westflanke des Ochsenälpeleskopfs haben sie ein 1,7 Kilogramm schweres Fragment des Meteoriten entdeckt. Ein Stückchen weiter nördlich sind am 27. Mai 2003 dann zwei weitere Hobby-Meteoritensucher fündig geworden. Ihr Fragment war 1,6 Kilogramm schwer und ist ein paar Zentimeter tief im Waldboden gesteckt. Das dritte und größte Fundstück ist dann am 29. Juni 2003 entdeckt worden. Der deutsche Physiker Karl Wimmer hatte eigenen Computersimulationen durchgeführt um den wahrscheinlichsten Ort zu ermitteln und ist dann schließlich auf der österreichischen Seite der Grenze fündig geworden. Dieses Fragment hat 2,8 Kilogramm und mehr Stücke des Meteoriten hat man nicht mehr entdeckt.
Und was hat man mit diesen Brocken aus dem Weltall gemacht? Zuerst einmal darum gestritten. Denn wem gehört so ein Meteorit, wenn man ihn einfach so am Boden findet? Ich will jetzt gar nicht damit anfangen, die ganzen Gesetze im Detail zu erklären, vor allem weil sich da ja auch immer wieder etwas ändert. Aber prinzipiell ist es einmal relevant, ob so ein Meteorit auf öffentlich zugänglichen oder privaten Geländen gefunden wird. Bei Neuschwanstein ist der Fund auf öffentlichen Gelände passiert und deswegen gehört der Meteorit dann nicht dem Staat allein, sondern auch zum Teil der Person, die ihn gefunden hat. Es sei denn, es handelt sich um einen Schatz, denn dann hat der Staat Anspruch darauf. Im Fall des ersten Fragments hat Bayern die Sache aber einfach durch Geld gelöst. Nadin Bukow und Thomas Grau haben Geld bekommen und Bayern den Meteoriten, der seitdem im Rieskrater-Museum in Nördlingen besichtigt werden kann. Und ein Meteorit reicht eigentlich aus, hat sich Bayern wohl gedacht, denn als dann das zweite Fragment gefunden worden ist, wollte der Freistaat kein Geld mehr dafür ausgeben. Die beiden Finder wollten ihr Stück Meteorit aber auch nicht einfach so hergeben. Also ist er dann tatsächlich in zwei Hälften geschnitten worden. Eine Hälfte ist an den Staat gegangen und die wird seitdem in der Mineralogischen Staatssammlung München erforscht. Die andere Hälfte haben die beiden Finder in noch kleinere Stücke geteilt und die dann an diverse Museen und private Sammlungen verkauft.
Richtig spannend ist es dann beim größten Fragment des Meteoriten geworden. Der ist ja in Österreich gelandet, auf dem Gebiet der Gemeinde Reutte. Und die wollte das Ding auch haben! Der Finder wollte es aber nicht hergeben. Also ist die Sache vor Gericht gelandet. Das musste entscheiden, ob es sich bei dem Meteorit um einen Schatz, einen Zuwachs oder einen herrenlosen Gegenstand handelt. Ein Schatz ist es nicht, hat der Richter dann gesagt, denn ein Schatz muss längere Zeit im Verborgenen liegen, was der Meteorit nicht getan hat. Es ist auch kein Zuwachs, also sowas wie die Früchte eines Baums oder die Bäume eines Waldes, an dem die Gemeinde dann automatisch Anspruch hat. Der Meteorit ist, hat das Gericht entschieden, ein herrenloser Gegenstand, der der Person gehört, die sie findet. Das hat die Gemeinde Reutte nicht so toll gefunden, hat sich aber am Ende damit abfinden müssen, nur eine Ausgleichszahlung zu …