Track17 - Der Musikpodcast· Folge 101

Shorts 15 | Haldern Pop Festival 2023 - Ein Bericht

Sonntag, 13. August 2023 · 19 min

MP3

Shownotes

mit Christopher Hunold
Haldern Pop Recap 2023 - Ein Bericht

Recap 2021 (track17podcast.de/feature-16-haldern-pop-2021-…)
Recap 2022 (open.spotify.com/episode/1wT8mXONcSdEUD5BbWsIP…)

Ein bisschen etwas für die Statistiker:innen unter uns

Zahlen/Zahlen/Zahlen

Schritte: ca. 56.000
Bei Konzert mitgespielt: 1
Die Gefühle gefühlt: Oft genug
Gegessene Handbrote: 1
Legendäre Dorfpizza verputzt: 1
Über das Wetter geflucht: 0
Beim Frisör im Ort gewesen: 1
Preis für spontan verpflichtete Gummistiefel: 20 €
Gestreichelte Hunde auf dem Hinweg: 0
Gestreichelte Hunde auf dem Rückweg: 2
Dreckige Gummistiefelpaare im Hausflur des Gasthofes: 12
Halderns insgesamt: 8
Ranking: 2022, 2011, 2019, 2021, 2023, 2012, 2013, 2015*

*Das ist halt so, als würde man die Songs auf „Silent Alarm“ ranken. Ja, „Blue Light“, das hat leider nur für Platz 13 gereicht, aber vielleicht tröstet dich die entspannte Wertung von 10/10 darüber hinweg.

Intro

2022 wird auf ewig das beste Haldern bleiben, da lohnt sich das Konkurrenzverhalten sowieso schon nicht. Black Country, New Road auf der Hauptbühne und natürlich mit 30 Leuten im Tonstudio beim Improvisieren, ein Ereignis, für das man so niemals ein Ticket kaufen können wird. Das muss einem passieren, und dass mir das passiert ist, das prägt, das macht etwas mit einem. Aber gut, das war dann eben die Kombination mit Squid, Black Midi und den zig Highlights und abenteuerlichen Brookings, aber davon habe ich letztes Jahr erzählt.

Abwechslungsreichtum. Das ist ja etwas, das man dem Haldern gerne unterstellt, was soweit in Ordnung ist, es stimmt ja auch. Das Wetter macht da gerne mit. Letztes Jahr ergossen sich die 35° über uns, dieses Mal der Regen. Meine alten Festival-Sneaker sollten mich noch auslachen, als ich sie in die Plastiktüte steckte. Jetzt habe ich den Witz verstanden, als es nach der Ankunft nicht aufhören wollte zu regnen und wir unseren Regenjacken so nah waren wie nie. Der smarte Schuhladen im Dorf verhökerte mir ein paar dringend benötigte Gummistiefel, bevor Get Jealous in der Bar spielten, aber nur von draußen zu hören waren.

Mein achtes Haldern bedeutet auch zum achten Mal die legendäre Dorfpizza zu verspeisen, die es innerhalb von 12 Jahren geschafft hat, gerade mal 2 € mehr zu kosten. Man speist hier in der Zeilupeninflation, and I like it. Da sich das Line-Up zu diesem Zeitpunkt eher im egal-eingestuften Bereich angesiedelt hat, wird Kraft getankt, und das erste Highlight auf dem Gelände anzusteuern.

Es wird Zeit für das Spiegelzelt. Zu dem habe ich eine innige Beziehung. Für mich ist es eine der besten Konzertlocations überhaupt. Völlig egal, wie das Wetter draußen ist, im Inneren dieses elegant verschmutzten Spiegeltempels ist Raum für großartigen Sound, viele schwitzende Körper und diese Energie, die sonst nur Clubkonzerte bieten können. Die beste Idee, die Reichmann & Co. je hatten.

Special Interest ist eine queer-feministische Electro-Punk-Band, die den sich nicht bewegenden Typen, die vor uns in Reihe 1 stehen, mächtig eingeheizt haben. Sie stellten meinen Ohrenschutz auf die Probe. Wummernde High-Speed-Beats, quengelnde Gitarren. Sie rannte (so gut das eben ging) durch das Publikum, powerte sich durch den Auftritt und war in vielerlei Hinsicht beeindruckend. Nur ihre Spucke hätte sie bei sich behalten können (unsympathisch).

Der große Gegenentwurf war dann Marina Herlop, eine Künstlerin, deren Album ich sehr schätze. Es erschien letztes Jahr auf dem Weird-Pop-Label PAN aus Berlin, das mir schon Künstler:innen wie Yves Tumor, Upsammy, Eartheater oder Objekt gebracht hat. Tolle Platte, wie das live auf der Hauptbühne (!) passen soll und das um 18 Uhr, weiß ich nicht. Sie gehört entweder ins Zelt oder ins Tonstudio. Dachte ich. Stimmlich kann sie so viel. Ihre in Eleganz badende und dabei doch verschrobene Avantgarde-Pop-Musik mit elektronischen Elementen ist nichts, wofür das Haldern steht (oder stehen darf, mh), aber dieser digitale/analoge Parallelwelt-Pop für Fans von Arca und Co. ist einfach etwas für mich.

Die Matschepampe, die sich wie ein sumpfiger Teppich über das Gelände erstreckt, das sie Campingplatz und Festivalplatz nennen, gönnt sich inmitten des ständig zurückkehrenden Regens ein paar Überstunden. Letztlich sollte es aber kaum der Rede wert sein, wenngleich der Kontrast zum Vorjahr immer auffälliger wird. Egal. Zurück zur Musik. Es ist seit Jahren kein Geheimnis, dass ich Nation of Language liebe, aber um hier einen anständigen Platz zu ergattern, sollte man noch ein bisschen bei NNAMDI reinschauen. Kein Problem, wird gemacht. Von draußen. Die übergroße Leinwand ist noch so eine geniale Erfindung, die es ermöglicht, Spiegelzelt-Konzerte auch vor dem Zelt zu erleben, wenn es mal nicht anders geht.

Also, Nation of Language. Frontrow, direkter Blick aufs Geschehen. Darunter geht es bei ihnen nicht. Nach fünf Jahren scheint die Band endlich auch flächendeckend andere Ohren in Deutschland zu erreichen, was mich wahnsinnig freut. Der zackige, zugegebenermaßen nicht besonders an Originalität interessierte Synth/Wave-Pop der New Yorker:innen überträgt sich mühelos auf die Bühne, welche zum Glück genügend Platz bietet, um die formschönen Tanzfiguren des Sängers aufnehmen zu können. Das an Deutschland gerichtete Dankeschön à la „Danke für die Musik, die ihr erfunden habt, damit wir sie spielen können“ wird mal nicht hinterfragt, die Laune bleibt golden. Absolutes Highlight. Seid so nett und checkt die Alben, Singles und auch die neue Platte im September ab. Wir hatten eine überbordend großartige Zeit und ich kann nur immer wieder betonen, wie toll das ist, diese Dinge mit dem Menschen zu erleben, den man am allertollsten findet.

Das alte „Zwischenzelt“ auf dem Hauptgelände gibt es nicht mehr. Stattdessen wurde ein kleineres Niederrheinzelt errichtet, das sich abseits der Hauptbühne im Epizentrum der Matsche befindet. Es ist eingerichtet wie eine Bar und hat eine Atmosphäre wie ein kleiner Club mit einer winzigen Bühne und etwa 5 cm Platz zwischen Musiker:innen und Publikum. Ein schönes Update für passende Bands, sollte hier auch das Highlight und der Geheimtipp Bingo Fury auftreten (seine erste und hier im Regal wohnende Single ist auch schon wieder zwei Jahre alt). Technische Probleme verzögerten jedoch den Auftritt, was bedeutete, dass ich mich zwischen ihm und Sorry entscheiden musste. So sehr ich Sorry liebe, ich habe sie noch im Februar in Berlin gesehen, und Bingo Fury war nach eigener Aussage noch niemals außerhalb des UK unterwegs.

Also: Bingo Fury im Niederrheinzelt. Sein rotzig-eleganter Barjazz-Post-Punk mit Gitarre, Glockenspiel und Trompete wollte nicht weniger als Gänsehaut provozieren. Sie wechselten sich an den Instrumenten ab, spielten all meine Hits, groovten und croonten durch das Set und ich so: Hach. Im Anschluss habe ich ein Shirt gekauft und im Smalltalk erkundet, wann das Album kommt (Februar!) und wie es in Sachen Tour aussieht. Er braucht und sucht Konzertvenues. Helft ihm.

Wir klopfen uns den getrockneten Matsch von den Stiefeln, der noch eine kleine, krümelige Spur hinterlässt. Für das Frühstück waren wir zu spät, also haben wir uns bei einem der zuverlässigen Dorfbäcker die angemessene Tagesdosis Körnerbrötchen mit unangemessener Tagesdosis Remoulade zusammenbasteln lassen. Ich lasse mir spontan die Haare schneiden (das ist, wie wir jungen Leute sagen, Rock 'n' Roll) und starten den Tag nach einem zarten Schauer entspannt im Dorf. Es sollte einer der letzten an diesem Tag sein.

Die Highlights:

In der Kirche interessiert das eh nicht. Dort kümmert sich Lie Ning darum, seine schöne und fast samtweiche Stimme, die aber zarte Kratzer und Schnitte erlaubt, über sehr smarte Soul- und Pop-Songs zu wickeln, deren Texten man mal gerne etwas aufmerksamer lauschen darf.

Leider hatten sich die Lieblinge von Just Mustard zu dem Zeitpunkt noch grundlos vom Festival ferngehalten. Die Tränen …

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