Verbrechen von nebenan: True Crime aus der Nachbarschaft

Nebenan Weltweit 10: Die Mädchen von Alcàsser

Freitag, 30. Oktober 2026 · 1 h 28

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Shownotes

In der ostspanischen Kleinstadt Alcàsser verschwinden im November 1992 drei Mädchen spurlos auf dem Weg zu einer Party. Die Ermittlungen verlaufen schleppend, bis der Vater einer der Mädchen misstrauisch wird und seine ganz eigenen Nachforschungen anstellt, die ihn bis in die höchsten Kreise führen.

In dieser Folge sprechen Philipp und Franziska über einen Fall, der Spanien bis heute bewegt und nach wie vor mehr Fragen als Antworten aufwirft.

Produzent und Host: Philipp Fleiter
Mischung und Schnitt: Christoph Scheidel – 79 Sounds
Redaktionelle Mitarbeit: Vincent Bauer
Im Video-Podcast "Nebenan Weltweit" beleuchten Philipp Fleiter und Franziska Singer jeden letzten Freitag im Monat internationale Kriminalfälle: on.rtlplus.com/24/nebenanweltweit

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Hallo und herzlich willkommen zur zehnten Folge von Nebenan weltweit. Und mir gegenüber sitzt eine Frau, die passend zum Oktober ein Halloween-Outfit anhat. Natürlich. Ein kleines, wie nennt man das? Batman-Dekolleté, kann man das so nennen? Ich hätte einfach Fledermaus gesagt. Aber es ist ja schon das Batman-Zeichen.

Ich sage auch eine Fledermaus, Philipp. Ja, okay, gut. Ich bin zu sehr comic-geprägt. Wir sind im Oktober. Franziska ist besser vorbereitet als ich und hat ein Halloween-Outfit an. Ich habe Halloween-Türkis heute an. Klassisches Hell-Türkis. Klassisches Hell-Türkis. Und wir erzählen das alles, weil ihr fragt euch jetzt wahrscheinlich, warum reden die in einem Podcast darüber, was sie anhaben. Weil ihr könnt uns ja nicht nur hören.

Ihr könnt uns ja auch sehen bei RTL Plus und bei YouTube als Vodcast. Finde ich auch ein wildes Wort. Und ich habe ja gerade gesagt Folge Nummer 10. Aber streng genommen ist es ja sogar die 22. Folge, die wir zusammen machen nebenan weltweit. Die anderen zwölf Folgen könnt ihr euch exklusiv bei RTL Plus noch anhören. Die kommen ja noch sozusagen obendrauf.

Haben wir nicht schon mehr gemacht. Wir haben zwölf bei RTL Plus und jetzt dieses Jahr ist es die zehnte. Ja, gut. Also 22 insgesamt. Und bei Verbrechen von dem Mann warst du natürlich schon häufiger. Aber nebenan weltweit sind es jetzt 22 Folgen. Und da sprechen wir, falls ihr das noch nie gehört habt, über spannende, mysteriöse und manchmal ziemlich schräge Verbrechen aus der ganzen Welt als zusätzliches Podcast-Futter. Und heute... Genau, wir gehen gemeinsam auf Reise, sagen wir immer.

Wir gehen auf Podcast-Weltreise und heute geht es für uns ins Nummer 1 Urlaubsland der Deutschen. Was glaubst du, das ist das Nummer 1 Urlaubsland der Deutschen? Wenn du mir letztes Mal nicht verraten hättest, wo es heute hingeht. Stimmt, das war taktisch unklug. Ich konnte nicht ahnen, dass du dir das merken würdest.

Aber ganz ehrlich, bei Nummer 1 Urlaubs, gut, das ist kein Land, das ist eine Destination, hätte ich Malle gesagt. Aber ich liege ja nicht ganz falsch, weil es geht nach Spanien, hast du gesagt. Genau, also wobei man ehrlicherweise sagen muss, das Nummer 1 Urlaubsland in Deutschland ist Deutschland. Also die meisten Deutschen machen in Deutschland Urlaub, aber wenn es ins Ausland geht, dann ist es...

Österreich muss doch auch weit oben sein. Österreich ist, glaube ich, Platz zwei von den ausländischen Destinationen. Aber Spanien, Edes, was verbindest du mit Spanien? Du hast gerade schon Mallorca gesagt. Persönlich Tapas, Sangria und meine Matura-Reise. Ja, wir sind nach Spanien gefahren. und weil es mir damals zu langweilig war, eine ganze Woche nur am Strand zu liegen, habe ich da Ausflüge gemacht und mir was von der Gegend angeschaut.

Warst du in Loret de Mar? Da gehen doch immer ganz viele von diesen Matura- und Abi-Reisen hin. Wir waren in Torremolinos. Ah, okay. Also für mich ist Spanien tatsächlich viel Mallorca, weil das so das Ziel ist, wo ich am häufigsten war. Ah, ich wollte gerade fragen. Ja, doch. Du machst Ballermann, Philipp. Ja, also, ich war viermal auf Mallorca und jetzt letztes Jahr das erste Mal am Ballermann und ich war überrascht.

Ich war überrascht, wie viel Spaß mir das gemacht hat. Ich habe ganz neue Seiten an mir kennengelernt. Ja, und die Podcast-Ehefrau zu Hause lassen, natürlich. Natürlich, wenn man nach Mallorca fährt, ist jetzt immer die Ehefrau zu Hause. Das ist gute alte deutsche Tradition. Aber ich war zum Beispiel auch schon zweimal in Barcelona. Ich fand Sevilla ganz toll.

Es gibt ganz viele tolle Orte dort. Bevor wir jetzt aber in den Flieger nach Spanien steigen, erstmal wie immer die Inhaltswarnung. In dieser Folge geht es um die Themen sexualisierte Gewalt an Minderjährigen und auch um Folter. Wenn ihr damit nicht so gut klarkommt, überspringt diese Folge lieber oder hört sie nicht allein.

Bist du bereit, ist der Koffer gepackt für Spanien? Si, senor. Dann legen wir los. Der Horror kommt ausgerechnet an einem Freitag, den 13., in das kleine Städtchen Alcázar im Osten von Spanien. Die 7000-Einwohner-Stadt liegt in der Nähe von Valencia und hat für junge Menschen nicht viel mehr zu bieten als eine Schule, ein Jugendtreff und eine marode Infrastruktur.

Hier leben die vier Freundinnen Miriam, Desiree, Esther und Antonia. Die Mädchen sind ganz unterschiedlich, aber unzertrennlich. Miriam ist 14 und ein schüchternes Mädchen mit braunen Locken, das in ihrer Freizeit am liebsten Gedichte schreibt, liest oder Ballett tanzt. Ihre Leidenschaft zeigt sich auch in ihrem Kinderzimmer, dessen Wände voll tapeziert sind mit Postern ihrer Lieblingstänzerin.

Auch die 14-jährige Desiree ist sportlich unterwegs. In Alcacer sieht man das Mädchen mit den dunkelblonden Haaren regelmäßig durch die Straßen skaten. Sie liebt es, Spaß zu haben und anderen Streiche zu spielen. Während Miriam und Desiree an diesem 13. November 1992 in der Schule sitzen, ist ihre gleichaltrige Freundin Esther, ein braunhaariges Mädchen, mit einer Grippe zu Hause geblieben.

Die älteste der vier Freundinnen, die 15-jährige Antonia, die alle Toni nennen, leistet ihr Gesellschaft. Das schüchterne Mädchen mit dem braunen Bob hat dieses Jahr die Schule hingeschmissen und wartet nun darauf, endlich 16 zu werden und damit arbeiten zu dürfen. Auch wenn sie nicht mehr zusammen zur Schule gehen, sind Toni und ihre Freundin unzertrennlich.

Erst gestern hatte Toni live beim lokalen Radiosender angerufen, um ihren Freundinnen den Song Major Tom von Tom Schilling zu widmen. Jetzt leistet sie der kranken Ester-Gesellschaft. Als es frühe Abend wird und die Schule aus ist, stoßen auch Desiree und Miriam dazu. Die Freundinnen wollen heute im Colour, einem bekannten Nachtclub im Nachbarort Picassent, auf eine Schülerparty gehen.

Der Club ist zwar nur eine halbe Stunde zu Fuß von Estas Haus entfernt, aber die Mädchen wollen heute nicht laufen. Denn mittlerweile ist es nicht nur dunkel draußen, sondern auch frisch geworden. Aber den Bus haben sie verpasst. Also ruft Miriam zu Hause an und fragt, ob ihr Vater Fernando sie fahren kann.

Doch Fernando liegt genau wie Esther mit Fieber im Bett, erklärt Miriams Mutter Mathilde am Telefon. Also beschließen die Mädchen per Anhalter zu fahren. So machen es eigentlich alle Jugendlichen hier und auch die Mädchen sind Profi-Anhalterinnen. Esther fühlt sich zu schlapp, um mitzukommen. Also verlassen Miriam, Toni und Desiree ihre Wohnung um circa 20 Uhr und machen sich auf den Weg in die Nacht.

Es ist das letzte Mal, dass Esther ihre Freundin sehen wird. Kurze Zwischenfrage, du hattest den Fall, glaube ich, bei dir auch schon mal im Podcast. Ja, ich habe den schon behandelt. Ich bin jetzt gespannt, ob ich mich noch an alles erinnere. Ja, ist schon ein bisschen her bei dir? Gar nicht so lang. Ja, okay. Aber du weißt, man macht die nächste Recherche.

Ja, das stimmt. Irgendwann ist Festplatte so ein bisschen gelöscht. Genau, das andere tritt dann erstmal in den Hintergrund. Aber wir wissen beide ein bisschen, was über diesen Fall könnte. Also eine spannende Folge werden. Zwei Stunden. Nachdem die drei aufgebrochen sind, werden Tonis Eltern unruhig.

Tonis Schwester erinnert sich, um 21 Uhr waren sie normalerweise schon zu Hause und um 22 Uhr haben wir angefangen, uns Sorgen zu machen. Denn Toni ist eigentlich immer zuverlässig. Kommt sie doch mal später, ruft sie normalerweise durch und sagt Bescheid. Also rufen Tonis Eltern bei Desiree und Miriam zu Hause an.

Doch auch da hat man die Mädchen nicht gesehen und macht sich Sorgen. Sofort nach dem Anruf setzt sich Miriams Vater Fernando Garcia trotz Fieber in sein Auto und sucht nach den Mädchen. Er klappert das Color und all die anderen Orte, an denen sich die Freundinnen normalerweise herumtreiben, ab. Aber niemand wusste irgendwas. Keiner hatte die Mädchen gesehen, so erzählt er es später.

Also fährt er zur Guardia Civil. Kurze Erklärung, also in Spanien gibt es unterschiedliche Polizeibehörden, Also zum Beispiel die Comunale Polizia Local oder die Corpo Nacional de Polizia. Und die Guardia Civil kümmert sich, das ist eine ganz interessante Aufteilung, wie ich finde, nicht nur um Grenzschutz oder um Terrorismusbekämpfung, was ja schon sehr große Aufgaben sind, sondern in kleineren Städten mit weniger als 10.000 Einwohnern, wie zum Beispiel Alcázar, auch um die anderen polizeilichen Aufgaben.

Also wenn die keine Städtepolizei haben, weil sie als Dorf zu klein sind, kommt dann die Guardia Civil. In Italien gibt es oder gab es zumindest ja auch die Carabinieri zusätzlich. Genau, das ist eigentlich so ähnlich. In Österreich hatten wir auch früher Gendarmerie. Stimmt, das ist glaube ich auch alles historisch gewachsen, weil man sagt, man möchte nicht, dass sämtliche polizeiliche Macht in einem Apparat liegt sozusagen.

Also aus deutscher Sicht ist das manchmal ein bisschen komisch, dass es da so unterschiedliche Polizeien gibt. Aber bei uns gibt es ja auch LKA, BKA und die lokalen Polizeibehörden. Also dort wird Fernando vorstellig und sagt, hier, die sind weg. Und die Beamten nehmen ihn halt nicht wirklich ernst. Also die sagen, die Mädchen sind wahrscheinlich einfach nur feiern.

Das ist so die normale Aussage der Polizei. Ach ja, die sind noch feiern oder die sind weggelaufen. Die kommen schon wieder. Ja, dank Rückschaufehler wissen wir ja dann immer, dass es Quatsch ist. Aber ich kann mir auch vorstellen, dass es in ganz vielen Fällen, also ich habe mal gelesen. In den meisten Fällen tauchen eben gerade Kinder, wenn die verschwinden oder Jugendliche direkt am nächsten Tag dann wieder auf, weil sie eben feiern sind oder beim Freund schlafen, von dem die Eltern nichts wissen.

Glücklicherweise ist das so. Ja, das ist ja auch eine Zeit, wo man noch kein Handy dabei hat. Genau, genau das. Also die sagen im Prinzip, wenn die drei am nächsten Morgen noch nicht wieder da sind, dann kannst du dich doch mal melden und eine Vermisstenanzeige aufgeben. Und natürlich macht bei den Familien der drei in dieser Nacht kaum jemand ein Auge zu.

Als die Mädchen auch am nächsten Morgen nicht wieder aufgetaucht sind, organisieren die Eltern einen Suchtrupp, für den sich viele Freiwillige melden. Halb Alcácer scheint inzwischen von dem Verschwinden mitbekommen zu haben. In insgesamt zwölf Autos fahren die Angehörigen und Freiwilligen die gesamte Umgebung ab und durchkämmen leerstehende Gebäude.

Andere Freiwillige verteilen tausende Flugblätter, auf denen die Mädchen abgebildet sind. Die Suche bricht auch nicht ab, als es Nacht wird. Inzwischen geht auch die Polizei nicht mehr davon aus, dass die drei freiwillig verschwunden sind. Dafür spricht zum Beispiel, dass Desiree am nächsten Tag skaten gehen wollte und ihre Tasche dafür schon gepackt hatte.

Miriam hat ihr Sparschwein mit 20.000 Peseten, also so umgerechnet 120 Euro, nicht angerührt. Und Toni war für den nächsten Tag mit einer Freundin verabredet. Auch am Sonntag, zwei Tage nach dem Verschwinden, gibt es keine Spur von den Medien und auch nationale Medien werden auf den Fall im kleinen Alcázar aufmerksam.

Bei Kanal 9 bittet Alcázar's Bürgermeister Spanien weit um Mithilfe und Hinweise und auch die Eltern richten ihre Worte direkt an die spanische Bevölkerung. Ihnen allen sieht man an, dass sie seit zwei Nächten nicht geschlafen haben. Desirées Mutter Rosa erklärt, ich will sie nur sehen. Wenn es ein Streich war, dass sie weggelaufen ist, sollten sie heimkommen.

Und Miriams Mutter spricht von einem Albtraum. Doch trotz allem bleiben die drei verschwunden und in Alcázar geht die Angst um. Eine Mitschülerin der Mädchen erzählt in einem Interview, ich will nicht mal mehr neue Leute treffen. Man kann keinem trauen. Mittlerweile gibt es schon seit Wochen keine Spur von Miriam, Toni und Desirée.

Doch vor allem Miriams Vater, Fernando Garcia, will nicht zulassen, dass der Fall in Vergessenheit gerät. Unermüdlich tingelt der Mann mit dem schütteren Haar durch die Medien, gibt Interviews und fleht um Hilfe. Jeder Mensch in Spanien soll die Gesichter von Miriam, Toni und Desiree kennen und nach ihnen Ausschau halten.

Von Bürgermeister von Alcázar bekommt Fernando dafür sogar ein Büro im Rathaus gestellt, von dem er auch seine Suchaktionen koordinieren kann. Unterstützt, wird er dabei von tausenden Fremden, die ihm Geld zuschicken zum Beispiel. Also da zeigt sich ja schon, was dieser Fall für einen. Ein nationales Mitgefühl einfach ausgelöst hat.

Währenddessen setzt die Polizei ihr Routinevorgehen bei vermissten Fällen in Bewegung. Mit Unterstützung aus Valencia befragen sie sämtliche vorbestrafte Personen aus der Umgebung. Doch mit dem Verschwinden der Mädchen scheint niemand etwas zu tun zu haben. Dafür haben sich mehrere Zeugen gemeldet, die die Mädchen am Tag ihres Verschwindens gesehen haben.

So sagt ein Pärchen aus Alcázar aus, dass sie die trampenden Mädchen gegen 20.15 Uhr ihrem Auto mitgenommen haben, allerdings nach wenigen Minuten an einer Autowerkstatt am Stadtrand von Picassent wieder rausgelassen haben. Der Wagen des Paares hatte Benzin verloren und die beiden wollten ihn in der Werkstatt reparieren lassen.

Kurz darauf sieht ein weiterer Zeuge die Mädchen zum Color laufen. Danach verliert sich ihre Spur. Sind sie vielleicht noch weiter getrampt? Eine Antwort darauf erhalten die Ermittler von einer älteren Dame. Die meldet sich bei der Polizei und erzählt, dass sie am besagten Tag gegen 20.15 Uhr aus dem Fenster geschaut und dabei gesehen hat, wie die Mädchen in ein kleines weißes Auto gestiegen sind.

In dem Auto sollen bereits vier Männer gesessen haben, die die Rentnerin aber leider ebenso wenig erkennen konnte wie die Marke oder das Kennzeichen des Autos. Es ist das letzte Mal, dass irgendjemand Miriam, Toni und Desiree lebend sieht. Das fällt ihr ja deswegen auf oder sie erinnert sich deswegen daran, weil sie sich denkt...

Wie passen denn so viele Leute in dieses kleine Auto rein? Es ist ja kein Clown-Auto aus dem Film. Wo dann die ganze Zeit Clowns rauskommen. Genau, wo irgendwie 20 Menschen in einen Smart passen. Aber es ist halt auch nicht mehr so ganz hell. Also sie kann es nicht ganz klar sehen. Sie ist auch weiter weg.

Sie ist nicht mehr die Jüngste. Bin jetzt nicht sicher, ob sie ihre Brille dabei auf hat. Ja, wir wissen ja mittlerweile mit Zeugenaussagen, dass gerade wenn es nach Wochen dann irgendwie um die Ecke kommt, ist es total schwierig und auch wenn die Leute das Bestens meinen und helfen wollen, haben sie manchmal Sachen gesehen, die vielleicht gar nicht passiert sind oder haben sich geirrt oder wie auch immer.

Also was mir gerade noch wichtig ist an der Stelle, macht es nie, liebe Menschen, wenn ihr das jetzt hört, per Anhalter fahren. Ich glaube, heute macht es aber eh keiner mehr, hoffe ich mal. Also früher habe ich tatsächlich immer wieder an Autobahnauffahrten Leute gesehen mit einem Schild, da steht dann drauf Bonn, München oder sonst was.

Oder einfach den Daumen rausgestreckt haben, Habe ich aber schon ganz lange nicht mehr gesehen. Ist vielleicht auch besser so. Ich meine, es gibt ja sowas wie Mitfahrtzentralen. Das habe ich früher auch ganz oft gemacht. Aber dann weißt du ja, bei wem du mitfährst. Und das ist irgendwo hinterlegt zumindest. Ja.

Aber halt so wirklich am Straßenrand stehen und Finger raus. Ja, schwierig. Man hat es früher halt gemacht. Aber dazu habe ich noch was. Wusstest du, dass der Sänger Meat Loaf, I Would Do Anything For Love, weil es ein großer Hit, dass der mal erzählt hat, dass er Charles Manson per Anhalter mitgenommen hat? Nein. Ja.

Oh Gott, wie gruselig. Das heißt, er hat es aber erst Jahre später dann wahrscheinlich gecheckt, dass es Charles Manson war. Ja, ja, also bevor dieser zu seinem zweifelhaften Ruhm kam. Krass. Ein weiterer Grund, keine Anhalter vielleicht mitzunehmen und da selber nicht per Anhalter zu fahren, würde ich sagen.

Wer weiß, wer es ist. Ja, you never know. Der Tipp dieser älteren Dame ist zwar, das, was vielleicht nach heißen Spur am nächsten kommt. Aber auch diese führt nicht zu Miriam Toni und Desiree. Inzwischen haben die Behörden die Suche auch auf die Regionen Granada und Pamplona ausgeweitet und Spaniens Innenminister richtet eine spezielle Ermittlergruppe ein, die aus Beamten der Guardia Civil und deren Spezialeinheit Unidad Central Operativa, also UCO, besteht.

Ganz Spanien verfolgt die Suche nach den Mädchen an den TV-Bildschirmen und in den Zeitungsschlagzeilen. In Fernando Garcias Büro steht das Telefon niemals still. Mal haben Menschen die Mädchen beim Eisessen gesehen, mal beim Shoppen. Der Mittler und auch die Medien gehen jedem dieser Hinweise nach, aber keiner davon führt zum Erfolg. Im Gegenteil.

Ein damaliger Ermittler erinnert sich später, meiner Meinung nach, helfen diese Fernsehsendungen nicht. Im Gegenteil. Also nachvollziehbar, du kriegst viele Hinweise, aber du kriegst auch viel mehr falsche Hinweise. Und manche Leute wollen sich es wichtig machen. Also das ist ein zweischneidiges Schwert, die Öffentlichkeit so stark in Ermittlungen mit einzubeziehen. Auf jeden Fall.

Und so geht die Suche weiter. Heiligabend 1992 empfängt sogar Spaniens Ministerpräsident die Eltern der verschwundenen Mädchen und sagt weitere Ressourcen zu. Um die gleiche Zeit herum wird der Fall auch an Interpol weitergeleitet und die Suche auf Spaniens Nachbarländer und auf Nordafrika ausgeweitet.

Insgesamt werden fünf Millionen Plakate in dieser Region verteilt. Damit wird es zur größten Suchaktion in Spaniens Geschichte. Am intensivsten sucht aber wahrscheinlich Fernando Garcia. Miriams Vater hat inzwischen seinen Job in der Matratzenfabrik gekündigt, um sich vollständig in die Suche stürzen zu können.

Fast täglich ist er im Fernsehen zu sehen. Dabei hält er sich auch nicht mit seiner Meinung, die Polizei mache zu wenig, zurück. Immer wieder gerät er mit Ermittlern zusammen, weil sie bestimmte Häuser nicht durchsuchen oder hinweisen, seiner Meinung nach nicht intensiv genug nachgehen. Einmal bricht er sogar in ein Haus ein, weil er einen anonymen Tipp bekommt, dass die Mädchen dort gefangen sein könnten.

Am Ende schreckt er aber nur eine Gruppe Kinder bei einer Übernachtungsparty auf. Der Hausbesitzer verzichtet auf eine Anzeige. Inzwischen kennt fast jeder den Mann mit dem tiefen Augenring, der seine Tochter nicht aufgibt. Also es ist wahnsinnig bewegend, das zu sehen, aber ohne jetzt zu spoilern, diese ganze Pressearbeit ist auch ein großes Problem in diesem Fall und wird später noch ein viel größeres Problem werden.

Vielleicht sollten wir mal kurz darüber sprechen, warum dieser Fall so viele Menschen in Spanien bewegt. Was glaubst du, woran liegt das, dass ganz Spanien nach diesen drei Mädchen sucht? Naja, zum einen ist es schon, dass der Vater einfach so aktiv ist und sich auch, selbst versucht, hier und da wieder einzubringen.

Und er ist auch wenige Tage nach dem Verschwinden der Mädchen schon in der spanischen Version von Aktenzeichen X-X-X-X-U-N umgelöst. Und er lässt einfach keinen Fernsehauftritt aus oder Interview. Also allein dadurch denke ich, kann der Fall schon nicht schnell vergessen werden. Zum anderen ist es halt so, dass es sich hier um drei Mädchen aus gutem bürgerlichem Hause handelt.

Mädchen, die eh brav waren, die die Schule nicht übermäßig geschwänzt haben, die keine Drogen genommen haben oder schnell wechselnde romantische Beziehungen hatten oder was man ihnen in seinem katholischen Land sonst vorwerfen könnte eventuell. Sie sind einfach ganz normale nette Mädchen, die zack, verschwunden sind.

Ja, es gibt ja das sogenannte Missing White Woman oder White Girl Syndrome, also dass eben Menschen dazu neigen, bei hübschen Mädchen eher mitzufiebern. Also das Aussehen spielt halt auch eine Rolle. Und rein wissenschaftlich. Und der Lebenswandel. Und der Lebenswandel, genau. Also man könnte wirklich, also es klingt jetzt gemein, aber es ist wissenschaftlich erwiesen, wenn es drei drogenabhängige Sexarbeiterinnen wären, die da verschwunden wären.

Dann hätte es niemanden interessiert. Genau das. Ja, und das ist furchtbar ungerecht, aber es ist nun mal so. Und dementsprechend entwickelt sich dieser Fall, man kann es nicht anders sagen, zu einem nationalen Hype über die ganze lange Zeit. Und damit sind wir beim 27. Januar 1993. Miriams Vater Fernando Garcia und Tonis Schwester sind gerade in London, um der BBC ein Interview über den Fall zu geben, als sie eine Nachricht bekommen, die alles verändert.

Am Morgen jenes Januartages sind zwei Männer, 69 und 55 Jahre alt, in La Romana unterwegs, einem felsigen, unbewohnten Gebiet etwa 20 Kilometer südwestlich von Alcácer. Hier gibt es nichts außer Steinen, vertrockneten Büschen und einigen verfallenen Hütten. Die beiden Männer sind Hobby-Imker und wollen nach ihren Bienenstöcken schauen.

Auf dem Weg dahin sieht einer der Männer plötzlich etwas Glänzendes am Boden. Gemeinsam beugen sie sich hinunter und erschrecken. Das, was so glänzt, ist eine Uhr. Aber diese Uhr hängt an einem Arm. Einem skelettierten Arm, der aus der Erde ragt und bei dem die Hand fehlt. Sofort rufen die beiden Männer die Polizei und führen sie zum Fundort.

Doch statt der eigentlich zuständigen Spezialeinheit UCO kommen als erstes ganz normale Polizisten der Guardia Civil Amt hat dort an. Und es dauert Stunden, bis ein professionelles Bergungsteam eintrifft und der Fundort abgesperrt wird. Schließlich macht man sich ans Ausgraben. Darauf, was die anwesenden Beamten nun unter der Erde finden, sind sie nicht vorbereitet.

In einen großen Teppich eingewickelt, finden Sie drei aufeinander gestapelte Leichen, die zum Teil schon stark verwest sind. Das ist wahrscheinlich die erste Mordermittlung für die Leute, die da mal als erstes ankommen. Ich denke mir nur trotzdem, man muss doch in der Polizeischule gelernt haben, was man in so einem Fall macht und dass man eben nicht alles zertrampelt, wobei man Spuren kaputt machen kann.

Also das ist mir doch immer wieder unbegreiflich und leider hören wir immer wieder über solche Sachen, wie das passieren kann und dann, ja, ich glaube, wir werden da noch später noch ein paar Mal wahrscheinlich darüber sprechen, was da noch alles schief geht. Genau, es ist eine ganz wichtige Stelle auch in diesem Fall, weil da eben schon so viel schief gelaufen ist.

Und genau, was du gesagt hast, also eigentlich das Richtige wäre gewesen, auf die Experten zu warten und alles soweit abzusperren und abzusichern, dass da keine Leute durchlaufen an diesem Fahrtort. Ja, nicht rüber trampeln, auch niemand anderen hinlassen, keine neugierigen Journalisten vielleicht. Ja, in der Zwischenzeit erfahren Fernando Garcia und Tonys Schwester in London von einer Journalistin von dem Leichenfund in ihrer Heimat und fliegen sofort nach Spanien zurück.

Auf dem Rückweg hofft Tonys Schwester noch, bitte nicht meine Schwester. Doch dann kommt die Nachricht, die Miriams Vater Fernando später als das Schlimmste, was ich je erlebt habe, bezeichnen wird. Als die beiden in Valencia landen, werden sie von Dutzenden Fernsehkameras und Mikrofonen empfangen. Garcia richtet folgende Worte an sie. Wir brauchen Gerechtigkeit.

Wir müssen die Täter finden, es ihnen in gleicher Weise heimzahlen, damit sie sich bei anderen Mädchen in der Situation sagen, nein, das kostet uns das Leben. Auch als sie sich zu ihren Familien aufmachen, werden sie von Reportern verfolgt. Im Treppenhaus der Gassiers drängen sich die Fernsehteams um den besten Platz und halten die Kameras drauf, als sich die Eltern unter Tränen umarmen und Miriams Mutter fast zusammenbricht.

Also diese Sachen kannst du dir heute noch angucken und das ist wahnsinnig schwer zu ertragen. Das ist ethisch auch. Nicht in Ordnung. Absolut, also die Journalisten machen da alles falsch, was man falsch machen kann. Auf der anderen Seite könnte man sagen, die Geister, die ich rief. Also der Vater hat natürlich sehr viel sich mit der Presse eingelassen.

Das soll überhaupt gar kein Vorwurf sein. Der ist trauernder Angehöriger oder ein Angehöriger, der die Wahrheit sucht. Aber er hat natürlich die Tür erstmal weit aufgemacht. Und da rennen die jetzt durch ohne Rücksicht auf Verluste. Und das wird ja noch viel ekliger. Wir wissen auch, sowas macht gutes Fernsehen. Ja, natürlich.

Natürlich, in Anführungszeichen gut. Ja, ja, ja. Aber ja, moralisch zweifelhaft. Auch am nächsten Tag bleibt den Familien und der Stadt kaum Zeit für Trauer. Eine Journalistin erinnert sich, die ganze Stadt wurde zum Set. Das kannte man nur aus US-Filmen, voller Antennen für die Satelliten, für die Live-Show. Es war total irre.

Alcázar ist plötzlich ein nationaler Schauplatz der Trauer. Reporter befragen jeden, der nicht rechtzeitig wegrennt und Film-Mitschülerin der Mädchen dabei, wie sie um Miriam, Toni und Desiree trauern. Auch Esther, die gestern erst vom Tod ihrer besten Freundin erfahren hat, muss sich den Fragen stellen, obwohl sie sichtlich unter Schock steht.

Und da geht es um eine Minderjährige. Also auch das ist echt ethisch ganz, ganz schlimm. Die ist selber 15, 16 Jahre alt. Ja, genau. Sie kann es ja gar nicht abschätzen. Und sie ist eben völlig unter Schock. Das siehst du bei den Bildern auch. Am Abend erreicht das Spektakel dann seinen Höhepunkt, als zwei der größten Sender Spaniens live mit einer Sondersendung vor Ort ist.

Für die Sendung der Star-Moderatorin Nieves Herrero wird die Konzerthalle Alcázas kurzerhand zum TV-Studio funktioniert, in dem mehr als 100 Leute auf Klappstühlen Platz finden. Auch auf der Bühne ist es rappelvoll. Mehr als 20 Angehörige der Mädchen sitzen hier dicht aneinandergereiht. Alle schauen sehr ernst.

Nach und nach fragt Moderatorin Herrero einen Angehörigen nach dem anderen, wie es ihnen geht. Miriams Mutter, im Gesicht dicke Augenringe und in den Händen ein Bild ihrer Tochter, erklärt. Es kann mich das Leben kosten, weil es so schwer ist. Das ist das Schlimmste, was passieren kann. Immer wieder werden auch Menschen im Publikum nach ihrer Meinung gefragt, die lautstark die Todesstrafe für die Täter fordern.

Was ja irgendwie auch klar ist, wenn die Stimmung so aufgeheizt ist. Zwischendrin wird dann einfach mal in die Werbung geschaltet, weil Geld muss ja auch verdient werden, während die Angehörigen stumm und regungslos auf ihren Stühlen sitzen. Heute, sagt Toni Schwester zu dieser Situation, Jetzt, nach all der Zeit, frage ich mich, wie ich da mitmachen konnte. Ich habe da nicht hingehört, sondern nach Hause zur Familie.

Aber keiner von ihnen verlässt die Bühne. Auch nicht, als Moderatorin Herrero den ebenfalls anwesenden Vizebürgermeister vor allen Angehörigen fragt, ob die Mädchen denn auch missbraucht wurden. Als dieser ausweichend antwortet, hakt sie erneut nach. Zu diesem Zeitpunkt ist die Autopsie noch gar nicht komplett beendet.

Also man kann es gar nicht mit Sicherheit sagen. Während diese ganze Show im Nachgang kaum zu ertragen ist, also es ist ganz schlimm sich das anzugucken, kommt sie in Spanien gut an. Beide an diesem Tag stattfindenden Sondershows erreichen eine kombinierte Einschaltquote von 79,5 Prozent. Also fast 80 Prozent der Menschen in Spanien haben an diesem Abend diese beiden oder eine von den beiden Shows geguckt. Ja, kann es heute nicht mehr machen so.

Also hoffe ich zumindest, ja. Dass es für die Einschaltquoten gut ist, kann ich mir schon vorstellen. Aber wer hatte denn bitte die Idee, beziehungsweise hat diese Idee für gut befunden, sowas auf die Beine zu stellen? Ja, ich glaube, das ist dann so eine Dynamik, die in Gang kommt und dann traut sich niemand, das zu stoppen.

Aber es ist ja komplett traumatisierend für die Angehörigen. Ja, absolut. Aber da hast du noch nicht nachgedacht über sowas. Ja, da hat man nicht drüber nachgedacht. Und die, die es vielleicht drüber nachdenken hätten sollen, haben das über Bord geworfen, haben gesagt, das ist doch geiles Fernsehen. Diese Show hat aber auch noch eine andere Wendung. Denn mitten in der Sendung wird plötzlich auf der Bühne bekannt gegeben, dass soeben zwei Personen festgenommen wurden. Das Publikum und einige Angehörige auf der Bühne klatschen.

In dem Moment denkt sich Fernando Garcia nur, die waren aber schnell. Tatsächlich? Ja. Und im Nachhinein kann man sagen, vielleicht zu schnell? Ja, also, ja. Ja, weil Sie finden eine Sache in der Nähe dieses Fundortes, auf diesem Grunde alles aufbauen, was danach kommt. Ja, die Polizei hat, könnte man sagen, am Fundort wahnsinniges Glück.

Zumindest denken die Ermittler, dass zu diesem Zeitpunkt neben den Leichen der drei Mädchen hat die Polizei nämlich einige andere Dinge gefunden. Eine zerrissene Kordjacke, schwarze Synthetikfasern, ein Stück Segeltau, eine 9 mm Patronenhülse, Haare und Knochenfragmente, drei Gürtel und mehrere Kleidungsstücke.

Aber was besonders interessant ist, und das ist der Gegenstand, auf den du gerade anspielst. Das ist ein Zettel. Genau, verteilt in mehreren Sträuchern finden sie Papierschnipps. Als die Ermittler diese ... Puzzle zusammensetzen, können sie erkennen, dass es sich um eine Quittung für die Behandlung eines Trippers im Lafay Krankenhaus in Valencia handelt.

Und auf der Quittung befindet sich eine Sozialversicherungsnummer. Sie gehört einem gewissen Enrique Angles, wohnhaft in Catarroja, etwa fünf Kilometer von Alcázar entfernt. Noch am Abend des Leichenfunds machen sich mehrere Beamte auf zur Wohnung des Verdächtigen. Als sie kommen, ist die Tür verrammelt, aber die Polizisten schaffen ist, sie aufzubrechen.

In der Wohnung stinkt es nach altem Fleisch und auch sonst krabbelt und kriecht es überall. Viele der Möbel hängen schief und in den Ecken sammelt sich der Schmutz. Obendrein befinden sich vier Menschen in der Wohnung. Eine Frau in ihren 50ern, zwei junge Männer und eine jüngere Frau. Die Polizisten sammeln alle Anwesenden in einem Zimmer und nehmen ihre Personalien auf. Es handelt sich um die Mutter des Haushaltes, Neosa Martins, ihre Tochter Kelly und deren Freund.

Außerdem vor Ort der gesuchte Enrique Anglès, also der sich den Tripper hat behandeln lassen und dessen Quittung da beim Leichenfundrat lag. Genau, so haben sie jetzt ihren Mann. Ja, das ist die Hoffnung der Polizei. Während ein paar Polizisten auf die Familie im Wohnzimmer aufpassen, durchsuchen die Kollegen die Wohnung nach möglichen Beweisen.

Aber weit kommen sie nicht, denn plötzlich betreten drei weitere junge Männer die Wohnung. Zwei davon sind Brüder von Enrique, nämlich Mauricio und Ricardo Angles. Der dritte stellt sich als Miguel Ricard, ein Freund der Familie, vor. Er ist etwa Anfang 20 und hat blond gefärbte, hochgegelte Haare. Er und die beiden Brüder sollen sich zu den anderen stellen.

Plötzlich klingelt das Telefon und eine männliche Stimme spricht für alle hörbar auf den Anrufbeantworter. Kelly, ich bin's, Ruben. Wenn du kommst, sag dem Blonden, er soll dahin gehen, wo Bremsscheibe und Hebel fürs Motorrad sind. Er soll zwei Schlafsäcke mitbringen, Kelloggs und die Milch, die auf dem Tisch steht. Okay? So schnell wie möglich.

Von den Anwesenden ist nur einer Blondes, Miguel Ricard. Die Beamten nehmen ihn in die Mangel und fragen ihn unter anderem, was er für ein Auto fährt. Seine Antwort, einen kleinen weißen Wagen. Sofort nehmen die Beamten Miguel Ricard und Enrique Angles fest. Während Ricard jegliche Beteiligung an den Morden abstreitet, gesteht Angles sofort.

Er habe die Mädchen am Tatabend im Colour kennengelernt, aber keine von ihnen hätte Lust gehabt, mit ihm zu tanzen. Da sei er durchgedreht. Er habe die Mädchen in seinen Wagen verfrachtet und umgebracht. Für die Beamten und auch für uns klingt dieses Geständnis nicht so richtig schlüssig, weil nach allem, was wir wissen, sind die Mädchen ja nie im Color angeguckt.

Genau, die waren überhaupt nicht in dieser Disco. Und die Beamten merken auch bei der Befragung relativ schnell, dass Enrique Angles mental eingeschränkt ist. Später wird sich herausstellen, dass er ein IQ von unter 50 hat. Auch seine Familienmitglieder, die ebenfalls befragt werden, können sich so eine Tat bei ihm nicht vorstellen. Schwester Kelly erzählt, ich hätte nie gedacht, dass es um Enrique geht. Enrique ist kein Schläger.

Er ist nett, aber psychisch eingeschränkt. Enrique habe jedoch einen Bruder, dem sie so eine Tat allemal zutrauen. Und auch Mutter Neosa stimmt ihr dabei zu. Antonio Angles, sagen sie es beide aus, sei ein extrem gewalttätiger Mann. Kelly beschreibt ihn so. Ich glaube nicht, dass er Empathie für andere Leute fühlen kann.

Er war sehr kalt, wir hatten alle Angst vor ihm. Wenn es Zoff gab, sagte man besser zu allem Ja, damit Ruhe war. Meine Mutter, meine Brüder, wir hatten alle Angst vor ihm. Zu Hause herrscht Antonio wie ein König. Seine Brüder schickt er zum Klauen und seine Schwester und seine Mutter müssen den Haushalt führen und ihn bedienen.

Weigert sich jemand, schlägt er zu oder wirft sogar mit Messern. Einmal bedrohte Enrique sogar mit einer Waffe, so erzählt er das später. Auch vor dem Gesetz ist Antonio Angles bereits oft auffällig geworden. Zwischen 1985 und 1991 wurde er zum Beispiel wegen Hehlerei, Drogenhandel und wegen schweren Raubes verurteilt.

Unter anderem hat er sich als Straßensexarbeiter ausgegeben und die Freier dann ausgeraubt. 1991 wird er schließlich sogar wegen Entführung und Freiheitsberaubung zu sechs Jahren Haft verurteilt. Eine Bekannte, die ihm Heroin gestohlen hatte, hatte er 25 Stunden lang nackt an einen Pfeiler in der Familienwohnung gekettet und geschlagen.

Außerdem habe er ihr nichts zu essen gegeben und ihr Heroin genau so weit auf den Boden gelegt, dass sie es nicht erreichen kann. Was natürlich für einen Menschen mit Suchtrund richtig mies ist. Das klingt schon ein bisschen mehr nach jemandem, dem man dem Mord an drei jungen Frauen zutrauen würde, oder?

Auf jeden Fall. Das klingt schon ganz gut. Ein polizeibekannter Mann, gewalttätiger Mann. Das könnte schon passen. Und er müsste ja eigentlich noch im Gefängnis sein. Eigentlich wäre das so. Also er ist ja verurteilt worden so sechs Jahre in Haft und die sind ja noch nicht oben. Genau, das ist eine ganz lustige Geschichte, wieso der wieder draußen ist.

Ja, also er hat im März 1992 einen sechstägigen Freigang erhalten und von diesem Freigang kehrt Anglès nie zurück. Erst ein halbes Jahr später wird ein Haftbefehl gegen ihn ausgestellt. Also auch das, das so lange dauert, ist ja unfassbar. Und zwei Monate später verschwinden dann die drei Mädchen in Alcázar.

Aber von Anglès fehlt jede Spur. Dabei war er laut seiner Mutter und Schwester sogar in der Wohnung, als die Polizisten angerückt sind. Als er sie durchs Fenster gesehen habe, habe er die Tür, also die Wohnungstür verrammelt und sei durch das Fenster geflohen. Einfach rausgesprungen und über die Dächer weggerannt, wie im Film. Ja, wie im Film.

Als guter Freund von Antonio Angles gilt der Blonde, der 23-jährige Miguel Ricard, der zum Zeitpunkt der Festnahme bei der Familie wohnt. Nachdem seine Mutter nur wenige Jahre nach seiner Geburt stirbt, wächst er abwechselnd in einem Waisenhaus und bei seinem Vater auf, der ihn missbraucht. Als Folge des Missbrauchs lernt, spielt und redet Miguel nicht und auch später wird er als nervös und unterwürfig beschrieben.

Nachdem er seine Schule abbricht, hangelt er sich von Job zu Job, dient bei der Armee und bekommt eine Tochter, zu der er allerdings keinen Kontakt hat. Dann lernt er Antonio Angles kennen, den zunächst mit Drogen versorgt und schließlich auch bei ihm wohnen lässt. Auf Augenhöhe ist das ungleiche Duo aber nie.

Kelly sagt über die Beziehung der beiden, Antonio machte mit ihm, was er wollte. So nimmt er Ricard mit auf seine Raubzüge und der wird dann auch deshalb zweimal zu mehrwöchigen Gefängnisstrafen verurteilt. Zum Zeitpunkt der Alcacer-Entführung sitzt Ricard zum Beispiel wegen Autodiebstahls ein. So gibt er das bei seiner Vernehmung erst mal an.

Das wäre ja ein waschechtes Alibi, weil er im Knast sitzt, kann keine Verbrechen begehen. Aber die Beamten finden schnell raus, am besagten Tag hatte Miguel Rica Hafturlaub. Ja, auch guter Zufall. Das ist praktisch in dem Fall, wenn man davon ausgeht. Also das ist schon ein Verdachtsmoment, wenn man sagt, ausgerechnet an dem Tag war der frei und dann hat er ja noch dieses kleine weiße Auto, was die Zeugin gesehen hat.

Und das reicht den Beamten, um ihn vorerst auf der Wache zu halten, während Enrique Angles zwei Tage nach seiner Festnahme entlassen wird. Also der etwas eingeschränkte Bruder, der darf wieder raus, weil die dann gemerkt haben, okay, dieses Geständnis ist überhaupt nichts wert. Immer wieder löchern die Ermittler Ricard mit Fragen und haben schließlich auch Erfolg.

Nach etlichen zermürbenden Stunden beginnt Ricard zu erzählen. Er berichtet, wie er und Antonio die Mädchen am Tatabend per Anhalter mitgenommen und zu der Hütte in La Romana gefahren haben. Die Mädchen hätten sich nicht dagegen gewehrt, so erzählt er das. Während Antonio, Miriam und Toni in die Hütte geführt habe, habe Ricard selbst mit Desiree einvernehmlichen Sex gehabt.

Irgendwann habe Antonio dann auch sie in die Ruine mitgenommen. Dann habe Ricard drei Schüsse gehört. Kurz darauf sei Antonio zu ihm rausgekommen und habe ihn dazu gezwungen, die drei Leichen gemeinsam in einen Teppich zu rollen, eine Grube zu graben und die Mädchen dort hineinzuwerfen. Ricard habe aus Angst mitgemacht.

Ja, weiß ich nicht. Wie glaubwürdig finden wir das? Es ergibt für mich schon keinen Sinn, warum, also die Mädchen, die wollten ja zu ihrer Feier in die Disco-Coulor. Warum hätten sie da ein paar Anhalter von Picassent noch irgendwo anders? Also warum hätten sie da den Daumen? Sie waren ja schon da. Ja, sie waren ja da, wo sie gehen wollten.

Und da waren ja auch Freunde von ihnen. Also es gab jetzt keinen Grund, noch irgendwo anders hinzuwollen. Und dann, also ich kann mir vorstellen, dass man sich nicht traut, laut zu sein, zu schreien oder um sich zu schlagen oder sowas, dass man es einfach aus Angst nicht macht, weil er sagt, die Mädchen hätten sich nicht gewehrt, als sie woanders mitgenommen haben, aber ich kann mir nicht vorstellen, wenn das tatsächlich so gewesen wäre, dass es ihnen gefallen hätte oder dass sie da irgendwie ihr Einverständnis gegeben hätten, Genauso auch zum Sex und, all dem, was da vorgefallen sein soll.

Jetzt ist es allerdings so, dass er ja während der Verhöre die Details seiner Aussage immer wieder verändert. Also jedes Mal sagt er was anderes und passt es auch an das an, was die Polizei mittlerweile schon herausgefunden hat. Also immer an neue Sachen. Ich weiß ganz ehrlich nicht, was wir ihm wirklich glauben können. Das ist sehr schwer.

Also ich bin vor allem auch über den einvernehmlichen Sex gestolpert, weil wie realistisch ist das? Dass ein fremder Mann nimmt dich und deine Freundin mit in die Pampa, dann geht der Freund da mit zwei Mädchen weg und du bleibst mit dem alleine und dann denkst du auch, schön, jetzt habe ich mal Sex mit dem.

Das ist ja komplett fernab der Realität. So ist passiert nicht. Und ja gut, aber der Einzige, der das irgendwie bestätigen oder eben nicht bestätigen könnte, wäre ja Antonio. Ist Antonio, aber der ist ja weg. Genau. Der ist ja über die Dächer davon gerannt und keiner weiß momentan, wo er ist. Genau, der ist weg, obwohl eben nach ihm intensiv gefahndet wird.

Also sein Gesicht prangt auf Titelseiten von allen Zeitungen des Landes. Und er wird auch tatsächlich mehrfach gesichtet. Also mal an einem Bahnhof, mal in Hostels oder als blinder Passagier in einem LKW. Und trotzdem bekommt ihn die Polizei nicht zu fassen. Parallel zur Suche nach Antonio Angles findet die erste Autopsie statt.

Das Bild, das sich den sechs durchführenden Ärzten bietet, ist grausam. Alle drei Mädchen weisen massive Vergewaltigungsspuren auf. Teilweise fehlen ihnen Zähne, ein Arm ist unnatürlich verdreht und zwei der Mädchen wurde eine Hand abgeschnitten. Zudem fehlt einem von ihnen eine Brustwarze, vermutlich mit einer Zange entfernt.

Die Todesursache ist aber in allen drei Fällen ein Schuss in den Kopf. Die Ergebnisse der Autopsie bleiben auf richterlicher Anordnung zunächst unter Verschluss. Und so bekommen auch die Eltern vorerst nichts von den Grausamkeiten mit, die ihren Töchtern angetan wurden. Aber dann passiert etwas, das den Fall in eine ganz andere Richtung lenken wird.

Noch während der Autopsie wird Fernando Garcia, so schildert er es später, von einem Polizisten hinter vorgehaltener Hand dazu geraten, einen eigenen Forensiker auf die Leichen schauen zu lassen. Irgendetwas stimmet nicht. Also beauftragt Garcia den prominenten Forensiker Dr. Luis Fronthäler. Doch als die grauhaarige Koryphäe in der Gerichtsmedizin ankommt, um der Autopsie beizuwohnen, wird er nicht hereingelassen.

Das ist schon strange. Also ich verstehe, dass man angepisst ist, wenn da jetzt jemand von außen dazu kommt. Aber warum? Es ist nicht irgendjemand. Genau. Es ist eine Riesen-Koryphäe, in Spanien kennt den jeder und das ist jetzt nicht ein dahergelaufener True-Crime-Podcaster, sondern ein Experte. Und was für einen Grund hat man zu sagen, nee, du darfst jetzt aber nicht, wir wollen alleine sein.

Stolz, Ego. Das wäre eine Möglichkeit, ja natürlich. Also er darf nicht und erst am nächsten Tag darf Ron Taylor dann eine eigene Autopsie durchführen. Als er die Leichen sieht, ist er geschockt. Zitat, alles was von Interesse war, ist verschwunden. Die Körper seien gewaschen und die Maden auf ihnen entfernt worden, sodass er eben nicht mehr herausfinden kann, wie lange die Körper in der Erde lagen.

Entschuldige, es ist so, ja, hier geht so viel schief, aber machen wir weiter. Ja, also das ist ja wirklich so Anfänger, absoluter Anfängerfehler, aber es geht ja noch weiter. Also es sind ganz viele wichtige forensische Beweise wie Haare oder potenzielle Sperma und Blutspuren, die sind weg, einfach weg, weil man die Körper gewaschen hat.

Also weiß jeder, dass man das nicht macht. Und darüber hinaus sind unnötige Amputationen vorgenommen worden, wo man sich fragt, warum haben die das gemacht? Und die Kleidung der Mädchen wird im feuchten Zustand in Plastiktüten gelagert, was ebenfalls wichtige Spuren zerstören könnte. Frau Taylor ist sich sicher, man will seine Arbeit behindern.

Also man will es ihm möglichst schwer machen, diese Untersuchung durchzuführen. Und ehrlicherweise würde ich ihm dazu stimmen. Also hier geht es so viel schief, dass man sich wirklich fragen muss, waren da Amateure am Werk, die das zum allerersten Mal gemacht haben? Oder ist da absichtlich Beweismaterial vernichtet worden? Ob es jetzt um den Fronteller geht oder generell die Aufklärung dieses Files.

Bei dem, was noch bleibt, gibt es auch einige Ungereimtheiten. Zum Beispiel habe ich gelesen, dass Videomaterial von diesen Autopsien fast vollständig gelöscht wurde, ohne jegliche Erklärung. Auch was den Teppich betrifft, in den sie da eingerollt waren, sind einige Fragen offen. Ja, zum Teppich kommen wir später noch.

Also ich habe jetzt auch nur zwei Sachen noch gesagt. Es gibt so viel. Es gibt wirklich viel. Also die ganze Dokumentation in dem Fall ist so unglaublich amateurhaft, dass man sich fragen muss, ist es vielleicht Absicht gewesen? Ja. Weil das sind so viele Sachen, die schief gegangen sind. Das ist schon... Nämlich Sachen, wo du sagst, wenn du mal einen Krimi gesehen hast, würdest du es schon nicht machen. Naja, und wenn du in dem Bereich arbeitest, dann erst recht nicht.

Ein Tag nach Frontellers Autopsie werden die drei Mädchen beigesetzt. Begleitet von Fernsehteams aus ganz Spanien zieht ein Trauerzug durch Alcázar und endet auf dem städtischen Friedhof, wo die drei Särge schließlich in eine Wand eingelassen werden. Allen Familienmitgliedern sieht man die Trauer an.

Doch vor allem ist es Ungewissheit, die sie umtreibt. Ungewissheit, warum die Mädchen wirklich sterben mussten. Darauf versucht auch die Polizei eine Antwort zu finden. Wir betonen das Wort versucht an der Stelle. Manche versuchen es, manche vielleicht nicht. Täglich vernehmen die Ermittler Miguel Ricard und von Woche zu Woche, das hattest du ja gerade schon angesprochen, ändert er die Details seiner Geschichte.

Am 2. März macht er schließlich das Geständnis, auf das die Polizei sich später vor allem berufen wird. Hier schildert er die Tat folgendermaßen. Beim gemeinsamen Herumfahren hätten er und Anglès die trampenden Mädchen am Straßenrand entdeckt und zu sich ins Auto geholt. Schnell sei die Sache aus dem Ruder gelaufen, heißt es im Geständnis. Zitat.

Als die Mädchen merkten, dass sie am Nachtclub vorbeifuhren und nicht anhielten, fingen sie an sich zu beschweren und Ricard forderte Antonio auf umzukehren und sie dort zurückzulassen. Doch dieser versetzte ihm zwei Schläge auf den Nacken und sagte im Auto, habe er das Sagen. Die beiden Männer fahren mit den völlig verängstigten Mädchen im Auto weiter, bis sie über einen schwer zugänglichen Weg in La Romana ankommen.

Den restlichen Weg gehen die fünf hintereinander zu Fuß. Als sie schließlich bei der Hütte ankommen, fesselt Antonio die Mädchen in einem Pfahl, vergewaltigt sie nacheinander auf einer Matratze im Haus und fordert Ricard auf, es ihm nachzumachen. Als dieser ihm sagt, dass er keine Lust hat, bedroht Antonio ihn und Ricard geräucht.

Gegen 23 Uhr lassen die Männer die Mädchen schließlich gefesselt zurück, um sich Sandwiches zu holen, bevor sie den Missbrauch fortsetzen. Als sie fertig sind, legen sich die beiden Männer auf dieselbe Matratze, auf der sie die Mädchen vorher missbraucht haben und schlafen. Als Ricard am nächsten Morgen aufwacht, ist Antonio verschwunden.

Erst nach vier Stunden kehrt er zurück. Sie müssten die Mädchen jetzt töten, erklärt Antonio ihm. Ricard macht, was von ihm verlangt wird, wie er selbst erzählt. Antonio holte die Waffe hervor. Er legte sie an und drückte ab, aber es fiel kein Schuss. Also legte er sie erneut an und die Patrone, die zuvor nicht abgefeuert worden war, fiel auf den Boden.

Dann schoss er dreimal. Ein Schuss für jedes Mädchen. Nachdem sie nun tot waren, legte Antonio den Teppich auf den Boden der Grube und warf eine Leiche nach der anderen hinein. Er verdeckte den Leichenhaufen mit dem Rest des Teppichs und schüttete dann Erde darüber. Am nächsten Tag fährt Ricard nochmal zum Tatort zurück, um die Waffe zu holen, weil er die für einen geplanten Banküberfall mit Antonios Bruder Mauricio nutzen will.

27 Tage nach diesem Geständnis widerruft Miguel Ricard das Geständnis wieder. Vor dem Untersuchungsrichter erklärte, dass alle Geständnisse, die er auf der Guardia Civil-Wache gemacht habe, nur unter Folter und Bedrohung entstanden seien. Man habe ihm ein per Schreibmaschine vorgeschriebenes Geständnis hingelegt und ihn gezwungen zu unterschreiben.

In den nächsten Jahren wird er diese Geschichte noch oft wiederholen. Zwischenzeitlich erklärt er sogar, Antonios damals 16-jähriger Bruder Mauricio sei bei der Tat dabei gewesen. Doch beweisen kann er das nicht. Während Miguel Ricard in U-Haft sitzt, fahndet die Polizei weiter nach Antonio Anglais. Mittlerweile hat ihn schon lange kein Zeuge mehr gesehen.

Im März 1993 verdichten sich die Hinweise, dass Antonio nach Portugal geflohen ist. Doch eine Fahndung der portugiesischen Kollegen bleibt ergebnislos. Dann heißt es, Anglais sei als blinder Passagier an Bord des irischen Frachters City of Plymouth gegangen. Die Crew des Schiffs will aber keinen blinden Passagier entdeckt haben.

Also die sagen, der war hier nie an Bord. Trotzdem entdecken Experten von Interpol an Bord einen teilweise Handabdruck, der von Anglès stammen könnte. Aber auch das ist halt nicht ganz eindeutig. Ja und sie könnten ihn ja auch gedeckt haben. Ganz ehrlich, wenn er ein blinder Passagier ist, dann soll ihn ja niemand sehen.

Entweder sie haben ihn vielleicht wirklich nicht gesehen oder es ist was anderes passiert. Das ist eben auch eine Möglichkeit. Also es gibt die Möglichkeit, was heute viele glauben, dass Antonio vor der irischen Küste von Bord gesprungen ist, um an Land zu schwimmen. Oder aber, dass er vielleicht von der Crew entdeckt wurde und von Bord geworfen wurde.

Und so vergehen Jahre, in denen weiter nach der Wahrheit gesucht wird. Das ist auf jeden Fall eine wilde Geschichte mit diesem Frachter. Ja. Das Ganze, wo er ist. Es gibt doch irgendwie die Geschichte, dass er sich als erstes dann die Haare blondieren hat lassen und dann mit dem Zug hierhin gefahren ist und dahin und ja, dann eben das mit dem Frachter.

Es gibt so viele Versionen davon, wie es Geständnisse gibt von Henri K. Bei den Geständnissen habe ich an den Fall der Narcosatanikos gedacht, den wir auch schon gemeinsam gemacht haben, wo auch Geständnisse, Oder auch, vielleicht nicht auch, aber wo jedenfalls Geständnisse erzwungen wurden, dadurch, dass die Leute, die eben was gestehen sollten, weißt du es noch, mit scharfer Soße irgendwie ins Gesicht gespritzt wurden.

Ich glaube, wir können uns einig sein, dass das Vorgehen der Ermittler in diesem Fall ein absoluter Albtraum war. Ich werde immer dann misstrauisch, wenn Geständnisse immer an den aktuellen Ermittlungsstandard angepasst werden. Da kommen wahrscheinlich Suggestivfragen, wenn sie mich direkt sagen, was er sagen soll, kommen Suggestivfragen und da sagt er einfach ja, ja, ja.

Gerade bei Menschen, so wie ja Miguel Rica auch geschildert wird. Die so leicht zu manipulieren sind. Das klingt ja auch so, als ob Antonio ihn benutzt hätte. Genau das. Also mich erinnert das total an den Fall von Bauer Rupp, den ich auch bei Verbrechen von nebenan mal gemacht habe, wo eine ganze Familie einen Mord an ihrem Vater, ihr Mann gestanden hat.

Wonach herauskam, dass die Polizei die mit ihren Fragen in dieses Geständnis manövriert hat. Weil das auch Menschen waren, die geistig nicht ganz auf der Höhe waren und dann wurden halt Fragen gestellt wie, und da hast du ihn dann mit dem Holzding geschlagen, genau an der Stelle und die sagen einfach nur ja, ja.

Also solche Fragen darfst du natürlich nicht stellen. Genau, genau. Aber allein, was da bei dieser Autopsie vor sich gegangen ist, ist absolut untragbar. Und die Verantwortlichen sollten meiner Meinung nach sofort gefeuert werden, wenn sowas passiert. Die sollten keinen Job mehr haben und in diesem Bereich auch nie wieder einen kriegen.

Wenn sie gern Leichen waschen wollen, dann sollen sie es machen beim Bestatter, wenn das dann angeordnet wird. Ja, voll. Aber doch sonst nicht. Und gehen wir nochmal einen Schritt zurück, weil der Hauptverdächtige ist ja gar nicht Miguel. Also, ja, der ist der Co-Hauptverdächtige. Ja, das ist der, den sie haben.

Genau, aber Antonio ist ja einfach futsch. Weil ein halbes Jahr lang niemand gecheckt hat, dass er gar nicht mehr im Knast ist, dass er von seinem Urlaub gar nicht zurückgekommen ist. Das ist so wild. Wie kann man das nicht kapieren? Wie kann man das nicht merken? Stimmt das überhaupt? Fragezeichen? Ja, es wird leider nicht das einzige Fragezeichen in diesem Fall bleiben, kann man sagen, weil es wird ja jetzt noch wilder.

Ja, und stell dir mal vor, du bist ein Elternteil. Das muss die reinste Hölle für dich sein. Ja, also für die Familien der Mädchen ist das so schlimm, diese Ungewissheit. Und das wirkt sich eben auch direkt auf die Familien aus. Also ein Jahr nach dem Leichenfund stirbt Desirées Vater. Ihre Mutter, die nun mit ihrer Trauer alleine ist, zündet regelmäßig eine Kerze für ihre Tochter an.

Auch Tonys Eltern versuchen sich das, was von ihrer Tochter geblieben ist, irgendwie zu erhalten. Noch Jahrzehnte später hören sie sich immer wieder den Mitschnitt von Tonis Anruf bei dem Radiosender einen Tag vor ihrem Verschwinden an. Das ist so traurig. Wo sie sich das Lied gewünscht hat. Ja, genau.

Während sich die Familien von Toni und Desiree immer mehr zurückziehen, sucht vor allem Miriams Vater Fernando Garcia weiter die Öffentlichkeit. Ich habe den Verlust meiner Tochter immer noch nicht verarbeitet. Manchmal umarme ich sie in meinen Träumen, sagt er anderthalb Jahre nach ihrem Tod. Er macht die Suche nach der Wahrheit zu seinem Vollzeitjob.

Seit den Ungereimtheiten bei der Autopsie lässt ihn das Gefühl nicht los, dass bei den Ermittlungen etwas faul ist. Immer wieder versucht er Einsicht in die Ermittlungsakten zu erhalten, doch ohne Erfolg. Dann kommt der Sommer 1996 und alles ändert sich. Fernando Garcia bekommt Unterstützung von Juan Ignacio Blanco.

Blanco ist Redakteur bei der Crime-Sendung Mississippi. In seinem hageren Gesicht trägt er einen Schnauz und Kinnbart. Sein dunkles Haar hat er mit ordentlich Gel zu einem Scheitel frisiert. Ich weiß nicht, ob du mal Bilder von dem gesehen hast. Der sieht ja aus wie eine Karikatur. Der sieht aus wie der Satan, der sie als Mensch verkleidet hat.

Also kann er ja nichts für, wie er aussieht. Aber da würde ich jetzt... Na gut, die Frisur und alles, das ist schon eine Entscheidung. Ja, aber auch so die Gesichtszüge. Genau, also der sieht halt wirklich aus wie so ein Klischee-Bösewicht. Einfach aus einem Comic. Oh, das ist fies. Er kann wirklich nichts dafür. Aber darüber bin ich halt irgendwie immer wieder gestolpert.

Und genau wie Gassier sieht er eben Ungereimtheiten in den bisherigen Ermittlungen und verspricht dem trauernden Vater, alles Nötige zu tun, um die Wahrheit ans Licht zu bringen. Und so beginnen die beiden, gemeinsam mit einem weiteren Privatermittler selbst Nachforschungen anzustellen. Mal brüten die Männer tagelang im Hotel über den Akten, mal übernachtet Blanco bei den Gassiers zu Hause.

Für seine Familie ist Garcia, also für seine restliche Familie ist Garcia in dieser Zeit kaum noch da. Mutter Mathilde ist mehr oder weniger auf sich allein gestellt. Sie sagt damals, ich kämpfe. Man lässt es nur schwer hinter sich, aber ich kämpfe, weil ich noch zwei Kinder habe. Es passiert aber ganz oft, dass Leute sich trennen, dass die Ehe oder die Beziehung in die Brüche geht, wenn einem Kind sowas Schlimmes angetan wird.

Absolut, deswegen sage ich immer wieder, es gibt keinen richtigen Weg zu trauern. Also es ist bei jedem unterschiedlich und genau was du gesagt hast, vielleicht sagt die Mutter, wir müssen weitermachen und der Vater sagt, nee, ich kann nicht weitermachen. Und das ist ja sowas Schlimmes, da sind schon ganz viele Beziehungen dran zerbrochen.

Und Fernando und seine neuen Mitstreiter, die fokussieren sich sehr auf den Fundort. Ihnen kommt merkwürdig vor, dass es trotz der intensiven Suche ganze zwei Monate gedauert hat, diesen zu finden. Obwohl er jetzt ja nicht besonders weit weg ist. Also so 20 Kilometer weit weg von Alcázar. Weg nicht, aber abgelegen.

Genau, abgelegen. Aber wenn ich jetzt überlegen würde, wo würde ich Leichen verstecken? Du meinst, man könnte drauf kommen. Und sie haben ja wirklich eine Riesensuchaktion gehabt. Ich weiß jetzt nicht, wie weit der Radius damals war. Aber wenn er 15 Kilometer war? Dann war es außerhalb des Radiuses. Ist das die Mehrzahl von Radius? Radius. Das Radius. Du weißt, was ich meine.

Also ich verstehe, dass denen das merkwürdig vorkommt. Und sie fragen sich auch, wie Erika und Anglès in ihrem kleinen Auto die steinige Hügelandschaft hochgekommen sein sollen, wenn das nicht mal die Polizei-Jeeps so richtig geschafft haben. Es ist ja noch dazu ein voll besetztes kleines Auto. Wo ja laut den Zeugenaussagen sechs Leute in diesem... Naja, die Frau sagte, dann wären es irgendwie sieben gewesen.

Wenn vorher schon vier drin waren. Wobei, vielleicht hat sie nur die Kopfstützen gesehen. Ich meine, wenn wir jetzt von der Version ausgehen, die Ricard erzählt hat, dass die beiden zu zweit waren und die... Genau, dann wären sie zu fünf. Stimmt, fünf, nicht sechs. Genau, genau. Und mit jeder Person wird das Auto ja noch schwerer. Das heißt, es sitzt noch tiefer, näher am Boden, näher an diesen ganzen Steinen, die da liegen.

Es ist halt fraglich, ob es tatsächlich da drüber kommt, wenn die Polizei Autos es schon schwierig haben. Ja, und um mehr über die Umstände des Fundes zu erfahren, wollen sie die beiden Imker, die die Mädchenleichen gefunden haben, nochmal selbstständig befragen. Aber die beiden machen dicht. Der Privatermittler erinnert sich, wie einer der Imker sichtlich nervös gesagt hat, ich kann nicht darüber reden, es geht nicht.

Und ihnen dann die Tür vor der Nase zuschlägt. Und dass man dann natürlich extra neugierig wird, ist ja sehr gut nachzuvollziehen. Denn auch der andere Mann blockt alle Nachfragen ab. Immer mehr bekommen die Männer das Gefühl, dass hier ein falsches Spiel gespielt wird. Das verstärkt sich nochmal, als sie die Hütte, den angeblichen Tatort, aufsuchen.

Denn obwohl die Mädchen laut Rikars Aussage stark geblutet haben, finden sie weder am Boden noch an der Wand oder auf der Matratze Blutflecken, die ja eigentlich recht hartnäckig sind. Wobei ich mich jetzt gerade frage, wieso liegt die Matratze da noch? Vielen Dank. Wieso haben die die da liegen gelassen? Die ist doch ein Beweisstück.

Wie können die die da noch finden, wenn es die Matratze war? Weißt du, was ich meine? Ja. Also warum stoßen sie in dieser Hütte auf diese Matratze, auf der die Mädchen ja vergewaltigt worden sind? Vielleicht haben die die Matratze schon mitgenommen. Ja, das ist also... Und sehen sich dann nochmal die Matratze an und sagen, oh, da ist ja doch kein Blut drauf.

Ja, es ist auf jeden Fall total komisch. Aber natürlich, wenn dieser Teppich vorher schon draufgelegen wäre vielleicht, dann wäre es vielleicht nicht durchgegangen auf die Matratze oder sie hätten noch irgendeine Plane verwendet. Es gibt Möglichkeiten, um auf einer Matratze keine Flecken zu machen oder auch auf einem Boden.

Ja, aber es gibt halt auch eben die Möglichkeit, dass das gar nicht der Tatort ist, sondern dass die Leichen dort abgelegt worden sind, um irgendwann gefunden zu werden. Aber sie wurden ja nicht in der Hütte gefunden. Also kurz zwischengelagert, bevor man sie dann, was ergibt denn das für einen Sinn?

Nee, ich habe so verstanden, dass sie dieses Eingegrabenen, dass das irgendwie eine Platzierung gewesen sein soll. Aber die Tat selbst kann halt laut denen nicht in der Hütte stattgefunden haben. Das ist eben die spannende Frage. Also die Frage ist ja, ob die Polizei vielleicht so eine eigene Mordrealität, kreiert hat, um etwas anderes zu vertuschen.

Aber dann fragt man sich natürlich wieder, warum sollten die das tun? Richtig, aber um etwas zu vertuschen, wäre es natürlich ganz toll, die Leichen zu waschen. Absolut, absolut und Kleidung schimmeln zu lassen in Plastiktüten und keine Fotos zu machen und Videobänder zu vernichten und all das, also Fernando und Juan wollen halt an die Fallakten, sie wollen nicht vom Hörensagen sich drauf konzentrieren, sondern sie wollen es selber lesen, aber selbst ihr eigener Anwalt will sie ihnen nicht geben, was auch ein bisschen komisch ist, weil ich kenne es eigentlich so, wenn man das möchte, die Anwälte raten einem oft davon ab, weil man dann eben Details liest, die man vielleicht nicht lesen möchte, aber,

Eigentlich kann man die bekommen. Aber der Anwalt sagt, er könnte die ja auf dem Schreibtisch liegen lassen. Versehentlich, wenn er sie ihm geben will, ohne sie ihn offiziell zu geben. Aber er sagt nein und deswegen verarschen sie den Anwalt so ein bisschen. Also einer von beiden lenkt ihn ab und der andere klaut die Akten, rennt zum nächsten Copyshop und kopiert die kompletten 4000 Seiten.

Dann bringen sie die Originale heimlich zurück. Dann lenkt er den aber eine Stunde oder zwei ab. Ich glaube, er hat ihn sehr lange abgelehnt. Vielleicht sind sie zusammen Mittagessen gegangen oder so. Und dann haben sie eben die Kopien und schauen sich das zu Hause an. Und das, was sie dort sehen, schockiert sie. Also wir haben ja schon darüber gesprochen, dass die Ermittler am Tatort absolut unprofessionell vorgegangen sind.

Also der Fundort wurde stundenlang nicht abgesperrt. Die zuständige Ermittlungseinheit, also diese eigentliche Spezialeinheit, war gar nicht vor Ort, weil sie zufällig genau an diesem Tag ausgetauscht worden ist. Und Fernando, Juan und ihre Helfer erkennen schnell, dass die Ermittler, die dann vor Ort waren, komplett überfordert waren. Es existieren zum Beispiel keine Fotos der Beweismittel an den Orten, wo man sie gefunden hat.

Ja, du musst es ja so, wie es ist, fotografieren. Das kennt man doch auch aus jedem Film, da wo diese kleinen Zahlentafeln aufstellen. Auch in den 90ern war das nicht anders. Ja, ja. Also man kann nicht sagen, dass sich das in den letzten 30 Jahren so sehr geändert hat, weil das war da schon längst klar. Also man hat Fotos gemacht, aber erst nachdem man die Beweise eingesammelt und alle auf einen Haufen gelegt hat.

Ja, schön drapiert. Und auch von den Leichen selbst gibt es keine detaillierten Bilder. Noch skeptischer werden die Männer durch den Hinweis, der die Polizei überhaupt erst auf die Spur von Anglès und Ricard gebracht hat, das Krankenhausrezept mit Enrique Anglès' Sozialversicherungsnummer. Und das ist ja wirklich seltsam, weil Garcia und Blanco wussten vorher nichts davon. Also das haben sie erst in den Ermittlungsakten gefunden, dass das der entscheidende Hinweis war. Und natürlich, wenn du darüber nachdenkst.

Wie kann dieses Dokument 70 Tage nach der Tat immer noch gut leserlich am Fundort gelegen haben? Weil das ist ja eine Region, in der es viel regnet, wo es Winde gibt mit bis zu 100 kmh. Es ist Winter in Spanien. Also eigentlich hätte von diesem Zettel nicht viel übrig bleiben dürfen. Stimmt, im Oktober ist es geschehen und Ende Januar haben sie die gefunden.

Aber ganz ehrlich, ist der Enrique damit wandern gegangen und hat es dann dort... Das ist ja das Allerkomischste. Das ist ja irgendwo. Der Bericht war ja auch nicht aktuell. Der war ja schon zum Tatzeitpunkt sechs Monate alt. Das heißt also, man müsste sich jetzt fragen, warum sollte Antonio Angles ein Rezept seines Bruders, weil der Bruder war ja offiziell nicht vor Ort, also laut Ermittlungshypothese war es ja Antonio Angles, der müsste ein Rezept seines Bruders ein halbes Jahr mit sich rumgeschleppt und dann genau am Tatort verloren haben. Der hat es an dem Tag eingesteckt.

Zufällig und dann ist es zerrissen, aus der Jackentasche gefallen. Es ergibt keinen Sinn. Es ergibt hinten und vorne keinen Sinn. Und deswegen sagt Fernando Garcia auch, natürlich standen sein Name und seine Anschrift drauf, wie eine Visitenkarte, damit niemand nach dem wahren Schuldigen suchen kann.

Wenn du sowas in einem Film siehst, dann ärgerst du dich, überlegst, ob du abschalten sollst, weil das so unlogisch ist. Ja, also ich kann das total verstehen, dass er diese Zweifel hat. Das ist so... Ich glaube sie auch. Und ja, also was dieses Rezept angeht, warum? Und auch sonst lag da ja so viel Kram hin und Ricard hat doch auch ausgesagt, dass er am nächsten Tag nochmal dahin gefahren ist, um diese Waffe da wegzuholen.

Er ist aber nicht auf die Idee gekommen, andere Spuren, die da rumlagen, zu beseitigen. Also hä? Und ich kann nachvollziehen, dass die privaten Ermittler jetzt für sich den Schluss ziehen, hier soll was vertuscht werden. Und genau mit diesem Verdacht gehen sie nun an die Öffentlichkeit, genauer gesagt zur Fernsehshow Mississippi, für die Blanco ja arbeitet.

In den nächsten Monaten werden er und Garcia zu Stammgästen der Show und zeigen Woche für Woche vor einem Millionenpublikum die Unstimmigkeiten in den Ermittlungen auf. Dabei äußern sie auch ihre ganz eigenen Theorien zu der Tat. Für sie ist Miguel Ricard nur ein Bauernopfer, das nichts mit dem Tod der Mädchen zu tun hat.

Auch Antonio Angles sehen die beiden nicht als Haupttäter, sondern höchstens als Zulieferer für die wahren Drahtzieher, die Angles wahrscheinlich schon längst aus dem Weg geschafft haben. Als diese wahren Drahtzieher vermuten Fernando Garcia und sein Mitstreiter Juan Blanco ein pädophiles Netzwerk. In den letzten Jahren habe es etliche ähnliche Fälle gegeben, in denen ebenfalls schlampig ermittelt wurde, oder die Ermittlungen vielleicht sogar manipuliert wurden.

Neben Entführung, Vergewaltigung und Mord gäbe es, Zitat, starke Hinweise auf kannibalistische Handlungen. So erklärt es Blanco und fügt hinzu, diese Entführungen sind nicht zufällig. Während dieser Orgien ist es den Teilnehmern erlaubt, alle möglichen sexuellen Abnormitäten auszuüben. Am Ende dürfe sich der Höchstbietende zudem eine Trophäe, wie beispielsweise die Haare der Opfer, mitnehmen.

Er erklärt, leider existieren das Netzwerk dieser Menschen nicht nur in Film, sondern in unserem Land. Wir wären wahrscheinlich überrascht, wenn wir wüssten, wer zu diesen Netzwerken gehört. Und wer zu diesen Netzwerken gehört, erklärt es Blanco im Januar 1997. Bei Mississippi nennt er live im Fernsehen die Namen von Promis, hochrangigen Politikern und Unternehmern, die Teil dieses Satanskult sein sollen.

Und jetzt wird es noch wilder. Angeblich habe ihm ein Priester ein Video übergeben, das den Tod der drei Mädchen und die wahren Täter zeigt. Dieses Video soll dem Priester bei einer Beichte übergeben worden sein, aber Juan Ignacio könne es aufgrund möglicher rechtlicher Konsequenzen niemandem zeigen.

Er darf darüber reden, er darf die Namen nennen, aber das Video darf er nicht zeigen. Okay. Also, dass du es im Fernsehen nicht zeigst, das ist ja logisch. Ja. Aber wenn es existiert, dann gibt es vielleicht der Polizei. Ja, und es ist auch nicht so... Wobei sie der Polizei nicht mehr trauen. Ja gut, aber es hätte ja irgendjemanden gegeben, dem man es hätte zeigen können.

Irgendeiner neutralen Instanz, irgendjemandem hätte man das zeigen können. Und ich finde es auch relativ nachvollziehbar, dass mehrere dieser Beschuldigten daraufhin den Host und die Show auch verklagen und drohen halt damit diesen Sender dicht zu machen. Und Garcia und Blanco müssen sich in der nächsten Folge für die Behauptungen entschuldigen.

Darüber hinaus berichten die beiden und auch ihr Privatermittler von Einschüchterungs- und sogar Mordversuchen. So erzählt Fernando Garcia von einer Begegnung mit einem Mann, der ihm gesagt haben soll, ich soll sie umbringen, aber den Auftrag hat er verweigert. So nach dem Motto, sie sind ja ein guter Typ, eigentlich will ich das gar nicht.

Trotz allem gibt sich der Vater kämpferisch und erklärt, mich hält man nicht auf. Wer mich stoppen will, der muss mich töten. Natürlich gibt es Netzwerke von Pädophilen und anderen kranken oder sadistischen Personen, die... Und es gibt auch Snuff-Filme. Also das sind Filme, wo gezeigt wird, wie jemand getötet wird.

Und zwar echt getötet. Ja, echt getötet. Genau. Aber es klingt für mich etwas zu überdrüber mit dem Priester und dem allen und der meistbietende und so. Es klingt für mich mehr nach Dan Brown oder Verschwörungstheorie als nach Realität. Ja. Denn eben, wenn du das Video hast, beweis es, zeig es den Leuten.

Ja, es ist wichtiges Beweismaterial. Also in dem Fall Pixar It Didn't Happen. Ja. Also es ist natürlich trotz allem, auch wenn Sie viele von diesen Vorwürfen ja nicht belegen können, für die Behörden ein absolutes Fiasko. Weil die Kritik an den Ermittlungen, die ist ja in großen Teilen sehr, sehr berechtigt.

Viele Menschen in Spanien sind auf Gassiers und Blancos Seite. Mit der Zeit entwickelt sich sogar so eine ganze Bewegung um die beiden. Zeitungen, die Gassiers Methoden oder seine Tatversion anzweifeln, erhalten Drohbriefe und verlieren Leser. Polizisten, Journalisten und Experten, die im Fernsehen Kritik an Garcia äußern, werden auf offener Straße beleidigt.

Aber es gibt auch einigen Gegenwind, vor allem von den Betroffenen oder von den anderen Betroffenen selbst. Denn Garcia und Blanco sprechen auch immer wieder über andere Mädchen und junge Frauen, die von dem angeblichen satanistischen Pädophilennetzwerk entführt worden sind und zeigen dabei Bilder von mutmaßlichen Opfern ohne das Einverständnis derer Familien.

Also die ziehen im Prinzip andere Damen mit rein, die das vielleicht gar nicht wollen. Das ist halt wirklich nicht in Ordnung. Absolut. Und auch für Diseries Mutter gehen die beiden viel zu weit. Was ich total nachvollziehen kann. Also sie hat sich zum Beispiel entschieden, nicht zu erfahren, was ihrer Tochter alles angetan wurde.

Und jetzt muss sie sich das trotzdem wöchentlich im Fernsehen anschauen. Also sie sagt dazu, ich bin mit dem, was in der Show geschieht, nicht einverstanden. All die Enthüllungen darüber, was sie den Mädchen angetan haben, sind für mich schwer zu ertragen. Solange die Sendung lief, habe ich ziemlich stark gelitten.

Es ist einerseits so, dass Garcia natürlich nicht nur darüber sprechen kann, was seiner Tochter angetan wurde, weil die ja ein Dreierpark waren. Also es ist ihm gar nicht möglich, die beiden anderen nicht mit reinzuziehen. Ja, aber ich glaube, du kannst ja entscheiden, inwieweit du in die Details gehst.

Also er kann ja über den Missbrauch oder die Vergewaltigung seiner eigenen Tochter sprechen, wenn er das möchte, aber er muss das ja nicht für die anderen Mädchen tun. Er muss es nicht aussprechen. Ja, und er geht da wohl wirklich zu weit einfach. Es ist interessant, diese Dynamik, also geht es von Garcia aus, der ja schon die ganze Zeit als Vater dafür kämpft, sozusagen für die Wahrheit, oder ist dann eben noch dieser Blanco, ich glaube, der spielt auch eine wichtige Rolle. Also die...

Die pushen sich gegenseitig. Genau, die Mama von Desiree sagt zum Beispiel, dass der den Garcia benutzt, um Einschaltquote zu generieren und das ist ja nun auch nicht von der Hand zu weisen. Daran, dass Ricard und Anglès die wahren Mörder ihrer Tochter sind, hat Desirees Mutter keine Zweifel im Gegensatz zu den anderen beiden.

Am 12. Mai 1997 startet dann der Prozess gegen Miguel Ricard, während Antonio Angles weiterhin verschollen bleibt. Noch drei Tage vorher hatte Fernando Garcia um eine Verschiebung des Prozesses gebeten, um mehr Beweismittel für seine Theorien zu sammeln. Sein Antrag wird abgelehnt. Als er beim Prozess erscheint, ist er sichtlich wütend. Ich will bei der Farce nicht mitmachen.

Wir haben Beweise, dass neben Ricard und Angles weitere Mörder dabei waren, sagt er in die Fernsehkameras. Ebenso sehen es die mehreren hundert Anhänger, die vor dem Gerichtssaal protestieren. Viele von ihnen wollen dem Prozess auch beiwohnen und haben vor dem Gebäude übernachtet, um sich einen der knapp 100 Zuschauerplätze zu sichern.

Auch die gesamte spanische Presselandschaft ist anwesend. Es ist der erste spanische Prozess überhaupt, der live im Fernsehen übertragen wird. Als alle Zuschauer Platz genommen haben, ist es soweit. In einem kurzärmeligen bunten Hemd betritt Miguel Ricard den Gerichtssaal und blickt sich nervös um. Als schließlich alle Anwesenden Platz genommen haben, verließ der Chefankläger die Vorwürfe gegen Ricard.

Dreifacher Mord, dreifache Entführung und vierfache Vergewaltigung. Als Ricard und seine Verteidigung kurz darauf das Wort erhalten, streiten sie jegliche Vorwürfe ab und erneuern ihre Version. Ricards Geständnisse seien unter Zwang erfolgt. Er erklärt, sie haben gesagt, ich soll tun, was sie sagen oder meine Tochter könnte wie die Alcassar-Mädchen enden.

Und sobald meine Anwältin gegangen ist, wurde ich richtig verprügelt. Demzufolge, so argumentiert seine Verteidigung, seien seine Geständnisse für nichtig zu erklären. Auch Nebenkläger Fernando Garcia fordert das. Sichtlich verwirrt, erklärt der Richter. Ich finde es absurd, dass ein Ankläger nicht anklagt.

Und auch der Staatsanwalt sagt, so etwas habe ich in 37 Jahren als Staatsanwalt noch nicht gesehen. Und man kann schon mal sagen, das ist eigentlich nur eine Vorschau, was in den nächsten 49 Prozestagen noch für Absurditäten voll werden. Ja, den anderen haben sie immer noch nicht finden können. Und der, den sie haben, der aber nicht der Haupttäter gewesen sein soll, der muss vor Gericht, obwohl noch nicht alles bewiesen ist.

Und er sagt weiterhin, dass er nicht schuldig ist, dass er gezwungen wurde, dieses Geständnis zu machen. Also davon geht er nicht wieder ab. Und also einerseits, es ist ja ein easy exit, wenn du was gestanden hast, um dann wieder zurück zu rücken und sagst, ich wollte das gar nicht und ich wurde gezwungen, das wird ja oft gemacht.

Natürlich. Aber in dem Fall halte ich das für durchaus realistisch. Man sieht es ja daran, dass er seine Geständnisse immer dem neuesten Stand der Ermittlungen angepasst hat. Woher kommt denn das? Ja, und das ist ja ein Fall, wo der öffentliche Druck nicht größer sein könnte, einen schnellen Erfolg zu erzielen.

Also Ricard hält den gesamten Prozess an seiner Unschuld fest. Die wahren Täter würden noch frei herumlaufen. Wer das war, sollte ins Gefängnis, ohne dass ich als Sündenbock ente. Machen Sie mich nicht zum Sündenbock, erklärt er vor Gericht. Genau wie Garcia und Blanco bereits in ihren zahlreichen TV-Auftritten, beißt die Verteidigung auf die Unstimmigkeiten in den Ermittlungen hin.

Das fehlende Blut und Sperma am angeblichen Tatort, der zweifelhafte Arztbogen oder auch fehlende Fingerabdrücke der Mädchen in Ricards Wagen. Zumindest den Vorwürfen der Misshandlungen auf der Wache widerspricht ein Forensiker, der Ricards Körper nach seinen erstmaligen Vorwürfen untersucht hatte. War das derselbe, der die Leichen so schlampig untersucht hat?

Könnte sein, dass er einer von den fünf oder sechs waren, die da so viel falsch gemacht haben. Er sagt jedenfalls, er habe bei Ricard keinerlei Verletzungen entdeckt. Es ist tatsächlich derselbe Forensiker, der bei den Leichen auch so schlampig gearbeitet hat. Und genau diese erste schlampige Autopsie wird natürlich zum nächsten großen Thema.

Denn vor Gericht und den anwesenden Fernsehkameras entbrennt ein Streit zwischen den ersten Gutachtern und dem zweiten Gutachter Fronteller. Nachdem Videoausschnitte der ersten Autopsie gezeigt werden, erklärt dieser, Die Größe der Larven, die man auf dem Video sehen könne, würde dafür sprechen, dass die Körper der Mädchen noch nicht so lange am Fundort lagen.

Also sie sind erst später dorthin gebracht worden. Für Frau Taylor ist klar, Miriam, Toni und Desiree wurden erst einige Zeit nach ihrer Ermordung zum späteren Fundort gebracht. Das heißt, der Fundort ist nicht der Tatort. Also das würde ja auch erklären, warum da so wenig Spuren zu finden ist. Die Erstgutachter widersprechen dem vehement. Und noch ein heikles neues Detail bringt Zweitgutachter Frontera ans Licht.

Auf den Körpern der Mädchen hätten sich 15 Haare von mindestens sieben unterschiedlichen Personen befunden. Keines dieser Haare gehöre zu Antonio Angles oder Miguel Ricard. Wenn Sie die Leichen gewaschen haben, wie findet er diese Haare? Offenbar haben Sie nicht gründlich gewaschen. Ja, also Fernando Garcia sieht natürlich seine Theorie der Massenvergewaltigung dadurch bestätigt.

Allerdings könnte es auch eine ganz einfache Erklärung für diese Haare geben, nämlich dass die Haare vielleicht von dem Teppich stammen, in dem die Mädchen eingewickelt waren. Dann könnte man vielleicht trotzdem versuchen herauszufinden, wer diese Personen sind, die mit diesem Teppich zu tun hatten und mit ihnen sprechen, weil offenbar waren sie am Tatort oder halt dort, wo dieser Teppich war.

Also vielleicht kann man da was herausfinden. Wenn man da mehr herausfinden wollen würde, wäre das sicherlich eine Möglichkeit. Aber ich glaube, man hat sich damit einfach nie wirklich befasst. Ich weiß gar nicht genau, es ist ja Mitte der 90er, doch da müssten sie eigentlich forensisch schon so weit gewesen sein, dass sie aus Haaren DNA extrahieren hätten können. Ja, es war da noch sehr viel teurer und hat sehr viel länger gedauert als heute. Aber es wäre möglich gewesen.

Es wäre möglich gewesen. Also ja, es ist einfach wild, was da passiert, diese Streitigkeiten und die hören auch nicht im Gericht auf, denn nach fast jedem Verhandlungstag findet dann eine Talkshow statt, in der die Zeugen des aktuellen Tages über den Prozess diskutieren. Auch das ist ja eine mediale Unglaublichkeit. Aber es ist so spanisch irgendwie, oder? Ja.

Ja, aber es lässt ja den Prozess einfach wie ein Theaterstück wirken und beeinflusst ja auch Zeugen. Also ich kann ja, wenn ich abends in einer TV-Show sitze, nachdem ich tagsüber im Gericht ausgesagt habe, also das hat ja gar nichts mit einer normalen Gerichtsverhandlung zu tun. Und in diesen Talkshows sitzen dann natürlich Garcia und Blanco.

Das ist ja logisch, die sitzen da ja eh immer. Aber auch die Forensiker sind dabei, Augenzeugen sind dabei, sogar Polizisten. Oder Familienangehörige von Antonio Angles, wie beispielsweise deine Brüder Mauricio und Enrique. Also selbst Verwandte. Ausgerechnet der Enrique. Ja, genau. Den nutzen sie da auch noch aus. Der gar nicht weiß, was er da gerade tut wahrscheinlich.

Und in diesen Sendungen überschütten sich die Gäste gegenseitig mit Vorwürfen. Und nicht selten wird es dabei persönlich. Also das Ganze wirkt mehr wie eine Reality-Show als wie ein Gerichtsprozess. Diese Stimmung überträgt sich natürlich auch in den Saal. Es gibt immer wieder lautstarken Applaus, sobald Fernando Garcia das Wort ergreift.

Einmal ist dieser Applaus so laut, dass der Richter droht, den Saal räumen zu lassen. Also der Richter kämpft so ein bisschen um die Kontrolle in diesem Prozess. Und das Ganze zieht sich samt Medienrummel über drei Monate. Am 30. Juli 1997 findet schließlich der letzte Prozestag statt. Während die Staatsanwaltschaft 200 Jahre Haft fordert, plädiert Miguel Ricard auf Freispruch und verkündet, ich bin unschuldig und habe ein reines Gewissen.

36 Tage später, am 4. September, verkündet das Gericht seine Entscheidung. Ricard erhält für jeden Mord 30 und für jede Vergewaltigung 20 Jahre Haft. Insgesamt macht das 170 Jahre Haft. Dazu muss man sagen, wir sind hier in Spanien, nicht in den USA. In den USA gibt es keine maximale Haftdauer in Spanien schon, nämlich 30 Jahre, zumindest zu dieser Zeit.

Es ist ja ein symbolisches Urteil, dass man sagt, 170 Jahre, also angewendet sind es dann höchstens 30. Ja, ja. Also die Reaktionen auf das Urteil sind natürlich gemischt, wie du dir denken kannst nach so einem Prozess. Während Ricard selber jetzt nicht so überrascht wirkt, obwohl er davon überzeugt ist, unschuldig zu sein, zeigt sich Desiris Mutter Rosa sehr erleichtert und sagt, hoffentlich sitzt er 30 Jahre ab und das Strafmaß wird nicht weiter reduziert.

Wer so etwas Böses tut, da sollte man nichts reduzieren. Tonis Vater Fernando Gomez erklärt, der sollte im Knast verrotten, die anderen muss man verhaften. Miriams Vater Fernando Garcia dagegen ist enttäuscht und er will weiter ermitteln. Nur einen Tag nach Prozessende stellen Garcia und Blanco die sogenannte Stiftung der Mädchen von Alcázar vor.

Ihr Ziel, Familien zu helfen, deren Kinder entführt wurden. Auch Tonis Eltern treten der Stiftung bei, ganz im Gegensatz zu Desiris Mutter. Eine Stiftung mit Fernando Garcia und Juan Ignacio Blanco? Nein, nicht mit meiner Tochter. Warum? Weil ich sie nicht für ehrlich halte. Eine Einschätzung, mit der sie nicht ganz unrecht behalten soll.

Denn obwohl Garcia in den folgenden Jahren tausende Briefe mit Bargeld zugeschickt bekommt, sind die Erfolge der Stiftung mehr als überschaubar. Und mehrere Eltern behaupten sogar betrogen worden zu sein. Eine Buchhaltung darüber, was mit dem Geld geschieht, existiert nicht. Auch medial bleiben Fernando und Juan präsent und sorgen immer wieder für Schlagzeilen.

Im Mai 1998 bringt Juan Ignacio Blanco das Buch Was geschah in Alcázar heraus, indem er, und jetzt wird es wieder richtig eklig, unter anderem auch die Autopsie-Fotos der Mädchen abdrucken lässt, woraufhin Desirees Mutter ihn verklagt. Wo du dich fragst, warum, was für einen Wert hat es die Fotos dieser Toten.

Mädchen zu drucken, außer irgendwie... Schock. Schock, genau. Und Leute zum Kaufen dieses Buches zu bewegen. Oh mein Gott, da sind die Fotos drin, das muss ich mir angucken. Also wenn ich vorher weiß, dass da die Fotos drin sind, kauf ich persönlich es schon mal nicht. Ja. Aber auch was für eine Frechheit, denn er weiß ja...

Dass diese Rehsmutter total dagegen ist und er müsste doch eigentlich die Erlaubnis einholen der anderen Eltern, bevor man sowas macht. Oder auch, dass der Verlag dann nichts sagt. Der Verlag sieht das große Geld, denke ich mal. Also ich finde interessant, dass die Regierung... Aber da haben die keine Angst, dass sie als Verlag auch verklagt werden. Das ist eingepreist.

Das ist, glaube ich, wie bei einer großen deutschen Boulevardzeitung, wo die vorher genau kalkulieren, wie viel Auflagesteigerung können wir mit der Geschichte erreichen und rechnen das gegen den Gerichtskosten, die sie zahlen müssen. Das ist halt einfach so. Erst machen wir dann um Verzeihung bitten. Genau. Spannend finde ich, dass der spanische Staat da dann durchgreift. Es dauert ein bisschen.

Also drei Monate später verbietet die spanische Regierung das Buch. Und zwar ohne Gerichtsverfahren. Was natürlich schon, kann man darüber diskutieren. Zu diesem Zeitpunkt ist Miriams Mutter Mathilde bereits tot. Sie stirbt im Februar 1998 nur wenige Monate nach dem Prozessende an Leberkrebs. Und das ist auch so traurig.

Ihren Platz auf der Organspende-Warteliste hat sie wieder streichen lassen. Ihr Organ soll lieber an jemanden gehen, der leben will. Also sie wollte nicht mehr leben. Ich kann mir denken, dass sie da auch an einen Teenager vielleicht denkt, wie ihre Tochter, der oder die damit gerettet werden könnte.

Also ihr Mann, der macht natürlich weiter, vielleicht jetzt sogar noch mehr als vorher, weil er ja kein Korrektiv mehr hat, keine Frau, die mal sagt, du hast auch noch andere Kinder. Und gemeinsam mit Juan Blanco sind die immer aktiv und der Fall verschwindet deshalb nie ganz aus der Öffentlichkeit. Im November 2013 kocht dann alles wieder hoch, nur 20 Jahre nach seiner Verhaftung wird Miguel Ricard aus der Haft entlassen.

Ein europäisches Gericht hatte die Vollstreckung ewig langer Haftstrafen wie die von Ricard verboten. Als Miguel Ricard mit einer Sturmhaube und Sonnenbrille vermummt das Gefängnis verlässt, wartet draußen bereits eine Schar von Journalisten und löchert ihn mit Fragen. Der überforderte Ricard kämpft sich durch die Menschenmasse zu einem Taxi und lässt sich zum Bahnhof fahren, gefolgt von Reporter-Teams.

Als er merkt, dass er die nicht abschütteln kann, greift er sich am Bahnsteig eine Eisenstange und bedroht die Reporter. Und die freuen sich natürlich wahrscheinlich über die Bilder, die sie dann einfangen können. Ja, für ihn geht es in dem Moment um sein Leben wahrscheinlich, vom Gefühl her. Also er flüchtet irgendwie in den erstbesten Zug und die Presse rennt ihm hinterher. Auch das sind wieder so Bilder, wo du denkst, das kann doch einfach nicht sein, dass das so auch so schlecht organisiert ist sozusagen, dieser Freilassung von ihm.

Und er schafft es tatsächlich an einem Bahnhof die Reporter-Schar abzuhängen. Und es ist das letzte Mal, dass Miguel Ricard gesehen wird. Also man weiß nicht, wo er lebt. Viele vermuten im Ausland und das ist ja auch naheliegend, weil ihn in Spanien einfach jeder kennt. Er ist der Mann, der die drei Mädchen aus Alcázar umgebracht haben soll.

Daran glaubt Fernando Garcia übrigens bis heute nicht. Trotzdem, und das ist vielleicht so ein bisschen das Schöne am Ende dieses Falles, er hat es geschafft, in ein normales Leben zurückzufinden. Er betreibt ein erfolgreiches Matratzengeschäft in Alcázar und er hat erneut geheiratet, aus der Ehe ist eine weitere Tochter hervorgegangen.

Also er hat es irgendwie geschafft, wieder ins Leben zu finden. Das angebliche Snuff-Video, dessen Existenz Juan Ignacio Blanco all die Jahre ja beteuert hat. Ich habe das, aber ich kann es nicht zeigen. Das hat Fernando wie alle anderen Menschen nie zu Gesicht bekommen. Also es gibt eigentlich außer Juan Ignacio niemanden, der dieses Video jemals gesehen hat. Ja, ich glaube, er hat mal gesagt, ja, ja, ich habe es auch gesehen, es existiert wirklich. Und danach hat er gesagt, ja, ich habe es.

Also Blanco selbst kann zur Wahrheitsfindung nichts mehr beitragen. Der stirbt 2019 und Antonio Angles wird nach wie vor von Interpol gesucht. Niemand weiß, ob er noch lebt. Auch das Color, der Ort, mit dem alles anfing, gibt es nicht mehr. Doch der Schrecken, der an einem Freitag, den 13. über Alcázar hereingebrochen ist, der lebt in den Köpfen vieler Menschen weiter.

Ja, das war so ein riesengroßer Fall, den kannst du nicht vergessen. Es gibt ja verschiedene Theorien zu diesem Fall. Eine davon ist, dass Antonio Ingles als Sündenbock herhalten musste. Nicht nur Miguel. Also der Sündenbock vom Sündenbock vom Sündenbock. Also mehrere Stufen Sündenbock sozusagen. Ja, und zwar, dass er nicht als vermisst gemeldet wurde oder dass keiner was gesagt hat, nachdem er von seinem Freigang nicht zurückgekommen ist.

Weil er tot war. Ach so. Das ist interessant, das habe ich noch nie gehört. Das heißt, der hat gar nicht mehr... Er hat getötet und als sie dann einen Mörder gebraucht haben, hat die Polizei auf ihn zurückgegriffen. Dann hatten die den sozusagen schon in der Schublade. Ein Mann, der schon nicht mehr lebt, aber wo man behaupten kann, der wäre es gewesen.

Ja. Das ist eine wilde Theorie. Würde mich jetzt aber in diesem Fall auch nicht überraschen. Es ist so viel möglich. Ich denke halt immer, bei diesen Superverschwörungen, da sind ja dann schon viele Mitwissende involviert. Wenn der im Gefängnis gestorben ist und all diese Sachen, das haben ja mehrere Menschen mit. Aber in Einzelhaft, das kannst du ja schnell...

Ja, aber trotzdem, Menschen erzählen doch anderen Menschen, Vater kommt aus dem Gefängnis nach Hause, erzählt seiner Frau, die Frau erzählt ihrer besten Freundin. Sowas kann doch nicht lange unter Verschluss bleiben, denke ich immer. Je weniger Leute davon wissen, desto besser ist es immer. Ja, ich wollte es nur auch noch erwähnen, weil.

Auch das mit diesem Frachter oder also irgendwo auf der Welt sonst lebt, ja, es ist ja schon so komisch, was bei dieser Obduktion gemacht wurde, wie da geschlampt wurde, da fragst du dich ja auch, wieso? Wollten die etwas vertuschen oder waren die dümmer als Brot? Und ich kann mir durchaus vorstellen, dass die Polizei nicht zimperlich mit Miguel umgegangen ist und ein Geständnis aus ihm herauspressen wollten.

Das kann ich mir auch sehr gut vorstellen. Einfach, wie dieser wichtige Fall gelöst ist. Wir haben ja schon darüber geredet, es ist so seltsam, dass immer so zitzelweise noch ein bisschen was dazukommt. Ja, ja, ja, voll. Und dass sie den halt so gar nicht finden können, seine Familie auch nie wieder was gehört hat. und es ist ganz viel ganz schräg an diesem Fall und irgendjemand, muss wissen, was wirklich passiert ist.

Das glaube ich auch. Ich glaube trotzdem nicht daran, dass das jemals noch aufgeklärt wird, weil wenn in all den Jahren niemand gesprochen hat. Man hofft ja immer darauf, dass jemand auf dem Totenbett vielleicht noch sagt, oh jetzt muss ich euch die Wahrheit erzählen. Ich kann es mir nicht vorstellen und ich finde so spannend an dem Fall auf vielen Ebenen, weißt du, Angehörige, die für die Wahrheit kämpfen.

Ein total krasses Thema, wie weit darfst du gehen, wenn du für deine Tochter kämpfst, darfst du auch die Eltern der anderen Mädchen mit reinziehen zum Beispiel, was er ja gemacht hat. Die ganze mediale Berichterstattung ist natürlich auch, das ist eigentlich das Gladbeck von Spanien, so könnte man das nennen.

Das ist der Sündenfall des Journalismus. Da sind Sachen passiert, die niemals passieren dürfen. Da wurden so viele Grenzen verschritten. Genau. Und dann eben noch diese ganzen Theorien, die ganzen Ermittlungspannen. Also der hat so viele Ebenen, der Fall. Und es ist ganz interessant, weil sich für mich jetzt so ein bisschen so ein kleiner Kreis schließt. Ich weiß nicht mehr genau, in welcher Folge das war, aber es war auf jeden Fall ganz am Anfang von Verbrechen von nebenan, wo wir irgendwann mal darüber gesprochen haben. Also ich weiß auch nicht mal mehr, mit welchem Gast das war. Also ihr werdet das wahrscheinlich besser wissen als ich.

Wo ich so um Tipps gebeten wurde, so nach krassen Fällen, Dokus oder so. Und zu dem Zeitpunkt hatte ich gerade diese Netflix-Doku gesehen. Das war, glaube ich, kurz bevor ich mit Verbrechen von dem Mann überhaupt angefangen habe, habe ich diese Netflix-Doku, ich glaube, die Mädchen von Alcacer heißt hier auch, irgendwie gesehen.

Und habe gedacht, boah, was ist das für ein irrer Fall. Und da sieht man ja auch diese ganzen Videoaufnahmen und diese Talkshows und dieser ganze Gerichtskram. Und das war einer der ersten Fälle, die mich so total für True Crime fasziniert hat. Und ja, jetzt acht oder neun Jahre später sitzen wir hier und nehmen dazu eine Folge auf. Also ein Kreis, der sich schließt sozusagen. Ich verstehe.

Ja, dankeschön. Sehr gern. Wohin geht es denn im nächsten Monat? Wir bleiben warm, könnte man sagen. Jetzt, wo es immer kälter wird. Ja, es geht in ein anderes Liebesurlaubsland der Deutschen. Ein anderes geliebtes Urlaubsland oder ein Land für den Liebesurlaub? Sowohl als auch. Nein, ich würde sagen, das ist auch ein sehr beliebtes Urlaubsland der Deutschen in Europa. Okay.

So viel sei verraten. Und auch dieser Fall, den wir uns dann nächsten Monat, also am nächsten letzten Freitag im Monat vornehmen, auch der ist mit verrückten Theorien voll und noch und nöcher. Also da könnt ihr euch auch schon mal drauf freuen. Danach brennt euch auch die Birne, so wie uns jetzt. So wie uns, ja.

Deshalb vielen Dank und bis in einem Monat. Bis dann. Tschüss.

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