
Wirklich wahr! - Wissen für Kinder· Staffel 4· Folge 43
Frag nach! Warum können wir unsere eigene Nase nicht sehen?
Sonntag, 13. September 2026 · 14 min
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Shownotes
Tilda ist acht Jahre alt und hat uns eine Frage geschickt: Warum können wir unsere eigene Nase nicht sehen? Sie sitzt mitten im Gesicht, sie ist immer da - und man guckt sein ganzes Leben lang drüber weg. Robin und Lou beantworten Tildas Frage. Und dabei passiert etwas, mit dem niemand gerechnet hat.
Denn die Antwort, die fast überall steht, stimmt nicht. „Das Gehirn blendet die Nase aus, weil sie sich nie verändert" - das hatte Robin auch geglaubt und Tilda sogar so geschrieben. Es gibt diesen Effekt wirklich: Ein Bild, das auf der Netzhaut ganz still steht, verblasst tatsächlich. Nur gilt das für Dinge, die sich mit dem Auge mitbewegen. Die Nase sitzt am Kopf, nicht am Auge - bei jeder Augenbewegung rutscht sie an eine andere Stelle. Für die Nase passt die Erklärung also nicht.
Die echte Antwort ist einfacher und schöner: Was das eine Auge hinter der Nase nicht sieht, sieht das andere. Das Gehirn nimmt das Bild, in dem mehr zu sehen ist, und setzt beides zusammen. Dazu kommt: Die Nase ist viel zu nah, um scharf gestellt zu werden. Unscharf und nur von einem Auge gesehen - sie verliert diesen Vergleich immer. Und die Entscheidung fällt nicht im denkenden Teil des Gehirns, sondern ganz hinten im Kopf, lange bevor man etwas merkt.
Danach geht es um etwas, das noch verrückter ist: Jedes Auge hat eine blinde Stelle, so breit wie drei Finger bei ausgestrecktem Arm - und man merkt sie nie, weil das Gehirn sie zumalt. Forschende in Osnabrück und Hamburg haben getestet, welchem Bild Menschen mehr glauben: dem echten oder dem selbst ausgemalten. Es war das ausgemalte. Die Folge sagt aber auch klar, dass das keine Panne ist: Genau deshalb siehst du ein ganzes Bild und keine Löcher darin.
Das hörst du in dieser Folge
• Der Selbsttest, der sofort im Hören funktioniert: ein Auge zu - und da ist sie
• Warum „sehen" und „beachten" zwei verschiedene Sachen sind (Sockengefühl, Brillenrand)
• Die verbreitete Erklärung - und warum sie für die Nase nicht trägt
• Die echte Antwort: Was ein Auge nicht sieht, sieht das andere
• Warum kein Auge die eigene Nase scharf stellen kann
• Wo im Kopf die Entscheidung fällt - und dass es nicht der denkende Teil ist
• Die blinde Stelle in jedem Auge und wie das Gehirn sie zumalt
• Und eine Zahl, die wir bewusst nicht nennen - weil sie die Prüfung nicht bestanden hat
Für wen ist diese Folge?
Für neugierige Kinder ab 6 Jahren, die gern etwas an sich selbst ausprobieren. Für Eltern und Großeltern zum Mitmachen - der Test funktioniert bei Erwachsenen genauso. Für Lehrkräfte in Sachunterricht und Biologie Klasse 1 bis 6 als Einstieg in Sehen und Wahrnehmung. Spielzeit rund 13 Minuten.
Probier das mal selbst - die Mitmach-Aufgabe
Mach ein Auge zu. Nur die flache Hand davor, die berührt dein Auge nicht. Und jetzt schau mit dem offenen Auge zu deiner Nase hin, schräg nach unten - nur mit den Augen, ohne den Kopf zu drehen.
Damit du nicht enttäuscht bist: Du siehst keine scharfe Nase. Du siehst einen weichen hellen Keil am Rand, wie einen Berg im Nebel. Und jetzt der beste Teil: Mach das andere Auge wieder auf. Sofort ist der Keil weg.
Die Regeln dazu: Mach das im Sitzen - nicht beim Laufen, nicht auf dem Rad, nicht draußen an der Straße. Deine Brille bleibt auf. Wenn du Kontaktlinsen hast: Hand nur davor, nie ins Auge fassen. Drück nie auf dein Auge, und schau nicht in die Sonne oder in eine Lampe. Ein paar Sekunden reichen - wenn es zieht oder brennt, sofort aufhören.
Und wenn deine Augen unterschiedlich gut sehen: Dann geht der Test bei dir anders. Was du siehst, ist dann genau richtig - nicht falsch. Wer ein Pflaster auf einem Auge trägt, kennt den hellen Keil sowieso längst.
Die blinde Stelle selbst finden - Anleitung fürs Papier
Das geht nicht im Hören, dafür brauchst du ein Blatt Papier und einen Stift. Mal links ein Kreuz und rechts einen Punkt, etwa 8 Zentimeter auseinander. Der Punkt sollte kleiner als 2 Zentimeter sein. Leg den Stift weg. Halte dein linkes Auge zu und schau mit dem rechten Auge auf das Kreuz. Jetzt bewege das Blatt langsam vor und zurück, etwa im Bereich von 25 bis 35 Zentimetern Abstand. Irgendwann ist der Punkt weg - einfach verschwunden. Bei etwa 29 Zentimetern Abstand trifft es genau. Wenn es unangenehm wird: aufhören, die Stelle läuft dir nicht weg.
Kapitel
Kurz vorweg und Tildas Frage
Wirklich wahr! Begrüßung
Siehst du deine Nase wirklich nicht?
Die Antwort, die alle geben
Die echte Antwort: das andere Auge
Probier das mal selbst
Die blinde Stelle in deinem Auge
Wirklich-Wahr-Stempel: unsere Quellen
Die Antwort in einem Satz
Outro und Cliffhanger zur Montags-Folge
Häufige Fragen zu dieser Folge
Stimmt es nicht, dass das Gehirn die Nase ausblendet, weil sie immer gleich bleibt? Für das Beachten stimmt es - so wie du deine Socken mittags nicht mehr spürst. Für das Sehen trägt es nicht. Der Effekt, auf den sich diese Erklärung stützt, gilt nur für Bilder, die auf der Netzhaut still stehen. Die Nase sitzt am Kopf und wandert bei jeder Augenbewegung mit. Ausführlich in unseren Quellen.
Wie viel Sichtfeld nimmt die Nase weg? Das sagen wir bewusst nicht. Wir hatten eine Zahl gefunden, aber die Messung dahinter hat gar nicht die Nase getestet - dieselbe Forschungsgruppe kam auf derselben Seite ohne Nase zum gleichen Wert. Was sich belegen lässt: Jedes Auge sieht nach außen deutlich weiter als nach innen zur Nase.
Liegt die Nase im blinden Fleck? Nein, das ist ein häufiger Denkfehler. Der blinde Fleck liegt etwa 15 Grad nach außen, die Nase jenseits von 60 Grad nach innen - entgegengesetzte Seiten des Blickfelds. Zwei verschiedene Phänomene, die nichts miteinander zu tun haben.
Wie groß ist die blinde Stelle wirklich? Etwa 4,8 bis 4,9 Grad im Durchmesser, direkt gemessen an 24 beziehungsweise 27 Personen. Das entspricht drei Fingern nebeneinander bei ausgestrecktem Arm - und zwar bei Kindern und Erwachsenen gleichermaßen, weil kürzere Arme und kleinere Finger sich gegenseitig ausgleichen. Quelle: Ehinger et al., eLife 2017.
Hat die Wissenschaft Tildas Frage schon erforscht? Kaum. Es gibt viel Forschung über Augen, aber zur eigenen Nase im Blickfeld fast nichts - genau genommen eine Übersichtsarbeit ohne eigene Daten und eine Erwiderung darauf. Tildas Frage ist eine offene Frage.
Wenn dir diese Folge gefällt, hör auch
• Folge 042 - Was ist da los? Warum Schleim das Schlauste ist, was dein Körper baut
• Folge 041 - Wow! Warum kannst du dich nicht selbst kitzeln?
• Folge 037 - Frag nach! Deine Nase kann 1 Billion Düfte
Quellen und Belege
• Ehinger, Häusser, Ossandón & König (2017), eLife - der blinde Fleck, gemessen; und der Befund, dass wir dem ergänzten Bild mehr glauben (Open Access) (doi.org/10.7554/eLife.21761)
• Spillmann, Otte, Hamburger & Magnussen (2006), Vision Research - wie wenig Rand zum Auffüllen genügt (Universitätsklinik Freiburg) (doi.org/10.1016/j.visres.2006.08.033)
• Shimojo & Nakayama (1990), Vision Research - warum das andere Auge übernimmt (doi.org/10.1016/0042-6989(90)90128-8)
• Leopold & Logothetis (1996), Nature - wo im Gehirn die Entscheidung fällt (doi.org/10.1038/379549a0)
• Tong & Engel (2001), Nature - der blinde Fleck im Sehrindenbild (doi.org/10.1038/35075583)
• Spector, Visual Fields, Clinical Methods - die Ausdehnung des Gesichtsfelds (frei lesbar) (ncbi.nlm.nih.gov/books/NBK220)
• Ovenseri-Ogbomo et al. (2012), Clin Exp Optom - warum die Nase zu nah zum Scharfstellen ist (doi.org/10.1111/j.1444-0938.2011.00692.x)
• Ditchburn & Ginsborg (1952), Nature - der Effekt, der die Nase eben nicht erklärt (doi.org/10.1038/170036a0)
Wer steckt hinter Wirklich wahr!?
Wirklich wahr! ist der Wissenspodcast für Kinder ab 6 Jahren. Robin und Lou nehmen euch dreimal pro Woche mit auf Neugier-Reisen - montags Wow!, mittwochs Was ist da los?, freitags Frag nach!. Bei „Frag nach!" beantworten wir Fragen, die Kinder uns geschickt …