Weltkrebstag: Krebsmythen (Resonator-Podcast)
Dienstag, 4. Februar 2025 · 17 min
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Shownotes
Am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg gibt es den Krebsinformationsdienst (KID). Dort können sich Erkrankte, deren Angehörige und Interessierte unkompliziert über Krebs informieren lassen. Zum Thema Krebs geistern reichlich Mythen durch die Welt. Holger Klein sprach mit der Leiterin des KID, Susanne Weg-Remers, über die wichtigsten Mythen.
Quelle: resonator-podcast.de/2015/res069-krebsmythen / Bitte abonniert den Original-Podcast-Feed: resonator-podcast.de/feed/mp3
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[Musik] Susanne Weg-Remers ist die Leiterin des Krebsinformationsdienstes am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg. Da gibt es nicht nur Informationen über Krebs im Allgemeinen, sondern insbesondere auch über Mythen, die sich um den Krebs ranken. Hallo Frau Weg-Remers. Ja, hallo Herr Klein. Was für Mythen sind das? Also ich kenne so Misteltherapie zur Heilung von Krebs.
Also ich denke, wir haben zwei Sorten von Krebsmythen oder zwei Bereiche, wo so Erfahrungswissen oder nicht richtig definiertes Wissen in unseren Arbeitsbereich hineinragt. Das ist einmal, wenn es um Fragen der Krebsentstehung geht und dann, wenn es um Fragen zur Krebstherapie geht. Fangen wir vielleicht einfach mal mit den Krebsmythen zur Entstehung von Krebs an.
Letzten Endes sind es Fragen, die immer wieder an uns herangetragen werden, wo Leute sich beispielsweise auch im Internet informiert haben und dann über bestimmte Dinge gestolpert sind, die sie einfach beunruhigen, die ihnen Angst machen. Ein Beispiel, was könnte der Auslöser einer Krebserkrankung sein? Ist das vielleicht die Tatsache, dass man eine Verletzung hatte?
Manchmal beobachten Menschen, dass eine Tumorerkrankung auftritt oder diagnostiziert wird, nachdem sie sich irgendwo in der entsprechenden Körperregion verletzt hatten. Beispielsweise nachdem man als Frau einen Schlag gegen die Brust bekommen hat oder einen Schlag gegen den Bauch. Und das ist so eine Überlegung, ob das vielleicht mit der Entstehung von Krebs zusammenhängt.
Dazu muss man aber sagen, dass ebenso wie bei anderen Krebsmythen es keine wissenschaftlichen Belege gibt, dass das tatsächlich zutrifft. Andere Krebsmythen, von denen wir hören, von denen wir erfahren, sind beispielsweise Dinge, dass man, um sein Krebsrisiko zu reduzieren, auf bestimmte Ernährungsformen achten sollte. Dass man beispielsweise hier in Deutschland keine wirklich gesunden Lebensmittel mehr bekommt, dass alles schadstoffbelastet wäre oder dass Obst und Gemüse nicht wirklich gesund mehr wären und keine Vitamine mehr enthalten.
Dass man praktisch sich zusätzliche Vitamine durch entsprechende Vitaminpräparate zuführen müsste, um überhaupt gesund leben zu können. Da verdienen die Apotheker sich ja auch dumm und dusselig mit. Da verdienen die Apotheker sich dumm und dusselig mit und auch das ist ein solches Gerücht, was eigentlich der wissenschaftlichen Beleg entbehrt.
Es ist so, dass Deutschland mit Sicherheit kein Vitaminmangelland ist. Im Gegenteil, wir haben ja in vielen Fällen auch vitaminangereicherte Nahrungsmittel, Multivitaminsäfte und so. Und die Lebensmittel in Deutschland haben generell eine recht gute Qualität. Es gibt auch mit Ausnahme jetzt von vereinzelten Lebensmittelskandalen keine übertriebene Schadstoffbelastung von Lebensmitteln, so dass man eigentlich jedem Menschen empfehlen kann, er möge sich ausgewogen ernähren, gesund ernähren, möglichst viel Obst und Gemüse essen und wenig Fleisch.
Er möge auf sein Gewicht achten, weil Übergewicht schon ein Risikofaktor ist für die Entwicklung von Krebs. Aber wenn man all diese Dinge beherzigt, ist man auf der sicheren Seite und kann sich schon mal darauf verlassen, dass man da nichts falsch macht. Manche Krebsmythen, da hat man so ein Stück weit die Vermutung, dass weltanschauliche Dinge dahinter stecken.
Beispielsweise dann, wenn ein Schwangerschaftsbruch oder eine Sterilisation Auslöser sein sollen für Brustkrebs oder für Krebs der weiblichen oder männlichen Geschlechtsorgane. Die Strafe Gottes sozusagen. Fürs sündiges Verhalten, ja. Auch da kann man sagen, da gibt es keinerlei wissenschaftlichen Beleg, dass das wirklich eine Rolle spielt.
Eine weitere Überlegung, die viele Menschen anstellen, gerade dann, wenn jetzt eine Krebserkrankung vorliegt, ist inwieweit psychische Belastung bei der Entstehung eine Rolle gespielt haben mag. Also zunächst mal, was die Krebsentstehung angeht, gibt es Menschen, die sich Gedanken machen, ob es vielleicht eine Rolle gespielt hat, dass sie vor einigen Jahren so viel Stress im Beruf hatten oder privaten Stress hatten.
Und dass diese Phase, wo sie sich psychisch nicht gut gefühlt haben, mit der Auslöser für die Krebserkrankung gewesen ist. Da gibt es aber auch keinen wissenschaftlichen Nachweis, dass das zutrifft. Außer wenn diese Phase der psychischen Belastung einhergeht mit einem ungesunden Verhalten. Wenn es vermehrt zum Rauchen geführt hat, wenn man vermehrt Alkohol getrunken hat, wenn man sich ungesund ernährt hat, vielleicht Übergewicht entwickelt hat über einen längeren Zeitraum, dann kann es indirekt dazu kommen, dass eine psychische Belastung zu Krebs führt oder das Krebsrisiko zumindest erhöht.
Aber so eine unmittelbare Psychosomatik? Die gibt es nicht, nein, dafür gibt es keine wissenschaftlichen Belege. Wenn dann eine Krebserkrankung da ist, gibt es natürlich eine Reihe von Fragen, wie man das am besten behandelt. Und es existiert irgendwo noch der Mythos, dass man an einem Tumor möglichst keine Luft bringen soll.
Dass man also Operationen vermeiden soll oder auch die Entnahme von Gewebeproben vermeiden soll. Weil wenn Luft an den Tumor kommt, würde der aggressiver. Auch das entbehrt den wissenschaftlichen Belegen. Es gibt noch was, Krebs sei ansteckend, habe ich auch schon mal gehört. Ist Krebs ansteckend? Eigentlich nicht. Ich sage das so etwas einschränkend, weil es einige, eher nicht so häufige Krebsarten gibt, wo eine Virusinfektion mit der Auslöser ist.
Beispielsweise der Gebärmutterhalskrebs leitet sich ja in den meisten Fällen auf eine Infektion mit humanen Papillomviren zurück. Und in dem Fall ist natürlich schon das Virus ansteckend, aber nicht jeder Mensch, der das Virus hat, bekommt auch Krebs. Und viele Menschen erkranken an diesem Virus, dann schafft es aber ihr Immunsystem das zu bekämpfen und dann haben sie auch kein erhöhtes Krebsrisiko.
Und vor humanen Papillomviren, jetzt im Speziellen, kann man sich eben auch durch die Impfung gegen Gebärmutterhalskrebs schützen. Andere Krebsart, die einen viralen Auslöser hat, also eine Virusinfektion, sind die primären Leberzellkarzinome durch Hepatitis B oder C Virusinfektionen. Auch vor denen kann man sich schützen. Vor der Hepatitis B kann man sich schützen durch eine Impfung.
Und vor der Hepatitis B und C kann man sich schützen, indem man Verhaltensmaßregeln beachtet. Aber was hinter diesem Mythos steckt, Krebs ist ansteckend. Das heißt, wenn ich jemanden habe in einer häuslichen Gemeinschaft oder am Arbeitsplatz, jemanden, mit dem ich täglich umgehe oder auch jemanden, den ich pflege, so muss ich keine Angst haben, dass ich mich an dem anstecken kann.
Selbst wenn das jemand ist, der einen offenen Tumor hat, irgendwo der verbunden werden muss, dass Krebszellen jetzt von diesem Tumor auf mich übertragen werden und dann da anwachsen und einen Tumor bilden. Das ist quasi ausgeschlossen. Was ist denn so das Absurdeste, was Sie an Mythen zu hören kriegen bei Ihrer Beratung?
Also relativ absurd fand ich das Thema mit den Büstenhaltern und dem großen Busen. Wer große Brüste hat, kriegt eher Brustkrebs? Ja, genau. Dass das eine Hypothese ist, die von manchen Menschen vertreten wird. Da gibt es eben auch keine wissenschaftlichen Belege. Und was war das mit den Büstenhaltern?
Das zu enge Büstenhalter, das Krebsrisiko erhöhen. Man sollte sich vor dem Schluss hüten, du hast einen zu großen Busen und hast immer zu enge BHs angezogen, deswegen hast du Brustkrebs. Also diese Schlussfolgerung, die es eigentlich nicht wissenschaftlich hinterlegt. Viele dieser Entstehungsmythen basieren auf der Annahme, dass der Krebs einen Sinn im Leben ergibt.
Dass die Einstellung dafür verantwortlich ist, ob ich Krebs bekomme oder ob nicht. Ist das so? Also es gibt keine Belege, dass es so wäre. Ich glaube, auch wenn jetzt eine Krebserkrankung vorliegen würde und man würde demjenigen Druck machen und sagen, du musst positiv denken, dann sind deine Heilungschancen besser.
Also zum einen gibt es dafür keinen wissenschaftlichen Anhalt, dass das so ist. Zum anderen setzt man die Patienten damit auch unter einen enormen Druck, weil vielleicht ist nicht jedem in jeder Phase der Krebserkrankung nach positive Thinking zumute. Vielleicht ist man auch mal unten und ist mal deprimierend und braucht dann eher jemanden, der einen zuhört und einen dann ein Stück weit aufbaut und unterstützt, als jemanden, der dann kommt und sagt, naja, wenn du nicht positiv denkst, dann kann das ja nichts werden mit deiner Heilung.
Wo wir schon von Heilung sprechen, es gibt auch Therapiemythen, hatten Sie gesagt. Mal ketzerisch gefragt, kann der Heilpraktiker überhaupt irgendetwas für mich tun, wenn ich an Krebs erkrankt bin? Nicht wirklich. Es ist so, dass wir zu dem großen Komplex der komplementären und alternativen Methoden in der Krebstherapie eine ganze Reihe von Verfahren und Medikamentenzellen, für die es keinerlei wissenschaftlichen Beleg gibt, dass sie wirksam sind.
Sie müssen sich überlegen, jedes Krebsmedikament, was von der Schulmedizin eingesetzt wird, muss im Prinzip einen Wirksamkeitsnachweis erbringen, es muss zeigen, in entsprechend kontrollierten klinischen Studien, dass es verglichen mit einer Standardtherapie oder auch mit keiner Therapie einen Überlebensvorteil für den Patienten bietet.
Und es muss gleichzeitig auch zeigen, dass die Nebenwirkungen und Risiken, die man eingeht, wenn man das Medikament zu sich nimmt, dass die sich in einem vertretbaren Verhältnis zum Nutzen bewegen. Und das alles ist bei den Methoden, die von komplementären und alternativen Heilern angeboten werden, nicht der Fall.
Die haben keinen solchen Wirksamkeitsnachweis erbringen müssen. Ansonsten würde es ja auch nicht alternativ oder komplementär heißen, sondern Medizin. Ja. Und wenn ein solcher Heiler mit dem Versprechen an Menschen herantritt, er kann ihren Krebs damit heilen und vielleicht dann auch noch in Aussicht stellt, das ist sanfter und natürlicher als das, was die Schulmedizin macht und das ist nebenwirkungsfrei, dann sollte man sehr misstrauisch werden, weil das ist ein Versprechen, was nicht haltbar ist.
Jetzt ist diese alternativmedizinische Ecke sicherlich der größte Therapiemythos, den es gibt. Gibt es noch kleine darunter? Also das ist, denke ich, ein großes Gebiet, was sozusagen eine ganze Reihe von sehr unterschiedlichen Methoden umfasst. Das sind die homeopathischen Globuli, die, muss ich sagen, noch relativ harmlos sind, weil sie zumindest keine schädliche Wirkung entfalten, weil sie so weit verdünnt sind, dass nichts mehr drin ist, was eine stoffliche Wirkung im Körper entfalten könnte.
Die sind nur dann letzten Endes schädlich, wenn man die Schulmedizin dafür sein lässt. Wir haben aber auch in dem Bereich komplementäre und alternative Methoden Verfahren, die tatsächlich schädlich sein können. Es gibt bestimmte sehr aggressive Krebsdiäten, die meinetwegen mit dem Versprechen an die Patienten herantreten, damit den Krebs heilen zu können, die aber dann von den Patienten wirklich unsinnig lange Fastenperioden beispielsweise verlangen, wo sie dann nur noch Kräutertee trinken dürfen und ähnliches.
Und ein Krebspatient, der vielleicht bedingt durch seine Erkrankung schon Gewicht verloren hat und in einem schlechten Ernährungszustand ist, wenn der noch zusätzlich fastet, kann es sein, dass er sich damit tatsächlich schädigt. Es gibt wiederum andere Methoden, wo auch nachgewiesenermaßen giftige Substanzen eingesetzt werden, die, wenn man nicht vorsichtig ist, wenn man es aus Versehen überdosiert, auch tatsächlich toxische Wirkungen entfalten.
Die Aprikosenkerne mit dem in Gänsefüßchen Vitamin B17 oder Laitryle sind so ein Fall. Das sind Präparate, die vor einigen Jahren oder Jahrzehnten in den USA aufgekommen sind und die so den Anspruch haben, Krebs behandeln, Krebs heilen zu können. Die funktionieren aber mit einem bestimmten Giftstoff, der einfach in Überdosierungen wirklich schädliche Nebenwirkungen bis zum Todesfall verursachen kann.
Funktionieren die denn wenigstens in niedriger Dosierung, so wie versprochen? Nein. Der Klassiker der Krebspseudotherapie scheint mir die Mistel zu sein, die ich sogar schon in Fernsehserien gesehen habe. Woher kommt die Idee, dass die Mistel irgendetwas bringen könnte und was kann sie? Die Mistel ist ein nach wie vor sehr häufig eingesetztes Arzneimittel in der Krebstherapie, die auch ihren Ursprung in alten naturheilkundlichen Vorstellungen hat.
Die Mistel ist relativ gut untersucht in klinischen Studien und es zeigt sich, dass sie auf keinen Fall mit einem Heilungsversprechen eingesetzt werden darf. Es gibt allerdings Studien, die zeigen, dass sie bei Patientinnen mit fortgeschrittenem Brustkrebs zumindest deren Lebensqualität verbessern kann.
Hilft da die Mistel oder hilft da die Betüttelung? Also ist die Mistel ein Placebo? Möglicherweise ist die Mistel ein Placebo. Das kann man so abschließend nicht sagen. In Deutschland hat sie wie gesagt eine sehr lange Tradition schon, während sie in den USA sehr viel kritischer gesehen wird, dort auch gar nicht die Zulassung als Arzneimittel hat.
Bei all den Studien in der Krebstherapie muss man darauf gucken, dass man auf patientenrelevante Endpunkte guckt. Und das ist zum einen Lebensqualität und zum anderen Länge des Überlebens. Im Idealfall natürlich Heilung, ohne dass der Tumor wiederkommt. Und es gibt auch ganz interessante Studien und zwar gibt es eine sehr interessante Studie, die vor einigen Jahren veröffentlicht worden ist, die gezeigt hat, dass Patienten, die eine fortgeschrittene Krebserkrankung haben und die bereits sehr früh in eine palliative Betreuung gekommen sind, sprich wo speziell ausgebildete Mediziner geguckt haben, dass sie so gut wie möglich medikamentös und physiotherapeutisch und psychotherapeutisch die Symptome der Krebserkrankung bekämpfen,
dass die ein um drei Monate längeres Überleben hatten als Patienten, die eben nicht so umfassend palliativmedizinisch betreut worden sind. Und das gibt einem schon ein Stück weit zu denken, dass auch eben diese intensive Fürsorge und die gute Behandlung von Symptomen auch einen lebensverlängernden Effekt haben kann.
Also Sie können das natürlich jetzt auch Betüdelung nennen. Klar, warum auch nicht, aber wenn es doch hilft, dann kann man ja Leute betüdeln. Das ist ja jetzt nicht das Problem. Man darf Ihnen nur nicht, finde ich, ein X für ein U verkaufen an der Stelle. Susanne Weg-Remers, vielen Dank. Danke. [Musik]