Zeitreise. Der Podcast

ds Rauche: Von Freiheit und Abhängigkeit

Donnerstag, 8. Oktober 2026 · 1 h 02

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Shownotes

Wie wurde Rauchen zum Symbol der Freiheit, obwohl es abhängig macht? In dieser Folge erzählen wir die wechselvolle Geschichte des Tabaks: von seinen rituellen Verwendungen in indigenen Gesellschaften Amerikas über koloniale Ausbeutung bis zum weltweiten Milliardengeschäft.
Tabak galt als Heilmittel und als Teufelswerk. Später stand die Zigarette für Abenteuer, Rebellion und weibliche Unabhängigkeit. Die Tabakindustrie verkaufte dabei immer auch ein Lebensgefühl – mit Cowboys, Filmstars und dem Versprechen, durch Rauchen jemand zu sein.
Doch was geschah, als die gesundheitlichen Folgen immer deutlicher wurden? Wir sprechen darüber, wie die Industrie gezielt Zweifel an wissenschaftlichen Erkenntnissen säte und warum es so lange dauerte, bis die Politik handelte. Und wir zeigen, wie das Passivrauchen die Debatte veränderte: Nun ging es auch um die Freiheit jener, die den Rauch anderer einatmen mussten.
Eine Geschichte über Verführung, Macht und die Frage, wie aus dem Wunsch nach Freiheit ein Geschäft mit der Abhängigkeit wurde.
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00:03 Zeitreise - der Podcast, der die Vergangenheit hörbar macht. Mit Ausflügen in unbekanntere Kapitel der Geschichte. Vorwärts und rückwärts durchs 20. Jahrhundert Und über Umwege vom kleinen Detail zum grossen Ganzen. Ich bin Simone Rees. Und mein Name ist Barbara Miller.

00:22 Hoi mitenand! Wir schauen heute mal wieder auf ein Alltagsprodukt. Das ist ein Format, das wir selbst sehr gern mögen, weil wir immer wieder sehen, wie viele spannende Geschichten sich hinter etwas vermeintlich selbstverständlichem und weit verbreiteten verbergen. Und nachdem wir jetzt über so grosse Sachen wie Neutralität geredet haben und über nicht so lustige Sachen wie Rechtsextremismus, dachten wir, wir gönnen uns mal wieder etwas Einfaches. Und darum sprechen wir heute über das Rauchen.

00:52 Genau, das heutige Thema Zigarette oder die Praxis des Rauchens vereint in historischer Perspektive betrachtet wieder einmal einen Widerspruch. Wir kennen es. Es hat nämlich sehr stark unsere Vorstellung von Freiheit geprägt, gleichzeitig aber eine riesige Menge Menschen abhängig gemacht.

10 01:01:13,750 --> 01:01:17,958 Man sieht schon das Gegensatzpaar von Freiheit und Abhängigkeit. Dementsprechend wurde kaum über ein anderes Alltagsprodukt so leidenschaftlich und kontrovers gestritten wie über den Tabak. Das zeigt sich teilweise auch bis heute.

01:30 Wir gehen heute Frage nach, wie eine rituell verwendete Pflanze aus Amerika die Welt eroberte und Milliarden in die Kassen gespült hat von gewissen Unternehmen. Und warum sich in der Geschichte des Rauchens eben Kolonialismus, Konsum, Geschlechterbilder Wissenschaft und Politik auf so eine besondere Art und Weise miteinander verbinden.

01:51 Uns erwartet wieder eine Folge voller unerwarteter Momente, medizinischer Skandale, von Täuschung und Skrupellosigkeit, von Rebellion und Identität. Denn wir werden sehen: Tabak galt einst als Heilmittel und wurde globale Handelsware. Es wurde dann als Genussmittel weltweit verbreitet, aber war auch eine einzigartige Werbe-Ikone. Im 20. Jahrhundert hat sich der Konflikt schliesslich von Moral und Ordnung zu einem verschoben über Epidemologie, über Abhängigkeit und öffentliche Gesundheit. Das mal so als paar kleine Snippets.

02:33 Großes Programm, das wir vor uns haben! Aber beginnen wir vielleicht zuerst damit, dass wir uns anschauen, was Tabak eigentlich botanisch genau ist. Tabak lateinisch Nicotiana. Gehört zu den Nachtschatten-Gewächsen, wie auch die Tollkirsche der Stechapfel oder die Kartoffel. Die Pflanze ist einjährig und wird ungefähr 0,5 bis 3 m hoch

02:56 Das Wort Tabak geht hier wahrscheinlich auf eine karibische Sprache zurück und hat ursprünglich gar nicht die Pflanzen beschrieben, sondern das Rauchgerät oder die Rauchversion. Als ursprüngliche Heimat des heute weit verbreiteten Tabaks wird Nord-, Mittel- und Südamerika angegeben, weil die Form, die dort konsumiert wurde, Nikotin aufweist. Nikotin ist die wichtigste der sieben-tausend chemischen Verbindungen, die bei der Verbrennung von Tabak freigesetzt werden und sie ist verantwortlich für die sogenannte psychotrope Wirkung, also die Wirkung, die die Psyche beeinflusst sowie für die Abhängigkeit, wobei andere Krankheiten, wie z.B. Krebs, die würden eher durch andere Inhaltsstoffe ausgelöst.

03:48 Die psychotrope Wirkung, das was die Psyche beeinflusst, war in der Frühgeschichte des Tabaks ganz wichtig Verschiedene indigene Gemeinschaften in Nord-, Mittel- und Südamerika haben Tabak unter anderem in unterschiedlichen Ritualen genutzt. Rauch konnte als Verbindung zwischen Menschen und der Götterwelt verstanden werden und sie rauchten ihn unter anderem in Pfeifen aus Stein, Knochen, Ton oder Holz. oder in Zigarre ähnlicher, aus Tabakblätter gerollter Form.

04:23 Finde das schon sehr spannend, was heute eben als unangenehme Nebenwirkung gelten kann, also Schwindel oder Übelkeit beispielsweise war damals eben ein gewünschter Effekt, um eben diese Visionen...

04:34 Darum ging es!

04:36 Darum ging es, um diese Trancezustände zu erreichen. Und im Andengebiet des heutigen Boliviens und am Amazonas wurde Tabak außerdem auch geschnupft, gekaut oder eben geraucht. Und nebst der rituellen Verwendung wurde Tabak eben auch medizinisch zur Krankenbehandlung verwendet oder diplomatisch bei wichtigen Zusammenkünften genutzt. Wahrscheinlich erscheint bei den meisten nun ein Bild, nämlich das von der Friedenspfeife oder? Die wurde in Europa vor allem durch Romane und Filme berühmt, die meisten denken wohl an Karl Mays Winnetou. Aber er hat aus dieser sehr vielseitigen Praxis ein sehr stark vereinfachtes und dramatisiertes literarisches Motiv geformt, das sich vor allem dem europäischen Blick angepasst hat.

05:28 Sehr ja. Auf der ersten Reise von Kolumbus 1492 kommen Europäer das erste Mal nachweislich mit amerikanischem Tabakgebrauch in Berührung. Und nach ihrer Rückkehr erreichen Tabakblätter und vermutlich auch Pflanzenmaterial auch Europa. Mitte des 16. Jahrhunderts sendet der französische Botschafter Jean Nicot - man merke sich den Namen - aus Lissabon Blätter und Samen an den französischen Hof und zwar als Heilmittel. Und später nennt dann ein Botaniker diese Pflanze nach dem Botschafter nach Jean Nicot und nennt sie "Herba Nicotiana". Sie wird am französischen Hof vor allem pulverisiert und gegen Kopfschmerzen eingesetzt, also geschnupft. und Ärzte empfehlen sie zeitweise als Universalmedizin. Also gegen alles und für alles: Zum Beispiel gegen Skorbut, gegen Gicht und gegen Zahnschmerzen.

06:28 Sie wurde als Zierpflanze verwendet und weit verbreitet, wegen ihrer schönen Blüten und wegen ihres "exotischen Prestige". Auch in der Schweiz wird die Verwendung das erste Mal 1560 erwähnt. Die Tabakpflanze hatte darum ein ähnliches Schicksal wie andere Pflanzen auch aus dem globalen Süden. Wir denken hier zum Beispiel zurück an die Podcast-Folge zur Kartoffel.

06:54 Gleichzeitig verbreitet sich das Rauchen und zwar vor allem zuerst in England, unter anderem wegen Sir Walter Raleigh Das war ein englischer Höfling/Seefahrer/Schriftsteller und Kolonialunternehmer am Hof von Königin Elisabeth I. also ein sehr vielseitig interessierter und engagierter Mensch. Und er lernte Tabak in Virginia kennen und trug als leidenschaftlicher Raucher dazu bei, dass Pfeifenrauchen in England modisch und gesellschaftsfähig wurde. Anfang des 17. Jahrhunderts Entstand ein regelrechter Kult mit neuen Rauchutensilien und Patenten. Das gefiel aber nicht allen, wie wir auch noch besprechen werden.

07:35 Für die innerkontinentale Verbreitung des Tabakrauchens war der 30-jährige Krieg, der Glaubenskrieg zwischen Katholiken und den Protestanten sehr wichtig, das war ein beschleunigender Faktor. Das bedeutet, dass durch Soldaten durch Händler und Heeresbewegungen das Rauchen in den deutschen Ländern und in Mitteleuropa zusehends verbreitete. Und so entstand eine neue Nachfrage und es hat sich ein neuer Markt etabliert. Und damit zusammenhängend ist in den amerikanischen Kolonien die Aussicht auf enorme Gewinne entstanden.

08:12 Für gewisse Kolonien kommt das genau zur richtigen Zeit, zum Beispiel für Virginia: Die englischen Siedler haben dort nicht die erhofften Gold- und Silbervorkommen gefunden. Die Kolonie stand wirtschaftlich vor dem Scheitern. Ab den 1610er Jahren wird Tabak zum entscheidenden Exportprodukt. Auch Maryland macht sich fast vollständig von diesem Produkt abhängig. Die Gewinne aus dem Verkauf nach Europa haben die beiden Kolonien wirtschaftlich am Leben gehalten. Zeigt auch, was damit eingenommen wurde.

08:45 Allan Kulikoffs Werk "Tobacco and Slaves" beschreibt die Entwicklung der südlichen Regionen am sogenannten Chesapeake zwischen 1680 und 1800 sehr eindrücklich. Das ist eben die Region von Virginia und Maryland wo die Tabakproduktion entstand. Und das hat sich bis heute als wichtiger Exportort etabliert. Der Anbau von Tabak hat die Regionen tiefgreifend verändert: Um immer grössere Ernten zu generieren, brauchte man auch immer mehr Land, um dies zu erhalten, haben englische Siedler indigene Gemeinschaften von ihren Gebieten verdrängt und dort neue Tabakfelder angelegt. Man sieht also wieder einmal: Die europäische Nachfrage hat so die koloniale Expansion vorangetrieben. Mehr Konsum hat mehr Landnahme bedeutet. und mehr Produktion hat einen ständig wachsenden Bedarf an Arbeitskräften bedeutet.

09:41 Zunächst arbeiteten dort vor allem europäische Vertragsknechte. Sie bezahlten ihre Überfahrt mit mehreren Jahren Arbeit, oft unter brutalen und zum Teil sogar tödlichen Bedingungen. Im 17. Jahrhundert sind Plantagenbesitzer zunehmend zur lebenslangen Versklavung von Menschen afrikanischer Herkunft übergegangen, so entstand aus der Produktion einer begehrten Ware eine rassistisch organisierte Sklavereigesellschaft. Die kolonialen Behörden sicherten die Ordnung rechtlich ab und förderten den Anbau. Tabak wird das wichtigste Exportgut und zeitweise sogar Geldersatz, also Zahlungsmittel. Über den transatlantischen Sklav:innenhandel sind etwa 128.000 Verschleppte direkt in die Chesapeake-Region in Virginia und Maryland gekommen, wo sie in die Tabakproduktion eingebunden wurden.

10:38 Tabak war die wirtschaftliche Schlüsselkultur für die Entstehung der Sklav:innen-Gesellschaft in der Region Das ist schon verrückt. Gerade dass es als Zahlungsmittel eingesetzt wurde, zeigt ja auch den Stellenwert In Brasilien war die Verbindung noch direkter. Der Tabak aus Bahia wurde nach Westafrika gebracht und beim Kauf von versklavten Menschen wurde er dann wirklich so als Tauschware eingesetzt.

11:06 Es entsteht wie ein bedrückender Kreislauf: die europäische Nachfrage schafft einen neuen Markt. Für diesen Markt nehmen Kolonialisten indigenes Land in Besitz. Auf diesen Feldern werden Menschen zur Arbeit gezwungen und ein Teil des erzeugten Tabaks, also der Produkte dieses Landes, wird dazu verwendet, weitere Menschen zu kaufen und über den Atlantik zu verschleppen. Also unglaublich perfid in seiner Dynamik oder?

11:34 Absolut perfid: So ist Tabak nicht nur das Produkt der kolonialen Ausbeutung, sondern gleichzeitig auch das Zahlungsmittel für den Menschenhandel.

11:45 Ja. Während Tabak die koloniale Ökonomie stabilisiert hat, haben Herrscher und Kirchen versucht, den Gebrauch zu kontrollieren. Die Gründe für die Restriktionen waren meist religiös, moralisch, politisch und teilweise ökonomisch, aber nicht unbedingt moderne Gesundheitspolitik, wie das später der Fall ist. Die Kirchen haben das Rauchen zeitweise als "heidnisch" gedeutet. Ein Papst droht der Rauchenden darum zum Beispiel mit Kirchenausschluss. Der ausgeatmete Rauch galt für viele als "Teufelswerk" und als Beweis dafür, dass die Seeleute bei den "Heiden" der neuen Welt mit dem "Satan" in Kontakt gekommen seien. Also heavy stuff, ha?

12:33 Spannend ist hier auch der englische König Jacob I., Im Anfang des 17. Jahrhunderts eine besonders berühmte Anklage formulierte. Du hast es vorhin angesprochen. Hier war das Pfeifenrauchen um diese Zeit, hat sich als modern etabliert und wurde am elisabethanischen Hof popularisiert. Und das hat ihm gar nicht gefallen. Er hat eine Schrift verfasst, die hiess "A Counterblaste to Tobacco". Und dort hat er Tabak mit Schande, mit Torheit, Verschwendung, körperlicher Schwäche, Liederlichkeit und fehlender Selbstbeherrschung verbunden. Und er hat dann vor allem den Rauch als abscheulich für das Auge, widerwärtig für die Nase schädlich für das Gehirn und auch schon als gefährlich für die Lunge bezeichnet.

13:22 Ha, also so falsch war er gar nicht unterwegs!

13:25 Gut, das mit der Liederlichkeit....

13:29 Darüber kann man sich streiten

13:30 I don't know.

13:34 Ein konsequentes Verbot wollte er aber noch nicht durchsetzen sondern er wollte über hohe Zölle Geld an dieser Sünde verdienen. Er wollte davon profitieren und so hat er die Einfuhrzölle um rund 4'000 % erhöht. Das hat, natürlich muss man fast sagen den Schmuggel befördert, aber das Strecken der Ware, also des Produkts. Im Anschluss sind Tabaksteuern in vielen Ländern zum wichtigen Teil der Staatsfinanzen geworden und sind es bis heute.

14:04 Andere Herrscher sind brutaler vorgegangen. Ein Beispiel ist das vom Schah Abbas I von Persien. er hat mit Tod und Vermögensverlusten gedroht, wenn Tabak konsumiert wurde. Und auch unter Michael I. Romanow Wird in der Geschichtsschreibung Auspeitschen erwähnt oder auch das Aufschlitzen oder Abschneiden der Nasenlöcher und für den Handel wurden sogar noch schwerere Strafen angekündigt.

14:34 Oder auch die Politik von Murad IV. nach dem Brand in Istanbul von 1633 ist ein eindrückliches Beispiel. Er hat die Kaffeehäuser geschlossen und das Tabakverbot verschärft. Offiziell ging es ihm um die Feuergefahr, zugleich galten die Kaffeehäuser auch als Zentren möglicher Unruhen. Eine Unmenge an Rauchenden wurde hingerichtet und der Sultan soll diese Kontrollen und Exekutionen persönlich begleitet haben. Das zeigt auch den Stellenwert.

15:08 Absolut. Wobei da auch vieles zusammen kommt, eben auch als Orte der Rebellion mit diesen Kaffeehäusern... Ein ganz spannendes Beispiel ist das von Bern. Hier wurde das Rauchen 1661 verboten. Spannend ist, dass die Polizeiordnung zu dieser Zeit noch nach den zehn Geboten gegliedert war. Jetzt musste man Rauchverbot irgendwo unterordnen, mit etwas in Zusammenhang bringen

15:38 Weil es steht so nicht in der Bibel.

15:40 Genau. "Du sollst nicht Rauchen".

15:43 Hat Moses so nicht mitgebracht.

15:46 Und deshalb wurde das als unter dem Gebot gegen den Ehebruch gefasst, finde ich spannend, man weiss nicht genau warum Die einzige Erklärung, die mir in den Sinn kommt, weil damals von Medizinern behauptet wurde dass es liederlich und sittenlos machen würde.

16:03 Ja vielleicht. Vielleicht hat es auch sonst nirgends gepasst. "Du sollst nicht töten." "Du sollst Vater und Mutter ehren." "Du sollst den Namen Gottes nicht missbrauchen" da passt nirgends so ganz hinein.

16:16 Absolut. Ja, darum unter dem Gebot von Ehebruch. Aber das Verbot war absolut erfolglos, muss man sagen, und man hat es anschliessend wieder aufgehoben und auch zusätzlich den Tabakbau als neuen wichtigen landwirtschaftlichen Zweig in der Schweiz unterstützt. Das war jetzt ganz praktisch und willkommen, weil kleine Bauernbetriebe konnten ihre ganze Familie einsetzen und relativ einfach ein Einkommen generieren, ohne dass grosse Maschinen oder Infrastrukturen angeschafft werden mussten.

16:49 Das wusste ich bis zur Vorbereitung dieses Podcasts nicht. Dass man in der Schweiz Tabak angebaut hat? Vergangenheitsform? Heute nicht mehr oder?

16:56 Immer noch. Aber nicht mehr in so grossem Ausmass.

17:01 Bildungspodcast, ich sage es ja. Vor allem für uns beide.

17:06 Genau.

17:08 Dass solche Verbote gescheitert sind, Lag auch immer wieder an den wirtschaftlichen Interessen, die über die moralischen gestellt wurden. Also eben zum Beispiel die Steuern, die man dadurch generieren konnte. Und mit der Verbreitung von Streichhölzern und von steinernen Städten, also von massiveren Städten, verlor die Feuergefahr immer mehr an Überzeugungskraft. So erschienen Rauchverbote immer stärker als illegitime Unterdrückung durch die Obrigkeiten und das Rauchen konnte sogar als Form des politischen Widerstands daherkommen.

17:44 Vielleicht können wir uns auch ein bisschen im Hinterkopf behalten, dass wirtschaftliche Interessen moralische ein bisschen überwogen haben, das wird dann auch so ein bisschen ein roter Faden in der späteren Geschichte. Hier haben sie auch sehr spannende soziale Entwicklungen gezeigt. Z.B. war der Kautabak am Anfang für untere Schichten besonders günstig und darum weit verbreitet. An den Höfen hingegen wurde Schnupfen zum Statusritual. Das hat man angeblich wie Fechten, Tanzen und Reiten quasi erlernen müssen. Man hat auch raffinierte Schnupfdosen produziert, die sehr gerne verschenkt wurden. Ein paar Historiker:innen sprechen auch davon, dass es genauso peinlich gewesen sei, am Hof ohne Schnupfdosen aufzutauchen, wie ohne Schuhe. Quasi in den Socken oder Barfuss. Das hat natürlich zu überreizten Nasenschleimhäuten geführt und zu Geruchsverlusten. Das waren die Folgen, aber auch hier gehen Historiker:innen davon aus, dass das möglicherweise gar nicht so unerwünscht gewesen war Also so ein abgeschwächter Geruchssinn, in einer Zeit, in der man sich seltener gewaschen hat

18:56 Win, win!

18:57 Ein gewünschter Nebeneffekt. Jetzt kennen wir das vom Podcast zur Badi - lang ist es her - dass jetzt so um 1800 Hygiene an Bedeutung gewinnt und jetzt wird Schnupfen zunehmend als unrein stigmatisiert

19:12 Jetzt sind wir in völlig unterschiedlichen Kontexten gross geworden, würde ich mal sagen. Bei uns in der Region war Schnupfen verbreiteter als Rauchen unter Jugendlichen. War das in städtischen Kontexten auch so oder ist das eher ein ländliches Phänomen?

19:28 Ich würde sagen, hier hat es sich je nach Identitätsprofil geändert und je nachdem, welche Musik man auch gehört hat Und es ist etwas, das in letzter Zeit wieder mehr aufgekommen ist.

19:41 Ja eigentlich hält es sich erstaunlich hartnäckig, das Schnupfen. Was folgt jetzt also? 1800 wird Europa von einer England-Begeisterung erfasst: englische Möbel, Textilien, Techniken und auch das Pfeifenrauchen nach feiner englischer Art werden in Europa mit Modernität verknüpft. Dann verbreiten sich auch Zigarren. Die kommen aus der Karibik über Südeuropa und seit dem 18. Jahrhundert werden sie in Sevilla in grossem Massstab produziert. Später werden die Zigarren bei Studierenden, Liberalen, Literaten, Künstler, Schauspieler und Dandys populär, also eher das alternative Milieu. Im 19. Jahrhundert bekommen sie dann Deutschland durch kämpferische Zigarren-Dreher ein revolutionäres Image. Die gleichen Zigarren werden später zum Statussymbol von Unternehmern und Börsianern. Man kann mit gutem Gewissen sagen: Eine wechselhafte Geschichte bei der Zigarre!

20:47 Dass die so wechselhaft war, lag auch daran, dass ein neues Produkt auf den Markt kam, nämlich die Zigarette. Auch wieder ähnlich. Wie die Zigarre in Spanien verbreitet. Und dann verzeichnet sie Erfolge in allen anderen Ländern rundherum. Denn sie passt ideal zum Tempo der Industrialisierung, zu diesem neuen Tempo, sie ist schnell, sie ist sehr leicht und im Gegensatz zur Pfeife und zur Zigarre auf einen hektischen Alltag zugeschnitten. Deshalb ist die Zigarette perfekt geeignet für eine Gesellschaft, die durch einen allgemein wachsenden Lebensstandard, zunehmende Leistungsanforderungen und Stresssituationen ausgesetzt war. Gleichzeitig konnte im Zeitalter der Industrialisierung die maschinelle automatisierte Produktion neu ein hohes Angebot generieren. Und so wurde aus einer globalen Ausbreitung und Industrialisierung ein mächtiges Oligopol entstanden, - also ein Markt, auf dem wenige große Unternehmen den Großteil des Marktes kontrollieren. Das verlangt er im Umkehrschluss nach neuen Märkten und Zielgruppen und hier wird es sehr spannend: die Geschichte dahinter, wie diese Zielgruppen und Märkte erreicht werden sollten.

Musik

22:12 Rauchen galt lange Zeit, man kann es sich denken, als männlicher Habitus. Vor dem Ersten Weltkrieg wurde weibliches Rauchen mit Sexarbeiterinnen, mit "losen Sitten" und unangepassten Frauen verbunden. Der grosse Krieg verschiebt die Geschlechterrolle allmählich ein bisschen, unter anderem auch, weil die Frauen die Aufgaben von Männern übernehmen mussten, weil die im Krieg waren.

22:37 Jetzt kommt ein Kapitel in der Geschichte des Rauchens, in dem sich unterschiedliche Phänomene beeinflussten. Einerseits die weibliche Emanzipationsgeschichte, andererseits die boomende Zigarettenindustrie, die alle Zielgruppen der Gesellschaft erschließen wollte, und schließlich die gleichermassen florierende Filmindustrie in Hollywood.

23:02 Das Ziel der Tabakindustrie war es, Zigaretten zu einem Alltagsvergnügen zu machen, und zwar für alle Gesellschaftsschichten. Deshalb erscheint es klar, dass es für die geschickten Werbefachleute der Zigarettenindustrie natürlich gänzlich ungünstig war, dass Frauen (also die Hälfte der Bevölkerung) aufgrund konservativer bürgerlicher Konventionen nicht für den Markt entschlossen werden konnten.

23:26 Es wurde ein grosses Potential darin gesehen, dass rauchende Frauen in der Gesellschaft langsam ein neues Bild bekämen, respektive sich das auch performativ erkämpften. Durch das Rauchen könnten sie demonstrativ in der Öffentlichkeit die bürgerlichen Konventionen überschreiten. Das wurde als Verbrechen von der Tabakindustrie aufgegriffen.

23:50 Die Zigarette wirkt ja auch bisschen leichter, flüchtiger und eleganter als eine Pfeife oder eine Zigarre Zugleich ein bisschen verruchter und das wird dann wieder als passend zu den konventionellen Frauenbildern erachtet. Und weil die Zigarettenindustrie Anfang der 1920er über das grösste Anzeigenbudget von allen Industrien verfügte - das muss man sich kurz vor Augen halten – eignete sie sich diese Emanzipationssprache sehr gerne an.

24:21 Das ist jetzt sehr systematisch erfolgt, sie waren sehr effizient. Die Marke Velvet warb, ab 1912 mit dem englischen Satz: "I wish I were a man." also "Ich wünschte, ich wäre ein Mann." Und die Darstellung sollte natürlich aussagen, sie wünsche dementsprechend auch, dass sie Pfeife rauchen könnte. Also es wurde mit Neid gespielt. Besonders systematisch ging dann die American Tobacco Company vor. Deren PR-Berater organisierte am Ostersonntag 1929 eine sorgfältig inszenierte Aktion während der New Yorker Osterparade. Er hat eine Gruppe von jungen Frauen öffentlich Zigaretten geraucht. Das war zu diesem Zeitpunkt in weiten Kreisen noch ein völlig unschicklicher Move. Gegenüber den Medien wurde das als "Torches of Freedom", als "Fackeln der Freiheit" bezeichnet worden. Und er hat auch darauf geachtet, dass möglichst viele Medien das fotografieren. Zum Beispiel New York Times hat auch so darüber gesprochen als Torches of Freedom. Das war schon ausgefuchst, denn in so einer Inszenierung war das Rauchen nicht als kommerzielle Werbung für Lucky Strike als Teil der American Tobacco Company, sondern wirkte als Ausdruck weiblicher Emanzipation. Sehr kreativ. Es gab jetzt dann noch andere Formen um Frauen zum Rauchen zu bewegen. Zum Beispiel bot die Tabakindustrie auch Rauchkurs für Frauen an oder Wettbewerbe, an denen die eleganteste Raucherin gekürt wurde.

25:56 Manche machen einen Töpfe-Kurs, andere machen einen Raucherkurs... Ein anderes Beispiel ist Virginia Slims, die mit ihrem Slogan "You've come a long way, baby" die Frauenbewegung ganz explizit instrumentalisiert hat, und bemerkenswert oder spannend fand ich, dass Marlboro lange als Frauenzigarette galt, mit Slogans wie „Mild wie der Mai“ „Mild as May“ Und mit elfenbeinfarbenen Filterspitzen zum Schutz der Lippen. Und erst 1954 macht die Marke wie ein 180°-Wendung zum männlichen Cowboy, auf den wir dann auch noch kommen. Und die ganzen Strategien zeigten messbare Erfolge. In den USA haben 1923 etwa 5 % der Frauen geraucht. zehn Jahre später waren es 12 % und 1965 am Höhepunkt waren es 33%, also ein Drittel aller Frauen.

26:48 Die Zigarette wurde so zum Symbol weiblicher Unabhängigkeit stilisiert. Vielen sind ja wahrscheinlich die Bilder der goldenen Zwanziger oder der Roaring Twenties aus Filmen bekannt. Also die Garçonne oder die New Woman mit dem Bob-Haarschnitt und den ewig langen Zigarette-Spitzen. Übrigens sind diese dazu verwendet worden, also klar als Statussymbol und für mehr Eleganz, aber auch damit der Rauch weiter weg vom Gesicht war zum Beispiel. Und auch wegen dem Lippenstift, dass man keine Lippenstiftspuren auf den Filtern hatte. Durch diese Kombination von Haarschnitt, Kleidung, Mode, Zigaretten ist jetzt so ein neues selbstbewusstes Schönheitsideal verkörpert worden. Im Film wurde daraus bis in die 1940er Jahre das Bild der Femme Fatale. Ein deutsches Beispiel dafür ist sicher Marlene Dietrich als Lola Lola in "Der blaue Engel". Ja Legende! Und Zigarette stand im weiblichen Kontext jetzt neu für Freiheit, für Sexualität und für Konventionsbruch.

27:56 Wenn wir über Werbung und Zigarettenindustrie reden, ist es wichtig, uns die Mechanismen dahinter vor Augen zu halten. Zigaretten sind das, was man einen vergleichsweise homogenen Markten nennt. Die technischen Unterschiede zwischen den Marken sind schwer zu erklären und fast nicht zu schmecken. Also schlussendlich schmecken sie doch recht ähnlich all die Zigaretten. Deshalb ergänzt Werbung den sogenannten Gebrauchsnutzen einen emotionalen Zusatznutzen. Man verkauft nicht nur Tabak, man verkauft eine soziale Wunschfigur. Erwachsen, souverän, begehrenswert, erfolgreich oder unangepasst, je nachdem.

28:36 Der Mechanismus dahinter war dementsprechend, dass man sich gewünscht hat, dass der/die Konsument:in sich für die Marke entscheidet, die ein Image suggerierte, mit dem man sich am besten identifizieren konnte. Also Jugendlichen zum Beispiel hat die Zigarette Reife und Selbstständigkeit versprochen, ohne dass die Anzeigen Minderjährige zeigen mussten. Das war schon relativ früh verboten, es reichte, wenn man attraktive junge Erwachsene in der Werbung zeigte. Ja die Tabakwerbung sollte zum Träumen verleiten und Kindheitserinnerungen wecken, eben wie zum Beispiel mit dem Cowboy. Suggeriert wird Gesundheit und Fortschritt und Moderne. Sie leben vom Zeigen von Symbolen wie elegante Kleidung und Hotels, aber auch das Nachtleben und schnelle Sportautos, vom Reisen, von Schiffen und Speedboats und auch von Traumberufen, also gezeigt werden Menschen, die es im Leben zu etwas gebracht haben, und auch in harmonischen, super attraktiven Beziehungen leben. Also eine Klasse, die Erfolg signalisierte.

29:53 Oder der Marlboro-Mann, der verbindet Western, Lagerfeuer und Cowboy-Romantik mit Stärke, Naturverbundenheit, Freiheit, Männlichkeit, Abenteuer und unerschütterlicher Selbstbeherrschung. Das waren "echte Männer", "echte Tpyen" und Draufgänger. Die Botschaft lautete: Der Geschmack von Freiheit und Abenteuer, und ganz viele Frauen und wahrscheinlich auch ganz viele Männer wären gerne mit diesem Cowboy in den Sonnenuntergang geritten. Den wollte man sein.

30:22 Das ist noch spannend. Die anderen waren ja erreichbare Dinge der Moderne und hier wurde so ein Gegenbild zur Moderne gezeichnet und beides konnte gleichermassen funktionieren. Was ich spannend finde, war die Kombination von Symbolen. Dazu gehörten Zigarettenpackungen, das Feuerzeug, das man verwendet, die Handhaltung beim Rauchen und das Rauchritual In der Kombination war das das öffentliche Statuszeichen, das nennt man übrigens: symbolische Konsumption. Man nutzt ein Produkt um anderen aber auch sich selbst zu zeigen, wer man sein und wie man wahrgenommen werden möchte. Es ist auch spannend, dass viele Leute, die nach langer Zeit aufgehört haben zu Rauchen, genau das beschreiben dass ein Identitätsmarker wegfalle.

31:18 Oder auch der Unterschied zwischen denen, die Zigaretten selber drehen, und denjenigen, die vorgefertigte Zigaretten rauchen. Das sind ganz andere Gruppen! Untersuchungen zu neutralen Packungen, wie man das in Frankreich nun hat, zeigen, umgekehrt, dass die soziale Bedeutung und dass Status-Signal ohne Markenästhetik schwächer werden. Also wenn man in Frankreich die Packung auf den Tisch legt, sieht man nicht mehr sofort, ah du rauchst Marlboro oder ah du rauchst Chesterfield. Es ist dann einfach eine Zigarettenpackung.

31:56 Hmhmhm.

31:57 Die Werbung benennt Unsicherheit, fehlende Anerkennung oder der Wunsch, erwachsen und attraktiv zu wirken explizit respektive produziert es eben selbst explizit. Und bietet die Posen und das Rauchen als Konsum, als sofortige Lösung an und mit jedem Zug führen die Konsumierenden die Werbung selbst weiter.

32:19 Ich finde es schon wahnsinnig faszinierend, wenn man sich in die Mechanismen einliest, die da dahinter waren. Dazu kommen dann auch beruhigende Begriffe oder auch Besänftigungshinweise, die dann natürlich später - wir werden noch darauf eingehen - noch mehr verbreitet waren, als dann die ersten Verdachtsfälle aufkamen von gesundheitsschädlicher Wirkung. Einer davon ist beispielsweise das "extra mild", das sich verbreitet hat. Das sollte ja ein bisschen Sicherheit vermitteln. Also das Produkt konnte man scheinbar bedenkenlos kaufen und konsumieren. In den 1930er-1950er Jahren haben Marken massiv mit Ärzten geworben. Camel hat behauptet, mehr Ärzte würden Camel rauchen als irgendeine andere Marke Zigaretten. Zigaretten und medizinische Fachzeitschriften haben hunderte von Anzeigen gedruckt und auch davon profitiert. Und auch noch in der ganzen Gesundheitslogik drin, gab es auch Sportler, die geraucht haben. Und ganze Sportarten wurden von Zigarettenproduzenten begleitet und gesponsert.

33:22 Jetzt zu der wichtigen Rolle der Filmstudios. Nach "The Jazz Singer", dem ersten synchronisierten Tonfilm, wird Kino endgültig zu einem Massenphänomen. American Tobacco war seit 1925 ein Kunde von verschiedenen Filmstudios, wie z.B. Warner Bros. Es etabliert sich ein wirkmächtiges Phänomen. Also Filmstars kamen über Agenturen auf die Gehaltsliste der Tabakkonzerne. Sie haben dann in Interviews ganz beiläufig ihre Marken erwähnt, meist kurz vor dem Start eines grossen Films. Das war dann eine Win-win-win-Situation.

33:59 Man kann sagen, Stars haben zusätzliche Einkommen erhalten, Tabakkonzerne haben mediale Präsenz bekommen und Studios haben Werbung eingespart. Hauptdarstellerinnen haben zum Beispiel die Sanftheit von Lucky Strike gelobt und die vermutlich gute Wirkung auf die Stimme angepriesen. Aus einer heutigen Perspektive so absurd. Aber je nachdem, welchen Charakter man Gespielt hat natürlich ein bisschen eine verrauchte Stimme schon noch einen positiven Effekt haben. Sie haben zum Beispiel auch von Entspannung am Set gesprochen. Und das war sehr effektiv. Lucky Strike wurde durch diese Strategie zum Marktführer, vor Camel und Chesterfield, die vorher Marktführer waren. Das gilt als einer der ersten sehr erfolgreichen Cross-Promotions. Die Verträge konnten Stars sogar vorgeschrieben, welche Marken sie rauchten oder ob sie überhaupt rauchten. Am Set und teilweise auch ausserhalb.

35:02 Im Film visualisieren Zigaretten Freiheit, Sexualität, Rebellion und Erfolg. Während frühere Markenwerbungen über orientalisches Flair funktionierten, etabliert sich jetzt weltweit der American Blend. Die Zigarette wird kulturell amerikanisch und gesellschaftlich salonfähig als Symbol der amerikanischen Moderne.

35:26 Hier war der Zweite Weltkrieg sehr entscheidend, weil er Zigaretten zum ständigen Begleiter des Soldaten gemacht hat.

35:32 GI

35:33 Zigaretten haben zum Beispiel auch in Rationen gesteckt. Sie wurden kostenlos verteilt und galt als Mittel gegen Angst, Stress und Langweile. Für die Tabakindustrie war das ein riesiges Erfolgsmodell, muss man sagen. Millionen von junge Männer haben sich unter extremen Bedingungen das Rauchen angewöhnt. Sie wurden davon abhängig und blieben nach ihrer Rückkehr weiterhin treue Kunden geblieben.

36:02 Die Zeit des Zweiten Weltkriegs ist auch für die Schweiz sehr spannend. Wie wichtig die Tabakproduktion damals war, zeigt sich im Rahmen des sogenannten Plan Wahlen, der Anbauschlacht, rings a bell Folge zum Härdöpfel (Kartoffel), als es um Selbstversorgung ging, könnt ihr dort alles nachhören. Hier wird die Schweizer Anbaufläche für Tabak auf 1472 Hektaren verdoppelt. statt auf dieser Fläche Kartoffeln für die Versorgung der Bevölkerung anzupflanzen.

36:28 Nachdem allerdings nach Kriegsende Tabak wieder importiert werden konnte, hat der Eigenanbau seine Relevanz verloren in der Schweiz und ist massiv zurückgegangen. Gesellschaftlich hat das Rauchen auch hier seine Blütezeit erlebt, also nach 1945. Es galt alles schick und stand für Genuss, Freiheit und gesellschaftliche Zugehörigkeit. Es wurde ja praktisch überall geraucht: Im Zug, im Flugzeug, in der Disco, im Fernsehen und selbstverständlich auch in Wirtshäusern, übrigens auch im Radio, in alten Radiosendungen hört man immer so.... Unglaublich! Ein anderes Beispiel, das mir in den Sinn kam, sogar öffentliche Toiletten hatten ja einen Aschenbecher. Und das kommt einem heute so komisch vor.

37:17 Es fällt einem extrem auf, wo früher in allen Kontexten geraucht worden sind. Für mich das ja... Vielleicht nur als Erklärung, Simone und ich sind beide sehr grosse Fans der Serie "Mad Men", wer die noch nichts gesehen hat, unbedingt schauen, die ist so grossartig. Eine der tollsten Szenen, finde ich, als die eine Frau beim Gynäkologen ist und der raucht während der Untersuchung.

37:41 Aber das war sehr gängig. Wir kommen dann auch noch dazu mit der Restriktion des Rauchens in der Schweiz. Aber es waren riesige Debatten wegen des Rauchens in den Schulen. Ob Schüler rauchen dürfen oder nur Lehrer:innen, ob man nur im Lehrerzimmer rauchen darf oder auf dem Schulareal... Also das ist ja, Schule ist für uns ein Kontext, in dem man es sich überhaupt nicht mehr vorstellen kann, dass es normal dass alle rauchten.

38:09 Es wird überall geraucht nach dem Zweiten Weltkrieg. Aber gleichzeitig erlebt das Image der Tabakindustrie die ersten Risse. Noch sehr langsam, aber langfristig wird das tief greifende Folgen für sie haben.

Musik

38:33 Mitte des 20. Jahrhunderts haben langjährige Vergleiche zwischen Rauchenden und Nichtrauchenden nämlich zum ersten Mal einen zunehmend eindeutige Beleg geliefert, dass das Rauche mit Lungenkrebs und Gefässerkrankungen in Verbindung steht. Apropos sind bemerkenswert frühe Forschungen zum Rauchen und Lungenkrebs übrigens schon im nationalsozialistischen Deutschland durchgeführt worden.

38:57 Es gab Werbebeschränkungen und Rauchverbot in einzelnen Verkehrsmitteln und öffentlichen Einrichtungen. Das war aber keine neutrale Gesundheitspolitik. Hitler war ein fanatischer Rauchgegner und bezeichnete Tabak in rassistischer Art und Weise als eine "Rache des roten Mannes" am" weissen Mann".

39:15 Die Propaganda hat von «Rassengift», von Gefahren für die angeblich "wertvollen» Volkskörper, vor Erbschäden, von Unfruchtbarkeit und geschwächter arischer Bevölkerung Gleichzeitig ist der Konsum gestiegen, NS-Funktionäre haben geraucht, Soldaten haben Zigarettenrationen erhalten, die Industrie hat floriert und der Staat hat an den Steuern verdient. Also von einer einheitlichen NS-Anti-Rauch-Politik, wie sie später von Historiker:innen behauptet wurde, von der kann so nicht gesprochen werden.

39:52 In den 1950er-Jahren bricht in der medizinischen Konflikt neu auf. Das konservative Magazin Reader's Digest veröffentlicht unter dem Titel «Cancer by the Carton" eine detaillierte Darstellung von Schadstoffen und gibt Mediziner und Tabakkritiker eine breite öffentliche Plattform. Und Tabak wird nicht mehr religiös oder moralisch, sondern eben medizinisch-epidemiologisch bekämpft.

40:21 Wie reagiert die Tabakindustrie? Es kam sehr schnell die Winston auf den Markt als erste erfolgreiche Filterzigarette. Sie stand für vermeintlich gesundes Rauchen. Der Filter würde quasi alle Schadstoffe herausfiltern. Das wollten sie suggerieren. Winston wurde ein Verkaufsschlager mit dieser Strategie. Später - ich habe mir das nie so überlegt - sind auch die sogenannte Light-Zigaretten auf den Markt gekommen. Die hätten die gleiche Strategie verfolgen sollen. Das war erfolgreich, weil die Nachfrage blieb trotz der wissenschaftlichen Belege stabil. Trotzdem haben diese Artikel weitere Studien und amtliche Kommissionen ausgelöst. Und 1964 ist der berühmte Terry Report gefolgt.

41:15 Der Bericht der Kommission des US-Surgeon-General Luther Terry hat den Zusammenhang zwischen Zigarettenrauchen und Krebs amtlich und politisch wirksam gemacht. Die Industrie hat das aber einfach nicht akzeptiert. Sie nutzten wissenschaftliche Einwände und Lobbyarbeit politisch, um definitive Schlussfolgerungen als falsch erscheinen zu lassen, obwohl viele Kritiker eher die Sicherheit der einzelnen Aussagen als die Schädlichkeit des Rauchens bestritten haben. Die Strategie wirkt. Es geht vor allem darum, dass man Zweifel säen kann. Das funktioniert. Die Verkaufszahlen brechen nicht sofort ein.

41:53 1971 befasst sich jetzt aber die WHO, also die Weltgesundheitsorganisation, intensiv mit der Tabakpolitik, wobei vor allem Prävention, Erziehung, Besteuerung und Werbeverbot im Vordergrund standen, besonders hinsichtlich des Schutzes von jungen Menschen und Schwangeren.

42:09 Seit 1964 hat die WHO zunächst noch auf "Addiction" verzichtet oder hat das Wort vermieden und hat von «drug dependence» 1986 spricht die Weltgesundheitsversammlung beim Rauchen wieder explizit von Sucht und beziffert Todesfälle erstmals auf 1 Million. Im gleichen Jahr wird auch zum ersten Mal breit vor Passivrauchen gewarnt. Es wird die Vision einer "Smoke-Free Society of the Year 2000 "formuliert, also dass man bis 2000 quasi eine rauchfreie Gesellschaft schaffen könnte. Damit wird jetzt diskursiv das vorherige Genussmittel offiziell zu einer Droge umformuliert oder umgestaltet.

42:51 Dass Passivrauchen schädlich sein könnte, das ist ein entscheidender Wendepunkt in der Geschichte des Rauchens. Es war ein Resultat einer japanischen Langzeitstudie des Epidemologen Takeshi Hirayama aus dem Jahr 1981. Hirayama hat Tausende von nicht-rauchenden Frauen untersucht, die aber Ehemänner hatten, die selber rauchten. Dabei zeigte sich, dass Frauen häufiger an Lungenkrebs erkrankt sind, die rauchende Ehemänner hatten als die Frauen, die nicht-rauchende Ehemänner hatten. Plus die Studie hat ebenfalls gezeigt, wenn die Männer mehr rauchten, stieg das Risiko der nicht-rauchenden Ehefrau. Also dass da ein kausaler Zusammenhang besteht. Die Studie lieferte den ersten Beweis, dass nicht nur das aktive Rauchen, sondern auch regelmässige Einatmen von fremdem Tabakrauch gesundheitsschädlich ist. Das ist jetzt natürlich massiv. Jetzt ist es nicht mehr nur noch ein individuelles Laster, das zur Diskussion steht, wo es um individuelle Freiheit geht, sondern es geht jetzt zusehends um eine kollektive Bedrohung.

44:11 Auch der Schutz von Minderjährigen, also das erhält dann wie eine andere Dynamik.

44:16 Absolut.

44:17 Wegen diesen Ergebnisse verschärft die WHO Ende der 1980er-Jahre ihren Kurs. Spannend ist, dass auch ganz bewusst mit dem Malboro-Mythos gespielt wurde, des Cowboys, nicht zuletzt auch deshalb, weil ganz viele der Darsteller in den Malboro-Werbespots an Lungenkrebs erkrankt oder zum Teil sogar gestorben sind. Im Jahr 2000 gibt es eine ganz berühmte Kampagne mit einem Plakat von zwei Cowboys, und einer sagt, Bob, I've got cancer, Bob, ich habe Krebs, und das ging mega viral, diese Kampagne. Aber es gab auch vermehrt eine kulturelle Auseinandersetzung mit den schädlichen und abhängig-machenden Seiten des Rauchens. Ein schönes Beispiel ist ein Song von 1975 der Künstlerin Ruth Händel, das ist ein Pseudonym und das Lied heisst "Meine letzte Zigarette”, hören wir da ganz kurz rein:

45:14 "Das ist bestimmt meine letzte Zigarette. Ich geb' mein Wort: meine letzte Zigarette. Ab morgen rauche ich nicht mehr, worauf ich wette und auch schwör Nur noch ein Zug aus der letzten Zigarette."

45:40 Man sieht, das Lied behandelt den immer wieder aufs Neue raus geschobene Rauchstopp humoristisch oder? Zeigt aber gleichzeitig sehr deutlich die körperlichen und sozialen Folgen des Rauchens auf und beschreibt sehr präzise die Abhängigkeit. Es wird sehr deutlich gemacht, das Wissen ist schon da über die gesundheitsschädlichen Wirkungen und zeigt sich auch sehr stark im Effekt des jahrelanges Rauchens, aber das ist trotzdem kein Grund, dass man aufhört, weil die Abhängigkeit immer noch übertrumpft.

46:12 Ein spannendes Beispiel. Seit den 1980er-Jahren folgen mehrere Rauchfrei-Kampagnen und Lehrfilme... Sorry, ich muss lachen, weil erinnerst du dich an diese Kampagne: Das ist Sandro. Er raucht nicht. Er ist mega.

46:27 Ja, voll. das sind die späteren, oder? Aber das hat...

46:32 Das war so in unserer Jugend oder?

46:33 Ja, ja, völlig. Er ist mega. Er ist cool.

46:37 Nein, er ist mega. Er raucht nicht, er ist mega.

46:40 Genau, dort hat es angefangen. Im geschichtlichen Kontext sehr wichtig war aber sicher auch die Fernsehdokumentation mit dem Namen «Der Duft der grossen weiten Welt" Da wurde auch schon die Kampagnenstrategie aufgenommen, von 1980 vom Journalist Mario Cortesi ein Jahr später im Schweizer Fernsehen ausgestrahlt. und dann vor allem in Schweizer Schulen gezeigt wurde. Die Kommentare unter dem SRF-Film belegen - das SRF-Archiv hat ihn öffentlich zur Verfügung gestellt - dass der Film bei einer ganzen Generation einen bleibenden Eindruck hinterliess. Wir verlinken euch das sehr gerne in den Show-Notes. Es lohnt sich, dort mal reinzuschauen. Man bekommt auch einen Eindruck über die Grundstimmung zu dieser Zeit. und wie man versucht hat, bei der Jugend Prävention zu machen.

47:32 Es wird z.B. ein skrupelloser Werbefachmann gezeigt, der Jugendliche zum Rauchen bringen will. Aber auch ganz viele Männer werden nach Kehlkopf-Krebs interviewt. Also die über Jahrzehnte popularisierten Bilder von Freiheit, Abenteuer, Fortschritt, Gesundheit und Modernen werden also immer mehr entlarvt. Aber: Trotz all diesen abschreckenden Bilder bleibt die Zahl der Raucher:innen hoch.

48:00 Ja, und gerade bei der WHO wird jetzt also die Tabakpolitik, eigentlich zunehmend Drogenpolitik und 1994 ist die Glaubwürdigkeit der Industrie öffentlich irreversibel erschüttert worden, muss man sagen. Und Grund dafür war die Aussage der Chefs der sieben grössten amerikanischen Tabakunternehmen am 14. April 1994 vor dem Ausschuss des US-Kongress in Washington.

48:26 Die entscheidende Frage, die an die Herren gestellt wurde, war, ob Nikotin abhängig macht. Die Antworten gingen viral. Einer nach dem anderen beteuerte unter Eid: Nein, das glaube ich nicht. Die Botschaft war ganz klar, nach der Darstellung der Industrie war Nikotin kein Suchtstoff. Das war bereits damals nicht mehr glaubwürdig. Die Gesundheitsbehörden hatten die Abhängigkeit durch Nikotin längstens anerkannt und nachgewiesen.

48:53 Wobei hier gesagt werden muss, dass dies juristisch ausdrücklich geschickt formuliert war, diese Aussage. Sie haben ja nicht gesagt, Nikotin macht nachweislich nicht abhängig, sondern sie haben gesagt, ich persönlich glaube nicht daran, dass Nikotin kann abhängig machen. So hat es bei Ermittlungen wegen möglichen Meineids nicht zu Verurteilungen geführt.33 Kommunikation, so wichtig.

49:20 Kommunikation, so wichtig. Gleichzeitig ist die Frage, ob das persönliche Empfinden eines Tabak-Vorsitzenden so relevant ist, was er glaubt oder nicht.

49:30 Ist eigentlich nicht das, was zur Debatte stand.

49:32 Genau. Politisch ist diese Szene aber dennoch ein Wendepunkt, weil ein Millionenpublikum den Widerspruch zwischen dem öffentlichen Auftreten und dem internen Wissen entlarven konnte. Die WHO bezeichnet die führenden Unternehmen später ausdrücklich als «Lügner». Es stellt sich natürlich die Frage, was diese Unternehmen intern eigentlich gewusst haben.

49:52 1998 kam es zu einem milliardenschweren Vergleich. Die Unternehmen mussten jetzt umfangreiche interne Dokumente freigeben und transparent machen, was sie eigentlich gewusst haben.

50:05 Es kann jetzt eben belegt werden, dass eigene Forschende seit Jahrzehnten die Wirkung von Nikotin im Gehirn untersucht haben. Also das Weiterrauchen und die steuerbare Nikotinabgabe. Also natürlich. Es war ja ihr Produkt. Ein internes Dokument beschreibt das Geschäft sogar als Verkauf einer abhängig machenden Droge.

50:24 Die Dokumente haben eindeutig gezeigt, dass explizite Strategien entwickelt wurden, dass Zweifel explizit gesät wurden, Nikotinabhängigkeit verharmlost, Es wurde öffentlich gegen wissenschaftliche Erkenntnisse vorgegangen. Die Dokumente haben auch gezeigt, dass das Passiv-Rauchen, wider besseren Wissens heruntergespielt wurde. dass Werbung für vermeintlich mildere, sprich "gesündere" Produkte ebenfalls intern als Täuschung bekannt war. Surprise! Und aber auch, dass neue, möglichst junge Kunden gezielt angesprochen werden sollten.

50:59 Die Industrie musste lange nicht beweisen, dass Rauchen ungefährlich sei. Es reichte zu behaupten, dass Zusammenhänge mit Krebserkrankungen noch nicht endgültig geklärt, andere Faktoren könnten verantwortlich sein, weitere Forschungen seien nötig. Die Unsicherheit hat auch die Gesetze und Schadenersatz verzögert. Später stellt ein US-Gericht die systematische Täuschung über Abhängigkeit und Gesundheitsgefahren bei den führenden Tabakkonzernen fest.

51:30 Die irreführende Werbung, die manipulierten wissenschaftlichen Ergebnisse, der politische Lobbyismus und das ganz bewusste Säen von Zweifeln hat dann die WHO dazu veranlasst, einen fundamentalen Konflikt zwischen den Interessen der Tabakindustrie und der öffentlichen Gesundheit zu diagnostizieren.

51:51 Na nai!

51:54 Es klingt für uns so banal, aber war es zu diesem Zeitpunkt halt noch nicht. Im Endeffekt verdienen die Unternehmen schliesslich an einem Produkt, das abhängig macht, das schwere Krankheiten verursacht und das einen Teil ihrer langjährigen Kund:innenschaft vorzeitig tötet.

52:11 Die internationale Antwort war das WHO-Rahmenübereinkommen zur Eindämmung des Tabakgebrauchs. Es wurde 2003 verabschiedet und ist 2005 in Kraft getreten. Der Vertrag sieht deutliche Warnhinweise vor, die die auf allen Päckchen vorne drauf sind, Werbebeschränkungen, höhere Tabaksteuern, Schutz vor Passivrauch und Hilfe beim Aufhören vor.

52:36 Ausserdem soll die Gesundheitspolitik vor dem Einfluss der Tabakindustrie geschützt werden. Auch das wieder ein ganz banaler Gedanke, da dahinter steht. Wer von der Nikotinabhängigkeit profitiert wirtschaftlich, finanziell, kann eigentlich nicht gleichzeitig als neutraler Berater darüber entscheiden, weil sie...

52:56 conflict of interest

53:00 weil zwischen Gewinninteresse und öffentlicher Gesundheit ganz offensichtlich ein fundamentaler Konflikt besteht.

53:06 Genau dieser Konflikt führte in der Schweiz zu einer Verzögerung oder einer verhältnismässig schwächeren Anti-Rauch-Politik geführt. also dass die Gesundheitspolitik hinter wirtschaftlichen Interessen zurücktreten musste. Werbung und rauchfreie Zonen sind tendenziell weniger streng geregelt als im Ausland. Die Zigarettensteuer bleibt im internationalen Vergleich niedrig, gerade auch im Vergleich mit Frankreich

53:32 Ja, schauen wir also zum Schluss noch kurz auf die Geschichte von Rauchverboten in der Schweiz.

53:37 Auch in der Schweiz reagiert man zunehmend auf die wissenschaftliche Erkenntnis. Das Beispiel des aufklärenden Films in der Schule, das du erwähnt hast, ist ja nur ein Beispiel. Seit 1978 sind Warnhinweise auf Zigarettenpackungen vorgeschrieben. 1978.

53:54 Mitte der 1980er-Jahre wurden die Schalterhallen der Schweizer Postämter rauchfrei. Das war ein grosser Schritt, denn die hatten zu dieser Zeit vor der Digitalisierung eine riesige Bedeutung für die Kommunikation aber auch für das Auszahlen der Löhne usw. Die Menschen haben sehr viel Zeit an den Poststellen verbracht. Deshalb ein grosser Schritt.

54:18 Seit 1991 darf in Radio und Fernsehen nicht mehr für Tabakware geworben werden. Seit 1990 verpflichtet das Arbeitsgesetz zum Schutz vor Tabakrauch am Arbeitsplatz. Und - da bin ich echt gestolpert - die Swissair untersagte Rauchen auf Europa- und Interkontinentalflügen seit 1996 bzw. 1998. Ich wusste nicht, dass man noch so lange im Flugzeug rauchen durfte.

54:45 Mhm. Mhm.

54:46 Ich war nie in einem Flugzeug, in dem noch geraucht wurde.

54:50 Und im Jahr 2005 sind schliesslich die Raucherabteile aus den Schweizer Zügen der SBB verschwunden.

54:59 Das hingegen weiss ich noch, die ganzen Debatten, die es da gab. Das hat riesige mediale Debatten ausgelöst. Die Zeitungen haben vom "Kreuzzug gegen die Raucher" und einer "wahren Hexenjagd" gesprochen. Das weiss ich noch sehr gut. Das ist breit diskutiert worden.

55:16 Natürlich haben Rauchcher;innen das als Eingriff empfunden in ihr persönliches Leben. Man hat dann gesagt, das gehöre doch dazu. Es gab einen Schweizer Psychoanalytiker, der gesagt hat, dass gehöre dazu wie das Zähneputzen, da könne der Staat doch nicht eingreifen Da könne doch nicht der Staat eingreifen, wie man das machen solle

55:36 Mutiger Vergleich!

55:38 Und auch die Tabaklobby hat gegen die neue Politik gewettert, während das Bundesamt für Gesundheit Millionen von Franken, für Nicht-Raucherkampagnen ausgab.

55:47 Im Jahr 2005 beschliess Tessin als ersten Kanton das Verbot des Rauchens in Bars, Restaurants und Diskotheken. Die diagnostizierten oder prognostizierten Umsatzeinbussen blieben völlig aus.

56:02 Welche Bedeutung das damals hatte, sieht man übrigens darin, dass das Wort "Rauchverbot" sieht übrigens darin das Wort Rauchverbot im Jahr 2016, das Wort des Jahres wurde in der Deutschschweiz. Zudem haben in diesem Jahr oder um diese Zeit herum die meisten Kantone das Abgabeverbot für Jugendliche unter 16 Jahren eingeführt.

56:22 Trotzdem sind Schweizer Regulationen immer etwas verzögert. Wir sagen in jedem Podcast das Gleiche. Die Schweiz kam etwas später. und auch schwächer im internationalen Vergleich. Das hängt auch stark mit der Tabak-Lobby, die wir in der Schweiz haben. Es befinden sich wichtige Standorte von internationalen Tabakkonzernen in der Schweiz. Philipp Morris International in Lausanne und in Neuenburg, Japan Tobacco International in Genf sowie weitere Unternehmen wie zum Beispiel British American Tobacco.

56:54 Dazu kommen natürlich wahnsinnige Staatseinnahmen. Zum Beispiel hat der Bund 2024 2 Milliarden Franken Tabaksteuer eingenommen. Diese Einnahmen fließen bekannlicherweise in AHV und IV. Das bedeutet natürlich nicht automatisch, dass der Staat deshalb einer striktere Regulierung entgegengewirkt hätte. aber das schafft natürlich schon ein fiskalisches Interesse, das in politischen Abwägungen eine Rolle spielen kann.

57:23 Also eine finanzstarke, politisch gut vernetzte Industrie trifft auf ein föderalistisches System, eine ausprägte wirtschaftsliberale Tradition und auf ein Parlament, das den Gesundheitsschutz immer wieder gegen Arbeitsplätze, steuereinnahmen und Werbefreiheit abwiegt Das haben wir jetzt aber sehr neutral ausgedrückt.

57:44 Absolut. Politisch verlaufen die Konfliktlinien häufig zwischen einer Linken, die höhere Steuern gefordert hat, und der Rechten, die das abgelehnt hat Zum Beispiel auch im Vorfeld der eidgenössischen Wahlen 2023 hat die in Lausanne die ansässige Philip Morris Switzerland, der FDP, und der SVP jeweils 35'000 Fr. gespendet. Also, sehen auch hier wieder: Geld spielt eine Rolle.

58:15 Geld spielt extrem eine Rolle und weil Philipp Morris uns bis jetzt nicht unterstützt: Wir sind auf Steady, falls irgendwer ein Abo machen und uns mit einem kleinen Beitrag finanziell unterstützen möchte. Es müssen auch nicht 35'000 Fr. im Jahr sein. Wir sind euch sehr dankbar. Trotzdem gilt seit dem Jahr 2024 das Schweizer Tabakproduktegesetz. Es führt landesweit ein Mindestalter von 18 Jahren für den Kauf von Tabak- und Nikotinprodukten ein.

58:44 Vor diesem Zeitpunkt haben sich übrigens die kantonalen Regeln stark unterschieden. Je nach Kanton hat das Mindestalter bei 16 oder 18 gelegen. Und in einzelnen Kantonen, also in zwei, gab es gar keine Altersgrenzen. Das fand ich noch so krass.

59:02 Ja schon. Heute setzt sich der Konflikt bei E-Zigaretten, bei erhitztem Tabak und bei Nikotinbeuteln, also beim Snus, das man sich unter das Zahnfleisch schiebt, fort Die Industrie verspricht eine rauchfreie Zukunft. Die WHO bleibt skeptisch. Die selben Unternehmen verkaufen weiterhin Milliarden Zigaretten und bringen immer wieder neue Nikotinprodukte auf den Markt mit süssen Aromen, die nach Mango-Vanille schmecken, mit modernem Design und mit einer Bildsprache, die wieder besonders junge Menschen anspricht. Nachdem junge Menschen lange eher weniger geraucht haben.

59:37 Im Jahr 2022 haben 24 % der Bevölkerung ab 15 geraucht. Also knapp ein Viertel.

59:46 Schon noch viel.

59:47 Und es sind sogar noch mehr, wenn man zwischen 15 und 24 anschaut, dann sind es sogar noch mehr, fast 30%. Also knapp ein Viertel der gesamten Bevölkerung und gemäss dem Bundesamt für Gesundheit verursacht Tabakkonsum rund 9'500 Todesfälle pro Jahr. Das entspricht ungefähr 14 % der gesamten Todesfälle in der Schweiz.

01:00:09 Zusammenfassend kann man sagen: Tabak ist kein zeitlos gleiches Objekt. Seine Bedeutung wird immer wieder hergestellt, erzeugt und das immer wieder sehr unterschiedlich. Sei es in einem religiösen, spirituellen Ritual, an einem Königshof auf der Plantage, durch Steuern, durch Verbote, durch Filmstars, durch Ärzte, durch Wissenschaft und Politik, all das spielt irgendwie zusammen.

01:00:34 Die Industrie war besonders erfolgreich, weil sie die Ab- hängigkeit als Identität und Konsum als Freiheit darstellte. Die moderne Tabakpolitik hat inzwischen versucht, – mit noch nicht riesigem Erfolg muss man sagen - diese Umdeutung rückgängig zu machen, ohne gleichzeitig abhängige Menschen zu beschämen.

01:00:55 Damit wird wieder einmal deutlich: dass Geschichte des Rauchens ist nicht nur eine Geschichte von persönlichen Gewohnheiten. Sie erzählt davon, wie Kolonialismus, Wissenschaft, Werbung, Film, Geschlechterbilder, Steuern und Gesundheitspolitik miteinander verflochten sind. Sogar kleine Zigarette kann uns erstaunlich viel darüber zeigen, wie Gesellschaften Freiheiten definieren, Zusammenleben gestalten und auch Risiken verhandeln. Oder Schutz.

01:01:21 Absolut. Also einmal mehr eine Folge voller Gleichzeitigkeiten und Widersprüchen und Ambivalenzen

01:01:28 Die mögen wir am liebsten.

01:01:29 wir hoffen ganz fest, dass es euch gefallen hat. Bis nächste Woche hoffentlich.

01:01:34 Bis nächste Woche, tschüss miteinander.

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