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Shownotes
Alkohol, Cannabis oder Heroin – Drogen werden rechtlich und moralisch unterschiedlich bewertet. Warum sind manche Drogen legal und andere nicht? Wir sprechen mit Helena Barop, Henning Schmidt-Semisch, Frank Köhnlein und Stefanie Bötsch über die Geschichte des Rauschs und fragen, wie die Gesellschaft kompetent mit Drogen umgehen kann. Moderiert von Sarah Zerback. www.bpb.de/apuz-podcast
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*Musik*
O-Ton Die Menschen wurden viel zu sehr kriminalisiert für eine Nichtigkeit.
Ob du dir die Birne wegsäufst oder kiffst, es macht keinen Unterschied. Wir brauchen keine Restriktionen.
Sarah Zerback Das ist Marco.
Seit 01. April 2024 ist Cannabis in Deutschland legal und Marco hat das am Brandenburger Tor in Berlin zusammen mit 1500 anderen Menschen gefeiert, wie wir eben in einem Beitrag der FAZ vom 01.04.2024 gehört haben. Während die einen feiern, lehnen andere die Legalisierung kategorisch ab.
Markus Söder Ich finde einfach Cannabislegalisierung in der Dimension auch, die gemacht wurde,
ich glaube, in Holland kann man fünf Joints, in Deutschland sind es dann… nein 15 Joints sind erlaubt, in Deutschland 75. 75 Joints, wie sieht man denn da aus, Frau Maischberger? Das ist doch ein Wahnsinn.
Sarah Zerback Das sagt Bayerns Ministerpräsident Markus Söder in der Sendung „Maischberger“ vom 08. April .
Die Teillegalisierung von Cannabis reiht sich ein in eine Drogenpolitik, die seit Anfang der 1990er Jahre in eine Richtung weist: von sehr restriktiv hin zu eher akzeptierend. Das liegt nicht daran, dass Drogenkonsum generell unproblematisch wäre, sondern daran, dass Verbote von vielen als erfolglos angesehen werden.
Wir fragen in dieser Folge danach, warum bestimmte Rauschmittel beziehungsweise „psychoaktive Substanzen“ eigentlich verboten sind und wie wir als Gesellschaft kompetenter mit Drogen umgehen können. Hier ist der Podcast „Aus Politik und Zeitgeschichte“ und ich bin Sarah Zerback, Journalistin beim Deutschlandfunk.
Und hier bin ich jetzt neu dabei und freue mich, diesen Podcast zu hosten. Für diese Folge habe ich mit der Historikerin Helena Barop darüber gesprochen, wie sich der gesellschaftliche Blick auf Drogen historisch verändert hat. Außerdem erklärt der Soziologe und Kriminologe Henning Schmidt-Semisch, wie sich die deutsche Drogenpolitik gewandelt hat.
Und wie man gerade Jugendliche vor einem problematischen Drogenkonsum schützen kann, dazu hören wir Kinder- und Jugendpsychiater Frank Köhnlein und die Suchttherapeutin Stephanie Bötsch. Wenn Sie sich nach dem Hören tiefer mit dem Thema befassen wollen, finden Sie die Zeitschrift „Aus Politik und Zeitgeschichte“ zum Thema „Rausch und Drogen“ auf bpb.de/apuz.
Und übrigens Es gibt zu jeder Folge ein Transkript.
Das finden Sie in der bpb-Mediathek oder als Link in den Shownotes. *Musik* Menschen nehmen schon immer Rauschmittel zu sich – aus den verschiedensten Gründen. Um sich spirituell in einen anderen Bewusstseinszustand zu versetzen oder als Arznei zur Bekämpfung von Schmerzen, zur Leistungssteigerung oder einfach aus Spaß am Rausch.
Dass dabei einige Drogen in unserer Gesellschaft erlaubt sind und andere nicht, hängt nicht nur damit zusammen, wie gefährlich sie sind: Alkohol und Tabak zum Beispiel machen stark abhängig und durch ihren Missbrauch sterben jedes Jahr zehntausende Menschen in Deutschland, trotzdem sind sie für Erwachsene frei verfügbar.
Wieso manche Drogen verboten sind und andere nicht, das wollte ich von Helena Barop wissen. Sie ist Historikerin und hat das Buch „Der große Rausch“ über die Geschichte der globalen Drogenpolitik geschrieben. *Musik*
Sarah Zerback Helena Barop, vielleicht fangen wir doch tatsächlich mal damit an, wie alles begann.
Was ist denn der Startpunkt fürs Drogennehmen? Gibt es vielleicht sogar eine Art von Urdroge?
Helen Barop Drogen nehmen - da ist jetzt die Frage, was man unter Drogen versteht.
Also Menschen nehmen schon seit Menschengedenken, sagt man immer gerne, Rauschmittel zu sich oder verschiedene Substanzen, mit denen sie ihr Bewusstsein verändern. Da gibt es schon super früh, tausende Jahre vor Christus die ersten Nachweise, sowohl bei Pilzen als auch bei Mohn beziehungsweise Schlafmohn vor allem, aber ich würde das was da passiert jetzt noch nicht direkt unter Drogenkonsum fassen, weil der Drogenbegriff, den wir kennen, ist ein relativ spezieller und das ist, glaube ich, ziemlich wichtig zu verstehen, dass der eben, viel mit unserer modernen Zeit zu tun hat.
Sarah Zerback Wie würden Sie das denn nennen, was damals passiert ist?
Helen Barop Also, ich würde entweder die die spezielle Substanz nennen, die da genommen wurde
oder würde mich mit dem Zweck beschäftigen. Also ging es da um Heilung, ging es um Schmerzstillung, ging es um Rausch? Oder ging es eben um das, was man vielleicht allgemein manchmal als schamanische Zusammenhänge bezeichnen würde. Aber das alles in einen Topf zu werfen, macht nicht so viel Sinn. Und dass wir das alles in einen Topf werfen, ist eine relativ neue Entwicklung und die fängt eigentlich erst im 19. Jahrhundert an.
Als Drogen und Medikamente noch das Gleiche waren. Also, am Anfang des 19. Jahrhunderts konnte man einfach in die Apotheke gehen und da alles mögliche einfach über den Ladentisch, ohne jedes Rezept bekommen. Kokain als es entwickelt war, später Morphium, Heroin. Und diese Substanzen wurden damals eben Drogen genannt, so wie andere Arzneimittel auch.
Und in Deutschland hat sich das dann so auseinanderdividiert, dass man in Deutschland irgendwann angefangen hat zwischen Medikamenten und Drogen zu unterscheiden. Medikamente sind die Guten, die man wegen einer medizinischen Indikation zu sich nimmt und Drogen sind die Bösen, die man aus irgendwelchen anderen Gründen missbraucht.
Und in Amerika ist diese Unterscheidung ja immer noch nicht so ganz klar. Da sagt man ja immer noch, Drugstore, wenn man Medikamente kaufen geht. Und deswegen, das zeigt eigentlich ganz gut den Zusammenhang, in dem Drogen heute verstanden werden. Drogen sind eigentlich ehemalige Medikamente, die in Verruf geraten sind, aus unterschiedlichen Gründen und inzwischen nun also verboten sind und von denen wir finden, für die gibt es jetzt keine Indikationen mehr, die wir in Ordnung finden.
Sarah Zerback Das heißt also, es hat weniger mit der Droge und der Rauschwirkung an sich zu tun,
ob man jetzt sagt, was erlaubt ist und was verboten ist, sondern das hat jemand bewusst so festgelegt und hatte auch ein Motiv dafür?
Helen Barop Ja, aber das klingt jetzt schon wieder viel zu geplant und rational,
denn tatsächlich gibt es keine nachvollziehbare, einheitliche Art zu unterscheiden: Was sind denn jetzt die Drogen und was sind die Medikamente. Wenn man das alles mal nebeneinander legt und wirklich ehrlich pharmakologisch sich anguckt, was sind die Nebenwirkungen, was sind die Wirkungen, was sind die Gefahren, wie groß ist das Suchtpotenzial, all diese verschiedenen Kategorien, die einem so einfallen, wird man erkennen, dass es total widersprüchlich ist.
Dass zum Beispiel Alkohol deutlich mehr Menschen schneller abhängiger macht als Cannabis oder dass zum Beispiel LSD und Psilocybin, also Magic Mushrooms, Stoffe sind, die im Körper quasi keinen Schaden anrichten, sondern wenn überhaupt dann psychische Probleme machen und wenn man da mal sozusagen die ganzen Zahlen nebeneinander legt und sich sozusagen verschiedene Fragen nach den Gefährlichkeiten stellt, sieht man, dass es da eine ganz große Widersprüchlichkeit gibt, dass manche Dinge, die sehr gefährlich sind, weiterhin erlaubt sind in unseren Gesellschaften, im Westen und andere, die eigentlich nicht so gefährlich sind, sind trotzdem verboten und das hat eben nicht einfach mal irgendwann eine Expertenkommission entschieden,
sondern das ist ein langer, verwickelter politischer Prozess, der besteht aus vielen einzelnen kleinen Entscheidungen in verschiedenen historischen Momenten. Und mit medizinischen Zusammenhängen, mit dem Gesundheitsschutz hatte das alles sehr viel weniger zu tun, als man sich das heute wahrscheinlich so wünschen würde.
Sarah Zerback Das ist ja interessant.
Der Untertitel Ihres Buchs heißt ja auch „Warum Drogen kriminalisiert werden“. Also ich habe tatsächlich immer gedacht, eben weil sie gesundheitsschädlich sind, aber da klingt jetzt raus, so einfach ist es eben nicht. Wann würden Sie sagen, wann ist das gekippt? Dass die Gefahren so in den Vordergrund und die Verbotsdebatte so in den Vordergrund gerückt sind.
Helen Barop Das ist eine Entwicklung, die aus vor allem von zwei größeren Entwicklungen bestimmt wird.
Einmal wird tatsächlich im Laufe des . Jahrhunderts werden viele Heilpflanzen und Heilkräuter, die vorher eben sozusagen in ihrer natürlichen Form nur zur Verfügung standen, weiterentwickelt in den chemischen Laboren und in den Apotheken, übrigens fast immer in Deutschland, und so wurde dann eben zum Beispiel aus Schlafmohn das Opium.
Das war eben schon sehr lange bekannt, aber aus diesem Opium wurde zunächst Morphium, das ist der Wirkstoff. Und dann wurde aus dem Morphium noch mal durch ein weiteres Verfahren das Heroin gemacht. Das ist ein ganz, ganz gutes Beispiel, um zu zeigen, da wird sowohl die Wirksamkeit sehr stark gesteigert, aber eben auch die Nebenwirkungen, also die Gefahren, die damit einhergehen.
Und so ist das eben bei verschiedenen Substanzen, also bei Kokain ist das so ähnlich. Aber sozusagen durch diese Entwicklung in der chemischen Industrie kommen ganz neue Stoffe überhaupt in die Hände der Menschen, die in dieser Form deutlich mehr mit dem Körper und mit dem Bewusstsein und mit dem Geist machen, als es vorher diese Heilpflanzen getan haben.
Was gleichzeitig passiert, ist eine moralische Debatte, eine Moralisierung dieses ganzen Themas. Das geht los mit den Romantikern. Da ging es auch, am Anfang waren die auch einfach erkältet und haben sich mal das ein oder andere irgendwie als Medikament reingefahren, aber dann haben eben manche von denen bemerkt, dass der die Bewusstseinszustände, die zum Beispiel mit Opiumkonsum oder mit Cannabiskonsum einhergehen, dass die irgendwie auch künstlerisch vielleicht interessant sein könnten oder auf bei der Beschäftigung mit der inneren Welt und mit den Abgründen und mit dem Dunklen und so weiter, was die Romantiker halt alles so cool finden, dass das mit diesen Substanzen gelingen kann, dass man da in neue Welten vorstößt.
Sarah Zerback Was ja erstmal positiv ist.
Helen Barop Genau, die fanden das total interessant und haben darüber eben geschrieben
und dadurch wurde Freizeitkonsum oder das, was wir heute Freizeitkonsum nennen, überhaupt erst erfunden. Also es gab plötzlich eine öffentliche Art der Äußerung darüber, dass man Drogen oder dass man Medikamente, das war ja noch das Gleiche, dass man Medikamente auch nehmen kann, weil es irgendwie Spaß macht oder weil es einen die inneren Leiden vergessen lässt oder weil es einen in andere Welten führt.
Und das war neu. Und hat dazu geführt, dass überhaupt dieser Missbrauchsgedanke auf den Plan trat, denn natürlich gab es nicht nur die Romantiker, sondern es gab es gab sofort auch sozusagen meistens christlich-protestantisch geprägte Kritiker, die gesagt haben, nein, nein, nein, das ist aber nicht okay.
Und das passiert eben vor allem in den USA. Das gibt es auch in Europa diese Debatten, aber ganz intensiv gibt es die in den USA, wo ja auch die Protestanten oder diese Nüchternheitsvorstellungen der Protestanten ganz besonders viel kulturellen Einfluss hatten, auch vor allem in dieser Zeit. Und das muss man erklären.
In dieser Zeit, in den USA war das auch normal, dass sozusagen der Staat sich verstanden hat als so eine Art Erziehungsberechtigter. Der hat sich zum Ziel gesetzt, den einzelnen moralisch zu verbessern. Das ist ja heute nicht mehr so der Fall, ne. Aber diese Art von Sittlichkeitsgesetzen, wie das Drogengesetz auch im Ursprung mal eins gewesen ist, die haben in dieser Zeit Konjunktur, davon gibt es…
also die Prostitution wird verboten, Sexualität wird ganz stark eingeengt, im Sinne, also war auch vorher schon durch die christlichen Kirchen natürlich, ne, aber da gehört eben auch die Drogengesetzgebung dazu und das führt dazu, es geht eben darum, den Einzelnen und sein Erleben zu reglementieren und manche von diesen alten Sittigkeitsgesetzen haben irgendwie überlebt.
Viele davon sortieren wir ja nach und nach aus. Also es gibt ja neue Gesetze zu Sexualität. Vieles davon ist sozusagen längst aus den Akten gestrichen, aber bei den Drogen ist es eben noch nicht ganz der Fall, weil wir da immer noch das Gefühl haben in der gesellschaftlichen Debatte, es würde um die Gesundheit gehen.
Und wenn man sich's genauer anguckt, sieht man aber, nein, es geht sehr stark um moralische Zusammenhänge. Es geht immer noch sehr stark um Rassismus. Das ist noch ein anderer Aspekt, der auch da im 19. Jahrhundert eine sehr wichtige Rolle spielt.
Helen Barop Und es geht eben nicht so sehr darum, den Einzelnen irgendwie zu schützen.
Sarah Zerback Inwiefern geht es da auch um Rassismus?
Helen Barop Rassistische Motive spielen im 19. Jahrhundert und dann auch im 20. Jahrhundert eine sehr wichtige Rolle dabei,
welche Substanzen wie stark verfolgt werden und überhaupt auf den Radar geraten. Also man muss sich vorstellen, am Anfang ist es nicht die Drogen, sondern am Anfang geht es erst mal um Opium, ja? Und dann geht es später, sozusagen ganz langsam wird es ausgeweitet. Dann geht es am Anfang um Opium und dann geht es um die Opium-Derivate, also Morphium, Heroin, dann kommt noch Kokain dazu und das liegt jeweils daran, dass es eine Gruppe gibt, die diese Droge konsumiert und die in der vor allem eben in der amerikanischen Gesellschaft nicht wohlgelitten ist.
Das geht los mit den chinesischen Einwanderern im 19. Jahrhundert. Man kennt das vielleicht noch aus den Chinatowns. Diese chinesischen Einwanderer waren um die ganze Welt aus dem chinesischen Reich ausgewandert und ihre billige Arbeitskraft hat natürlich den anderen Leuten, den anderen Arbeitern, die es da vorher schon gegeben hatte, nicht so gefallen und in Kombination damit, dass sie dann eben auch noch anders aussahen gab es da ganz starke Ablehnung dieser Leute.
Das gab einen ganz starken, rassistischen Diskurs. Und der hat sich dann eben vermischt mit der Angst vor Opium. Diese Männer, diese chinesischen Arbeiter haben nämlich in Chinatown eben, manche von denen die Opiumpfeife geraucht, so wie es in China schon in dieser Zeit sehr weit verbreitet war. das führt dazu, dass in den USA gibt es dann eine wahnsinnig große Angst vor den Opiumhöhlen der Chinesen und es gibt die Vorstellung, dass die ganze unschuldige amerikanische Jugend jetzt von diesem bösen chinesischen Einwanderern in diesen Opiumhöhlen irgendwie verführt und moralisch degeneriert wird, ja.
Und das führt aber am Ende dazu, dass, weil man die Chinesen nicht so gut verbieten kann, verbietet man erst mal das Opium. Und das führt dazu, dass man eben auf diese Communitys mehr Zugriff hat und das ist dann wieder was, was später ganz oft wiederholt wird, dass man sozusagen mit Hilfe von Drogengesetzen auf spezifische Gruppen Zugriff erlangt und dieses Muster wiederholt sich dann immer wieder.
Zunächst im 20. Jahrhundert mit den Afroamerikanern und dem Kokain, später in den Achtzigern, das kennt man vielleicht mit den Afroamerikanern und dem Crack. Und genau so wiederholt sich dieses Muster immer wieder.
Sarah Zerback Und das ist ein Muster, das sich dann auch die Deutschen abgeguckt haben
oder wie ist dann diese Verbote, wie sind die nach Deutschland gekommen?
Helen Barop Diese Verbote kommen nach Deutschland zunächst mal gegen den Willen der Deutschen.
Also es wird Anfang des 20. Jahrhunderts eine Opiumkommission einberufen von einem amerikanischen Bischof, der betreibt das und fängt an, internationale Diplomatie zu betreiben zu dem Thema. und über diese Opiumdiplomatie kommt dann dieses Thema in alle Welt. Die USA werden ja dann immer mächtiger in der Zeit.
Die Deutschen sind am Anfang ganz reserviert, die wollen gar nicht unbedingt da mitmachen, weil sie eben so eine starke Pharmaindustrie haben und deswegen gar nicht interessiert an Regulierungen sind. Aber die Deutschen verlieren den Ersten Weltkrieg. Und dann heften die Alliierten da einfach die erste Opiumkonvention hinten dran an den Versailler Vertrag.
Und Deutschland muss die dann verabschieden und deswegen muss Deutschland dann eben auch in den 20erjahren das erste Opiumgesetz verabschieden, ohne dass es in Deutschland irgendeinen nennenswertes Drogenproblem geben würde in der Zeit.
Sarah Zerback Und dann kommen aber genau die Sechziger, Siebziger
und da kann man ja nicht mehr sagen, dass Deutschland kein Drogenproblem hätte. Da ist ja die Welle doch eine ganz andere gewesen. Was ist da passiert?
Helen Barop Ja, tatsächlich wird verändert sich was in den 60er Jahren,
weil die Hippies und die Gegenkulturen, erst in den USA, aber auch in Europa Drogenkonsum als Protestmittel benutzen. Das heißt, es geht darum zu zeigen, wir sind anders, wir wollen anders leben, wir machen nicht mehr mit bei diesem ganzen Konformismus und bei diesen ganzen strengen Sittenregeln und sie suchen sich eine Art des Protestes, der schon immer besonders gut geeignet war, um die eigenen Eltern zu ärgern und das war Drogenkonsum, vor allem übrigens der Konsum von Cannabis und von psychedelischen Drogen.
Und diese Protestform hat tatsächlich dazu geführt, dass sich die Eltern sehr geärgert haben. Sie hat aber auch dazu geführt, dass vor allem in den USA zunächst, die politischen Konservativen sich gesagt haben, ah ja okay, wenn ihr jetzt Drogen nehmt, dann haben wir wieder einen Henkel, an dem wir euch zu packen kriegen.
Dann können wir euch auch von der Straße holen, wenn ihr zum Beispiel zu viel protestiert. Und deswegen fängt dann der War on Drugs im Prinzip an. Das ist erstmal eine innenpolitische Geschichte. Und die überträgt sich eben auch auf Europa. Also auch in Europa wird Drogenkonsum verwendet, um Protest auszudrücken und auch in Europa kommt dann das erste Prohibitionssystem.
Und übrigens, die große, sogenannte Heroinwelle kommt erst danach. Also nicht in den 60ern gibt es schon massenweise Leute, die sozusagen in so einem Milieu sind, also massenweise ist auch danach falsch, aber es gibt danach dann schon einige tausend Betroffene in den 70er, 80er Jahren, als diese Prohibition übrigens dann schon in Kraft getreten ist, in Deutschland auch.
gibt es dann Leute, die sozusagen mit ihrem Drogenkonsum eine Art Fulltime-Konsum entwickeln und nicht mehr so leicht, also die aus der Gesellschaft rausfallen. Und man könnte eben argumentieren, das liegt nicht nur daran, dass sie diese Drogen nehmen, sondern das liegt vor allem auch daran, wie die Gesellschaft mit diesem Drogenkonsum umgeht.
Sarah Zerback Also könnte man es umdrehen anstatt zu fragen:
Was machen Drogen mit der Gesellschaft, könnten wir fragen, zu welchen Drogen treibt uns die Gesellschaft?
Helen Barop Ja, also man muss auf jeden Fall fragen, das ist sowieso die Frage, die mich am meisten interessiert,
was steht eigentlich hinter problematischem Drogenkonsum? Dazu ist übrigens der wichtigste Fakt, dass der allermeisten Drogenkonsum, der passiert, ja unproblematisch ist. Die Leute, die einfach einen Rausch erleben wollen und dann gehen sie wieder nach Hause und sie tun keinem was dabei, die interessieren mich ehrlich gesagt überhaupt nicht als Opfer, sondern die sind keine Opfer, sondern die sind höchstens Opfer der Kriminalisierung, aber die haben keinem was getan und ich finde, es gibt keinen Grund in der liberalen Gesellschaft, diese Leute zu verfolgen Die Leute, um die man sich kümmern müsste, sind die Betroffenen, also die, die ich immer Betroffene nenne, nämlich Leute, die tatsächlich Probleme entwickeln und diese Leute typischerweise haben die auch noch andere Probleme.
Also, die nehmen nicht eine Droge und vorher war alles in Ordnung und dann nehmen sind einmal eine Droge und dann geraten sie auf die schiefe Bahn und dann ist es für immer alles vorbei, so wie es immer suggeriert wird. Sondern das sind Leute entweder mit massiven, psychischen Vorerkrankungen, die nicht ordentlich behandelt werden, aus welchen Gründen auch immer, oder das sind Leute mit Traumata oder das sind Leute in unter wahnsinnig schwierigen, sozialen Lebensumständen.
Das sind Leute, könnte man auch zusammenfassen, denen es total dreckig geht und die keine andere Lösung finden für ihr Problem. Und wenn wir uns wirklich fragen wollen würden, wie können wir diesen Drogenkonsum, diesen problematischen Drogenkonsum verhindern, dann müssten wir uns fragen, wie können wir uns besser um psychische Erkrankungen kümmern?
Wie können wir besser Traumata vorbeugen? Wie können wir uns besser um unsere Kinder kümmern und so weiter? Also dann kommen so - dann gehen sozusagen sofort die ganz großen Probleme unserer Gesellschaft auf. Und das ist, glaube ich, mit ein Grund dafür, dass diese Drogengesetze immer noch so, sagen wir mal so angenehm sind für viele, weil die Drogengesetze implizieren ja, dass der Einzelne selber schuld ist an seinem Elend und dass man ihn dann dafür bestrafen kann.
Sarah Zerback Helena Barop, vielen Dank für die Zeit und für das Interview.
Helen Barop Vielen Dank.
*Musik*
Sarah Zerback Helena Barop eben hat von einem „Prohibitionssystem“ gesprochen, das sich in Europa etabliert hat.
In Deutschland wurde Anfang der 1970er das Betäubungsmittelgesetz eingeführt, davor hieß das noch Opiumgesetz – und über die nächsten Jahre verschärft. Unter dem neuen Gesetz wurden mehr und mehr Substanzen verboten und die Höchststrafe für Drogendelikte erst auf zehn und in den 80ern dann auf 15 Jahre erhöht.
Henning Schmidt-Semisch ist Soziologe und Professor am Fachbereich Human- und Gesundheitswissenschaften der Universität Bremen. Er sieht die damalige restriktive Drogenpolitik sehr kritisch
Henning Schmidt-Semisch Ja, in den 70er, 80er Jahren war man der Überzeugung,
es muss den Leuten erst ganz dreckig gehen, bevor sie Hilfe in Anspruch nehmen. Also, man hat sozusagen die Verelendung, die wir später gesehen haben in den Bildern überall, die hat man sozusagen durch so eine Leidensdruckpolitik forciert, eben weil man der Überzeugung war, erst wenn die Menschen in der Gosse liegen, haben sie eine entsprechende Motivation, sich da auch wieder rauszuziehen, eine Therapie zu machen und ja, wieder zu gesunden.
Sarah Zerback Die strikte Anti-Drogenpolitik führt in den 80er Jahren zu einem großen gesundheitlichen und sozialen Elend bei den Betroffenen.
Henning Schmidt-Semisch Und dann fing allmählich an, dass Leute gesagt haben oder Wissenschaftler und Drogenarbeiterinnen und so weiter gesagt haben
Das kann es doch eigentlich nicht sein. Wir müssen mit diesen Menschen anders umgehen. Wir brauchen, eine Akzeptanz dieses Drogenkonsums, um überhaupt mit ihnen in ein Gespräch zu treten, was sie in irgendeiner Form aus dieser Situation möglicherweise herausbekommt, und dann fing man langsam an, diese neueren akzeptierenden Formen der Drogenhilfe zu installieren.
Sarah Zerback In den USA war damals bereits die Methode der Methadonsubstitution erfolgreich.
Dabei wird Methadon als Ersatz für Heroin verabreicht: Der Stoff sorgt dafür, dass die Entzugssysmptome schwächer werden, es gibt aber keinen Rausch. Zunächst war das in Deutschland aber gar nicht erlaubt und es wurden verschiedene Stimmen laut, die sich dafür eingesetzt haben, dass sich die Drogenpolitik neu ausrichtet.
Henning Schmidt-Semisch Diese politische Veränderung ging aus, einerseits von einigen wenigen Ärzten,
die vor allen Dingen am Anfang dieser Entwicklung zur Methadonbehandlung standen, zum Teil ja auch immer mit einem Bein im Gefängnis am Anfang, also die wirklich drangsaliert wurden in den 80er Jahren auch noch, aber das Elend eben gesehen haben in ihren Praxen und sagten, wir haben so eine wunderbare in Amerika etablierte Behandlungsform, wieso können wir das nicht auch hier einführen?
Also das war so eine Gruppe, Ärzte. Dann gab es die Leute, die mit den Drogen Konsumierenden gearbeitet haben als Sozialarbeiterinnen und so weiter, die gesagt haben, das Elend kann niemand so verantworten und es gibt die anderen Möglichkeiten. Es gab eine breite wissenschaftliche Diskussion seit Ende der 80er auf jeden Fall, Anfang der 90er Jahre, die große Zweifel daran gesät hat, dass die Prohibition die Ziele erreicht, die sie erreichen will.
Und es gab immer auch Ökonomen, die gesagt haben, Schwarzmarkt ist eine lukrative Sache. Ihr kriegt das Drogenproblem mit Verboten nicht geregelt. Ihr treibt nur den Preis in die Höhe und sozusagen unterstützt den schwarzen Markt und wenn man so will, auch das organisierte Verbrechen. Und dann gab es noch so eine Gruppe von Leuten, die einfach so ein bisschen eine liberale Auffassung hatten davon, dass eigentlich jeder Mensch das Recht haben soll, na ja, jetzt platt gesagt, die Droge zu konsumieren, die er konsumieren möchte und die nicht so richtig gesehen haben, was es legitim macht auf der einen Seite, dass den Alkohol legal zu haben und auf der anderen Seite zum Beispiel Cannabis, das ist ja die aktuelle Diskussion jetzt gewesen, Cannabis zu verbieten und die Menschen ins Gefängnis zu werfen.
Sarah Zerback Ein wichtiger Schritt in der akzeptierenden Drogenpolitik war, dass man Drogenkonsumräume eingeführt hat,
den ersten gab es 1994 in Hamburg. Da können Menschen in einem relativ geschützten Raum Drogen konsumieren, aber auch Hilfe in Anspruch nehmen, wenn sie etwa keinen Platz zum Schlafen oder nichts zu essen haben, oder einen Weg suchen, aus dem Drogenkonsum rauszukommen. Ein anderes Angebot, das es erst seit 2023 gibt und nur vereinzelt in Deutschland, ist das sogenannte Drug Checking Hier werden die Inhaltsstoffe der Droge überprüft, denn viele illegale Drogen werden verunreinigt verkauft.
Henning Schmidt-Semisch Wenn ich hier in meinen Supermarkt gehe, dann gucke ich auf die Alkoholflaschen und da steht dann drauf,
Schnaps hat 40 Prozent, Bier hat 5,6 Prozent, Wein hat 12-14 Prozent. Ich kann also relativ gut sagen, was ich da kaufe, was ich zu mir nehme, wie viel wirksamer Stoff da drin ist. Habe dann eben auch vielleicht entsprechende Erfahrungen mit diesen Getränken und bin insofern schon qualitätsmäßig informiert.
Wenn ich das auf dem illegalen Markt kaufe, weiß ich nie, was ich bekomme, ob ich da 5 Prozent Kokain drin habe oder 95 Prozent in dem Stoff, den ich kaufe, Und dann kann ich natürlich gar nicht kompetent damit umgehen, weil ich gar nicht weiß, was ich da gekauft habe sozusagen. Und auch nie vorhersehen kann, wie genau diese Sache dann eben auch wirkt.
Sarah Zerback Und eben weil es kaum Qualitätskontrollen gibt, bringt das wahnsinnig viele Gefahren mit sich, Drogen illegal zu konsumieren, bis heute.
Laut Bundeskriminalamt sind 2022 dadurch fast 2000 Menschen ums Leben gekommen. Das ist der höchste Wert seit 20 Jahren. Und auch das Verbot ändert nichts daran, dass die Nachfrage in Deutschland ständig steigt, zum Beispiel nach Kokain. Und dieser wachsende Markt der ist nicht nur gefährlich für die Konsumentinnen und Konsumenten, er ist auch ein globales Problem Über illegale Handelsrouten wird das Kokain massenweise von Südamerika nach Rotterdam, Antwerpen oder Hamburg verschifft.
In Europa werden weltweit einfach die höchsten Preise gezahlt. Und die Folgen sind organisierte Kriminalität, Gewalt, zerstörte Ökosysteme und Ausbeutung. Um dagegen vorzugehen, arbeitet die Bundesregierung mittlerweile auch mit Sicherheitsbehörden am anderen Ende der Welt zusammen, zum Beispiel in Peru.
Dieser globale Zusammenhang fügt dem Drogenkonsum eine weitere, ethische Dimension hinzu. Der Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Burkhard Blienert, sagt dazu, Zitat: „Jedes Gramm Kokain, das nicht konsumiert wird, finanziert nicht das Organisierte Verbrechen, korrumpiert nicht die Staaten Mittelamerikas, verseucht nicht die Umwelt der Produzentenländer und gefährdet keine Menschenleben“.
Vielleicht gehört auch ethischer Konsum am Ende zu dem, was Henning Schmidt-Semisch als Drogenkonsumkompetenz beschreibt: gut informiert zu sein über die Gefahren und Risiken und verantwortungsbewusst damit umzugehen. *Musik*
Sarah Zerback Jetzt haben wir viel darüber gesprochen, wie sich die Drogenpolitik in der Vergangenheit entwickelt hat
und wie sie sich auf den Konsum vor allem illegaler Drogen auswirkt. Kommen wir nochmal zurück zum Cannabis. Da ist ein zentraler Punkt in der Diskussion ja der Kinder- und Jugendschutz. Schauen wir uns kurz die Fakten an: Die Teillegalisierung von Cannabis heißt, dass Erwachsene zu Hause maximal drei Pflanzen bzw. 50g Cannabis besitzen dürfen, 25g darf man pro Person in der Öffentlichkeit dabei haben und dann in bestimmten öffentlichen Bereichen konsumieren.
Cannabis anbauen und abgeben dürfen vorerst nur sogenannte Cannabis-Clubs, die auch keine Werbung machen dürfen. All das gilt nicht für Minderjährige. Die dürfen weiterhin kein Cannabis besitzen, erwerben oder anbauen. Und auch Cannabis an Jugendliche zu verkaufen, bleibt strafbar. Das Gesundheitsministerium hat mit dem neuen Gesetz gleichzeitig auch eine Aufklärungskampagne gestartet, die vor allem die Risiken für Jugendliche thematisiert.
Frank Köhnlein Das durchschnittliche Einstiegsalter ist 14,5 Jahre.
Also die fangen dreieinhalb Jahre quasi vor der Legalschwelle fangen die bereits an zu kiffen und die kritischen Konsumentinnen und Konsumenten, die sind mit 18 schon längst in den Brunnen gefallen. Das sagt der Kinder- und Jugendpsychiater Frank Köhnlein. Er findet es gerade jetzt wichtig, über die Gefahren von Cannabiskonsum aufzuklären, also jetzt, wo die Droge durch die Legalisierung wahrscheinlich an gesellschaftlicher Akzeptanz gewinnt.
Gerade bei jungen Menschen wirkt sich Cannabiskonsum sehr negativ aus, eben weil sich das Gehirn bei ihnen noch entwickelt
Frank Köhnlein Man muss sich das ein bisschen vorstellen, wie wenn man eine Stadt aufbauen möchte und überlegt,
wo ist der Marktplatz und wo ist das Krankenhaus und wo ist das Rathaus und wo ist die Schule, wo ist das Theater? Also quasi verschiedene Teile des Gehirns werden miteinander vernetzt und man überlegt dann, wie komme ich am schnellsten vom Rathaus ins Theater oder ins Museum und das macht das Gehirn in einer rasenden Geschwindigkeit, aber es braucht halt trotzdem länger als bis zum 18. Lebensjahr dafür.
In der Regel braucht es bis Mitte zwanzig. Es wird immer so gesagt, um 25 rum. Bei manchen ist es mit 22 und bei anderen mit 28 abgeschlossen. Und in der Zeit formt das Gehirn sozusagen die Breite der Straßen oder der Verbindungen dazwischen und offensichtlich sind an diesen Prozessen eben auch die Cannabinoid-Rezeptoren, die wir im Gehirn haben, sehr wesentlich beteiligt und das ist eben das Tragische, dass die durch das Cannabis besetzt werden und möglicherweise diese Bahnung dann eben schiefläuft und das führt dann dazu, dass man nachher vielleicht eben gerade dort, wo man eine Bundesstraße braucht, keine Bundesstraße hat, sondern nur ein holprigen Feldweg.
Sarah Zerback Die Konsequenz ist: Das Gehirn wird langsamer, das kann sich an Wortfindungsproblemen zeigen oder an Verständnisschwierigkeiten.
Köhlein Ich habe gestern mit einer Jugendlichen geredet.
Die hat gesagt Wenn ich gekifft habe, habe ich mich gehasst eigentlich, weil ich gemerkt habe, wie dumm ich geworden bin.
Sie ist natürlich nicht dumm geworden, aber sie hat gesagt Ich habe sogar während dem Kiffen habe ich noch nachgedacht, was mache ich denn da gerade? Ich blockiere sozusagen mein eigentlich doch geniales Gehirn, ich brauche für alles einfach viel länger.
Sarah Zerback Eben wegen all dieser Gefahren ist die Teillegalisierung von Cannabis, auch wenn sie für Minderjährige gar nicht gilt,
für Frank Köhnlein ein völlig falsches Signal. Aber er beobachtet auch, wie die Jugendlichen, die er in seiner Praxis in Basel betreut, darauf reagieren.
Frank Köhnlein Kritische Jugendliche, die die bei mir in der Therapie sitzen, die sagen auch, das wäre jetzt zu kurz gegriffen,
wenn man sagt, „in Deutschland ist es ja erlaubt, also kann es nicht gefährlich sein.“ Die Jugendlichen, mit denen man spricht, die realisieren dann schon, dass das Zeug nicht einfach nur high und super ist, sondern dass das eben auch gefährlich ist. Trotzdem eine gesellschaftliche Entstigmatisierung dieser Substanz ist meines Erachtens das falsche Signal, aber ich bin kein Soziologe.
Ich bin Kinderpsychiater und arbeite mit einzelnen, und mit dem Einzelnen musst du dann halt sagen, nur weil die Gesellschaft was erlaubt hat, ist es nur noch lang nicht ungefährlich. Oder in Deutschland habt ihr keine Tempobegrenzungen, nur weil es erlaubt ist mit 260 zu fahren, ist es noch lang nicht ungefährlich.
Sarah Zerback Frank Köhnlein erwartet nicht, dass die Legalisierung am Ausmaß des Cannabiskonsums viel verändert.
Einen Anstieg gibt es besonders unter Jugendlichen sowieso schon. Aber er findet, man hätte die Altersgrenze ruhig höher als bei 18 Jahren ansetzen können. Und die Legaisierung insgesamt langsamer umsetzen müssen. Umso wichtiger sei Prävention und auch Information, um junge Menschen besser vor den Gefahren zu warnen.
Gut wäres es gewesen, das rechtzeitig anzuschieben, nämlich vor der Legalisierung. Das aber habe man in Deutschland verpasst, sagt Köhnlein. Und bessere Konzepte für die Prävention die bräuchte es auch.
Frank Köhnlein Eine Prävention, die zeigefingerig daherkommt und den Jugendlichen sagt, was alles Schlimmes passieren kann,
die ist gut gemeint, erreicht die Jugendlichen aber nicht. Während wenn der Jugendliche sagt, ich finde meine Wörter wiede,r seit ich vor zwei Wochen oder drei Wochen aufgehört habe zu kiffen, und es ist so geil, dann ist es was, was wahrscheinlich viel viel mehr bringt, als meine klugen Ratschläge oder meine medizinischen Weisheiten.
Und wo diese Erfahrungen eben nicht da sind, da wäre ich wirklich sehr, sehr dafür, Jugendliche, die Erfahrung gemacht haben, soweit auszubilden, dass die quasi als Peers in den Klassen auftreten können und mal sagen können, wie es ihnen damit gegangen ist, wie cool das einerseits war oder anfangs war und wie elend und jämmerlich und auch peinlich das nachher war oder vielleicht wie beschämend das nachher war, dass die ganze Karawane an dir vorbeigezogen ist und du stehengeblieben bist, irgendwie mit deinem blauen Dunst.
Das ist meistens eindrucksvoller. *Musik*
Sarah Zerback Aufklärung – das ist auch das Stichwort für die Arbeit von Stefanie Bötsch.
Sie ist Suchttherapeutin und erklärt in ihrem Podcast „Psychoaktiv“ wissenschaftsbasiert die Wirkung von Drogen. Auch, damit Menschen gut informiert den eigenen Konsum überdenken können. Und das erstmal unabhängig vom legalen Status: Es geht zum Beispiel darum, wie sowohl bei Alkohol als auch bei anderen psychoaktiven Substanzen Abhängigkeiten entstehen.
Stephanie Bötsch Wir sprechen, wenn wir darüber sprechen, wie sich eigentlich eine Sucht entwickelt, über das biopsychosoziale Modell.
Das heißt, man geht davon aus, dass sowohl biologische als auch psychologische als auch soziale Faktoren eine Rolle spielen.
Kleines Beispiel dazu Biologischer Faktor kann zum Beispiel sein, dass schon die Eltern getrunken haben
und man hat eben festgestellt, dass es durchaus genetische Komponenten haben kann, wenn man eine Abhängigkeitserkrankung entwickelt, dass das eben vorliegt. Oder ein sozialer Aspekt fällt mir jetzt ganz spontan ein, wäre zum Beispiel, wenn man in einem extremst konsumfördernden Umfeld lebt, wie zum Beispiel aufm Dorf, in dem einfach extremst viel gesoffen wird, wenn man das mal so sagen darf, und dementsprechend niemand den eigenen Konsum auch irgendwie kritisch hinterfragt, sondern der im Gegensatz eher so gefördert wird, angefeuert wird.
Und psychologisch, das können auch ganz viele verschiedenen Faktor sein, zum Beispiel dass man eher Angst hat in sozialen Gruppen zu sprechen und der Alkohol einem hilft, dann in den Gruppen zu sprechen und dass man das dann sozusagen damit überwinden kann.
Sarah Zerback Diese Faktoren erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass jemand von Drogen abhängig wird.
Aber wann ist man überhaupt abhängig? Stephanie Bötsch erklärt, anhand welcher Merkmale eine Abhängigkeit festgestellt werden kann.
Stephanie Bötsch Das sind insgesamt sechs Kriterien.
Das ist die Toleranzentwicklung, also dass man immer mehr braucht, um den gleichen Effekt zu erzielen, das Craving, also ein starkes Verlangen nach der Substanz, Entzugssymptome nach dem Absetzen, dass man konsumiert, obwohl man schon negative Auswirkungen hat, zum Beispiel weil man schon einen Job verloren hat oder gesundheitliche Probleme bekommt.
Eine geminderte Kontrolle über Anfang Ende und die Menge und die Vernachlässigung anderer Aktivitäten, zum Beispiel, dass man plötzlich nicht mehr ins Training geht, dass man eigentlich so gerne gemacht hat und lieber konsumiert.
Sarah Zerback Wenn man jetzt seinen eigenen Konsum reflektieren möchte, sind diese Merkmale aber ziemlich sperrig,
findet Stephanie Bötsch und empfiehlt sie da auch einen anderen Weg über einfachere Reflexionsfragen, die man sich stellen kann:
Stephanie Bötsch Und zwar schaut man sich seinen Konsum mal an, am besten für jede einzelne Substanz, die man konsumiert extra
und schaut mal, mit welchem Ziel konsumiere ich die Substanz? So, nehmen wir einfach mal: ich trinke ein Glas Wein abends zur Entspannung. So und dann frage ich mich im zweiten Reflexionspunkt: Hm, was mache ich denn sonst noch, um mich zu entspannen? Und wenn ich dann merke, naja, eigentlich trinke ich nur noch dieses Glas Wein abends zur Entspannung, dann hat sozusagen diese psychoaktive Substanz ja komplett den Themenkomplex Entspannung für mich eingenommen und das ist natürlich ungünstig und führt dann zu einem Ungleichgewicht.
Wenn ich aber merke okay, ich trinke einmal die Woche ein Glas Wein zur Entspannung
und sonst mache ich Yoga, meditiere, rede mit Leuten, gehe zum Sport, dann sieht man ja gleich, dass ich in meinem Leben in der Balance bin. Das heißt, die psychoaktive Substanz, der Konsum nimmt nur einen kleinen Teil von einem Themenkomplex ein.
Sarah Zerback Stephanie Bötsch sagt, dass sich die Prävention von Drogenkonsum nicht allein darauf beschränken sollte,
dass man jetzt Regeln für einzelne Substanzen und aufklärt, sondern gerade bei Jugendlichen muss das viel weiter reichen.
Stephanie Bötsch Dass ganz im Allgemeinen mal geschaut wird, wie macht man ein Leben für Jugendliche lebenswert?
Das hat nicht immer nur was mit der einzelnen psychoaktiven Substanz zu tun, weil wir haben ja auch gerade schon darüber gesprochen, dass Abhängigkeitserkrankungen viel auch darin sich entwickeln, weil man irgendwie versucht, was auszugleichen, weil man unzufrieden ist, irgendwie sich versucht irgendwas auch besser zu konsumieren, dass das ein guter Nährboden ist für Abhängigkeitserkrankungen.
Deswegen macht es ja total Sinn, nicht nur die Kids und Jugendlichen aufzuklären über die einzelnen psychoaktiven Substanzen, sondern dass wir uns ganz im Allgemeinen mit der Frage beschäftigen, was macht ein Leben für Jugendliche lebenswert? Wie können sie ein gutes Leben hier in Deutschland haben, sodass Abhängigkeitserkrankungen einfach ein geringeres Risiko darstellen.
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Sarah Zerback Was wir also mitnehmen können:
1. Drogenverbote wurden im Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts durchgesetzt. Das hatte weniger mit Gesundheit als mit nationalen Interessen im Welthandel und der Kontrolle von Minderheiten zu tun. Das hat Helena Barop erklärt. 2. Im Vergleich zu einem sehr restriktiven Umgang mit Drogen, bietet eine akzeptierende Drogenpolitik Menschen mit starken Abhängigkeiten mehr Möglichkeiten, Hilfe zu bekommen, das betont Henning Schmidt-Semisch.
3. Die Gefahren von Drogenkonsum sollten nicht unterschätzt werden. Gerade auf Jugendliche, deren Gehirne sich noch entwickeln, kann sich der Konsum massiv auswirken, sagt Frank Köhnlein. Prävention von Drogenkonsum funktioniert aber nur dann gut, wenn Jugendliche sich in der Gesellschaft insgesamt sicher und aufgefangen fühlen, das hat Stefanie Bötsch erklärt.
*Musik*
Sarah Zerback Wenn Sie oder einer Ihrer Lieben ein Suchtproblem haben,
können Sie sich anonym an die bundesweite Sucht & Drogen-Hotline wenden. Unter 01806 erhalten Sie Beratung und Hilfe von Fachleuten. Das war „Aus Politik und Zeitgeschichte“. In der gedruckten Ausgabe zum Thema „Rausch und Drogen“ geht es noch um viele andere Aspekte, die wir hier nicht besprechen konnten, zum Beispiel um Drogenbilder in Film und Literatur oder um die Geschichte der Prohibition in den USA.
Den Link dazu finden Sie in den Shownotes. Wir freuen uns natürlich über Feedback zu diesem Podcast. Fragen, Lob, aber auch Kritik können Sie gern an uns schicken an apuz@bpb.de. In vier Wochen erscheint die nächste Folge, dann sprechen wir über Asylpolitik. Mein Name ist Sarah Zerback, bis zum nächsten Mal.
*Musik* Der Podcast „Aus Politik und Zeitgeschichte“ wird von der APuZ-Redaktion in Zusammenarbeit mit hauseins produziert.
Redaktion für diese Folge Gina Enslin, Julia Günther, Jacob Hirsch und Johannes Piepenbrink.
Musik Joscha Grunewald. Produktion: hauseins.
Am Mikrofon war Sarah Zerback. Die Folgen stehen unter der Creative Commons Lizenz und dürfen unter Nennung der Herausgeberin zu nichtkommerziellen Zwecken weiterverbreitet werden.