Capital – der Wirtschaftspodcast· Folge 357

Iran-Krieg: „Im schlimmsten Fall droht uns eine Stagflation“ – Holger Schmieding von Berenberg

Freitag, 6. März 2026 · 22 min

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Shownotes

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Die Anzeichen für eine wirtschaftliche Erholung in Deutschland schienen sich gerade zu mehren – da wirbelte der US-amerikanische Angriff auf den Iran wieder alle Prognosen durcheinander. Vor allem die Blockade des Seeweges durch die Straße von Hormus belastet die Rohstoffmärkte – und damit auch die Preisentwicklung in Deutschland. „Im schlimmsten Fall droht uns eine Stagflation für dieses Jahr, also eine Kombination aus wirtschaftlicher Stagnation und stärker steigenden Preisen“, sagt Holger Schmieding, Chefvolkswirt der Privatbank Berenberg, im Capital Wirtschaftspodcast. Allerdings ist für den Ökonomen ein solches Szenario „nicht unbedingt der wahrscheinlichste Fall“. Entscheidend sei, wie lange die Öl- und Gasttransporte behindert würden. „Wenn die Straße von Hormus in spätestens einem Monat wieder für Gas und Öl geöffnet ist, dann ist das für uns keine große Sache“, sagt Schmieding. „Bleibt die Straße von Hormus für längere Zeit geschlossen, dann wird sich das in Europa vor allem am Preis für Flüssiggas bemerkbar machen.“ Im Podcast erklärt Schmieding, warum Donald Trump ein Interesse hat, den Krieg schnell zu beenden, welche Rolle das Zollurteil des Obersten Gerichtshofes spielt – und ob das Konjunkturprogramm der Bundesregierung schon wirkt.

Eine Produktion von RTL+ Podcast.Host: Nils Kreimeier.Redaktion: Lucile Gagnière.Produktion: Andolin Sonnen. +++Weitere Infos zu unseren Werbepartnern finden Sie hier: linktr.ee/diestundenull +++60 Tage lang kostenlos Capital+ lesen - Zugriff auf alle digitalen Artikel, Inhalte aus dem Heft und das ePaper. Unter Capital.de/plus-gratis
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Ich darf Sie herzlich begrüßen zu einer neuen Folge des Kapital-Wirtschafts-Podcasts. Mein Name ist Nils Kreimeyer und ich bin Redakteur bei Kapital. Es ist schon zu einer Art Muster geworden in den vergangenen Jahren. Immer dann, wenn man gerade hofft, es könnte mal etwas Ruhe einkehren in der globalen Wirtschaft, kommt ein gewaltiger neuer Schlag dazwischen, der alles wieder über den Haufen wirft.

Und sehr, sehr häufig ist ein Mann für diese Schläge verantwortlich und das ist US-Präsident Donald Trump. Ein ähnliches Muster hat sich auch in dieser Woche wieder gezeigt mit dem US-amerikanischen Angriff auf den Iran. Eins muss man natürlich eingangs immer sagen, natürlich ist ein Ereignis wie dieser Angriff zunächst einmal schlimm für die Menschen, die direkt darunter leiden.

Für die Zivilisten, die von diesem Krieg betroffen sind und möglicherweise sogar darin sterben. Aber auch für die Soldaten, die ihn führen müssen. Das sei vorweggeschickt, weil man manchmal vergisst, an diesen grundsätzlichen Umstand zu erinnern. Denn häufig ist ein Krieg natürlich auch etwas, das sehr grundsätzlich auf die wirtschaftliche Entwicklung einwirkt. Das hat der russische Angriff auf die Ukraine gezeigt, aber viele andere Konflikte auch.

Besonders schwer wiegen diese Auswirkungen, wenn sich der Krieg in einer Region abspielt, die zu den weltweit wichtigsten für die Produktion und den Export von wichtigen Rohstoffen gehört. Und das ist in diesem Fall im Nahen Osten ja absolut so gegeben. Ein beachtlicher Teil der internationalen Rohöltransporte geht durch die Straße von Hormuz, die Meerenge am persischen Golf.

Und auch verflüssigtes Erdgas, kurz LNG, wird in dieser Region in großen Mengen hergestellt und auf die Weltmärkte gebracht. Und wie wichtig Gas auch für unsere Volkswirtschaft ist, das haben wir in den vergangenen Jahren sehr eindrücklich gesehen. Wenn jetzt in einer solchen Gegend Krieg herrscht, dann wackeln die Märkte und auch das haben wir in dieser Woche bemerkt.

Und um das Ganze einmal ein bisschen einzuordnen, habe ich mit Holger Schmieding gesprochen. Schmieding ist Chefvolkswirt der Privatbank Bärenberg und einer der erfahrensten Wirtschaftsanalysten in Deutschland. Das kann man, glaube ich, so sagen. Seine regelmäßigen Berichte werden von institutionellen Anlegern, Experten und Beobachtern gelesen.

Und er hat im Laufe der Jahre ein ziemlich gutes Gespür dafür entwickelt, was sich makroökonomisch in Europa und anderen Teilen der Welt tut. Herzlich willkommen, Holger Schmieding, in unserem Podcast. Vielen Dank. Herr Schmieding, es haben sich ja in letzter Zeit so ein bisschen die Anzeichen gemäht, dass die europäische und deutsche Volkswirtschaft dabei waren, sich ein wenig zu erholen, so auch von der Stagnationsphase der vergangenen Jahre.

Und jetzt kommt mitten in diese Stimmung hinein der Angriff auf den Iran, der das alles wieder durcheinander zu rütteln scheint. Ist das jetzt ein Faktor, der das alles wieder zunichte machen kann? Im schlimmsten Fall ja. Im schlimmsten Fall droht uns eine Stagflation für dieses Jahr, aber der schlimmste Fall ist nicht unbedingt der wahrscheinlichste Fall.

Zumindest bei uns zu Hause in Deutschland und auch in Europa sieht es bisher so aus, dass der Aufschwung langsam an Fahrt gewinnt, was vor allen Dingen heißt, außerhalb Deutschlands in Europa geht es noch etwas besser weiter als im vergangenen Jahr. Da lief es ja schon recht gut und Deutschland kommt langsam in Gang.

Das ist der Stand jetzt und dann müssen wir sehen, was der Iran-Konflikt möglicherweise bedeutet. Lassen Sie uns doch, bevor wir sozusagen zu diesen allgemeineren konjunkturellen Rahmenbedingungen kommen, nochmal ganz kurz bei dem Iran-Konflikt bleiben. Ich habe im Zuge der Vorbereitung einen Bloomberg-Text gelesen, in dem es hieß, Europa kann diesen Krieg mehr oder weniger unbeschadet überstehen.

Also wir reden ja immer von den ökonomischen Folgen. Wenn er denn in einem Monat vorüber ist, dann, wenn es länger dauern sollte, könnte es schwierig werden. Ist das eine richtige Einschätzung? Ja, das ist genau unsere Einschätzung. Wenn es einen Monat etwa dauert und dann die Straße von Hormuz wieder für Öl und Gas geöffnet ist, dann ist das für uns keine große Sache.

Dann haben wir zwar jetzt, sagen wir mal, für ein, zwei Monate ein etwas höheres Preisniveau. Wir merken es ja an den Tankstellen. Wir haben dann einen kleinen negativen Vertrauenseffekt. Aber dann würde wahrscheinlich ab Mai die Wirtschaft wieder auf den Kursaufschwung einschwenken. Das würden wir wahrscheinlich im Jahresergebnis dann gar nicht richtig merken.

Wir erinnern uns, im vergangenen Jahr gab es ja den israelisch-amerikanischen Juni-Krieg gegen den Iran. Der hat zwar auch für einige Unruhe gesorgt, hat aber die Wirtschaft nicht durcheinandergewirbelt. Sollte allerdings die Straße von Namuz in einem schlechten Szenario für, sagen wir mal, sechs Monate geschlossen sein, dann hätten wir allerdings für dieses Jahr in Deutschland und Europa Stagflation zu befürchten.

Also praktisch kein Wachstum mit einer deutlich höheren Inflationsrate, die möglicherweise dann in diesem Risikoszenario im Sommer auch mal kurz 4% erreichen könnte. Jetzt haben Sie gerade die Risiken dadurch geschildert, dass die Straße von Hormuz länger geschlossen sein könnte. Welcher Rohstoff spielt denn da die entscheidende Rolle?

Wir haben ja in den vergangenen Tagen Preisanstiege beim Öl gesehen. Wir haben sehr starke Preisanstiege beim Gas gesehen, das ja in Form von Flüssiggas in der Region auch im großen Umfang produziert wird. Und man hat das Gefühl, der Ölpreis ist gar nicht mehr so der entscheidende Faktor. Die Anstiege haben ja so die ersten Befürchtungen gar nicht unbedingt bewahrheitet.

Beide Rohstoffe sind wichtig. Zunächst einmal ist es so, das was wir bei uns als erstes merken, ist, dass der Ölpreis gestiegen ist. Wir haben es bereits an den Tankstellen. Aber nehmen wir mal an, dass die Straße von Nermuz für längere Zeit geschlossen wäre. Dann wäre tatsächlich für uns in Europa der Gaspreis, der Preis für Flüssiggas entscheidend.

Wir sind jetzt zum Glück kurz vor dem Ende der Heizsaison, vor dem Ende des Winters. Wir kommen vorläufig für einige Monate durch mit dem Gas, das wir haben. Aber wir müssen dann natürlich ab Frühjahr im Sommer unsere Gasvorräte für den kommenden Winter auffüllen. Wir wären dann, wenn die Straße von der Moos geschlossen wäre, in kräftiger Konkurrenz mit den Gaspreisen.

Importeuren aus Asien, China, Indien und anderen, das könnte die Preise tatsächlich deutlich hoch treiben. Und das würde dann mit gewisser zeitlicher Verzögerung von drei, vier, fünf Monaten auch bei vielen Verbrauchern ankommen. Auf Dauer wäre Gas das größere Problem, aber kurzfristig kommt es eher auf den Ölpreis an.

Welche Rolle spielt denn jenseits von dem Heizfaktor das Gas für die deutsche Industrie? Also auch da haben wir in den vergangenen Jahren gesehen, dass das durchaus eine starke Auswirkung haben kann, beispielsweise für die Chemieindustrie. Natürlich, Gas ist wichtig für die chemische Industrie. Allerdings ist die energieintensive Industrie ja leider bereits kräftig gebeutelt worden.

Der Ausstoß in den energieintensiven Produktionen in Deutschland, Keramik, Teile der Chemie, ist ja um 25 Prozent niedriger, als erst vor dem russischen Angriff, dem Großangriff auf die Ukraine war. Das wäre immer noch ein Faktor, wenn wir dort einen neuen Anstieg des Gaspreises sehen würden für einige Zeit.

Aber es würde uns nicht mehr ganz so schlimm treffen. Man kann auch sagen, wir haben uns ja schon etwas angepasst nach dem Putin-Schock an den Energiemärkten. Natürlich, es wäre schwierig. Dann lassen Sie uns doch nochmal ganz kurz zu dem anderen Rohstoff kommen, den wir angesprochen haben, nämlich dem Erdöl. Wenn wir ein Ereignis wie diesen jetzigen Krieg, sagen wir vor 20 Jahren gehabt hätten, hätte man sich vorstellen können, dass die Preisausschläge beim Öl noch deutlich höher gewesen wären.

In diesem Fall hat es die Analysten überrascht, dass wir nicht sofort in Richtung 100 Dollar pro Barrel gegangen sind, sondern im Moment ja noch da drunter bleiben. Spielt Öl einfach für die Weltkonjunktur nicht mehr diese ganz entscheidende Rolle, wie vielleicht noch vor 20 Jahren? Das ist eindeutig. Wir sind in der Welt und gerade auch in Europa zwar immer noch abhängig vom Öl, aber weniger als wir es vorher waren.

Die Effizienz des Öleinsatzes, also die Wirtschaftsleistung, die wir bekommen pro Einsatz von Öl, ist deutlich, deutlich besser. Man sieht es ja daran, die Autos haben wesentlich mehr Kilometerleistung pro Liter Benzin. Man sieht es in anderen Regionen. Man sieht es auch zum Beispiel, dass wir jetzt ja jetzt wesentlich mehr erneuerbare Energie haben. Ein Schock wie der jetzige wäre vor 20, 30 Jahren viel, viel schlimmer gewesen.

Dann würden wir vom Risiko einer Rezession sprechen und nicht vom Risiko einer Startplation. Aber nochmals, das für mich wahrscheinlichere Szenario ist, dass die ganz großen Risiken eben gar nicht eintreten, sondern dass wir in, sagen wir, vier Wochen die Lage wieder so unter Kontrolle haben, vor allen Dingen, dass die USA die Lage wieder so unter Kontrolle haben, dass Öl und Gas wieder fließen durch die Straße von heute. muss.

Denn für Donald Trump wäre es sehr, sehr unangenehm, wenn in den USA die Benzinpreise kräftig steigen würden. In den USA sind die Verbraucher ohnehin bereits recht unglücklich über die Inflation, über die hohen Preise. Wir denken an Trumps Zölle. Und vor den Zwischenwahlen zum Kongress im November wäre es für die Wahlchancen von Trumps Republikanern einfach Gift, wenn jetzt durch einen langanhaltenden Konflikt eine langanhaltende Schließung der Straße von Hormuz die Inflation auch in den USA noch einmal nach oben gehen würde.

Das heißt also, Donald Trump hat auch einen Anreiz, die heiße Phase dieses Krieges möglichst schnell abzuschließen? Eindeutig, das ist das, was wir von Anfang an gesagt haben. Am wahrscheinlichsten ist das Szenario, dass Trump einen schnellen Krieg will und dass er schnell versuchen wird, zu einer Lösung zu kommen, wie die dann aussieht.

Und klar, ob er sich mit neuen Machthabern in Teheran einigt, ob es einen Regimewechsel in Teheran gibt oder ob es einfach so ist, dass die USA mit ihrer militärischen Macht schlicht und einfach die Möglichkeiten Irans beschneiden, die Straße von Hormuz zu kontrollieren. Wie es genau gehen wird, wissen wir nicht, aber die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass Trump einen richtigen, richtigen Anreiz hat, genau das zu versuchen, nämlich die Straße von Hormuz bald wieder öffnen zu können.

Jetzt haben Sie gerade das andere große sozusagen weltökonomische Ereignis angesprochen, das wir in diesem Jahr ja schon erlebt haben, nämlich die Zollentscheidung des obersten Gerichtshofs in den USA, die ja im Grunde genommen Donald Trump eingeschränkt hat, in seinen Möglichkeiten kurzfristig Zölle auf andere Länder zu erheben.

Was glauben Sie, in welcher Weise sich das auswirkt, auch auf Europa beispielsweise und auch auf Deutschland? Zunächst einmal ist das natürlich eine gewisse Unsicherheit. Wir hatten ja ein Abkommen mit den USA über Zölle, das für uns nicht gerade vorteilhaft war, aber immerhin eine gewisse Sicherheit gebracht hat.

Dieses Abkommen ist jetzt wieder unklar, was damit wird. Es muss neu verhandelt werden. Aber alles in allem ist wahrscheinlich, dass im Endeffekt die US-Zölle geringer sein werden im Jahresverlauf, als sie es vor dem Entscheid des obersten Gerichtshofes waren. Trump wird daheim in die Schranken gewiesen, auch vom obersten Gerichtshof und das ist letztlich für uns eine gute Nachricht.

Also jenseits einer gewissen Phase der Unsicherheit ist es für unsere Industrie und auch für die US-Verbraucher gut, dass Trump bei Zöllen eben nicht schalten und walten kann, wie er will. Es wird ja vermutet, dass er versucht einen anderen Weg zu finden, einen anderen juristischen Weg, um Zollpolitik zu betreiben.

Aber diese anderen Wege würden ihm nicht ganz diese Freiheit geben, die er unter der vorherigen Regelung hatte. Habe ich das richtig verstanden? Ja, genau das. Er sucht nach anderen Wegen. Es gibt andere Wege, aber auch die sind rechtlich fraglich. Zum Beispiel der von ihm bereits genannte Weg von Trump, nämlich dass man eine Zahlungsbilanzkrise ausruft, ist schwierig, denn eigentlich war dieses Das Instrument Zölle bei Zahlungsbilanzkrise gedacht für eine Situation.

Wo ein Land, die USA, kräftig die Wiesenreserven verlieren in einem System fester Wechselkurse. Aber das haben wir ja gar nicht. Der Loller ist ja nicht schwach. Er ist zur Zeit eher sogar wieder etwas stärker geworden. Und wir haben keine festen Wechselkurse. Also bei allen anderen Instrumenten, bei jeder anderen Rechtsgrundlage, die Trump heranzieht, ist auch die Möglichkeit da, dass sie nicht gerichtsfest ist.

Insgesamt glaube ich, ja, Trump wird einen erheblichen Teil der Zölle, die jetzt eben vom obersten Gerichtshof für ungültig erklärt wurden, wird einen erheblichen Teil der Zölle auf neuer Basis wieder verhängen. Aber netto werden insgesamt die Zölle in den USA etwas geringer sein zur Jahresmitte, in der zweiten Jahreshälfte, als sie es vor dem Urteil des obersten Gerichtshofes waren.

Es kommt ja auch dazu, nochmal Thema Zwischenwahlen in den USA im November. Die Wirkung der Zölle, nämlich höhere Preise in den USA, diese Wirkung ist einfach unpopulär. Und auch das ist ein Grund für Trump, bei allem Gerede über Zölle danach zu suchen, dass insgesamt die Zölle die Verbraucher in den USA weniger belasten, als das bisher der Fall war.

Dann lassen Sie uns doch mal zu dem Hintergrund kommen, zu dem konjunktuellen Hintergrund, vor dem das Ganze spielt. Sie haben eingangs gesagt, dass es tatsächlich so etwas wie eine Belebung der Konjunktur in Europa gibt, die aber gar nicht im Kern in Deutschland stattfindet, sondern eigentlich in anderen Ländern. Welche sind das?

Zunächst einmal, in anderen Ländern hat die Belebung bereits stattgefunden. Wenn wir mal Deutschland rausnehmen aus der Eurozone, so ist der Rest der Eurozone im vergangenen Jahr mit einer Rate gewachsen, die dem langfristigen Trend entspricht. Wir haben gerade jetzt neue Daten bekommen. Die Arbeitslosigkeit in der Eurozone insgesamt, und zwar diesmal mit Deutschland, ist auf den niedrigsten jemals gemessenen Stand seit Beginn des Euro gesunken, auf 6,1%.

Wir haben kräftiges Wachstum in Griechenland, in Spanien, in Portugal. Auch in Italien geht es aufwärts. Frankreich ist zwar etwas durch politische Unsicherheit gehemmt, aber in Frankreich läuft die Konjunktur besser, als es in Deutschland der Fall ist. Also die Frage Aufschwung in Europa oder nicht, ist im Wesentlichen eine Frage, ob Deutschland es schafft, wieder den Anschluss an andere europäische Länder zu bekommen.

Denn in diesen anderen Ländern läuft es alles in allem. seit einiger Zeit gar nicht so schlecht. Dann stellt sich ja so ein bisschen die Frage, warum kann Deutschland als größte Volkswirtschaft der EU bis jetzt nicht davon profitieren, wenn es in der direkten Nachbarschaft so gut läuft? Nun, in gewissem Sinne profitieren wir davon. Unsere Ausfuhren in einige unserer Nachbarländer steigen kräftig.

Gerade auch in ein Land, das nicht zur Eurozone, aber zur Europäischen Union gehört. Beispielsweise nach Polen. Deutschland liefert jetzt deutlich mehr Waren nach Polen als nach China. Aber. Das ist nicht genug, um die heimischen Probleme auszugleichen und es ist nicht genug, um auszugleichen, dass uns halt mit dem China-Schock der subventionierten Konkurrenz aus China und den US-Zöllen in Deutschland besondere Probleme zu schaffen machen.

Wir sind halt als weltmarktorientierte Wirtschaft sehr stark getroffen von dem China-Effekt, sehr stark getroffen von dem Zoll-Effekt. Dazu kommen die teils noch ungelösten Aufgaben daheim. Deregulierung beispielsweise, Einschränken des Anstiegs der Lohnnebenkosten und so weiter. Wir kennen ja die Liste der Reformen, die Deutschland braucht.

Um diesem Problem zu begegnen, hat die schwarz-rote Bundesregierung ja ein Infrastrukturprogramm aufgelegt, für das auch die Schuldenbremse als System gelockert wurde in Deutschland. Ist denn da allmählich was zu spüren von diesem Programm? Wir reden ja doch von einer ganzen Menge Geld, das da eingesetzt wird.

Wir sehen es ansatzweise bereits in den Wirtschaftsdaten. Vor allen Dingen aber sehen wir es darin, dass der Auftragseingang in der Industrie und in der Bauwirtschaft Ende letzten Jahres kräftig angestiegen ist. Das spricht dafür, dass tatsächlich in diesem Jahr die Bauleistung wieder steigt. Im Wohnungsbau, das hat nun mit dem Stimulus wenig zu tun, aber eben auch im öffentlichen Bau und in der Industrie klare Anzeichen.

Alles, was auch nur irgendwie mit Rüstung zu tun hat. Dazu gehört auch Elektronik, Optik. Sieht bereits beim Auftragseingang, beim Auftragsbestand gut aus. Und wir sehen auch erste Anzeichen, dass im Maschinenbau, Also bei typischen Investitionsgütern langsam die Wende beginnt, während in der Automobilindustrie und in der Chemie bisher noch kein Anzeichen für eine Trendwende zu erkennen ist.

Aber alles in allem, bei den Auftragseingängen sehen wir, es kommt in Deutschland etwas in Gang. Reden wir denn da vor allem von staatlichen Aufträgen oder gibt es schon auch einen Effekt in den privaten Sektor hinein? Oder ist das bis jetzt ein rein staatlich getragener Aufschwung bei diesen Auftragseingängen?

Wir sehen im Wohnungsbau einen privat getriebenen Aufschwung, der sicherlich auch damit zu tun hat, dass die Zinsen der Europäischen Zentralbank, Einlagensatz von 2%, immer noch recht niedrig ist. Wir sehen ansonsten leichte Anzeichen, beispielsweise im Maschinenbau, dass auch die Investitionsneigung der Unternehmen etwas zunimmt, aber im Wesentlichen ist tatsächlich so, dieser Aufschwung, der sich derzeit abzeichnet, ist vor allem auf die staatlichen Mehrausgaben zurückzuführen.

Ich nehme an, dass dann im weiteren Jahresverlauf, wenn uns Iran eben nicht dramatisch in die Quere kommt, dass im weiteren Jahresverlauf dann bei uns der Arbeitsmarkt sich stabilisiert, dass die Nachrichtenlage über die Konjunktur etwas besser wird, dass die Stimmung der Verbraucher und der Unternehmen entsprechend etwas steigt und dass dann im kommenden Jahr 2027 auch die private Nachfrage, der private Verbrauch und die normale Investitionstätigkeit in Gang kommen.

Dafür gibt es bisher aber eben nur kleine Anzeichen. Und zunächst einmal für die nächsten Wochen müssen wir uns so oder so darauf einstellen, dass es erstmal einen gewissen Rückschlag gibt. Iran-bedingt. Vielleicht ganz kurz, wir haben ja bis jetzt versucht, Podcast-getreu sozusagen Zahlen ein bisschen zu vermeiden.

Trotz allem sind Sie ja mit Prognosen in dieses Jahr reingegangen. Wenn ich das richtig im Kopf habe, gehören Sie für dieses Jahr noch eher so ein bisschen zu den zurückhaltenderen Analysten, was die Prognosen angeht. Was ist denn jetzt vorbehaltlich einer schnellen Lösung des Iran-Konflikts, die Prognose für dieses Jahr und für das kommende Jahr bei Bärenberg?

Wir erwarten für Deutschland ein Wachstum in diesem Jahr von 0,8% nach 0,3% im Vorjahr und minus 0,5% im Jahr 2024. Also durchaus eine Entwicklung in die richtige Richtung. Wobei ich dabei sagen muss, unsere Zahlen sind kalenderbereinigt. Wenn man den Kalendereffekt nicht rausrechnen würde, käme für dieses Jahr eine Prognose Deutschland-Wachstum von etwa 1% raus.

Im Wesentlichen aber erwarten wir, dass im kommenden Jahr dann mit mehr privaten Ausgaben die Konjunktur eine Art Miniboom erlebt. Und Miniboom würde dann für Deutschland heißen, ein Wachstum von mindestens 1,3% mit einem spürbaren Rückgang der Arbeitslosigkeit. Herr Schmiedig, ich würde Sie gerne abschließend fragen. Ich weiß, Sie geben natürlich hier keine Anlageempfehlung und so, Das können wir ja auch gar nicht machen, aber Sie arbeiten immerhin als Chefvolkswirt für eine Bank.

Dieser Jahresstart ist ja für Anleger ziemlich rau gewesen. Heißt es jetzt einfach sozusagen erstmal die Füße stillhalten und schauen, was da passiert? Oder was wäre so ein allgemeiner Rat, den man so einer Theke abends geben würde? Ja, ich bin halt der Volkswirt. Wenn es zu großen Störungen kommt, zu großen Ereignissen, zu großer Volatilität wie jetzt zu Krisen, dann lehne ich mich zurück und frage, wie dauerhaft kann das eigentlich sein?

Das Risiko, dass es jetzt zu einer längeren Krise kommt, ist erheblich, aber da der Anreiz für Donald Trump, die Straße von Neumus möglichst bald wieder zu öffnen, recht groß ist, denke ich eben, wahrscheinlich wird das in einigen Monaten überstanden sein. Also für den, der nicht kurzfristig handeln möchte, würde ich sagen, einfach durchhalten, da durchgucken.

Insgesamt sieht es fundamental für Europa und auch für Deutschland gar nicht so schlecht aus. Okay, dann können wir alle nur hoffen, dass Ihre Kurzfristprognose, was den Verlauf des Krieges angeht, dass Sie damit richtig liegen. Und ich bedanke mich ganz herzlich für das Gespräch, Holger Schmieding. Gerne, Herr Kreimeyer.

Ja, es ist ja nicht das erste Mal, dass Volker Schmieding in diesem Podcast zu Gast gewesen ist. Wir haben ja schon so einige Krisen mit ihm besprochen. Allerdings hat sich dieses Mal gezeigt, über was für eine Arbeitsmoral dieser Mann verfügt. Herr Schmieding hat das Interview nämlich praktisch direkt von der Skipiste geführt, aus dem Skiurlaub in Tirol.

Ihnen, liebe Zuhörer und Zuhörer, danke ich wieder für die Aufmerksamkeit. Vielleicht sind Sie ja auch gerade im Skiurlaub oder hören diesen Podcast an einem anderen Ort. Den redaktionellen Schnitt dieser Folge hat Lucille Garnier übernommen. Die Schlussproduktion, nach der immer alles so wunderbar klingt, hat Andolin Sonnen gemacht.

Bleiben Sie sicher und seien Sie gerne wieder dabei, wenn der nächste Kapital-Wirtschafts-Podcast erscheint. Und zwar überall, wo es Podcasts gibt. Bis dahin wünsche ich, Nils Kreimeyer, alles Gute und sage Tschüss. Kapital, der Wirtschaftspodcast.

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