
Dieser eine Moment – Der Podcast mit Philipp Fleiter· Staffel 2· Folge 45
"Vermisst auf 8000 Metern Höhe" mit Alix von Melle
Montag, 4. Mai 2026 · 1 h 25
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Shownotes
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Am 26. Mai 2023 wacht Alix auf, schaltet ihr Handy ein und weiß sofort, dass etwas nicht stimmt. Ihr Mann Luis, einer der erfahrensten Höhenbergsteiger Deutschlands, ist nach seinem Gipfelerfolg am „Kantsch“ im Himalaya Gebirge nicht ins Basislager zurückgekehrt.
Eine Suche unter extremen Bedingungen wird eingeleitet und schließlich besteht traurige Gewissheit: Luis wurde auf 8.400 Metern Höhe tot gefunden.
In dieser Folge erzählt Alix von der Faszination für die Berge und das Höhenbergsteigen. Von ihrer Beziehung mit Luis, die über Jahrzehnte von gemeinsamen Expeditionen auf die höchsten Berge der Welt geprägt war und dem Wissen um das damit verbundene Risiko und nicht zuletzt davon, wie man weiterlebt, wenn der Mensch fehlt, mit dem man alles geteilt hat.
Ihr findet Alix auf instagram @alixundluis und ihrer Website alixvonmelle.de
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@philippfleiter und @gutegefuehle_wemynd
Dieser Podcast ist eine Produktion von Philipp Fleiter und WeMynd.
Neue Folgen alle 14 Tage montags - überall wo es Podcasts gibt.
Redaktion: Philipp Fleiter und Laila Keuthage | Produktion: WeMynd
Transkriptvom Podcast bereitgestellt · Zeitmarken springen hin
Dieser Gedanke, da ist richtig was schiefgelaufen und eigentlich wusste ich in dem Moment, der Louis kommt nicht zurück. Aber dieser Moment, abends ins Bett zu gehen, wo die Betthälfte neben dir leer bleibt und dort wieder am nächsten Morgen aufzuwachen und diese Betthälfte ist immer noch leer. Das sind die Momente und die tun auch nach drei Jahren noch weh und die werden auch in den nächsten drei Jahren noch wehtun.
Manchmal sind es nur ganz kurze Momente, die ein Leben komplett verändern können. Ein Augenblick, eine Entscheidung, ein Ereignis, ein Wimpernschlag und danach ist alles anders. Ich bin Philipp Leiter und ich treffe in diesem Podcast Menschen, um mit Ihnen genau über diesen einen Moment zu sprechen, der Ihr Leben für immer verändert hat.
Hallo und herzlich willkommen zu einer neuen Folge dieser eine Moment und heute spreche ich mit einer Frau, die wirklich eine unglaublich spannende Lebensgeschichte hat. Alex von Melle ist 54 Jahre alt und sie ist Höhenbergsteigerin. Zeitweise war sie sogar die erfolgreichste Höhenbergsteigerin Deutschlands.
Auf der Erde gibt es 14 Achttausender und Alex hat die Hälfte davon bestiegen ohne zusätzlichen Sauerstoff. Die meisten ihrer Expeditionen hat Alex gemeinsam mit ihrem Mann Luis gemacht, bis vor fast drei Jahren etwas Schreckliches passiert. Darüber werde ich heute mit ihr sprechen und ich bin mir sicher, dass viele von euch aus dieser Folge ganz viel für ihr eigenes Leben mitnehmen können.
Hallo Alex. Grüß dich. Hallo. Der Moment, über den wir heute sprechen, der passiert am 26. Mai 2023, einem Freitagmorgen. Du wachst um 6 Uhr auf, was ist das Erste, was du machst? Ich habe als erstes aufs Handy geschaut, weil ich wusste, dass mein Mann Luis am Abend vorher den Gipfel des 8000er Kanchenchengar bestiegen hat und im Abstieg war.
Und ich natürlich wissen wollte, ob er gut unten angekommen ist. Und dann schalte ich das Handy an und kriege die Nachricht aus Nepal, Luis ist nicht mehr im letzten Hochlager aufgetaucht. Und das ist wirklich der Moment, der mein Leben einfach komplett verändert und auf den Kopf gestellt hat. Das heißt, wenn ich mich richtig erinnere, stand da so sinngemäß drin, ob du GPS-Daten von Luis hast, weil er eben in diesem Lager nicht aufgetaucht ist.
Was geht dir in dem Moment durch den Kopf, als du diese Nachricht liest? Also ich war viele Jahre ja mit Luis zusammen an hohen Bergen unterwegs. Das heißt, ich war selber auch sehr erfahren und in dem Moment wusste ich sofort, da ist richtig was schief gelaufen. Wenn jemand am Mittwochabend 24. Mai um 18 Uhr im letzten Hochlager startet, an einem Achttausender, am Donnerstagabend den Gipfel erreicht und Freitagfrüh nicht zurückgekehrt ist ins letzte Hochlager am Berg, da war mir völlig klar, da ist richtig was daneben gegangen.
Jetzt mal für mich als Nicht-Bergsteiger, auf welchem Berg ist der Louis da gerade unterwegs zu dem Zeitpunkt? Das war der Kanchenchönga in Nepal. Der Name ist ja sehr schwierig auszusprechen, deswegen wird da im Deutschen eigentlich immer der Kanch abgekürzt. Der Kanch ist der dritthöchste Berg weltweit, knapp 8600 Meter hoch, wirklich mit einer anspruchsvollen Gipfel-Etappe und es war eben sein zehnte Achttausender, den er bestiegen hat und er hat ihn eben, wie wir immer unterwegs waren, ohne künstlichen Sauerstoff bestiegen.
Also durchaus ein herausfordernder Berg, höre ich da schon raus. Auf alle Fälle, ja. Vielleicht mal, um zu verstehen, wie dein Lebensweg dich schließlich zu diesem Moment führt. Lass uns gern am Anfang beginnen. Du wirst 1971 in Hamburg geboren und wächst auch dort in der Nähe auf. Das hat jetzt erst mal, so wie ich Hamburg kenne, nicht so viel mit Bergen zu tun, oder?
Nein, gar nichts. In Hamburg sieht man ja am Montag, wenn man aus dem Fenster schaut, wer freitags zum Kaffeetrinken kommt. Das ist ja immer so der Spruch. Und ich habe auch wirklich als Kind nicht viel Sport gemacht, außer dem Schulsport. Also ich habe Geige gespielt, wir waren an einer sehr musikalischen Schule, meine Geschwister und ich.
Wir haben in einem Orchester gespielt, ich habe tolle Konzerte mitgemacht als Geigerin, wir haben tolle Orchesterreisen gemacht und Sport war nebensächlich. Aber ich bin als Kind schon Ski gefahren und bin dann zum Studium eben nach München gegangen und habe da eigentlich das Bergsteigen für mich entdeckt.
Das heißt, das erste Mal sind die Berge in dein Leben gekommen bei einem Skiurlaub? Genau, da war ich kurz vor der Einschulung mit meinen Eltern in der Schweiz beim Skifahren, 14 Tage. Das haben unsere Eltern, all unseren Geschwistern und mir eben ermöglicht, dass wir einmal vor Schulbeginn Skifahren ausprobieren dürfen.
Und ich hatte dann das große Glück, dass ich später so mit 13, 14 zweimal noch mit meinen Cousinen unterwegs war. Und dann habe ich eigentlich erst richtig nach dem Abitur mit dem Skifahren, so mit 18, 19 angefangen. Und war das schon direkt so, du hast die Berge gesehen und hast gedacht, oh mein Gott, das ist meins, hier will ich hin?
Also ich war dann sehr begeistert tatsächlich vom Freeriden am Arlberg, was ich nach dem Abitur mit meiner Freundin Bettina gemacht habe. Und darüber tatsächlich ist die Lust entstanden, das Skitouren gehen auszuprobieren. Also Skitouren ist ja mit Fällen aufsteigen aus eigener Kraft, ohne Liftbenutzung und eben im Gelände abfahren.
Und da ist natürlich das Skikönnen wichtig. Und als ich gemerkt habe am Arlberg, das habe ich jetzt drauf. Wollte ich einfach einen Schritt weiter gehen. Und dann habe ich eben in München beim Studium einen Skitourenkurs mitgemacht und habe eben das Skitouren gehen gelernt. Und das fing dann so an, da habe ich relativ schnell gemerkt, ich finde ja oft im Leben, das müssen gar nicht die Berge sein, sondern dass man irgendwo so spürt, das ist genau meins oder da bin ich angekommen, das ist so mein Hafen.
Und das war dann ziemlich schnell für mich klar, dass meine Welt die Berge sein würden, wo ich gespürt habe, das ist jetzt genau das, was ich die nächsten Jahre machen möchte. Kannst du sagen, was dich so faszinierte, dass du sagst, das ist mein Hafen, da gehöre ich hin? Zum einen natürlich die Natur, dann diese Neugierde bei mir auch, dann natürlich dieses Bergziel.
Also ich finde einfach, Ziele im Leben haben ist immer gut und wichtig. Und ich wollte dann bestimmte Berge besteigen, aber was mich wirklich gereizt hat, dass... Eben auch mit einer sportlichen Anstrengung zu verbinden. Also ich wollte da nicht hochgetragen werden, sondern ich wollte das selber schaffen.
Und das Erfolgserlebnis ist ja oft schöner, wenn man ein bisschen die Komfortzone verlassen muss dafür. Und wenn man hinterher sagt, wow, das habe ich vorher nicht gedacht, dass ich das schaffe, dann ist ja dieses Glücksgefühl einfach größer. Also dieses viel zitierte, der Weg ist das Ziel eigentlich.
Da denke ich viel drüber nach. Das ist ja wirklich so ein Satz bei Bergsteigern auch. Und ich bin da so ein bisschen zwiegespalten, weil ich wirklich auch sagen muss, gerade als Höhenbergsteiger ist der Gipfel das Ziel. Man fährt nicht an einen Achttausender, um zu sagen, ich schaue mal, wie weit ich komme.
Sondern wenn man diesen Plan hat, einen Achttausender zu besteigen, dann möchte man auch den Gipfel besteigen. Aber ich finde immer, wenn der Weg dorthin kein schöner ist, dann ist auch das Gipfelerlebnis nicht schön. Das heißt, für mich muss eigentlich immer alles passen. Das Trekking ins Basislager finde ich was unglaublich Schönes, wofür ich mir gerne Zeit nehme.
Die Menschen, die mich begleiten, das Land, die Kultur, die Religion dort kennenlernen. Und dann ist für mich so die Gipfelbesteigung eigentlich ein bisschen das Sahnehäubchen, was über allem drüber steht. Du hast es gerade schon kurz angesprochen. Du bist dann nach München gezogen, um dein Studium, Geografie ist es glaube ich, weiterzuführen.
Und München ist ja nun deutlich näher dran an den Bergen als Hamburg, also rein geografisch schon gesehen. Das war wahrscheinlich auch ein Faktor, was dich in die Richtung so ein bisschen getrieben hat. Unbedingt, also diese Leidenschaft Skifahren war ja schon da. Und dann wusste ich auch, dass die Münchner Uni ein ganz tolles Bergsportprogramm für die Studenten hat, wo ich eben damals auch meinen Freundeskreis kennengelernt habe, wo ich dann meinen späteren Mann, den Luis, kennengelernt habe.
Ich war dann Mitglied, bin ein Mitglied geworden in der Alpenverein-Sektion in München, habe dort eben Bergpartner kennengelernt, habe dort Kurse, Touren mitgemacht und dann war das wirklich so dieses Umfeld, wo ich dachte... Das ist genau jetzt passend für mich. Hochschulsport, du hast es gerade schon gesagt, da hast du dich angemeldet und hast da 1998 einen jungen Mann kennengelernt, der diesen Kurs geleitet hat.
Genau, das war sehr lustig. Das war eine Skidurchquerung, also schon relativ anspruchsvoll, von der Bernina zum Bergell. Und der Luis war damals Bergführer-Anwärter und die müssen ja ein Praktikum machen und müssen Erfahrung sammeln, bevor sie eben die Ausbildung dann fertig machen zum staatlich geprüften Berg- und Skiführer.
Und der hat diese Durchquerung geleitet. Und da hat es noch nicht gefunkt, aber wir haben später oft drüber gesprochen. Er hatte diese Teilnehmerliste von uns Studenten und dann stand mein Name drauf. Und dann hat er mich gesehen und hat beim Namen schon gedacht, das ist bestimmt eine Holländerin, die nicht Ski fahren kann.
Und dann stand ich da mit meinen blonden Haaren und dann hat er gedacht, um Gottes Willen, wie wird das werden? Und dann hat er aber gleich am ersten Tag gesehen, dass ich Ski fahren kann, dass ich auch alpinistisch da schon einiges drauf hatte. und dann war das eine ganz, ganz tolle Woche. Okay, das heißt also, es hat nicht direkt gefunkt und ich glaube, ihr habt euch dann auch erst mal nach dieser Tour wieder ein bisschen aus den Augen verloren.
Genau, also wir waren uns sympathisch, aber ich glaube, der Luis hatte damals auch eine Freundin irgendwie und ich habe jetzt auch nicht irgendwie gerade gesucht, sondern ich war einfach so begeistert, alles in den Bergen mitzunehmen, was möglich ist. Und dann haben wir uns wieder beim Hochschulsport, beim Bouldern in der Halle, also Klettern quasi ohne Seil, so in Absprunghöhe über Matten wieder getroffen.
Und da waren wir beide gerade so am Ende vom Studium. Er war sehr eingespannt mit seinen Lehramtsprüfungen. Das ist ja beim Lehramt am Ende wirklich, sind das irre viele Prüfungen. Und Geografie studiert, war auch im Prüfungsstress. Und dann haben wir irgendwie gesagt, ich meine, wir waren beide Bergsteiger, Sportler, also einmal die Woche zumindest in die Kletterhalle gehen, dass so das Können nicht ganz verloren geht.
Und da haben wir uns eben wieder getroffen und haben uns dann einfach zum Klettern verabredet. Und das war sehr lustig, auch weil wir später eigentlich gar nicht mehr so oft in der Halle zusammen klettern waren. Aber damals war das irgendwie dann der Anreiz, immer den anderen einmal die Woche zumindest zu sehen in diesem ganzen Prüfungs- und Lernstress.
Das war dann eigentlich wirklich eher so, dass man gesagt hat, okay, um den anderen wiederzusehen und mehr kennenzulernen, schlucke ich die Kröte, dass ich dafür jetzt einmal in die Halle zum Bouldern gehe. Das heißt, ihr fandet euch da schon so ein bisschen gut, könnte man sagen. Ja, also beide, glaube ich, waren neugierig drauf, dass wir uns besser kennenlernen.
Und da seid ihr dann irgendwann auch zusammengekommen und über den Louis lernst du auch das Höhenbergsteigen kennen. Das hast du ja so in der Form vorher noch nicht gemacht, richtig? Genau, also es war wirklich dann so, gerade als wir zusammen waren, war es auch so typisch, dass er eigentlich irgendwie bei mir den ersten Abend verbracht hat und am nächsten Tag auf Expedition nach Indien zum Schiffling gefahren ist.
Dann haben wir uns gleich erstmal vier Wochen wieder nicht gesehen. Aber wir haben dann ja irre viel zusammen gemacht und ich bin wirklich durch ihn an die hohen Berge gekommen. Also ich weiß nicht, ob ich das von mir aus gemacht hätte, weil mir einfach hier aus Hamburg kommen die Alpen vor der Haustür.
Ich meine, das ist immer noch die Alpen, sind eine Spielwiese, das reicht bis zum Lebensende, bis man da alles kennenlernt. Und da war ich eigentlich komplett drauf eingeschossen, viel Alpen. Pinistisches in den Alpen zu machen. Und er war damals aber eben schon Expeditionsleiter auch, hat Trekking geführt, hat 6.000er, 7.000er geführt und hat dann eben so frisch verliebt zu mir gesagt, hast du Lust mitzukommen an den Aconcargo nach Südamerika?
Der ist in Argentinien, Chile, da im Grenzbereich liegt, der knapp 7.000 Meter hoch. Und ich habe auch da wirklich im ersten Moment gedacht, das ist völlig albern, sich ins Flugzeug zu setzen, für viel Geld ans andere Ende der Welt zu fliegen, nur um Berg zu steigen. Das kann ich in den Alpen auch. Aber frisch verliebt macht man natürlich alles.
Und wir sind beide auf der rosaroten Wolke geschwebt. Und dann habe ich mir gedacht, ich kann mir das ja mal angucken. Und dann hat mich das wirklich fasziniert. Zum einen habe ich die Höhe sehr gut vertragen. Das ist einfach auch genetisch so. Der eine verträgt sie besser, der andere schlechter. Und ich fand diese Kombination so schön, was heute noch ist, ein fremdes Land kennenzulernen mit den Menschen dort, mit den Religionen, Kulturen.
Und dann aber im Mittelpunkt der Reise eben ein Bergziel zu haben, wo man einfach sich auch dann sportlich wirklich eben betätigt. Und das habe ich damals am Akonkawa eben kennengelernt über den Louis und dann war das wirklich von da an eigentlich unsere Leidenschaft, jedes Jahr einmal auf Expedition zu gehen.
Kannst du vielleicht mal ein bisschen erklären für mich jetzt als Flachland Tiroler, was Höhenbergsteigen ist und warum das so eine Herausforderung ist? Also man sagt immer so platt, die Luft wird dünner in der Höhe. Das stimmt natürlich so nicht. Es ist eigentlich der Sauerstoffpartialdruck, der abnimmt.
Aber diese Herausforderung, an den Körper etwas zu schaffen, wächst eben mit zunehmender Höhe. Wenn ich in den Alpen hier bei mir, ich lebe in Füssen auf 800 Meter, wenn ich hier eine Bergtour plane und gut trainiert bin, dann kann man als normaler Bergsteiger, Wanderer davon ausgehen, dass man so ungefähr 400 Höhenmeter in der Stunde schafft.
Auf der Gipfeletappe an einem 8000er sind das nur noch 100 bis 150 Höhenmeter in der Stunde, weil man einfach viel langsamer unterwegs ist. Es ist irre kalt. Man hat quasi in Anführungsstrichen weniger Luft zum Schnaufen. Also alles ist in der Höhe anstrengender. Aber ich habe so gespürt, dass mich alles drumherum auch so reizt.
Dieses Trekking ins Basislager, da ist man so bis 5000 Meter Höhe ungefähr unterwegs. Dann akklimatisiert man sich. Und dann eben am Ende auf einem 8000er zu stehen, wo alles um einen herum kleiner ist, das ist wirklich noch mal krass. Also vom Erlebniswert was ganz, ganz Besonderes. Und diese Gletscher, diese Berge, die sind so weltweit dann doch nochmal in einer anderen Dimension, wie ich es aus dem alten Raum kenne.
Das sind schon wirklich diese anderen Dimensionen nochmal, die mich da gereizt haben. Aber ich glaube, ich hätte es nicht gemacht, wenn es mir nicht grundsätzlich Spaß gemacht hätte und wenn ich die Höhe schlecht vertragen hätte. Also das war schon ein bisschen dann so ein Geschenk, dass ich mich mit der Höhe relativ leicht getan habe, Weil dieses Höhenbergsteigen an sechs, sieben, achttausender, das ist einfach Viecherei.
Also man schläft schlecht in den Hochlagern, man hat immer einen schweren Rucksack auf, es ist kalt. Ja die Nächte sind unangenehm im Hochlager, also man investiert da sehr viel, man muss eine sehr hohe Leidensfähigkeit haben, um dann aber mit diesen unglaublich schönen Momenten belohnt zu werden. Ich glaube, was noch ganz wichtig ist zur Erklärung, ihr macht das ohne zusätzlichen Sauerstoff. Das macht es auch nochmal schwieriger, oder?
Ja, also es ist wirklich so, dass man eigentlich sagt, mit Verwendung von künstlichem Sauerstoff degradiert man einen Achttausender zu einem Sechstausender. Und man hat einfach auch viel mehr Sauerstoff. Wärme zur Verfügung. Also man friert ohne künstlichem Sauerstoff viel schneller. Und ich will das gar nicht verurteilen. Die Zeiten entwickeln sich auch anders.
Es wird heute ganz viel mit künstlichem Sauerstoff gemacht, gerade bei kommerziellen Expeditionen, um einfach den Kunden auch die größtmöglichste Sicherheit zu bieten. Das ist auch völlig in Ordnung für mich. Der Louis hat ja auch für Reiseveranstalter geführt an Achttausendern. Da war er auch am Mount Everest mit künstlichem Sauerstoff unterwegs, weil er einfach auch zu 100 Prozent für seine Kunden da sein musste.
Aber wir haben das immer davon getrennt, wie wir privat als Profibergsteiger unterwegs waren. Und als Profibergsteiger ist es ein absolutes No-Go, künstlichen Sauerstoff zu verwenden. Und wir wollten es ja auch immer bei Vermins schaffen aus eigener Kraft. Wie würdest du Louis beschreiben? Ein bisschen was haben wir schon über ihn erfahren, aber wie würdest du ihn beschreiben?
Also ich sage eigentlich immer, der Louis war so der Buddha in meinem Leben. Ich bin so, also sehr perfektionistisch veranlagt. Ich bin sehr ungeduldig mit mir selber und auch mit meinem Umfeld. Also irgendwelche Dinge, die nicht schnell gehen, das treibt mich um. Und Louis war da einfach immer die Ruhe weg. Also der hat einfach auch in mein Leben ganz viel Ruhe reingebracht.
Und er war einfach so ein Sonnenschein. Also es gab wenige Momente, wo Luis kein Lächeln im Gesicht hatte. Das klingt wie ein sehr, sehr sympathischer und warmer Mensch, so wie du das erzählst. Und man merkt auch, wie du strahlst, wenn du über ihn sprichst. Ja, du merkst, dass dir das liegt, dass du das auch körperlich kannst mit dem Bergsteigen.
Und irgendwann entwickelt ihr gemeinsam den Traum, einen Achttausender zu besteigen. Also ein Berg, der mindestens 8000 Meter hoch ist. Also jetzt vielleicht mal zum Vergleich. Die Zugspitze, das ist der höchste Berg in Deutschland. Die ist 2.962 Meter hoch. Also es ist schon ein deutlicher Unterschied.
Es gibt gar nicht so viele 8000 auf der Welt, oder? Es gibt 14 weltweit. Und davon liegen neun im Grenzbereich Nepal-Tibet. Und fünf fliegen in Pakistan. Okay, das ist ja schon ein ambitionierter Plan, sage ich mal, selbst für jemanden, der gut in den Bergen ist. Warum wollt ihr das unbedingt machen? Woher kommt dieser Traum zu sagen, die wollen wir alle einmal besteigen?
Also der Plan war tatsächlich nie, alle 14 8000er zu besteigen, sondern es war dann im Lauf der Zeit, wo wir viel Erfahrung ja an 5, 6 und 7000ern gesammelt haben. Ist es glaube ich einfach der Punkt, vielleicht bei jedem auch im Leben, auch wenn man Läufer ist und man hat den 10 Kilometer Lauf geschafft, dass man dann eben versuchen will, eine längere Distanz zu schaffen und so ist es irgendwie beim Höhenbergsteigen auch.
Dass wir dann gedacht haben, einmal im Leben einen Achttausender zu probieren, das wäre irgendwie unser Ziel. Und dann hat das eben wirklich geklappt auf Anhieb. Und dann waren wir da natürlich so ein bisschen drin. Dann haben wir gesagt, wow, das hat jetzt gut geklappt, das taugt uns. Wir können das zusammen machen. Das war natürlich auch das Geschenk wirklich, dass wir so viel zusammen gemacht haben.
Und dann plant man so von Jahr zu Jahr. Und wir haben nie diesen Plan gehabt, alle 14 Achttausender abzuklappern, sondern wir haben von Jahr zu Jahr geschaut und haben uns einfach immer so nach unserem Interesse eigentlich die nächsten Berg ausgesucht. Und dann ist das mit der Zeit natürlich professionell geworden.
Also dann war bei mir das auch eine Zeit, wo es ganz wenig Frauen an den hohen Bergen gab. Das hat mir natürlich geholfen, dass dann einfach das Interesse auch von Ausrüstungspartnern da war, natürlich auch Vortragsinteresse. Also das sind einfach die beiden Standbeine, worüber wir die Expedition finanziert haben.
Luis zum Teil als Bergführer war er unterwegs. dann eben Partner, die uns unterstützen und eben die Vorträge. Und dann sind wir da einfach so reingeflossen, würde ich sagen. Und aber immer mit diesem Ziel vor Augen, wir planen von Jahr zu Jahr. Lassen uns nicht verrückt machen durch die Zahl 14 8000er oder was wollen wir in zehn Jahren geschafft haben, sondern wir haben einfach dann von Berg zu Berg geschaut.
Und es klappt natürlich auch nicht jeder auf Anhieb. Also wir waren auch am Mannerslu zum Beispiel zweimal unterwegs, bevor es geklappt hat. Es gab auch einen anderen Berg, den Makalu, da haben wir es auch zweimal probiert, da hat es zweimal nicht geklappt, das gehört eben auch einfach mit dazu. Es klang gerade schon ein bisschen an, du bist als Frau wahnsinnig erfolgreich beim Bergsteig.
Ich habe zum Beispiel gelesen, dass du 2021 als erste deutsche Frau über die Südwand auf den Aconcagua, ich hoffe, ich habe das jetzt einigermaßen richtig ausgesprochen, also in den argentischen Anden aufgestiegen bist, also 7000 Meter hoch. Wie fühlt sich das an, die erste deutsche Frau zu sein, die das geschafft hat?
Also das war mir vorher in der Planung gar nicht klar und das war auch sonst nie ein Thema. Ich finde das auch schade, wenn die Herangehensweise so ist, ich möchte die Erste sein, ich möchte die Schnellste sein oder die Jüngste oder irgendwas, sondern ich finde immer, was man aus dem Herzen heraus macht mit Begeisterung, das macht man gut.
Und das sollte der Ausschlag sein für Dinge, die man macht. Und wenn das dann ein Nebenprodukt ist, ich habe das irgendwie dann hinterher zufällig mitgekriegt, dass ich da die Erste war, ich habe mich vorher gar nicht mit beschäftigt, dann ist das natürlich schön, wenn dann auch ein Interesse da ist, auch von den Medien für ein Interview oder für einen Bericht, aber ich finde immer...
Für mich, das darf nie der Ausschlag sein, etwas zu machen oder etwas nicht zu machen. Genauso dieses typische, ja, ich gehe klettern, weil mein Freund klettern geht. Ich finde, das muss aus einem selber rauskommen. Und deswegen war ich auch so froh, dass ich schon Bergsteigerin war, als ich den Luis kennengelernt habe, weil ich das für mich entdeckt habe und für mich gemerkt habe, das ist genau mein Ding.
Und wenn man es dann teilen kann, ist es natürlich umso schöner. Du hast gerade schon erzählt, ihr seid echt auf richtig viele hohe Berge gestiegen. Was bedeutet das denn für den Körper? Das ist ja auch eine große Belastung. Ja, also man muss wirklich sehr professionell sich darauf vorbereiten. Wir haben ein halbes Jahr eigentlich immer auf diese 8000er trainiert.
Das ist vor allen Dingen die Grundlagenausdauer und die Ultralangzeitausdauer, weil man eben durch diese dünne Luft in Anführungsstrichen am Gipfeltag sehr langsam unterwegs ist und einfach diese Ausdauer haben muss, dass man da manchmal auch 24 Stunden am Stück unterwegs ist. Und der Körper, der zehrt natürlich aus. Also der ist ja jetzt nicht unbedingt für die Höhe geboren.
Also man hat da, wenn man da die Zeit im Basislager auch verbringt bei Schlechtwetter, da kann man zusehen, wie die Muskeln abbauen in den Beinen. Die Haut, also gerade so an den Fingern kriege ich immer viel so Haut-Einrisse an den Nägeln. Das ist ganz, ganz schmerzhaft, weil die Haut so trocken ist.
Dann habe ich oft nach dem Gipfelgang Probleme mit den Lippen. Da ist anscheinend irgendwie ein Herpes in meinen Lippen, der in den Alpen nie rauskommt, aber immer nach dem Gipfelgang in der Höhe, da ist die Luft so kalt. Man leckt ja an den Lippen, man leckt den Lippenstift weg, also 50er Sonnencreme reicht da gar nicht.
Also der Körper wird da schon grenzwertig belastet, aber man kann sich auch relativ gut zu Hause wieder regenerieren. Und ich finde es einfach ein schönes Learning auch festzustellen, was der Körper so schafft. Lange Zeit ist man in der Forschung davon ausgegangen, dass der Mount Everest beim Bergsteigen die Grenze des Machbaren ist.
Also man hat angenommen, ohne zusätzlichen Sauerstoff ist kein Mensch in der Lage, nach 8.849 Metern zu überleben. 1953 erreichten ein Neuseeländer und ein Nepalese erstmals den Gipfel des Mount Everest, allerdings ausgestattet mit Sauerstoffgeräten. Die Wissenschaft hat sich dadurch also bestätigt gefühlt.
Aber dann kam die Realität der Theorie in die Quere, denn 25 Jahre später standen Reinhold Messner aus Südtirol und Peter Habeler aus Österreich auf dem Gipfel des Mount Everest, ganz ohne zusätzlichen Sauerstoff, was viele Forschende bis dahin für unmöglich gehalten haben. Das wollten Wissenschaftler natürlich verstehen, sodass der Everest in den darauffolgenden Jahrzehnten selbst zu einer Art Labor geworden ist. Auf dem Gipfel werden Atemproben gesammelt und Blutwerte gemessen.
Man simuliert Aufstiege in Druckkammern und untersucht menschliche Körper bis ins letzte Detail. Sauerstoffaufnahme, Herzleistung, Anpassung an extreme Höhe. Aber ein zentrales Ergebnis überrascht. Auch wenn markante Unterschiede in all diesen Bereichen bei Menschen auf Höhe des Meeresspiegels echt entscheidend für die Leistungsfähigkeit sind, werden diese Unterschiede in großer Höhe verhältnismäßig irrelevant.
Das heißt, es sind nicht nur die perfekten Körper, die den Gipfel erreichen, es zählen vor allem auch Motivation, Wille und mentale Stärke. Reinhold Messner ist ein Beispiel für genau diese Mischung, also kein außergewöhnlicher Körper einzubringen. Außergewöhnlicher Antrieb. Alpinismus ist mehr als Biologie, es ist auch eine Entscheidung, Risiko und ein zutiefst menschlicher Drang, Grenzen zu überschreiten.
Und so bleibt am Ende die ein bisschen paradoxe Erkenntnis, die Wissenschaft kann vieles messen, Sauerstoff, Blutwerte, Leistungsfähigkeit, aber sie kann nicht vollständig vorhersagen, wer den Gipfel erreicht und wer nicht. Also ich habe irgendwie den Eindruck, man lernt sich nirgends besser kennen als in Extremsituationen und das sind Extremsituationen am Berg.
Sich selber, wie man auch reagiert, der Partner oder eine Gruppe und das finde ich ganz, ganz spannend und ich finde, dass einem das ganz viel fürs Leben, fürs Berufsleben, für den Alltag mitgibt. Du hast es gerade gesagt, man lernt sich und den Partner kennen und ihr seid ja ganz viel zusammen auf Berge gestiegen.
Was bedeutet das für eure Beziehung? Weil es geht ja wahrscheinlich auch sehr stark um Vertrauen, man sichert sich gegenseitig all diese Dinge. Das wirkt sich ja wahrscheinlich auch auf die Beziehung aus, oder? Ja und ich muss sagen, also diese Jahre mit Luis an den hohen Bergen, die waren so bereichernd, weil wir uns eben da so gut kennengelernt haben.
Wir haben da gar, also mal abgesehen davon, dass man auf 8000 Meter auch nicht mehr lange Diskussionen führt über irgendwas. Da fehlt die Luft zu und die Power, aber wir haben uns einfach so gut kennengelernt eben, dass so viele Dinge auch so stillschweigend gelaufen sind. Jeder war ja mit seinen Stärken und Schwächen am Berg und im Summe, muss ich sagen, waren wir einfach das perfekte Team und es war dann eher so...
Also ich meine, auch wir haben natürlich gestritten. Ich glaube, keine Ehe, wo nicht mal gestritten wird oder wo es auch mal Phasen gibt, wo es nicht so rund läuft. Und das war bei uns aber eher im Alltag. Also auf Expedition, da haben wir so unglaublich harmoniert und waren so beieinander. Und dann ist es eher so im Alltag, dass man eben mal ja auch über Dinge streitet oder so. Du hast es gerade schon so ein bisschen anklingen lassen, da kommen dann auf einmal Sponsoren auf euch und vor allem auf dich zu.
Wie verändert das euer Leben, dass da jetzt, welche sind die euch unterstützen, Firmen da sind, die euch unterstützen? Also wir haben wirklich zu den Partnern, dass das wirklich ein schönes Geben und Nehmen ist, dass auch da ganz viel Vertrauen da ist. Also wir haben da wirklich ein sehr freundschaftliches Verhältnis zu den Firmen gehabt und ich jetzt immer noch.
Und für mich war einfach wichtig und beim Luis genauso, wir verbiegen uns nicht für die Öffentlichkeit oder für irgendwelche Menschen oder Firmen, die irgendwas von uns erwarten, sondern wir machen es immer aus dem Herzen, aus dem Bauchgefühl raus. Und dann, glaube ich, eben macht man es gut und dann ist es auch oft erfolgreich.
Und wenn es nicht erfolgreich ist, ist es ja trotzdem auch eine Geschichte. Das heißt aber für euch beide zu dem Zeitpunkt auch, ihr könnt euch dann komplett aufs Bergsteigen konzentrieren. Also ein richtiger Job, wenn ich höre, man bereitet sich ein halbes Jahr vor, ist da nebenbei doch eigentlich gar nicht möglich, dass man noch irgendwie was anderes macht. Nein, also ich habe tatsächlich den sicheren Fuß am Boden nie ganz losgelöst.
Ich habe lange Zeit tatsächlich noch eine Teilzeitstelle gehabt und jetzt ist es auch immer noch so, dass ich Yoga unterrichte, dass ich Presse-Textarbeit freiberuflich mache. Der Louis war wirklich komplett Profi-Bergführer und Profi-Bergsteiger. Und ich habe eben immer noch Teilzeit ein bisschen eine feste Anstellung gehabt.
Das denke ich auch, das muss jeder für sich entscheiden. Also wir haben natürlich diese Freiheiten genossen, dass wir uns eben absolut professionell trainingsmäßig vorbereiten konnten. Für mich sind ganz wichtig auch die Vorträge, also das Komponenteil. Kann ich gut, das gibt mir tolles Feedback auch jetzt noch, wenn ich alleine spreche.
Also das sind ja so die Standbeine, eben Sponsoren und Vorträge. Und natürlich gibt es dann Phasen, die eben sehr stressig sind mit den vielen Vorträgen im Winter. Aber dann gibt es eben auch wieder Phasen, wo man sich eben rein dann wirklich auf den Berg, auf die Vorbereitung konzentrieren kann. Also unser Leben war immer von der Gesundheit abhängig. Und Gesundheit ist einfach das höchste Gut.
Und das ist mir bewusst, dass das auch alles Vor- und Nachteile hat. Aber ich führe im Moment mal noch mein Leben so weiter, wie wir es bisher zusammen gemacht haben. Und ich bin mir sicher, es gibt auch immer neue Möglichkeiten. Also wenn ich das nicht mehr so möchte, dann ergibt sich vielleicht jobmäßig etwas ganz Interessantes, was ich mir jetzt noch gar nicht vorstellen kann.
Also es gibt immer Wege, finde ich. 2011 heiratet ihr beiden. Jetzt habe ich mich gefragt, wie sieht denn eine Bergsteiger-Hochzeit aus? Also habt ihr am Berg geheiratet oder so ganz klassisch auf dem Saal? Wie ist es gewesen? Also Luis und ich waren nie die Menschen, die groß gefeiert haben. Wir waren nie die Partygänger irgendwie.
Und so war tatsächlich dann auch unsere Hochzeit. Nein, er hat mir tatsächlich zu Hause einen Hochzeitsantrag gemacht, den ich sofort angenommen habe. Und dann haben wir eigentlich ganz still im ganz kleinen Kreis geheiratet. Wir haben nur standesamtlich geheiratet. Und wir waren nachmittags einfach auf einer schönen Bergtour mit einem Mountainbike.
Und wir sind als Hochzeitsreise in die USA zum Klettern geflogen. Also es war schon sehr bergmäßig aber wir haben eben nie die große Feier gemacht und es war dann ja, das ist irgendwie dann doch auch. Das Traurige im Leben, wir haben dann, ich bin ja mit ihm dann ins Allgäu zurückgezogen, also er war ja Allgäuer und von München haben wir dann den Schritt ins Allgäu gemacht und.
Waren 25 Jahre beieinander. Und dann haben wir noch vor seiner Expedition zum Kansch gesagt, das können wir jetzt mal feiern. Das ist auch wieder so ein Punkt, wo ich mir denke, manchmal muss man Sachen machen. Ja. Also dieses, irgendwann machen wir das mal, wenn wir Zeit haben, ist halt ein ganz großer Fehler, weil es eben so schnell vorbei sein kann.
Genau. Wir müssen auch, glaube ich mal, über die Risiken vom Höhenbergsteigen sprechen, weil das ist ja kein Sport wie jeder andere, da kann ja wirklich was passieren. Hast du das immer im Kopf, wenn du auf dem Berg bist, dass dein Leben auch auf dem Berg enden kann? Nicht bei jeder Bergtour. Aber es wäre vermessen, wenn man da nicht auch drüber sprechen würde.
Und ich meine, Luis und ich haben uns zum Beispiel wirklich zusammen gegen den Kinderwunsch entschieden, weil wir am Anfang so gedacht haben, na ja, wir haben ja noch ein paar Jahre Zeit, das kann man noch ein bisschen verschieben. Und dann waren wir einfach so drin in diesem gemeinsam auf Expedition sein.
Und da haben wir wirklich auch gesagt, wir wollen nicht, dass unsere Kinder irgendwo bei Großeltern, Tanten, Onkeln, Freunden aufwachsen und wir fahren immer noch gemeinsam auf Expedition und im schlimmsten Fall kommt einer oder beide nicht zurück. Also das war für uns so eine ganz klare gemeinsame Entscheidung, die wir getroffen haben, dass wir uns gegen Kinder entschieden haben, auch wegen des Risikos.
Also es ist natürlich so, im Alpenraum funktioniert ja die Rettungskette meistens sensationell gut. Helikopterflüge sind, also Wetter jetzt natürlich mal ausgeklammert, aber man kann relativ schnell mit einem Helikopter gerettet werden, wenn man irgendwie in Bergnot gerät. Und das ist natürlich in diesen Ländern Nepal, Pakistan ganz anders.
Da ist einfach eine mögliche Rettung, ein mögliches Krankenhausbehandlung nicht so nah da. Und man muss bei der Höhe natürlich dazu sagen, da kommen einfach, ich denke, zwei Sachen dazu. Erfrierung ist ein Thema wegen der Kälte und dann eben die Höhenkrankheit, Höhenhirn-Ädem und Höhen-Lungen-Ädem. Und dem muss man sich bewusst sein. Und wir haben über diese Risiken gesprochen.
Wir waren uns dieser Risiken bewusst und wir haben uns immer versucht, so gut vorzubereiten, dass wir dieses Restrisiko, was natürlich an den hohen Bergen höher ist als im Alpenraum, dass wir das so gering halten wie möglich. Aber mit dem Wissen, dieses bleibende Restrisiko ist da, das gehen wir ein für diese Erlebnisse, die wir haben.
Und wir haben einfach grandiose Erlebnisse gehabt. Und meine Einstellung zum Bergsteigen, zum Risiko hat sich überhaupt nicht verändert. Ich stehe komplett hinter dem, was wir da 25 Jahre gemacht haben. Ich habe natürlich alles überdacht und hinterfragt, aber ich bin zu dem Schluss gekommen, ich stehe dahinter, das war unser Leben, das hat uns so bereichert, aber mit dem Wissen natürlich, dass auch was passieren kann.
Das wäre jetzt nämlich meine Frage gewesen, weil ich erlebe dich als sehr lebenslustigen und fröhlichen Menschen und das habe ich im Kopf nicht so ganz zusammengekriegt, dass man dieses Risiko eingeht, aber du sagst, du machst es für das Erlebnis. Ja, also wir haben einfach so die Berge und dieses gemeinsame Erleben, das hat uns so viel gegeben und wir wären auch nicht die Menschen gewesen, also ich sag mal so der klassische Couch-Potato-Sitzer, ohne das jetzt werten zu wollen, aber das waren wir einfach nicht und unser Leben hat sich draußen abgespielt und diese gemeinsame Begeisterung für die hohen Berge.
Von den Dokus, die ich gesehen habe über Höhenbergsteigen, gerade im Himalaya, ist es glaube ich auch so, dass man... Durchaus auch an Leichen vorbeigeht, wenn man auf den Berg hochgeht. Ist dir das auch schon passiert? Ja, das ist tatsächlich leider so. Also ich habe jetzt spontan tatsächlich zwei Begegnungen im Kopf, wo ich allerdings darauf vorbereitet war.
Das Problem ist eben einfach an hohen Bergen, dass Bergungen ganz schlecht möglich sind. Und man bringt da ja auch wieder dann ein Rettungsteam, zum Beispiel in Nepal aus Sherpas bestehend, auch wieder in Gefahr. Und wir haben selber wirklich auch immer gesagt, wir wollen das für uns nicht, dass wir da geborgen werden, dass andere Menschen in Gefahr gebracht werden.
Und das war für mich eine ganz interessante Erfahrung. Wir haben das wirklich besprochen. Wir haben ja auch vorgesorgt mit Kontoverfügung, Vorsorgevollmacht, Testament und so weiter. Und natürlich verdrängt man den Tod auch ein bisschen, das muss ich dazu auch sagen. Wir waren uns der Risiken bewusst, aber man kann jetzt auch nicht wie gelähmt jede Sekunde beim Bühnenbergsteigen an den Tod denken, dann braucht man es nicht machen. Wir springen jetzt sozusagen vor auf das Jahr 2023.
Da möchte Luis auf den Katschenzonga. Kansch, sag einfach Kansch. Ich sag Kansch, das ist einfach. Also Luis möchte auf den Kansch, das wäre dann sein zehnte Achttausender gewesen. Was ist das denn für ein Berg, dieser Kansch? Also es ist einer der hohen Achttausender. Es ist eine sehr lange, anspruchsvolle Gipfel-Etappe.
Und ja, ich denke, den Respekt kann man da wirklich vor der Höhe haben, weil es der dritthöchste Achttausender eben weltweit ist. Die Gipfel-Etappe sehr unübersichtlich ist. Es gibt da viele Schneerinnen, Kuloas, viel Fels oben. Also es ist einfach wirklich ein sehr anspruchsvoller Berg in der Höhe eben.
Du begleitest ihn aber nicht auf diese Expedition. Warum? Genau, wir haben also immer ja von Jahr zu Jahr überlegt, wie unsere Pläne sind. Und das kam dann bei ihm so im November, Dezember 2022, dass er so bei der Planung fürs nächste Jahr den Kansch eben ins Spiel gebracht hat. Und natürlich war seine allererste Frage, hast du Lust mitzukommen?
Und mich hat der Berg, ich kann es gar nicht sagen, woran es liegt, aber manche Berge reizen einen und manche eben nicht so. Und das war bei mir beim Kansch so, dass der nicht unbedingt zu den 8000ern gezählt hat, die ich unbedingt noch besteigen wollte. Und dann gab es aber auch so ein bisschen zeitlich und finanziell auch so ein paar Dinge, wo ich einfach dann in Summe relativ schnell gesagt habe, für mich nicht.
Und das war eben auch ein ganz wichtiger Teil in unserer Beziehung, dass wir dem Partner die Freiheit gelassen haben, auch etwas alleine zu machen, wenn man es selber nicht machen möchte. Und so gab es Dinge, die habe ich gemacht ohne den Louis. Und es gab Dinge, die hat der Louis gemacht ohne mich. Und wir haben das immer besprochen.
Und wir waren aber wirklich damit auch fein, Und da habe ich beim Kansch gespürt, das war wirklich noch so ein Traum von ihm. Den wollte er unbedingt noch. Er hat da auch von dieser Skibefahrung geträumt. Also er hatte ja viel die Ski an den hohen Bergen mit. Und nachdem er mich natürlich gefragt hat, und er hätte es ja schön gefunden, wenn ich mitgekommen wäre, aber ich dann für mich entschlossen habe, dass ich da nicht mitfahre, war es aber klar auch, dass ich ihn natürlich ziehen lasse, dass er das alleine macht.
Im Nachhinein mal drüber nachgedacht, wäre alles anders gekommen, wenn ich mitgekommen wäre oder hast du den Gedanken nicht zugelassen bei dir? Also ich habe über alles bis ins letzte Detail rauf und runter nachgedacht und natürlich auch das. Und ich muss im Nachhinein sagen, Dinge sollen ja so sein, wie sie kommen.
Also da glaube ich fest dran und ich glaube, es war tatsächlich gut, dass ich nicht mit war. Es gab zwei Gipfelversuche. Beim ersten hat es nicht geklappt beim Louis und bei den Kollegen. Und beim zweiten Mal war er ja oben, aber ist nicht mehr runtergekommen. Und ich habe mir dann oft überlegt, wie wäre das gewesen, wenn ich mitgewiesen wäre.
Und ich wäre bei diesem ersten Gipfelversuch sicherlich dabei gewesen. Wir hätten umgedreht. Und dann ist es bei mir aber so, dass ich es nicht schaffe, noch mal einen zweiten Versuch zu machen. Also bei mir sind dann die Körner oder das Pulver verschossen. Ich hätte dann im Basislager auf ihn gewartet. und ich glaube, es wäre albtraummäßig furchtbarer gewesen, da im Basislager zu sitzen und mitzukriegen, der Luis kommt nicht runter. Ich glaube, ich wäre durchgedreht.
Es ist dann auch so, dass natürlich die Technik da sehr rudimentär ist. Man hat da nicht einen PC und ein Telefon, sondern man hat ein Satellitentelefon, wo die Verbindung schlecht ist. Man hat ein Handy, wo man mühsam irgendwelche SMS tippt oder ein Garmin-Satellitengerät. Also diese Technik, die ich dann zu Hause zur Verfügung hatte, als er vermisst war, die hat mir einfach geholfen, so schnell wie möglich, so gut wie möglich alles für ihn zu organisieren und vor Ort, glaube ich, wäre das für mich ein Albtraum gewesen und ich hätte eben auch nicht die guten technischen Mittel gehabt, wirklich beobachten.
Mich professionell darum zu kümmern. Also da denke ich auch, es sollte so sein. Und vielleicht war es für mich ganz gut so, dass ich nicht mit dabei war. Du bekommst dann am 25. Mai die Info, dass Louis es geschafft hat auf dem Gipfel, dass er jetzt absteigt. Bist du erstmal wahrscheinlich beruhigt, als du das hörst, oder?
Ja, ich habe mich in dem Moment gefreut, weil ich ja wusste, dass es ein Lebenstraum war. Ich wusste aber auch, dass es an dem Abend schon spät war. Ich wusste, dass er in der Dunkelheit absteigen würde. Und dann habe ich gedacht, also mit der Skiabfahrt oben im Gipfelbereich wird es dann sicherlich nichts mehr.
Was jetzt für mich gar kein Problem war. Und er hat auch immer die Skiabfahrten so gesehen, wenn es passt, dann passt es. Und wenn nicht, dann geht die Welt auch nicht unter. Und er war aber auch zu Fuß einfach irre schnell immer im Abstieg. Also wie ich diese Info gekriegt habe und ins Bett gegangen bin, der Luis war am Gipfel und er ist im Abstieg.
Da habe ich mir in dem Moment eigentlich keine Sorgen mehr gemacht. Also es ist auch verrückt, man sagt ja wirklich immer, oben warst du erst, wenn du wieder unten bist. Die meisten Unfälle passieren im Abstieg, weil man erschöpft ist, nicht mehr konzentriert ist. Aber der Louis war so irre schnell immer im Abstieg, dass ich mir da eigentlich keine Sorgen um ihn gemacht habe.
Interessant, das ist ja wie beim Skifahren, wo ja meist die schwersten Verletzungen auch bei der letzten Abfahrt des Tages irgendwie passieren, weil man auch wenig Kraft hat, unaufmerksam ist, sich schon aufs Abendessen freut, wie auch immer. Und damit sind wir jetzt bei diesem einen Moment. Nächster Tag, 6 Uhr morgens, du liest die Nachricht, in der steht, dass der Luis nicht im Camp angekommen ist. Was machst du jetzt?
Ich habe sofort gewusst, da ist richtig was schief gelaufen, weil ich einfach die Erfahrung an den Hohenbergen selber habe. Und dann habe ich aber in so einen Funktionsmodus umgeschaltet, habe kurz die Augen wieder zugemacht und habe gedacht, okay, wer kann jetzt vor Ort helfen? Und dann waren es wirklich zwei Menschen, denen ich bis heute dankbar bin.
Das ist die Billie Bierling. Das ist eine Deutsche, die eigentlich in Garmisch-Partenkirchen lebt und ist aber immer ein halbes Jahr in Nepal im Frühjahr und im Herbst. Und die leitet in Kathmandu die Himalayan Database. Da werden quasi alle Gipfelbesteigungen aufgeführt und aufgelistet. Und mit Billie hatte ich eh schon vorher Kontakt.
Und dann wusste ich sofort, Billie ist in Kathmandu und die kann mir helfen. Und neben Billie war es Lukas Furtenbach. Luis hat ja diese Jahre, wo er am Everest geführt hat, als Expeditionsleiter für Lukas Furtenbach geführt, für dieses Innsbrucker Unternehmen. Und ich wusste auch, Lukas ist jetzt der Zweite, der mir helfen kann.
Also es war so ein Moment, du schließt die Augen und denkst dir, wer kann jetzt wirklich die beste Hilfe liefern? Und das waren die zwei. Und das war es auch wirklich so. Was sind denn das für Schritte, die du dann einleitest von zu Hause aus? Wahrscheinlich organisatorische Dinge vor allem, oder? Genau, also wie auch bei uns im Alpenraum, Wenn was passiert, geht es eigentlich erst mal darum, dass ein Heli geschickt wird zur Suche und zur Rettung oder zur Bergung.
Und man muss sich das tatsächlich aber ein bisschen anders vorstellen. Im Alpenraum ruft man die Rettung an oder setzt einen Notruf ab und dann fliegen als erstes die Helikopter. Man wird gerettet und hinterher wird die Bezahlung geklärt. Und in Nepal ist das anders. Die Helikopter heben erst ab, wenn die Bezahlung geklärt ist.
Und da war das Problem, Louis hatte eine gute Versicherung, von der ich auch wusste und wir brauchen jetzt da nicht ins Kleingedruckte zu gehen, letztendlich war es aber so, dass an diesem Freitagmorgen ganz schnell klar war, dass die Versicherung nicht zahlt, und dann ist es so, wenn diese Guarantee of Payment, wie das heißt, nicht da ist in Nepal, dann starten keine Helikopter Und da hat mir eben Lukas so irrsinnig geholfen, der gesagt hat, Alex, du übernimmst das jetzt selber. Also es war innerhalb der ersten Stunde klar, die Versicherung zahlt nicht.
Gründe habe ich dann lange gestritten drüber, aber es ist jetzt so, wie es ist. Aber es mussten ja so schnell wie möglich Helikopter geschickt werden. Habe ich gesagt, okay, Kostenvoranschlag, ich übernehme das. Wusste dem natürlich im Moment nicht, wie ich das bezahlen sollte, aber es ging ja erstmal um die Hilfe.
Und dann war es einfach das Problem, dass das Wetter sehr schlecht war, dass das nur Sichtflüge sind. Die konnten also wirklich zwei, drei Tage eigentlich nicht fliegen. Das war der Freitag und die sind dann erst, glaube ich, am Sonntagabend oder Montag überhaupt konnten die fliegen. Vor Ort in Kathmandu war einfach Billy Bierling, die mir alles organisiert hat, die mich immer auf dem Laufenden gehalten hat.
Aber es war natürlich auch eigentlich an dem Freitag schon klar, es hätte ein Wunder geschehen müssen, dass der Louis an dem Freitag noch nach so langer Zeit ohne künstlichem Sauerstoff in dieser Zeitung. Großen Höhe, wenn der da noch gelebt hätte, das wäre ein Wunder gewesen. Also ich habe alles versucht in die Wege zu leiten, ich habe alle Hebel in Bewegung gesetzt, aber natürlich war dieses Wissen da, die Chance ist ganz klein.
Dann kam eben dieses schlechte Wetter dazu und dann ist letztendlich eigentlich der Suchtrupp erst an dem Montag, das war damals da 23, der Pfingstmontag, ist da erst gestartet und sie haben eben eben am Dienstag nach Pfingsten auf 8400 Meter gefunden. Tot und das war mir aber eigentlich schon am Freitag, Samstag klar.
Warum ist die Suche nach Louis so kompliziert? Vielleicht mal für diejenigen erklärt, die sich jetzt mit Bergsteigen in der Höhe nicht so auskennen. Also der Hauptpunkt ist erst mal, dass die Helikopter Longline-Bergung bis maximal knapp 7000 Meter machen. Und auch Suchflüge kann man sich nicht vorstellen, dass die da um den Gipfel des Kantsch kreisen, weil der ist knapp 8,6 hoch.
Das heißt, alles, was über 7000 Meter stattfindet an Suche und an Bergung. Müssen über Menschen eingeleitet werden. Und das sind eben die Climbing-Sherpas in Nepal. Da musste natürlich erst mal ein Team zusammengestellt werden. Die waren dann zu viert. Und die sind ins Basislager geflogen worden, beziehungsweise schon ein bisschen höher auch und waren irre schnell auch zu Fuß am Berg unterwegs.
Aber der Punkt ist einfach der, es ist nicht wie in den Alpen, dass Sichtflüge gemacht werden, dass man per Longline rausgeholt wird. Das klappt nur bis knapp 7000 Meter. Das heißt, die Sherpas mussten ja auch erst mal aufsteigen. Und ich meine, die Sherpas sind Maschinen, aber es sind auch nur Menschen.
Und die sind natürlich mit Sauerstoff gegangen, weil sie ja auch zum Teil aus Kathmandu kamen, nicht akklimatisiert waren. Und bis die aber in dieser Region dann vom Louis war, mit dem Schlechtwetter die Tage vorher, wo die Helikopter überhaupt nicht fliegen konnten, war eben klar ... Wenn es eine Bergung gibt oder wenn der Louis gefunden wird, dann wird er mit Sicherheit nicht mehr lebend gefunden.
Du hast gesagt, wenn. Also das heißt, die Chance, und das war dir völlig klar, ist sehr groß gewesen, dass ihr den Louis niemals findet eigentlich zu dem Zeitpunkt. Ganz genau, weil ich das eben selber von den Expeditionen wusste. Und dann war natürlich durch dieses Gelände am Kanchenchenka mit diesen vielen Rinnen, mit den Schneerinnen, mit dem felsdurchsetzten Gelände und meinem Wissen, dass er ja eigentlich eine Skiabfahrt machen wollte, war ja auch die Frage, ist er auch eventuell auf die andere Seite abgestürzt?
Also es war ja völlig unklar eigentlich, wo man nach ihm sucht. Und dann ... Habe ich auch nicht eigentlich dran geglaubt, dass man ihn findet. Und dann kam an diesem Dienstag der Anruf aus Kathmandu, wir haben den Louis gefunden auf 8400 Meter Höhe und da waren die Sherpas tatsächlich mit ihm dann schon auch im Abstieg.
Und dann habe ich mich erst mal hinsetzen müssen. Also ich habe das nicht für möglich gehalten, dass der Louis gefunden wird. Und dann habe ich aber relativ schnell gedacht, wow, was für ein Geschenk für mich. und dann konnte es für mich ja gar nicht schnell genug gehen, nach Kathmandu zu fliegen. Also dann habe ich sofort, habe ich das organisiert, dass ich hinfliege und dass ich mich eben von ihm verabschieden konnte, dass ich ihn sehen konnte.
Wir haben eine schöne Puja, das ist in Nepal quasi in der Religion dort eine Feier. Da werden die Puja, wird auch im Basislager gefeiert, um die Götter gnädig zu stimmen, wenn wir ihren Wohnsitz dort betreten. Wir haben dann eben auch eine Puja in Nepal gefeiert und das war dann wirklich für mich ganz wichtig, dahin zu fliegen.
Wie wäre es denn gewesen, was ja die wahrscheinlichere Option eigentlich gewesen wäre, dass man ihn gar nicht mehr findet? Hättest du damit auch leben können, leben müssen wahrscheinlich? Also das weiß ich auch aus dem Bekanntenkreis, das gibt es auch in den Alpen immer wieder, dass jemand einfach verschollen ist.
Das ist, finde ich, also man hat das ja nicht im Griff, das muss man dann einfach so akzeptieren, aber es erschwert natürlich alles, also man sieht den Menschen nicht mehr, man kann sich nicht mehr so von ihm verabschieden, man kann ihn nicht mehr streicheln. Und dann kommt natürlich dieses ganze Organisatorische, ohne Sterbeurkunde geht in Deutschland gar nichts.
Und ich musste ja schon mir eine nepalesische ausstellen lassen, bis die mal in Deutschland war, bis die übersetzt worden ist, sind ja Wochen und Monate vergangen. Und wenn jemand verschollen ist, dann greift dieses Verschollenheitsgesetz und das macht es natürlich alles irrsinnig kompliziert, Weil man einfach bestimmte Dinge im ganzen Organisationsablauf erst mal überhaupt nicht angreifen kann.
Und das war für mich dann letztendlich auch ein Glück, dass er gefunden worden ist, dass die Sterbeurkunde dann zumindest mal nach ein paar Wochen da war und dass ich einfach dieses ganze Organisatorische dann in Angriff nehmen konnte. Du redest jetzt natürlich viel über organisatorische Dinge, was ich auch nachvollziehen kann, aber ich meine auch so für die...
Für die Seele. Du hast ja gar nicht die Möglichkeit, wirklich Abschied zu nehmen, wenn der andere im Berg geblieben ist, oder? Absolut wichtig. Also diese Trauerrituale, die wir aus unseren Kreisen, aus unseren Kulturen kennen, die haben alle Sinn und Verstand. Und dieses jemanden nochmal sehen. Abschied nehmen, ihn nochmal streicheln können, das ist brutal wichtig.
Und das war eben für mich ein unverhofftes Geschenk, was ich annehmen durfte. Und dafür bin ich bis heute dankbar. Das heißt, was war dein allererster Gedanke, als du den Anruf bekommen hast, wir haben ihn gefunden? Ich habe gedacht, ich muss sofort nach Kathmandu fliegen. Also ich habe mit Billy Bierling telefoniert, die mich ja immer auf dem Laufenden gehalten hat und hat gesagt, du, ich muss das natürlich jetzt ein bisschen organisieren.
Ich kann mich jetzt auch nicht sofort in den Flieger setzen. Das war dann eben der Dienstag und ich bin dann Freitag nach Kathmandu geflogen. Ich musste hier ja auch noch ein bisschen was vorbereiten und natürlich auch ein bisschen eben mit Versicherung sprechen, mit Louis' Mutter, mit den Geschwistern sprechen, mit meiner Familie sprechen. Was mache ich auch?
Machen wir eine Trauerfeier drüben? Machen wir eine Überführung? Und da war wirklich dann mein älterer Bruder sensationell. Auch den trage ich bis ans Lebensende auf Händen, der dann ganz vorsichtig gesagt hat, möchtest du Begleitung nach Kathmandu? Soll ich mitkommen? Und dann haben wir eben diesen Trip zusammen gemacht.
Und der hat mir einfach auch dann viele Dinge abgenommen, auch technische Dinge. Dann ging es ja eben auch darum, diese SAR, also die Search-and-Rescue-Kosten zu bezahlen. Also alles Technische, da hat er sich drum gekümmert. Und ja, dann habe ich eben zwei, drei Tage gebraucht, um das hier noch zu organisieren.
Und bin dann relativ schnell nach Kathmandu geflogen. Und dann war das wirklich, ja, da könnte ich, glaube ich, heute ein Buch über diese Woche schreiben, was ich da in Kathmandu erlebt habe. Also, was ich vorhin schon so ein bisschen sagte, von entsetzlich traurig natürlich das Schlimmste, was man sich vorstellen kann.
Ich wünsche es niemanden, aber für mich, für meinen Trauerweg unglaublich wichtig. Du musst Behördengängen in Kathmandu erledigen und du gehst auch ins Leichenschauhaus. Vielleicht magst du mal erzählen, wie das damals für dich ist, den Louis nochmal zu sehen? Ja, also ich habe ja auch so ein bisschen was über uns beide erzählt und da war ja auch wirklich dieser Punkt, dass bei uns ganz viel Humor in der Beziehung war und ich glaube, für manche Dinge im Leben, die sind so traurig, die schafft man gar nicht zu ertragen, wenn man keinen Humor hat.
Und ich bin natürlich, wie viele Deutsche auch, großer Tatortgucker, sonntagsabends. Und habe mir das natürlich vorgestellt. Dann gehen wir da so in das Krankenhaus in Kathmandu. Und dann gehen wir da in die Pathologie. Und dann wird da irgendwie so eine Kühlkammer geöffnet. Und das ist natürlich in Nepal alles nicht so.
Da war schon eine Pathologie. Aber die sieht anders aus als in deutschen Krankenhäusern. Und ich sage mal, das war dann mehr so Hinterhof. Und ich bin so auf den Kopf dann auf Louis zugelaufen. Er war eben auf einer Bahre, es lag ein weißes Tuch über ihn, er war verdeckt und ich war da eben dann mit dem Bestatter zusammen, mit meinem Bruder und mit Billy.
Und dann haben sie eben dieses Tuch ein Stück weit weggenommen, dass ich seinen Kopf sehen konnte. Und dann war es ein ganz, ganz friedlicher Eindruck. Also er lag dort wirklich wie eingeschlafen, er hatte keine Verletzungen. Und ich habe ja dann auch viel mit Höhenmedizinern, mit Psychologen gesprochen, mit der Höhenkrankheit.
Und das ist ja eigentlich dann wirklich so ein Einschlafen. Also es ist eigentlich, ich habe mit Reinhold Messner auch ein tolles Gespräch gehabt und der hat gesagt, das ist eigentlich ein schöner Tod. Und genau so sah Luis aus, dass er wirklich wie eingeschlafen war und das war für mich einfach ein Geschenk.
Weil zu dem Zeitpunkt, ich habe ja wirklich dann diesen Gipfeltag gut zusammensetzen können, diese ganzen Puzzleteile. Ich habe mit den Bergsteigern in Kathmandu gesprochen, die ihn noch gesehen haben. Wie gesagt, dann mit Höhenbergsteigern, mit Psychologen, mit Höhenmedizinern. Also diese ganzen Puzzleteile musste ich für mich auch gut zusammensetzen, damit ich mit diesem Tag auch halbwegs im Reinen abschließen kann.
Und weder dem Luis Vorwürfe mache, noch mir. Und dann war eben wirklich das Sehen im Krankenhaus ganz anders als in Deutschland, aber das gehört eben zu diesen Erfahrungen auch mit dazu. Und also was dann eben auch, was ich so mit dem Humor sagte, man muss eben dann auch über manche Dinge einfach lachen.
Also Billy war dann ja so unglaublich und hat alles für mich organisiert und hat dann eben auch gesagt, lass uns doch noch eine kleine Putscher machen vor der Einäscherung. Also ich hatte dann eben entschieden, dass Louis in Nepal eingeäschert wird. Und dann schickt sie mir ein Foto. Ja, und auch wir in Deutschland, wir stellen uns natürlich so ein Bestattungsinstitut vor.
Ja, und dann hat sie mir ein Foto geschickt mit dem Raum. Und dann sah das dahinter aus wie Baustelle. Und ich sage noch so zu meinem Bruder, ist ja komisch da im Hintergrund die Baustelle. Ja, dann waren das die Brennöfe im Hintergrund, was wir in unserer deutschen Kultur natürlich gar nicht kennen.
Aber da haben wir drüber gelacht hinterher, weil ich wirklich noch so dachte, komisch da im Krematorium in diesem Vorraum, wo die Abschiedsfeier sein sollte und dahinter die Brennöfen, völlig skurril. Aber ich finde, man muss sich eben auch auf andere Länder und Kulturen einlassen. Also wenn man diese Reisen macht, wir sind ja wirklich, also Nepal war unsere zweite Heimat und ich habe ja und Luis auch diese Kulturen und Religionen eben so geliebt und das hat mir auch geholfen, weil ich so ein bisschen auch den Eindruck hatte, Also es war dann noch so eine nächste Begegnung, die auch traurig, humorvoll und skurril war.
Dieser Bestatter, der das ganz toll alles gemanagt hat für mich da, kam dann am nächsten Tag. Und dann hat Billy mich schon darauf vorbereitet, dass er eben vom Louis die Urne mitbringt. Ja, und dann sitze ich da mit meinem Bruder beim Cappuccino trinken und dann kommt der Bestatter und stellt mir die Urne auf den Frühstückstisch.
Also ich meine, das gibt es in Deutschland auch nicht. Und dann habe ich aber eben an den Lu gedacht und habe die in die Hand genommen und habe gedacht, ja Lu, was mache ich jetzt mit dir? Und das sind alles so Dinge, die wir natürlich in Deutschland, in unseren Kulturkreisen ganz anders haben. Und dadurch, dass aber der Unfall in Nepal passiert ist, war es für mich auch...
Sehr bereichernd in jeglicher Hinsicht, da einfach das Drumherum auch mitzuerleben. Und mit diesen paar Dingen, die ich jetzt so erzählt habe, was ja wirklich schwarzer Humor eigentlich ist, habe ich aber auch gemerkt, dass in Nepal vielleicht ein bisschen leichter mit dem Tod umgegangen wird. Und das ist auch jetzt was, was ich die letzten Jahre gemerkt habe.
In Deutschland, in unseren Kulturen und Religionen ist Tod und Trauer ein Tabuthema. Und das ist in manchen anderen Ländern leichter. Und das war für mich auch in Nepal ein Stück weit leichter. Und dafür bin ich eben sehr dankbar, dass ich dort diese Erlebnisse hatte, auf meinem Trauerweg total wichtig.
Natürlich war in Deutschland auch dann noch mal wichtig, gerade weil es eben jetzt hier kein Grab gibt, dass man auch hier eine Abschiedsfeier feiert, dass es hier Gedenkplätze gibt für den Louis. Das war natürlich auch ganz wichtig. Aber es wäre alles anders gelaufen, wenn der Louis in Deutschland bei einem Autounfall verunglückt wäre.
Aber dadurch, dass es nun in Nepal war und ich ja auch immer um seine Wünsche wusste, ich habe bei allen Dingen, die ich entscheiden musste, habe ich immer kurz die Augen geschlossen, und habe gedacht, was hätte der Louis jetzt gewollt. Und so habe ich entschieden. Und das hat es mir dann eigentlich relativ leicht gemacht.
Du hast eben von so einer Art Puzzle gesprochen, weil du nachvollziehen wolltest, was passiert ist. Vielleicht ein Teil des Puzzles, was war jetzt dann am Ende die Todesursache deines Wanns? Also ich habe auch eine Autopsie machen lassen in Kathmandu im Krankenhaus. Das war auch wieder ein Rat an mich von einem Höhenbergsteiger, der mich noch auf dem Weg nach Kathmandu angerufen hat, hat gesagt, Alex, lass das machen, das ist für dich wichtig zu wissen.
Und es war letztendlich eben diese Kombination Höhenhirn und Höhenlungenödem. Und da muss man auch einfach sagen, für die Hörer, das sind wahrscheinlich die meisten, die sich da einfach gar nicht so gut auskennen, die Höhenkrankheit ist wirklich tückisch. Also es kann passieren, dass man beim ersten Trekking in Nepal höhenkrank wird und später nie wieder Probleme hat.
Oder wie beim Louis, der nie höhenkrank geworden ist und dann schlägt die einmal zu. Und das war ja das, also ich meine, der Louis war Expeditionsleiter, der hat einen renommierten Ruf gehabt als Expeditionsleiter. Der hat hunderte von Kunden auf die höchsten Berge dieser Welt begleitet und sicher wieder runtergebracht und der stirbt an der Höhenkrankheit.
Das heißt, du hast auch die ganze Tour rekonstruiert, weil du sagst, es ist dir wichtig, das zu verstehen. Du hast es mittlerweile verstanden, also du weißt eigentlich in Details, wie der Louis zu Tode gekommen ist. Genau und ich weiß auch, also die Skiabfahrt hat eben gar nicht stattgefunden, das war wenig charmant. ich habe hier noch gesessen, da war der Louis noch vermisst, da habe ich schon die ersten anonymen E-Mails gekriegt, wo Leute sich drüber ausgelassen haben, dass ja, dass Schiebefahrungen an 8000er ein Quatsch sind. Da hatte ich ganz andere Sorgen, aber sowas kommt auch.
Und letztendlich hat ja diese Schiebefahrung gar nicht stattgefunden. Er hat ein Skidepot gemacht, er ist dann weiter zu Fuß gegangen. Er war einfach sehr langsam unterwegs. Es war sicherlich die Erschöpfung, auch aufgrund des ersten Gipfelversuches, der eine Woche vorher stattgefunden hat. Und er war sicherlich stark dehydriert. Man kann an so einem Gipfeltag gar nicht genug trinken, wie man eigentlich bräuchte.
Und letztendlich ist er einfach, hat er sich hingesetzt und ist höhenkrank, erschöpft, dehydriert, eben einfach eingeschlafen. Und das ist, wie wir ja wissen, insofern man das sagen kann, eigentlich ein schöner Tod, ein schmerzloser Tod. Und das hat mir total geholfen, das muss ich eben auch sagen. Und das habe ich dann ja, als ich ihn gesehen habe, habe ich gesehen, er war nicht verletzt, er ist nicht abgestürzt.
Und ja, es ist wirklich ein schöner Tod. Jetzt ist der Louis ja in Kathmandu eingeäschert worden, du lebst aber im Allgäu. Was passiert denn dann jetzt erstmal mit seinem Körper? Wolltest du ihn direkt überführen lassen? Hast du überlegt, ihn erst da zu lassen? Was war da organisatorisch noch zu klären? Also ich hatte mich dann eben für die Einäscherung vor Ort entschlossen oder entschieden und habe dann eben alles, was ich entscheiden musste, wirklich die Augen zugemacht und überlegt, wie hätte es der Luis gewollt.
Und dadurch, dass wir ja auch über den Tod in den Hohen Bergen gesprochen haben, war mir klar und so habe ich eben wirklich dann einfach nach seinen Wünschen gehandelt, die aber für mich auch stimmig waren, wusste ich, Luis möchte in den Bergen bleiben. Also wie gesagt, was ganz anderes, wenn der Tod in Deutschland passiert wäre, aber es ist in Nepal passiert, ich wusste, dass er auch in Nepal bleiben wollte und dann war ich aber natürlich in dieser einen Woche Kathmandu, war ich ja völlig überfordert, irgendwelche weiteren Entscheidungen zu treffen und dann habe ich vorsichtig...
Und angefragt bei dem Bestatter, ob ich die Urne auch erstmal dort lassen kann, bis ich mir in Ruhe überlege, was zu machen. Und der war total nett und hat das auch gesagt. Das kann ich, ist gar kein Problem. Und dann war aber eben Billy Bierling wieder so nett. Die hat dann einfach, weil die ja eine Wohnung auch in Kathmandu hat, die hat dann so nett zu mir gesagt. ach du, der Luis kann auch erst mal bei mir wohnen und du kannst dir in Ruhe überlegen, was du machen möchtest.
Und das war einfach ganz, ganz toll. Und das hat auch zu diesen traurigen, skurrilen, aber auch fröhlichen Momenten gehört, wo ich mir im Nachhinein dachte, das macht auch nicht jede Frau, dass sie sich die Urne von einem fremden Mann ins Schlafzimmer stellt. Aber Billy macht das. Und Billy hat das für mich gemacht.
Und dann bin ich eben nach Deutschland zurückgeflogen. Wir haben hier im Allgäu eine schöne Abschiedsfeier noch mal gefeiert. Und dann konnte ich mir einfach ganz in Ruhe überlegen, was stimmig für den Louis ist und ich wusste von seinem Wunsch, er möchte in den Bergen bleiben, in den Hohn, wenn es dort passiert und dann wusste ich, dass ich irgendwie im Laufe des nächsten Jahres wieder nach Nepal fahren werde und an einem schönen Ort seine Asche den Elementen quasi übergebe.
Aber du bist jetzt erstmal in Deutschland und Und du bist allein. Wie geht es dir, als du zurück im Allgäu bist, als sozusagen alle organisatorischen Sachen erstmal abgearbeitet sind? Da kommt dieses Riesenloch. Also man arbeitet dann ja nochmal so hin auf die Abschiedsfeier. Das war hier dann wirklich nochmal ein Step.
Die hat dann auch einfach mit ein paar Wochen Zeitversatz stattgefunden. Die war sehr, sehr schön. Die war sehr bewegend. Aber wie das dann ist, nach so einer Beerdigung, ist das schwarze Loch richtig schwarz und richtig tief. Und da muss man sich einfach erst mal finden. Also ich habe auch in diesen ersten Wochen, ich konnte ganz wenig weinen.
Und dann, als eben Raum auch war für die Trauer, da war einfach am Anfang noch gar kein Raum da. Und man will das ja auch am Anfang erst mal gar nicht begreifen. Man redet sich ja irgendwie ein, ja, der Louis ist einfach noch auf Expedition, der kommt schon wieder. Und irgendwann muss man es eben akzeptieren, der kommt nie wieder.
Und das ist natürlich immer noch so. Ich sage, die Trauer, die ist chaotisch und die ist in Wellen. Und es gibt Momente, auch am Anfang, ich bin relativ schnell wieder in die Berge hier bei uns gegangen, weil ich gespürt habe, das tut mir gut, aber es gibt, und das ist nach wie vor so, es gibt Tage. Da habe ich schon viel geschafft, wenn ich es morgen schaffe, aufzustehen und wenn ich drei To-Dos schaffe.
Also man muss sich, glaube ich, dann wirklich ein Umfeld schaffen, wo man spürt, was tut einem gut, was raubt einem Energie und Energieräuber möglichst nicht an einen heranlassen, sondern sich auf die konzentrieren, die einem Energie geben im Leben, die einem helfen. Ich bin bis heute nicht so weit belastungsfähig, wie es früher war.
Also ich nehme mir wirklich gezielt ein paar To-dos vor am Tag, wenn ich arbeite, wenn ich trainiere oder sonst irgendwas erledigen muss. Und danach ist Schluss. Und der Rest, der rutscht einfach auf den nächsten Tag. Und es ist so irrsinnig interessant, was die Trauer auch mit dem Körper macht. Also das war ja für mich auch alles neu.
Ich habe irgendwie gedacht, die Seele trauert und ich sitze hier auf dem Sofa und weine. Ja, und dann habe ich die ersten zwei Monate, konnte ich gar nicht weinen. Und dann denke ich so, was ist denn da los? Und man muss einfach akzeptieren, dass jede Trauer unterschiedlich ist, die ist total individuell und sie ist eben chaotisch und in Wellen.
Trauer ist ein Prozess, der hilft, Verlust zu verarbeiten und sich in einem veränderten Alltag zurechtzufinden. Früher haben Wissenschaftler und Psychologen Phasenmodelle der Trauer entwickelt. Erst geht es der trauernden Person so, dann ist es so und dann ist alles weg. Heute weiß man aber, dass diese Modelle nicht zutreffend sind.
Trauerprozesse sind individuell und unterscheiden sich bei jeder Person massiv. Darauf hat ja Alex auch gerade hingewiesen. Dazu habe ich ein Zitat von der amerikanischen Schriftstellerin Elizabeth Gilbert gefunden, das ich sehr passend finde. Trauer ist eine Kraft, eine Energie, die sich weder kontrollieren noch vorhersagen lässt.
Trauer folgt nicht deinen Plänen oder deinen Wünschen, sie tut mit dir, was sie will und wann immer sie will. In dieser Hinsicht hat Trauer viel mit Liebe gemeinsam. Wie die Liebe wächst Trauer zu einem inneren Universum an, das die gesamte äußere Welt einfärbt. Anders als die Liebe begegnet unserer Kultur der Stimme der Trauer jedoch mit einer Mischung aus Unruhe und Verdrängung.
Wir wollen Traurigkeit verschwinden lassen, das trauernde Herz sofort aus seinem Schmerz herausheben. Oft halten wir es für persönliches Versagen, wenn wir die Trauer eines anderen nicht lindern können. Oder wir sehen es als deren Versagen an, wenn sie nicht in dem von uns gewünschten Zeitrahmen darüber hinwegkommen.
Zitat Ende Ich finde, dass Alex Schilderungen nochmal zeigen, wie wichtig es ist, sorgsam mit der Trauer unserer Mitmenschen umzugehen. Es ist nicht seltsam oder unauthentisch, wenn Hinterbliebene in einem Moment glücklich sind und lachen und zwei Minuten später wieder mit voller Wucht von ihrer Trauer getroffen werden. Im Gegenteil.
Am Anfang schon gesagt, Trauer ist einfach ein Prozess. Ich finde dabei ein Bild aus der Psychologie ganz hilfreich, das neulich Leon Winschert bei mir im Podcast bei Verbrechen von Leben an aufgemacht hat. Wenn man sich das Leben als ein Glas Wasser und die Trauer als einen Tischtennisball in diesem Glas vorstellt, dann ist es nicht so, dass der Tischtennisball nach einiger Zeit einfach wieder verschwindet, dass die Trauer weggeht, sondern das Glas, das drumherum, das restliche Leben wird wieder größer und da ist wieder mehr Platz für andere Dinge.
Aber die Trauer kann und sie darf bleiben. Was war für dich denn am Anfang am schwersten, dass er einfach nicht da war, oder? In eurer gewohnten Umgebung wahrscheinlich. Also wir haben ja auch zusammen gewohnt und es ist dann einfach, ich sage es mal ganz banal, man kommt von einer tollen Bergtour nach Hause, möchte dem Partner erzählen, was man erlebt hat und kommt in die leere Wohnung.
Also die leere Wohnung ist für mich immer noch nach Momenten, wo ich mit vielen Menschen unterwegs war und was Tolles erlebt habe, das ist wie der freie Fall, in die leere Wohnung zu kommen und baff, da sitzt du jetzt alleine und dann ist das ganz Banale dieses Anfassen, nicht, wenn man dem Partner über den Arm streicht, über die Wange streicht, das geht nicht, er ist natürlich in meinem Herzen und in meinem Gedanken ist der Louis da.
Aber er ist eben nicht mehr, als Mensch sitzt er mir nicht mehr gegenüber beim Essen. Und Essen war zum Beispiel so ein Thema, das konnte ich die ersten ein, zwei Jahre, war das ganz schlecht. Ich konnte allein in der Wohnung nicht essen. Und was immer noch ist, wo ich auch tatsächlich noch keine Lösung gefunden habe, ist dieses, also ich sage mal, tagsüber habe ich meinen Alltag ganz gut im Griff.
Ich habe meine To-Dos, ich habe meinen Sport, ich weiß, was mir gut tut. Ich habe einen tollen Freundeskreis, wo ich jeden Tag dankbar bin. Aber dieser Moment, abends ins Bett zu gehen, wo die Betthälfte neben dir leer bleibt und dort wieder am nächsten Morgen aufzuwachen und diese Betthälfte ist immer noch leer, das sind die Momente und die tun auch nach drei Jahren noch weh und die werden auch in den nächsten drei Jahren noch wehtun.
Du fliegst im September 2024, also vier Monate nach Louis' Tod, dann nochmal nach Kathmandu. Was hast du vor? Also das war genau, es war ein Jahr später tatsächlich, der Tod war 23 und ich bin im Herbst 24 dann wieder hingeflogen, also ein Vierteljahre später, genau, weil ich mir überlegen wollte, wie bringe ich Louis Asche dorthin, wo es für ihn schön passt und ich habe da wirklich bei der Sache gespürt.
Dinge passieren so im Leben oder entwickeln sich so, wie sie sollen. Man muss dann manchmal vom Gas runtergehen und einfach den Dingen Zeit geben und dann entwickelt sich so, wie es passt. Und ich muss dazu sagen, der Louis hatte einen sehr guten Kunden, mit dem er ja am Everest auch zusammen war. Und die haben einige Trainingsexpeditionen gemacht. Und ein Trainingsexpeditionsberg war der 7000er Daulagiri 7 in Nepal, wo der Louis mit dem Briten, mit dem Graham unterwegs war im Herbst 21.
Und dann waren sie eben im Frühjahr 22 am Everest. Und dann hatte eben der Lukas Furtenbach, der mir einfach in diesen ersten Tagen nach Louis' Tod so irrsinnig geholfen hatte, der hatte eben diese Daula-Giri-7-Expedition einfach jedes Jahr im Programm. Und ich habe immer mal mit ihm dann auch gesprochen und mir ja überlegt, was passt.
Und dann war das wirklich so, dass ich dachte, Louis hat von dem Berg so begeistert erzählt. Er hat gesagt, da musst du mal hin oder wir müssen noch mal zusammen hin. Und das ist so einsam und so ein schöner Berg. Und dann hatte Lukas eben die Expedition dorthin. Und dann konnte ich mir ja überhaupt nicht vorstellen, irgendwie in einer kommerziellen Gruppe da anzukommen mit Luis Ohne unterm Arm. Und ich kenne niemand.
Also für mich war dieses Team ganz wichtig, mit dem ich da unterwegs bin. Und dann hat sich das auch so gefügt, dass wir alle uns untereinander schon vorher kannten oder zumindest über Ecken voneinander wussten, wer wer war. Und dann waren es alles Kontakte, die ich vorher hatte, Menschen, die ich kannte, wo ich wusste, das ist das Umfeld für meine Aschemission, wie ich sie genannt habe.
Und ich meine, das ist alles emotionale Schwerstarbeit. Das ging los mit dem Packen hier zu Hause, mit dem Flug nach Kathmandu. Ich habe die halbe Flugstrecke nur geweint und habe gedacht, was tue ich hier? Das ist noch viel zu früh, dass ich wieder auf Expedition gehe. Und dann war natürlich wirklich dieser Rahmen drumherum, den uns Lukas und Kunga als Sherpa gegeben haben, war für mich wirklich so dieses Umfeld, was ich gebraucht habe für die Tour.
Wie lange hat dann diese Asche-Tour, wie du es jetzt gerade genannt hast, gedauert? Das war jetzt wahrscheinlich nicht einmal aus dem Flieger aussteigen und die Asche verstreuen und wieder zurück, oder? Nee, genau. Also wir waren fünf Wochen auf Expedition insgesamt unterwegs und wir haben es eben auch ganz klassisch gemacht.
Also wir hatten in Nepal noch zwei Inlandflüge bis zum Ausgangspunkt vom Trekking, haben dann sind ungefähr eine Woche ins Basislager reingetrackt. Also wir haben das eben auch so richtig klassisch gemacht, ohne künstlichem Sauerstoff, ohne Helikopterflug, wirklich so aus eigener Kraft. Dann haben wir uns am Berg akklimatisiert.
Dann haben wir eben dort den Gipfel bestiegen, wo ich dann im Wind die Asche vom Louis in die Luft gebracht habe. Es war sehr schön, die Eva-Maria, eben die Kollegin von mir, mit der ich das Zelt geteilt habe. Ihr Bruder ist Priester in Österreich und der hatte ihr dann noch Texte für den Louis mitgegeben.
Und sie hat mich im Basel-Lager ganz vorsichtig gefragt, ob sie das am Gipfel vorlesen darf. Ja, und dann war es wirklich auch dort oben am Gipfel auf über 7000 Meter Höhe nochmal eine kleine Abschiedsfeier. Die Sherpas waren mit dabei, der Bergführerkollege von Louis, dieses tolle Team, die Eva-Maria hat diese schönen Texte von ihrem Bruder da vorgelesen.
Und dann war es wirklich ein Moment, wo ich mir hinterher gedacht habe. Der Louis hätte sich das genau so gewünscht gehabt. Was ist das für ein Gefühl, auf über 7000 Metern die Asche deines Lebensmenschen in den Wind zu kommen? Zu verstreuen? Also ich habe natürlich vorher versucht, und das ist bis heute noch so, dieses Kartenhaus, was sich Alex Neues Leben nennt, das ist noch so fragil, das stürzt bei jedem extra zusammen.
Ich habe meinen Alltag im Griff, ich weiß, was mir gut tut, ich weiß, was ich erledigen muss, aber wenn irgendein Extra kommt, dann bin ich ganz schnell noch an der Grenze. Und diese Expedition muss ich sagen, die habe ich generalstabsmäßig vorbereitet, weil ich wusste, da darf so wenig extra passieren, was mich irgendwie aus dem Konzept bringt.
Und ich meine, auf einer Expedition passiert einfach jeden Tag irgendwas, was man nicht geplant hat. Da muss man natürlich flexibel bleiben und ich versuche dann immer mir irgendwie im Vorwege zu überlegen, so ein bisschen antizipieren, was kann passieren und wie kann ich darauf reagieren. Und dann war das wirklich auch am Berg spannend.
Ich habe mir das genau überlegt, wie überstehe ich das da oben am Gipfel? Ehe selber fertig von der Anstrengung und dann noch da das mit der Asche zu schaffen. Und das war letztendlich überhaupt kein Problem. Viel emotionaler für mich war die Puja, die wir im Basislager gefeiert haben. Das war eben wieder dieser kleine spirituelle Gottesdienst, wo wir die Götter gnädig gestimmt haben.
Dann weiht man dann auch als Bergsteiger seine Ausrüstung. Also wir stellen da Pickel und die Schuhe dazu, dass das geweiht wird von einem Lama, der führt eben diese kleine Feier durch. Und mein Aschesäckchen war da auch. Und diese Puja, da habe ich so geweint, die war so emotional für mich. Das habe ich vorher überhaupt nicht gedacht.
Also da bin ich so reingefallen. Die war sehr wichtig, aber die war wirklich für mich ganz emotional. Und dann habe ich auch gedacht so, und wie soll das jetzt am Gipfel da oben werden? Und am Gipfel war das irgendwie überhaupt kein Problem. Also erst mal muss ich sagen, Es ist ja gar nicht gut, wenn man getrieben ist von einem Bergziel.
Das geht ja meistens schief. Aber diesen Daulagiri 7, den Gipfel, den wollte ich. Ich wollte meine Aschemission da oben zu Ende bringen. Also es war so anstrengend und so kalt in der Nacht, aber ich habe so einen Zug Richtung Gipfel gehabt. Und da oben war ich wie auf Droge. Ich war völlig high. Da ist diese ganze Anspannung von mir abgefallen.
Und dann war es aber auch in dem Moment so, ich habe die Nacht, ich habe so gefroren. Also Frieren ist zum Beispiel so ein körperliches Symptom bei Trauernden. Ich verbrenne ganz viel Energie übers Frieren. Das ist irgendwie eine Art, wie mein Körper trauert. Und ich habe ja also noch nie an einem Achttausender irgendwie gefroren.
Und an diesem Achttausender habe ich so gefroren. Und da oben, und es war ja auch windig, und da oben war es dann windstill, sonnig und total warm. Und dann ist diese ganze Anspannung von mir abgefallen und dann wirklich diese tollen Menschen um mich rum. Und dann war das wirklich ein schöner Moment da oben.
Jetzt hat ja diese Tour nicht nur unbedingt das Ziel gehabt, also vor allem das Ziel, um die Asche dort zu verstreuen, aber es ging ja für dich auch darum, rauszufinden, ob Höhenbergsteigen auch ohne Luis noch was für dich ist. Hast du eine Antwort darauf gefunden? Ja, das war für mich wirklich wichtig.
Und ich habe ja, also in dem Moment, wo dieser Flug nach Kathmandu gebucht war, habe ich ja so Panik vor dieser Expedition gehabt. Ich habe gedacht, was tue ich da? Ein Jahr nach Louis' Tod bin ich so bescheuert und gehe an 7000er. Meine beste Freundin hat noch gesagt, naja, ein 6000er hätte es ja auch getan.
Aber also ich kommuniziere ja viel mit Louis, anders als früher. Und ich weiß, wie ich dieses Thema so ein bisschen mit ihm besprochen habe in der Wohnung. Und das war eben auch der Louis und die, die ihn kannten, die lachen auch drüber. Ich habe das so mit ihm besprochen und ich habe so gespürt, wie er zu mir sagt, also bitte Schnuppi, Aschemission trecken kannst du noch mit 60 oder 70, mach was gescheit, solange es geht.
Also ich wusste auch, der wollte, dass ich was für mich was Gescheites mache, dass ich mich fordere. Und ich habe daraus gespürt, er will auch irgendwie auf einen hohen Berg. Aber ich habe wirklich im Vorwege Angst gehabt, ob das zu früh war, ob für mich der Berg vielleicht auch zu hoch war. Aber es ist mit jedem Schritt Richtung Basislager besser geworden.
Und ich habe wirklich ganz viele Tage auf der Expedition sehr genießen können. Und ich war dann auch voll wieder in meinem Element. Also dieses Höhenbergsteigen und dieses Leben im Zelt, das liebe ich einfach. Die Länder und ich habe dann gespürt, ich bin wieder genau da, wo ich bin. Mit Louis war, wo ich sein möchte. Und das tut mir gut. Und deswegen war das eine sehr gute Erfahrung.
Ich habe ja niemandem auf der Welt irgendwas beweisen müssen. Ich wollte es einfach mir selber zeigen oder beweisen, dass das noch geht. Und wenn es eben nicht gegangen wäre, dann wäre das ja auch ein Ergebnis gewesen. Aber es lief gut und ich habe gespürt, ich kann die Höhe noch. Also da sagen natürlich auch einige, naja, die Alex, also alleine zerreißt sie nichts, weil der Louis hat sie ja immer hochgetragen.
Auf die 8000 hat das natürlich Quatsch, weil kein Mensch trägt jemand anders auf die Achttausender hoch und wir waren einfach immer ein Team und jeder hatte seine Stärken und seine Schwächen und in Summe haben wir perfekt funktioniert und natürlich werde ich auch älter, ich weiß, dass das nicht mehr ewig geht und ich weiß auch nicht, ob jetzt nochmal ein Achttausender sein müsste, aber ich habe so viel Freude an dem Siebentausender gehabt, dass ich ganz sicher bin, dass ich die nächsten Jahre noch an einigen Sechs- und Siebentausendern unterwegs sein werde.
Eine Sache, die dich ja neben der Trauer auch beschäftigt hat, waren ja tatsächlich auch Existenzängste. Weil der Luis hat dich zwar nicht die Berge hochgetragen, aber ihr habt ja schon als Team zusammen auch beruflich funktioniert. Vielleicht kannst du mal. Was es damit auf sich hat und vor allem, wie du wieder rausgekommen bist aus diesen Ängsten?
Also das Erste war tatsächlich, wir hatten es vorher schon mal so ein bisschen angeschnitten, das war ja in diesem Moment, wo klar war, seine Versicherung, die eigentlich umfangreich war, die zahlt nicht, mussten erst mal diese Search-and-Rescue-Kosten gedeckt werden. Darf ich fragen, wollte ich gerade sagen, wie viel das war? Genau, 66.000 Euro.
Also der Kostenvoranschlag war ein bisschen niedriger. Und dann sind die Kosten aber noch mal explodiert explodiert von grob 45.000 auf 66.000, weil die bei der Rettung dann oder bei der Bergung vom Louis haben die drei Fluganläufe gebraucht, um im Lager zwei landen zu können. Und ich meine, jeder, der sich ein bisschen auskennt, weiß, bei Flugminuten rattert das Geld durch.
Also die Kosten sind dann einfach nochmal explodiert und die Versicherung hat eben nicht gezahlt. Und tatsächlich habe ich es dann wirklich gemacht. Also der Deutsche Bergführerverband hat mich da sehr unterstützt und eben Privatmenschen, die mir und Luis einfach helfen wollten, haben eben gespendet und in Summe haben wir dieses Geld dann zusammengekriegt.
Da bin ich bis heute absolut dankbar dafür. Aber es ging natürlich dann im Leben noch weiter. Also dann sind einfach alle Kosten, die man bis dahin geteilt hat, laufende Lebenshaltungskosten, Wohnung, Auto und so weiter, das liegt einfach dann plötzlich bei einer Person anstatt bei zweien. Und natürlich war für mich auch die Frage, wie geht das mit den Vorträgen weiter?
Wir haben ja zusammen Bücher geschrieben, wir haben zusammen Artikel geschrieben und wir haben all diese Vorträge zusammengehalten. Und da habe ich natürlich auch erst mal, alle Termine abgesagt und habe gedacht, da muss ich mich erst mal neu finden und habe es dann einfach ausprobiert. Und dann war das wirklich so schön, dass ich so ein schönes Feedback zu diesen Vorträgen kriege, wie ich eben jetzt meine Geschichte alleine weiterlebe, wie ich das geschafft habe, auch an diesen Herausforderungen zu wachsen, dass ich wirklich sagen kann, eigentlich hat sich in meinem Leben bisher nicht viel verändert, außer, dass natürlich der wichtigste Mensch nicht mehr da ist, Aber ich mache alles, was ich vorher mit Louis gemacht habe,
mache ich alleine weiter. Ich trainiere alleine weiter, ich gehe weiter in die Berge mit tollen Menschen, nicht mehr mit dem Louis, aber mit tollen Freunden in meinem Umfeld. Ich schreibe weiter Artikel, ich halte weiter Vorträge und deswegen merke ich, es hat sich in meinem Leben bisher eigentlich nicht viel verändert.
Das kann natürlich noch kommen und jetzt glaube ich aber, dass ich so stabil bin, dass ich auch, wenn da Veränderungen kommen, dass ich die auch schaffen werde. Würdest du denn sagen, dass deine Trauer sich verändert hat? Also ich sage ganz banal, der Louis, ich denke jeden Tag an ihn immer noch und er fehlt auch noch jeden Tag.
Aber die Trauer verändert sich schon, beziehungsweise ich glaube, man lernt einfach mit ihr anders oder besser umzugehen. Also es gibt natürlich so ein paar Sätze, die Zeit heilt die Wunden, finde ich völligen Quatsch, weil die Zeit heilt irgendwie gar nichts. Aber man lernt besser damit umzugehen. Und man spürt eben diese Trauersymptome, die ich auch sagte, das war ja am Anfang alles neu für mich.
Und da habe ich gedacht, das Thema Frieren eben, das gibt es ja gar nicht, wieso friere ich so? Bis ich herausgefunden habe, dass einfach dieses Frieren auch eine Art ist, wie der Körper die Trauer verarbeitet oder andere Symptome. Und je mehr man darüber weiß und je mehr man sich selber auch kennenlernt und erfährt, desto besser weiß man dann auch bei manchen Dingen, das ist jetzt einfach völlig normal.
Was hilft dir denn, wenn die Trauer mal wieder stark ist? Also mir hilft wirklich, die Tränen fließen zu lassen, weil ich das ja am Anfang gar nicht konnte und auch so jemand bin nach außen hin. Wenn ich unterwegs bin, dann bin ich eben immer die starke Alex und zu Hause in der Wohnung, in meinem Umfeld, da kann ich dann wirklich weinen.
Und mir hat geholfen, also wirklich so, ich sage mal ein bisschen Routinen und Rituale. Das würde ich so ein bisschen als Schlagwort eigentlich sagen. Es gibt bestimmte Routinen im Alltag, die brauche ich, weil es sonst Tage gäbe, da würde ich nicht aufstehen. Und das tut nicht gut. Also man muss schon so eine Routine haben, dass man weiß, man steht morgens um die Uhrzeit auf, man geht um die Uhrzeit ins Bett.
Gesunde Ernährung ist ganz wichtig. Ich habe im ersten Sommer, jetzt dürfen alle Zuhörer dann lachen, habe ich von Chips und Aperol gelebt. Ich war nicht in der Lage für mich zu kochen. und ich als Sportler habe Zeit meines Lebens quasi keinen Alkohol getrunken und ich habe einfach, ja, ich habe auch drei, vier fürchterliche Alkoholabstürze gehabt, Gott sei Dank in meiner Wohnung und nur einer in der Öffentlichkeit, aber all das gehört irgendwie dazu und ich glaube, da muss man durch, also so hart das klingt.
Ich bin wieder, also ich gönne mir mal ein Gläschen, aber ich habe jetzt überhaupt gar kein Alkoholproblem. Ich habe auch das Kochen wieder ganz gut auf die Reihe gekriegt. Und was mir so eben diese Routinen helfen, so mit To-dos am Tag, was muss ich erledigen? Wann stehe ich auf, wann gehe ich ins Bett, was koche ich mir heute?
Also diese Routinen sind wichtig und ich finde ganz wichtig, sich eben immer auch nach drei oder nach sechs oder nach zehn Jahren Zeit zum Trauern zu nehmen. Und das ist bei mir eigentlich, dass ich so ein bisschen so eine feste Trauerzeit jeden Abend habe. Dass ich natürlich, jetzt sind die Abende bei mir anders. Ich liege nicht mehr mit Luis auf dem Sofa und gucke einen Film an, sondern ich liege da alleine.
Und das ist natürlich erst mal eine Herausforderung. Und ich schreibe viel Tagebuch. Also ich schreibe dann wirklich viel auf. Nicht mehr jeden Tag jetzt, aber schon, wie es mir geht. Ich höre Trauer-Podcasts. Die haben mir viel geholfen. Ich habe eine tolle, private, kleine Trauergruppe, wo wir drei beziehungsweise vier Mädels sind, wo alle Partner in den Bergen verunglückt sind. Wir treffen uns regelmäßig.
Der Austausch ist ganz toll. Ich bin jemand, ich lese sowieso sehr viel und ich habe Trauerbücher auch gelesen. Und ich habe eben wirklich gemerkt, also Luis und ich waren immer unterwegs, ich will jetzt nicht sagen, dass wir keine Freunde hatten, aber wir hatten einfach uns, wir waren immer unterwegs, wir haben selten irgendeine.
Hochzeitsfeier, Kommunion oder irgendwas mitgemacht, weil wir waren immer weg und dann stand ich auch erstmal da und habe mir einen Freundeskreis aufbauen müssen und das ist was, da bin ich jeden Tag inzwischen dankbar für diese unglaublich tollen Menschen in meinem Umfeld, wie gesagt es gibt glaube ich in jedem Leben die Energie.
Die muss man ziemlich knallhart aussortieren, das sage ich ganz ehrlich. Und eben nur die Menschen an sich heranlassen, die einem Energie geben. Und das ist bei mir dieser tolle Freundeskreis. Die Frage kommt mir jetzt gerade spontan noch in den Sinn. Glaubst du, dass es irgendwann in deinem Leben mal wieder so einen Lebensmenschen geben könnte wie den Louis?
Das ist ganz spannend und natürlich ist das auch ein Thema, also ich bin, ja ich finde immer dieses Wort Witwe so schrecklich, ich nehme es jetzt trotzdem in den Mund, ich bin mit 51 Witwe geworden und ich habe auf dem Rückflug von Kathmandu, also wirklich quasi eine Woche nach Louis Tod, habe ich gedacht, du bist für 51 zu jung, um den Kopf in den Sand zu stecken.
Du könntest noch so viele gute Jahre vor dir haben und mein Ziel war eigentlich, ab diesem Moment dieser Endgültigkeit zu akzeptieren, dass der Louis nie wieder kommen wird und dass meine Aufgabe ist, jetzt mir mein Leben so gut und so schön wie möglich zu machen, immer mit Louis im Herzen, er wird immer dabei sein, ich werde ihn nie vergessen.
Und ich sage aber auch, also ja, das ist eben auch mal so ein Thema. Verliebt man sich nochmal, findet man nochmal einen Partner. Und da denke ich immer, wenn das so sein soll, dann wird mir der Luis im richtigen Moment den richtigen Mann schicken. Da bin ich ganz fest von überzeugt. Das wünsche ich dir sehr.
Wir sind nämlich schon am Schluss des Podcasts angekommen. Und du weißt es ja vielleicht, es gibt immer zwei Abschlussfragen, die ich meinen Gästen stelle in diesem Podcast. Nein, weiß ich noch nicht, aber ich bin gespannt, Philipp, zu hören. Ja, dann wirst du dich jetzt kennenlernen. Die erste Frage ist, wenn du heute auf diesen einen Moment zurückblickst, also diesen einen Moment, wo du diese Nachricht liest, welches Gefühl löst das in dir aus?
Dieser Gedanke, da ist richtig was schief gelaufen und eigentlich wusste ich in dem Moment, der Louis kommt nicht zurück. Also wirklich so eine knallharte Erkenntnis löst das in mir aus. Wie war das, und das ist schon die zweite Frage, heute mit mir über diesen einen Moment und alles, was davor und danach war, zu sprechen?
Also ich glaube du, wir kennen Kantons ja vorher nicht, aber du wirst die Momente gemerkt haben, wo meine Stimme kämpft und das wird bestimmt auch, werden die Zuhörer und Zuhörerinnen auch später im Podcast hören. Das darf ja auch sein. Das heißt, die Tränen und die Trauer sind immer noch da. Trotzdem glaube ich auch, dass sowas auch Trauerarbeit ist.
Also drüber sprechen tut auch gut und man wächst da dran und trotzdem darf man das auch zulassen, dass die Tränen kommen. Und ich bin mir sicher, nach unserem Podcast werden fast alle Zuhörer wissen, wo ich gekämpft habe. Und dann ist das auch okay so. Das ist vollkommen okay so. Ich bin sehr froh, dass du mit mir und mit allen, die das jetzt hören, darüber gesprochen hast.
Und ich kann mir auch vorstellen, dass auch manche, die zugehört haben, auch die eine oder andere Träne verdrückt haben. Bestimmt. Alex, danke schön. Danke dir, dass ich zu euch kommen durfte. Was für ein tolles Gespräch, was mir wieder zwei Sachen gezeigt hat, nämlich zum ersten, es ist so viel mehr möglich, als du glaubst und zweitens, Trauer ist bei jedem unterschiedlich.
Wenn ihr Alex Weg weiterverfolgen wollt, dann schaut gerne in die Shownotes. Wir haben da ihren Instagram-Account und ihre Webseite verlinkt. Ich würde mich natürlich sehr freuen, wenn ihr auch in zwei Wochen wieder vorbeischaut oder vorbeihört. Dann gibt es hier wieder eine neue Folge. Bis dahin, wir hören uns. Tschüss.
Dieser eine Moment Der Podcast mit Philipp Fleiter ist eine Produktion von Philipp Fleiter und WeMind Redaktion Philipp Fleiter, Laila Keuthage und WeMind Sounddesign und Schnitt Marius Fuchtmann für WeMind.