F.A.Z. Wie erkläre ich’s meinem Kind?· Folge 307
Was in unserem Kopf passiert, wenn wir lesen
Freitag, 2. Oktober 2026 · 5 min
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Shownotes
Über Ahnungen, Vorstellungen und Komplettierungen von Personen oder Orten beim Lesen
Warum weiß man so genau, wie die Figur in einem Buch aussieht, auch wenn es kein Bild von ihr gibt und sie nicht einmal sorgfältig beschrieben wird? Wie es kommt, dass unser Kopf beim Lesen für die Bilder sorgt.
Text und Sprecher: Fridtjof Küchemann
Produktion: Kevin Gremmel
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Was? Das heißt wie bitte. Wieso? Wie erklär ich es meinem Kind? Jeder, der sich dann in Bücher vertieft kennt dieses Phänomen und meistens finden wir gar nichts dabei. Wir haben eine ganz genaue Vorstellung vom Aussehen einer Figur von der Ausstattung eines Raumes von einer Szene oder Landschaft ohne je ein Bild davon gesehen zu haben – und sogar ohne dass uns eine detaillierte Beschreibung in der Geschichte auf die Sprünge geholfen hätte!
Meistens fällt uns das erst auf, wenn wir mitbekommen wie sich jemand anderes das vorstellt. Wenn jemand ein Bild davon gemalt hat oder genau davon erzählt oder wenn wir einen Film sehen der aus dem Buch entstanden ist. Die armen Filmregisseure müssen sich auf einmal alles ganz genau ausdenken. Worin unterscheiden sich all die Zauberstäbe bei Harry Potter?
Wie ist Bilbo Beutlin eingerichtet? und wie sieht Mr. Curry aus, der grießgärmige Nachbar der Familie Browne aus den Paddington-Geschichten? Wie hört sich seine Stimme an? Die Regisseure beschäftigen einen Haufen Kostümbildner, Requisiteure und Ausstatter, suchen sich ihre Schauspieler ganz genau aus und bekommen trotzdem immer wieder zu hören.
Das ist aber ganz anders, als ich mir das vorgestellt hatte. Beim Lesen braucht man nämlich gar nicht viel um zu glauben, dass man alles kennt und weiß und gesehen hat – das liegt daran, daß beim Lesen die Vorstellungskraft ja sowieso auf Hochtouren läuft! Wir sehen ein paar der nicht einmal dreißig Buchstaben unseres Alphabets hintereinander und nach einem kleinen Zwischenraum wieder ein paar in einer anderen Reihenfolge.
Und wer lesen kann, für den ergeben diese eigentlich doch recht seltsamen Zeichen Sinn. Wir können das ja mal ausprobieren! Sie rannte los so schnell sie ihre Füße trugen. Dieser einfache Satz verrät so gut wie nichts darüber, wer hier rennt... Ist es ein junges Mädchen, eine erwachsene Frau oder vielleicht sogar ein Tier?
Eine Stute. Läuft sie zur Tür weil es geklingelt hat? Läuft sie davon, weil jemand hinter ihr her ist? Oder läuft sie einfach so? Drinnen oder draußen bei Tag und Nacht bester Laune oder verängstigt? Woher sollen wir das wissen? Und doch haben wir schon nach einem einzigen kurzen Satz einen Gefühl dafür wer hier rennt und wo und warum!
Aber diese Vorstellung ist nicht bei jedem die gleiche. Für Leseforscher ist das ein spannendes und ergiebiges Thema, die untersuchen ob wir langsamer beim Lesen werden wenn die Vorstellungskraft angesprochen wird? Ob es Unterschiede gibt wenn wir uns beim lesen etwas zum Sehen, Hören, Riechen oder Fühlen vorstellen?
Oder ob eine Gruppe von Leuten beim Lesend derselben Passage an etwas Ähnliches. Aber dass wir das, was wir lesen mit etwas Ergänzen, was unseres Wissens und unserer Erfahrung nach gut dazu passt ist Grundlage all ihrer Arbeit. Und es war Grundlage des Überlebens unserer Vorfahren schon bevor sie überhaupt so etwas wie Schrift entwickelt hatten!
Sie lasen zum Beispiel Tierspuren und stellten sich vor, dass sie von einem Tier zum Weg laufen oder zum Hinterherjagen stammt... Lange Zeit gab es offenbar nur eine gebräuchliche Art zu lesen, nämlich laut. Allein oder mit Zuhörern und das Geschichtenerzähler Es schaffen mit ihrem Vortrag andere in den Band zu schlagen ist fast so alt wie das Fährtenlesen.
Vor über tausend sechshundert Jahren hielt einer der großen Weisen des frühen Christentums Augustinus eine eigentümliche Beobachtung fest. Er hatte Ambrosius, den Bischof von Weiland beim Leise lesen gesehen. Wenn er laß, überspannten seine Augen die Seiten und mit dem Herzen nahm er die Bedeutung auf – schreibt Augustinuss!
Und schöner kann man das was beim Leiselesen passiert auch heute noch nicht ausdrücken.