37 | Peter Alexander: Mit dem goldenen Wiener Herz durch die Nachkriegszeit
Donnerstag, 8. Oktober 2026 · 24 min
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Shownotes
In dieser Folge der Grätzlgeschichten nehmen Andreas und Walter die Biografie und das Wirken einer der größten Legenden der deutschsprachigen Unterhaltungsbranche unter die Lupe: Peter Alexander.
Wie wurde aus einem ehemaligen Wiener Sängerknaben und Überlebenskünstler der Wiederaufbaujahre der größte heimische Entertainer des 20. Jahrhunderts? Wir beleuchten die Sehnsucht nach der heilen Welt im Wirtschaftswunder, die Blütezeit des Heimatfilms und das Phänomen der Peter Alexander Show, die ganze Generationen vor dem Fernseher vereinte.
Die Grätzlgeschichte zu den Rosenhügel-Studios (buzzsprout.com/2403158/episodes/17845017).
Mehr Wiener Geschichte findet ihr im Wien Geschichte Wiki (geschichtewiki.wien.gv.at/Wien_Geschichte_Wiki). Andreas und Walter könnt ihr außerdem in der Geschichtsgreißlerei (geschichtsgreisslerei.at)hören.
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Andreas Servus und herzlich willkommen zu einer neuen Folge der Grätzlgeschichten. Es begrüßen euch Andreas und
Walter Walter.
Andreas Heute schauen wir uns eine Person an, die dazu mal eigentlich fast jeder Österreicher und jeder Österreicherin im Wohnzimmer stehen hatte. Wenn auch nur als Schwarz-Weiß-Bild in der Flimmerkiste. Wir sprechen über Peter Alexander oder Peter Alexander Neumayer, wie er mit bürgerlichen Namen hieß.
Walter Ja, und du hast Servus gesagt. Das ist ja genau eigentlich das richtige Wort. Peter Alexander wäre quasi das personifizierte Servus der Nation, obwohl er eher das bürgerliche, leicht süßliche Servus verwendet hat, als das proletarische Servas. Aber wenn wir heute auf ihn blicken, so sehen wir doch weit mehr in ihm als nur diesen Schlagersänger.
Walter Wir blicken eigentlich auf das Nachkriegsösterreich und die Jahre des Wirtschaftswunders.
Andreas Ja genau, den Peter Alexander haben wir nicht von ungefähr ausgewählt. Also erstens hat er unlängst seinen 100. Geburtstag gefeiert. Und seine Biografie steht eben auch als Spiegelbild einer Ära für uns. Vor allem aber auch fand ich jetzt ganz spannend sein Denkmal, von dem wir ausgehen, weil das ist wirklich recht ungewöhnlich.
Andreas Und das wollte ich den Hörer*innen auch nicht vorenthalten. Wir schauen ja, dass wir da immer eine recht bunte Mischung herausbekommen. Und dieses Denkmal ist halt insofern recht ungewöhnlich, als es auf den ersten Blick als solches gar nicht wirklich auffällt.
Walter So, und wo steht eigentlich dieses Denkmal?
Andreas Ja, das steht natürlich passenderweise in Grinzing. Da hatte ja der Peter Alexander auch später seine Villa. Und es steht auf dem nach ihm benannten Peter -Alexander-Platz. Das ist ein recht ein kleiner Park, da bei der Cobenzlgasse, Ecke Krapfenwaldgasse. Aber selbst wenn man das weiß, könnte es einem jetzt im ersten Moment passieren, dass man da extra rauffährt und sich dann denkt, wo ist jetzt eigentlich das Denkmal?
Andreas Weil wir haben es da jetzt nicht mit einer schönen oder gar imposanten Statue aus Marmor oder Bronze zu tun und auch keine sonstige Skulptur oder wunderschöne Gedenktafel, sondern und das sieht man erst so richtig, wenn man das halt auch weiß und halt genau hinschaut, es besteht im Grunde aus drei Holzbühnen und Scheinwerfern, die sich recht schlicht in dieses Landschaftsgefüge irgendwie einreihen.
Andreas Das Ganze entstand aus einem Wettbewerb 2018 errichtet und das hat die Künstler*innengruppe PAP gewonnen, P-A-P. Und die Idee dahinter ist, dass quasi jeder und jede, mal in die Rolle eines Peter Alexander schlüpfen kann, sich auf die Bühne schwingen kann und das jeweils Beste darbieten kann. Und das ist eigentlich, finde ich, eine ganz reizvolle Idee.
Walter Oder das heißt also, jeder kann Peter Alexander Neumayer sein, wenn er möchte. Aber wer diese wirklich historische Persönlichkeit war und wofür es heute eigentlich noch steht, über das sprechen wir dann gleich in Folge. Aber zunächst noch für die historische Einordnung in die Wiener Nachkriegs- und Wirtschaftswunderzeit.
Walter Zwei Minuten Heimatkunde.
Andreas Wien im Jahr 1945. Grau, zerbombt, besetzt. Der dritte Mann schleicht noch durch die Kanalisation. Und ein gutes Jahrzehnt später, da floriert die Stadt. Die Kassen klingeln und die Wienerinnen und Wiener haben plötzlich wieder Geld im Börsel. Was macht man also, wenn der Magen voll ist und die Wohnung wieder steht?
Andreas Richtig, man sucht das Vergnügen. Willkommen in der Epoche des kollektiven Verdrängungs- und Verwöhnungsprogramms. Man kann das Wirtschaftswunder gar nicht verstehen, wenn man sich nicht vor Augen führt, wie radikal dieser Tapetenwechsel war. Gestern noch Lebensmittel marken und Kohle-Knappheit, heute der Gulasch-Automat.
Andreas Ja, die 1950er Jahre waren in Wien auch die Geburtsstunde der modernen Systemgastronomie. Wer damals etwas auf sich hielt, ging ins frisch eröffnete Espresso. Das war nicht nur einfach ein Kaffeehaus, das war ein Statement. Da stand eine blitzende, zischende italienische Espresso-Maschine. Es gab neonbeleuchtete Resopaltische und man höre und staune, man trank den Kaffee im Stehen.
Andreas Ein Sakrileg für jeden traditionellen Oberkellner, aber der absolute Schrei bei der Jugend. Der Marshallplan hatte gefruchtet, die Schillinge saßen locker und der Drang nach Modernität war nicht aufzuhalten. Doch während die Fabriken rauchten und die ersten VW-Käfer den Gürtel verstopften, passierte auf der seelischen Ebene der Österreich etwas ganz Spezifisches, die große Sehnsucht nach der heilen Welt.
Andreas Die Menschen hatten die Nase gestrichen voll von Realität. Sie hatten genug von Trümmern, von Uniformen und von heroischem Pathos. Was sie wollten war Kitsch, aber bitteschön Kitsch auf höchsten handwerklichem Niveau. Und genau hier kommt die Wiener Unterhaltungsindustrie ins Spiel. Sie wurde zum seelischen Sanatorium einer ganzen Nation.
Andreas Wenn wir heute an das Kino der 50er Jahre denken, lächeln wir oft milde. Aber damals war der Film ein gigantischer Wirtschaftsfaktor. Wien und hier besonders die Rosenhügelstudios und die Sascha-Film wurden zu einer echten Traumfabrik. Es war die Ära des Heimatfilms und der Schlagerkomödie. Die Formel dafür war denkbar, einfach aber genial.
Andreas Man nehme eine herzerwärmende, völlig konfliktfreie Geschichte, meistens eine Verwechslungskomödie. Man platziere sie in einer Postkartenlandschaft, Wörther See oder das Salzkammergut. Man garniere das Ganze mit ein bisschen Wiener Schmäh und viel Musik. Und das wichtigste Gesetz, am Ende kriegt der Tenor die Sopranistin und der grantige Schwiegervater bricht den Tränen aus.
Andreas Happy End garantiert. Die Kinos waren chronisch ausverkauft. Die Menschen flüchteten aus ihren noch engen, oft feuchten Substandardwohnungen in die plüschigen Kinoseele, um für 90 Minuten zu vergessen, was draußen war. Sie wollten keine sozialkritischen Dramen sehen, sie wollten Waltrad Haas, Hans Moser, Gunther Philipp und Paul Hörbiger sehen.
Andreas Wien verkaufte Gemütlichkeit als Exportschlager und Westdeutschland, ebenfalls im Wirtschaftsrunder Fieber, kaufte diese österreichische Sehnsucht palettenweise auf. Parallel zum Film explodierte die Musikindustrie. Das Radio bzw. der legendäre Sender Rot-Weiß-Rot lief heiß. Der Schlager war der Soundtrack dieser Epoche.
Andreas Es war die Zeit, in der man von der weiten Welt träumte, weil man sich die Urlaubsreise nach Italien gerade erst mühsam ersparte. Da wurde von der Gitarre und dem Meer gesungen und ganz Paris räumt von der Liebe oder von fernen Südseeinseln. Und mitten in diesem bunten, wirbelnden Mikrokosmos aus Film, Musik und Fernsehfrühzeit betritt ein Mann die Bühne, der wie kein anderer das Gesicht, die Stimme und das Lächeln dieser Epoche werden sollte.
Andreas Peter Alexander bediente im Wien der 50er und 60er Jahre Sehnsüchte, die tief saßen. Er war der ideale Schwiegersohn. Er war modern genug, um schick zu sein, aber anständig genug, dass die Großmutter nicht die Sittenpolizei rufen musste. In Filmen wie im Weißen Rössl oder in den unzähligen Graf Bobby-Filmen an der Seite von Gunther Philipp spielte er sich in die Herzen von Millionen.
Andreas Als in den 1960er Jahren das Fernsehen das Kino als Leitmedium ablöste, wechselte Peter der Große einfach das Pferd. Seine Shows, die Peter Alexander Show, wurden zu Straßenfegern. Wenn Peter Alexander Samstagabends den Bildschirm betrat, sank die Kriminalitätsrate im deutschsprachigen Raum gefühlt gegen null.
Andreas Da saß die ganze Familie vor der neuen, E iche rustikal Schrankwand. Die Chips oder die Salzstangen standen bereit und man schaute diesem Mann zu, der einfach pure, unbeschwerte Professionalität ausstrahlte. Er war der Katalysator dieses neuen Wohlstands. Schaut her, signalisierte er. Wir haben es geschafft, uns geht es gut.
Andreas Wir dürfen lachen. Aus dem traumatisierten, geteilten Wien der Nachkriegszeit wurde wieder eine Metropole des Charmes, der Musik und des Humors. Und die Unterhaltungsindustrie war der Motor, der das Lebensgefühl der Stadt wieder auf positiv programmiert hat.
Walter Ja, danke Andreas für diese wunderbare Einordnung. Kommen wir jetzt vielleicht kurz zur Biografie der Person Peter Alexander. Also er war für Millionen das liebe Familienmitglied von den 50ern bis in die 90er Jahren, also bis zum Ende seiner Karriere. Aber wie ist eigentlich zu dieser Figur, zu diesem Mythos geworden?
Andreas Ja, also nun seine Biografie im Spiegelbild einer Ära. Peter Alexander wurde am 30. Juni 1926 in Wien geboren, als Peter Alexander Ferdinand Maximilian Neumayer, eine ganze Menge Namen. Er wuchs im 9. Gemeindebezirk auf. Sein Vater war Bankbeamter. Die Mutter stammte aus einer Musikalienhändlerfamilie aus Pilsen.
Andreas Bereits als Kind hat er bei den Wiener Sängerknaben gesungen. Das war eine frühe Prägung, die sein Leben lang begleitete. Und er war dann auch im Gymnasium zuerst in Wien und später in Znaim und hat da wirklich mit dem Drill nicht so gut umgehen können, hat dann die Kriegsmatura absolviert und ist Ende des Krieges noch eingezogen worden.
Andreas War dann in britischer Kriegsgefangenschaft und da wird auch immer wieder gesagt, ja, in dieser Kriegsgefangenschaft, da ist so sein Talent zur Unterhaltung wirklich aufkommen, weil er das quasi dort mal ausgelebt hat.
Walter Also auch für die britischen Soldaten?
Andreas Nein, für die anderen Kriegsgefangenen, genau. 1946 kommt er aus der Kriegsgefangenschaft zurück nach Wien und was macht er? Er taucht in die Trümmerjahre ein, macht Schwarzhandel mit Zigaretten, um die Familie über die Runden zu bringen, beginnt dann ein Medizinstudium, bricht das aber sofort wieder ab und studiert stattdessen Schauspiel am Max-Reinhardt-Seminar, das er 1948 mit Auszeichnung abschließt.
Walter Also der klassische Wiener Überlebenskünstler zu der Zeit. Also man muss auch sagen, ich kenne eine persönliche Geschichte von meinem Onkel, der war auch so ungefähr derselben Jahrgang, also drei Jahre jünger, aber der hat mir immer erzählt, er hat dem Peter Alexander Geld geborgt, hat es aber da nie wieder gesehen.
Walter Also offensichtlich waren damals die Verhältnisse so prekär. Aber mein Onkel ist damit klargekommen, es war nicht die große Summe.
Andreas Ja, durchaus ein Überlebenskünstler, wie du sagst und beschreibst, und vielleicht passt das auch in die Geschichte, mit einem unbedingt Drang zum Theater. Also er studiert am Reinhardt-Seminar. Eigentlich wollte er ursprünglich den tragischen Helden spielen, quasi den Hamlet. Stattdessen entdeckt er aber sein komisches Talent.
Andreas Das hat einerseits ein bisschen damit zu tun, dass er auch recht früh eigentlich ein Fan von Frank Sinatra geworden ist. Und andererseits aber auch kulturgeschichtlich spannend, weil ich meine, also das Land liegt am Boden, die Menschen sind traumatisiert, die brauchen in dem Moment kein schweres Drama.
Andreas Das, was sie brauchen, ist Ablenkung und das ist halt auch das, was funktioniert.
Walter Also da kommen dann so Schlager und der Film ins Spiel, oder? Man denkt sofort an Filme wie im Weißen Rössl oder Charlies Tante, interessanterweise, wo er dann so eine Verkleidung annimmt und so durchaus ein bisschen so Queer macht. Cross-Dressing zumindest.
Andreas Genau, genau. Exakt. Das war das Wirtschaftswunderkino. Man wollte die heile Welt, Peter Alexander war in seinen Rollen, oft der nette, leicht tollpatschige, aber immer charmante Typ. Der bedient damit natürlich eine Sehnsucht nach der Zeit vor der großen Katastrophe, aber verpackt in den fröhlichen Optimismus des Wiederaufbaus.
Andreas Harmlos, sympathisch, professionell, genau das, was Österreich in den 50er und 60er Jahren als Selbstbild braucht. Und der Peter Alexander steht beispielhaft für diese Zerstreuungskunst der Nachkriegsjahre. In einer Gesellschaft, die sich irgendwie so von Krieg, Besatzung, Identitätsverlust zu erholen sucht, bietet er eigentlich genau das, was viele brauchen.
Andreas Charme, Witz, Musik, heile Welt, Musikkomödien, Heimatfilme. Im Grunde das Wiederauferstehen der Operette. Operette war ihm auch nicht ganz fern, muss man dazu sagen. Man muss natürlich auch den Heimatfilm erwähnen, also der in den 1950ern eigentlich seine erfolgreichste Phase erlebt. Also Filme wie Förster vom Silberwald aus 1954 konstruieren das Bild eines idyllischen, gesunden Landlebens, eine Kulisse für ein angepasstes, traditionsorientiertes Verhalten.
Andreas Und diese Filme vermeiden politische Aussagen und blenden die unmittelbare Vergangenheit weitgehend aus. Also Peter Alexander war in zahlreichen solchen Produktionen zu sehen, etwa Liebe, Tanz und Tausend Schlager oder du hast es eh auch schon erwähnt, das Weißer Rössl. Also kennt natürlich einen jeder.
Walter Also eingebettet eigentlich in einem größeren kulturellen Phänomen.
Andreas Absolut. Der Heimatfilm war in den 1950er Jahren ein Massenphänomen und trägt eigentlich wesentlich zur Konstruktion einer, Klammer auf neuen, Klammer zu nationalen Identität bei, die nach dem Krieg weitgehend ja verloren war. Die Filme präsentieren die schönsten österreichischen Landschaften, bedienen dem Massengeschmack.
Andreas Sie sind Ausdruck, typisch für die 50er Jahre. Sprache, Ideen, Stolz auf die österreichische Landschaft. Das sind so die Werte, die nach dem Krieg irgendwie noch geblieben waren.
Walter Also manche Kritiker nannten das ja auch durchaus Oberflächenkunst, ein bisschen auch Tourismuswerbung, nehme ich mal an. War das eigentlich zu hart oder ist das unfair?
Andreas Vielleicht. Der Publizist Otto Friedrich hat es ja mal ganz treffend formuliert. Sein Abgang aus der Öffentlichkeit Mitte der 90er Jahre markierte für viele das endgültige Ende der Nachkriegszeit. Er bot eine Symbiose aus Wiederaufbaumentalität und einer Gemütlichkeit, die manche als Flucht betrachteten.
Andreas Andere als notwendige Heilung für eine verletzte Gesellschaft. Er gab den Menschen das Gefühl, dass alles wieder gut sei.
Walter Ja, also ganz abgang war ja auch interessant. Also er in Würde abgetreten, also nicht so wie andere Schauspieler oder andere Karrieren beendet wurden.
Andreas Entertainer.
Walter Also eigentlich ein würdeloses Abtreten, sondern er hat sich wirklich rechtzeitig aus dem Business zurückgezogen. Er war der perfekte Botschafter. Das ist ja auch, finde ich, ganz interessantes Detail. Er liebte ja Modelleisenbahnen. Also das war ja auch immer so ein bisschen so erst mal so ein Hobby der Männer der 50er und 60er Jahre.
Walter Und gleichzeitig war es schon auch so ein Sinnbild für, na, ich baue mir eine Welt selbst und ich habe Kontrolle darüber. Auch so ein Nachkriegsphänomen, könnte man fast sagen.
Andreas Ja, also auf jeden Fall. Und er war aber auch ein Pionier. Also denkt man nur an die Peter Alexander-Show. Das war ja irgendwie kein billiger Abklatsch, sondern das war perfekt durchchoreografiert. Also Peter Alexander-Show werden natürlich nicht alle kennen, aber das ist eine Show gewesen, die war der Straßenfeger quasi.
Andreas Also die hat in Deutschland und in Österreich so funktioniert wie kaum was anderes. Und da muss man auch sagen, wie so oft, also hinter erfolgreichen Männern stehen weniger sichtbare, in Wirklichkeit eben noch wichtigere Frauen. Also seine Frau Hilde war da eine Partnerin, die im Hintergrund alles auch organisiert hat.
Andreas Also ohne sie, sagt man auch oft, wäre das Phänomen Peter Alexander so auch nie möglich gewesen.
Walter Eine wirkliche Stütze auch für seine Karriere. Und was auch interessant ist, es gab ja nicht diese Skandale um ihn oder Affären. Er war eigentlich wirklich immer dies saubere Image und es entsprach ganz seiner Person. Wahrscheinlich hat er gar kein Interesse daran offensichtlich, also an diesen charismatischen, ausufenden Künstler-Dasein.
Andreas Ja, und wenn wir da ein bisschen auch ins Persönliche gehen, also ich meine, ich kann das jetzt nicht sagen, ich habe den Peter Alexander nicht persönlich getroffen, aber es wird schon immer wieder auch in der Literatur darauf hingewiesen, dass er nicht einfach nur ein Schauspieler war, sondern dass die Rolle, die er verkörpert hat, im Grunde auch irgendwie er selbst war.
Andreas Also anscheinend war er auch ein sympathischer Kerl.
Walter Also er füllte praktisch das Image auch mit seinen Rollen gleichzeitig. Also es war auch so ein modernes Schauspieler-Image und auch wirklich, kann man sagen, ein neuer Zugang, wie man eigentlich die Stars auch sehen wollte. Also einerseits verkörperten sie bestimmte Rollen und gleichzeitig aber hatten sie auch ein Image im Privaten, das sie in diese Rollen mitgenommen haben.
Walter Das hat sich das Publikum ja auch erwartet. Aber er war ja auch ein hochdiszipliniertes Arbeitstier. Also trotz dieser Fassade der Leichtigkeit, er war belesen, auch ein Kenner. Er hat das also nicht sich verbogen, um sich dem Zeitgeist irgendwie gefällig zu zeigen. Und eben als er 1996 seine Karriere beendet, war das ein bewusster Rückzug.
Walter Also er wollte eben nicht gealtert gesehen werden und er wollte eben, dass das Bild in Erinnerung bleiben, das er über die Jahrzehnte aufgebaut hat und hat sich dann wirklich sehr stringent aus der Öffentlichkeit zurückgezogen.
Andreas Genau, und du hast es schon angesprochen, Arbeitstier. Also tatsächlich quasi von den 50ern bis in die 70er Jahre nimmt er 50 Filmkomödien auf. Ach sehr sicher. Genau, und um die 120 Platten. Also das muss man sich mal vorstellen. Das ist natürlich eine wahnsinnige Arbeitsleistung einfach auch. Und dann eben ab 1963 kommt ja auch die besagte Peter Alexander-Show dazu, die dann Ende der 60er Jahre in ZDF und ORF auch gezeigt wird.
Andreas Und da gibt es eben Einschaltquoten bis zu 71 Prozent. Also das sind Quoten, die halt normalerweise nur bei Fußballweltmeisterschaften oder so erreicht worden sind.
Walter Und er blieb auch bescheiden. Also wenn man sich dann anschaut, sein Anwesen war ja dann eigentlich relativ klein. 120 Platten, wahnsinnig viele Shows, der Star der 50er und 60er Jahre heutzutage wird das wahrscheinlich, in der Preisklasse sich jemand eine Villa mit 45 Badezimmer und 40 Gästezimmer bauen.
Walter Aber gehen wir nochmal zurück zu dieser Show. Was machte diese Show so besonders? Die Peter Alexander Show, vor allem zu Weihnachten, war ja das Highlight der Saison.
Andreas Ich denke, das kann man sich heute so gar nicht mehr vorstellen, weil wir halt auch dieses Ereignis Fernsehen gar nicht mehr so präsent haben, wenn wir es überhaupt erlebt haben. Aber das war halt mehr als nur Unterhaltung. Also das war ein gesellschaftliches Ereignis. Der Peter Alexander hat dort nicht nur Musik präsentiert, Parodien, Sketche und international Stars, sondern er war halt dort auch Gastgeber für spannende Gäste.
Andreas Natürlich war er auch Entertainer, Parodist, Sänger, alles in einem. Aber die Show war wirklich was, worüber nachher gesprochen worden ist.
Walter Ja, und auch im Vorfeld, ich kann mich auch erinnern, es wurde wirklich in der Presse vorher besprochen und es war das große Rätsel, aus was verkleidet sich Peter Alexander bei der Peter Alexander Show. Das war immer so. Also die ganze Nation hat ja dem entgegengefiebert. Was wird Peter Alexander machen, welche Gäste hat er?
Walter Er war ja auch sehr international, also auch aus Frankreich und Großbritannien und den USA kamen die Gäste, aber eben, wie schon gesagt, was wird er sich besonders einfallen lassen?
Andreas Ich denke mal, es ist leider so, solche Ereignisse verschwinden ein bisschen bei uns, weil es ein bisschen dezentraler wird. Aber man kann es vielleicht, um es ein bisschen zu verstehen, mit einer Oscar-Verleihung noch vergleichen. Also wo halt einfach davor und danach wirklich nur dort halt regelmäßiger.
Walter Und er war ja auch wirklich ein begnadeter Musiker. Was kann man über seine musikalische Karriere erzählen?
Andreas Ja, auch da war er außergewöhnlich erfolgreich. Es war jetzt nicht nur ausschließlich Schlager, sondern er hat ja auch internationale Hits Operettenquerschnitte. Also er war ja eigentlich auch ein Operettensänger fabriziert, aber natürlich am wichtigsten war der Schlager. Und insgesamt 59 Charts-Singles, neun Nummer 1-Hit und weit über 46 Millionen verkaufte Tonträger.
Andreas Ich meine, auch etwas, das heute jetzt gar nicht mehr so fassbar ist, weil das ganze Business anders funktioniert. Aber er hat es doch als einziger Künstler, und das ist vielleicht eine spannende Zahl, geschafft, sechs Jahrzehnte lang Hits in den Charts zu platzieren. Das ist eine Leistung.
Walter Und er war ein guter Geschäftsmann, weil er hat ja auch Hits zum Beispiel durchaus im österreichischen und deutschsprachigen Raum angepasst. Also das kleine Beisel wurde ja dann so kleinen Kneipe oder so. Also es war durchaus so ein Merchandising und ein Zugang und da musste ja, glaube ich, seine Frau hat eine wichtige Rolle gespielt in dieser Vermarktungsstrategie.
Walter Also er war sehr professionell. Er starb am 12. Februar 2011 in Wien im Alter von 84 Jahren. Was kann man sagen, was ist wirklich so sein kulturelles Erbe?
Andreas Ja, sein Erbe lebt meiner Meinung nach dort weiter, wo er es eigentlich schon zu Lebzeiten Platz fand. An den für die Heimatfilme reservierten Samstag-Nachmittagen oder Sonntagnachmittagen im Schlager- und Regionalradio, in Wien natürlich inzwischen auch vielleicht wieder im Bellaria-Kino im wiedereröffneten, wo ja der letzte Film über den Peter Alexander so ein großer Erfolg war, habe ich mir erzählen lassen.
Andreas Er ist bis heute eine der prägendsten Figuren halt für die österreichische Unterhaltungskultur. Man muss aber auch sagen, vielleicht inzwischen schon weniger bekannt und präsent als die Jahrzehnte davor. Sein kulturelles Erbe ist zweifach. Einerseits ist da die Nostalgie, die kleine Kneipe, das kleine Beisl, die Filmklassiker, die vielleicht gerade in der Weihnachtszeit, wenn es wieder recht nostalgisch ist, herausgekramt werden.
Andreas Sie sind Teil der kollektiven Kindheitserinnerung von Generationen, finde ich.
Walter Ja, und dank YouTube und anderen Möglichkeiten kann man ja viele von diesen Videos rauskramen, sich die alten Filmausschnitte ansehen oder einfach bei den Großeltern im Plattenregalen nachschauen. Und das wird, glaube ich, gut angenommen. Es ist einfach diese Sehnsucht von vielen Menschen nach einer Zeit, die einfacher wirkte oder scheinbar einfacher war.
Andreas Und gleichzeitig war er ein Gigant des Showbusiness. Also er hat irgendwie gezeigt, wie man in einer schwierigen Zeit Unterhaltung auf einem höchsten technischen Niveau produziert, blieb aber immer auch irgendwie dieser Wiener und ist damit halt auch schon jemand, der halt mit Wien, mit Grinzing etc.
Andreas immer in Verbindung gebracht werden wird.
Walter Ist ja wohl mit diesen Nachrufen dann vorgekommen. Also ein Botschafter der Wiener Lebensart, also zumindest von den angeblichen goldenen Wienerherz ja, zu den negativen Seiten sind dann von anderen Künstlern präsentiert worden wie Qualtinger oder so. Also ein Leben, das eigentlich im Kontrast eben zu diesen düsteren Kapiteln davor stand.
Walter Es war also für viele diese leise Stimme, die sagt, es wird alles wieder gut, oder? Ist es aber nicht gleichzeitig natürlich auch ein Symbol einer nationalen gesellschaftlichen Verdrängung der Verbrechen, die vorher passiert sind?
Andreas Ja, das ist eine wichtige Frage, ist natürlich aus dem historischen Kontext heraus zu sehen. Kritiker werfen ihm und seiner Generation auf jeden Fall auch nicht ganz zu Unrecht vor, zur Verdrängung der NS-Vergangenheit beigetragen zu haben. Wie schon gesagt, die Filme der 50er Jahre vermieden politische Aussagen, blendeten die unmittelbare Vergangenheit aus.
Andreas Man muss halt auch sagen, Peter Alexander war kein politischer Künstler, er war Entertainer. Er war wohl der perfekte Unterhalter für eine perfekte Zeit. Ein Wiener, der die Welt erobert hat, ohne je seine Wurzeln zu vergessen.
Walter Das ist ein wunderbares, schönes Schlusswort.
Andreas Ja, und damit sind wir auch wieder am Ende dieser Ausgabe der Grätzlgeschichten. Besucht das ungewöhnliche Denkmal, wenn ihr zufällig mal in der Nähe seid, in Grinzing. Gebt uns ein Like und schreibt uns unter podcast at m53.wien.gv.at. Gleich gibt's die Tipps, es verabschieden sich Andreas und Walter!
Andreas In seiner Autobiografie Gestatten Peter Alexander erzählt er selbst in einem persönlichen Werk mit dem für ihn typischen Augenzwinkern von seinem Aufwachsen in Wien und seinem Weg zum Entertainer. Erschienen ist dieses Zeitzeugnis 1971 im Bertelsmann Verlag und nur demgemäß noch antiquarisch zu erwerben.
Andreas Eine umfassende Bild- und Fotobiographie wurde anlässlich seines 80. Geburtstags, 2006, von Michael Wenk und Barbara Löhr unter dem Titel Peter Alexander, das Tat ich alles aus Liebe bei Karl Überreuther veröffentlicht. Claudio Honsal steuerte ebenfalls 2006 im Mamaltea-Verlag mit Peter Alexander, Das Leben ist lebenswert, eine gut recherchierte, aber auch populär gehaltene Biografie bei, die für erste Einblicke und chronologische Orientierung gut geeignet ist.
Andreas Eine medienwissenschaftliche Fallstudie zu Peter Alexander als multimedialem Star beinhaltet Ricarda Strobels und Werner Faulstich die deutschen Fernsehstars, Band 2, Show und Gesangstars, mit einem Schwerpunkt auf seine TV-Shows. Irene Kletschke schließlich ordnet den Schlagerfilm in die Nachkriegsidentität ein und diskutiert dabei auch Stars wie Peter Alexander.
Andreas Der Titel Quint Essentially German, der deutsche Musik und Schlagerfilm nach 1945, in Kieler Beiträge zur Filmmusikforschung Nummer 10, 2013. Und wer sich nochmals die ganze Wirtschaftswunder Nostalgie geben will, der sei auf die zwei vielleicht bekanntesten Filme verwiesen: Im Weißen Rössel 1960, Regie Werner Jacobs, ein Schlagerfilm, der Operette und Heimatfilm verbindet, und natürlich Charlie's Tante, 1963, eine Komödie, die seine parodistische Stärke zeigt.