Grätzlgeschichten

38 | Naturdenkmal Nr. 250: Zwei Edelkastanien als Erinnerung an den Überlebenskampf nach dem 1. Weltkrieg

Donnerstag, 22. Oktober 2026 · 33 min

MP3

Shownotes

In dieser Folge der Grätzlgeschichten spüren Andreas und Walter einem ganz besonderen Denkmal nach: Dem Naturdenkmal Nummer 250 in Wien-Liesing. Zwei Edelkastanien in einem Hinterhof nahe der Ecke Maurer Lange Gasse / Kalksburger Straße dienen als Ausgangspunkt für eine Reise in die Geschichte des Wiener Naturschutzes und die dramatischen Versorgungskrisen nach den Weltkriegen.
Wir beleuchten den von Josef Schöffel ans Licht gebrachten Wienerwaldskandal im 19. Jahrhundert, die Entstehung des Wald- und Wiesengürtels sowie die katastrophalen Hungerphasen nach den beiden Weltkriegen.
Mehr Wiener Geschichte findet ihr im Wien Geschichte Wiki (geschichtewiki.wien.gv.at/Wien_Geschichte_Wiki). Andreas und Walter könnt ihr außerdem in der Geschichtsgreißlerei (geschichtsgreisslerei.at)hören.

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Andreas Hallo und herzlich willkommen zu einer neuen Folge der Grätzlgeschichten. Es begrüßen euch Andreas und

Walter Walter

Andreas Walter, heute haben wir wieder ein spannendes Denkmal, diesmal im 23. Bezirk, vielleicht gleich am Anfang dazu. Das war nicht immer Wien, das war eine Zeit lang auch Niederösterreich, aber da gibt es ja auch von uns eine schon ein bisschen ältere Folge über Groß-Wien und die Veränderungen der Grenzen der Stadt.

Andreas Heute haben wir aber ein wunderbares Naturdenkmal mitgenommen, um mal wieder auch eine andere Sorte Denkmal zu berücksichtigen. Und zwar geht es um

Walter das Naturdenkmal Nummer 250. Das befindet sich in Liesing. Es handelt sich dabei um zwei Kastanienbäume, die sich hier im Hinterhof von einer Siedlung sich befinden. Und die stehen eigentlich auch für eine bestimmte Entwicklung der Geschichte in Wien, nämlich so einen Zusammenhang und Widersprüche zwischen Ökologie, Bewahrung von Natur und gleichzeitig ökonomischen Notwendigkeiten oder auch manchmal ums nackte Überleben nach den Kriegen, wie man eigentlich mit Brennholz und mit Natur umgeht.

Andreas Also ausgehend von der Ecke, Maurer, Lange Gasse, Kalksburger Straße reden wir heute über den Umgang mit Natur, vor allem wenn sie halt auch in Konflikt mit gesellschaftlichen Interessen geraten. Bevor wir damit starten, aber zwei Minuten Heimatkunde.

Walter Die Geschichte des Wienerwaldschutzes ist eng mit den tiefgreifenden Veränderungen verbunden, die Wien im 19. Jahrhundert prägen. Der Bau der Ringstraße, die Verdichtung der Innenstadt und das rasche Wachstum der Vorstädte stehen für den Fortschrittsglauben der Gründerzeit. Gleichzeitig entsteht in Teilen des Bildungsbürgertums ein wachsendes Unbehagen gegenüber der Zerstörung vertrauter Stadt und Landschaftsräume.

Walter Die Auseinandersetzung über die Zukunft Wiens ist daher nicht bloß eine Frage der Stadtplanung, sondern Ausdruck eines grundlegenden Spannungsverhältnisses zwischen Modernisierungseuphorie und Vergänglichkeitstrauer. Viele Zeitgenossen befürworten den technischen wirtschaftlichen Fortschritt, sorgen sich jedoch zugleich um die sozialen, ästhetischen und ökologischen Folgen der städtischen Expansion.

Walter Besonders deutlich zeigt sich dieser Konflikt in der sogenannten Wienerwaldfrage. In den 1860er Jahren setzt sich eine kapitalorientierte Forstwirtschaft durch, die aus jedem Waldstück den größtmöglichen wirtschaftlichen Ertrag erzielen will. Das KK-Finanzministerium plant deshalb, die Holznutzung im Wienerwald deutlich zu steigern, um Teile des Waldes zu roden und daraus Äcker und Wiesen zu machen.

Walter Zusätzlich sollen durch den Verkauf staatlicher Forste, die durch den Krieg von 1866 belasteten Staatsfinanzen sanieren. 1867 schließt das Ministerium mit einem Holzmagnaten einen Vertrag über die Nutzung großer Waldflächen, darunter 2700 Hektar Wienerwald, ab. Gegen diese Pläne formiert sich bald Widerstand.

Walter Gemeinden im Wienerwald, der Wiener Gemeinderat und der Niederösterreichische Landesausschuss protestieren gegen die drohende Zerstörung. Der Konflikt beschränkt sich jedoch nicht auf Behörden und Fachleute, sondern entwickelt sich zu einem öffentlichen Skandal. Agronome verweisen auf die Bedeutung des Waldes für Klima, Wasser, Haushalt und allgemeine Wohlfahrt.

Walter Der ehemalige Offizier Josef Schöffel macht die Vorgänge durch zahlreiche Zeitungsartikel einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Er prangert die wirtschaftliche Ausbeutung, die mangelhafte Verwaltung und die drohende Zerstörung beliebter Ausflugsgebiete an. Der öffentliche Druck führt schließlich dazu, dass die Regierung 1873 die Verträge rückgängig macht.

Walter Der geschlossene Waldkomplex bleibt erhalten und Schöffel geht als Retter des Wienerwalds in Erinnerung ein. Der Wienerwaldskandal beeinflusst in Folge die weitere Stadtplanung. Das starke Bevölkerungswachstum, die Ansiedlung von Industrie sowie die zunehmende Verschmutzung erfordern einen umfassenden Plan.

Walter 1892 bedeutet ein Wendejahr, denn da wird zwischen zwei Entwicklungskonzepten entschieden. Otto Wagner entwirft eine geometrische, radial wachsende Großstadt mit einzelnen Grünflächen den Bezirken. Der Architekt Eugen Fassbender schlägt dagegen einen zusammenhängenden grünen Volksring vor, der die Stadt in größerer Entfernung vom Zentrum umgeben und der Bevölkerung Luft, Erholung und Gesundheit sichern soll.

Walter Die Idee eines solchen Grüngürtels setzt sich schließlich in abgewandelter Form durch. 1905 beschließt der Wiener Gemeinderat die Schaffung eines Wald- und Wiesengürtels, der den Wienerwald, Grünverbindungen im Westen und Süden sowie weitere Landschaftsräume umfassen soll. Dieser Grüngürtel entsteht allerdings nicht in erster Linie aus einem modernen ökologischen Schutzgedanken oder reinem Altruismus.

Walter Im Vordergrund stehen vielmehr Stadthygiene, Frischluftzufuhr und die Erholung der Bevölkerung. Natur- und Heimatschutzbewegung sowie hygienische Stadtplanung verfolgen dabei teilweise gemeinsame Ziele, unterscheiden sich jedoch in der sozialen Ausrichtung. Während bürgerliche Naturschützer häufig den Verlust von Landschaft und Tradition beklagen, fordern sozial orientierte Gruppen vor allem freien Zugang zu Erholungsräumen und besseren Lebensbedingungen für Arbeiter*innen.

Walter Gerade diese sozialen Fragen spielen eine immer prominentere Rolle. Ein großer Teil der Wiener Bevölkerung lebt in Armut, während Wohnungsspekulation, Bevölkerungswachstum und steigende Lebensmittelpreise die Lage verschärfen. Es wird heftig gestritten, ob Flächen des Wald- und Wiesengürtels für Kleingärten und Siedlungen freigegeben werden sollen.

Walter Der Wiener wald war somit nicht nur Naturraum, sondern zugleich ein sozialer, politischer und städtebaulicher Konfliktort. Seine Erhaltung beruht letztlich auf dem Versuch, wirtschaftliche Entwicklung, städtisches Wachstum, öffentliche Gesundheit und das Bedürfnis nach Natur miteinander zu verbinden.

Walter Und diese Auseinandersetzungen werden bis zu unserer Zeit weiter ausgetragen.

Andreas Danke Walter für diese wunderbare Heimatkunde. Gehen wir mal gleich zurück zum Ursprung dieses Naturdenkmals. Also wir müssen da ja zurück zur Zeit des Ersten Weltkriegs.

Walter Ja, also man muss sich mal so ein bisschen vorstellen, Wien-Liesing, das war ja stark bewaldet, war ja eigentlich nur noch mitten im Wienerwald, ist ja nicht so wie heute, mit sehr starker dichter Besiedlung. Und war eigentlich so ein bisschen eine Naturressource. Das ging ja, wie wir vorhin in der Heimatkunde gesprochen haben, immer so auch um Sauerstoff, Wasserversorgung, Grundversorgung für die Stadt Wien.

Walter Und das hat sich aber während des Ersten Weltkriegs und vor allem Ende des Ersten Weltkriegs zugespitzt. Dann gab es eben die Diskussionen, wie geht man mit dem Wald um, wie kann man eigentlich den auch nützen. Und zwar ganz pragmatisch und manchmal auch auf wilde Art und Weise. Aber bevor wir über das sprechen, gehen wir ein bisschen auch von dieser unglaublichen Not auch einmal aus, die während des Ersten Weltkriegs in Wien geherrscht hat und vor allem Ende des Ersten Weltkriegs und in den ersten zwei, drei Jahren der Republik.

Andreas Vielleicht auch diese Umbruchssituation, gell? Also man darf ja nicht vergessen, wir haben ja vorher diese KK-Monarchie und dort wie immer ist es natürlich auch arbeitsteilig, was jetzt die Landesteile angeht. Also ich glaube, da ist ja relativ viel zum Beispiel aus Ungarn importiert worden: Getreide, Hülsen früchte, Fleisch aus Böhmen und Mähren, Rüben, Weizen, Milchprodukte, Erdäpfel etc.

Andreas Und auf einmal fällt das ja weg, weil da ist ja eine Grenze, wo vorher keine Grenze war. Also aus diesem gemeinsamen Binnen- und Wirtschaftsraum werden ja einzelne Nationalstaaten und jetzt ist halt der Wasserkopf Wien plötzlich nicht mehr in der Lage, sich selbst zu versorgen, oder?

Walter Gerade Österreich-Ungarn war ja eine sehr stark agrarökonomisch orientierte Wirtschaft und extrem arbeitsteilig, wie du es erwähnt hast. Also Ungarn war wirklich der Hauptproduzent von Nahrungsmitteln und 50 Prozent der Nahrungsmittel nach Wien wurden aus Ungarn importiert. Also das Umfeld von Wien hat zwar auch Lebensmittel zur Verfügung gestellt, aber das war eher so sehr kleinteilig orientiert.

Walter Und kleine Wirtschaften, etwas mit Milchwirtschaft, aber die haben stark auf Subsistenzwirtschaft auch ausgerichtet. Das heißt Eigenversorgung, ein bisschen nach Wien liefern und Zubrot verdienen, aber so wirklich die ganz starken Lieferungen von Nahrungsmitteln kamen eben aus Ungarn und teilweise auch aus Böhmen.

Andreas Und man darf nicht vergessen, damals Wien ja so wie heute wiederum eine 2-Millionen-Stadt. Und da ist wahrscheinlich auch der Verbrauch einfach ein ganz hoher gewesen.

Walter Ja, der war enorm. Also gerade gerade mit Fleisch und so und mit Kohlehydraten. Ein Vergleich ein bisschen 1914 mussten jedes Jahr 16.000 Tonnen Fleisch nach Wien geliefert werden. Also Mehl waren es ungefähr 300.000 Tonnen. Also pro Kopfverbrauch war ungefähr 200 Kilogramm Brot, also sehr viel mehr als heute.

Walter Also es war natürlich auch gerade für die Arbeiter*innen das wichtigste Grundnahrungsmittel, aber auch 60 Kilogramm Fleisch, also auch weit eigentlich über den gegenwärtigen Bedarf, 120 Kilo Kartoffeln und 20 Kilogramm Fett. Also es war eine sehr kohlehydrate- und sehr fettreiche Diät, die man damals hatte, aber es war auch notwendig, weil man zumeist sehr schwere Arbeit erledigen musste.

Walter Das ändert sich während des Ersten Weltkriegs so da stark. Am Anfang ist ja die Doppelmonarchie ja siegessicher. Also auch Serbien wird man schnell fertig und auch Russland, das wird sich schnell ändern, weil auch Deutschland eben als Verbündeter, eben mit Russland eben schnell fertig werden sollte. Aber Österreich war eigentlich 1915, 1916 eigentlich schon fertig, auch mit diesen ganzen industriellen, wirtschaftlichen Grundbedingungen.

Walter Also der Krieg war für sie eigentlich schon in den ersten zwei Jahren verloren. Und am Anfang hat man auch ein bisschen so gescherzt über Nahrungsmittelknappheit und ein bisschen sich einschränken. Da gab es dann sogar so pseudolustige Gerichte wie Torten, die nach irgendwelchen Feldherren oder Gerichte, die nach Feldherren benannt wurden.

Walter Aber ab 15 gab es dann schon Rationierungen. Also angefangen hat es eigentlich mit Brot, da gab es so Wochenreaktionen. Im April 15 sinkt es auf 2 Kilogramm pro Woche runter, was heutzutage auch noch nicht ganz so schlimm klingt, aber es war schon damals eine ziemliche Einschränkung, weil eben Brot extrem wichtig war.

Walter Nur mehr 630 Gramm, Zucker etc. Und ab 2016 wirklich wird das ganz radikal alles eingeschränkt. Also es werden Rationierungsmaßnahmen gesetzt, es gibt dann so Nahrungsmittelkarten und man musste sich lange anstellen. Und zum Beispiel ab September 18 ein totaler Zusammenbruch. Es gibt keine Milch mehr.

Walter Fett zum Beispiel nur noch als ein Beispiel. Im September 2016 wird die maximale Menge, die ausgegeben wird, auf 120 Gramm pro Woche beschränkt. 1918 auf 40 Gramm. Also es sind vier Deka pro Woche. Muss man sich vorstellen, 1914 war das ungefähr 60 Gramm pro Tag. Also eigentlich auf ein Siebentel bis auf ein Zehntel des Vorkriegsbedarfs runtergesenkt.

Walter Also die Leute haben wirklich ganz, ganz schlimm Hunger gelitten.

Andreas Und diese Not und dieser Mangel, das betrifft ja nicht nur das Essen, die Nahrung, sondern auch die Energie, Heizen etc.

Walter Das war gerade in Wien ein besonders großes Problem. Also andere große Städte litten auch unter den Versorgungsproblemen, wie auch Berlin. Aber Berlin war im Gegensatz zu Wien nicht abgeschnitten von den alten Kohlerevieren. Also ein Großteil der Kohle kam ja aus Schlesien bzw. aus dem Ostraugebiet, also aus Nordmähren.

Walter Und das wurde abgeschnitten mit dem Zerfall der Doppelmonarchie. Der tägliche Kohlebedarf 1914 war ungefähr bei fast bei 12.000 Tonnen Kohle pro Tag. Und das bricht komplett zusammen am Ende des Ersten Weltkrieges. Es kommt kaum mehr Kohle in die Stadt und wenn dann immer sehr schlechte, minderwertige Braunkohle aus Westösterreich und mit denen man nicht heizen konnte.

Walter Und da ging es ja nicht nur um Heizen, es ging ja auch zum Beispiel, dass die ganze industrielle Produktion von Kohle auch abhängig war. Die Elektrizwirtschaft war abhängig. Es gab auch kein Mineralöl. Es hat weniger den Autoverkehr betroffen, aber es betraf natürlich auch vor allem Beleuchtung. Also die wenigsten Haushalte waren ja elektrifiziert und hatten elektrische Beleuchtung.

Walter Es wurde mit Petroleum beleuchtet. Und selbst das war auch aus. Das hat nicht nur die privaten Haushalte getroffen, sondern auch zum Beispiel sehr viele Heimarbeiter*innen, also sehr viel von dieser Subsistenzwirtschaft in Wien hat ja von diesen Heimarbeiter*innen gelebt, bekamen dann später noch so Notrationen, aber auch selbst da kam nichts mehr aus Rumänien oder aus den ehemaligen Gebieten aus dem Osten, die ja sehr reich an Mineralöl waren.

Andreas Das heißt, nur so 20 Prozent des Gesamtbedarfs konnten jetzt über Kohle gedeckt werden. Und das bedeutet natürlich, also einerseits war man auf Hilfslieferungen angewiesen und andererseits musste man sich halt andere Strategien überlegen.

Walter Und es hat sich auch noch extra verschärft aufgrund der speziellen Kriegslage. Also es mussten ja auch diese ganzen Kriegsspitäler geheizt werden. Es gab wahnsinnig große Flüchtlingsströme nach Wien. Diese Leute mussten versorgt werden mit Wärme, mit Nahrungsmitteln. Ja, und es kam eben sehr spät, dann erst die ersten Lieferungen Mitte 19.

Walter Also die Alliierten haben dann begonnen, nach Österreich Lieferungen zu organisieren. Interessanterweise auch die ersten aus Italien. Die neutrale Schweiz hat auch Nahrungsmittel geliefert oder hat Kredite gegeben. Und die Wahrheit war ja auch, dass man erst eigentlich so richtig auch ein bisschen sich rächen wollte an der K.

Walter u. K.-Monarchie. Also wurde ja auch die kriegstreibende Macht auch gesehen. War sie auch. Aber erst so wirklich, dass die Angst vor der Bolschewisierung stattfand, also dass man ähnlich wie in Russland dann eine Revolution in die Wege leitet, hat man dann gesagt, okay, wir müssen den Leuten was geben, was es ist einfach wirklich die Not so groß.

Walter Aber wobei man auch hier die Zeitzeugen, die berichten, also ganz, ganz schlimme Sachen berichten. Da gibt es deutsche Gewerkschafter, die 1919 nach Wien kommen und sagen, solche Hungerkatastrophe haben sie nur in Russland und in Indien gesehen. Also die Wiener Bevölkerung war wirklich am Ende und es gab eben wahnsinnig viele Tote und sehr viele Menschen, die einfach an extremer Unterernährung gelitten haben.

Andreas Ich glaube, da hast du ja eine Zahl mitgebracht. 1918 die tägliche Kalorienzufuhr bei nur 830 Kilokalorien.

Walter Ja, also wirklich allerschlimmste Diät. Und da muss man auch wieder unterschiedlich sehen. Es gab natürlich auch sehr viel Wohlhabende, die es sich leisten noch konnte, über den Schwarzmarkt sich die notwendigen Nahrungsmittel zu besorgen. Für die Arbeiter*innen war das eine Katastrophe. Also das war, oder auch für die Kriegsversehrten, die heimkamen, die keine Arbeit hatten, also die auch ausgeschieden wurden, weil sie nicht produktiv waren für das System, hatten viel weniger als 830 Kilokalorien.

Andreas Vor allem die Kinder.

Walter Und die Kinder. Das war einfach das für sie alles das Allerschlimmste. Es gab dann Untersuchungen, statistische, von 167.000 Schulkindern 1918, wie eigentlich ihr Stand ihrer Ernährung aussieht. Und von diesen 167.000 waren 96.000 als sehr unterernährt eingeschätzt und 67.000 als komplett unterernährt.

Walter Also nur ungefähr 7.000 Kinder waren normal ernährt.

Andreas Von 167.000.

Walter Von 167.000. Das muss man sich vorstellen, nicht nur diese Krankheiten und die Sterberate ist extrem gestiegen, es hat ja auch Folgeschäden. Also es war Unterentwicklung, also sowohl auf körperlicher als auf intellektueller Ebene. Das hat dann die Republik ja auch lange Zeit mitgeschleppt, diese hungerkranken Kinder aus Wien, die dann natürlich auch nachträglich auch psychologisch verändert waren und also beschädigt.

Walter Also das waren wirklich um verkümmerte junge Menschen, die gerade in den Alter zwischen 2 bis 15 am meisten unter dieser Katastrophe gelitten haben.

Andreas Ja, und der Mangel an Kohle hat sich auch ausgewirkt.

Walter Ja, der Mangel an Kohle wurde eben durch diese Nichtlieferungen mehr verursacht einerseits. Also es gab ja keine Transportstrecken mehr, aber man muss auch sagen, es war ja nicht nur, dass die bösen Böhmen oder die Schlesier nicht mehr geliefert haben, es gab auch niemanden mehr in der Stadt selbst, der das verwaltet hat.

Walter Also viele der Beamten, die dafür zuständig waren, waren an der Front oder sind gefallen. Ja, und dementsprechend kam es eben auch dann mit diesem Mangel an Kohle natürlich an Folgeerscheinungen, wie zum Beispiel die spanische Grippe konnte extrem grassieren. Also mindestens 6.500 Tote offiziell, man geht von der doppelten hohen Anzahl aus, sind einfach auch an diesen Mangel an Wärme gestorben oder einen Mangel an Versorgung.

Walter TBC hat extrem stark zugenommen. TBC war eh immer die Wienerkrankheit, also Tuberkulose. Und es hat sich noch mehr verschlimmert. Also von dem her, es konnten die Spitäler auch nicht mehr geheizt werden aufgrund der Mangel der Kohle. Und das war natürlich einfach ein totes Urteil für viele, viele Menschen.

Andreas Und was gab es dann Gegen strategien?

Walter Ja, einerseits gab es so Versuche der Selbsthilfe. Also es war sehr anarchisch und anarchistisch zum Teil. Also es gab zwar echt die Geburtsstätte oder die, es war die Geburtsstunde der Siedlungsbewegung. Also es gab legale und illegale Landnahmen, also Parkanlagen wurden einfach genutzt, die wurden zu Gemüsegärten umgewandelt.

Walter Man hat im Wienerwald selbst so geschlägerte Bereiche einfach an sich genommen, hat dort Gemüse angebaut oder Obst versucht anzubauen. Und das hat auch zum Teil Früchte getragen. Also man konnte von 14 bis 18 aufgrund dieser Subsistenzwirtschaft, der selbstorganisierten, zum Beispiel die Versorgung von Kartoffeln von 40 auf 720 Tonnen erhöhen.

Walter Also das war schon eine große Steigerung.

Andreas Von 40 auf 720.

Walter Gemüse zum Beispiel von 280 Tonnen auf 5040 Tonnen. Und auch das Obst wurde von 60 Tonnen auf 1080 Tonnen erhöht. Also die Ernte. Also das war zum Beispiel etwas gewirkt, aber auch die Siedlungsbewegung extrem wichtig und auch so erfolgreich auch in Österreich. Das andere waren die Hamsterfahrten. Die verstärken sich zunehmend sukzessive während des Krieges.

Walter Und bei den Bauern wird alles Mögliche eingetauscht. Am Anfang ging das noch mit Geld, nachdem es auch hier eine Entwertung gab, wollten die Bauern auch kein Geld mehr. Und da haben einfach sich dann Güter genommen, die sie mehr oder weniger vorher nicht hatten. Also die Luxusgüter wurden dann von den Städtern aufs Land gebracht.

Walter Da ging es oft bis zu Klavieren oder anderen Instrumenten. Was die Bauern damit angefangen haben, ist eine andere Sache. Und man muss auch sagen, auch hier gibt es einen gesellschaftlichen Konflikt. Die Bauern pressen dann wirklich zum Teil die Städte aus, sie nützen diese Notlage aus. Und es werden auch strenge Kontrollen dann auch eingeführt von Seiten der Behörden.

Walter Wenn man Pech hatte, man hat ja einfach einen 10-Kilo-Sack irgendwie erbeutet, wurde dieser an der Stadtgrenze einem abgenommen und konfisziert. Also das war auch eine Beamtenwillkür oft der Fall. Nur so Zahlen zum Beispiel 1918, wo die Not dann besonders groß war, machten sich an einem Sonntag bis zu 40.000 Menschen am Wochenende auf den Weg, um in dem Wiener Umfeld einfach Nahrungsmittel zu requirieren.

Walter Das muss man sich vorstellen, 40.000 Menschen, die über die Bauernhöfe herfallen. Das war natürlich für viele Bauern auch sehr unangenehm. Und die Straßenbahnlinie 31 nach Strebersdorf war wirklich ein Symbol für diese Not, die war völlig überfordert. Also jeder Platz wurde hier ausgenutzt und man versucht, die Leute an die Stadtgrenze zu bringen, damit sie sich halt irgendwie auf die eine oder andere Weise Nahrungsmitteln besorgen.

Walter Das andere war so ein bisschen eine Umstellung der Speisepläne. Also es wurde das Zeitalter der Ersatzprodukte auch eingeführt. Es wurde alles Mögliche beigemischt, also Sägemehl oder Kartoffelschalen ins Brot hinein, also was natürlich auch noch weiter die Nahrungssituation noch verschlechtert hat. Es gab ja kaum mehr Vitamine oder hochwertige Nahrungsmittel.

Walter Es wurden sämtliche Speisereste auch verwertet, also Innereien, Schaf- und Wildbret, die Suppe hatte, also die Renaissance. Man konnte halt dann alles einkochen. Also diätisch interessant, aber damals für die Leute einfach wirklich eine furchtbare Notlage. Es wurde auch Erfindungen wie die Kochkiste eingeführt, also um auch sparsam zu kochen.

Walter Das ist so ein kleiner Behälter, wo man Wärme sehr lange behalten kann und das Essen langsam gar ohne Wärmeverluste. Also nicht abbraten, sondern wirklich zu dämpfen. Was heute wieder in der modernen Küche, so was praktisch als Garküche eingeführt wird, war damals halt einfach nur eine Notsituation.

Andreas Ja, und es gab aber auch illegale Gegenstrategien.

Walter Ja, und die fanden im ganz großen Stil statt. Also es gab natürlich den Schwarzmarkt, die großen Schwarzmarktgeschäfte, den Schleichhandel. Es wurden wahnsinnig viele Waren und Geräte und Instrumente aus Depots und Armeebeständen gestohlen und versucht, Geld zu machen. Permanente Preiserhöhungen, das findet man auch ganz gut dokumentiert beim Karl Kraus bei den letzten Tag in der Menschheit, wo es immer so auch diesen berühmten Gemüsehändler Kramosta gibt, der einfach so nach Gut dünken, die Preise von Gemüse erhöht.

Walter Eine der Sachen, die man versucht hat, an Fleisch ranzukommen, waren natürlich illegale Schlachtungen, aber auch Plünderungen. Die fangen schon 1915 an, also es fängt zuerst im kleinen Stil an, aber mit Ende des Krieges werden die wahrscheinlich umfassender. Es werden ganze Lebensmitteldepots ausgehoben.

Walter Die ersten Aufstände von Hausfrauen gibt es am Yppenmarkt schon 1915. Die regen sich zu Recht sehr auf über die Erhöhung der Gemüsepreise. Und es wird sehr viel eben auch gestohlen aus Privatgärten, Schrebergärten. Also gerade die Siedler, die versuchen, sich über die Runden zu kommen mit ihrem Kartoffelanbau.

Walter Die gehen am Abend heim, kommen in der Früh zurück und alles ist weggestohlen. Also sämtliches Obst, sämtliches Gemüse, aber auch teilweise Zäune, alles was mit Holz zu tun hat, um eben zu heizen.

Andreas Vielleicht sogar das Werkzeug.

Walter Auch das Werkzeug. Also es kommt zu einer Explosion der Jugendkriminalität, also Beschwerden über Jugendliche, dass sie nicht mehr den Kommandos und den Anforderungen der Behörden nachkommen. Ein berühmtes Beispiel ist natürlich der Schani Breitwieser, der berühmte Robin Hood aus Meidling, der zum Volkshelden auch mutiert, weil er der Einbrecherkönig, der sich aber nicht an Schanigärten bedient, sondern wirklich ganz großen Stil einbricht, wie zum Beispiel ins Kriegsministerium auch in die Hirtenberger Patronenfabrik.

Walter Es kommt zu Prostitution, Raufhandel, Schlägereien beim Schlangenanstehen. Ein Beispiel für den Verlust aller zivilisatorischen Grenzen und Gegebenheiten ist ein Brief des Alberner Bürgermeisters an den niederösterischen Statthalter, also in Albern, dem Hafen, da gibt es einen berühmten Friedhof der Namenlosen, da werden immer die namenlosen Toten, die aus der Donau rausgeschwemmt werden, begraben.

Walter Und der ersucht den Statthalter von Niederösterreich, dass er keine Toten mehr schickt. Sie können die Toten dort nicht mehr begraben, aber nicht aufgrund von Platzmangel, sondern weil in der Nacht immer wiederum Wiener*innen die Gräber schänden und die nicht nur die Kreuze stehlen, auch die ganzen Einzäunungen, sondern auch die Särge mit bloßen Händen aus den Gräbern holen, auf der Suche nach Brennholz.

Walter Also auch hier werden die Gräber geschändet nur, um am Brennholz zu kommen. Das heißt also, es gibt keine Grenzen mehr.

Andreas Da kann man sich vorstellen, wie groß die Not war. Aber was sind hier politische Gegenstrategien?

Walter Nun, am Anfang gibt es diesen historischen Burgfrieden zwischen der Sozialdemokratie, den Gewerkschaften und der Regierung. Man will also versuchen, den Krieg schnell zu beenden. Es geht ja auch gegen diesen angeblichen zaristischen Despotismus. Aber am Ende des Krieges finden dann wirklich große Unruhen schon statt.

Walter Das kündigt sich immer mit mehr Protestkundgebungen, Hungeraufständen an. Und 1918 bricht eigentlich wirklich so die öffentliche Ordnung mehr oder weniger zusammen. Es kommt zu Plünderungen, es gibt Widerstand gegen die Polizei, vor allem Frauen sind immer wieder an der Spitze dieser Protestbewegungen.

Walter Sie versuchen ja wirklich auch die Familien an der Heimatfront über die Runden zu bringen. Und nach Kriegsende kommt es zu massiven Auseinandersetzungen auch mit der Polizei, zu Schießereien, auch zu Toten, wobei das nicht nur zwischen Arbeiter*innen und Polizei zu Auseinandersetzungen kommt, sondern auch zwischen Arbeiter*innen und deutschnationalen Burschen schafft und die versuchen doch irgendwie das Regime zu verteidigen.

Walter Aber es sind so schlimme Auseinandersetzungen auch, dass während Schießereien zum Beispiel, wenn Polizeipferde getötet werden, auf der einen Seite die Kämpfe weitergeführt werden und auf der anderen Seite die Hungernden sich schon über die toten Pferde hermachen und alles, was nur am verwertbaren Fleisch und Knochen und so weiter und Haut vorhanden ist, wirklich aus diesen Tieren rausreißen und es schnell nach Hause bringen.

Walter Also wirklich auch hier chaotische, ganz schlimme Zustände.

Andreas Ja, und weil du jetzt die Tiere ansprichst, da gibt es ja noch eine skurrile Geschichte im Hinblick auf den Schönbrunner Zoo.

Walter Das Jahr 1916 ist ja das Jahr der Attentate nicht nur auf Menschen, sondern eben auch auf Tiere. Es gibt Unruhe bei der Bevölkerung, wir haben nichts zum Essen, aber die Tiere im Schönbrunner Zoo werden gut gefüttert, was überhaupt nicht gestimmt hat. Es gab schon damals so Auslesekriterien, was kann man essen von den Tieren, welche kann man verfüttern, welche sind unnötig, welche sind bewahrungswert.

Walter Und ein Land wehr mann, nimmt die Initiative in die Hand, geht mit dem Revolver in den Tiergarten und macht ein Schussattentat auf den Eisbären. Weil er meint, der kriegt so gut gefüttert, der kriegt super Fleisch und wir nicht, wo es nicht gestimmt hat. Nämlich der arme Eisbär wurde schon über lange Zeit mit einfach halb verfolgten Fischköpfen gefüttert.

Walter Aber es war ein Symbol hinsichtlich, hallo, den Tieren geht es besser als uns. Also 1916 war schon so schlimm die allgemeine Versorgungslage, dass man so eine symbolische Tat auch setzen musste.

Andreas Und diese Geschichten führen uns halt auch wieder zurück zu unserem Naturdenkmal, jetzt im 23. Bezirk, weil hier ganz große Bestände an Wald geschlägert worden sind, oft nicht sehr nachhaltig. Die Kastanien selber haben sie aber überlebt, den Ersten Weltkrieg.

Walter Nach dem Ersten Weltkrieg, ja. Die Bevölkerung wird nach dem Ersten Weltkrieg angehalten oder während des Ersten Weltkriegs auch, nicht mit Kohle zu heizen, sondern mit Holz. Da gibt es die Eigeninitiative. Man geht in den Wald und holt zuerst einmal auf dieses Holz, das am Boden liegt, das Dürrholz, aber danach reicht das nicht mehr und es kommt zu wilden Schlägereien, zu ganz massiven Rodungen des Wienerwalds, von großen Teilen.

Walter Unter anderem sieht man dann so Bilder, wirklich, dass der Wienerwald aussieht, wie heute man vom Amazonas kennt. Also wirklich so ganze Hänge, wo man nur mehr so die Baumstümpfe sieht. Also da gibt es keinen einzigen Baum mehr, der steht. Wirklich eine ökologische Katastrophe.

Andreas Bäume, die Früchte tragen.

Walter Die Früchte tragen, also wie zum Beispiel auch Edelkastanien. Es ist also sehr unwirtschaftlich, auch was da passiert, eben auch ein Hinweis auf diese anarchischen Zustände. Unter anderem werden auch eben diese Bäume in Liesing auch gefällt, wobei dieses Naturdenkmal noch nach dem Ersten Weltkrieg verschont bleibt.

Walter Also diese Kastanienallee bleibt bis 1945 erhalten.

Andreas Und da gibt es dann aber eine Art Wiederholung der Geschichte. Denn nach 1945 ist die Not nochmal so groß, dass dort auch diese Kastanienallee in Mitleidenschaft gezogen wird.

Walter Die Kastanienallee wird 1942 eigentlich unter den Faschisten unter Naturschutz gestellt. Aber nach 1945 gilt das nicht mehr und die Leute sind ebenfalls auf der Suche nach Brennholz. Wobei die Situation mit 1945 mit 1918 nicht wirklich vergleichbar ist. Also am Anfang gibt es natürlich die extreme Not mit Heizmaterial.

Walter Aber die Alliierten liefen relativ früh in die Stadt Nahrungsmittel, aber auch Heizmaterial. Sie wollen also die Zustände von 1918-19 nicht wiederholen. Hat aus verschiedensten Gründen, also auch um wiederum nicht ein Linksruck natürlich in der Bevölkerung hervorzurufen, aber natürlich auch nicht mehr dieses revanchistische Gehabe von 1918, 19, dass man es jetzt einmal in der K . u. K.-Monarchie und vor allem dem überheblichen Wien einmal zeigen muss, wie der Hase läuft.

Walter Und da wird schon relativ früh mit 46, 47 Brennmaterial in die Stadt geliefert. Die Stadt ist auch nicht mehr ganz so abhängig von Kohle und von Holz. Die Elektrifizierung der Zwischenkriegszeit hat auch Früchte getragen, auch die Beleuchtung. Und deshalb findet nicht so eine wilde Rodungspolitik statt wie 1918, 19.

Walter Aber trotzdem die Kastanien-Allee in Liesing fällt. Und das muss man sich ja schon ein bisschen vorstellen, auch dass dieser Bereich damals, der recht intensiv bewirtschaftet wird mit Immobilien, damals eigentlich Wienerwald war noch. Also es gibt ja nach wie vor noch einige Naturdenkmäler in der Umgebung der zwei Kastanien.

Walter Also man sieht, dass es eine sehr große Diversität auch vorhanden ist und die ist eben auch 1945, 46 gefallen. Und nach 60, 70 mit dem zunehmenden Wohnungsbau war dieser Wald durch andere Gefahren bedroht.

Andreas Wobei dieser Gedanke rund um den Schutz der Natur, der ist ja schon älter. Ich meine, den gab es rund um und nach dem Ersten Weltkrieg schon auch schon.

Walter Ja, es gab ihn vor dem Ersten Weltkrieg, dann wurde ja während des Ersten Weltkriegs ausgesetzt aufgrund der Not. Aber ab den 20er Jahren hat man sich wieder Gedanken gemacht, hallo, wir müssen diesen Wienerwald schützen. Das ist einfach ein notwendiges Gut für Stadtentwicklung und für das Wohlbefinden in der Stadt.

Walter Und die Austrofaschisten setzen da auch so erste Schritte. Interessanterweise, die Höhenstraße sollte ja eigentlich dem Naturschutz auch dienen, nämlich dass man den Wienerwald den Wienern näher bringt. Sie sollen das als Erholungsgebiet nützen, er soll halt leicht erreichbar sein. Die Nazis setzen sich ebenfalls für den Naturschutz ein, wenn auch bei verqueren und sehr verschwurbelten naturmythologischen Vorzeichen.

Walter Insbesondere aber auch Jagdinteressen stehen dahinter. Also Oberjagdmeister Göring kümmert sich besonders um den Lainzer Tiergarten und elaboriert sich da als Naturschützer, aber im Grund ging es ihm vor allem um Jagdwild. Und nach dem Zweiten Weltkrieg gibt es auch eine kurze Phase, wo man abholzt, aber erkennt man sehr viel früher, das geht nicht mehr wie nach dem Ersten Weltkrieg, aber da war auch die Situation eben die andere.

Walter Und ein anderer Jägermeister, wie noch ein demokratischer, nämlich der Bürgermeister Marek, hat sich dann besonders verdient gemacht um den Schutz des Wienerwalds und sich besonders gekümmert und hat gesagt, hallo, wir müssen diese Ökozone retten, eben um dem Wienerwald, den Wiener*innen als Erholungsgebiet zur Verfügung zu stellen.

Walter Aber da gab es natürlich auch heiße Diskussionen, sollte man eigentlich den Wienerwald nicht stärker ökonomisch nützen, sollte man nicht Siedlungen dort anbauen, sollte man nicht Straßen bauen, sollte man industriell nützen. Also es war immer so ein Kampf auch hier, aber natürlich nicht auf diesen selben energie- und politischen Niveau wie nach dem Ersten Weltkrieg, wo es ums blanke Überleben ging, sondern es ging so darum, wie kann sich die Stadt doch vor allem ökonomisch und Städte politisch entwickeln.

Andreas Vor allem ist das ja ein langes Spannungsfeld. Also selbst in den 60er Jahren hat es schon Diskussionen gegeben, sollen jetzt Siedlungen wieder zurückgebaut werden? Soll der Grüngürtel in Richtung Osten und Nordwesten erweitert werden oder wird aus dem Grüngürtel ein Speckgürtel? Also Renaturierung oder ökonomische Interessen, die sie ja eigentlich nicht immer widersprechen müssen, sind schon lange Zeit so ein Spannungsfeld.

Andreas Wenn wir jetzt aber wieder zurückgehen zu den Naturdenkmälern selbst, also ich glaube, der Ort da im 23. Bezirk, also man muss jetzt nicht vom anderen Ende der Stadt dorthin fahren und sich diese zwei Kastanienbäume anschauen.

Walter Also nicht unbedingt notwendig. Es sind zwei sehr schöne Edelkastanienbäume, die sind ein Hinterhof, nicht straßenseitig einsehbar stehen. Es sind dort so Mehrfamilienhäuser, Bungalow stehen dort. Aber interessant ist, es gibt ja sehr viele andere Denkmäler in der Umgebung, die könnte man sich sehr wohl auch ansehen, also Naturdenkmäler, also sehr schöne Bäume.

Walter Und da sieht man auch, wie groß eigentlich die Diversität des Wienerwalds in dem Bereich früher war, bevor man dort eigentlich auch Wohnsiedlungen dort angesiedelt hat. Also das ist schon etwas, was spannend ist und das ist auch, wie diese Konflikte auf ein anderes Niveau, in ein anderes Spielfeld eigentlich spielen zwischen Ökologie und Stadtentwicklung.

Walter Also was früher Abholzungen passierten aufgrund der Not, passiert es jetzt eher so, wie kann man schön am Stadtrand leben, kann man Ökologie mit modernem Siedlungsbau verbinden. Und das ist natürlich auch immer eine politische Diskussion.

Andreas Ja, und vor allem gibt es hunderte von diesen Naturdenkmälern und ich denke mir, also da gibt es ja Informationen im Internet, da kann man ja auch schauen, ob direkt in der Umgebung vielleicht eines von denen ist.

Walter Ich kann da nur empfehlen, da gibt es eine sehr schöne Karte auf der Homepage von der Stadt Wien, wo all diese Naturdenkmäler eingezeichnet sind und wo man nachschauen kann. Und wahrscheinlich in der unmittelbaren Umgebung, man weiß es nicht, aber gibt es wahrscheinlich Naturdenkmäler, das man sich mal anschauen kann und vielleicht auch ein bisschen recherchieren kann, selbst weil, wie schon gesagt, das ist historisch noch nicht wirklich super aufgearbeitet.

Walter Und ich glaube, die Bezirksmuseen und auch die Stadt Wien wäre sehr froh, wenn es da mehr Informationen von den Bürger*innen gäbe.

Andreas Außerdem freuen wir uns natürlich über Likes und Kommentare oder auch Anregungen unter Podcast @ m53.wien.gv.at. Gleich kommende Tipps, es verabschieden sich Andreas und Walter.

Walter Zum Thema Elend und Wahnsinn des Ersten Weltkriegs gibt das von Alfred Pfoser und Andreas Weigel herausgebrachte Buch im Epizentrum des Zusammenbruchs, Wien im Ersten Weltkrieg, umfassend Auskunft. Mit reichlich Bildmaterial versehen wird der Bogen von der Not der Zivilbevölkerung und der Soldaten bis hin zur Verlogenheit eines dekadenten Herrschaftssystems gezogen, erschienen 2013 beim Metro-Verlag.

Walter Ein vielfältiges Mosaik der Zeit zwischen 1914 bis 18 ist in den beiden Bänden des Historikers Edgar Haider dargelegt. Die Titel geben schon Hinweise, dass die Darstellungen durchaus im positiven Sinne parteiisch sind und kein falsches Bild von einem romantischen Wien am Ende der Habsburger Monarchie liefern will.

Walter Der erste Band heißt Wien 1914 Alltag am Rande des Abgrunds, der zweite Wien 1918 Agonie der Kaiserstadt, bei Böhlau 2013 erschienen. Wie man sich ein ungefähres Bild von der Willkür und dem Ausgeliefertsein der Wiener*innen während des Ersten Weltkriegs machen, der sie seitens Beamter oder sadistischer Einzelhändler ausgesetzt waren, so empfiehlt sich die Lektüre der letzten Tage der Menschheit von Karl Kraus und unvergesslich die Lesung des großartigen Helmut Qualtinger.

Walter Alleine die Darstellung des tyrannischen sadistischen Viktualienhändlers Kramosta, der seine hungernde Kundschaft beleidigt, bedroht und nach Strich und Faden ausnimmt, spricht Bände, auf DVD oder auf YouTube zu besichtigen.

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