
heute journal - der Podcast· Folge 63
Aus für Deutschlands Energiewende? Mit Claudia Kemfert
Donnerstag, 23. April 2026 · 31 min
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Shownotes
Die Energiewende in Deutschland stockt. Der Ausbau der erneuerbaren Energien kommt langsamer voran als geplant, gleichzeitig wächst die Kritik an politischen Entscheidungen der Bundesregierung. Besonders Wirtschaftsministerin Reiche steht im Fokus. Ihre Pläne sorgen für Diskussionen darüber, ob sie die Energiewende vorantreibt oder ausbremst.
Wie realistisch sind die aktuellen Ziele für die Energiewende? Welche Interessen verfolgt Katherina Reiche und welche Folgen haben sie sowohl für die Wirtschaft, als auch für die Versorgungssicherheit in Deutschland?
Darüber spricht Host Helene Reiner im Podcast mit dem Politikwissenschaftler Prof. Karl-Rudolf Korte und der Ökonomin Prof. Dr. Claudia Kemfert.
Außerdem: 40 Jahre Tschernobyl – zum Jahrestag des Reaktorunfalls ist heute journal-Moderator Christian Sievers vor Ort.
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Team:
CvD (ZDF): Erik Illenseer
Host: Helene Reiner
Autorin: Viktoria Reich
Redaktion: Till Schadel
Factchecking: Iris Schwarz, Franziska Meyer
Redaktion Pool Artists: Esther Stephan, Nicklas Stellhorn
Kamera: Robert Morgenstern
Ton: Marco Breidenbach
Weitere Links zum Thema:
zdfheute.de: Brandenburg: Energiewende mit Folgen für die Landwirtschaft (zdfheute.de/wissen/brandenburg-photovoltaik-so…)
zdfheute.de: Petersberger Klimadialog beginnt - Vorbild Australien? (zdfheute.de/politik/ausland/petersberger-klima…)
zdfheute.de: CO2-Preis: Was ein Aussetzen der Abgabe bedeuten könnte (zdfheute.de/wissen/co2-preis-abgabe-spritpreis…)
zdfheute.de: Tschernobyl: Katastrophe mit Nachwirkungen bis heute (zdfheute.de/politik/ausland/tschernobyl-atomre…)
Katherina Reiche: Ministerium bat EnBW um Argumente für Gaskraftwerke - DER SPIEGEL (spiegel.de/wirtschaft/katherina-reiches-minist…)
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Wir stecken mitten in einer globalen Ölkrise, die uns wieder vor Augen führt. Wir sind immer noch abhängig von fossilen Energieträgern. Es spreche also eigentlich alles dafür, noch unabhängiger zu werden und verstärkt auf erneuerbare Energien zu setzen. Aber ausgerechnet jetzt legt Deutschland da eher den Rückwärtsgang ein, so die Kritik.
Wir wollen wissen, wo stehen wir bei der Energiewende, wie teuer wird sie für uns, Warum geht es nicht schneller und was hat Bundeswirtschaftsministerin Katharina Reiche damit zu tun? Und damit herzlich willkommen zum Heute-Schnal-Podcast. Heute ist Donnerstag, der 23. April, 13 Uhr und ich bin Helene Reiner. Schön, dass ihr zuhört.
Beim Klimaschutz und der Energiewende müsse man einen Schritt zulegen. Das hat der Bundesumweltminister Carsten Schneider von der SPD diese Woche in Berlin gesagt, zur Eröffnung des Petersberger Klimadialogs. Das ist eine Art Vorbereitungstreffen für die nächste Weltklimakonferenz im November. Ja und wenn man sich die Schlagzeilen so der letzten Jahre mal anschaut, dann könnte man ja schon den Eindruck gewinnen, dass das Klima, dass das eher so zu einem Randthema geworden ist.
Aber jetzt sprechen wir ja seit Wochen von hohen Energiepreisen, Tanken, Kerosin wird knapp. Also könnte die Energiekrise und der Krieg in Iran vielleicht sogar Rückenwind für mehr Klimaschutz geben? Und neben der Frage, wie wir unabhängiger werden können von fossilen Energieträgern, gilt übrigens auch nach wie vor, dass sich Deutschland vorgenommen hat, bis 2045 klimaneutral zu sein.
Also fünf Jahre früher als die EU. Und das ist auch kein loses Vorhaben, sondern so steht es im Gesetz. Das heißt, die CO2-Emissionen müssen runter und dabei spielt die Energiewende eine wichtige Rolle. Wie gut sind wir dabei, sie umzusetzen? Die Klimaaktivistin Luisa Neubauer hat darauf eine klare Antwort und sie benennt auch einen Schuldigen dafür, beziehungsweise eine Schuldige.
Das Ausmaß des Lobbyistentums, das wir von Katharina Reiche sehen, es macht sprachlos. Aber um alles in der Welt macht doch die Augen auf und erkennt, dass nichts anderes als ein klarer und gerechter, erneuerbarer Kurs unsere Zukunft sein kann. Dafür müsst ihr das Wort Klima nicht mal mehr in den Mund nehmen.
Nennt es Wirtschaftsturbo, nennt es Wachstumsgarant. macht uns unabhängig, wirklich unabhängig von Trump und Putin und all den anderen. Kann ein erneuerbarer Kurs also auch Wirtschaftsturbo- und Wachstumsgarant sein? Das besprechen wir gleich auch noch mit einer Energieökonomin. Aber erst mal noch, wen hat Luisa Neubauer dafür verantwortlich gemacht?
Vor allem Katharina Reiche, die Bundesministerin für Wirtschaft und Energie. Sie stand im Zentrum der Kritik auf den Demos, die es in mehreren Großstädten am Wochenende gab, bei denen tausende Menschen gegen die aktuelle Energiepolitik demonstriert haben. Ich habe da große Transparente und Schilder gesehen, Weiche, Reiche oder Reiche, es reicht.
Und ich freue mich jetzt mit jemandem sprechen zu können, der Frau Reiche kennt und der ein intensiver Beobachter von allen Parteien ist, aber auch insbesondere der CDU. Und zwar einem der bekanntesten Politikwissenschaftler des Landes und emeritierter Professor an der Uni Duisburg-Essen, Karl Rudolf Korte. Hallo Herr Korte. Ja, hallo.
Wir haben gerade die Kritik von Luisa Neubauer gehört an der Bundeswirtschaftsministerin. Aber es sind nicht nur Klimaaktivisten oder die Protestierenden unzufrieden. 57 Prozent der Deutschen sagen, die Energiewende gehe zu langsam. Das sind aktuelle Zahlen von dieser Woche vom ZDF Politbarometer. Aus der Opposition hört man auch Rücktrittsforderungen. Hört Katharina Reiche sie auch aus den eigenen Reihen?
Es gibt natürlich verschiedene Flügel innerhalb der Union, so einer großen Partei, vor allem von den Arbeitnehmerflügeln, die das wirtschaftsliberale Profil, das industrienahe Profil von Frau Reiche immer hinterfragen und den Zugang, den sie ja ins Kabinett gefunden hat, über die Wirtschaftsnähe und dass sich einer in Wirtschaft auskennt, zunehmend kritisieren.
Ja, Sie haben es gesagt, Ihre Wirtschaftsnähe, die sie mitbringt, das wird ihr ja von vielen ja auch zum Vorwurf gemacht, eben ihre Nähe zur Energieindustrie. Sie selbst war mal CEO von Westenergie, der größten Tochtergesellschaft von E.ON. Sie sei, so hört man immer wieder den Vorwurf, quasi das Sprachrohr der Gaslobby verfolge eine fossile Agenda.
Bekommt sie da auch aus ihrer Partei ab und zu mal Gegenwind? Sie kriegt klar Gegenwind aus der Partei, auch innerhalb des Bundestages muss man das sehen. Sie hat ja, anders als in der Zeit als stellvertretende Fraktionsvorsitzende, kein eigenes Bundestagsmandat. Insofern muss sie umso mehr auch innerhalb der eigenen Fraktion ringen um Unterstützung.
Das ist kein Selbstläufer. Die parlamentarische Mitsteuerung geht ja davon aus, dass man sich um Mehrheiten bemüht. Man muss immer Mehrheiten machen, die sind nicht einfach da und das spielt aus Sicht der Regierungsfraktion, die Opposition überhaupt keine Rolle. Es geht immer um die eigenen Leute, stehen die hinter einem.
Und wenn man kein eigenes Mandat hat, ist es auch schwer, hier für sich und für eigene Positionen zu werben. Man muss ganz besondere, intensive Informationen streuen. Man muss Leute versuchen, loyal an sich zu binden. Also man muss wirklich werben. Und da ist sie als Typus eher unfähig, denn sie ist ein Forschertyp, der eher ankündigt, etwas sagt, was man machen soll, aber keiner, der jetzt auch eine Parteimitte geradezu charmant versucht zu umwerben mit bestimmten Ideen.
Wie sieht es denn bei der Unterstützung des Kanzlers aus? Friedrich Merz hat Katharina Reiche ja in sein Kabinett geholt. Das kam damals für viele auch überraschend. Eine Diplom-Chemikerin, eben steile Karriere gemacht in der Energieindustrie. Das haben manche für eine Art Kuh gehalten. Glauben Sie, dass Friedrich Merz seine Wahl heute manchmal bereut?
Das glaube ich nicht, denn er hat ja ein sehr differenziertes Kabinett, auch mit vielen Überraschungen besetzt, sehr souverän, sehr unabhängig, nicht nach Proporzgesichtspunkten. Das hat uns beeindruckt bei der Beobachtung der machtpolitischen Verteilung. Aber natürlich immer Risikopersonen, die aus der Wirtschaft kommen, durchaus mit Politikerfahrung, wie sie dann reüssieren in einem Kabinett.
Aber man besetzt ja auch Rollenprofile. Also man kann ja auch sagen, hier ist eine klare Markierung gesetzt worden gegen die SPD-Position im Finanzministerium oder gegen die Umweltminister aus der SPD. Insofern ist das auch ein Rollenspiel innerhalb eines Kabinetts, was er natürlich orchestrieren muss.
Ja, eine Gegenposition zur SPD, das erinnert auch ein bisschen an diesen Streit vor nicht allzu langer Zeit mit Lars Klingbeil, dem Vizekanzler und Finanzminister, da ging es um die Entlastungen, hatten wir auch letzte Woche eine ganze Podcast-Folge dazu und da hat Friedrich Merz ja Frau Reiche und Herrn Klingbeil um Einigung gebeten und danach hat Frau Reiche Herrn Klingbeil umso stärker angegriffen und da sei der Kanzler ja schon auch verärgert gewesen, oder?
Ja, Herr Klingmeier hat aber im Vorfeld auch Arbeitsaufträge an Frau Reiche öffentlich ausgesprochen, dass sie sich doch bitte kümmern soll im Hinblick auf wirtschaftliche Maßnahmen. Um Bezahlbarkeit im Alltag bei Energiefragen sicherzustellen. Und das ist kurios. Es erinnert alles an die Ampel und auch an das Ende der Ampel.
Also öffentlich Positionen auszutragen, die man normalerweise am Kabinettstisch austauscht. Und dass es eine öffentliche Rüge eines Kanzlers gibt, eine einzelne Ministerin, ist auch in dieser Rolle sehr ungewöhnlich. Aber wir sehen ohnehin eine Auflösung der Kanzlerdemokratie. Also das. Klare Kraftzentrum, was über viele Jahre eine Regierung ausgemacht haben, ein Kanzleramt mit einem Kanzler, der auch ohne Berufung auf richtigen Kompetenz doch die Richtung vorgibt, das ist ja in Auflösung begriffen.
Wir haben so oft Beispiele gehabt, dass Kabinettsentwürfe gemeinsam getroffen werden, aber dann die parlamentarische Mitsteuerung eher so aussieht, dass man das wie Anregungen, lose Anregungen an die Regierungsfraktionen weitergegeben haben, die das entsprechend zerrupft haben oder unterstützt haben, wie auch immer.
Die Rebellion ist vorprogrammiert der Fraktionen, wenn man so ohne ein Kraftzentrum aus der Regierung agiert. Und dann ist es umso spektakulärer, wenn zwischen den Ressorts dann auch noch öffentliche Streitigkeiten auftreten. Es geht ja darum, Interessen auszugleichen. Es muss ja gerungen werden. Gerade in Krisenzeiten gibt es ja überhaupt nicht den Masterplan als Ausweg.
Man muss lernend unterwegs sein, mit Fehlerkultur unterwegs sein, kommunikativ auf höchstem Maße Interessen austauschen. und ausgleichen. Das erwarten wir auch von unterschiedlichen Positionen der Parteien und der Ressorts, aber bitte nicht öffentlich. Also es muss gerungen werden. Frau Reiche bekommt für ihren Kurs durchaus, wenn ich sie da am Anfang richtig verstanden habe, auch aus den eigenen Reihen Kritik.
Sie muss um Unterstützung bitten und werben und das ist kein Selbstläufer. Aber jetzt da tatsächlich von einem Rücktritt zu sprechen, das scheint wohl nicht. Das ist ja eine floskelhafte Erwartungsposition, die dann immer auftaucht. Sie hat auch Unterstützung natürlich für eine Fraktion, die... Durchaus in einem konservativen Kanzlerprofil. Merz, der anders als Merkel viel wirtschaftsnäher ins Amt kam und als Wirtschaftsfachmann wahrgenommen wurde, sodass auch die wirtschaftsfreundlichen, industriefreundlichen Unterstützer innerhalb der Fraktion ihr Heldenbild praktisch auf Frau Reiche übertragen.
Und sie unterstützt wird, dass es dann gleichermaßen eine Kritik am Kanzler aus der Fraktion heraus ist. Es gibt eben beides. Aber Führende brauchen folgende. Das ist das Entscheidende. Und um folgende muss man sich intensiv täglich bemühen. Das ist ein Tagesintegrationsweltmeisteramt, was man so als Minister hat.
Und jede Einbindung in die Fraktion ist, um eine Mehrheit zu sichern, absolut wichtig. Und dass man mit verschiedenen Flügel agieren muss, ist naheliegend. Aber man muss natürlich ein Zusammenspiel auch angehen, denn wenn man die folgende nicht sucht, dann wird man auch keine Führungskraft. Professor Korte, herzlichen Dank für Ihre Expertise und die Erklärung. Gerne.
Katharina Reiche, bremse die Energiewende aus. Ja, man hört aus Reihen der Grünen, da heißt es sogar, sie würde sie abwürgen. Deswegen wollen wir uns jetzt noch mal genauer anschauen, was Katharina Reiche eigentlich konkret plant und mit welchen Argumenten. Und dazu können wir tiefer einsteigen mit der Energieökonomin Claudia Kempfert.
Sie leitet die Abteilung Energie, Verkehr und Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung und ist Professorin für Energiewirtschaft und Energiepolitik an der Leuphana Universität Lüneburg. Hallo Frau Kempfert. Hallo, ich grüße Sie. Die erneuerbaren Energien in Deutschland, wo stehen wir denn da aktuell?
Wir waren ja 2024 Deutschland, was den Einsatz der Erneuerbaren angeht, weltweit unter den Top 5. Heißt das, wir sind immer noch Vorreiter? Also im Stromsektor stehen wir gar nicht so schlecht da. Da haben wir schon über 50, knapp 60 Prozent erneuerbaren Stromanteil in Deutschland. Das ist mittlerweile ganz gut. Wir wollen ja auch 80 Prozent erreichen bis zum Jahre 2030. Das ist durchaus erreichbar. Aber es geht ja nicht nur um Strom.
Wir müssen ja noch sehr viel mehr tun für die Energiewende, wenn es darum geht, einerseits den Stromsektor auch zu flexibilisieren, wenn es um Digitalisierung geht. Smart Mieter müssen eingebaut werden, die Gebäude energetisch saniert werden, am besten auch elektrifizieren, damit es effizient wird. Und genauso im Verkehrssektor, wo es auch darum geht, dass man eher effizienter werden muss, weg vom Verbrennungsmotor, der sehr ineffizient ist und der uns ja auch an diese Abhängigkeiten bringt, hin zum Elektrofahrzeug im weitesten Sinne.
Und all das gehört dazu, sodass sich ja der Strombedarf erhöhen wird, den wir dann auch abdecken können oder wenn wir jetzt den Turbo einlegen, bei Wind und Solar dann auch abdecken können. Aber da werden im Moment einzelne Vorschläge gemacht, die ein bisschen schwierig sind und diesen Turbo dann tatsächlich auch nicht entfalten können.
Also Sie haben nicht den Eindruck, dass aktuell dieser Turbo eingelegt wird. Würden Sie auch sagen, so wie die Grünen-Fraktionschefin Katharina Dröge es nennt, dass Frau Reiche die Energiewende ausbremst oder eben auch gar abwürgt? Also grundsätzlich durch das Klimaschutzprogramm, Herr Schneider, der Umweltminister hat es ja vorgetragen, ist es notwendig, dass die Windenergie schneller ausgebaut wird.
Da will man ja diesen Turbo mit 12 Gigawatt zusätzliche Ausschreibungen an Windenergie auch auf den Weg bringen. Das bedarf es auch, sonst schafft man die Klimaziele nicht und auch die Energiewendeziele nicht. Aber wichtig ist, dass man das auch umsetzt. Gleichzeitig hat Frau Reiche einige Vorschläge gemacht, sei es nicht nur beim Gebäudemodernisierungsgesetz, aber gerade im Strombereich, dass sie die Förderung für Solarenergie runterfahren will.
Aber was schlimmer ist, im Rahmen dieses Netzpakets sehr viel Unsicherheit schaffen wird, ob die Anlagen überhaupt wann und wie ans Netz können. Das hat was mit den Engpässen zu tun, die es im Netz gibt und den sogenannten Redispatchkosten, die da auftreten. Und sie will praktisch bundesweit das so sehr einengen, dass es kaum noch zu einem Zubau kommen kann.
Denn die Netzbetreiber entscheiden wann, wie, wo, wer selber. Gleichzeitig verhindert sie auch, dass die vielen Batteriespeicher, die im Moment in der Pipeline sind, ordentlich ans Netz kommen. Auch da könnte es sehr viel schneller gehen und auch gleichzeitig noch andere Vorschläge, die gemacht wurden, die dann eher auch im Rahmen des Erneuerbare-Energien-Gesetzes Anreize geben, dass es eben nicht so schnell geht.
Und das ist die große Befürchtung dahinter. Also insofern, wenn das so kommt, wie sie das vorgeschlagen hat, dann wird es schwierig. Ich würde gerne eine Sache rausgreifen. Das Netzpaket, das Sie angesprochen haben, hat man jetzt auch viel darüber lesen können, gilt als besonders umstritten. Um das vielleicht mal runterzubrechen, korrigieren Sie mich gerne.
Ich habe das so verstanden, dass Frau Reiche eigentlich den Ausbau der erneuerbaren Energien und den Ausbau der Netze besser aufeinander abstimmen möchte, weil an manchen Tagen und auch in manchen Regionen es zu viel Wind und Sonne gibt und dann auch zu viel Strom produziert wird, der gar nicht zu den Menschen hin transportieren kann.
Das heißt, die Netze sind in diesen Regionen überlastet. Und was Frau Reiche sagt, ist, dass in diesen Regionen eben Windräder oder neue Solaranlagen nur noch unter verschärften Bedingungen gebaut werden dürfen und die Betreiber auch das Risiko selbst tragen, ob der Strom ins Netz eingespeist werden kann oder nicht.
Bisher haben sie eine Entschädigung bekommen, wenn sie ihn nicht einspeisen konnten und das soll wegfallen. Das heißt, Kritiker der Pläne sagen, dass eben der Ausbau für Investoren auch unattraktiver werde und außerdem, warum drossle man denn jetzt den Ausbau der Erneuerbahn statt mit einem Turbo zum Beispiel noch mehr in den Netzausbau zu investieren. Sehen Sie das auch so?
Also da muss man so ein bisschen, es ist ein bisschen komplizierter als das, weil es geht um sogenannte Netzengpässe. Ja, aber ich versuche es gleich zu halten. Es geht um sogenannte Netzengpässe und Sie haben ja recht, in Zeiten, wo sehr viel Windenergie zum Beispiel da ist, dann gibt es solche Netzengpässe.
Aber diese Redispatch-Kosten, um die es hier geht, wenn jetzt zum Beispiel sehr viel Windenergie da ist und an anderer Stelle nicht ausreichend Strom, dann muss ein anderes Kraftwerk oder andere Mengen hinzugenommen werden und das ist dann diese Ausgleichsmenge. Oder wenn abgeregelt wird, dass man zum Beispiel die Windanlagen dann abregelt und dafür entschädigt.
Diese Entschädigungszahlungen sollen wegfallen, das ist das eine. Aber das andere, diese Netzengpässe treten nicht nur auf, weil es zu viel Windenergie gibt, sondern, Sie haben recht, die Netze auch nicht ausreichend flexibilisiert sind. Das heißt, wir brauchen auch sehr viel mehr Dynamik im System, also dass zum Beispiel Batteriespeicher das auffangen könnten, diesen Netzengpass.
Und dann hätte man einen Ausgleich oder dass auch in ganz Deutschland beispielsweise Windenergie hinzugebaut wird, sodass gar nicht diese Engpässe auftreten müssen, dass man irgendwas von Nord nach Süd transportieren muss, sondern dass im Süden schon gleich viel mehr Strom auch da ist. Also es gibt verschiedene Wege nach oben, um das mal so zu sagen, diese Netzengpässe sind da.
Aber die Antwort kann nicht sein, einseitig nur die Windenergie abzuregeln und dann nichts zu entschädigen. Das zeigen auch die Studien, weil der Großteil dieser Kosten, die da auftreten, entstehen nicht, weil die Windenergie so viel da war, sondern weil das System zu inflexibel war. Aber die einseitige Antwort, die man jetzt gibt, zu Lasten der erneuerbaren Energien, das ist das Problem. So wird man den Ausbau nicht schaffen.
Die Batteriespeicher sind eben aus ihrer Sicht eben wichtig, um für mehr Flexibilität zu sorgen, um auch mögliche Schwankungen einfach auszugleichen. Jetzt hat man ja bei diesem Thema gerade gehört, dass Frau Reiche, ENBW, um Argumente für den Einsatz von Gas gaben. Gaskraftwerken gebeten haben soll, eben in Wind- oder Sonnenarmenzeiten und Gaskraftwerke dann eben bevorzugt werden könnten gegenüber dieser Batteriespeicher, die eigentlich die Alternative wären.
Genau und das ist genau das Hochproblematische, dass eben die Gaskraftwerke die Batteriespeicher kannibalisieren und nicht ausreichend ins Netz kommen und deswegen ist das ein Thema, was da auch dazu gehört, dass die Gaskraftwerke in dem Umfang so nicht gebraucht werden, beziehungsweise sogar als Argument oder Argumente gesucht werden, damit die Gaskraftwerke ins Netz kommen anstelle der Batterien.
Und das sollte auf gar keinen Fall so sein. Also wir brauchen Batteriespeicher und die müssen ins Netz. Also insofern können wir uns da auch aushelfen, insbesondere auch mit Batteriespeichern. Und brauchen nicht diese Verlängerung in dieser fossilen Energiewelt, in der wir heute noch drin sind, die ja auch hochproblematisch ist.
Wir müssen ja wegkommen eher vom Gas. Und darum muss es in erster Linie gehen. Jetzt kostet der Ausbau der Energieinfrastruktur, Den gibt es nicht umsonst, sondern der kostet Geld. Über mehrere hundert Milliarden sind da die Berechnungen in den nächsten Jahren. Können wir uns das leisten in Zeiten von einer schwachen Wirtschaft und knappen Kassen?
Wir können es uns nicht leisten, es nicht zu tun, weil es dann immer und immer wieder teurer wird. Wir haben diese Diskussion ja jetzt die letzten 25 Jahre geführt und immer mit dem Argument, wir können es uns nicht leisten, wir können es uns nicht leisten und sind jetzt in einer Welt, wo wir zu abhängig sind von fossilen Energien und dafür einen enorm hohen Preis bezahlen.
Wir zahlen ja jetzt den Preis der verschleppten Energiewende mit eben diesen hohen fossilen Anteilen im Gassektor, im Mobilitätssektor oder auch im Gebäudebereich, wo wir jetzt enorme Heizkosten haben werden bei Öl- und Gasheizung. Also da muss investiert werden in Batteriespeicher. Die Investitionen sind ja sowieso schon angeschoben.
Es ist ein Business Case, da muss man rein. Wir müssen mehr digitalisieren. Das sind auch dringend notwendige Investitionen, die wir auch schon viel zu lange vor uns hergeschoben haben. Wir müssen investieren auch in Wärmepumpen, das ist die Technologie der Zukunft, die senkt nachweislich den Energieverbrauch genauso wie die Elektromobilität, die so viel effizienter ist und damit auch die Kosten senkt.
Also wir investieren in Zukunftsmärkte, wir investieren in wichtige Industriejobs und machen vor allen Dingen unsere Volkswirtschaft endlich resilient vor fossilen Preisschocks. Die dürfen wir ja nicht wieder erleben und wieder und wieder. Und wenn wir das geschafft haben, haben wir den Weg erreicht, wo wir hin müssen in Richtung Energiewende. Und das stärkt die Volkswirtschaft dauerhaft.
Sie sagen also, es sei teurer nichts zu tun. Und trotzdem gibt es ja auch durchaus Argumente aus der Wirtschaft, die unter Druck stehen, unterhoben, die sich Sorgen machen, dass hohe Energiepreise die Wettbewerbsfähigkeit beschädigen, dass im Zweifel Unternehmen abwandern, weil sie es sich in Deutschland einfach nicht mehr leisten können.
Haben Sie dafür Verständnis? Was sagen Sie zu diesem Argument aus der Wirtschaft? Die Wirtschaft argumentiert ja schon sehr lange so und es gibt ja auch ganz viele, die sich schon auf den Weg gemacht haben, die man heute jetzt so laut nicht hört. Aber man kann vielen Bereichen und unterstützt ja auch viele Bereiche schon auf dem Weg der Innovation und Modernisierung und Zukunftsfähigkeit.
Zum Beispiel durch Klimaschutzverträge. Die Industriestrompreise gibt es ja auch, aber es gibt auch viele andere Vorteile für die Schwerindustrie, die heute schon geschaffen wurden. Aber es geht keinen Weg dran vorbei, diese Investitionen zu tätigen. Es gibt ja Stahlbereiche, Salzgitter beispielsweise, die investieren in grünen Wasserstoff oder auch andere Industriebereiche, die in Großwärmepumpen investieren.
BASF beispielsweise investiert in eine sehr, sehr große Großwärmepumpe in ihrem Bereich. Die Elektrifizierung geht auch da voran. Also wir können uns vor der Zukunft nicht verschließen. Und der Markt ist da. Wir sehen, dass aus China die Elektromobilität kommt. Die Autobranche hat viel zu lange geschlafen, hat diesen Marktanschluss schon teilweise verloren.
Wir sehen, dass die Wärmepumpe die bessere Technologie ist. In ganz Europa wird sie überall eingesetzt. Wir sind da im europäischen Vergleich Schlusslicht. Auch dort gab es schon Hallen in Deutschland, wo wir viele Jobs wieder verloren haben, aufgrund dieses Hickhacks hin und her. Und da gilt es wirklich klare politische Rahmenbedingungen zu schaffen, kein Hü und Hott mehr, sondern wirklich auch der Wirtschaft den Weg zu ebnen.
Und die investieren dann auch. Dabei kann man ihnen teilweise helfen, aber die rückwärtsgewandte Argumentation, den sollten wir nicht mehr folgen. Mein Eindruck ist, dass selbst aus den CO2-intensivsten Branchen sich eigentlich heute niemand mehr hinstellt und sagt, na es kann alles wirklich genauso weiterlaufen wie bisher.
Aber was kritisiert wird, ist eben der Weg dorthin, der Weg zur Klimaneutralität und einer Dekarbonisierung. Da nennen Unternehmen als größtes Problem Bürokratie, fehlende Planungssicherheit. Also gestaltet da die Politik die Rahmenbedingungen für die Transformation und die Energiewende auch einfach unnötig kompliziert?
Die Digitalisierung kann enorm helfen, um diese Rahmenbedingungen zu verschlanken. Und auch den Wust, den es teilweise schon gibt an Anforderungen, beispielsweise wenn man eine Windanlage bauen will, dann irgendwie sieben Jahre braucht, das geht in sieben Monaten so. Also da kann man mit der Digitalisierung helfen.
Viele Büro oder viele Jobs fehlen auch und gerade im Personalbereich, in den öffentlichen Behörden. Das betrifft nicht nur die Gerichte, sondern auch die Behörden. Da gilt es auch zu helfen. Aber auch da kann KI und Digitalisierung helfen. Also da glaube ich, dass wir vor so einem Technologiesprung stehen, der zumindest diesem Bereich Abhilfe schaffen kann.
Die Rahmenbedingungen müssen klar sein. Sie müssen auch gut strukturiert sein und auch transparent gestaltet werden. Und wenn dann auch mittels künstlicher Intelligenz oder auch vereinfachten Verfahren Wenn der Weg leichter geebnet wird, ist das sicherlich das eine. Aber grundsätzlich gesehen sollte der Fahrplan klar sein in Richtung Innovation, in Richtung Modernisierung für den Staat, aber auch für die Unternehmen.
Da sind wir in allen Bereichen wahnsinnig spät dran. Und das schafft dann auch enorme Chancen für alle Bereiche. Wie könnte man denn die Kosten, die auf uns zukommen, wir haben schon darüber gesprochen, und sie sagen, nichts tun wäre noch teurer, aber trotzdem das, was jetzt ansteht, was umgebaut werden müsste, wiegt Wie kann das denn fair verteilt werden?
Weil es gibt ja schon auch Verlierer dabei. Das sind energieintensive Branchen. Müssen die entschädigt werden oder sollte es knallhart nach dem Verursacherprinzip gehandhabt werden, dass eben die, die Umwelt verschmutzt haben und daran verdient haben, auch jetzt mehr zahlen müssen? Wie sehen Sie das?
Es muss darum gehen, dass es klar in Richtung Klimaneutralität geht und jedes Unternehmen, jede Branche ist da seines eigenes Glückes schmied. Je früher investiert wird, desto besser, desto mehr Jobs können auch gehalten werden. Aber wichtig ist, dass die Politik die Rahmenbedingungen hält. Und deswegen ist dieser Strukturwandel auch, können wir gut begleiten, auch mit Klimaschutzverträgen für die Industrie beispielsweise.
Aber auch mit sozialer Gerechtigkeit. Darum muss es auch gehen, dass es nicht für die Ärmsten in der Gesellschaft unnötig teuer wird. Da würde ein Klimageld helfen oder ein Energiegeld, Mobilitätsgeld, die Menschen, die im Moment ja auch stark leiden, aufgrund der verschleppten Energiewende, dass man denen auch hilft.
Also es muss sozial gerecht zugehen, der Strukturwander muss klug begleitet werden, aber der Weg muss klar vorgezeichnet werden und nicht immer wieder in Frage gestellt werden, wie aktuell, dass man immer sagt, naja, also eigentlich haben wir dafür kein Geld oder dafür keine Zeit, sondern das Geld ist ja da.
Die Investitionen müssen getätigt werden, wir müssen alle moderner werden und den Strukturwandel können wir nicht aufhalten, weil sonst verliert die Volkswirtschaft dauerhaft an Wettbewerbsfähigkeit. Über den Stand der Energiewende, über Chancen und Risiken und auch über Kosten konnte ich mit Claudia Kempfert sprechen.
Sie ist Energieökonomin am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. Herzlichen Dank Frau Kempfert für Ihre Expertise. Danke, dass ich da sein durfte, hat mich sehr gefreut. Tschüss. Vielleicht ist jemandem aufgefallen, dass mir heute kein Moderator des Heute-Journals oder eine Moderatorin gegenüber sitzt.
Das liegt daran, dass Christian jetzt in diesem Moment in der Ukraine ist, in Tschernobyl. Und zwar genau dort, also am Reaktor, wo am 26. April 1986, also am Sonntag vor 40 Jahren, der schwerste Unfall in der Geschichte der Zivilnutzung der Kernenergie passiert ist. Und Christian hat uns von dort eine Videobotschaft geschickt.
Es ist wichtig, hier zu sein und mit den Wissenschaftlern hier zu sprechen, über das, was hier hinter mir ist, diese Tickende Zeitbombe. Denn so sagen sie hier, das ist kein Problem für die Ukraine allein, das ist ein Problem für ganz Europa, für die ganze Welt am Ende. Und trotzdem muss ich wirklich sagen, hier zu seinem 40.
Jahrestag der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl in Tschernobyl ist ungefähr der letzte Ort, an dem man sein möchte. Die Wissenschaftler hier sagen, es sei sicher, wenn man sich an die Regeln hält. Die Regeln sind natürlich immer messen, wie die Strahlenbelastung ist. Dazu haben wir hier diese Dosimeter mit dabei.
Außerdem, wenn wir gleich da reingehen, müssen wir auch Schutzanzüge tragen. Man darf nichts auf den Boden stellen, man soll nicht essen und nicht trinken. Das sind also die Regeln, die man hier beachten muss, dann sei man sicher. Aber wir spüren auch schon, es ist so eine merkwürdige Mischung aus. Wir haben die Lage aktuell so von Tag zu Tag unter Kontrolle und gleichzeitig hoffen wir, dass nichts passiert.
Denn die ganze Geschichte hier hinter mir, dieser Sarkophag und darüber gedeckt eine weitere Abdeckung, ist äußerst labil, ist auch gerade nochmal beschädigt worden durch den Angriff einer russischen Drohne vor etwas über einem Jahr. Und das muss man sich vorstellen, das ist nicht nur der Ort einer furchtbaren Reaktorkatastrophe, es ist auch noch ein Kriegsgegnügen.
Also ein Unfall, der Jahrzehnte zurücklegt, sich aber noch bis heute auswirkt, weil aus dem Reaktor immer noch radioaktive Stoffe nach draußen gelangen können. Vielen Dank an Christian für diese Videobotschaft und ich hoffe natürlich auch, dass ihr sicher seid und auch sicher und heil wieder nach Hause kommt.
Danke auch an euch fürs Zuhören. Wenn ihr euch fürs Thema Klimaschutz interessiert, dann möchte ich noch auf zwei Folgen in unserem Podcast hinweisen. Wir haben einmal nämlich zur Klimakonferenz mit einer Korrespondentin vor Ort gesprochen und da auch so ein bisschen hinter die Kulissen der Konferenz blicken können.
Haben die Frage gestellt, warum es immer so lange dauert, bis man sich einig wird, wer blockiert, wer vorantreibt. Diese Folge gibt es. Und dann gibt es noch eine Folge, Die liegt schon ein bisschen weiter zurück, aber ich erinnere mich da immer noch gerne dran. Und zwar ist da die Grundfrage Klimakrise, warum es noch nicht zu spät ist.
Also da haben wir uns mal ein paar innovative Ansätze und Konzepte von Städten rausgesucht, die das Klima schützen wollen, zum Beispiel wie Berlin zur Schwammstadt werden möchte. Also hört da sehr gerne mal rein. Und wer Gundula vermisst hat, sie ist im Urlaub und da schicken wir ganz liebe Grüße. Wenn euch die Folge gefallen hat, dann freuen wir uns über eine positive Bewertung und ein Abo.
Gerne auch Feedback, Wünsche, Ideen als Kommentar oder per Mail an heute-podcast.zdf.de. Schönes Wochenende und bis nächste Woche. An dieser Folge mitgearbeitet haben Erik Illenseer, Viktoria Reich, Till Schadl, Esther Stephan und Niklas Stellhorn. Das Fact-Checking kam von Iris Schwarz und Franziska Mayer, Kamera und Ton von Robert Morgenstern und Marco Breidenbach.
Heute Journal, der Podcast, wird produziert von Pool Artists.