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Shownotes
In dieser Folge von Hinreichend verdächtig, die wir im Rahmen der "Zoon Podcast Week" live aufgezeichnet haben, geht es um einen Fall häuslicher Gewalt. Im Juni 2020 greift ein Mann, wir nennen ihn Kenan, seine Ehefrau im Stadtpark mit einem Messer an, vor den Augen der fünf gemeinsamen Töchter. Mira, so nennen wir die Geschädigte, überlebt schwer verletzt, die älteste Tochter stellt sich dem Vater entgegen und wird selbst verletzt. Wir zeichnen nach, wie die Ehe seit dem Jahr 2000 von Kontrolle, Überwachung und Gewalt geprägt war.
Im Mittelpunkt steht die Frage, wie die Justiz eine solche Tat aufklärt, wenn die Tat eine ganze Familie betrifft und Kinder als Zeug:innen im Spiel sind. Oft steht bei Fällen von häuslicher Gewalt Aussage gegen Aussagen - hier gab es allerdings auch einige Zeuginnen und Zeugen im öffentlichen Park, die den Ablauf schildern konnten. Außerdem klären wir, warum das Gericht den Rücktritt vom Versuch nicht anerkannte, weshalb es bei versuchtem Mord mit dem Mordmerkmal der niedrigen Beweggründe blieb und warum die Schuldfähigkeit trotz Alkohol- und Kokainkonsums voll bejaht wurde.
Unsere Gäste sind Jill McCuller, Staatsanwältin in Duisburg, und Alexander Triesch, Reporter der Lokalredaktion Duisburg. Sie berichten, wie der Fall ermittelt und öffentlich wahrgenommen wurde, wie er sie selbst emotional angefasst hat und wie wichtig es ist, dass Institutionen wie Frauenhäuser, Polizei und Gericht alles tun, um den Opfern zu helfen.
Wichtiger Hinweis: Wer selbst von häuslicher Gewalt betroffen ist oder jemanden kennt, findet Hilfe am kostenlosen und anonymen Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ unter 116 016. Bei akuter Gefahr sollte man sofort den Notruf wählen. Außerdem kann online über die sogenannte Frauenhauskoordinierung direkt nach Frauenhäusern in der eigenen Umgebung gesucht werden. Hier geht es zur Website: frauenhauskoordinierung.de/hilfe-bei-gewalt/fr… (frauenhauskoordinierung.de/hilfe-bei-gewalt/fr…)
Im True-Crime-Podcast von Rheinischer Post und Staatsanwaltschaft Duisburg beleuchten wir pro Folge einen abgeschlossenen Kriminalfall aus der Region – mit einem Reporter aus der Lokalredaktion sowie einem Mitglied der Duisburger Staatsanwaltschaft. Gemeinsam zeigen wir, wie Strafverfolgung funktioniert – und was sie mit unserer Gesellschaft macht.
Transkriptvom Podcast bereitgestellt · Zeitmarken springen hin
Diese Episode von Hinreichend Verdächtig wird präsentiert von Hörgeräte Wasserfuhr in Solingen und der KKL Klimatechnik Vertriebs GmbH. Bevor wir loslegen, eine kleine Info von mir, Lili Stegner, für euch da draußen. Diese Folge haben wir live aufgezeichnet, und zwar im Rahmen der Zoom Podcast Week in Düsseldorf.
Wundert euch deshalb nicht, wenn diese Folge ein kleines bisschen anders startet und vielleicht auch ein bisschen anders klingt als sonst. Mich hat es total gefreut, ein paar von euch auf unserem Campus der Rheinischen Post begrüßen zu dürfen und hinreichend verdächtig mal wieder aus der Kammer der Staatsanwaltschaft Duisburg auf die Bühne zu holen.
Die Folge an sich läuft aber ab wie immer, also keine Sorge vor zu viel Veränderung. Und jetzt ganz viel Spaß beim Zuhören. Ich muss sagen, dass Mira mich sehr beeindruckt hat. Wir haben, wie gesagt, halt leider oft Frauen, die es dann nicht bis zum Schluss schaffen, dem ganzen Druck auch standzuhalten und ihre Aussage dann ja letztlich dann nicht mehr bestätigen oder eben von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch machen.
Mira war da ganz anders, sie war sehr souverän, auch in der Hauptverhandlung hat sie das alles mit einer wirklich unglaublichen Stärke durchgezogen, gemeinsam mit ihren Töchtern, die ja da auch die Situation hatten, dass sie da ihrem Vater gegenüber saßen, der sich auch dann in der Verhandlung nicht nur nett verhalten hat, sondern auch Beleidigungen ausgestoßen hat gegenüber seinen Töchtern und das war alles so schwierig.
Deswegen fand ich es umso bemerkenswerter, dass sie bis zum Schluss dran geblieben sind und nicht aufgegeben haben. Ja, und damit auch von mir. Herzlich willkommen. Schön, dass Sie alle da sind. Und herzlich willkommen zu Hinreichend Verdächtig. Mein Name ist, wie gerade eben schon erwähnt, Lili Stegner. Und in diesem Podcast gehen wir nicht nur echten Kriminalfällen auf den Grund, sondern wir tauchen richtig tief ein.
Wir beleuchten die Ermittlungen, die am Ende zur Anklage geführt haben und untersuchen, was die Gesetzestexte dazu sagen. Dafür habe ich, wie immer, auch heute zwei Gäste hier bei mir. Einmal aus der Staatsanwaltschaft Duisburg und einmal einen Reporter aus unserer Lokalredaktion. Heute ist aber ganz besonders, denn heute haben wir noch viel, viel mehr Gäste hier.
Schön, dass Sie alle hier sind und schön, dass wir Teil der Zoom-Podcast-Week sein dürfen. Ich freue mich sehr, dass Sie alle den Weg hierher gefunden haben. Die Fälle, die wir hier betrachten, die sind immer rechtskräftig entschieden und damit auch abgeschlossen. Wir analysieren dann, wie der Fall öffentlich wahrgenommen wurde und wie die Staatsanwaltschaft ermittelt hat, um am Ende zur Anklage zu kommen.
Und quasi ganz nebenbei können wir so auch ein paar juristische Fachbegriffe klären, die man vielleicht immer mal wieder irgendwo hört, aber nicht so 100 Prozent weiß, was die eigentlich bedeuten. Wie zum Beispiel auch den Begriff hinreichend verdächtig. Außerdem möchte ich heute noch erwähnen, dass wir unsere Sponsoren dieses Podcasts hier haben.
Einmal Hörgeräte Wasserfuhr aus Solingen und KKL-Klimatechnik, die leider durch Krankheit verhindert sind. Aber ganz, ganz liebe Grüße und vielen herzlichen Dank an dieser Stelle. Heute hier begrüßen darf ich Jill McCuller, Staatsanwältin in Duisburg und Alexander Trisch, Lokalreporter in unserer Lokalredaktion.
Und ein Hinweis vor allem an unsere Hörer zu Hause. Heute geht es um Straftaten im Zusammenhang mit häuslicher Gewalt. Es geht um Kontrolle in einer Ehe über viele Jahre hinweg und um eine Tat, die in einem öffentlichen Punkt sich vor den Augen von Kindern ereignet hat. Falls das jemand emotional belastet, dann schaut bitte, dass ihr in der richtigen Verfassung seid, diesen Podcast anzuhören.
Starten wir wie immer aber erstmal mit der Beschreibung unseres Falls. Was ist passiert? Wir befinden uns in Duisburg im Jahr 2020. Es ist ein Mittwochnachmittag, kurz nach halb drei. Ein belebter Stadtpark. Familien, Kinder auf dem Spielplatz, jemand mit einer Picknickdecke auf dem Rasen. Eigentlich eine ganz gewöhnliche Szene.
Doch an diesem Nachmittag endet etwas, was sich über fast 20 Jahre hin aufgebaut hat. Und um die Geschichte wirklich zu verstehen, müssen wir weiter zurückgehen, Jahrzehnte zurück. Wir sprechen über Mira, so nennen wir die Geschädigte in diesem Fall. Sie ist seit dem Jahr 2000 verheiratet. Und zwar mit einem Mann, den wir hier Kenan nennen wollen.
Alle Namen in den Fällen haben wir wie immer geändert. Aus der Ehe der beiden gehen fünf Töchter hinvor. Nach außen hin wirkt es wie eine normale Familie. Nach innen, so sollte das Gericht später feststellen, es ist eine Ehe, die von Anfang an durch Kontrolle, Überwachung und Gewalt geprägt war. Denn bereits ab dem Jahr 2001 sieht sich Mira Gewaltausbrüchen ihres Mannes ausgesetzt.
Die Anlässe, so heißt es später im Urteil, sind überwiegend nichtig. Die Gewalt aber im Einzelfall so massiv, dass ihr ihr das Nasenbein bricht, dass Tische und Stühle nach ihr geworfen werden. Er droht wiederholt mit dem Messer und er droht, sie umzubringen. Und er überwacht sie. Er versteckt sich im Keller des Hauses, um zu kontrollieren, wann sie die Wohnung verlässt.
Er versteckt sein Mobiltelefon in der Wohnung, um heimlich Gespräche mitzuhören oder Videos aufzuzeichnen. Mira hat zeitweise so wenig Geld zur Verfügung, dass es ihr kaum gelingt, die Grundbedürfnisse für sich und ihre Kinder zu decken. Zwei Jahre später, im Jahr 2003, flieht Mira das erste Mal. Damals mit ihren zwei kleinen Töchtern in ein Frauenhaus.
Kenan und sein Vater machen sie dort ausfindig. Die Kinder werden direkt ins Auto gesetzt, Mira kehrt zurück, die Ehe wird weitergeführt. Parallel zu der Ehe mit Mira führt Kenan fast über 20 Jahre lang eine heimliche Beziehung. Mit einer Frau, die wir hier Sandra nennen wollen. Auch diese Beziehung ist von Kontrolle und von Eifersucht geprägt.
Er überwacht auch Sandra, versteckt ein Mikrofon in einem ihrer Blumentöpfe. Später installiert er eine versteckte Kamera in ihrem Wohnzimmer. Sandra entdeckt ihn einmal in der Hecke auf einem Kinderspielplatz, wo er sie beobachtet. Erst 2020 erfährt auch Sandra die Wahrheit, dass Kenan niemals von seiner Frau getrennt war und dass es insgesamt fünf Kinder gab.
Im März 2020, Mira ist inzwischen seit Jahren berufstätig, eine Schule hat Verhaltensauffälligkeiten bei einer der Töchter gemeldet, flieht Mira ein zweites Mal. Dieses Mal mit allen fünf Töchtern in ein Frauenhaus in Duisburg. Kinan sucht sie wieder auf. Er erscheint im Park in der Nähe des Frauenhauses, versucht Mira, Zurückkehr zu bewegen.
Er schickt seine Mutter mit einem Herzanhänger als Geschenk zu ihr. Er kündigt an, sie und die Kinder abholen zu wollen Doch Mira will nicht zurück Und das teilt sie ihm auch klar mit. Und dann passiert etwas, was man vielleicht nicht unbedingt erwarten würde und was in dieser Geschichte aber sehr, sehr wichtig ist.
Es sind nämlich Institutionen, die in diesem Moment eingreifen. Nicht mit Macht oder mit Zwang, sondern mit Aufmerksamkeit. Eine der Töchter zeigte, wie gesagt, Verhaltensauffälligkeiten in der Schule. Sozialpädagogen nehmen sich in diesem Moment Zeit und fragen nach. Mira muss ihre familiäre Situation offenbaren. Und dieses Mal bricht etwas auf, was jahrelang verborgen geblieben war.
Eine Mitarbeiterin eines Friedenshortes vermittelt Mira einen Platz in einem Frauenhaus in Duisburg. Am 26. März 2020 geht Mira dorthin mit allen fünf Töchtern. Der Versuch kostet sie viel Kraft. Doch sie schafft es. Sie findet diese Kraft durchzuhalten. Am 3. Juni 2020, an einem Mittwoch, konsumiert Kenan morgens Alkohol und im Laufe des Vormittags Kokain.
Jeweils in nicht feststellbarer Menge. Gegen Mittag fährt er, ohne Führerschein, das ist für ihn nicht besonders ungewöhnlich, nach Duisburg. Er hat eine Sporttasche dabei und in dieser Tasche ein Messer. Er geht in den Park, wo er Mira und die Kinder vermutet. Gegen 14.30 Uhr erscheint auch Mira dort, mit allen fünf Töchtern, um sich mit einer Bekannten zu treffen.
Kenan kommt zu ihnen und setzt sich zu ihr auf die Picknickdecke. Rund 20 Minuten lang versucht er, sie zur Rückkehr zu überreden. Mira lehnt ab, wiederholt und klar und konsequent. Als sie schließlich aufsteht, um zu gehen, fragt er noch einmal. Ich frage dich ein letztes Mal. Ist das eure Entscheidung?
Und Mira antwortet mit Ja. Das ist ihre letzte Entscheidung. Sie kommen nicht zurück. In diesem Moment greift Kenan in seine Sporttasche. Er zieht das Messer heraus und sagt, dann bringe ich dich jetzt um. Mira flieht. Kenan verfolgt sie, das Messer in der Hand. Er holt sie ein und bringt sie zu Boden.
Ihre älteste Tochter, sie ist damals 20 Jahre alt, versucht ihren Vater festzuhalten und versucht ihn von ihrer Mutter wegzuziehen. Mira kann sich tatsächlich befreien und flieht erneut. Kenan setzt ihr ein zweites Mal nach. Nach rund 80 Metern holt er sie wieder ein. Er fügt ihr mit dem Messer schwere Schnittverletzungen am Hals zu.
Etwa 7 cm lang, 1-2 cm tief, quer verlaufend. Hals- und Kapselvenenverletzung. Eine Verletzung, die ohne sofortige Erstversorgung am Tatort tödlich hätte enden können. Erneut greift die älteste Tochter ein. Erneut kämpft sie mit ihrem Vater und dieses Mal verletzt er auch sie. Ein Messerstich in den Bauchgereich, bis ins Muskelgewebe. Er beißt sie in den Oberarm.
Eine Parkbesucherin hat zwischenzeitlich die Polizei alarmiert. Kenan sieht sie. Er sieht, dass sie telefoniert. Und er erkennt dabei, dass sein Festnahmerisiko gerade deutlich gestiegen ist. Er bricht ab. Er flüchtet in großer Eile vom Tatort über Queterbeer an eine Straße und wird von einem P-Café erfasst.
Er wird noch am selben Tag festgenommen. Und dann das Wunder. Mira überlebt. Wäre sie nicht am Tatort sofort versorgt worden, hätte sie verbluten können. Dass sie überlebt, das verdankt sie mindestens zwei Dingen. Der Parkbesucherin, die die Polizei rief, und ihre ältesten Tochter, die sich buchstäblich zwischen sie und ihren Vater gestellt hat.
Es gibt in diesem Fall viele erschütternde Momente. Aber es gibt eben auch genau diese. Eine fremde Frau im Park zögert nicht. Sie sieht, was passiert, und sie greift zum Telefon. Eine 20-jährige Tochter schützt ihre Mutter mit dem eigenen Körper. Schülerinnen und Schüler zeigen Auffälligkeiten, und Sozialpädagogen schauen hin.
Eine Mitarbeiterin des Friedenshortes organisiert einen sicheren Ort. Das Frauenhaus nimmt Mira und ihre fünf Kinder auf. Und die Justiz soll später genau das tun, wofür sie da ist. Der Prozess beginnt im Januar 2021 vor dem Landgericht in Duisburg. Und am 4. Mai 2021 ergeht das Urteil. Und jetzt eine kurze Pause. Vielleicht mit etwas Werbung.
Ab wann war der Angeklagte hinreichend verdächtig? Jay, erzähl uns mal, wie du zu diesem Fall gekommen bist. Was war so dein erster Eindruck? Ein Angriff im öffentlichen Park, mehrere Zeuginnen, darunter die Tochter des Täters. Wie hat sich das dir am Anfang dargestellt? Mir ist der Fall tatsächlich noch ziemlich präsent. Zu dem Zeitpunkt war ich, knapp ein halbes Jahr in der Kapitalabteilung. Und aufgrund der Parameter, die du schon genannt hattest, war eigentlich recht schnell klar, dass es ein ziemlich besonderer Fall ist.
Als die Polizei mich dann informiert hat, lag der Fokus vor allem darauf, dass der Beschuldigte flüchtig war und deswegen natürlich auch erstmal alles daran gesetzt werden musste, dass er festgenommen werden kann. Die Tat hat ja, wie schon gesagt, am helllichten Tag stattgefunden in aller Öffentlichkeit. Deswegen gab es viele Augenzeugen.
Wie hat euch das denn bei den Ermittlungen geholfen? Ja, grundsätzlich ist es so, dass in Fällen, die ihren Ausgang nehmen in Vorgeschichten von häuslicher Gewalt, sehr oft so ist, dass solche Taten sich dann eben auch unter Ausschluss der Öffentlichkeit ereignen. Sprich, wir haben da ziemliche Beweisprobleme, weil eigentlich immer nur Täter und Opfer anwesend sind.
Das war hier eben ganz anders. Wir hatten viele Zeugen, die das im öffentlichen Raum wahrgenommen haben. Und hinzu kam noch, dass diese Zeugen völlig neutral waren. Das heißt, die standen weder dem Täter noch dem Opfer nah. Was für die Aussagen natürlich besonders gut ist, weil diese ganzen Dinge, die sie uns erzählen, überhaupt nicht verändert werden durch irgendein Näheverhältnis zu dem Täter oder dem Opfer.
Und deswegen war jetzt erstmal die Ausgangslage für uns in beweistechnischer Hinsicht ziemlich gut. Was ich mich gefragt habe, eine der ersten Fragen, die mir in den Sinn kamen, als ich mich in dem Fall befasst habe. Woher wusste Kenan denn, wo er Mira und seine Töchter finden würde? War das Zufall? Nee, tatsächlich nicht. Mira hatte während ihrer Zeit im Duisburger Frauenhaus auch Kontakt zu den Eltern und zur Schwester von Kenan.
Sie hat sich auch in der Nähe des Duisburger Frauenhauses mit den Verwandten, des Beschuldigten getroffen. Jetzt mag man vielleicht meinen, das ist schon ziemlich unvorsichtig. Aber auf der anderen Seite muss man natürlich Verständnis für die Situation haben. Sie war da wirklich in einer Ausnahmesituation und das waren Personen, denen sie vertraut hat und deswegen hat sie eben den Kontakt aufrechterhalten.
Aber letztlich war das auch der Punkt, warum Kenan dann mitbekommen hat, wo sie sich aufhält und dann letztlich auch vor Ort sein konnte. Ich möchte gerne auch noch mal auf die Töchter zu sprechen kommen, denn alle fünf waren ja zugegen und haben es mitbekommen. Die Älteste hat sich auch zwischen Vater und Mutter gestellt.
Alle waren in dem Sinne auch Zeugen. Was biegt das für Herausforderungen für euch, wenn Kinder zwischen ihre Eltern geraten, wie in diesem Moment? Ja, hier war das Problem ja von vornherein, dass die Geschädigte, also die Hauptgeschädigte, sage ich mal, die Ehefrau des Beschuldigten waren. Und viele Zeugen, so wie du ja gerade gesagt hast, die Töchter des Beschuldigten.
Und dadurch steht all diesen Personen ein Zeugnisverweigerungsrecht nach § 52 der Strafprozessordnung zu. Das heißt, sie können eben jederzeit sich dafür entscheiden, keine Aussage mehr zu tätigen. Und wir beobachten in solchen Fällen, dass tatsächlich am Anfang des Ermittlungsverfahrens, wenn die Zeugen noch unter dem Eindruck des Geschehens stehen, sie mit uns sprechen und Aussagen machen.
Und im Rahmen des Ermittlungsverfahrens, wenn es dann auch zur Hauptverhandlung hingeht, die Aussagebereitschaft immer mehr abnimmt. Und spätestens in der Hauptverhandlung viele dann von ihrem Recht nach § 52 SCPO Gebrauch machen. Das ist natürlich ein großes Problem, weil dann uns die Hauptbeweismittel wegbrechen.
Dem kann man aber entgegenwirken, indem man bereits im Ermittlungsverfahren diese Zeugen richterlich vernehmen lässt. Und das ermöglicht es uns dann später in der Hauptverhandlung, selbst wenn die Zeugen nichts mehr sagen wollen, dann die Richterperson zeugenschaftlich zu vernehmen zu den Angaben, die sie ihm oder ihr gegenüber eben getätigt haben.
Sprich, das Beweismittel bricht uns dann nicht mehr weg. Und das macht man in diesen Fällen auch regelmäßig. Hier in dem Fall ist es auch passiert. Brauchtet ihr das? Haben sie sich irgendwann dafür entschieden, nicht mehr auszusehen? Nee, glücklicherweise in dem Fall nicht. Im Urteil steht auch, dass Kenan schon circa einen Monat vor der Tat geplant haben soll, Mira zu töten, sollte sie sich endgültig weigern, wieder zu ihm zurückzukühren.
Wie kann man denn so einen Tatplan rekonstruieren? Also welche Beweise haben das in dem Fall gezeigt? Also in unserem Fall hatten wir Glück durch Zeugen, das eben rekonstruieren zu können. Du hast eben ja schon von Sandra gesprochen. Das war die Frau, mit der Kenan parallel die ganze Zeit eine Beziehung geführt hat.
Und Sandra war in vielerlei Hinsicht für uns eine sehr wichtige Zeugin. Zum einen konnte sie über ihre eigene Beziehung zu Kenan berichten, weil sie hat eben ähnliche Erfahrungen gemacht wie Mira, was uns dann auch nochmal verdeutlichte, wie Kenans Frauenbild so ist, auch im Generellen. Und zum anderen konnte sie berichten von einem Gespräch, das Kenan geführt hat mit einer weiteren Person, bei dem sie eben auch anwesend war.
Und da hat er wortwörtlich gesagt, dass sie ihre gerechte Strafe noch bekommen wird. Und dass er ihr Verhalten, nämlich sich von ihm zu trennen, noch abstrafen wird. Kenan hat ausgesagt, er sei dann so in Verzweiflung geraten, seine Gedanken seien gerast. Wie geht ihr als Staatsanwaltschaft mit so Einlassungen um?
Ja, da können wir uns immer zurückziehen auf die objektiven Tatumstände, die wir hier hatten. Und die Tatumstände haben uns hier gezeigt, dass für eine Art der Verzweiflung oder eine selbstempfundene Ausweglosigkeit gar kein Raum war. Wir haben ja schon gesagt, dass Kenan die Tat geplant hat, aber auch das konkrete Tatgeschehen hat ganz klar gezeigt, dass eben kein Raum ist für spontan, impulshafte Geschehnisse, sondern dass er von vornherein wusste, was er tut.
Er hat ihr deswegen auch diese ultimative Frage gestellt, möchtest du zu mir zurückkommen? Sie hat sich ihm verweigert und hat das verneint. Und in dem Moment hat er dann O-Ton gesagt, dann werde ich dich jetzt umbringen. Das heißt, für ihn war es die logische Konsequenz, ist, wenn du nicht zurückkommst, dann werde ich dich umbringen.
Und das zeigt eben ganz klar, dass das kein Impuls war, sondern das war in seinem Kopf. Wenn sie nicht zurückkommt, dann muss sie sterben. Und deswegen konnte man ganz klar sagen, also Verzweiflung, da war keine Spur von. Er hatte ja auch ein Messer dabei, auch das. Auch das sprach, genau. Das ist auch so ein objektiver Tatumstand, der natürlich ganz klar dagegen spricht.
Der psychiatrische Sachverständige hat keine erhebliche Verminderung der Schuldfähigkeit festgestellt, obwohl Kenan an diesem Tag ja sowohl Alkohol als auch Kokain konsumiert hat. Kannst du erklären, was das rechtlich bedeutet und was für eine Rolle das in diesem Fall gespielt hat? Ja, Kenan hat sich eingelassen und hat gesagt, dass er Kokain und Alkohol konsumiert hat.
Aber selbst die Mengen, die Kenan selbst benannt hat, die hätten nicht ausgereicht, um in der konkreten Tagsituation eine Intoxikation anzunehmen. Und dann kam noch dazu, dass er, wie gesagt, sehr planerisch vorgegangen ist und auch alle Zeugen, die ihn beobachtet haben, haben keinerlei Ausfallerscheinungen feststellen können.
Und das sind eben auch Punkte, die ganz klar dagegen sprechen, dass er hier irgendwie eine Intoxikation hat, die sich auf seine Schuldfähigkeit ausgewirkt hat, weshalb dann eben die Sachverständige auch zu dem Ergebnis kam, dass er voll schuldfähig ist. Alex, du hast den Fall damals auch mitbekommen. Erinnerst du dich noch, wie du zum ersten Mal davon gehört hast? Also ein Messerangriff im Park mitten unter anderen Familien, das ist ja meistens das Erste, was ihr so hört.
Ja, wir hatten damals im Sommer 2020 einen Tipp bekommen, dass im Böninger Park in der Duisburger Innenstadt gerade ein Polizeieinsatz läuft. Das ist jetzt für uns auch nicht alltäglich so, dass wir da quasi live dabei sein können. Und wir wussten erst mal gar nichts, also außer, dass es zwei verletzte Personen gibt nach einem Messerangriff.
Ehrlicherweise haben wir damals gedacht, es geht um was ganz anderes, weil dieser Park in der Vergangenheit immer mal wieder auffällig war im Bereich Drogenhandel und da auch sehr viel gedealt wurde, und es auch in den Wochen und Monaten davor immer mal wieder zu Streitigkeiten gekommen ist zwischen Männern.
Und als wir dann dachten, es gibt zwei Opfer, dachten wir, naja, vermutlich haben sich da irgendwie zwei gestritten, also zwei Männer gestritten. Und das hat sich dann relativ schnell als falsch herausgestellt. Aber die Vorgeschichte wussten wir natürlich erst mal gar nicht. Und ich muss sagen, es ist schon auch so eine sehr gruselige Atmosphäre, an einen Tatort zu kommen, weil dann zu dem Zeitpunkt war die meiste Polizei schon wieder weg.
Auch die verletzten Personen waren natürlich nicht mehr da. Aber man sieht dann so einzelne Objekte, die noch da sind. Zum Beispiel diese Picknickdecke lag da irgendwo noch im Gras, eine offene Chipstüte. So Hinterlassenschaften der Sanitäter von den Bandagen und den Verpackungen und ich finde, das ist immer so ein ganz seltsamer Anblick irgendwie.
Und auch den Hintergrund der Tat, also diese fast 20 Jahre häusliche Gewalt, das war ja von Anfang an nicht öffentlich bekannt, logischerweise. Wie hat sich denn das öffentliche Bild, was man von dem Prozess haben konnte, so im Laufe der Zeit verändert? Ja, also im Grunde alles, was du eben in der Einleitung erzählt hast, war uns gar nicht bekannt.
Und normalerweise ist es für uns auch so, dass sobald eine Tat abgeschlossen ist und dann auch der Tatverdächtige festgenommen ist, dass wir eigentlich nichts mehr erfahren, bis der Prozess losgeht. Das passiert im Grunde eigentlich nie. Dann hat sich im Prozess herausgestellt, wie schlimm die Lage wirklich für sie war.
Das war ohnehin ja alles schlimm genug, aber dass es diese 20-jährige Tortur dann gab, das hat sich dann erst herausgestellt, was vielleicht ganz interessant ist oder auch schlimm, dass der Kenan auch noch im Prozess versucht hat, seine Lage irgendwie zu verbessern. Also er hat dann gesagt, an bestimmte Dinge erinnert er sich gar nicht mehr.
Er habe ja Alkohol getrunken und Drogen genommen, wüsste jetzt gar nicht mehr, was da genau passiert sei. Und ein Satz ist mir da in Erinnerung geblieben. Er hat gesagt, dass er ein schlechter Vater und ein schlechter Ehemann gewesen sei. So irgendwie, als sei er jetzt nicht oft genug zu Hause gewesen.
Er hat das so ein bisschen irgendwie... Total runtergespielt. Als wäre das eine Rechtfertigung für so eine Tat. Das Ganze passierte ja nicht nur vor den Augen von Zeugen, sondern auch vor den Augen der eigenen Töchter. Wie gesagt, die älteste Tochter hat ihre Mutter buchstäblich mit ihrem eigenen Körper beschützt und dabei selbst schwere Verletzungen davon getragen.
Wie kann man so etwas denn journalistisch einordnen? Also das in einem kurzen Zeitungsartikel zu schreiben, stelle ich mir kompliziert vor. Ja, auch das wussten wir natürlich am Anfang so nicht, weil wir davon ausgehen mussten, dass auch einfach auf die Tochter eingestochen wurde und jetzt erstmal nicht klar war, dass sie sich da vor die Mutter gestellt hat.
Erleben wir aber auch häufiger, dass es in partnerschaftlicher Gewalt dazu kommt, dass die Angehörigen, die Kinder immer wieder versuchen, die Täter davon abzuhalten. Trotzdem haben wir jetzt nicht, also wir haben es natürlich erwähnt, aber wir haben jetzt nicht versucht, dieses Mädchen als Heldin zu verkaufen, weil das ja auch nicht stimmt.
Also sie ist ja genauso das Opfer und hat ja diesen Großteil dieser 20 Jahre auch massiv gelitten und gegen sie wurde ja auch Gewalt ausgeübt. Jetzt ist häusliche Gewalt leider wirklich kein Einzelfall. Kannst du uns so ein paar Zahlen nennen, um das einzuordnen? Wie viele Betroffene gibt es so circa? Ja, ich habe mal ein paar Zahlen mitgebracht und das ist wirklich total erschreckend, weil zuletzt wieder ein Höchststand erreicht wurde bei den Opfern von häuslicher Gewalt.
2024 waren in Deutschland 265.000 Menschen betroffen, die meisten davon Frauen, aber auch Kinder, die quasi von ihren Eltern Gewalt erfahren haben. Grundsätzlich muss man sagen, dass bei Straftaten das Dunkelfeld sowieso immer groß ist, aber gerade hier das Dunkelfeld wirklich gigantisch. Also man kann es nur schätzen, aber man geht davon aus, die wahre Zahl der Opfer liegt vier bis fünf Mal höher.
Das würde bedeuten, dass pro Jahr eigentlich mehr als eine Million Menschen in Deutschland Opfer von häuslicher Gewalt werden. Und gleich noch ein erschreckender Fakt, dass viele Fälle auch tödlich enden und jeden zweiten Tag im Grunde eine Frau von ihrem Partner oder Ex-Partner getötet wird. Inwiefern hat sich denn die Politik in den letzten Jahren dieses Themas angenommen?
Also was ist da passiert, um Opfer von häuslicher Gewalt besser zu schützen? Ja, zusammengefasst kann man glaube ich sagen, die Politik kümmert sich schon um das Thema, aber wie bei vielen politischen Initiativen dauert das wirklich extrem lange. Ich kann vielleicht mal ein paar Beispiele nennen. Man hat wirklich Jahre gebraucht, um den Krankenkassen eine einheitliche Finanzierung für die sogenannte Spurensicherung am Körper zu geben.
Also das heißt, dass man nach einer Straftat von sexualisierter oder körperlicher Gewalt dann im Krankenhaus diese Spuren sichern kann. Das wurde schon immer gemacht, aber vor einigen Jahren wurde das nur bezahlt, wenn man dann auch gleichzeitig eine Anzeige gestellt hat, also direkt, weil der Polizei war.
Wenn man das nicht gemacht hat, wurde das erstmal nicht bezahlt, zumindest in einigen Bundesländern. Und das war natürlich total problematisch, weil viele Frauen ja erstmal sich beraten wollen, sich nicht direkt die Kraft haben für eine Anzeige. Und wenn man dann wartet, dann kann man ja im Grunde keine Spuren mehr feststellen, sondern sehr wenige.
Seit diesem Jahr ist es auch möglich, dass Täter mit Fußfesseln überwacht werden. Das war vorher auch nicht möglich. Und das fand ich auch total erschreckend irgendwie. Seit 2025 gibt es das Gewalthilfegesetz in Deutschland, das einen Rechtsanspruch für Frauen auf Beratung und Schutz gibt. Es gilt allerdings erst ab 2030, weil bis dahin dieser Anspruch garantiert werden kann erst.
Also zum Beispiel gibt es ja nicht genug Plätze in Frauenhäusern aktuell. Und zurück geht das übrigens auf ein Gesetz des Europarates oder ein Übereinkommen des Europarates, das aber auch schon 2014 ratifiziert wurde. Also da sehen wir, dass es im Grunde 15 Jahre dauert, um in Deutschland ein Gesetz einzuführen.
Um solche Dinge besser schützen zu können. Was macht das auf? Jill, wir haben in diesem Podcast schon ganz, ganz oft über den Unterschied zwischen Mord und Totschlag gesprochen. Hier hast du Kenan wegen versuchten Mordes angeklagt. Kannst du uns nochmal ganz kurz den Unterschied erklären? Ja, also wegen Totschlags wird bestraft, wer vorsätzlich einen anderen Menschen tötet.
Und zum Mord wird es dann, wenn sogenannte Mordmerkmale hinzutreten, hatten wir ja auch schon des Öfteren, die unterschiedlichen. Da gibt es Mordmerkmale, die sich auf die objektive Tatseite beziehen oder eben auch die subjektiven Tatumstände, also die Motivation des Täters beleuchten. Und wenn eben diese Mordmerkmale hinzutreten, dann wird das als Mord bestraft und das hat dann auch die absolute Strafandrohung der lebenslangen Freiheitsstrafe zur Folge.
Und welche Mordmerkmale hast du hier in diesem konkreten Fall gesehen? Also in diesem Fall habe ich nur ein Mordmerkmal angenommen, nämlich das der sonstigen niedrigen Beweggründe. Und ja, niedrige Beweggründe, sagt man, werden dann angenommen, wenn die Motivation zur Tötung nach der allgemeinzittlichen Anschauung besonders verachtenswert ist und auf zittlich tiefster Stufe steht.
Das ist jetzt sehr juristisch gesprochen. Man kann es aber veranschaulichen, indem man sagt, es zählt jetzt nicht nur die konkrete Tat an sich, sondern man muss auch schauen, was ist im Vorfeld der Tat passiert? Wie ist das Verhältnis zwischen Anlass und Tat? Und dann natürlich ganz maßgeblich, was sind so die handlungsleitenden Motive des Täters?
Jetzt gibt es ja Dinge, die, ich sage jetzt mal, es hört sich komisch an, aber vielleicht noch verständlich sind als Motivation für eine Tötung. Die würden dann da rausfallen. Also beispielsweise kann ja Eifersucht auch verständlich sein. Also wenn wir uns jetzt vorstellen, man erwischt irgendwie seine Frau in Flakanti mit jemandem und dann tötet man die Frau.
Dann ist das immer noch ein Tötungsdelikt und hoch verachtenswert. Aber es würde wahrscheinlich nicht unter dieses Mordmerkmal fallen. Jetzt kann Eifersucht aber schon auch verachtenswert sein, so wie wir hier sehen. Nämlich dann, wenn es eben Ausdruck ist, einer bestimmten Eigensucht des Täters, wenn er sein Gegenüber, also seine Frau, als seinen Besitz ansieht und ihr eben jegliches Lebensrecht abspricht, nur weil sie sich von ihm getrennt hat.
Und genauso war es hier eben im Fall von Kenan und Mira. Das hast du eben schon erwähnt. Sein Frauenbild und sein Besitzanspruch an seine Frau war hier ein ganz, ganz großes Thema. Das wurde im Urteil auch so nochmal festgehalten. Ist so eine Denkweise, so ein Verhalten, ist das was, was ihr häufig im Zusammenhang mit Fällen von häuslicher Gewalt seht?
Also ich glaube, dass Fälle häuslicher Gewalt schon sehr vielschichtig sind. Deswegen würde es mir jetzt schwerfallen, das alles über einen Kamm zu scheren. Aber man muss natürlich sagen, dass wenn der Mann in der Ehe Gewalt gegenüber der Frau ausübt, ist das natürlich immer ein Zeichen dafür, dass es keine Ehe auf Augenhöhe ist, dass er sie dadurch abwertet und meistens eben die Gewalt ja auch passiert, um bestimmte Verhaltensweisen, die ihm unerwünscht sind, dann abzustrafen.
Und das ist natürlich auch immer Ausdruck dessen, dass er denkt, die Frau sei sein Besitz. Also das kommt natürlich schon sehr häufig vor. Kenan hat die Tat abgebrochen, aber nicht wirklich freiwillig, wie das Gericht auch festgestellt hat. Er hat aufgehört, weil er das Risiko einer Festnahme irgendwann erkannt hat.
Was bedeutet das denn rechtlich? Also wenn wir ein versuchtes Delikt haben, müssen wir immer prüfen, ob der Täter strafbefreiend von diesem Versuch zurückgetreten ist. Die Regelung findet sich dazu in §24 Strafgesetzbuch. Und der sagt eben, dass wegen Versuchs nicht bestraft wird, wer die Tat freiwillig aufgibt oder die Vollendung verhindert.
Das ist jetzt sehr kurz, dieser Satz, aber da steht eine sehr, sehr komplexe und umfangreiche juristische Prüfung dahinter. Ich versuche euch das mal zu erklären, wie das so in etwa funktioniert. Also zuerst prüfen wir, ob ein sogenannter fehlgeschlagener Versuch vorliegt. Das ist immer dann der Fall, wenn der Täter denkt, er kann mit den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln den Erfolg nicht mehr herbeiführen, ohne dass er eine neue Handlungs- und Kausalkette in Gang setzt.
Also ein ganz plakatives Beispiel wäre, der Täter steht seinem Opfer gegenüber mit einer Schusswaffe und er schießt auf das Opfer, verfehlt das Opfer, hat aber keine Munition mehr. Das ist ein typischer fehlgeschlagener Versuch. Und da sagt man eben, möchte man dem Täter eben diesen Rücktritt eben nicht ermöglichen.
Und deswegen würde man da schon aus der Prüfung aussteigen und der Täter wäre wegen versuchten Totschlag oder Mordes zu bestrafen. Wenn wir den Prüfungsschritt hinter uns gelassen haben, dann müssen wir schauen, ob wir einen unbeendeten oder beendeten Versuch haben. Und da ist der Unterschied eigentlich recht einfach. Unbeendet ist ein Versuch dann, wenn der Täter glaubt, noch nicht alles Erforderliche getan zu haben, um die Tötung eben oder den Erfolg herbeizuführen.
Und beendet dann, wenn er denkt, dass es eigentlich ohne weitere Handlungsschritte in den Erfolg, also in unserem Fall immer den Tod des Opfers münden wird. Und je nachdem sind eben unterschiedliche Anforderungen an die Rücktrittsbemühungen des Täters zu stellen. Und dann muss das Ganze auch noch freiwillig passieren. Und im Fall von Kenan war genau das das Problem.
Freiwillig ist es eben nur, wenn es aus selbstgesetzten Motiven passiert. Und das war hier ja schlichtweg nicht mehr der Fall, weil er nicht nur das Festnahmerisiko, auch das Entdeckungsrisiko für sich als viel zu hoch eingestuft hat in dem Moment und deswegen dann die Flucht ergriffen hat. Und da soll dem Täter eben diese Möglichkeit des Rücktritts verwehrt bleiben.
Das heißt, bei so einem freiwilligen Rücktritt, wenn der jetzt bei Kenan der Fall gewesen wäre, Dann hätte das Urteil dann anders aussehen können. Ja, genau. Dann wäre eben der versuchte Mord weggefallen und es würde nur noch verbleiben, die Strafbarkeit wegen eines vollendeten Deliktes. Das ist in dem Fall die gefährliche Körperverletzung, weil Mira wurde ja schon durch ihn mit dem Messer verletzt.
Aber da ist natürlich der Unterschied bei der Strafandrohung zu sehen. Wir haben ja bei einem Mord und auch beim versuchten Mord grundsätzlich erstmal eine lebenslange Freiheitsstrafe, wobei dann bei der gefährlichen Körperverletzung der Strafrahmen von sechs Monaten bis zehn Jahren Freiheitsstrafe ist.
Also da sieht man dann doch schon, dass es einen erheblichen Unterschied macht. Und deswegen ist es auch so wichtig, dass man das eben gewissenhaft juristisch prüft. Wir haben jetzt die ganze Zeit hauptsächlich über die Taten gesprochen, die Kenan Mira angetan hat. Wie sieht es denn aus mit den Taten, denen er seiner Tochter gegenüber getan hat?
Das haben wir auch beleuchtet, weil es auch letztlich ein einheitlicher Lebenssachverhalt war. Im Fall der Tochter habe ich von Anfang an nur eine gefährliche Körperverletzung angenommen, weil eigentlich klar war, dass Kenan sie nicht töten wollte. Sprich, ich konnte gar keinen Tötungsvorsatz nachweisen.
Das liegt letztlich daran, weil sein ganzer Fokus lag ja auf Mira. Also er wollte Mira töten und zwar um jeden Preis. Und deswegen hat er eben auch es in Kauf genommen, seine Tochter zu verletzen und die in Mitleidenschaft zu ziehen. Was finde ich nochmal sehr, sehr deutlich gemacht hat, wie unbedingt Kenan das wollte, weil grundsätzlich war es jetzt überhaupt nicht in seinem Fokus, seine Tochter zu verletzen, aber er hat es eben halt in Kauf genommen, um sein höheres Ziel zu erreichen und Mira eben ja tödlich zu verletzen.
Ich stelle mir den Umgang mit so vulnerablen Geschädigten und vor allem auch mit den vier anderen Töchtern, die Gott sei Dank nicht auch noch verletzt wurden, in dem Fall extrem vor, in jeder Hinsicht. Wie habt ihr denn für die Sicherheit von Mira und ihren Töchtern während der Ermittlungen sorgen können?
Das ist erstmal natürlich eine gefahrenabwehrrechtliche Frage, für die die Polizei dann zuständig ist. In dem Verfahren war ich da aber auch eng involviert und habe da immer mit dem Leiter der Mordkommission Rücksprache gehalten, wie da der Stand ist. Und es war so, dass wir Mira und ihre Töchter in einem anderen Frauenhaus unterbringen konnten, was sich eben nicht in Duisburg befindet und auch nicht in der unmittelbaren Nähe von Duisburg.
Und dass dieser Aufenthaltsort wirklich geheim gehalten wurde. Also es wusste nur die Polizei, wo sie sich befinden. Selbst das Gericht hätte keine Möglichkeit gehabt, an Mira selbstständig heranzutreten. Das ist alles über uns gelaufen. Und das hat auch letztlich dazu geführt, was uns auch ganz wichtig war, dass Mira und ihre Töchter halt das Gefühl von Sicherheit hatten in dieser schwierigen Situation. Ja.
Was hat der Fall denn mit dir persönlich so gemacht? Also ich muss sagen, ich habe selten, wenn ich einen Fall vorbereitet habe, hat mich das so emotional angegriffen. Und ich wusste ja, dass alle überlebt haben. Das konntest du zu diesem Zeitpunkt nicht wissen. Was hat das bei dir für Spuren hinterlassen? Ja, ich habe es ja schon gesagt, mir ist der Fall auch immer heute noch sehr präsent, obwohl er jetzt schon viele, viele Jahre her ist und ich auch viele andere Verfahren schon hatte in der Zeit.
Ich muss sagen, dass Mira mich sehr beeindruckt hat. Wir haben, wie gesagt, leider oft Frauen, die es dann nicht bis zum Schluss schaffen, dem ganzen Druck auch standzuhalten und ihre Aussage dann ja letztlich nicht mehr bestätigen oder eben von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch machen. Mira war da ganz anders. Sie war sehr souverän, auch in der Hauptverhandlung, hat sie das alles mit einer wirklich unglaublichen Stärke durchgezogen, gemeinsam mit ihren Töchtern, die ja da auch die Situation hatten, dass sie da ihrem Vater gegenüber saßen, der sich auch dann in der Verhandlung nicht nur nett verhalten hat, sondern auch Beleidigungen ausgestoßen hat gegenüber seinen Töchtern, und das war alles so schwierig, deswegen fand ich es umso bemerkenswerter,
dass sie bis zum Schluss dran geblieben sind und nicht aufgegeben haben. Absolut, kann man nur Hochachtung haben. Alex, diese ganzen Themen, häuslich Gewalt, Kontrolle, Überwachung, das zieht sich hier irgendwie so durch diesen ganzen Fall, aber ein Großteil davon hat ja auch hinter verschlossenen Türen stattgefunden.
Wie schwierig ist es denn journalistisch, so eine Vorgeschichte sichtbar zu machen, weil sie ja auch einen großen Teil des Falles einfach trägt, ohne sie zu vereinfachen? Ja, wir haben oft das Problem, dass wir auch, obwohl wir dann später meistens bei den Prozessen dabei sind, auch trotzdem nicht alles wissen, weil man natürlich auch keinen Einblick in Ermittlungsakten gibt, und auch nur das wissen, was dann wirklich öffentlich in der Verhandlung besprochen wird.
Und ich würde sagen, vereinfachen ist vielleicht das falsche Wort, aber wir müssen schon irgendwie versuchen, das alles zusammenzufassen. Meistens, hoffe ich, gelingt uns das, weil wir ja jetzt nicht die Tortur aus 20 Jahren in einem journalistischen Text abbilden können und wir ja auch nicht jeder einzelnen Sache, die da passiert ist, nachgehen können einfach.
Und wir ja auch den Auftrag haben, dass wir so viele Menschen wie möglich damit informieren müssen. und das geht natürlich schlecht, wenn das seitenweise Texte füllt. Jill hat es gerade schon gesagt, eine entscheidende Person in diesem Fall war auch Sandra, die zweite Frau in diesem Fall, die ebenfalls jahrelang überwacht und kontrolliert wurde von Kenan und die ebenfalls nicht wusste, wie die Situation wirklich war.
Hat sie denn bei euch in der Berichterstattung auch in irgendeiner Form eine Rolle gespielt? Ja, nicht so wirklich viel. Also sie hat ja auch, wie schon gesagt, beim Prozess ausgesagt und ihre Version der Geschichte erzählt, was Kenan mit ihr gemacht hat und wie sie ihn erlebt hat. Aber im Grunde war ja jetzt, also sie war natürlich auch das Opfer, aber von diesem konkreten Verfahren war natürlich erst mal Mira das Opfer.
Deshalb ging es dann auch in der Berichterstattung überwiegend um sie. Ich finde aber, dass die Geschichte von Sandra, das ist ja eben schon mal angeklungen, auch gezeigt hat, wie gestört eigentlich das Frauenbild von Kindern war. Also er hat ja nicht nur eine Frau irgendwie kontrolliert, sondern dann noch eine zweite Frau, während für ihn die Regeln anscheinend nicht zu gelten scheinen, die er selber den Frauen da auferlegt.
Fälle wie dieser, die lösen ja oft eine einigermaßen große gesellschaftliche Debatte aus. Gab es denn bei eurem Publikum, bei den Lesern, bei den Kommentaren, die ihr dazu bekommen habt, gab es da irgendwelche Reaktionen, die dich vielleicht auch überrascht haben? Also grundsätzlich kann man sagen, das, was dazu geschrieben wurde, war jetzt nicht wirklich konstruktiv.
Also wir machen das meistens so und auch andere Medien übrigens auch, dass wir jetzt zumindest auf den Seiten der Rheinischen Post nicht zulassen, dass, bei Kriminalitätsberichterstattung kommentiert werden darf, weil die Erfahrung einfach gezeigt hat, dass da auch keine richtigen Debatten entstehen, sondern man sich eigentlich nur damit beschäftigt, was man jetzt irgendwie dem Täter antun könnte.
Also das ist meistens nicht so ergiebig. Trotzdem, und das sehen wir bei allen Fällen, solcher Art, dass es dann, wenn es Kommentare in den sozialen Medien gibt, die meistens in so eine Richtung gehen, ja, wie kann denn das sein, dass die Frau das 20 Jahre mitmacht? Warum hat die sich denn so einen Mann ausgesucht?
Wieso bleibt die denn bei dem? Und ich habe manchmal das Gefühl, dass die Leute sich das überhaupt nicht vorstellen können. Also wir haben ja so eine Angst in der Gesellschaft, dass man Opfer von einer Straftat werden kann. Weiß ich nicht, dass bei uns zu Hause eingebrochen wird, dass ich in die Fußgängerzone gehe und mir wird meine Tasche geklaut, dass ich irgendwo angegriffen werde auf offener Straße.
Aber was die Leute sich halt nie vorstellen können, und das ist halt meistens leider so, dass die Leute aus der eigenen Familie kommen, aus dem Freundeskreis, aus dem Bekanntenkreis, dass da eben Gewalt passiert. Und ich glaube, dass man dann sehr schnell so ein bisschen das Gefühl dafür verliert, was das eigentlich bedeutet. Also so schlimm wie das ja alles war, werden sich diese beiden Personen ja irgendwann mal ineinander verliebt haben.
Die werden auch trotz all diesem Schrecken irgendwelche schönen Momente gehabt haben und ich glaube, ich fände es manchmal besser, wenn die Leute ein paar Gedanken mehr dazu haben, als gleich irgendwie die Frau dafür verantwortlich zu machen, warum sie nicht weggeht. Genau wie Jill sagt, das verlangt ja auch sehr viel Kraft und Stärke, sich dann aus so einer Situation zu befreien.
Wie findet man denn als Journalist so die Balance zwischen einer, Berichterstattung, einer sachlichen Berichterstattung in so einem Fall und auf der anderen Seite aber auch der Verantwortung, dass man die Betroffenen von häuslicher Gewalt oder anderer Straftaten nicht ein zweites Mal exponieren möchte?
Genau, also meistens, nein nicht meistens, immer versuchen wir die persönlichen Details der Betroffenen wegzulassen. Also wir haben jetzt hier im Podcast auch die Namen der beteiligten Personen verändert. Grundsätzlich nennen wir auch keine Adressen, wo Kinder zur Schule gehen oder, die Personen wohnen, obwohl wir das meistens wissen.
Das ist, glaube ich, ganz wichtig, damit da nicht irgendwelche Trittbrettfahrer plötzlich noch in die Ermittlungen einmischen oder da mal irgendwie vorbeischauen wollen. Ich glaube, ganz häufig, es gibt da unterschiedliche journalistische Ansätze, ist es schon wichtig, dass wir auch Details zu der Gewalt nennen, die da passiert ist.
Jetzt natürlich nicht unbegrenzt. Also wir sagen quasi, es gibt diesen Vorwurf und dann versuchen wir zwei, drei Beispiele dafür zu finden. Weil ich glaube, wenn man einfach nur sagt, naja, da hat eine Frau 20 Jahre Gewalt in der Ehe erlebt, dann kann sich niemand was darunter vorstellen. Das kann dann alles Mögliche sein von Tassen, die an die Wand fliegen und jemand, der mal rumgeschrien hat, bis zu körperlichen Übergriffen mit Waffen.
Und wenn man das nicht benennt, dann schützt man am Ende nur die Täter, weil die sich hinter so Wörtern verstecken können. Und jetzt eine kurze Pause, vielleicht mit etwas Werbung. Wie geht es aus, Jim? Am 4. Mai 2021 fiel das Urteil. Wie lautete das denn? Kinnan wurde wegen versuchten Mordes in Tateinheit mit zwei tateinheitlichen Fällen der gefährlichen Körperverletzung zu elf Jahren Freiheitsstrafe verurteilt.
Wie würdest du das bewerten? Ist das ein mildes Urteil, ist das ein strenges Urteil und deckt sich das mit deiner Anklage? Also vom Schuldspruch her deckt sich das mit dem auch, was ich in meinem Plädoyer beantragt hatte. Ich hatte ein etwas höheres Strafmaß gefordert, aber muss sagen, dass auch elf Jahre absolut Tat und Schuld angemessen sind. Deswegen würde ich sagen, dass es ein richtiges Urteil ist.
Wie hat Kenan dieses Urteil denn aufgenommen? Sagen recht gelassen. Er war ja im Prozess die ganze Zeit da und hat, glaube ich, auch gemerkt, in welche Richtung das geht. Deswegen war es für ihn mit Sicherheit nicht überraschend, dass er verurteilt wird. Auch wenn er natürlich das inhaltlich nicht geteilt hat, hat dann auch Revision eingelegt.
Die wurde aber dann vom BGH verworfen und das Urteil wurde dann rechtskräftig. Waren Mira und ihre Töchter auch bei der Urteilsverkündung dabei? Mira war Nebenklägerin in dem Verfahren und ich habe es so empfunden, dass sie das als große Erleichterung wahrgenommen hat. Zum einen, weil es ja doch schon eine empfindliche Freiheitsstrafe war, die Kenan hier bekommen hat.
Und zum anderen auch, weil das ja auch dem Ganzen irgendwie so ein bisschen ein Ende setzt und für sie zugleich dann aber auch ein Neuanfang sein kann. Und deswegen macht es sie auf mich einen sehr erleichterten Eindruck. Hattest du im Laufe des Prozesses irgendwann so das Gefühl, dass es hier vielleicht nicht nur um diesen, nicht nur in Anführungsstrichen um diesen einen Fall geht, sondern auch etwas viel Grundlegenderes eine Rolle spielt?
Ja, also anschließend vielleicht erst mal daran, dass eben Mira diese große Stärke bewiesen hat und bis zum Schluss weiterhin ihre Aussage getätigt hat, was wir halt, wie schon angeklungen ist, das Öfteren, nicht haben, leider, ohne das bewerten zu wollen. Da möchte ich nochmal das auch betonen, was Alex hier auch schon genannt hat.
Ich glaube, das haben wir auch nicht zu bewerten, weil die Opfer können nur selbst beurteilen, wie schwer es ist, sich aus so einer gewaltvollen Beziehung zu befreien. Und umso schöner war es halt eben zu beobachten, wie Mira das gelöst hat. Zum anderen glaube ich aber auch, dass es hier juristisch richtig und bewertet wurde, was eben auch ganz wichtig ist, dass diese Gewalttaten richtig eingestuft werden, nämlich als Mord bzw.
Versuchter Mord, wie hier das auch passiert ist, indem man eben das Mordmerkmal der niedrigen Beweggründe bejaht am Ende. Und der Fall hat ja auch gezeigt, wenn mehrere Menschen und Institutionen im richtigen Moment handeln, eine Schule, eine Sozialpädagogin, das Frauenhaus, die Passantin im Park, dann kann das wirklich was verändern.
Wie wichtig ist es denn aus deiner Sicht, aus dieser staatsanwaltschaftlichen Sicht, dass genau diese Strukturen funktionieren? Also nicht nur für eine unmittelbare Sicherheit, sondern vielleicht auch, ja, um nachhaltig was zu verändern. Wichtig ist es für uns als Ermittlungsbehörden natürlich in unserem Verfahren, weil all diese Personen, die du genannt hast, sind alles Zeugen für uns.
Und so war es ja auch in der Haftbehandlung, haben wir all diese Personen gehört. Denn für uns ist es ganz wichtig, dass wir eben nicht nur die Tat selbst beleuchten, sondern auch das Vorfeld der Tat und die ganze Leidensgeschichte der Opfer und welche Auswirkungen das auch schon weit vorher, insbesondere psychische Auswirkungen, das für die Opfer hatte.
Und das können wir eben halt nur durch solche Zeugen, die eben Wahrnehmung machen und diese Wahrnehmungen uns auch mitteilen. Und deswegen ist es natürlich auch für uns in unseren Verfahren ganz essentiell, dass diese Personen hinschauen und uns ihre Wahrnehmung dann auch mitteilen und uns damit die Möglichkeit geben, die Tat im Großen und Ganzen zu beleuchten.
Und nicht nur als ein Fragment, was man vielleicht direkt sehen kann. Genau, das ist auch ganz wichtig für das, was ich eben schon gesagt habe, mit den niedrigen Beweggründen. Wenn wir die Vorgeschichte nicht kennen und das alles, dann ist es ganz schwer, dieses Mordmerkmal auszufüllen. Und durch eben diese ganzen Zeugen war uns das hier möglich.
Ich frage dich ja ganz oft am Ende von unseren Podcastaufnahmen, ob du weißt, wie es den Geschädigten heute geht. Selten kannst du mir da eine Antwort drauf geben. Ich bin jetzt aber trotzdem nochmal im Sinne der Sohn Podcast Week ganz optimistisch und hoffnungsvoll und frage dich, weißt du, wie es Mira heute geht?
Ich muss dich wieder enttäuschen, Lilly. Auch diesmal kann ich es dir nicht sagen, aber es hat diesmal, glaube ich, auch einen richtig guten Grund. Es ist natürlich ganz wichtig, dass Mira und ihre Töchter weiterhin an einem Ort sich befinden, der uns allen unbekannt ist. Und deswegen ist natürlich auch irgendwie die Möglichkeit einer Kontaktaufnahme oder Wissen, wie es denen geht, genau das ist alles dann dem geschuldet, dass ich das heute auch mal wieder nicht beantworten kann. Dann bin ich in diesem Fall auch zufrieden damit.
Alex, wie hast du denn das Urteil aufgefasst? War das was, was du erwartet hast? Hat dich was überrascht? Ja, ich habe so in den letzten Jahren die Erfahrung gemacht, dass man da mit Erwartungen irgendwie ein bisschen vorsichtig sein muss. Also ich bin jetzt ja kein Jurist, das heißt, also ich habe da schon alles erlebt, dass ich irgendwie dachte, okay, da wird gleich jemand freigesprochen, dann wird er verurteilt oder dass ich dachte, jetzt kommt ein ganz hartes Urteil und dann kam plötzlich ein Freispruch.
Also ich würde sagen, letztendlich ist es schon angemessen. Man kann natürlich immer darüber diskutieren, ob die Strafen härter sein können, aber in dem Fall würde ich sagen, ist das schon angemessen. Du hast gerade schon über Kommentare und Lesereaktionen gesprochen. Gab es hier welche? Nicht so richtig, was glaube ich aber auch daran lag, dass das Urteil, ich glaube, am 3. oder 4. Mai ergangen ist.
Und das war genau der Tag, an dem 2021, haben wir alle schon wieder vergessen eigentlich, die Lockerungen in der Corona-Pandemie beschlossen wurden. Und da war das Internet voll mit anderen Dingen. Da waren alle Menschen ausnahmsweise mal draußen. Wir haben es gerade schon mit Jill besprochen, dieser Fall ist in ganz, ganz vielerlei Hinsicht sehr düster.
Aber es gibt eben auch diese Momente, die so hoffnungsvoll wirken. Jemand, der hingeschaut hat, die Schule, der Hort, das Frauenhaus, die Parkbesucherin. Was erzählt uns das denn über diese Strukturen, über die ihr ja auch oft berichtet, die ja auch funktionieren können? Also vielleicht ein Wort zu der Parkbesucherin, die dann den Notruf gewählt hat. Also das Thema ist ja hier auch Optimismus.
Und ich glaube, manchmal wird so ein bisschen die Zivilcourage in Deutschland ein bisschen kaputt geredet. Ja, man denkt so, die Leute sind alle total egoistisch, gehen durchs Leben, kümmern sich nur um sich selber. Dann passiert was, dann geht man weiter und interessiert sich nicht dafür. Und zumindest die Erfahrung, die ich jetzt so im Job gemacht habe, ist, dass man eigentlich fast immer Leute hat, die Polizei rufen, die den Notarzt rufen, Leute, die medizinisch ausgebildet sind, die sofort helfen.
Und Leute, die auch, je nachdem, was jetzt genau passiert und sich nicht in Gefahr bringen, aber dazwischen gehen, das findet man eigentlich immer wieder. Also klar, es gibt diese Gegenbeispiele, wo das nicht so ist, aber im Grunde funktioniert das, glaube ich, ganz gut. Und zu den Strukturen vielleicht, würde ich sagen, ist es so in Deutschland wie mit vielen Dingen.
Ich glaube, sie funktionieren, aber sie funktionieren halt schon sehr langsam. Sie sind chronisch unterfinanziert, also was die Betreuungsmöglichkeiten für Frauen und die Frauenhäuser angeht. Und vieles ist auch einfach extrem kompliziert. Also verschiedene Anträge zu stellen, ist jetzt auch nicht so leicht.
Das heißt, es ist schon einiges da, aber es gibt auch immer Potenzial zur Verbesserung. Ja, auf jeden Fall. Mira und ihre Töchter haben vor Gericht ausgesagt gegen den Ehemann bzw. Den Vater und das ist wirklich keine Selbstverständlichkeit. Was würdest du denn sagen, was kann man aus diesem Fall vielleicht lernen, was Frauen und Kinder auch bestärken kann, damit sie so einen Schritt wagen?
Also ich glaube, Frauen und auch Kinder in dem Fall brauchen schon das Vertrauen, dass wenn sie Dinge erzählen, die passiert sind, dass dann auch irgendwas passiert. Und ich glaube, da geht es jetzt gar nicht mal unbedingt um die Polizei oder um die Beratungsstellen. Also ich meine, wir können die alle hochrüsten und da unendlich viel Geld reinstecken. Aber im Grunde helfen die ja erst, wenn schon was passiert ist.
Die Polizei kommt ja, wenn schon der Übergriff stattgefunden hat in der Regel. Und so ein bisschen, glaube ich, müssen wir das als Gesellschaft auch ein Stück weit selber lösen. Also da kann sich ja jeder mal fragen. Wir kennen alle vielleicht Menschen im Bekanntenkreis, wo natürlich jetzt keine Gewalt unbedingt in der Beziehung von diesen Menschen ist, aber wo vielleicht Dinge einfach seltsam sind, wo man sich dann mit Freunden austauscht.
Ja, keine Ahnung, was ist denn da los? Die Frau hat irgendwie gar keinen Zugriff auf das Geld. Sie muss irgendwie immer fragen. Der Mann hat ihren Standort die ganze Zeit. und ich glaube, man muss viel häufiger sich in Dinge einmischen und Dinge ansprechen und nicht immer denken, ach, das geht mich alles nichts an. Absolut.
Dieser Fall zeigt auch, es gibt einen Ausweg aus häuslicher Gewalt, auch wenn der wahnsinnig schwer ist. Sollte auch nur eine Person diesen Podcast hören, die betroffen ist oder die jemanden kennt, der betroffen ist, wohin kann man sich wenden? Also ich habe jetzt mal drei Optionen mitgebracht. Die eine ist das Hilfetelefon, Gewalt gegen Frauen, erreicht man unter 116016.
Das ist eine kostenlose und anonyme Hotline. Die Anonymes ist vielleicht sehr wichtig, weil man kann da einfach anrufen und seine Geschichte erzählen. Es passiert jetzt nicht direkt irgendwas, es gibt keine Anzeige bei der Polizei, es wird nichts eingeleitet. Man kann sich da einfach Beratung holen. Das Zweite ist, das wusste ich vor dem Podcast auch nicht, es gibt eine Frauenhaussuche über die Frauenhauskoordinierung. Da kann man in Deutschland je nach Wohnort direkt sehen, welches Frauenhaus in der Nähe frei ist und noch Plätze hat.
Ich habe jetzt mal vor der Aufnahme nachgeschaut. Also wenn man die Postleitzahl von Düsseldorf eingibt, dann sieht es ein bisschen eng aus hier in der Umgebung. Also dann müsste man schon ein bisschen nach Bochum und weiterfahren. Und natürlich, wenn wirklich die Gefahr komplett akut im Verzug ist, sollte man auf jeden Fall den Notruf wählen. Danke dir.
Dann danke ich euch beiden, wie immer, für die Einblicke in diesen Fall, der hier noch mehr als sonst wirklich mehr ist als die Geschichte über eine einzelne Tat. Es ist, glaube ich, eine Geschichte über das, was über viele Jahre hinweg unsichtbar bleiben kann und es ist aber auch eine Geschichte darüber, dass Auswege eben doch existieren Und dass Institutionen eingreifen können und dass Fremde im richtigen Moment handeln, und dass Mira und ihre Töchter heute frei sind.
Ich danke Ihnen hier im Raum, an die Zuhörerinnen und Zuhörer für die Aufmerksamkeit. Herzlichen Dank an Suhn und Thomas Kötter, dass wir Teil dieser Podcast Week sein dürften. Danke an unsere Sponsoren und an alle, die hier sind und die uns zu Hause hören. Mir hat es richtig gut gefallen, hinreichend verdächtig, endlich mal wieder nach draußen und vor das Publikum zu bringen.
Und ich hoffe, Sie hätten auch ganz viel Spaß und bleiben uns als Hörerinnen und als Hörer treu. Und an alle zu Hause, wenn ihr Gedanken habt zu dem Fall, wenn ihr Lob habt, Kritik, dann teilt sie gerne mit uns an podcasts at rheinische-post.de oder in den Kommentaren bei der Podcast-App eures Vertrauens.
Ich bin die Lieschegner und ich freue mich, wenn ihr beim nächsten Mal auch wieder dabei seid, wenn wir neue Fälle aufklären. Bis dahin, vielen Dank.