Im Krisenmodus· Folge 79

Frauen in Syrien nach dem Sturz von Assad

Mittwoch, 19. März 2025 · 26 min

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Shownotes

Jinwar – ein Dorf nur für Frauen im Norden Syriens. Es steht für Gleichberechtigung, für Unabhängigkeit – und für den Versuch, dem patriarchalen System zu entkommen. Doch nach dem Sturz von Bashar al-Assad wächst die Sorge: Die neuen Machthaber in Damaskus kommen aus islamistischen Kreisen. Wird alles, was sich die Frauen aufgebaut haben, jetzt wieder zerstört?
In dieser Folge von „Im Krisenmodus“ spricht FUNKE-Reporter Jan Jessen (nrz.de/autoren/jan-jessen) mit Bewohnerinnen von Jinwar über Angst, Mut – und eine ungewisse Zukunft.

🧭 Kapitelübersicht:
Kapitel 1: Ein Land im Umbruch – Assads Sturz und die Folgen
Was bedeutet der Machtwechsel für Frauen in Syrien?
Kapitel 2: Jinwar – Ein Dorf nur für Frauen
Die Geschichte und Bedeutung des Projekts in Nordostsyrien.
Kapitel 3: Bedrohte Errungenschaften – Angst vor den neuen Machthabern
Yasmin und Shireen Ahmad berichten, wie sich ihr Alltag verändert.
Kapitel 4: Kämpfen oder Aufgeben – Wie geht es weiter?
Jans Beobachtungen – und was Jinwar für Syriens Zukunft bedeutet.

Hört euch auch diese Folgen an:
🎧 Syrien im Umbruch – Jubel, Hoffnung und neue Gefahren (morgenpost.de/podcast/article407869305/syrien-…)
🎧 Syrien nach Assad – Was Saidnayas Folterknast enthüllt (morgenpost.de/podcast/article407956799/syrien-…)
(Klickt auf die Links oder sucht nach diesen Episoden in eurer Podcast-App.) (nrz.de/podcast/article407869305/syrien-im-umbr…)

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„Im Krisenmodus“ ist ein Podcast der FUNKE Mediengruppe.

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Vor drei Monaten ist Bashar al-Assad gestürzt, der syrische Langzeitdiktator. Vor drei Monaten, als ich im Land war, habe ich sehr viel Euphorie verspürt. Da war eine Aufbruchsstimmung gemischt mit so ein bisschen Unsicherheit, gerade bei Minderheiten. Und jetzt war ich wieder da und habe gemerkt, dass diese Euphorie gewichen ist und die Unsicherheit größer geworden ist.

Das gilt auch für die Frauen in Syrien, denn für sie bedeutet der Sturz von Assad nicht unbedingt Freiheit. Denn in Syrien herrschen jetzt Islamisten und deswegen wächst in Jinwar, einem einzigartigen Dorf nur für Frauen, die Angst. Die Frauen haben Angst, ob ihre Rechte beschnitten werden, ob die Errungenschaften, die sie in den letzten Jahren erlangen konnten, was das Thema Frauenbefreiung angeht, ob die beibehalten werden können.

Darüber habe ich mit diesen Frauen gesprochen und in dieser Folge von Im Krisenmotus stelle ich euch diese Frauen von Jinwar vor, die für ihre Unabhängigkeit kämpfen und die nicht aufgeben wollen. Wir als syrische Frauen, nicht nur die Frauen aus einem bestimmten Ort, egal ob sie nun Christinnen, Armenierinnen oder Jesidinnen sind, wir müssen uns zusammenschließen und unsere Forderungen vereinen, um diesem Regime die Stirn zu bieten.

Denn ab jetzt müssen wir selbst eine Lösung für diese Situation finden, ohne auf jemand anderen zu warten. Und ich habe die Möglichkeit, dass ich das Gefühl habe. Ich habe keine Ahnung. Music. Im Krisenmodus, der Podcast aus Krisen- und Kriegsgebieten aller Welt. Mit Journalist Jan Jessen. Hallo und willkommen zu einer neuen Folge von Im Krisenmodus.

Ich bin Jan Jessen, Krisen- und Kriegsreporter bei der Funke Mediengruppe. Meine Berichte lest er unter anderem in der NRZ, im Hamburger Abendblatt oder in der Berliner Morgenpost, auch in anderen Titeln unseres Verlages und natürlich auch auf unseren Portalen. Heute nehme ich euch mit nach Djinn-Wad. Das ist ein Dorf im Norden Syriens.

Hier leben nur Frauen. Ein Modellprojekt für eine Gesellschaft, in der Frauen unabhängig sein wollen. Syrische Gesellschaft ist eine sehr patriarchale eigentlich wie so viele Gesellschaften im Nahen Osten. Und es gab in den vergangenen Jahren die Versuche, gerade im Norden Syriens, Frauen gleichberechtigter zu machen.

Und auch von Frauen natürlich gleichberechtigter zu werden. Doch seit dem Sturz von Assad wächst die Sorge, werden diese Errungenschaften zurückgedreht. Cinvar liegt in einer kargen Landschaft nahe der türkischen Grenze. Das ist so ein wirklich kleines Dorf, 30 kleine Häuser in traditioneller Lehmbauweise, eine Schule, eine Bäckerei, eine kleine Krankenstation.

Ich habe Cinvar schon mal besucht, das war im Jahr 2018. Da war ich das erste Mal da und war schon sehr begeistert, muss ich sagen. Das ist also so ein Vorzeigeprojekt in dieser Region. Dazu muss man wissen, dass sich als der syrische Bürgerkrieg begann im Jahr 2011, dass im Norden Syriens sich insbesondere die Kurdinnen und Kurden so ein bisschen freigeschaufelt haben.

Die haben sich eigentlich aus den Auseinandersetzungen mit dem Assad-Regime ziemlich rausgehalten und im Grunde genommen so eine Art Stillhalteabkommen gehabt. Mit dem Regime und haben sich also so einen Autonomiestatus quasi erarbeitet, haben dann viele, viele Jahre, darauf kommen wir gleich noch, mit dem IS zu tun gehabt, haben mit dem sogenannten Islamischen Staat, also heftig gegen den IS gekämpft.

Aber wie gesagt, haben in der Zeit dann eben diese Selbstverwaltungsstrukturen auf- und ausgebaut. Und ein wichtiger Bestandteil der Ideologie, die diese Leute haben, die dieses Projekt umgesetzt haben, ist eben die Befreiung der Frau. Und Jinwar, wie gesagt, ist so ein Vorzeigeprojekt. Also hier leben Frauen, die beispielsweise gewalttätigen Männern entkommen sind, die ihre Männer verloren haben in Kämpfen oder anderen, durch andere Geschichten.

Und die sich einfach scheiden lassen von ihren Ehemännern. Und die sich jetzt selbst verwalten, die eben ein anderes Leben führen wollen, als das, was für Frauen in so einer patriarchalen Gesellschaft üblich ist. Ich habe da unter anderem Shirin Ahmad getroffen. Sie ist Lehrerin, 54 Jahre alt und die Sprecherin der Dorfgemeinschaft.

Sie hat mir erzählt, dass sie aus Kamishloh kommt. Kamishloh ist eine Stadt, die ungefähr so eine Stunde weiter östlich liegt und hat sich dann eben vor sieben Monaten entschieden, nach Jinwar zu kommen, um da mit den anderen Frauen zusammenzuleben. Was spannend ist, also auch das Thema Bildung eine große, große Rolle spielt bei dem, was da in Nordostsyrien und dem Norden Syriens passiert.

In Genua gibt es beispielsweise auch eine Frauenakademie und in dieser Frauenakademie sind Frauen über die emanzipatorischen Bewegungen der vergangenen Jahrzehnte und Jahrhunderte unterrichtet worden. Leider ist diese Akademie mittlerweile nach einem Erdbeben einschlussgefährdet. Ihr erinnert euch, vor zwei Jahren gab es ja dieses Riesen-Erdbeben, das hat auch die Region betroffen und deswegen kann er eben nicht mehr unterrichtet werden.

Aber irgendwie war das für mich auch, als ich das gesehen habe und mir Shirin dann eben davon erzählt hat, dass diese Frauenakademie nicht mehr benutzbar ist, war das eben auch so ein Symbol für mich, für die Unsicherheit, die gerade in diesem Dorf herrscht. Natürlich erwarten wir, dass wir unsere Rolle im neuen Parlament oder in der neuen Regierung, die wir jetzt in Damaskus haben, einnehmen werden.

Und weil wir Frauen uns verbessert und weiterentwickelt haben, haben wir hier unsere Rolle. Wir wollen nicht in die Vergangenheit zurückfallen. Wir Frauen haben bereits unsere Rechte, wir haben ein neues Leben. Wir haben in diesem Gebiet mit unserem neuen Leben gelebt. Deshalb wollen wir es fortsetzen und nicht in die Zeit zurückkehren, bevor wir unsere Rechte hatten.

Sie hofft darauf, aber sie ist auch ziemlich skeptisch. Wir hoffen, dass wir diese Rechte für Frauen und Minderheiten ebenfalls erhalten können. Aber bis jetzt wissen wir nicht, ob es passieren wird oder nicht, weil das System noch unklar ist. Wir wissen nicht, was in den nächsten Tagen geschehen wird, ob sie zustimmen oder nicht.

Also haben wir diese Hoffnung, aber wir wissen nicht, ob sie sich erfüllen wird oder nicht. Nach dem Sturz von Assad wurde eine neue Übergangsregierung eingesetzt. Da muss man jetzt vielleicht noch ein bisschen in die Tiefe gehen. Diejenigen, die Assad gestürzt haben, das sind Islamisten von der Gruppierung, die sich Hayatari al-Sham nennt.

Hayatari al-Sham hieß früher mal Al-Nusra Front und war mit der Al-Qaida verbündet, also dieser islamistischen Terrororganisation, die unter anderem für den 11. September in den USA verantwortlich ist. Und, naja, die Islamisten, das wisst ihr, haben jetzt nicht unbedingt ein progressives Frauenbild, heißt, Frauen sind zweitrangig, drittrangig, viertrangig, wie auch immer.

Und in dieser Übergangsregierung, das war das Erste, was Leute sehr, sehr skeptisch gemacht hat, da gibt es eben keine Frauen. Also zumindest in den wichtigsten Ministerämtern. Es sind Frauen eingesetzt worden, eine als Zentralbankchefin, eine als Gouverneurin einer Provinz. Aber ansonsten sind alle Ministerposten besetzt von Männern, von Männern aus Idlib, von Männern, die dieser Heaterialscham angehören.

Und deswegen, wie gesagt, ist auch in Jinwar natürlich das Misstrauen sehr, sehr groß, was die Zukunft angeht. Und eine, die misstrauisch ist, ist Yasmin, die ist 32 und sie ist aus Afrin geflohen. Afrin ist eine Region im Nordwesten der Syriens und Afrin ist 2018 von den Türken und mit der Türkei verbündeten islamistischen Milizen überfallen worden.

Mittlerweile oder seitdem ihn besetzt. Und Jasmin ist dann eben erst nach Aleppo gegangen, um dann später von Aleppo nach Jinba zu kommen. Jetzt lebt sie also in Jinba mit ihrer 13-jährigen Tochter. Ich habe alle, alle, alle, alle, alle, alle, alle. Es ist ein neues, besseres Regime und es wird vieles zum Besseren wenden.

Aber wir wissen, dass das alles nur oberflächlich ist. Denn wir wissen, wer sie sind und was ihre Ziele sind. Sie wollen die Existenz der Frauen beenden. Sie wollen einen islamischen Staat errichten, aber sie sagen es nicht offen. Einen islamischen Staat im Namen der Religion, im Namen des Islam, womit sie den Islam selbst verfälschen.

Aber was für sie wichtig ist, ist, dass die Frauen keine Rolle spielen. Leider ist das syrische Volk von seinem Regime überzeugt und damit zufrieden. Aber sie wissen nicht, wer sie sind. Denn wir sind diejenigen, die diese Wahrheit kennen. Wir kennen ihre Ziele. Deshalb werden wir dieses Regime nicht akzeptieren, weil wir wissen, was es ist.

Das ist der Übergangspräsident, auch jemand von Ayatawiy Al-Cham natürlich, ein Mensch, der bis vor kurzem noch auf den Terroristen in den Internationalen stand, ein Kopffeld von 10 Millionen auf ihn ausgesetzt. Der sagt immer, dass man eine inklusive Gesellschaft haben wolle, in der alle ihren Platz finden, also Frauen und Männer gleichberechtigt, aber auf der anderen Seite eben auch die ganzen Minderheiten, die es gibt, die Kurdinnen und Kurden, Drusinnen und Drusen, Alawitinnen und Alawiten, Christinnen und Christen und so weiter und so fort, dass all diejenigen im neuen Syrien einen Platz finden werden.

Jasmin allerdings glaubt, das ist fake, das ist ein Feigenblatt. Sie sprechen also auf der einen Seite sehr freundlich und offen, aber tatsächlich verfolgen sie eine ganz andere Agenda. Das ist übrigens was, was eben auch nicht nur Frauen wie Jasmin mir gesagt haben, dass sie eben dieses Gefühl haben, sondern auch die Vertreterinnen und Vertreter von Minderheiten, von ethnischen und religiösen Minderheiten in Syrien, als ich jetzt das letzte Mal in dem Land unterwegs war.

Shire Nachmat hat mir dann erzählt, dass das Leben in Jinwa ganz anders ist als in den traditionellen Dörfern Syriens. Natürlich ist das Leben hier ein anderes als das, das ich vor meiner Ankunft gelebt habe. Ich habe mir vorgestellt, wie ich hier leben werde, dass ich unter Frauen sein werde, mich wohlfühlen werde, besonders weil das Leben im Dorf anders ist als in der Stadt. Aber was ich hier gesehen habe, hat meine Erwartungen sogar übertroffen.

Denn alle Mütter hier sind wie eine Einheit, wie eine Hand. Alle arbeiten füreinander und einer arbeitet für alle. So sind wir hier wie eine Familie geworden. Auch das Unterrichten der Kinder ist interessant. Ich habe direkten Kontakt zu den Müttern, wenn sie Probleme oder Anliegen bezüglich der Schüler haben.

Nicht so wie in der Stadt. Ich fühle mich hier sehr wohl und bin glücklich, hier zu sein. Gleichzeitig bin ich neugierig, wie mein Leben in der Zukunft aussehen wird, falls ich länger bleibe. Das ist mein Gefühl über das Leben hier in diesem Dorf. Wir haben uns die Menschen in der Nähe der Welt. Ich sage, dass es nicht so gut ist. Ich sage, dass es nicht so gut ist.

Es ist wichtig, dass es nicht so gut ist. Wir haben hier eine große Herausforderung. Wie nimmt Stegastrozen besser geeignet? Ja, wie gesagt, die Frauen verwalten sich selbst. Die Frauen machen die Feldarbeit. Da werden also Oliven angebaut, da werden Granatäpfel angebaut, wird viel Gemüse angebaut in diesem Dorf.

Die haben einen Traktor, die haben eine Schafzucht, die haben eine Hühnerzucht. Und das gestalten sie alles selber. Sie haben auch eine kleine Krankenstation, wo dann mit Heilkräutern viel gearbeitet wird. Also die Landwirtschaft ist auch ökologisch wertvoll. Also da wird dann eben darauf geachtet, dass keine Pestizide, Düngemittel oder sonst was eingesetzt werden. Also es ist, wie gesagt, so ein Vorzeuge-Dorf.

Und wie gesagt, das Leben da ist eben komplett anders als in den normalen Städten. Und das ist eben, wie gesagt, was diese Selbstverwaltung versucht hat, nach vorne zu treiben. Die Emanzipation von Frauen und die Gleichberechtigung von Frauen. Auch dieses Beispiel mit der Akademie, von der ich vorhin erzählt habe, das gibt es auch in anderen Städten. Ich war beispielsweise mal vor Jahren auch in Manbij.

Das war eine Stadt, die lange vom sogenannten Islamischen Staat besetzt war. Und diese Akademie war bis zur Befreiung von Manbij durch diese kurdisch nominierten demokratischen Streitkräfte Syriens, das ist der militärische Amir-Selbstverwaltung, war diese Akademie, dieses Haus, ein Haus, in dem ein IS-Emir lebte, in dem Frauen gefoltert wurden, als Sexsklarbinnen missbraucht wurden und gehandelt wurden.

Und genau in diesem Haus haben die damals eben diese Frauenakademie eingerichtet. Das fand ich eben auch spannend, symbolisch. Und wie gesagt, diese Frauenbildung, Frauenemanzipation ist eben ein Riesending in der Region. Aber während wir so sprechen, als ich mit Shirin gesprochen habe, ist eben auch klar geworden, die Angst wächst.

Und wir sind eben durchs Dorf gegangen und da spielten dann auch im Hintergrund Kinder und das Lachen mischte sich mit in das Gespräch. Wie geht es? Insgesamt muss man sagen, hat sich Jin-Bah deutlich verändert. Wie gesagt, ich habe ja vorhin schon gesagt, im Prinzip ist das so ein Vorzeigeprojekt. Da ist dann teilweise auch, glaube ich, so ein bisschen Show dabei.

Also wenn ich sehe, dass so die ganzen schweren Bauarbeiten eben von Männern dann gemacht werden. Also als ich jetzt da war, wurde gerade irgendwie hier eine Hütte saniert und die ganzen Verputzungsarbeiten und so weiter. Das wird alles von Männern gemacht, die allerdings nicht in dem Dorf übernachten dürfen. Die sind dann eben nur zum Arbeiten da.

Und es ist auch viel, wie gesagt, ich war 2018 da und seitdem ist auch viel den Bach runtergegangen, also nicht nur die Akademie, die jetzt kaputt ist und nicht mehr benutzt werden darf oder kann, sondern die große Gemeinschaftsküche, die wird gar nicht mehr gemeinsam benutzt und das machen die Frauen jetzt selber.

Manche der Häuser stehen leer und der alte Traktor, mit dem sie da über die Felder eigentlich normalerweise fahren, der funktioniert in dem Moment, als wir da waren, auch nicht richtig. Also man merkt, da ist so ein bisschen der Wurm drin. Das hängt eben aber auch mit den Veränderungen zusammen, die gerade passieren.

Glaube ich, insgesamt sind die revolutionären Ansprüche, die es da gab, also als nach 2011 in der Region diese Selbstverwaltungsstrukturen eingeführt worden sind, da war dieser Norden Syriens, den viele auch unter Rojava kennen, war so ein Sehnsuchtsort im Grunde genommen, auch gerade für die europäische Linke.

Da hat man gedacht, da wird also ein neues Gesellschaftsmodell installiert, einzigartig, nicht nur für die Region Nahe Osten, sondern im Grunde genommen weltweit. Und das war so ein Vorzeigeding, also was da passiert. Da wurden also sehr viele Hoffnungen rein fantasiert dann auch. Und am Ende muss man sagen, ist die Realität on the ground dann ganz oft eine andere Situation.

Es braucht also schon dann irgendwie sehr viel Pragmatismus, wenn man da vor Ort ist, man muss viele Abstriche von so diesem revolutionären Gedankengut machen, weil viele Leute das schlicht und ergreifend auch gar nicht wollen und man hat irgendwie auch super traditionelle Strukturen, die man aufbrechen will, aber das geht natürlich auch nicht im Hauruck-Verfahren.

Ich habe mal mit einem dieser Revolutionär gesprochen, als wir durch Mandic liefen und da waren eben ganz viele Frauen super krass verschleiert, also in diesen schwarzen Gewändern, die Augen teilweise auch, sogar die Augen dann irgendwie verschleiert. Und ich habe dann gefragt, naja gut, aber ihr habt ja doch noch einiges zu tun.

Ja, sagt er, wir können eben nicht sein wie der islamische Staat, der die Frauen unter den Schleier gezwungen hat, und den Frauen, also das Gegenteil jetzt machen und den Frauen sozusagen den Schleier entreißen, auch denen, die den tragen wollen. Und das ist eine Frage von Generationen, aber dafür braucht man eben langen Atem und dafür braucht man Bildung.

Und das ist eben das, was sie eigentlich probiert haben in den vergangenen Jahren, die Gesellschaft sozusagen peu à peu progressiver zu machen, die alten Rollenmuster auch zu brechen und den Frauen eben auch dieses Selbstbewusstsein mit auf den Weg zu geben, zu sagen, ja, wir sind eben gleichberechtigt und wir sind genauso wertvoll wie die Männer.

Aber wie gesagt, das ist, glaube ich, noch ein sehr, sehr weiter Weg. Und jetzt, wie gesagt, sind in Syrien Islamisten an der Macht. Also diejenigen im Grunde genommen, die ähnlich wie der IS, Ein Frauenbild ähnlich wie der IS haben, also Frauen gehören an den Herd, Frauen gehören unter den Schleiern und so weiter und so fort.

Das macht das Ganze natürlich nicht einfacher und dennoch geben die Frauen von Jinba nicht auf. Zainab Suleiman, die war eine der ersten Bewohnerinnen des Dorfes, als das aufgebaut worden ist vor sieben, acht Jahren. Und sie arbeitet in einer kleinen Apotheke, ich habe ja vorhin schon gesagt, Krankenstationen.

Da haben sie auch so einen kleinen Kreißsaal, sind bislang drei Kinder drin geboren worden. Und da wird viel mit Keilkräutern gearbeitet. Das hat also ganz herrlich gerochen, als wir da drin waren, nach diversen Kräutern, Samen und so weiter. Und sie hat es mir auch alle ganz gezeigt und mir erklärt, wofür alles ist.

Und sie hat gesagt, wir haben gekämpft und gearbeitet, um das zu erreichen, was wir erreicht haben. Und das werden wir auch nicht aufgeben. Als ich dann so nach ein paar Stunden, die ich in Jinba war, ich finde es halt immer toll, in diesem Dorf zu sein, weil es so schön ruhig ist. Das ist mitten auf dem Land, umgeben von diesen Riesenfeldern.

Und das ist einfach schön da. Und die Luft ist so rein und es ist alles auch entspannt irgendwie. Also ich bin, wie gesagt, in Jinba immer sehr, sehr gerne. Bin aber diesmal mit sehr gemischten Gefühlen rausgegangen. Denn die große Frage ist natürlich, wie geht es weiter? Und ich war extra in Genwar sozusagen Pass pro Toto, weil ich von Genwar so ein bisschen auch die aktuellen Geschehnisse aufarbeiten oder auffächern wollte.

Also was gibt es da für Ängste gerade in Syrien? Und ich kann nur sagen, es sind sehr, sehr viele Ängste. Es ist sehr viel Unsicherheit. Und auf der einen Seite gibt es eben diese neue Islamistenregierung oder von Islamisten geprägte Regierung in Syrien. Sie versucht, ihre Macht zu festigen. Auf der anderen Seite, und das ist eben auch was, was die Frauen in Jinbar natürlich ganz besonders beunruhigt hat und betroffen hat.

Versucht die Türkei gerade wieder gemeinsam mit islamistischen Verbündeten der sogenannten syrischen Nationalen Armee, SNA, versuchen die noch mehr kurdisch kontrollierte Gebiete unter Kontrolle zu bringen. Ein kleiner Exkurs zum Hintergrund. Diejenigen, die in Norden Syriens da Sagen haben, also vor allem kurdisch-doklinierte Kräfte, die syrischen Streitkräfte Syriens, die gelten der Türkei als Terroristen, weil sie ideologisch der PKK nahestehen.

Also der kurdischen Arbeiterpartei, der PKK, von der habt ihr bestimmt schon gehört. Das ist eben eine Organisation, die auch in Deutschland als Terrororganisation gilt. Auf der anderen Seite waren diese demokratischen Streitkräfte Syriens der engst und beste Partner des Westens im Kampf gegen den IS.

Es sind zigtausende Kurdinnen und Kurden gestorben im Kampf gegen den IS. Wir sind unterstützt worden von der Anti-IS-Koalition um die Amerikaner. Das heißt, die Amerikaner haben den Kurden da Luftunterstützung geliefert und wie gesagt, ohne die Kurdinnen und Kurden wären die IS mit Sicherheit territorial nicht besiegt worden.

Und das gehört eben auch so weiter zu. Also der NATO-Partner Türkei greift unentwegt die Partner der NATO an oder von NATO-Staaten. Das ist auch wieder so eine Geschichte, die einfach merkwürdig und obskur ist, bizarr ist auch ein Stück weit und sicherlich auch ungerecht. Dass niemand der Türkei da in die Hände fällt, denn im Grunde genommen wird da eben, wie gesagt, ein Projekt zerschlagen, was in der Region seinesgleichen sucht, also so viel Säkularität und Progressivität wie im Norden Süden, das gibt es eben sonst im Nahen Osten nicht.

Und insofern ist das schon tragisch, dass diese Selbstverwaltungsstrukturen jetzt aktuell wieder so unter so großem Struck stehen. Zurzeit greifen die Türken einige hundert Kilometer westlich von Genwar an, von diesem Dorf, das wir heute zusammen besucht haben. Da gibt es heftige Fechte an einem Staudamm am Euphrat und die Türken versuchen da eben durchzubrechen und eine Stadt namens Kobani einzunehmen.

Darüber werden wir uns sicherlich in einer der nächsten Folgen nochmal unterhalten. Und insgesamt, habe ich ja auch eingangs gesagt, ist die Euphorie, die ich im Dezember verspürt habe, als ich da war. Da haben wir ja auch zwei, drei Folgen produziert, die packen wir euch in die Shownotes. Diese Euphorie, die ich da gespürt habe, die ist eben nicht mehr so zu spüren.

Also die Leute werden geplagt von wirtschaftlichen Sorgen, die Brotpreise sind explodiert, das Brot ist jetzt 20 mehr teurer als vor dem Schluss von Assad. Die Staatsbediensteten bekommen seit Dezember kein Geld mehr, sind 200.000 Staatsbedienstete entlassen worden. Auch Leute, die in der Privatwirtschaft arbeiten, dürfen maximal 30 Dollar pro Monat von den Banken abholen.

Das heißt, es ist eine wirtschaftliche Notlage. Dann gibt es immer wieder massive Auseinandersetzungen. Möglicherweise habt ihr das mitbekommen, eine gute Woche vor der Aufnahme dieses Podcasts gab es einen Massaker an den Alawitner Minderheit, die an der Küste lebt, an der Mittelmeerküste im Westen des Landes.

Den mehreren Hundert, vielleicht sogar Tausenden von Toten, also islamistische Truppen, die Truppen, die mit der Türkei verbundet sind, eben einen Massaker begangen haben, nachdem alawitische Ex-Soldate einen Aufstand geprobt hatten gegen das Regime. Es gibt mittlerweile christliche Bürgerwehren, drusische Bürgerwehren.

Die Israelis attackieren immer wieder den Süden des Landes, oben im Norden, wie gesagt, die Türkei. Der Iran versucht, Unruhe zu stiften in Syrien, nachdem er da eben sehr viel Einfluss verloren hat, aber versucht irgendwie, den Einfluss wieder zu restaurieren. Und also das sind alles Dinge, die jetzt erstmal nicht wirklich positiv wirken, muss man sagen.

Und Syrien, dann schlage ich mal einen Bogen zu den ganzen Diskussionen hier in Deutschland, sicherlich nicht zu einem sicheren Herkunftsland machen. Im Gegenteil. Also die Situation scheint mir jetzt gerade aktuell sehr, sehr schwierig zu sein und auch sehr fragil zu sein. Ja, und diese Übergangsregierung spielt eben auch ein Spiel, wo man eben auch nicht ganz sicher ist, wo geht es hin.

Also auf der einen Seite gab es kürzlich ein Abkommen zwischen den demokratischen Streitkappen Syriens und dem Übergangspräsidenten der Herr Yatteria Ascham. Wonach es einen sofortigen Waffenstillstand gibt in Syrien, in allen Territorien Syriens. Und auf der anderen Seite die Kurden als Minderheit anerkannt werden, also auch entsprechende Rechte zugestanden bekommen.

Und auf der anderen Seite ist jetzt eben eine Übergangsverfassung verabschiedet worden, wenige Tage nach diesem Abkommen, in der es heißt, Grundlage des Rechts in Syrien, ist jetzt erstmal zumindest für die nächsten Jahre, ist der Islam, also die islamische Rechtsprechung, die Scharia. Und der Name ist auch beibehalten worden, der alte Name Syriens, Syrische Arabische Republik.

Das heißt, auch da hat man wieder so ein bisschen den Eindruck, die Minderheiten finden sich da eben nicht wieder in dieser Übergangsregierung. Und ja, kein Wunder, wenige Tage nach Verkündung dieser einzelnen Punkte der neuen Verfassung gab es dann in Kamischloh, jener Stadt, aus der auch Schieren stammt, die Lehrerin ausführen war, gab es dann eine große Demonstration von Frauen, die sich dagegen ausgesprochen haben und gesagt haben, das ist nicht das, was wir uns in einem neuen Syrien vorstellen.

Das war's für diese Folge im Krisenmodus. Den Podcast hat Alexander Baumeister produziert. Er ist auch Journalist beim Radio der Funke Mediengruppe. Ihr findet unseren Podcast überall, wo es Podcasts gibt. Erfolgt uns auf den gängigen Plattformen. Empfehlt uns gerne weiter euren Freundinnen und Freunden.

Ihr könnt mir auch, wenn ihr Anregungen habt oder Kritik oder was auch immer, auf Facebook schreiben, dann findet ihr mich einfach unter meinem Namen, Jan Jessen. Und ich würde mich über Resonanz freuen. Ich danke euch fürs Zuhören, wünsche euch alles Liebe. Jin, Jian, Asali. Bye, bye. Im Krisenmodus, der Podcast aus Krisen- und Kriegsgebieten aller Welt.

Mit Journalist Jan Jessen. Music.

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