Im Krisenmodus· Folge 81

Kobane: Die Stadt, die nicht fällt

Mittwoch, 2. April 2025 · 27 min

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Shownotes

Kobane war einst das Symbol des Widerstands gegen den IS – jetzt steht die Stadt erneut unter Beschuss. Türkische Drohnenangriffe und islamistische Milizen bedrohen die Region. In dieser Folge von „Im Krisenmodus“ berichtet FUNKE-Reporter Jan Jessen (nrz.de/autoren/jan-jessen) direkt aus dem umkämpften Norden Syriens. Er spricht mit Menschen vor Ort: mit Geflüchteten, die nicht zurückkönnen, mit Kämpfern, die sich gegen die Angreifer stemmen – und mit jenen, die die Weltgemeinschaft um Hilfe bitten.

Gespräche mit:
Talal Sadun: „Die Kurden haben für die Welt gekämpft – aber niemand beschützt uns.“
Dschalal Musta: „Sorgt dafür, dass die Attacken durch Drohnen und Kampfjets gestoppt werden.“
Yussuf: Geflüchtet aus Manbidsch – seine Stadt ist nicht mehr sicher.

🧭 Kapitelübersicht:
Kapitel 1: Einleitung
Kobane – Symbol des Widerstands, erneut bedroht durch Luftangriffe und islamistische Milizen.
Kapitel 2: Die Eskalation der Gewalt
Tägliche Drohnen- und Luftangriffe treffen Zivilisten und SDF-Kämpfer. Die Welt schaut weg.
Kapitel 3: Die humanitäre Krise
Vertriebene, Verletzte, Tote. Die Bevölkerung kämpft mit Hoffnungslosigkeit – und Einsamkeit.
Kapitel 4: Der dringende Appell
Angehörige der Zivilgesellschaft bitten um Schutz. Eine Flugverbotszone könnte Leben retten.

🎧 Hört euch auch diese Folge an:
IS Gefangene in Syrien (morgenpost.de/podcast/article407271541/gefange…)
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Kobani, eine Stadt im Norden Syriens, die für viele ein Symbol des Widerstands geworden ist. Kobani ist eine Stadt, die 2014 was untergegangen ist, in der dann aber dem sogenannten Islamischen Staat die erste große Niederlage beigebracht wurde. Jetzt ist Kobani erneut bedroht. Doch dieses Mal kommt die Gefahr nicht vom IS, sondern von der Türkei und ihren islamistischen Verbündeten.

Die türkische Armee fliegt in der Region Angriffe. Zivilisten sterben. Die sogenannte syrische Nationalarmee greift auf dem Boden an. Einer, der dies tagtäglich mitbekommt, ist Talal Zadoun, der in Kobani aufgewachsen ist. Wir haben Europa beschützt und jetzt ist es in Europa, uns zu helfen. Länder wie Kanada, Deutschland, die USA und Frankreich müssen uns schützen.

Im Krisenmodus, der Podcast aus Krisen- und Kriegsgebieten aller Welt. Mit Journalist Jan Jessen. Willkommen zu Im Krisenmodus. Mein Name ist Jan Jessen, ich bin Kriegs- und Krisenreporter der Funke Mediengruppe. Meine Berichte lest ihr in der NRZ, in der WAZ, im Hamburger Abendblatt, der Berliner Morgenpost oder in den anderen Zeitungen unserer Mediengruppe und natürlich auch im Internet.

Ich bin für diese Folge in Syrien unterwegs gewesen, konkret im Norden des Landes, ganz genau gesagt in Kobani. Und ich spreche mit den Menschen hier über eine Eskalation im Land, die schon vor dem Sturz von Assad im Dezember begonnen hat und jetzt immer noch weitergeht. und ich treffe Überlebende, die schon einmal für diese Stadt ihr Leben riskiert haben und es vielleicht wieder tun müssen.

Wir fragen uns, wird Kobani standhalten oder droht eine neue Katastrophe? Zu Kobani muss man vielleicht erklären, Kobani, ich habe es ja eingangs gesagt, ist eine Stadt, die wie kaum eine andere zum Symbol des Widerstandes gegen den sogenannten Islamischen Staat geworden ist, den IS, diese Terrororganisation, die 2014, 2015 weite Teile des Iraks und Syrien unter Kontrolle gebracht hatte.

Das war ein Gebiet von der Größe Großbritanniens insgesamt und die da ihr Terrorkalifat errichtet hat, Gräueltaten begangen hat, ein Genozid an den Jesidinnen und Jesiden begangen hat und für viele, viele Verbrechen verantwortlich war. Und einer der erbittertsten Gegner im Kampf gegen den islamischen Staat, das waren die Kurdinnen und Kurden im Norden des Landes, im Norden von Syrien.

Die haben sich also intensiv verteidigt gegen den IS, sind zu den engsten Partnern des Westens auch geworden, der Anti-IS-Koalition und haben eben maßgeblich dazu beigetragen, dass das Terrorkalifat dann im Jahr 2019 zerschlagen worden ist. Und Kobani war so ein Fixpunkt. Kobani, das ist eine Stadt direkt an der türkischen Grenze und diese Stadt hat der IS 2014-15 versucht einzunehmen.

Das war so um die Jahreswende 2014-15. Und hier hat der IS versucht einzunehmen und tatsächlich hat er es geschafft, also weite Teile der Stadt zu erobern. Ich kann mich erinnern, damals habe ich also telefoniert mit einer der kurdischen Kommandantinnen, die ja in der Stadt noch waren. Und die hat mir erzählt, dass sie nur noch in einem Viertel irgendwie sind und das Verteidigen aber irgendwie auch keine Chance sehen, diese Stadt noch weiter zu verteidigen.

Dass sie die übermacht des IS also gigantisch sei und sie im Grunde genommen einfach nur noch da sein, um möglichst viele dieser IS-Leute mit in den Tod zu nehmen. Sie hat mir damals auch erzählt, das fand ich auch krass, dass sie eben die letzte Kugel für sich aufbewahren, insbesondere die Frauen, weil die Frauen, denen wäre natürlich fürchterliches passiert, wenn sie lebendig in die Hände des IS gefallen wären.

Vielleicht da Klammer auf, die IS-Leute hassen es, gegen Frauen zu kämpfen, auch heute noch, weil sie der Meinung sind, dass wenn sie von einer Frau getötet wären, dass sie dann eben nicht ins Paradies kommen und ihnen nicht 72 Jungfrauen auf sie warten, Klammer zu. Also insofern war das, das war schon ein krasses Gespräch, muss ich sagen, damals, als ich mit dieser Frau gesprochen habe. Aber dann ist eben so ein kleines Wunder passiert.

Also zum einen haben sich plötzlich Kurden aus anderen Ländern, also der Türkei, dem Irak, aber auch aus dem Iran sogar diesen Widerstand angeschlossen und haben gemeinsam mit den syrischen Kurden Kobani verteidigt. Und, das war das Entscheidende, die Amerikaner haben eingegriffen, beziehungsweise die amerikanisch geführte Anti-IS-Koalition.

Die haben also dann Luftangriffe geflogen auf den IS, der damals noch mit Panzern bewaffnet war, mit schwerer Artillerie und anderen Dingen, die sie zuvor erobert hatten bei der Eroberung von Mosul im Irak. Und ja, die Amerikaner haben eben durch ihre Luftangriffe mit dafür gesorgt, dass Kobani gehalten werden konnte.

Nicht nur das, sondern dass der IS da eben seine erste schwere Niederlage erlitten hatte. Das heißt, der Nimbus, der Unbesiegbarkeit des IS war mit Kobani vorbei. Naja, und jetzt passiert Folgendes. Der Türkei, von Kobani geht es also direkt an die türkische Grenze. Wenn man in Kobani ist, sieht man auf der anderen Seite auch riesige türkische Flaggen, die so ein bisschen drohend, warnt, da aufgepflanzt worden sind.

Und die Türkei hat immer etwas dagegen gehabt, dass sich jenseits ihrer Grenze Selbstverwaltungsstrukturen entwickeln, kurdisch dominierte Selbstverwaltungsstrukturen entwickeln, weil die Türkei der Meinung ist, dass diejenigen, die jetzt im Norden Syrien zu sagen haben, dass die also mit der verbotenen Arbeiterpartei PKK verwandelt seien.

Tatsächlich sind die ideologisch nahe, aber es gibt keine organisatorischen Verbindungen, jedenfalls keine, die mir bekannt wären. Und gleichwohl versucht die Türkei eben seit Jahren, diese Selbstverwaltungsstrukturen zu zerschlagen. Türkei hat mehrere größere Militäroperationen durchgeführt, 2016, 2018 und 2019 in der Region und hat eben Teile des Norden Syriens besetzt und zwar mit Hilfe von islamistischen Milizen.

Das sind im Prinzip, man kann es als Söldner bezeichnen und das ist die syrische Nationalarmee, die sogenannte, und die kämpft eben auf Seiten der Türkei. Und diese Gebiete, die von der Türkei besetzt worden sind, 2018 und 2019. Die liegen westlich und östlich von Kobani. Und als im November die sogenannten Hayatari al-Sham-Leute, auch eine größere Miliz, die im Nordwesten Syriens ein Herrschaftsgebiet hatten in Idlib, als die vormarschiert sind und ihren Blitzkrieg geführt haben gegen das Assad-Regime, ist parallel zu diesem Vorstoß auch diese syrische Nationalarmee vorgestoßen.

Allerdings eben nicht auf die vom Regime kontrollierten Gebiete, sondern auf die Selbstverwaltungsstrukturen. Und diese Kämpfe halten auch immer an, das ist etwas, worüber relativ wenig berichtet wird, aber aktuell wird eben am Euphrat gekämpft und der Versuch ist einfach seitens der syrischen Nationalarmee gemeinsam und unterstützt von türkischen Luftangriffen über den Euphrat zu kommen, um Kobani einzukesseln.

Also von den im Westen besetzten Gebieten Syriens zu den östlich von Kobani besetzten Gebieten vorzustoßen. Das heißt also, wenn das gelingen sollte, wäre Kobani umzingelt, abgeschnitten von Nachschub und das ist eben jetzt der aktuelle Plan. Gegner auf der anderen Seite sind die sogenannten demokratischen Streitkräfte Syriens, die SDF.

Das sind eben diese kurdisch dominierten Gruppierungen, die jetzt versuchen, gegen diesen Ansturm irgendwie sich zu verteidigen. Und Jalal Muster, der lebt in Kobani. Und zwar habe ich den getroffen in einem noch völlig zerstörten Viertel von Kobani. Das ist auch direkt an der türkischen Grenze. Kobani ist in den vergangenen Jahren, also nachdem der erste rausgeschlagen worden war, ist Kobani eigentlich in weiten Teilen wieder aufgebaut worden.

Man sieht immer überall noch irgendwo Narben dieses erbitterten Kampfes, dieser Schlacht um Kobani 2014-15. Aber große Teile der Stadt sind aufgebaut. Das ist keine wirklich schöne Stadt Kobani, muss man ehrlicherweise zugeben. Also es ist eine sehr graue Stadt. Die Abgase wabern da durch die Luft. Man hat so zweistöckige Gebäude meistens.

Das sieht alles nicht besonders toll aus, aber es ist wie gesagt wieder aufgebaut worden. Nur eben dieses eine Viertel, in dem ich Jalal Muster getroffen habe, das ist noch nicht aufgebaut worden. Und das haben sie nämlich extra so gelassen, um einfach an das zu erinnern, was da damals passiert ist vor zehn Jahren.

Und da sieht man eben diese unfassbare Gewalt der Auseinandersetzung damals in dem Kampf gegen den IS. Also viele Gebäude, die komplett einfach zerstört sind. Und gleichzeitig eben auch altes Kriegsmaterial, beispielsweise diese sogenannten Mad Max-Fahrzeuge des IS. Das waren Fahrzeuge, die der IS mit Panzerplatten präpariert hatte, damit sie eben geschützt sind gegen Panzerfäuste bzw.

Maschinengewehrfeuer und mit denen sie dann Selbstmordattentäter losgejagt haben. Die haben sie also zu rollenden Bomben umgebaut, diese Fahrzeuge und dann eben in die kurdischen Stellung reingefahren. Und all das sieht man da noch. Und Jalmal Muster ist ein älterer Herr, der hat es sich zur Aufgabe gemacht, in diesem Viertel Führungen durchzuführen, um zu erzählen, was damals passiert ist, aber auch zu zeigen, was Kobani damals geschehen ist.

Und er hat mir erzählt, dass er seit Wochen täglich erlebt, wie Bomben in der Umgebung auf seine Nachbarn fallen. Die Menschen, sagt er, sind hier verzweifelt, denn so sagen sie es, die Welt schaut zu und tut nichts. Ständig fliegen Flugzeuge über uns hinweg und mähen uns nieder. Wir haben 7 bis 8 Tote pro Tag.

Das Ziel dieser Bombardierungen ist nicht das Militär, sondern die Zivilbevölkerung. Die Bombardierungen sind wahllos. Er bombardiert wahllos und kümmert sich nicht darum, ob es Kinder sind oder nicht. Er bombardiert und tötet sie. Das war was, was man ja auch in Gesprächen mit SDF-Leuten gehört hat, auch mit vielen anderen Menschen, mit denen ich da im Norden gesprochen habe.

Also zum einen haben sie gesagt, dass es irgendwie verblüffend, dass sich niemand wirklich irgendwie dafür interessiert. Alle gucken nach Damaskus, schauen, was macht diese Übergangsregierung da, aber keiner guckt eben nach Kobani, keiner guckt nach Nordsyrien und kommentiert das, was da geschieht oder kritisiert gar die Türkei.

Das ist etwas, was die Leute im höchsten Maße irgendwie irritiert, zumal, wie gesagt, diese Kämpfe am Euphrat wohl relativ heftig sind. Also ich habe auch mit einem SDF-Kommandeur gesprochen, beziehungsweise einem Pressesprecher, Presseoffizier der SDF, der gesagt hat, also es gibt da ganze Gebiete, beispielsweise am Tischundamm, das ist so ein Staudammwerk, wo quasi die ganze Zeit türkische Drohnen attackieren, türkische Kampfjets attackieren, wo die SDF-Kämpfer sich im Tunnelsystem verbergen müssen, weil eben so viel Bombenmaterial auf sie abgeworfen wird.

Und das, wie gesagt, passiert da jeden Tag, noch immer, auch zur Zeit der Aufnahme dieses Podcasts. Auch wenn sich das jetzt in den vergangenen Tagen, muss man auch sagen, etwas reduziert hat. Aber diese Kämpfe gehen eben weiter mit dem erklärten Ziel des Durchbruches über den Euphrat und dann eben, wie gesagt, in Richtung dieser Gebiete, die die Türkei östlich von Kobani besetzt hat.

Und ja, was da möglicherweise in Kobani passieren könnte, das hat Yusuf erlebt. Und Yusuf habe ich getroffen, ganz in der Nähe von Kobani, in einem Industrieviertel, würde ich mal sagen. Das ist also so ein Konglomerat gewesen aus ganz vielen Werkstätten und Ladenlokalen. Das sind so Containerartige Geschichten, wo dann eben, wie gesagt, Autowerkstätten oder was weiß ich eigentlich drin waren. Das ist alles leergezogen.

Da sind jetzt Flüchtlinge drin. Da waren also Dutzende von Familien. Und diese Familien stammen aus Manbij. Manbij, das ist eine Stadt, die vor einigen Monaten mittlerweile erobert worden ist von diesen SNA-Leuten. Die liegt südlich von Kobani, südwestlich, um ganz genau zu sein. Und Manbij war mal eine Stadt, die vom IS ebenfalls beherrscht worden war, kontrolliert worden war.

Die galt mal als das London des Nahen Ostens, weil in Manbij einige Zeit lang weitgehend Englisch gesprochen worden ist, weil so viele ausländische IS-Kämpfer da angelandet sind. Das war so der erste Hub, über den die dann verteilt worden sind, weiter nach Raqqa oder nach Mosul oder in andere Städte.

Und Mambic ist 2016, 2017 zurückerobert worden von den syrischen, von den demokratischen Streitkräften Syriens. Die haben da einen unglaublichen Blutzoll gezahlt, also es gab ganz, ganz viele Tote bei der Eroberung von Mambic und naja, diese Stadt ist dann eben jetzt vor wenigen Wochen von unserem NATO-Partner, beziehungsweise den Truppen, die ihn unterstützen, also die syrischen Nationalarmee eingenommen worden.

Und die Leute, die wir da getroffen haben, also in der Nähe von Kobani in diesem Industriegebiet, die waren schon ziemlich verzweifelt, muss ich sagen. Also er sagte, eine Rückkehr für ihn nach Manbij sei nicht möglich, sei also viel zu gefährlich. Wir haben keine Pläne, zurückzukehren. Die Menschen, die geflohen sind, sind gezwungen, hier zu bleiben, weil sie nirgendwo hingehen können.

Niemand kann zum Beispiel in seine Stadt zurückkehren, weder nach Manbij noch nach Afrin. Solange diese Menschen und diese Truppen dort sind, kann niemand zurück, weil es dort keine Sicherheit gibt. Also Yusuf, der hat mir erzählt, dass alleine bei der Verteidigung von Manbij oder bei den Kämpfen um Manbij über 700 Kämpferinnen und Kämpfer der demokratischen Streitkräfte Syriens gefallen sind und 30 Zivilistinnen und Zivilisten umgebracht wurden.

Und man darf auch nicht vergessen, also diese, ich habe es ja eingangs auch schon gesagt, diese syrische Nationalarmee, das sind im Prinzip Söldner. Die gehen entsprechend rabiat vor. Die haben auch 2018 in Afrin, im äußerten Nordwesten Syriens, ein Terrorregime errichtet. Da gibt es sehr viele Berichte über Plünderungen, Entführungen, Vergewaltigungen, Hinrichtungen, Morde und all dies. und ähnlich soll das eben auch passiert sein in Manbij.

Also das hat Youssef erzählt, das haben auch die anderen erzählt, die ich da getroffen habe in diesem Industriegebiet, dass sie also gehört haben, dass sie Videos gesehen haben von eben solchen Gräueltaten und jetzt befürchten natürlich viele, dass Kobani das nächste Manbij werden könnte. Youssef hat deswegen einen Appell an Deutschland und an die EU.

Das Erste, was wir von der deutschen Regierung und der EU wollen, ist, dass der Angriff des türkischen Staates auf Rojava aufhört. Auf Syrien im Allgemeinen und auf Rojava im Besonderen. Das Zweite ist, dass sie diesen Menschen helfen. Deutschland ist ein großes Land und hat schon vielen Menschen geholfen.

Aber das Wichtigste für uns ist, dass sie den türkischen Angriff auf uns stoppen. Die Angriffe haben natürlich das Leben in der Region Rojava verändert. Das ist jetzt nichts Neues. Also Rojava ist der Name für diese kurdisch dominierten Gebiete im Norden Syriens. Das sind, wie gesagt, vor allem, da leben vor allem Kurlinnen und Kurden, aber auch Christinnen und Christen und auch diverse arabische Stämme.

Die sind alle unter diesem Dach der demokratischen Streitkräfte Syriens mittlerweile vereint. Und ich habe ja gesagt, also 2016, 2018, 2019 gab es schon Angriffe der Türkei und auch während und auch in den vergangenen Jahren immer wieder mal, zumindest mal Luftangriffe und kleinere Attacken. Aber jetzt gerade die aktuellen Angriffe, die bringen die Leute schon ziemlich in Verzweiflung.

Also bevor Manbij attackiert worden ist, ist beispielsweise auch eine kleine kurdische Enklave, die lag nördlich von Aleppo und die war Jahre seit 2018 immer noch kontrolliert von den demokratischen Streitkräften Syriens. Und in dieser kleinen Enklave haben sich eben ganz viele Menschen aufgehalten, über 100.000 Geflüchtete, die aus Afrin 2018 geflohen waren und die da unter prekären Umständen lebten, aber immerhin in einiger Sicherheit, also es sind zumindest keine Bomben gefallen.

Das hat sich dann im November vergangenen Jahres geändert bei diesem Vormarsch der syrischen Nationalarmee und den verstärkten türkischen Luftangriffen. Also erstmal ist diese Enklabe gefallen, danach ist Manbij gefallen und wie gesagt jetzt eben die aktuellen Kämpfe in der Euphratregion. Und natürlich haben die Menschen Angst. Die Kinder leiden wie immer am meisten unter solchen Konflikten und haben natürlich auch sehr viel Angst vor den Bomben, die da fallen.

Talal Sadun, der am Anfang dieser Folge gesprochen hat, den habe ich am Arin-Mirkan-Kreisverkehr getroffen in Kobani. Dieser Kreisverkehr ist benannt nach einer jungen Frau, Arin Mirkan, die bei den Verteidigungskämpfen in Kobani dabei war. Und Arin Mirkan ist deswegen berühmt geworden, weil sie eine Kommandeurin von so einem kleinen Zug war, also zwölf Kämpferinnen, die sie befehligt hat.

Und als sie dann in einer ausweglosen Lage war, dann hat sie ihren Kameradinen befohlen, sich zurückzuziehen. Sie hat den Rückzug gedeckt und hat dann, als klar war, ihre Kameradinen sind raus, sind in Sicherheit, hat sie Handgranaten gezündet, also sind die IS-Leute in ihre Stellung reingekommen. Dann hat sie Handgranaten gezündet, um denen nicht lebendig in die Hände zu fallen und hat noch zehn IS-Leute, so heißt es, ob das stimmt, weiß ich nicht genau, aber das ist eben das, was berichtet worden ist, noch zehn IS-Kämpfer mit in den Tod genommen.

Und sie hat sich also geopfert, um die IS-Terroristen aufzuhalten. Talal Sadun, das ist so ein älterer Typ, mit einem gewaltigen Schnauzbart, hatte so einen roten Schal, so einen rot-weißen Schal um den Kopf geschlungen, hatte ein kurdisches Gewand an und der saß da eigentlich relativ relaxed auf so einem Plastikstuhl.

Und hat sich dann aber, als ich mit ihm angefangen habe zu reden, doch sehr schnell in Rage geredet und hat auch nochmal sehr deutlich gesagt, warum er der Meinung ist, dass Europa jetzt endlich gefordert ist. Wir haben Europa gerettet. Wir haben 12.000 Gefallene und 24.000 Verwundete. Wir haben Europa beschützt und die Bewaffneten besiegt.

Heute bildet Erdogan tausende Kämpfer in Kalifornien, Belgien, Afghanistan und Pakistan aus. Er war in Libyen, Aserbaidschan und Karabach. Er sagt praktisch, ich werde alle Länder unter meine Kontrolle bringen, ich habe terroristische Kämpfer und ich werde sie in verschiedene Länder schicken. Die Menschen hier wissen, sie können sich aktuell nur selbst verteidigen.

Ich war in Kobani auch und das hat mich sehr berührt zu sehen. Einen sogenannten Märtyrer-Friedhof. Also Mertor ist ja bei uns immer so ein bisschen schräg konnotiert, aber das ist ein gängiges Wort eben, nicht nur für Leute aus dem islamistischen Kontext, die fallen, sondern eben für alle, die in Gefechten sterben.

Und in Kobani gibt es eben einen großen Märtyrer-Friedhof, da liegen zigtausende Leute, die in den Kämpfen gegen den IS gefallen sind. Also Talal hat das ja gerade gesagt, also 12.000 gefallen haben sie mindestens im Norden gehabt. Und alleine in Kobani auf dem Friedhof liegen eben Tausende und das ist schon bitter zu sehen.

Also die haben dann diese Grabstätten, auf den Grabsteinen sind dann immer die Bilder derjenigen, die da gefallen sind. Und da sind teilweise blutjunge Leute darunter, die vielleicht 15, 16, 17 sind. Das ist natürlich bitter zu sehen. Und das sind alles Leute, die gefallen sind im Kampf gegen einen Feind, der uns natürlich auch in Europa bedroht hat.

Also ihr erinnert euch bestimmt an die Anschläge von Paris oder die Amokfahrt in Berlin oder auch im vergangenen Jahr den Anschlag in Solingen. Das sind ja alles Dinge, die vom IS inspiriert worden sind oder sogar orchestriert worden sind. Das heißt, die Kurdinnen und Kurden, die da gestorben sind und die jetzt auf diesem Gräberfeld in Kobani liegen, haben auch die Sicherheits Europas verteidigt.

Und das ist ihnen allerdings auch immer wieder gesagt worden, seitens der europäischen, seitens der deutschen Politik, gilt übrigens auch für die irakischen Kurdinnen und Kurden, denen ist immer wieder gesagt worden, dass man stolz darauf sei, dass man das also sehr wertschätze. Was sie da täten, dass sie ihre jungen Leute opfern würden im Kampf gegen den IS.

Und am Ende muss man sagen, lassen wir die Kurdinnen und Kurd im Stich. Und das ist einfach, muss man einfach sagen, bitter zu sehen. Und auf diesem Friedhof war eben, und das hat mich eben sehr berührt, gibt es jetzt auch neue Gräberfelder. Und diese neuen Gräberfelder, als wir da gerade waren, lag so eine junge Frau über einem dieser Gräber und war wirklich aufgelöst, hat geschrien, hat geweint, hat gewimmert.

Und eine Freundin hat versucht, sie zu trösten. Wir haben da nicht mit ihr gesprochen, weil es klar war, die Frau ist jetzt gerade nicht in der Lage, uns zu erzählen, was hier da geschehen ist. Aber ganz offensichtlich hat sie da eben einen lieben Menschen verloren. Und das macht einen dann auch so ein bisschen, wie soll ich sagen, wütend.

Also dieses Schweigen der Europäer, der westlichen Welt, Deutschlands, zu dem, was da gerade passiert. Aber es gibt eben immer noch Hoffnung auf internationale Unterstützung. Talal, Youssef und Jalal sagen eigentlich alle das Gleiche. Meine Bitte an die deutsche Regierung ist, uns irgendwie zu helfen und diese Angriffe zu stoppen.

Ständig fliegen Kampfflugzeuge über uns hinweg und bombardieren uns. Was haben wir getan, dass Zivilisten so angegriffen werden? Wir rennen von einer Ecke zur anderen, um vor den Luftangriffen zu fliegen. Ja, also es geht Ihnen, das höre ich auch mal wieder, nicht darum, dass jetzt gesagt wird, schickt bitte Truppen, die uns schützen, die uns verteidigen, das brauchen wir nicht, das können wir selber.

Was gestoppt werden muss, sind die türkischen Luftangriffe, denn das ist das, wo gegen unsere Leute nichts machen können. Ich habe ja gesagt, die demokratischen Streitkräfte Syriens sind aktuell in Tunnelsystemen drin, kommen ab und dann raus, benutzen mittlerweile selber übrigens sogenannte FPV-Drohnen, diese First-Person-View-Drohnen, die in der Ukraine massenhaft eingesetzt werden.

Also sie haben so ein bisschen gelernt von dem, was die Ukrainer machen in ihrem Verteidigungskampf gegen die russischen Streitkräfte. Aber wie gesagt, gegen die Luftangriffe, gegen die Drohnenangriffe können sie sich eben nicht erwehren. Und deswegen eben diese dringende Bitte, sorg dafür, dass die Türkei endlich aufhört, uns zu bombardieren.

Es gibt auch immer wieder Forderungen nach einer Flugverbotszone, analog zu der diesmal 1991 im Norden des Irak gab, die den Kurdinnen und Kurden auch geholfen hat, sich gegen Saddam Hussein zu verteidigen. Und möglicherweise fragt ihr euch auch, warum greifen die Türken eigentlich nicht Kobani direkt an?

Also es war immer wieder mal passiert, dass da Luftangriffe geflogen sind, aber es gibt jetzt keine direkte Bodenoffensive auf die Stadt. Und das kann damit zusammenhängen, dass die Amerikaner in der Region noch präsent sind. Ich habe ja gesagt, die demokratischen Streitkräfte Syriens waren und sind der engste Partner in Syrien, wenn es um den Kampf gegen den IS geht.

Es gibt auch Bilder von amerikanischen Spezialeinheiten, die da underground sind und die teilweise dann die Patches von den demokratischen Streitkräften Syriens an ihren Jacken haben. Aber das ist eine sehr, sehr, sehr kleine Truppe, die da unterwegs ist, die die Amerikaner haben. Denen geht es jetzt vor allem darum, die syrischen Ölquellen, die ganz im Osten des Landes sind, zu sichern.

Aber sie fahren auch ab und an Patrouillen, auch in der Region Kobani. Und das ist möglicherweise einer der Gründe, warum keine direkten Angriffe gestartet werden auf Kobani, weil eben die Türken möglicherweise die Befürchtung haben, dass sie dann die Amerikaner samt ihrem etwas irrlichtenden Präsidenten verärgern könnten.

Insofern, wie gesagt, gibt es zurzeit keine direkten Angriffe auf die Stadt selbst, aber eben in der Region, wie gesagt, mit dem Ziel. Einen Belagerungsring um Kobani zu schließen und die Stadt dann am Ende auszuhören, hätte am Ende denselben Effekt Kobani-Bürder schlimmstenfalls fallen. Ja, also ich bin der Meinung, Deutschland müsste da wesentlich aktiver werden, müsste, ich meine, die Türkei ist immerhin keine Terrororganisation wie der IS, Die ist immerhin ein NATO-Partner, also jemand, der auch auf die restlichen Verbündeten angewiesen ist.

Die Türkei ist ein enger Handelspartner Deutschlands. Und ich würde mir da von meiner Regierung, von unserer Regierung wünschen, dass sie sehr deutlich macht, dass das, was da gerade passiert, dass das nicht im Sinne der deutschen Bundesregierung sein kann. Wie gesagt, die SDF haben viele, viele Leute geopfert, die Kurdinnen und Kurden haben viele Leute geopfert im Kampf gegen den IS, um Europa auch ein Stück weit sicherer zu machen.

Und ich finde, da sind wir ihnen auch natürlich nicht nur dank, sondern auch Unterstützung schuldig. Die Leute brauchten schlicht und ergreifend Schutz. Und ich denke eben auch, selbst wenn wir mal das Thema Loyalität, Dankbarkeit und so weiter mal außen vor lassen, dann glaube ich auch, dass es sehr, sehr klug ist, die Kurdinnen und Kurden und die Selbstverwaltungsstrukturen in einem neuen Syrien zu schützen, auch aus Eigeninteresse.

Denn am Ende, wie gesagt, sie kämpfen gegen den IS. Der IS ist immer noch in der Region unterwegs. Das heißt, es gibt immer noch 10.000 Kämpfer der Terroristen, die auf freiem Fuß sind. Die Kurdinnen und Kurden bewachen außerdem sehr, sehr viele gefangene IS-Leute und Angehörige von IS-Kämpfern. Sollte das da alles kollabieren, haben wir in Europa sicherlich auch ein Riesenproblem und in Deutschland.

Was das Thema IS-Gefangene angeht, da haben wir mal eine Folge gemacht im vergangenen Herbst. Das packen wir euch in die Shownotes und damit ihr da auch nochmal reinhören könnt, wenn ihr euch auf Stand bringen wollt. Das war's für diese Folge im Krisenmodus. Den Podcast hat Alexander Baumeister produziert.

Er ist auch Journalist beim Radio der Funke Mediengruppe und ihr findet unseren Podcast überall, wo es Podcasts gibt. Da könnt ihr uns natürlich auch sehr, sehr gerne abonnieren. Das wäre sehr hilfreich und würde uns freuen. Folgt uns gerne, schreibt uns an krisenmodus.funkemedien.de wenn ihr Fragen habt, wenn ihr Anregungen habt oder andere Dinge.

Und ihr könnt mir auch gerne persönlich schreiben auf Facebook unter Jan.Jessen. Empfehlt uns auch gerne weiter, wenn euch dieser Podcast weitergebracht hat und wenn ihr glaubt, dass er auch andere Leute weiterbringen könnte. Wird uns auch freuen. Ich sage für heute erstmal Tschüss, Danke, macht's gut, auf bald. Ciao, ciao.

Music. Im Krisenmodus. Der Podcast aus Krisen- und Kriegsgebieten aller Welt. Mit Journalist Jan Jessen. Music.

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