Mord am Märchenschloss

Folge 1: Einsatz am Schloss

Dienstag, 6. Oktober 2026 · 23 min

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Shownotes

Es war eines der brutalsten Verbrechen im Allgäu der vergangenen Jahrzehnte: der Mord des US-Amerikaners Troy B. an einer Touristin aus seinem Heimatland wenige Meter oberhalb von Schloss Neuschwanstein. Er strangulierte die Frau mit einem Gürtel, vergewaltigte sie und stieß sie anschließend die Pöllatschlucht hinunter.

Zuvor hatte er in einem Handgemenge bereits ihre Freundin in die Tiefe gestoßen. Sie überlebte den Sturz nur leicht verletzt. Für diese Tat ist Troy B. vor mehr als zwei Jahren am Kemptener Landgericht zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt worden. Strafrechtlich ist der Fall damit abgeschlossen.

In vier Folgen sprechen Franziska Jahn und Benedikt Siegert aus der Redaktion unter anderem mit dem ermittelnden Kommissar von damals, dem Anwalt der Familie des Mordopfers und dem Verteidiger von Troy B. Dabei steht die zentrale Frage im Raum: „Was bleibt vom Neuschwanstein-Mord, wenn die Schlagzeilen verschwinden?“

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Eine derart brutale Tat kam mir selber noch nie unter. Entweder ist hier einem jungen Mann da komplett die Sicherung durchgebrannt, oder er ist einfach ein Psychopath. Den Fall werde ich wahrscheinlich nie vergessen. Mord am Märchenschloss. Ein Verbrechen im Schatten von Schloss Neuschwanstein. Eine Produktion der Allgäuer Zeitung.

Drei Jahre ist der Neuschwanstein-Mord jetzt her. Damals hat ein Mann im Allgäu eine Touristin vergewaltigt und getötet und eine weitere in eine Schlucht gestoßen. Er wurde zu lebenslanger Haft verurteilt. Der Fall hat deutschlandweit und international für Schlagzeilen gesorgt. Jetzt, Jahre später, sind einige Fragen noch immer ungeklärt.

Die wollen wir beantworten und fragen, was bleibt, wenn die Schlagzeilen verschwinden? Wir, das bin ich, Franziska Jahn und mein Kollege Benedikt Siegert. In vier Folgen erzählen wir euch, was damals passiert ist, welche Beweise Polizei und Staatsanwaltschaft gefunden haben, wie der Prozess verlief und ob die Tat den Ort verändert hat.

Wir haben uns entschieden, die Namen der Opfer in diesem Podcast nicht zu nennen. Der Schutz ihrer Persönlichkeitsrechte und der respektvolle Umgang mit ihren Angehörigen stehen für uns im Vordergrund. Es ist Mittwoch, der 14. Juni 2023. Zwei US-Amerikanerinnen sind auf Europareise. Damit wollen sie ihren Studienabschluss feiern.

Die 21- und 22-Jährigen waren schon in Paris, haben sich Wien und Prag angesehen. Jetzt gerade besuchen sie München. Bevor morgen der Flug zurück in die USA, zurück in die Heimat geht und die beiden ihre ersten großen Jobs bei den IT-Unternehmen Microsoft und IBM antreten, wollen sie noch einen Tagesausflug machen.

Sie wollen ins Allgäu fahren und sich dort das berühmte Schloss Neuschwanstein ansehen. Sie machen sich auf den Weg. Die Sonne scheint und am frühen Nachmittag sind sie auf einem Wanderweg in der Nähe des Schlosses unterwegs. Sie machen Fotos von sich und vom Schloss. Dann treffen sie auf einen Touristen.

Er kommt auch aus den USA und stellt sich ihnen als Troy vor. Er ist Anfang 30, macht gerade Urlaub im Allgäu und wohnt in einer Ferienwohnung in Oberstdorf. Troy erzählt ihnen von einer Stelle auf dem Wanderweg, von der sie besonders gute Sicht auf das Schloss haben könnten. Der perfekte Platz für ein schönes Foto also.

Die drei machen sich auf den Weg. Die 22-Jährige geht auf dem schmalen Wanderweg ganz vorne. Ihre Freundin gleich hinter ihr, Troy zuletzt. Dann hört die 22-Jährige ihre Freundin hinter sich rufen. Call 911. Ruf den Notruf. Sie dreht sich um und sieht, wie Troy ihre Freundin festhält. Sie will ihrer Freundin zu Hilfe eilen, stürzt sich auf Troy und zerkratzt ihm das Gesicht.

Doch Troy wehrt sie ab, stößt sie von sich. Die 22-Jährige stürzt einen Abhang hinunter, fällt und bleibt an einem Baumsturm fliegen. Oben auf dem Wanderweg kann sich die 21-Jährige nicht gegen Troy wehren. Er vergewaltigt sie und wirkt sie mit seinem Gürtel. Die Tat filmt er mit seinem Handy. Ein anderes junges Paar auf dem Wanderweg wird dabei auf Troy und die 21-Jährige am Boden aufmerksam.

Sie denken, sie sehen zwei Verliebte. Troy hebt die Hand, entschuldigt sich scheinbar bei dem Pärchen für die Umstände und das Pärchen dreht sich um, geht den Wanderweg wieder zurück, Dann lässt Troy von der 21-Jährigen ab und stößt auch sie den Abhang hinunter, Als ihre Freundin neben der 22-Jährigen zu liegen kommt, setzt sie einen Notruf ab.

Bene, an diesem Mittwoch vor drei Jahren saßt du in Füssen in der Redaktion. Füssen ist ein Nachbarort von Schwarengau und gehört für euch zum redaktionellen Einzugsgebiet. Genau. Wir waren in unserem Büro gesessen in der Füssen Innenstadt und haben dann Sirenengeheul vernommen und auch das Geräusch von mehreren Hubschraubern, die über der Gegend kreisten.

Und dann haben wir das gemacht, was man so im Fall häufiger macht, nämlich bei der Polizei angerufen, um nachzufragen, was denn da los ist. Was konnten die euch zu dem Zeitpunkt dann schon sagen? Die haben total gemauert, kann man sagen. Wollten erst mal gar nichts rauslassen. Und in dem Fall ist es natürlich eine Auskunft, mit der man sich als Journalist nicht zufriedengeben sollte.

Wir haben dann auf die Webcams geschaut. Da gibt es ja sehr, sehr viele rund um Schloss Neuschwanstein, um einfach mal Quellen zu sichten, was denn da sich abspielen könnte. Und da haben wir dann gesehen, dass zwei Hubschrauber über Hohenschwangau kreisen. Das waren Rettungshubschrauber oder wo haben die da dazugehört?

Genau, der eine war der Christoph XVII, der Rettungshubschrauber, der normalerweise im Hangar in Durach seine Heimat hat. Und der zweite Hubschrauber, das war der Edelweiß, so nennt man bei der Bayerischen Polizei den Polizeihubschrauber. Der war, wie wir dann später herausbekommen haben, zur Beweissicherung im Einsatz, während der Rettungshubschrauber natürlich bei diesem dramatischen Einsatz als solches dann dabei war, um die Bergretter zu der Stelle zu bringen und die Verletzten abzutragen.

Und ich habe mich dann tatsächlich einfach so auf gut Glück und auf Verdacht mehr oder minder hin ins Auto gesetzt und bin rauf zum Schloss gefahren. Ich wollte so schnell als möglich so weit rauf wie möglich kommen. Das ist mir dann mit dem Auto tatsächlich auch gelungen. Ich konnte da am Bauhof von Schlossner Schwanstein parken. Von da aus sind es nur noch wenige Meter zu Schlossner Schwanstein selbst und vielleicht eine Viertelstunde zur Marienbrücke.

Und was hast du dann gesehen, als du oben warst? Ich habe erst mal versucht, einen Überblick zu verschaffen, bin in den Innenhof von Schloss Neuschwanstein gegangen. Dort hat man unvorstellten Blick auf die Marienbrücke, den es sonst im Umfeld vom Schloss in der Form nicht gibt. Dazu muss man wissen, dass die Marienbrücke noch ein Stück oberhalb vom Schloss liegt und über eine Schlucht führt. Das ist die Pellertschlucht.

Und diese Brücke ist bei Touristinnen und Touristen sehr beliebt. Da ist immer eine Menge los, weil die Leute die Brücke nutzen, um mit guter Sicht aufs Schloss Fotos zu machen. Da habe ich dann gesehen, wie mehrere uniformierte Beamte auf dieser Brücke ganz hektisch hin und her gelaufen sind. Und dass wohl auch die Brücke bzw. das Umfeld der Brücke weitläufig abgesperrt sein muss, weil es waren keine Besucher rundherum zu sehen.

Als ich dann oben ankam, da gibt es eben so einen Wendeplatz für Touristenbusse, Da habe ich schon gesehen, dass da wirklich eine Vielzahl an Polizeifahrzeugen stand. Fahrzeuge, wo Polizeihunde drin waren, aber auch Mannschaftsbusse der Polizei. Und da habe ich dann schon gemerkt, okay, das muss was Größeres sein.

Zu dem Zeitpunkt ist dann auch schon die Bergrettung im Einsatz, um die zwei jungen Frauen vom Abhang zu retten. Ja, das muss für die Bergwacht ein außergewöhnlicher Einsatz gewesen sein. Das Gelände an der Stelle, wo die beiden Frauen abgestürzt sind oder vielmehr, hinuntergestoßen wurden, ist sehr, sehr steil.

Und die Bergwachtler haben sich dann aus dem Helikopter abgewünscht. So nennt man das im Fachbegriff an der Winde, die an einem Rettungshubschrauber angebracht ist. Wie ging es den beiden da, als die Bergrettung die erreicht hat? Es war so, dass die 22-jährige Frau, die den Notruf abgesetzt hat, einige Schürfwunden erlitten hatte bei dem Sturz, aber sie war ansprechbar und bei vollem Bewusstsein.

Und wenn man es in Relation setzt zu dem Hang, den sie da hinuntergestürzt ist, ging es ihr tatsächlich körperlich recht gut. Das hat dann auch der Bergwachtnotarzt, der im Einsatz war, später der Polizei gegenüber und dann nochmal vor Gericht so bestätigt. Und die 21-Jährige? Die Frau war bewusstlos als die Einsatzkräfte, die sie erreicht haben.

Und diese Frau haben die Bergwachtler dann mittels einer sogenannten Crash-Bergung in den Helikopter geholt. Dazu muss man wissen, dass bei einer Crash-Bergung aus Bergwachtsicht das Besondere ist, dass sich die Patienten einfach in so einer absturzgefährdeten Position befinden, dass man, bei der Bergung einfach auch Verletzungen in Kauf nimmt, um die Menschen einfach aus diesem extrem gefährlichen Gelände bergen zu können.

Das heißt, in dem Moment war die Gefahr, dass die beiden jungen Frauen nicht länger von diesem Baumstumpf, wo die hängengeblieben sind, gehalten werden, größer als die Verletzungen der 21-Jährigen. Es ist halt wie so häufig eine Abwägungsentscheidung. So im Detail würde ich es mir vielleicht gar nicht anmaßen, das zu sagen.

Aber es ist natürlich einfach diese Gefahr da gewesen, dass dann die Frau einfach in die Pöllertschlucht runterstürzt, die ja wirklich 200, 300 Meter unter der Unglückstelle sich befindet. Und da wäre natürlich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit kein Überleben mehr möglich gewesen. Ja, dann haben sie die beiden Frauen aus diesem Hahn geholt und sind mit denen dann in die Klinik erst nach Füssen und später nach Kempten geflogen, wo die 21-Jährige, also die Jüngere der beiden Frauen, dann in der Nacht ihren schweren Verletzungen erlegen ist.

An diesem Mittwoch außerdem im Dienst ist Jürgen Zöllinger von der Kriminalpolizei Kempten. Und der ist heute auch bei uns im Podcast-Studio zu Gast. Hallo Herr Zöllinger. Wunderschönen guten Morgen, vielen Dank für die Einladung. Herr Zöllinger, an diesem Mittwochnachmittag, haben Sie da mit so einem Einsatz gerechnet?

Also mit so einem Einsatz kann man sowieso überhaupt gar nie rechnen, weil das ein sehr herausragender Fall ist, der in dieser Brutalität mir in meiner dienstlichen Karriere noch überhaupt nie passiert ist. Der Tag hat relativ entspannt angefangen für mich, weil ich endlich einen anderen aufsehenregenden Fall zum Abschluss bringen konnte und an die Staatsanwaltschaft gebracht habe.

Ich habe aus diesem Anlass den Kollegen auch eine kleine Brotzeit ausgegeben, und war dann über Mittag relativ lange dann in Freizeit in der Stadt und habe noch Erledigungen gehabt, kam dann am frühen Nachmittag zurück und kurz nachdem ich wieder am Schreibtisch saß, habe ich dann eben mitbekommen, dass der Einsatz losging und dann haben sich die Ereignisse quasi überschlagen und war dann von Anfang an mit dabei in der Intensität, mit der ich so nie gerechnet hätte.

Was hat sich vor Ort dann für ein Bild für Sie ergeben? Direkt schon beim Eintreffen vor Ort konnte ich feststellen, dass der mutmaßliche Täter festgenommen war und bereits in einem Streifenwagen saß. Wir haben uns dann vor Ort organisiert, eingeteilt. Der Festgenommene wurde abtransportiert zur Polizeiinspektion Füssen.

Und wir, also auch ich, haben uns den eigentlichen Tatort dann zeigen lassen und konnten uns da direkt eins zu eins Eindruck vom Tatort verschaffen. Wir haben. Wir haben alle mal gelernt, dass wir während der Aufnahme möglichst professionell. Nüchtern und mit so wenig Emotionen wie möglich uns dann am Tatort bewegen und versuchen, den Tatablauf zu rekonstruieren.

Also zunächst mal Dokumentation, Fotos vermessen, welche Wege hat er möglicherweise beschritten und so weiter. Also was da wirklich passiert ist, konnte man emotional in dem Fall gar nicht fassen und würde einen in der Ermittlungsarbeit auch nur behindern. Dass die Festnahme des damals noch vermeintlichen Täters so schnell geklappt hat, war ja auch einigen Zufällen geschuldet.

Zum Ersten war es das unwahrscheinliche Glück für die überlebende Geschädigte, dass die nach dem Sturz durch das Gelände von einem querliegenden Baum aufgefangen worden ist. Also man muss sich vorstellen, es war extrem steil, senkrecht, freier Fall, schätzungsweise fünf bis sieben Meter. Und dann hat die Steigung langsam nachlassen. Also die Fallenergie ist langsam vom Hang aufgenommen worden.

Die Geschädigte wurde dann gebremst durch die Geländeform und blieb dann an einem querliegenden Baumstamm und konnte so selbst den ersten Notruf absetzen. Dann kam der glückliche Umstand mit dazu, dass eine unbeteiligte Zeugin, eine im Berufsleben Rettungsdienstlerin unterwegs war, die Zeugin am Hang dort, gesehen hat und auch den Täter zuvor schon mal sehen konnte.

Und die Kombination aus den beiden Notrufen, also von der Geschädigten, von der Zeugin und die Tatsache, dass die Zeugin den Täter zuvor sehen konnte, hat dazu geführt, dass die erste Streife, die ankam, es war eine uniformierte Streife der Polizeiinspektion Füssen. Den entgegenkommenden Täter dann sofort festnehmen konnte.

Und die Rettungssanitäterin ist dann ja, nachdem sie den Notruf abgesetzt hatte, den Wanderweg runtergelaufen, hat da eine Abkürzung genommen, runter, zurück zur Marienbrücke. Da hat sie dann die Streife sozusagen abgeholt, damit die Beamten schneller zu der Absturzstelle finden. Auf dem Weg zurück, wieder rauf zu der Stelle, da kam Troy B.

Denen dann entgegen. Und es war wohl so, dass die Sanitäterin, als Troy B. da den Weg runterkam, nur eine Andeutung machen brauchte und schon haben ihre Kollegen zugegriffen, oder? Nicht mal das. Die Personenbeschreibung vom Mörder war derart gut. Also die war auch sehr prägnant. Der hatte einen Ziegenbart, der hatte einen Baseball-Cabby.

Es war die Statur und die ungefähre Größe bekannt. Und das Besucheraufkommen jenseits der Marienbrücke ist sehr, sehr überschaubar. Und wenn dann jemand mit Ziegenbearmt und Basecap entgegenkommt, der dann noch dazu markante Kratzer im Gesicht hat, die aus der Beschreibung heraus noch nicht bekannt waren.

Also die Zeugenschildern so, wir wollten gerade der Streife sagen, das ist er. Da hat die Streife aber dem schon die Festnahme erklärt. Sie sind dann zu dem vermeintlichen Täter zu dem Zeitpunkt noch später auf die Polizeieinspektion nach Füssen gefahren. Was hat Roy B. da für einen Eindruck auf Sie gemacht? Das war durchaus beeindruckend, wie er sich gegeben hat. Er hat versucht, eiskalt, kühl berechnend zu reagieren.

Er hat uns gegenüber, hat er sich kooperativ gezeigt und nicht wirklich bemerkbare Ansätze von Nervosität. Er hat eingeräumt, dass er auf die beiden zuvor getroffen sei und hat auch erkennen lassen, dass er von den Mädchen angegriffen worden sei. Haben Sie ihm das abgenommen? Also die Verletzungen, ich kenne ja auch die körperliche Konstitution vom Täter und der beiden Geschädigten.

Man muss sich vorstellen, die beiden Geschädigten sind in asiatischer Abstammung, entsprechend klein und zierlich. Und der Täter war eher ein stämmiger Kerl, von der Körpermasse beiden Mädchen überlegen. Also die beiden Mädchen haben zusammen etwas mehr Körpermasse als der Täter selbst auf die Waage gebracht.

Und so wie der Tathergang konstruiert werden konnte, war die später Getötete nicht mal mehr in der Lage, sich überhaupt zu wehrzusetzen. Also die Kratzer kamen somit ausschließlich von der zu Hilfe eilenden Geschädigten. Mir hat es den Eindruck vermittelt, dass die in Todesangst oder in Angst um das Leben ihrer Freundin alles, was sie konnte, in die Waagschale geworfen hat, um ihre Freundin zu retten, war sie leider ja nicht gelang.

Wie oft haben Sie dem Treu B. dann gegenüber gesessen? Ich bin zwar hin und wieder auf den Treu-B getroffen, aber nie in Funktion des vernehmenden Beamten. Ich habe ihn am Folgetag begleitet zur Vorführung beim Haftrichter und dann auch später bei einer richterlichen Vernehmung der überlebenden Geschädigten.

Aber so die klassische Vernehmung, wie man sie aus dem Fernsehen kennt oder sich vorstellt, die gab es überhaupt nicht. Sie haben vorhin gesagt, die Ereignisse haben sich dann überschlagen. Wie ging es Ihnen da? Ist man da ein bisschen überfahren von dem ganzen Tag? Also es war ein sehr, sehr langer Tag. Das ging dann mit der Überstellung in die Haftzelle bis nachts um 22 Uhr, 23 Uhr.

Da ist man natürlich aufgekratzt, voller Adrenalin wegen der Tat und auch wegen der Kulisse. Also wir waren ja alle überhaupt nicht auf diesen Tatort vorbereitet, geschweige denn auf die Tat an sich. Also das heißt, wir sind mit den Bürohalbschuhen, mit denen wir normal am Schreibtisch sitzen, dann diesen gesperrten Bergpfad hoch.

Ja, es gab mitunter auch Situationen, wo der ein oder andere Kollege leicht ins Rutschen kam. Bis man da so richtig gefasst hat, was überhaupt insgesamt passiert ist, da vergingen, denke ich, schon mehrere Tage bis Wochen. Jetzt mit ein bisschen Abstand auf den Tag geblickt. Sie sind auch Familienvater.

Inwieweit nimmt einen da so einen Tag mit? Ja, also wenn man mal versucht nachzuvollziehen, dass, mitten im Allgäu oder auch mit einem amerikanisierten Begriff am Cinderella Castle mitten in der Natur, auf so einem Weg ein derartiger Angriff passieren kann, das stellt einen dann schon vor Fragen. Mit was muss man denn eigentlich alles rechnen, was kann einem denn alles passieren.

Also ich arbeite ja in einem Kommissariat, wo wir tagtäglich mit schweren, schlimmen Ereignissen konfrontiert sind, aber so in der Art ist man schon durchaus herausragendes Ereignis. Der Fall ist jetzt drei Jahre her und Sie haben gesagt, das beschäftigt Sie noch immer. Im Podcast wollen wir vor allem die Frage beantworten, was bleibt, wenn die Schlagzeilen verschwinden?

Ist der Fall Neuschwanstein für Sie so ein Fall, der Ihnen noch lange nachhängen wird? Oder vielmehr, wie blicken Sie heute auf den Fall und was seitdem passiert ist? Konnten Sie damit abschließen? Es ist so, dass solche Fälle einen immer begleiten werden, denke ich. Also auch in die Zukunft und weit über die Pension hinaus.

Es ist aber auch so, dass die Erinnerungen nicht unkontrolliert einfach aufploppen in meinem Kopf und mich regelrecht verfolgen. Aber es ist schon so, wenn wir uns darüber unterhalten, also ich einen Trigger bekomme, dann kommt einiges an Erinnerungen wieder. Also wenn wir so miteinander über den Fall sprechen, dann fallen mir auch immer wieder Sequenzen ein vom Notrufmitschnitt.

Wie betroffen, aber trotzdem besonnen die überlebende Geschädigte sich gegenüber, dem Disponenten der Einsatzleitstelle, bei der Rettungsleitstelle hier mitteilen konnte. Dieser Notruf wurde dann später Teil der Beweislage in dem Fall, so wie auch Fotos und Videos, die auf dem Handy des Täters gefunden wurden.

Was darauf zu sehen war und warum diese Aufnahmen später noch für den Prozess entscheidend sein sollten, darum soll es in unserer nächsten Folge gehen. Herr Zöllinger, Ihnen vielen Dank für Ihre Zeit und Ihre Offenheit. Sehr gerne. Ich danke Ihnen. Für die zweite Folge von Mord am Märchenschloss haben wir mit der Staatsanwaltschaft Kempten gesprochen.

Wie liefen die Ermittlungen? Welche Beweise wurden gefunden? Wie beeinflusst der Medienrummel einen solchen Fall? Was hat es mit diesen Fotos und Videos auf sich und was bleibt, wenn die Schlagzeilen verschwinden? Mord am Märchenschloss. Ein Verbrechen im Schatten von Schloss Neuschwanstein. Eine Produktion der Allgäuer Zeitung.

Redaktion Benedikt Ziegert und Franziska Jahn. Produktion Franziska Jahn, technischer Support Stefan Michalik, besonderer Dank gilt Emmi Jalles und Sascha Borowski, außerdem dem gesamten Team der Allgäuer Zeitung, namentlich Lea Henkel und Jörg Schneider, Ann-Kathrin Müller und Katrin Bussardt, Romina Goldschmidt und Linda Rossmannet.

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