Reality TV Check

#285 - Deep Dive #8 - Was ist eigentlich ein Format?

Montag, 13. April 2026 · 27 min

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Shownotes

In dieser Folge frage ich: Was ist eigentlich ein Format — und warum ist das eine viel kompliziertere Frage, als sie klingt? Dafür schaue ich mir an, was eine Formatbibel ist, wer sie besitzt, warum sie nie öffentlich wird, und was passiert, wenn ein Format die Landesgrenze überquert. Eine Folge über Survivor in Deutschland, Temptation Island in zwei Versionen, das Dschungelcamp als deutsches Kulturgut — und darüber, dass die Firmen, die Reality TV wirklich prägen, die meisten von uns nie gehört haben.

📖 Literatur & weiterführende Quellen
Formatrecht & Urheberrecht
• Castaway Television Productions v Endemol (Hoge Raad, 2004) (omgevingsweb.nl/jurisprudentie/eclinlhr2004ao3…)
• Deal or no deal — copyright protection in television formats (lexology.com/library/detail.aspx?g=3e6e332d-5e…)
• Big Brother sues Israeli reality show for copying (2012) (ipwatchdog.com/2012/03/14/big-brother-sues-isr…)
Formatbibeln & Produktionslogik
• Stranger Things / Montauk Show Bible (Duffer Brothers, öffentlich) (screencraft.org/blog/21-series-bibles-that-eve…)
• FRAPA (Format Recognition and Protection Association) (frapa.org)
Produktionskosten
• Die Experten Sommerspezial — Was kostet eigentlich...? (quotenmeter.de/n/44046/die-experten-sommerspez…)
• Vier Millionen Euro pro Folge — Im Dschungelcamp steckt viel Kohle für RTL (2018) (nw.de/lifestyle/medien/22040943_Mindestens-vie…)

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Titelmusik: ⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠yourtunes über Pond5 / Titelmusik DeepDive: ⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠INPLUSMUSIC über pixabay
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Hi, ich bin Pia und das ist der Reality TV Check Deepdive und zwar die 8. Folge heute geht es um Formate, also es geht ja immer um Formate, aber heute möchte ich darüber sprechen, was ein Format eigentlich ist, wie Formate reisen und warum dasselbe Format in Deutschland manchmal komplett anders aussieht als in den USA und.

Und was 6 gescheiterte Survivor versuche in Deutschland darüber verraten, bevor wir da reingehen, kurz zur Orientierung die ersten 7 Folgen haben einiges abgedeckt, wir haben uns die Ursprünge des Reality TV Genres angeschaut, von Völkerschauen und Zeitshows über Candid Camera bis zu in American Family. Wir haben gesehen, wie der WGA Streit 2007 das Genre in die Primetime katapultiert hat, weil plötzlich billiger Content gefragt war und Reality TV genau das liefern konnte. Und dann haben wir das System von innen beleuchtet, wie ein Casting funktioniert und was dabei schon längst entschieden ist, bevor die Kameras überhaupt laufen, wie der Edith aus stundenlangem Rohmaterial eine Erzählung baut, die mit dem, was die Kandidatinnen erlebt haben,

manchmal ziemlich wenig zu tun hat. Und was danach kommt, Verträge, NDAS und was es bedeutet, wenn die einzige Version der eigenen Geschichte die ist, die die Produktion freigegeben hat. Ab heute schauen wir uns dann an, in welchen Verkleidungen dieses System auftritt und fangen mit der Frage an, die eigentlich ganz simpel klingt, aber erstaunlich viel verrät, was ist ein Format, wenn wir random Leute auf der Straße danach Fragen, bekommen wir sehr wahrscheinlich eine Antwort wie? Das ist eine Sendung, eine Show, vielleicht auch eine Art von Sendung, also Datingshow, Castingshow, irgendwie sowas in die Richtung, das ist nicht falsch, aber es ist zu kurz gedacht, denn ein Format ist

nicht die Sendung, ein Format ist die Anleitung zur Sendung, es ist vielmehr ein Dokument. In der Branche wird es meistens als Formatbibel bezeichnet, manchmal auch Showbible oder Production Bible. Das ist abhängig von der Produktionsfirma und diese Formatbibel, die beschreibt, wie eine Show funktioniert, welche Regeln gelten, wie die Kandidatinnen ausgewählt werden, wie eine Folge aufgebaut ist, welche Musik in welchem Moment läuft, wie die Moderation spricht, was in der 1. Folge passiert und was in der letzten. Manchmal ist das bis auf die Kameraeinstellungen genau festgelegt.

Und diese Formatbibel ist ein geistiges Eigentum. Sie gehört jemandem und sie kann verkauft werden an einen anderen Sender, in ein anderes Land, für eine andere Sprache, und was wir dann sehen, ist nicht die Originalshow, sondern eine lizensierte davon, und da kommen wir zurück zu etwas, das wir in den vergangenen Folgen schon mehrfach gestreift haben, Survivor. Das schwedische Original aus dem Jahr 1997 hieß dort Expedition Robinson.

Die Grundidee, Menschen überleben in der Wildnis eine oder einer gewinnt, die ist dort zum ersten Mal als Fernsehformat umgesetzt worden, in den USA wurde die Lizenz verkauft und daraus ein globaler Exportschlager gemacht, und plötzlich wollten alle Survivor haben, natürlich auch Deutschland mehrfach und wie gut das geklappt hat, dazu kommen wir gleich noch. Jetzt könnte man meinen, das sei ein wasserdichtes System. Eine Produktion entwickelt ein Format, schreibt alles auf, verkauft die Lizenz und kassiert. Aber da gibt es ein Problem.

Formate sind rechtlich kaum zu schützen, es gibt kein einheitliches internationales Formatrecht eine Idee allein ist nicht schützbar, nur ihre konkrete, detaillierte Ausarbeitung, und selbst dann ist es schwer, vor Gericht zu beweisen, dass jemand ein Format kopiert hat und nicht einfach eine ähnliche Idee hatte. Schließlich gibt es sehr ähnliche Formate wie Sand am Meer.

Die Branche hat eine lange Geschichte von Plagiatsvorwürfen, die ins Leere gelaufen sind, niederländische Produktionsfirmen gegen amerikanische Studios, britische entwickelnde gegen Sender, die ihre Konzepte weiterentwickelt haben, ohne dafür zu zahlen. Das Format ist das Herzstück eines Millionengeschäfts, und kaum jemand kann es richtig schützen, und das sagt schon einiges aus, trotzdem funktioniert das System. Nicht, weil das Recht es erzwingt, sondern weil die Branche überschaubar genug ist, dass Reputation zählt. Wer einmal als jemand gilt, der Formate kopiert statt lizensiert, findet keine Türen mehr offen. Das ist kein juristischer, sondern ein sozialer Mechanismus und in einer Branche, in der

dieselben Firmen immer wieder miteinander Geschäfte machen, funktioniert er erstaunlich gut. Das Interessante ist, es gibt Formatbibeln, die man lesen kann. Aber eben nicht von Reality Shows, sondern von Scripted Serien. Die Duffer Brothers haben die Bibel für Stranger Things, damals noch unter dem Arbeitstitel One Talk, öffentlich gemacht, 23 Seiten gestaltet wie ein altes Stephen King Taschenbuch, darin steht, wie die Figuren sich anfühlen sollen, welche Filme als Referenz dienen, wie die 3. Akte der 1.

Staffel aufgebaut sind. Es ist ein Verkaufsdokument. Und gleichzeitig das Versprechen, so wird diese Welt aussehen, so wird sie sich anfühlen. Was darin aber nicht steht, wie viele Kameras in welchem Winkel hängen, in welcher Reihenfolge Szenen gedreht werden, wer wann was sagt, das ist eine Bibel für Autorinnen, nicht für Produktionsmanagerinnen eine Reality Format Bibel ist das Gegenteil, die regelt nicht Ton und Atmosphäre, die kommt sowieso durch das Zwischenmenschliche, die regelt Abläufe, wann wird abgestimmt. Was passiert, wenn jemand verletzt wird? Welche Challenges sind Pflicht?

Die Reality Format Bibel ist kein Betriebshandbuch, kein Pitchdokument das einzige mal, dass Teile davon öffentlich wurden, war durch Gerichtsverfahren und selbst da nur bruchstückhaft das britische Produktionsunternehmen Cast Away hat es Survivor entwickelt und klagte gegen Endomool sie sagten, Big Brother sei eine Kopie ihres Formats, die Ähnlichkeiten sind auf den ersten Blick schon da.

Eine Gruppe Menschen isoliert von der Außenwelt, regelmäßige Rauswürfe und am Ende gewinnt eine Person castlevazer ihr Format geklaut. Der Fall landete bis vor dem niederländischen Hochrat das Gericht stellte 2004 fest, dass das survive Format urheberrechtlich schützbar ist, weil ein Format nicht aus einer Idee allein besteht, sondern aus einer spezifischen Kombination von Elementen.

Welche Elemente das genau sind, blieb intern, ob Big Brother dagegen verstoßen hat. Nein, so das Gericht. Trotz Ähnlichkeiten in der Grundstruktur zu verschiedenen der Ausführung Endomol hat also gewonnen. Aufschlussreicher war ein israelischer Fall auch hier, endomol klagte diesmal selbst gegen eine lokale Produktionsfirma wegen angeblichem Kopieren von Big Brother, um zu gewinnen, hätte Endomol die internen Direktiven offenlegen müssen, also die Formel nach der Big Brother weltweit produziert wird. Endomol hat den Fall lieber fallen lassen, als das Dokument zu zeigen.

Und das sagt Halt auch alles. Die Formatbibel ist so wertvoll, dass ihre Besitzerinnen lieber einen Prozess verlieren, als sie zu veröffentlichen. Was drinsteht, bleibt ein strenges Betriebsgeheimnis, und das ausgerechnet in einer Branche, die uns 24 Stunden am Tag beim Leben zuschauen lässt. Eine Formatbibel kann ein paar Seiten lang sein oder mehrere 100. The Voice, die Castingshow, bei der die Jury die Kandidatinnen zunächst nur hört und sich ihre Stühle erst umdrehen, wenn sie auf den Buzzer drücken soll.

Eine Formatbibel haben, die so detailliert ist, dass sie selbst die Abläufe rund um den Buzzer Moment vorschreibt. Also wer wann drücken darf, wenn mehrere Jurorinnen gleichzeitig wollen. Und Survivor legt die Grundstruktur jeder einzelnen Folge fest. Herausforderung Tribal Council Rauswurf. In dieser Reihenfolge immer seit über 25 Jahren und inzwischen in der 50. US Staffel.

Big Brother schreibt vor, wie das Haus gebaut sein muss, wie viele Kameras wo hängen, welche Zonen es geben muss. Das alles ist durch die Gerichtsverfahren dokumentiert, das sind also keine Empfehlungen, sondern Bedingungen für die Lizenz. Wer ein Format kauft, kauft also nicht nur eine Idee, die Produktion kauft ein System und verpflichtet sich, dieses System einzuhalten.

Jedenfalls in seinen Grundzügen, was lokale Produktion innerhalb dieses Systems machen, ist eine andere Frage. Wenn ein Format also verkauft wird, passiert folgendes die Produktionsfirma, der die Formatbibel gehört, lizensiert sie an einen Sender oder an eine lokale Produktionsfirma in einem anderen Land, die kaufen damit das Recht eine eigene Version zu produzieren mit eigenen Kandidatinnen, eigener Sprache, eigenem Sendeplatz, aber nach denselben Grundregeln.

Das ist ein riesiges Geschäft. Die Firmen, die dabei wirklich verdienen, sind nicht die Sender, also hier RTL, prosieben, Sat. 1, sondern die Formatrechteinhaber dahinter, denn die besitzen die Formatbibeln, die kassieren die Lizenzgebühren, egal ob eine Show in Deutschland, Australien oder Brasilien läuft, das Geld fließt zurück zu denselben Firmen, nehmen wir freemental als Beispiel.

Deutschland sucht den Superstars eine Lizenz von Pop Idle, dem britischen Original, entwickelt von Simon Fuller. The Voice gehört zu ITV Studios mit niederländischem Ursprung, entwickelt von John de Mol, der Mann, der Big Brother erfunden hat und der auch der Bruder von Traumhochzeit Ikone Linda de Mol ist. Das Dschungelcamp ist eine Lizenz von Ama Celebrity Get Me Out of Here, ebenfalls von ITV 3, der bekanntesten Deutschen Reality Formate und keines davon ist eine deutsche Erfindung. Alle sind lizensierte Versionen von etwas, das woanders entwickelt wurde.

Das bedeutet aber nicht, dass lokale Produktion keine Gestaltungsmacht haben. Innerhalb der Formatbibel gibt es durchaus Spielraum für Casting Entscheidungen, für Moderationsstil, für Dramaturgie, aber der Rahmen steht und dieser Rahmen, der gehört halt jemand anderem. Was passiert also, wenn ein Format in ein anderes Land reist und die Übersetzung nicht funktioniert?

Dafür gibt es tatsächlich kein besseres Beispiel als Survivor in Deutschland. Und es liegt nicht daran, dass die deutschen Versuche besonders schlecht waren, sondern daran, dass es so viele davon gibt. Die Chronologie ist fast schon irgendwie komisch im Jahr 2000 startete Sat. 1 unter dem Titel das Inselduell den ersten Versuch, 13 Kandidatinnen auf einer malaysischen Insel, moderiert von Volker Pitschek kurz danach zog RTL 2 nach. Expedition Robinson auf der Nachbarinsel zur gleichen Zeit gedreht, nur etwas später ausgestrahlt in Koproduktion mit dem österreichischen ORF.

Beide floppten. Rtl 2 versuchte es erneut im Jahr 2001 mit gestrandet, zeigt, was in Dir steckt ähnliches Konzept, diesmal ohne Österreich, aber ähnliches Ergebnis dann kam RTL mit Outback 2002, einer inoffiziellen Adaption der australischen Survivor Staffel. 2007 nahm sich prosieben des Formats an, dieses Mal unter dem Originaltitel Survivor. Davon gab es eine Staffel, dann mal Schluss 2019 versuchte es Vox mit Florian Weber als Moderator, es gab enttäuschende Quoten, ebenfalls nur eine Staffel seit März, 2026 läuft bei Sport 1, die nächste Adaption, moderiert von Detlef die Soest, das sind also 6 versuche in 26 Jahren und bisher hat sich kein einziger langfristig etabliert. Und auch die aktuellen Zahlen

von Survivor bei Sport 1 sehen eher schlecht aus, weil zum Vergleich in den USA läuft Survivor seit 2000 ununterbrochen 2026, also in diesem Jahr geht die 50. Staffelaufsendung in Frankreich, in Australien, in vielen anderen Ländern läuft das Format seit Jahren stabil, nur in Deutschland will es nicht klappen.

Das liegt aber nicht daran, dass das deutsche Publikum grundsätzlich kein survival Format mag, denn das wäre irgendwie zu einfach. Wobei ich auch sagen muss, ich selbst schau es auch nicht gerne. Survival ist jetzt auch nicht mein Format, aber das erklärt Halt nicht, warum es nirgendwo zündet. Das Dschungelcamp läuft seit 2004 stabil und hier haben wir auch Menschen in abgeschiedener Umgebung Herausforderungen, rauswürfe, also ähnliche Zutaten und auch andere Formate kommen immer wieder und funktionieren. Reality Backpackers, Good Luck Guys, Die Abenteuerwelle reißt nicht ab.

Der Unterschied liegt woanders, denn Survivor ist im Kern vielmehr ein Strategiespiel. Die amerikanische Version hat sich über Jahrzehnte zu einem hochkomplexen sozialen Schachspiel entwickelt, Allianzen, Verrat, psychologische Taktik, das Publikum kennt die Regeln, verfolgt die Züge, diskutiert Strategien, diese Zuschauerinnenbeziehungen steht nicht einfach in einer Staffel, die braucht Zeit, Kontinuität und eine Community, die Mitwächst. Und das Dschungelcamp hat auch einfach eine andere Logik, denn es verkauft keine Strategie.

Es verkauft Prominente in peinlichen Situationen, das Publikum schaut nicht wegen des Spiels, sondern wegen der Persönlichkeiten, und das ist n völlig anderes Versprechen an die Zuschauerinnen und so funktionieren auch die anderen deutschen Abenteuerformate, die sich halten, jedes Mal. Also wenn ein Sender Survivor kauft, kauft er die Formatbibel.

Aber nicht die Zuschauer in Beziehung, die das Format in anderen Ländern über Jahre hinweg aufgebaut hat. Denn die ist nicht lizensierbar, die muss wachsen, und dafür hat kein deutscher Sender je die Geduld aufgebracht. Die eigentliche Frage dabei ist nicht, warum Survivor in Deutschland scheitert, die Frage ist vielmehr, warum wird es trotzdem immer wieder gekauft? 6.

Versuche bedeuten, dass mindestens 6 verschiedene Entscheidungsträgerinnen in deutschen Sendern an einem Tisch gesessen und gesagt haben, dieses Mal wird es funktionieren und dahinter steckt keine Naivität, sondern eine ökonomische Logik. Survivor ist eines der meistlizensierten Formate der Welt, es läuft auf über 50 Märkten, die Formatbibel ist erprobt, die Produktionskosten sind kalkulierbar, das Preisgeld ist das höchste Risiko im Budget, für Sendereinkäuferinnen ist das ein attraktives Paket.

Kein Entwicklungsrisiko, kein ungetestetes Konzept, ein nachgewiesener Weltmarktführer. Dass es in Deutschland bisher nicht funktioniert hat, wirkt im Einkaufsgespräch wie ein lokales Umsetzungsproblem, nicht wie ein strukturelles. Und vielleicht ist das auch einfach die ehrliche Erklärung für den sechsten Versuch bei Sport 1, die Logik des Formats ist so überzeugend auf dem Papier, dass jede neue Generation von Senderverantwortlichen glaubt, die vorherige habe es nur falsch gemacht.

Die Formatbibel verspricht etwas, das die deutschen Adaptionen nie einlösen konnten. Und trotzdem kauft man sie wieder. Ein Format kann gleichzeitig eines der erfolgreichsten der Welt und in einem spezifischen Markt strukturell nicht vermittelbar sein, beides ist wahr und die Formatbibel kann dir nicht sagen, welches für deinen Markt gilt, das musst du selbst rausfinden, wenn Survivor zeigt was passiert, wenn die Übersetzung scheitert, dann zeigt Temptation Island etwas anderes.

Nämlich, was passiert, wenn dieselbe Formatbibel zu 2 grundverschiedenen Sendungen führt. Temptation Island gibt es seit 2001 das amerikanische Original läuft bei Fox die Grundidee, Paare, die sich unsicher über ihre Beziehung sind, werden getrennt, Frauen auf eine Seite, Männer auf die andere und sie verbringen dort Zeit mit Singles in der US Version passiert das Ganze auf Hawaii, auf echten unterschiedlichen Inseln. Die Paare jeweils mit den Single Ladies oder Männern, werden tatsächlich auf unterschiedlichen Inseln untergebracht.

In der deutschen Version sind es getrennte Villen, meistens in Griechenland, das Setting ist also schon die erste Übersetzungsentscheidung, am Ende entscheiden beide, ob sie bei ihrem Partner oder ihrer Partnerin bleiben oder nicht, dieselbe Formatbibel, also dieselbe Grundstruktur, und trotzdem sind die amerikanische und die deutsche Version kaum als dasselbe Format erkennbar. Die amerikanische Version nämlich stellt eine echte Frage. Ist diese Beziehung die richtige? Die Paare, die dorthin kommen, haben echte Zweifel, die Singles, die führen echte Gespräche, bauen echte Beziehungen auf und die Show endet nicht selten damit, dass jemand die Beziehung beendet, idealerweise weil er oder sie jemanden gefunden hat, der

wirklich passt. Das ist also kein Kollateralschaden, sondern vielmehr das Versprechen des Formats und die deutsche Version auf RTL Plus hat eine ganz andere Logik. Die Frage ist nicht, ob die Beziehung richtig ist. Die Frage ist, wie lange es dauert, bis jemand fremd geht. Eskalation ist das primäre Produktionsziel, der Alkohol fließt, die Situationen werden so gebaut, dass Grenzen fallen und die brisantesten Szenen werden den Partnerinnen dann am Lagerfeuer präsentiert.

Die Kandidatinnen sind keine Paare mit echten Problemen, sondern Material für Konflikte, das Ende einer Beziehung ist hier kein ehrliches Ergebnis, es ist zugegebenermaßen das Quotenziel und. Eine Formatbibel definiert also den Rahmen, was innerhalb dieses Rahmens passiert ist. Eine Produktionsentscheidung und Produktionsentscheidungen sind keine neutralen technischen Fragen, sie sind kulturelle und ökonomische Entscheidungen. Was will der Sender, was erwartet das Publikum, was verkauft Werbeplätze?

In den USA wird Temptation Island auf einem Kabelkanal gesendet, mit einem Publikum, das auch emotional Komplexeres Reality TV gewöhnt ist. In Deutschland läuft es auf RTL plus, einem Streamingdienst, der mit explizitem Content Abonnentinnen halten will und der deshalb immer wieder auf Kandidatinnen setzt, die für Eskalation bekannt sind.

Das sind also unterschiedliche ökonomische Logiken und sie produzieren unterschiedliche Sendungen aus derselben formatbibel Formate können also reisen, Kontext aber nicht, wer versteht, dass jede lokale Adaption eine Übersetzungsleistung ist. Mit allen Verschiebungen, die Übersetzungen nun mal mit sich bringen, schaut Reality TV anders. Aber es gibt noch eine dritte Variante, die über Scheitern und Umdeuten hinausgeht.

Formate, die in einem Land so tief verwurzelt sind, dass sie woanders gar nicht replizierbar sind. Bauer sucht Frau läuft in Deutschland seit 2005 inzwischen über 20 Staffeln mit Einschaltquoten, die kaum ein anderes Format noch erreicht, es gibt lizensierte Version in anderen Ländern, aber keiner hat diese emotionale Bindung wie das deutsche Format. Und es liegt nicht an der Formatbibel, denn die ist ja übertragbar.

Es liegt daran, dass Bauer sucht Frau in Deutschland auf etwas trifft, das kulturell sehr spezifisch ist. Eine bestimmte Sehnsucht nach Ländlichkeit, nach Echtheit, nach Beziehungen jenseits von Großstadtdynamiken diese Sehnsucht ist nicht exportierbar, sie ist vielmehr Teil des Kontexts, der mit der Formatbibel nicht mitreisen kann. Ähnliches Beispiel ist der Maulwurf the Maul. Das läuft in Belgien und den Niederlanden seit den späten Neunzigern und hat dort Kultstatus. In Deutschland ist es mehrfach gescheitert, dabei ist das Konzept schon stark, eine Gruppe, unter der sich ein Saboteur oder eine Saboteurin versteckt, der da die von den anderen entlarvt werden muss.

Wir haben hier Spannung, Strategie, soziale Dynamik, alles da, aber es hat nie gezündet, vielleicht liegt das auch wieder daran, dass The Moll ein Format ist, das Vertrauen zwischen Zuschauern und Kandidatinnen voraussetzt, das über Staffeln wächst. Vielleicht aber auch, weil die Belgisch niederländische Fernsehkultur eine andere Beziehung zu diesem Typ von Rätselformat hat.

Vielleicht ist es aber auch ein anderer Grund, den keine Formatbibel aufschreiben kann, es gibt aber auch noch eine Frage, die das alles zuspitzt, ab wann ist eine lokale Adaption kein adaptiertes Format mehr, sondern ein eigenes, nehmen wir noch mal das Dschungelcamp, es ist eine Lizenz von I'm Celebrity Eget Me Out of Here, dem britischen Original von IT vese 2002. Die Grundstruktur ist auch hier dieselbe. Prominente in der Wildnis, Dschungelprüfungen, tägliche Rauswürfe, ein Dschungelkönig oder eine Dschungelkönigin am Ende.

ITV kassiert die Lizenzgebühren, die Formatbibel gilt, aber wer denkt beim Dschungelcamp noch an ein britisches Format für das deutsche Publikum ist das Dschungelcamp ein deutsches Format mit deutschen prominenten deutschen Moderatorinnen, einer deutschen Fernsehgeschichte, die inzwischen 20 Jahre umfasst.

Sonja Zietlow und zuerst Dirk Bach, dann Daniel Hartwich, mittlerweile Jan Köppen sind Teil der kulturellen DNA dieser Sendung. Die internen Witze, die wiederkehrenden Figuren, die Erwartungen des Publikums, das alles ist längst nicht mehr britisch, das ist einfach deutsches Dschungelcamp, und das passiert mit jedem Format, das lange genug läuft und gut genug ins lokale Fernsehen integriert wird. Es überschreibt seine eigene Herkunft. Die Formatbibel ist noch da, die Lizenzgebühren fließen noch, aber das kulturelle Eigentum hat längst die Seite gewechselt. Das Publikum hält das Dschungelcamp für Seins und nicht für das von ITV, ein Wirtschaftsprodukt, das konsequent genug lokalisiert

wird, verwandelt sich irgendwann in etwas, das wie Kultur aussieht, und dann ist die Frage, wem es eigentlich gehört, nicht mehr nur juristisch interessant. Ich hab jetzt also ganz viel über Formatbibeln geredet, aber noch nicht darüber, wer sie eigentlich schreibt. Und wer davon profitiert? Es sind nämlich nicht die Sender, die Reality TV prägen, Sender kaufen ein, die eigentliche Macht liegt bei den Formatentwicklerinnen und Produktionsfirmen, den Firmen, die Formate erfinden, besitzen und weltweit lizensieren. Jetzt nenne ich noch mal die 3 Namen, die hier entscheidend sind, Endemol Shine, Remental und ITV Studios. Diese 3 Firmen besitzen einen erheblichen Teil der weltweit laufenden Reality Formate Big

Brother by Endemol John de mol. Survivor, ursprünglich Charlie Parsons, inzwischen durch mehrere Hände gegangen. The Voice auch John de Mol, ITV Studios, God Talent, Simon Cowell, Freemental, The Bachelor, Mike Flies, Warner Brothers, Unscripted Television ein Format, das funktioniert, wird nicht einmal produziert, es wird Hunderte mal produziert, in Hunderten von Ländern mit 100, lokalen Produktionsfirmen und die Formatrechteinhaber kassieren jedes Mal.

Das Risiko liegt bei den Sendern. Die Gewinne fließen nach oben und hier wird es konkret, denn man könnte jetzt die Frage stellen, was kostet so eine Reality Produktion überhaupt. Natürlich haben wir da keine konkreten Antworten drauf, aber branchenangaben bewegen sich für hochwertige Reality Formate in Deutschland bei etwa 100000 bis 200000 pro Stunde Sendezeit und günstigere Formate liegen deutlich darunter. Das Dschungelcamp ist n Ausreißer rund 30000000,00€ pro Staffel gehen an die Produktionsfirma, was etwa 1 Komma 7000000,00€ pro Folge entspricht. Aber das Dschungelcamp dritt in Australien hat ein riesiges Team und RTL verdient allein durch Werbung pro Folge etwa 4000000,00€.

Also das Modell rechnet sich im Vergleich dazu kosten Deutsche Vorabendserien wie Großstadtrevier oder Soko im Schnitt um die 450000€ pro Folge. Prestigeproduktion wie Babylon Berlin lagen bei 2 Komma 5000000€ pro Episode. Reality TV ist also nicht immer billiger als jede Serienproduktion, aber es ist strukturell anders kalkulierbar, weil die teuersten Posten wegfallen, und dann gucken wir uns mal an, was ein Sender für die Lizenz zahlt, auch das ist selten öffentlich, aber Brancheninsider innen sprechen von Lizenzgebühren im mittleren 5 bis sechsstelligen Bereich pro Staffel für etablierte Formate.

Ein Format wie God Talent oder The Voice, das gleichzeitig in 50 Ländern läuft, generiert allein durch Lizenzgebühren jährlich achtstellige Summen für die Rechteinhaberinnen. Passives Einkommen auf eine Idee, die irgendwann mal entwickelt wurde und was verdienen denn die Kandidatinnen? Meistens erstaunlich wenig für kleinere Formate oft nur eine Aufwandsentschädigung im dreistelligen Bereich pro Drehtag.

Für größere Shows manchmal mehr. Aber gemessen an den Produktionsbudgets und Werbeeinnahmen, die ihre Präsenz generiert, ist ihre Vergütung strukturell marginal. Das günstigste Element in dieser gesamten Wertschöpfungskette sind also die Menschen, um die es tatsächlich geht. Das Modell funktioniert, weil Reality TV strukturell billiger ist als Scripted, ich sag's ja immer wieder keine Drehbuchautorinnen, die als solche anerkannt und bezahlt werden müssen, keine aufwändigen Sets, keine Schauspielerinnen mit Agenturen. Und das erklärt auch mal wieder, warum der WGA Streik 2007 beziehungsweise 2008 das Genre so massiv beschleunigt hat, als die Drehbuchautorinnen streikten, brauchten die Sender schnell Content, der ohne sie

produziert werden konnte. Ja, der TTV passte genau, was ein Format also wirklich ist. Kein kreativer Einfall, keine bloße Anleitung, es ist ein Wirtschaftsprodukt, das darauf ausgelegt ist, so oft wie möglich reproduziert zu werden, mit so wenig Aufwand wie möglich für so viel Geld wie möglich. Die Formatbibel ist der Lizenzvertrag, der das möglich macht, und das ist die Linse, durch die wir in den nächsten Folgen auf einzelne Unterkategorien schauen werden.

Nicht als Unterhaltungsformen, sondern als Wirtschaftsprodukte mit allem, was das bedeutet für die Menschen, die darin vorkommen, und für die Bilder, die sie von uns und über uns produzieren und mit diesem Blick verändert sich die Frage, die man beim Schauen stellt, nicht mehr. Warum ist diese Sendung so, sondern was steht in der Formatbibel und. Und was hat die lokale Produktion daraus gemacht? Nicht mehr, warum verhalten sich die Kandidatinnen so, sondern welche Produktionsentscheidungen haben dieses Verhalten wahrscheinlich gemacht und vor allem wem gehört dieses Format, wer verdient daran, wer hat entschieden, was es bedeuten soll in der nächsten Folge schauen wir uns dann das erste Subgenre an, das diese Fragen

besonders laut stellt. Datingshows von Herzblatt bis Love Island. Hier haben wir lieber als Produkt Intimität als Content und Körper als Casting Kriterium. Das wird die nächste Woche Montag hier im Deep Dive. Am Donnerstag gibt es die letzte Folge mit Laura, in der wir noch mal unsere gemeinsame Zeit Revue passieren lassen und wahrscheinlich wird es in der Zwischenzeit dann auch von mir alleine die 1.

Folge zum Kampf der Reality Allstars geben. Damit du über neue Folgen immer auf dem Laufenden bist und nichts verpasst. Aktivier auf jeden Fall die Glocke und Folg den Podcast auf der Plattform, auf der du ihn hörst, um benachrichtigt zu werden, wenn es eine neue Folge gibt. Dadurch, dass sich hier jetzt strukturell alles n bisschen verändert, sind die Sendetermine noch nicht so ganz festgelegt, aber sobald ich das.

Konkret beschlossen habe wirst du es auch an dieser Stelle hören. Ansonsten gibt es auch immer News und Infos zum Podcast auf Instagram. Da findest du den Reality TV Check unter Reality TV Check. Ich freue mich außerdem über gute Bewertungen und Kommentare auf der Plattform deiner Wahl und sage jetzt bis zum nächsten Mal.

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