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Shownotes
Die Kamera geht aus. Die Staffel endet. Das System macht weiter. Aber die Menschen, die darin vorgekommen sind, leben mit dem, was übrig geblieben ist — mit dem Material, das nicht altert, mit den Rollen, die das Publikum nicht loslässt, und ohne die Plattform, die sie bräuchten, um ihre eigene Geschichte zu erzählen.
In dieser Folge schauen wir uns an, was nach der Show passiert. Drei Probleme, sechs Fälle.
Weiterführendes
Lijana Kaggwa: Du verdienst den Tod! Wie Cybermobbing Menschen und die Gesellschaft zerstört und wie wir wieder mehr Respekt ins Netz bringen (Komplett-Media, 2023) (komplett-media.com/products/du-verdienst-den-tod)
ARD-Dokuserie: Die Küblböck-Story – Eure Lana Kaiser (2025, verfügbar in der ARD Mediathek, Suche: „Küblböck Story")
Podcast: Harsh Reality: The Story of Miriam Rivera (Wondery, 2021) (open.spotify.com/show/7pmAWEkvhzuQ11uCmIJmxT)
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Titelmusik: yourtunes über Pond5 / Titelmusik DeepDive: INPLUSMUSIC über pixabay
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Hi, ich bin Pia und das ist der Reality TV Check Deep Dive. Wir befinden uns in Folge 7 und heute geht es um folgendes. Die Show endet, die Staffel läuft aus, der Sender schaltet weiter und die Person, die für einige Zeit auf dem Bildschirm zu sehen war, diese Person lebt mit dem was übrig geblieben ist und was das konkret bedeutet. Das schauen wir uns heute an.
Wer im Reality TV eine Rolle bekommt, trägt sie in der Regel nicht nur für die Dauer dieser einen Staffel und ich will erklären, warum das kein Zufall ist, sondern Teil des Games. Es gibt einen Moment, den jede Person kennt, die je in einem dieser Formate war, der Moment, in dem die Sendung läuft und sie selbst zum ersten Mal sieht, was aus ihr gemacht wurde, also nicht das, was vor Ort passiert ist, sondern das, was daraus gemacht wurde. Manche Teilnehmerinnen haben das in Interviews beschrieben, manche haben das angedeutet und andere Schweigen bis heute darüber.
Und das nicht, weil es nichts zu sagen gibt, sondern weil der Vertrag es verhindert. Wir hatten es ja bereits in der letzten Folge nd AS, also Verschwiegenheitserklärungen sind fester Bestandteil der Reality TV Verträge, aber selbst wenn der Vertrag dann irgendwann ausläuft, das Material, das ist immer noch da und es läuft weiter, es ist weiterhin auf den Streaming Plattformen zu sehen und.
Oder auf Youtube in Clips, die jemand hochgeladen hat, in Reactions oder in irgendwelchen Compilations, die jemand zusammengeschnitten hat oder in Foren Threads, die vor Jahren angelegt wurden und die bis heute aufgerufen werden können. Es ist in den Suchergebnissen auf Social Media, es ist einfach überall, das Material altert nicht, es kennt keinen Kontext, keine Entwicklung, kein vorher und kein nachher.
Die Person, die da zu sehen ist, die verändert sich. Aber das Showmaterial eben nicht. Das ist das erste von 3 Problemen, über die ich heute reden will. Steigen wir ein mit einem Beispiel, dass diese Problematik sehr konkret macht. Liana Kaqua, Germanys Next Topmodel 2020 das war die 15. Staffel der Show Liana war eine der stärksten Kandidatinnen in dieser Staffel und kam auch als Favoritin ins Finale.
Bei GNTM lief es auch in dem Jahr nach der üblichen Abfolge. Die Staffel wird im Herbst gedreht, Monate bevor die 1. Folge läuft. Die Kandidatinnen haben während der Produktion keinen Zugriff auf Social Media, sie sind also von der Außenwelt abgeschnitten, während das Bild, das die Produktion von ihnen baut, bereits in der Redaktion entsteht. Liana kam als Favoritin ins Finale. Was das Publikum in den Monaten davor Woche für Woche zu sehen bekam, war aber etwas anderes.
Die Produktion hatte sie als und ich setze Anführungszeichen Zicke gezeigt als Unruhestifterin, als die Konfliktfigur, das Drama, das sie angeblich verursachte, das trieb die Quote, unter anderem wurde ihr ein Streit mit einer Mitkandidatin angedichtet, mit der sie sich aber in Wirklichkeit, wie sie später sagte, bis heute ziemlich gut versteht. Und bis zu dem Zeitpunkt der Ausstrahlung war ihr das Halt überhaupt nicht klar.
Sie saß im Flugzeug nach Jamaika, als die 4. Folge lief und nach der Landung las sie den ersten Hasskommentar und dann noch 1000 weitere. Was dann folgte, war kein normaler Backlash, der entsteht, wenn eine Person vielleicht etwas unbeliebter ist. Bei Liana gründeten Menschen eigene Instagram Accounts mit Namen wie alle hassen Liana.
Bei einem Spaziergang wurde sie von Jugendlichen angespuckt. In Ihrem Garten fand sie Giftköder für ihren Hund. Als Konsequenz für all das musste sie unter Polizeischutz gestellt werden, sie sagte darüber, dass sie in dieser Zeit Suizidgedanken hatte, und das ist kein Fall von, damit muss man halt rechnen, wenn man ins Fernsehen geht, das ist die direkte Konsequenz einer Schnittentscheidung, die jemand in einer Redaktion getroffen hat, um die Quote zu steigern.
Im Finale ist Liana dann rausgegangen, freiwillig vor Millionen von Zuschauerinnen mit den Hasskommentaren auf ihren Mantel gedruckt. Damit setzte sie ein Statement gegen Mobbing, und gleichzeitig war es dennoch auch der Moment, in dem die Produktion bekommen hat, was sie wollte, maximale Aufmerksamkeit, maximales Drama, maximale Quote und auch was danach passierte, ist strukturell interessant, denn Liana hat später versucht, öffentlich zu erklären, was hinter den Kulissen passiert war.
Die Produktionsfirma drohte ihr mit einer Vertragsstrafe von 250000€ wegen Verstoß gegen die Verschwiegenheitsklausel. Sie hat das Video mit ihrem Statement trotzdem veröffentlicht und in einem gerichtlichen Urteil von 2022 in vielen Punkten recht bekommen. Das ist einer der seltenen Fälle, in denen jemand sich getraut hat und öffentlich korrigiert hat, was falsch dargestellt wurde und damit durchgekommen ist. Heute hält Liana Vorträge an Schulen, engagiert sich gegen Cybermobbing, hat ein Buch veröffentlicht. Sie hat aus der Rolle, die das System ihr aufgezwungen hat, eine eigene Gegenerzählung gebaut, das schaffen aber die wenigsten, aber die Clips von Liana bei GNTM, die laufen trotzdem weiter, die Rolle, die
der Schnitt gebaut hat, ist weiter abrufbar, das Urteil aber nicht ohne weiteres, denn dazu muss man erstmal konkret recherchieren, bleiben wir bei GNTM. Aber gehen ein paar Jahre zurück in eine andere Staffel, eine andere Konstellation und ein anderes Muster. Natalie Volk, heute bekannt als Miranda de Grande, sie war Teilnehmerin der 9. Staffel im Jahr 2014 mit gerade mal 16 Jahren nahm sie an der Show teil und hatte von Anfang an eine klare Vorstellung davon, was sie wollte, auffallen, im Gedächtnis bleiben, eine Karriere aufbauen, das hat sie auch ganz offen gesagt. Sätze wie für die Karriere braucht man keine Freunde oder ich bin schon so eiskalt geworden, ich kann auf Knopfdruck weinen, die sind
dokumentiert, die hat sie definitiv so gesagt, aber noch mal zur Erinnerung, sie war 16 man kann also durchaus die Frage stellen, was davon wirklich sie selbst war und was davon das, was eine Sechzehnjährige eben sagt, wenn eine Kamera auf sie gerichtet ist. Und das Umfeld ist belohnt, wenn man polarisiert. Die Produktion hat auch sie zur Staffelzicke gemacht. Ehrgeizig, kalt und berechnet.
Und das Publikum hat die Rolle ungefragt übernommen. Und als sie dann 2 Jahre später ins Dschungelcamp ging, war die Erwartungshaltung schon gefestigt, die obligatorische GNTM Krawallbürste, so wurde sie angekündigt, so wurde sie besetzt und so wurde sie auch geschnitten und was danach kam, war eine ganz konkrete und radikale Reaktion auf das, was geschehen war, sie änderte ihren Namen zu Miranda de Granda und zog nach Australien. Und studiert dort Medizin mit dem Schwerpunkt Neurowissenschaften.
Sie hat jüngeren Mädchen öffentlich geraten, gar nicht erst mit dem Reality TB anzufangen, und es klingt nicht wirklich nach Bitterkeit, sondern nach jemandem, die sehr genau weiß, was sie hinter sich gelassen hat. Sie hat sich nicht aus Erschöpfung zurückgezogen, das ist vielmehr eine Entscheidung, so weit weg wie möglich von dem zu sein, was das System aus ihr gemacht hat.
Und trotzdem ist es so, dass wenn man heute Natalie Volk, Google man zuerst die Zicke aus Staffel 9 von GNTM findet, die Clips, die Sprüche und auch die Compilations Miranda de Grande existiert. Sie ist auf Instagram aktiv, erinnert dort an das, was mit ihr gemacht wurde und hat eine eigene Erzählung aufgebaut, aber die Rolle, die vor über 10 Jahren in einer Redaktion entworfen wurde, läuft parallel dazu weiter und hat kein Verfallsdatum, was auch dazu gehört. Als Liana 2022 ihr Video veröffentlichte, meldete sich Miranda öffentlich zu Wort und unterstützte sie. Dabei packte sie selbst auf sie sprach von Verletzungen während der Produktion, von Erlebnissen, die sie als Traumatisierend beschreibt, die Produktionsfirma
von Germanys Next Topmodel reagierte mit juristischen Schritten, 2 Firmen beantragten eine einstweilige Verfügung, die er weitere Äußerungen untersagen sollte. Das Gericht wies den Antrag teilweise zurück. Miranda sagte danach dazu, alles, was ich öffentlich sage, wird gegen mich verwendet, das ist die gelernte Konsequenz aus dem, was passiert, wenn man versucht, die eigene Geschichte zu erzählen und das Gericht hat ihr zumindest teilweise recht gegeben, und das ist das zweite Problem.
Das Publikum hat in eine Erzählung investiert, und wenn die betreffende Person danach komplex wird, wenn sie geht, wenn sie sich neu erfindet, sich weigert, die Rolle weiterzuspielen, dann stört das. Die Erzählung läuft trotzdem weiter, weil das Publikum sie eben braucht, nicht die Person selbst. Weiter geht es mit einem Fall, der mir persönlich am Herzen liegt und der auf den ersten Blick wie eine Erfolgsgeschichte aussieht, beim zweiten Hinsehen aber etwas anderes zeigt. Ich spreche von Menderes, den meisten reicht der Vorname, und das ist an sich schon ein Befund. Menderes Bakci hat sich seit 2002 bei DSDS beworben, also Deutschland sucht den Superstar.
Staffel für Staffel über ein Jahrzehnt lang. Wer seinen Namen hört, hat sofort ein Bild im Kopf. Die Michael Jackson Imitation, die Jury, Kommentare natürlich Dieter Bohlen, der ihn öffentlich demontiert, Bohlens Urteil nach dem allerersten Auftritt Menderes Stimme sei nicht für professionelles Singen geeignet, das hat sich jetzt auch über die Jahre nicht grundlegend geändert und Menderes ist trotzdem immer wieder gekommen jedes Jahr.
Eben weil er es so unbedingt wollte. Nicht nur die Jury, sondern auch das Publikum hat ihn dafür zunächst ausgelacht und irgendwann zu lieben begonnen, nicht wegen seiner Stimme, sondern wegen der Hartnäckigkeit, er wurde zur Figur, der ewige Verlierer, der nie aufgibt, sympathisch, harmlos, verlässlich, das System hat diese Figur gebraucht und gepflegt, und Menderes hat sie mitgespielt, eben weil es die einzige Bühne war, auf der er vorkam. Ich glaube, er hat sich dem auch irgendwann einfach gefügt. Und vielleicht liegt darin auch sein anschließender Erfolg begründet.
Im Jahr 2016 wurde Menderes zum Dschungelkönig gekrönt und das nicht, weil er gesungen hat, sondern weil das Publikum ihn einfach mag, den Mann, der seit 20 Jahren kommt, scheitert und wiederkommt und dabei nie zynisch geworden ist, sondern immer ehrlich, warmherzig und authentisch geblieben ist.
Und seitdem findet Menderes viel im deutschen TV statt. Promi Big Brother The Fifty, Promis unter Palmen und auch immer wieder im ZDF Magazin Royal. Er tingelt durch die Formate, tritt ein Ballermann auf, dreht Werbespots, in denen er seine eigene DSDS Geschichte aufs Korn nimmt. Er hat eine Autobiographie veröffentlicht mit dem Titel Never Give Up und 2023 ein best of Album namens Sieger der Herzen, das Beste aus 20 Jahren.
Der Titel sagt eigentlich alles über die Umdeutung, die stattgefunden hat. Wenn Menderes weiterhin eine traurige, scheiternde Figur sieht, liegt sowas von falsch, denn er hat aus dem, was das System aus ihm gemacht hat, eine funktionierende Karriere gebaut. Aber trotzdem bleibt irgendwie die Frage, ob er eine andere Wahl gehabt hätte.
Er hat mitgespielt und dabei von dem System profitiert, das ihn jahrelang als Lachnummer behandelt hat, das könnte man als die eigenartigste Form von Erfolg sehen, die Reality TV so hervorbringt und das ist das dritte Problem. Wer keine eigene Plattform hat, wer keine Gegenerzählung bauen kann, wer auf das System angewiesen ist, um überhaupt sichtbar zu bleiben, der bleibt in der Rolle.
Nicht, weil er es will, sondern weil es keine Alternative gibt. Es gibt eine Person, die sehr eng verbunden ist mit dem Start dieses Podcasts, als Willy harren im April 2021 starb, für alle Außenstehenden völlig überraschend. Mit 45 Jahren in seiner Wohnung in Köln lief gerade die 2. Staffel von Promis unter Palmen er war einer der Kandidaten dieser Staffel Sat. 1 der Sender, auf dem es läuft, hatte bis dahin 2 Folgen ausgestrahlt und brach die Staffel sofort ab.
6 Folgen, in denen Willy noch zu sehen gewesen wären, wurden bis heute nicht gesendet und das war der Moment, der Laura und mich dazu gebracht hat, diesen Podcast einfach zu starten. Wir hatten schon länger darüber nachgedacht. Und dieser Tod und alles, was er sichtbar gemacht hat, das war der Anstoß. Willi Herren war eines der bekanntesten Gesichter der Lindenstraße, von 1992 bis 2007, also ganze 15 Jahre lang spielte er Oliver Klatt, den Sohn der Familie Weimar, aufgewachsen in der Lindenstraße, über Jahre hinweg Teil einer Geschichte, die Millionen Menschen wöchentlich verfolgt haben, das ist eine andere Art von Bekanntheit als Reality TV sie produziert.
Wer eine Figur über Jahre in einer Soap Serie spielt, wächst mit dem Publikum. Man kennt nicht nur das Gesicht, man kennt die Geschichte dahinter, die Familie, die Fehler, die Entwicklung, das ist Kapital, das sich aufbaut, langsam aber stabil, und es ist eine Rolle, in die man hinein wächst, mit der man identifiziert wird, die einem gehört, und dann ist Willi Herren bei der Lindenstraße rausgeflogen, er hat später selbst gesagt, das war wegen seines Kokainkonsums. Er war nicht mehr tragbar für das familienfreundliche, heile Weltprogramm und was danach kommt, macht sehr deutlich, wieso n klassischer Absturz verläuft Ballermann Auftritte Promi Big Brother, Dschungelcamp, Kampf der Reality Stars Sommerhaus der Stars mit
seiner Frau Jasmin, von der er sich kurz vor seinem Tod getrennt hatte jedes dieser Formate hat andere Bedingungen gestellt, mehr Exposition, weniger Kontrolle, mehr Sichtbarkeit, weniger Gestaltungsmacht über das eigene Bild. Ich will damit nicht sagen, dass Reality TV per se schlechter ist als die Schauspielerei.
Aber diese Entwicklung zeigt, wie das System jemanden auffängt, den eine andere Branche losgelassen hat und was es von ihm verlangt, um ihn weiter zu beschäftigen. Reality TV hat Willy harren eine Bühne gegeben, als er keine andere mehr hatte, das ist nicht nichts, aber es ist auch keine Rettung, es ist vielmehr n Tausch Sichtbarkeit gegen würde, gegen Kontrolle, gegen die Möglichkeit das eigene Bild zu gestalten. 2 Tage vor seinem Tod hatte er einen Foodtruck für Reibekuchen eröffnet. Er sagte dabei, Das ist erst der Anfang. Er hatte mit seiner Musik in der Regel 300 Auftritte im Jahr, durch die Pandemie war das weggebrochen, der Reibekuchenstand war sein Versuch, ein neues Standbein, ein eigenes Standbein
aufzubauen, seine Vision oben sing ich, unten kann man Reibekuchen Essen, dazu ist es aber nicht mehr gekommen, und als Willy starb, lief er noch im Fernsehen. In einer Staffel, die dann abgebrochen wurde, und das ist das Bild, das bleibt. Ein Mann, der im System war bis zum Ende und dessen tot das System kurz gestoppt hat, bevor es weitergemacht hat, als im Februar 2026 die 4.
Staffel von Promis unter Palmen anlief, also fast 5 Jahre nach Willys Tod und nachdem das Format 3 Jahre lang pausiert hatte, meldete sich der Senderchef von Sat. 1 erstmals zur Ungesendeten 2. Staffel. Er sagte, man denke immer wieder darüber nach, sie doch noch zu zeigen. Das Geld müsse nur stimmen, aber das Problem sei die Besetzung. Viele der damaligen Teilnehmenden gelten heute als gecancelt, Willian wird in dieser Begründung nicht erwähnt, man kann es also so lesen, der Sendestopp 2021 hatte weniger mit Pietät zu tun als mit Image, und jetzt, wo das Imageproblem ein anderes geworden ist, ist die Pietät offenbar verhandelbar.
Das ist kein Vorwurf, sondern eine Beobachtung darüber, wie das System funktioniert. Es stoppt kurz und dann macht es einfach weiter und bevor wir jetzt zum letzten Fall kommen, den ich heute besprechen will, werfen wir noch einen kurzen Blick über Deutschland hinaus, wenn es einen Fall gibt, der zeigt, wie weit das System gehen kann und der alles auf absolut absurde und menschenfeindliche Weise auf die Spitze getrieben hat. Im Jahr 2004 lief in Großbritannien eine Datingshow namens There is something about Miriam. Das Konzept 6 Männer werben um das mexikanische Model Miriam Rivera, ohne zu wissen, dass sie eine Transfrau ist. Und das war die Pointe.
Es war der ganze Sinn des Formats, Es ging nicht wirklich darum, dass sich hier jemand verlieben sollte. Miriam Rivera war nicht die Protagonistin der Show, sie war vielmehr der Twist. Im Finale wurde ihre Transidentität vor laufender Kamera enthüllt, die Reaktionen der Männer waren Teil des Spektakels, die Produktion hatte einen Psychiater engagiert. Für die Männer, die sich überrascht fühlen würden an Miriams psychische Verfassung, hatte aber wirklich niemand gedacht.
Und was danach passierte, Miriam konnte nie wieder in der Branche arbeiten. Die negative Wahrnehmung rund um die Show hat sie eingeholt und 2019 wurde sie tot in ihrer Wohnung in Mexiko aufgefunden, das ist der extremste Fall, den ich kenne von dem, worüber wir heute reden, jemand, die nicht mal formal so behandelt wurde, als ging es auch um sie.
Kein nachher, keine Karriere, keine Sicherheit. Das System hat Miriam als Mittel zum Zweck benutzt und sie dann einfach losgelassen, aber dieser Fall verdient eine eigene Folge finde ich. Dieses ganze Format müssen wir noch mal genauer besprechen, heute will ich nur anmerken, es existiert und es gehört in diesen Zusammenhang und dann ist da noch Lana Kaiser, ich nenne sie Lana Kaiser, denn das ist der Name, den sie sich selbst gegeben hat, kurz bevor sie verschwand. Die meisten kennen sie unter dem Namen, unter dem sie öffentlich bekannt wurde.
Daniel Kübelböck und hier kurz zum Verständnis in diesem Abschnitt verwende ich zunächst das männliche Pronomen für die Zeit, in der sie noch nicht geoutet war und wechsle zu weiblichen Pronomen ab dem Moment, in dem sie sich als Lana Kaiser zu erkennen gegeben hat, das ist vielleicht n bisschen verwirrend, aber ich glaube, so kann man dem ein bisschen besser folgen in dem historischen Kontext. 2002 das war die erste DSDS Staffel 17 Jahre alt er war der besondere Kandidat dieser 1.
Staffel und damit einer der ersten, der gezeigt hat, dass solche Kandidatinnen die exzentrischen, die anderen die polarisierenden, dass die Quote machen. Er war derjenige, über den alle geredet haben und das eben nicht, weil er der beste Sänger war, sondern weil er so offensichtlich anders war als alle anderen.
Er kam bis ins Finale und belegte den dritten Platz. Aber das ist nicht der Punkt. Der Punkt ist, was davor passiert war und was danach passiert ist. Das sind die Anfänge, eine schwere Kindheit, 15, Umzüge, Gewalt in der Familie, eine Mutter, die Trank, und dann kam Deutschland sucht den Superstar. Und damit kam ein Scheinwerferlicht, das auf jemanden gerichtet wurde, der noch keine 18 war, der sich selbst noch nicht kannte und der sehr offensichtlich anders war als das, was das Publikum und die Medien Anfang der Zweitausender mit normal meinten. Queer, exzentrisch, polarisierend, das waren die Zuschreibungen, was aber darunter lag, das hat das System nie interessiert, die Medien haben Daniel geliebt und gehasst, oft gleichzeitig, oft
innerhalb derselben Zeile. Die Bild Zeitung widmete ihm während seiner DSDS Staffel mehr Platz als irgendeinem anderen Kandidaten. Was das bedeutet, wenn man 17 ist diese Art von Aufmerksamkeit, diese Art von Druck, diese Art von öffentlichem Besitz, das lässt sich schwer beschreiben, er hat es in seiner Autobiografie versucht, was dann danach kam. Alben, die nicht mehr an den ersten Erfolg anknüpften, versuche sich neu zu verfinden.
Als Jazz Sänger, als Schauspieler, als Unternehmer. Eine Adoption durch eine Millionärin 2011 seitdem hieß er Daniel Kaiser Kübelböck bei Let's Dance 2015 gab es den sechsten Platz, eine Schauspielschule in Berlin, die nicht so lief, erhofft und irgendwann zunehmend aus der Öffentlichkeit verschwunden und 2018, ortete sie sich als Transfrau kurz vor ihrem Verschwinden postete sie auf Instagram. Dass sie Hormone nehme, dass ihr Herz wie das einer Frau fühle, dass sie endlich in der Lage sei, diesen Weg zu gehen. Und sie unterschrieb Eure Lana Kaiser am 9. September 2018 verschwand sie von einem Kreuzfahrtschiff in der Labradorsee.
Die letzte Sprachnachricht, die sie verschickt hat, lautet, ich möchte von dem Schiff hier runter was genau passiert ist, ist bis heute ungeklärt 2021 also 3 Jahre später wurde sie für tot erklärt. Und das ist das schwerste an diesem Fall und ich will das jetzt nicht überdramatisieren, weil das dem, was hier passiert ist, nicht gerecht wird.
Aber ich will auch nicht so tun, als wäre es nicht da und auch was danach dann noch passiert ist, gehört in diesen Zusammenhang, denn das Publikum hat plötzlich aufgehört, sie loszulassen, auch nach ihrem Tod. Rtl hat zu ihrem 40 Geburtstag ihr DSDS Casting Video erneut hochgeladen. Die Kommentarspalten sind voll mit Trauer, mit Mitgefühl, mit Menschen, die sie vermessen.
Sie ist also keinesfalls in Vergessenheit geraten, aber das zeigt eben auch genau das, worüber ich heute die ganze Zeit geredet habe. Das Material läuft weiter, das Archiv kennt keinen Tod, die Öffentlichkeit beansprucht weiter Zugang zu jemandem, der sich diesen Zugang nie wirklich ausgesucht hat. Der mit 17 in ein System geworfen wurde, das ihn brauchte, solange er Quote brachte und das ihn losgelassen hat, als es ihn nicht mehr brauchte. Und das ist das Bild mit dem ich diese Folge beenden will, nicht mit einer Antwort, weil es keine gibt, sondern mit der Frage die bleibt, was schulden wir Menschen die wir konsumiert haben, ich weiß es ehrlich gesagt selbst nicht, aber ich glaube, dass das Stellen dieser
Frage schon ein Anfang ist. Wir haben uns also heute angeschaut, was nach der Show passiert und was das System mit Menschen macht, die es irgendwann nicht mehr braucht. 3. Probleme, die immer wieder auftauchen das Material, das weiterläuft und nicht altert, das Publikum, das in einer Erzählung investiert hat und sie nicht loslässt und die fehlende Gegenerzählung, weil die Produktion die Plattform hat und die Person meistens nicht Liana, Miranda, Willi, Menderes, Miriam, Lana.
Sehr viele verschiedene Fälle, sehr verschiedene Verläufe, aber alle 3 Probleme stecken in jedem davon drin und sie alle zeigen dasselbe Muster. Die Kamera geht aus und trotzdem geht es weiter und auch hier geht es nächste Woche weiter in eine andere Richtung, aber nicht weg von dem was uns hierher geführt hat. Wenn du in der Zwischenzeit mit mir in Kontakt treten willst auf Instagram findest du den Podcast unterreality.tv Punkt Check. Ich freue mich über Nachrichten, Reaktionen und natürlich auch über alles, was dir zu den heutigen Fällen noch einfällt. Bei Spotify und Poddy Mo kannst du unter der Folge sehr gerne Kommentare hinterlassen und wenn Dir der Podcast gefällt, hinterlass unbedingt eine 5
Sterne Bewertung oder eine positive Reaktion und folge uns um keine Folge zu verpassen. Am Donnerstag gibt es dann unsere Besprechung vom Promis unter Palm Finale und Most Wanted Folge 3 und 4 und damit auch die vorletzte gemeinsame Folge mit Laura. Und die letzte reguläre Folge in dieser Konstellation? Bevor wir in ein neues Kapitel starten. Ich danke dir ganz herzlich fürs Zuhören bis zum nächsten Mal.