Reality TV Check

#296 - Deep Dive #12 - Sprache im Reality TV Teil 2

Mittwoch, 13. Mai 2026 · 42 min

MP3

Shownotes

Das ist Teil 2 der Doppelfolge zur Sprache im Reality TV.

Was wandert aus den Formaten in unseren Alltag? Über welche Sprachräume? Und wann wird aus Übersetzung eigentlich Aneignung?

Die These, die sich durch diese beiden Folgen zieht: Reality-Sprache landet bei uns nicht trotz Ironie, sondern über sie. Irgendwann fällt die Ironie weg. Das Wort bleibt.

Schreib in die Kommentare, welche Reality-Wörter dir noch eingefallen sind!
Ich freue mich über Nachrichten auf ⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠Instagram⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠ (instagram.com/reality.tv.check?igsh=MXZ1cHhzcG…) 💌⁠⁠⁠⁠⁠ und wenn du mir einen Kaffee spendierst (ko-fi.com/realitytvcheck) ☕️

⁠⁠⁠⁠⁠Wenn dir mein Podcast gefällt, freuen ich mich sehr, wenn du ein Abo und eine Bewertung da lässt!

Möchtest du mit mir zusammenarbeiten? Für Kooperationen, Werbung und kreative Partnerschaften erreichst du mich per Mail unter ⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠realitytvcheckpodcast@gmail.com⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠ 📩

Titelmusik: ⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠yourtunes über Pond5 / Titelmusik DeepDive: ⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠⁠INPLUSMUSIC über pixabay
Hosted on Acast. See acast.com/privacy for more information.

Transkriptvom Podcast bereitgestellt · Zeitmarken springen hin

Hi, ich bin Pia und das ist der Reality TV Check deepdive Folge Nummer 12 und damit der zweite Teil unserer Doppelfolge zur Sprache im Reality TV. Ich habe nach der letzten Folge noch mal einige Nachrichten bekommen und habe mich dann selbst auch an ein paar Dinge erinnert. Sprüche die ich vergessen hatte, Begriffe die ich gar nicht auf dem Schirm hatte, die wir aber wie selbstverständlich im Alltag nutzen. Und ehrlich gesagt, die Folge wäre eigentlich schon mit dem, was ich hatte, voll genug gewesen. Aber das, was nachgekommen ist, hat das ganze Bild noch mal um eine Schicht ergänzt und genau diese Schicht ist auch das, worum es heute geht an der Stelle aber auch noch ein kleiner Hinweis, ich erhebe hier

keinen Anspruch auf Vollständigkeit, es wäre kaum machbar. Reality TV ist schließlich n lebendiges Medium, jede Woche kommen neue Sprüche und Ausdrücke dazu, andere fallen weg, manche kommen erst Monate später richtig im Alltag an. Was du also heute hörst, ist eine Auswahl, wenn dir was fehlt, schreib mir gerne, dann finden wir vielleicht irgendwann mal einen dritten Teil und kurz zur Erinnerung, wo wir stehen geblieben sind.

Teil 1, das war die Innenschicht, ich habe mir angeguckt, was in den Formaten selbst gesprochen wird und das sortiert 4 Kategorien plus eine Unterbeobachtung zu tiervergleichen spiellogik Vokabular, das Beziehungen taktisch macht, Storytelling, Vokabular, mit dem sich Teilnehmerinnen selbst zu Figuren machen.

Entlastungsrhetorik die Verantwortung verschiebt und ikonische Einzelzitate, die als Memes Weiterwandern, plus die These, die durch beide Teile läuft. Realitysprache landet bei uns nicht trotz Ironie, sondern eben über sie. Wer ein Wort ironisch benutzt, hält es im Sprachgebrauch, irgendwann fällt die Ironie weg, das Wort bleibt, heute geht es um die Außensicht, was wandert tatsächlich nach außen und vor allem wie, auf welchen Wegen?

Über welche Sprachräume? Was machen die Wörter mit uns, wenn sie nicht mehr in der Show, sondern in einer privaten Nachricht oder beim Abendessen auftauchen und vorab eine Beobachtung, die mir beim Sortieren der ganzen Antworten aufgefallen ist und die ich direkt nach vorne setzen will, weil sie alles andere beeinflusst?

Deutsches Reality TV ist nicht nur ein Schauplatz für deutsche Sprache, die sich verändert, es ist so eine Art Schleuse zwischen Sprachen, englische Begriffe finden, über Reality TV ins Deutsche. Arabisches und türkisches Vokabular zirkuliert über bestimmte Formate, italienische oder französische Flüche tauchen auf, weil bestimmte Kandidatinnen sie mitbringen oder halt woanders aufgeschnappt haben. Deutsches Reality TV ist sprachlich gesehen ein erstaunlich internationaler Schauplatz, und das Macht es zu so einem wirksamen Übersetzungswerkzeug wir gucken uns heute also nicht nur an, was wandert, wir gucken uns auch an, von wonach wo es wandert.

Wir müssen da am Ende auch bei einer Frage landen, die nicht ganz harmlos ist. Wann wird aus Übersetzung Aneignung und was bedeutet das fürs größere Bild, was dich heute erwartet? Wir steigen ein mit einem Blick darauf, was aus den 4 Kategorien aus Teil 1 tatsächlich nach außen gewandert ist. Dann gucken wir uns die Psychologisierung unserer Sprache an, eine Bewegung, die mit Reality TV noch mal eine ganz eigene Wucht entwickelt hat, danach kommt die Anglophone Übersetzungsmaschine, das Vehikel, über das so viel englisches Vokabular in den deutschen Alltag gefunden hat und.

Wir gucken uns andere Sprachräume an, einmal von ihrer zärtlichen Seite mit dem Liebesvokabular und dann von ihrer scharfen, mit dem Schimpfwortschatz Schimpfwortschatz. Übrigens mein neues Lieblingswort, auch hier kommt Tiervokabular wieder als eigener Sonderfall dazu, weil Abwertung manchmal eine eigene Logik hat, und dann ziehen wir den Bogen zur Internet und Meme Sprache, die mit Reality TV in einer wechselseitigen Beziehung steht.

Und am Ende landen wir bei den 46% von Euch, die gesagt haben, sie benutzen Reality Sprache nur ironisch und wir schauen, was dieses Wort wirklich bedeutet. Let's go in Teil 1 hatte ich Reality Sprache in 4 Kategorien sortiert, jetzt ziehen wir den Bogen nach außen, was davon ist tatsächlich im Alltag gelandet, was nicht und warum starten wir mit der Spiellogik Verkappeln safen Kappel sei Tag 1 bevor wir die einzeln durchgehen noch ne Beobachtung die ich in Teil 1 vergessen hatte, das Kappel selbst. Er ist mein Kappel statt wir sind ein Kappel, das ist eine grammatikalisch faszinierende Verschiebung aus einem Zustand, den 2 Menschen miteinander teilen, wird, ein Besitz, den eine Person über eine andere

hat. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie weit es über Formate hinausgewandert ist, aber als Beispiel für Sprachentwicklung im Format selbst finde ich es großartig. Reality TV hat hier nicht einfach nur ein Wort übernommen, sondern ist grammatikalisch umgebaut, aber zurück zur Wanderung. Safen ist auf jeden Fall draußen.

Ich höre das immer wieder in den unterschiedlichsten Settings, das ist mittlerweile ein verlässliches Verb für sich, strategisch sichern ich safe mir mal diesen Termin oder du safst dir die einfachen Aufgaben, was bei Safen gewandert ist, ist nicht nur das Wort, es ist die zugrundeliegende Logik, dass man sich etwas taktisch sichert. Wer in einer beruflichen Besprechung sagt, ich safe mir mal die Aufgabe übernimmt meistens ohne es zu merken. Die Sicht, dass es im Job um strategisches Positionieren geht, das ist per se nicht falsch, auch wenn das mit dem Safen sprachlich falsch ist.

Aber das ist nur Reality Logik, die woanders weiterwirkt Verkappeln ist meiner Beobachtung nach nicht ganz so weit draußen wie safen es taucht auf, ja, aber eher in Kontexten, in denen Reality TV sowieso präsent ist, also im Freundeskreis von Reality Fans, in Podcasts and Memes. Den großen Sprung in die ganz allgemeine Alltagssprache hat es vielleicht noch nicht ganz geschafft oder zumindest in meiner Bubble nicht merkbar, aber es ist bestimmt auf dem Weg. Kappel sei Tag 1 auch hier eine Korrektur an meinem ersten Bauchgefühl.

Ich benutze das selbst ironisch neulich erst in einem anderen Podcast über Elena Miras als ich sagen wollte, dass ich von Anfang an einen Softspot für sie habe. Elena und ich sind Kappel sei Tag 1. Ich mache es ohne die Verwandlung des Kappels in eine Person, aber es funktioniert. Und die Idee dahinter taucht auch sonst auf, wenn Menschen Beziehungen über Dauer legitimieren. Wenn sie sagen, wir sind das Originalpärchen unserer Friends Gruppe, ist das dieselbe Logik, in anderer Sprache ein Bestehen trotz allem als Qualitätsmerkmal. Zweite Kategorie Das Storytelling Vokabular, Full Circle Moment, die Masken fallen, Signature Move und hier wird es erst richtig sichtbar, Full Circle Moment ist mittlerweile so geläufig, dass

es überall auftaucht. Und im Großteil der Fälle beschreiben Menschen damit ihre eigene Lebensgeschichte, als wären sie eine Figur, deren Bogen sich gerade schließt. Das ist eine Form von selbsterzählung, die es 10 Jahre vorher in dieser Form nicht gegeben hätte. Die Maskenfallen wird im Alltag meiner Erfahrung nach fast nur noch ironisch benutzt, oft mit einem Augenzwinkern, aber selbst die ironische Version transportiert die dramatische Aufladung der Shows, was diese Kategorie nach außen mitnimmt, ist eine doppelte Bewegung, Menschen lernen sich selbst als Erzählung zu betrachten. Das eigene Leben als Drehbuch, in dem es Bögen, Wendungen und Motive gibt.

Und gleichzeitig läuft Reality, Storytelling, Sprache als Insider Code Wer Full Circle Moment sagt signalisiert, Ich kenne mich aus, ich weiß woher das kommt, es ist also nicht nur eine Selbstbeschreibung, es ist auch eine Zugehörigkeitsmarkierung die dritte Kategorie Entlastungsrhetorik das ist die spannendste Wanderung, weil sie am wenigsten auffällt, ein Kuss ist gefallen, sagt im Alltag eigentlich niemand, außer wir reden gerade über Reality Küsse.

Dann fällt das natürlich, wobei mich interessieren würde oft Menschen das auch über ihre eigenen Küsse sagen, also über tatsächlich gelebte Beziehungsmomente. Schreib mir gerne, falls du das mal beobachtet hast und unabhängig von der Formulierung selbst ist die zugrundeliegende Dramatik überall Dinge passieren, niemand handelt, wenn dir jemand sagt, es ist zu einem Streit gekommen, dann ist es genau dieselbe Konstruktion, wenn jemand sagt, es haben sich Fehler eingeschlichen, auch dieselbe.

Reality TV hat diese Form von Passivsprache nicht erfunden, aber es ist ein riesiger Verstärker dafür. Wir hören diese Konstruktion so oft, dass sie unser allgemeines Verständnis davon prägt, wie über Konflikte gesprochen wird und Nonpologies die hatten wir ja auch in Teil 1, sind der Beweis dafür, die sind auch außerhalb von Reality überall, die fallen im Job, in Beziehungen, in öffentlichen Statements von Politikerinnen, Reality TV hat sie nicht erschaffen, aber vielleicht dazu beigetragen, dass sie zu einer Selbstverständlichkeit geworden sind.

Die vierte Kategorie, ikonische Einzelzitate Mein Fuß klemmt Good Morning in the Morning Bonge Flonso diese Sätze wandern auf eine ganz andere Weise als die anderen Kategorien, nicht über Logik, sondern über Kult. Und das Spannende ist, sie wandern oft genau dann am stärksten, wenn die Person, wie sie gesagt hat, längst im Reality aus ist.

Außer bei Maurice, der liefert einfach verlässlich am laufenden Band. Der Wendler ist glücklicherweise weitestgehend verschwunden, das. Good Morning in the Morning ist trotzdem überall und solche Zitate sind Wegbereiter für etwas, das wir gleich genauer angucken. Den Mechanismus, dass Reality Sprache über Ironie wandert.

Wer good Morning in the Morning sagt, signalisiert entweder, ich nehme das nicht ernst, ich zitiere nur oder noch interessanter, man weiß gar nicht mehr, dass es ein Zitat ist. So weit kann ein Spruch wandern, dass die Herkunft komplett verschwindet, aber das Wort, das bleibt im Sprachgebrauch. Es gibt eine Bewegung, die wir uns als erstes anschauen müssen, weil sie wahrscheinlich am stärksten zugenommen hat in den letzten Jahren.

Die Psychologisierung unserer Sprache, damit meine ich Begriffe, die ursprünglich aus klinisch psychologischen oder therapeutischen Kontexten kommen und die mittlerweile im Alltag und im Reality TV so selbstverständlich benutzt werden, dass kaum jemand noch erkennt, was sie eigentlich beschreiben sollen. Grundsätzlich hängt das sicherlich auch mit der Enthabuisierung von mentalen Gesundheitsthemen zusammen. Andererseits birgt die inflationäre Verwendung dieser Begriffe auch gefahren.

Fangen wir mit toxisch an, das Wort hat eine ziemlich genaue Geschichte, toxische Beziehungen und toxisches verhalten wurden in den späten 2000 zehnern in der psychologischen und Selbsthilfeliteratur populär, es ging darum, ganz bestimmte Muster zu benennen, manipulative Beziehungen, übergriffiges Verhalten, das systematisch schadet.

Heute ist toxisch. Alles, was unangenehm ist, ein toxischer Streit, eine toxische Person, eine toxische Atmosphäre. Das Wort hat viel von seiner ursprünglichen Präzision verloren, und genau dieser Bedeutungsverlust hat Konsequenzen, wenn alles toxisch ist, ist nichts mehr toxisch und wirklich toxische Dynamiken werden dadurch schwerer benennbar, weil das Wort abgenutzt ist. Dazu kommt im Reality Kontext ist toxisch mittlerweile auch fast ein Qualitätsmerkmal.

Toxische Beziehungen sind unterhaltsam, toxische Männer sind interessant. Du kennst das bestimmt. Ich stehe auf Bad Boys, damit wird ein Begriff, der ursprünglich eine Warnung war, zur Selbstbeschreibung mit Augenzwinkern toxisch ist, nichts Schlimmes mehr, toxisch ist ein Weib, noch deutlicher ist es bei Narzisst.

Das ist eigentlich eine klinische Diagnose, die narzisstische Persönlichkeitsstörung steht im psychiatrischen Diagnose Handbuch, sie betrifft schätzungsweise ein bis 2% der Bevölkerung, das. Im Reality TV ist Narzisst mittlerweile ein Alltagsvorwurf. Wer in einer Beziehung egozentrisch ist, ist ein Narzisst. Wer im Sommerhaus laut wird, ist ein Narzisst. Wer die eigene Partnerin nicht auf Instagram postet, ist ein Narzisst.

Und das ist gleich doppelt problematisch. Erstens entwertet es eine echte Diagnose, zweitens verschiebt es die Verantwortung, wer dies halt eine Narzisstin sagt, beschreibt die andere Person als pathologisch, statt das konkrete Verhalten zu kritisieren. Das ist eine sehr effektive Schließung von Diskussionen, und sie ist überall, nicht nur im Reality TV. Aber auch hier hat Reality TV Sie als Vokabular massiv normalisiert.

Täter, Opfer, Umkehr ist ein Begriff aus der Traumaforschung und der feministischen Theorie, er beschreibt eine ganz spezifische Dynamik, jemand, der einen Übergriff begangen hat, stellt sich selbst als Opfer dar, um die Verantwortung umzudrehen, klassisches Beispiel. Ein Mann wird übergriffig gegen eine Frau und die Reaktion lautet aber, sie hat mich provoziert.

Im Reality TV wird der Begriff regelmäßig benutzt und auch hier mit verschobener Bedeutung Täter Opfer um Care wird zur Bezeichnung für jede Situation in der jemand Kritik nicht annimmt oder sich verteidigt, das ist nicht dasselbe echte Täter Opfer um Care beschreibt eine Strategie nach einem konkreten Übergriff. Wenn der Begriff für alles benutzt wird, was nach die spielt sich gerade als Opfer auf aussieht, dann verliert er seine Schärfe und die Frauen, die diesen Begriff brauchen, um echte Übergriffe zu beschreiben, werden noch weniger gehört als sowieso schon.

Und ich spreche hier bewusst vor allem von Frauen. Psychogestört und geisteskrank sind die direktesten Fälle. Alle 3 sind klinische oder klinisch konnotierte Begriffe, die jeden, dem sie zugeschrieben werden, sofort als nicht ganz richtig im Kopf markieren. Im Reality TV sind sie verlässliche Verbalwaffen die ist doch Psycho, der ist gestört, das ist doch geisteskrank, was die da macht, und das ist nicht nur abwertend gegenüber der konkreten Person, es ist abwertend gegenüber allen Menschen, die tatsächlich psychische Erkrankungen haben. Wer Psycho oder geisteskrank als Schimpfwort benutzt, sagt implizit eine psychische Erkrankung zu haben, ist eine Beleidigung.

Das ist Stigmatisierung in einem Wort. Geisteskrank finde ich dabei besonders bemerkenswert, weil das Wort die Pathologisierung schon in seiner Wortstruktur trägt, also krank im Geist. Das ist eine Diagnose, die im Reality TV inflationär als Bewertung von sämtlichen Dingen nicht nur Menschen benutzt wird. Oft für Verhalten, das einfach nur ungewohnt, unangenehm oder lautstark ist.

Aber wer das sagt, beschreibt die andere Person nicht nur als problematisch, sie beschreibt sie als nicht zurechnungsfähig und das ist ne andere Liga von Abwertung. Crazy funktioniert ähnlich, kommt aber aus einer anderen Richtung, es klingt harmloser, fast verspielt, aber auch hier liegt im Kern eine Pathologisierung, verrückt sein ist negativ, wer crazy ist ist nicht normal, wer nicht normal ist, ist zu kritisieren. Bei Crazy passiert das alles in einem so leichten Ton, dass die Stigmatisierung unsichtbar gemacht wird. Aber sie ist da, was alle diese Beispiele gemeinsam haben, sie nehmen Begriffe aus einem klinisch medizinischen oder traumatologischen Kontext und tragen sie in den Alltag. Dabei passieren 2 Dinge

gleichzeitig erstens werden die Begriffe entleert, sie verlieren ihre Genauigkeit, zweitens werden Menschen, die tatsächlich diese Diagnosen haben oder diese Erfahrungen gemacht haben, sprachlich beschämt oder unsichtbar gemacht. Wir bedienen uns aus einem Vokabular, das eigentlich nicht uns gehört, und wir machen damit das Leben derer schwer, denen es ursprünglich gehörte. Und das hebt die gute Entwicklung, dass der Diskurs über lange, tabuisierte Themen immer lauter wird, auch wieder ein ganzes Stück weit auf.

Reality TV ist für diese Bewegung ein besonders wirksamer Verstärker, weil Informaten ständig pathologisiert wird. Konflikte werden nicht als zwischenmenschliche Auseinandersetzungen dargestellt, sondern als psychologische Defizite. Die hat n Problem, der ist toxisch, sie ist Psycho, damit werden Konflikte entpolitisiert und individualisiert, es geht nie um Strukturen, immer um Diagnosen und je mehr wir diese Sprache aus den Formaten übernehmen, desto schwerer fällt es uns im eigenen Leben, anders über Konflikte zu sprechen. Das ist deshalb auch keine harmlose Übernahme, das ist eine Verschiebung darin, wie wir über uns selbst und über andere denken.

Kommen wir zur nächsten Schicht. Reality TV produziert nicht nur deutsche Sprache, es ist auch eine Schleuse durch die Sprache aus anderen Räumen ins Deutsche fließt und der erste und mit Abstand größte dieser Räume klar ist. Das englische eine ganze Reihe an begriffen, die wir heute völlig selbstverständlich im Alltag nutzen, sind übers Reality TV ins Deutsche gewandert, manche davon haben wir in den 4 Kategorien gerade schon gestreift, Full Circle Moment Signature, Move nonpologies.

Das sind alles englische Begriffe, die ihren Weg in den deutschen Sprachgebrauch auch über Reality Formate gefunden haben. Aber jenseits davon gibt es eine ganze Reihe Wörter, die wir noch nicht im Detail angeschaut haben und die noch deutlicher zeigen, wie Reality TV als Übersetzer funktioniert. Fangen wir mit Ghosten an, vor 10 Jahren vielleicht noch ein Wort, das du höchstens in einem englischsprachigen Artikel über Dating Apps gelesen hast.

Heute weiß jede und jeder, was es heißt, wenn jemand dich ghostet. Der Weg dahin führt fast durchgängig über Formate wie I You The One of Island, ex on the Beach, also Shows, in denen Beziehungen die zentrale Mechanik sind und englische Beziehungsvokabeln entsprechend regelmäßig fallen, was bei Ghosten interessant ist.

Das Wort hat eine echte Lücke im Deutschen gefüllt für das Verhalten, das es beschreibt, einfach nicht mehr melden, ohne Ankündigung, ohne Erklärung hatten wir vorher keinen richtigen Begriff. Und ohne Begriff ist es schwerer, ein Verhalten zu benennen, zu kritisieren oder überhaupt darüber zu sprechen. Shayman ist der nächste Fall eigentlich kommt das aus dem feministischen US Diskurs Slut Shaming, Fat shaming, sowas im Reality TV ist shayman als eigenständiges Verb ins Deutsche eingewandert, allerdings oft mit einer Bedeutungsverschiebung ursprünglich beschreibt es ein strukturelles Problem. Menschen werden für etwas beschämt, das gesellschaftlich abgewertet wird, meistens entlang von Geschlecht, Körper, sexuellem Verhalten.

In Reality Formaten wird daraus oft eine zwischenmenschliche Vokabel. Du schämst mich gerade, es kann eine berechtigte Beobachtung sein, es kann aber auch ein rhetorischer Schachzug sein, um Kritik abzuwehren, wer du schämst, mich sagt Macht aus einer Diskussion plötzlich einen Übergriff und das ist, wir erinnern uns an Teil 1, wieder Reality Logik. Verschiebung von der Sache auf die Beziehung Grinch ist noch mal ne andere Sache.

Hier ist die Übersetzung über Reality TV gelaufen, aber auch über tiktok und Twitter, also Plattformen, die Reality Inhalte auch multiplizieren. Grinch ist mittlerweile so im deutschen Sprachgebrauch verankert, dass es vor ein paar Jahren sogar zum Jugendwort des Jahres gewählt wurde und das mag ja schließlich was bedeuten. Das Spannende daran, Grinch ist ein Bewertungsbegriff etwas oder jemand ist Grinch.

Damit positioniert sich der oder die Sprecherin sofort. Ich bin nicht crinch, du bist es. Spannend ist auch die Abgrenzung zu crinch Worthy, ein Begriff, den ich aus meinem Amerikanistik Studium kenne, vor allem aus Seminaren über Comedy Formate wie The Office, Crinch Worthy beschreibt etwas, das man kaum aushalten kann, anzugucken, weil es so unangenehm peinlich ist, also eher eine ästhetische Kategorie für eine bestimmte Sorte Humor, Crinch hingegen, so wie wir es heute benutzen, ist viel umfassender und gleichzeitig oberflächlicher. Es bewertet, ohne zu beschreiben, es markiert nur noch Reality.

Tv ist für solche Begriffe ein idealer Resonanzraum, weil in den Formaten selbstständig bewertet wird, wer ist peinlich, wer ist unangenehm, wer benimmt sich falsch. Crinch ist die englische Variante dieses Bewertungsvokabulars, und wir haben sie übernommen, was bei der Anglophonen Übersetzungsmaschine auffällt.

Die meisten dieser Wörter folgen alle einer ähnlichen Logik. Sie machen Beziehungen, Gefühle und soziale Situationen über englische Begriffe verhandelbar. Und das hat vor und Nachteile. Der Vorteil manche dieser Begriffe haben wirklich Lücken gefüllt. Ghoston beschreibt ein Verhalten, für das wir vorher keinen Begriff hatten, und das hilft, das Verhalten überhaupt zu benennen.

Quint hat in vielen Kontexten Fremdscham abgelöst und trifft es manchmal sogar viel passender, weil es kompakter, nicht so sperrig und sofort verständlich ist. Der Nachteil? Andere Wörter ersetzen Differenzierungen, die wir im Deutschen hatten. Toxisch zum Beispiel ersetzt eine ganze Bandbreite an ausdrücken, schwierig, anstrengend, manipulativ, übergriffig, grenzüberschreitend, energieraubend all das wird unter toxisch zusammengefasst.

Triggern ist auch so ein Beispiel, es kann eine traumatische Reaktion auslösen heißen, aber es kann auch mich nervt das heißen, Wir gewinnen ein Wort, Wir verlieren mehrere, eine letzte Beobachtung zu diesem Part. Die englischen Begriffe wandern in eine ziemlich klare Richtung. Sie kommen oft aus akademischen, therapeutischen oder politischen US Kontexten, sie laufen durch Reality TV als Verstärker und sie landen in der deutschen Alltagssprache, meistens mit verschobener Bedeutung. Reality TV ist hier nicht Ursprung der Sprache, es ist der Übersetzer und wir, also die Zuschauerinnen, wir sind das Ziel der Übersetzung bei den anderen Sprachräumen, zu denen wir gleich kommen, ist die Sache

komplexer. Weil die Wörter, die wir uns gleich anschauen, nicht aus akademischen oder politischen Kontexten kommen, sondern aus dem Alltag von Menschen, die in Deutschland leben. Und das verändert die Frage, wer hier eigentlich wessen Sprache übernimmt, fundamental. Damit können wir zu einem der spannendsten Phänomene der ganzen Folge, Reality TV transportiert nicht nur englische Begriffe ins Deutsche, es transportiert auch Sprache aus arabischen, türkischen, kurdischen, italienischen und französischen Kontexten. Tommy Pedronis Putin zum Beispiel, das so verlässlich fällt, dass es zu seinem Signature Satz geworden ist. Und der Großteil dieser Sprache teilt sich in 2 sehr unterschiedliche Sphären auf.

Das Liebesvokabular und das Schimpfvokabular. Wir schauen uns erst mal für den sanften Einstieg die zärtliche Seite an, ich küsse dein Herz, ich küsse deine Augen, wenn du regelmäßig Reality TV guckst, hast du diese Sätze schon unzählige Male gehört. Sie kommen ursprünglich aus dem arabischen Sprachraum, in dem es entsprechende Formeln gibt.

Busem I Nek und ich hoffe, ich spreche diese Sachen jetzt halbwegs OK aus, bitte verzeiht mir, wenn nicht, das heißt wortwörtlich übersetzt, ich küsse deine Augen, das ist eine sehr alte, sehr poetische Form, jemandem Zuneigung auszudrücken, und sie funktioniert über Bilder, die das Deutsche sogar nicht hat. Wir sagen, ich hab dich lieb oder ich liebe dich, wir benennen das Gefühl, im Arabischen wird etwas Konkretes gemacht.

Jemand wird geküsst, auf irgendeine Stelle, auf dem Herzen, auf den Augen, auf der Stirn. Das ist Liebessprache in einer ganz eigenen Bildwelt im Reality TV begegnet uns das vor allem bei Kandidatinnen mit arabischsprachigem Hintergrund, und das ist erstmal nichts anderes als Code switching. Menschen, die Zweisprachliche Heimaten haben, mischen sie auch im Alltag, wer ich küsse dein Herz auf Deutsch sagt, übersetzt eigentlich eine Sehnsucht, die im Deutschen anders nicht ausdrückbar ist.

Das ist nicht aufgesetzt, das ist Sprachreichtum. Wallah ist die zweite Vokabel, die hier oft fällt. Sie kommt aus dem Arabischen und heißt wörtlich bei Gott, es ist eine Beteuerungsformel wer wallah sagt, schwört, dass etwas wahrer ist. Im Reality TV fällt das ständig, vor allem in emotional aufgeladenen Momenten.

Interessanterweise gibt es im deutschen Reality TV auch die deutsche Variante Maurice, da ist er mal wieder, sagt eigentlich permanent bei Gott als deutsche Beteuerung. Es ist im Grunde dasselbe Wort in einer anderen Sprache, mit einer anderen religiösen Tradition dahinter. Voila ist auch der Begriff der mit großem Abstand am weitesten in den deutschen Alltagsgebrauch gewandert ist.

Nicht nur über Reality TV, sondern auch über Rap, Jugendsprache, Soziale Medien, Voila, sagen heute auch Menschen nicht, die kein einziges anderes arabisches Wort kennen. Vorher hatte tschüs eine Zeit lang diese Position als Reaktionswort aus dem türkischen Sprachraum, das einige Jahre lang in der deutschen Jugendsprache fast überall fiel.

Mittlerweile ist es von Walla abgelöst worden, Sprache wandert, und sie wandert weiter, und hier wird es interessant, weil Walla wörtlich bei Gott heißt, es ist also eigentlich ein religiöser Schwur, wer Walla sagt, ohne den Bezug zu kennen, schwirrt im Grunde bei einem Gott an, den er oder sie vielleicht gar nicht glaubt oder dessen Bedeutung in der Wortwahl ihr egal ist. Das ist ein erster Vorgeschmack auf die Aneignungsfrage, zu der wir gleichkommen, was sich beim Liebesvokabular insgesamt beobachten lässt.

Diese Sprache transportiert nicht nur Wörter, sondern eine ganz andere Art, über Zuneigung zu sprechen. Sie ist bildlicher, körperlicher, intensiver, manchmal religiös aufgeladen, im Reality Kontext wirkt das oft fast befremdlich für deutsche Ohren, weil wir gewohnt sind, Liebe nüchtern zu beschreiben. Diese Übersetzung ins Deutsche wirkt wie ein Sprung in eine andere Emotionalität und für viele Hörerinnen ist das eines der schönsten Dinge an dieser Sprache. Sie öffnet einen Möglichkeitsraum, der vorher zu war, und jetzt müssen wir leider auch zur weniger schönen Seite kommen, wenn arabisches und türkisches Vokabular ins Deutsche wandert, dann nicht nur in seiner zärtlichen Variante, auch das Schimpfwort Repertoire

hat einen festen Platz im Reality TV gefunden und damit auch im allgemeinen Sprachgebrauch. Fangen wir mit AMK an. Das ist eine Abkürzung aus dem Türkischen für einen ziemlich derben Ausdruck. Den muss ich jetzt nicht übersetzen, wichtig ist nur, es ist eine sehr sexualisierte Beleidigung, die ursprünglich gegen die Mutter der angesprochenen Person gerichtet war. Beispiele aus dem Deutschen oder dem Englischen kennst du da sicherlich auch, auf Deutsch wird das Wort fast ausschließlich als AMK benutzt, also als Akronym, und das ist genau das Problem, weil die meisten, die das Wort benutzen, gar nicht wissen, wie heftig die ursprüngliche Bedeutung ist. Es wird fast schon spielerisch

gebraucht, als Ausruf, als Verstärker. Cosimo macht das in jedem zweiten Satz, die ursprüngliche Bedeutung schwingt dann da nicht mehr mit, und genau hier stellt sich die Frage, verliert ein Wort seine Wucht, wenn niemand mehr weiß, was es heißt, oder schleppt es die Wucht trotzdem mit, weil sie irgendwo in der Sprache eingewoben bleibt?

Kalek ist eine andere türkische Vokabel, die im Reality Format regelmäßig fällt. Wörtlich heißt es etwa Kahlköpfig als Beleidigung wird es im Sinn von Schwachkopf benutzt, ist übrigens auch äblistische Sprache, das wollte ich noch mal kurz anmerken, auch das ist eine Vokabel, die im türkischen Kontext eine klare Schärfe hat und den deutschen Übernahmen oft als cool klingende Beleidigung verharmlost wird. Catsu und Vafanculo sind die italienischen Pendants, Catsu heißt wortwörtlich Schwanz und wird im Italienischen ähnlich verwendet wie das deutsche Scheiße oder das englische Fuck. Als Fluch, als Ausruf, als allgemeiner Verstärker. Vavanculo heißt Fick dich im Reality TV tauchen diese Vokabeln vor allem auf, wenn

Kandidatinnen mit italienischem Hintergrund mitspielen, aber sie zirkulieren auch weiter, oft wahrscheinlich als Edgie wahrgenommen, weil sie nicht deutsch und damit international wirken, was alle diese Schimpfwörter gemeinsam haben, sie kommen aus Sprachen, die in Deutschland von Menschen mit Migrationsgeschichte gesprochen werden, aus Räumen, die in der Mehrheitsgesellschaft oft abgewertet werden.

Und gleichzeitig werden Ihre Vokabeln im Reality TV und im allgemeinen Alltagsgebrauch übernommen, weil sie interessant oder irgendwie derbe klingen. Hier müssen wir kurz innehalten, wer sich an dieser Stelle eine Frage stellt, die nicht harmlos ist. Wer übernimmt hier eigentlich wessen Sprache? Bevor wir aber zur Aneignungsfrage kommen, machen wir wieder einen kurz Abstecher, Abstecher in die Tierwelt in Teil 1 hatten wir uns ja angeguckt, wie Männer sich im Reality TV als Raubtiere und Greifvögel inszenieren. Wolf, Adler, Löwe und Frauen als Schlangen, Ratten und Nattern beschrieben werden.

Es gibt aber noch eine Vokabel, die in diesem System noch mal eine ganz eigene Position hat. Hund als Beleidigung das Wort Hund wird im Reality TV regelmäßig als sehr herabwertende Beleidigung benutzt und der Begriff hat seine kulturellen Wurzeln tatsächlich auch im Arabisch und türkischsprachigen Kontexten im Arabischen ist kelb Hund.

Eine sehr derbe Beschimpfung, weil Hunde in vielen islamisch geprägten Kulturen als unrein gelten. Wer als Hund beschimpft wird, wird damit auf eine sehr grundsätzliche Art entwertet, es geht nicht nur darum, jemanden als dumm oder schlecht hinzustellen, es geht darum, der Person ihren Status als Mensch abzusprechen.

Im Reality TV tauchte das ursprünglich eigentlich vor allem in Konflikten zwischen Kandidatinnen mit Migrationsgeschichte auf. Und es wandert von dort auch in den Sprachgebrauch anderer Reality Fans und Teilnehmerinnen. Wer du Hund sagt, transportiert meistens ohne es zu wissen, eine sehr alte und sehr spezifische kulturelle Logik der Erniedrigung, was bei Hund auffällt im Vergleich zum Tiervokabular aus Teil 1.

Männer beschreiben sich ja als Raubtier und Greifvögel, Männer werden von außen aber auch zu Hunden gemacht, also zu Tieren, die in einer Hierarchie unten stehen, das ist eine Selbsterhöhung, das andere ist Erniedrigung von außen. Frauen, das hatten wir in Teil 1, werden vor allem zu Schlangen und Ratten. Heimliche, Kriechende, hinterhältige Tiere. Das Tiervokabular ist also nicht einheitlich, es funktioniert je nach Geschlecht und Sprachraum sehr unterschiedlich, und jedes dieser Bilder hat eine eigene Geschichte, was dazu auch noch zu sagen ist.

Mit mittlerweile ist es super verbreitet, dass Frauen Männer als Hund bezeichnen und es funktioniert als komplette Degradierung die Wanderung dieses Wortes ist also nicht mehr an den ursprünglichen Sprachraum gebunden. Und ganz ehrlich, eine Sache muss ich an dieser Stelle loswerden. Wir sollten generell aufhören, Tiernamen als Beleidigung zu benutzen, Tiere sind in den allermeisten Fällen besser, empathischer, loyaler und ehrlicher und auch oft reinlicher als die meisten Menschen, die ich kenne. Wenn du jemanden eine Ratte nennst, beleidigst du eigentlich die Ratte, wenn du jemanden einen Hund nennst, dann beleidigst du den Hund.

Die Tiere haben sich das nicht ausgesucht, sie sind nur zu sprachlichen Symbolen gemacht worden, ohne gefragt zu werden. Hierzu könnte ich jetzt eine ganze Hausarbeit zitieren, die ich im Studium mal über das arme Schwein in der Sprache geschrieben habe, aber das würde den Rahmen sprengen, kommen wir wieder zu der Frage, die ich in den letzten Patschen hab mitlaufen lassen, wann wird aus Übersetzung Aneignung, wenn englische Begriffe über Reality TV ins Deutsche Wandern, finden das die meisten OK. Wenn aber wallah plötzlich von Menschen benutzt wird, die mit dem Arabischen keinen Berührungspunkt haben, fühlt sich das anders an.

Warum, was ist der Unterschied? Die kurze Antwort, es geht um Machtverhältnisse, anglufone Begriffe wandern ins Deutsche aus einer Position der kulturellen Dominanz, US amerikanische Sprache hat in Deutschland einen hohen Status, sie gilt als modern, Urban, gebildet. Wer toxisch oder Crinch sagt, signalisiert kulturelle Anschlussfähigkeit. Niemand wirft uns vor, dass wir uns am US englischen bedienen, weil das US englische selbst ein dominantes Kapital ist. Bei arabischen oder türkischen Begriffen ist die Sache anders, die Sprachen werden in Deutschland von Menschen gesprochen, die in der Mehrheitsgesellschaft oft Diskriminierung erfahren, ihre Sprache wird oft abgewertet und gleichzeitig werden einzelne

Vokabeln aus dieser Sprache übernommen, weil sie halt cool klingen. Das ist die klassische Doppelbewegung von kultureller Aneignung. Die Menschen werden abgewertet, ihre Sprache wird übernommen, sie werden ausgegrenzt, ihr Vokabular wird Trend. Reality TV ist auch hier wieder ein besonders wirksamer Verstärker, weil es Kandidatinnen mit Migrationsgeschichte gleichzeitig sichtbar macht und stereotypisiert, sie werden als bunte Charaktere inszeniert, als Dramagaranten, als Trägerinnen exotischer Sprache.

Und genau die Vokabeln, die in der Show als Markenzeichen einer Person funktionieren, wandern dann in den allgemeinen Sprachgebrauch, losgelöst von der Person und vom Kontext. Und an dieser Stelle müssen wir eine wichtige Unterscheidung machen, wenn eine Person mit arabischem Sprachhintergrund Wallah sagt, ist das Code Switching, das ist ne völlig normale Sache, die zeigt, dass jemand in 2 sprachlichen Welten zu Hause ist. Aber wenn eine Person ohne arabischen Sprachhintergrund das gleiche sagt, ist das nicht automatisch problematisch. Es kann eine Geste der Solidarität oder der Anschlussfähigkeit sein, aber es wird problematisch, wenn die Übernahme passiert, ohne dass irgendein Bewusstsein für die Herkunft da ist.

Wenn Wallah als cooler Spruch benutzt wird und gleichzeitig der Mensch, der nebenan im Bus arabisch spricht, als nicht integriert markiert wird, dann ist das ne Doppelmoral. Dann wird damit gesagt, Eure Sprache ist gut, aber ihr seid nicht gut genug und genau das ist ne Frage, die wir uns alle stellen sollten, wenn wir Sprache übernehmen, nicht.

Darf ich das überhaupt sagen, sondern wem gehört dieses Wort eigentlich? Was bedeutet es im Original? Und das wichtigste vielleicht, wie behandle ich die Menschen, deren Sprache ich hier gerade konsumiere? Reality TV hilft uns nicht dabei, diese Fragen zu stellen, es bietet uns die Wörter an und macht sie zu konsumgut ohne Kontext, das ist nicht der Fehler einzelner Kandidatinnen, das Problem liegt mal wieder vielmehr in der Logik der Formate. Es geht um Aufmerksamkeit, nicht um Sprachreflexion. Aber wir als Zuschauerinnen können diese Reflexion selbst leisten.

Wir können fragen, woher ein Wort kommt, bevor wir es weitergeben, wir können das, was Reality uns als Konsumgut bietet, auch mal zurücklegen, und damit kommen wir noch zu einer ganz anderen Bewegung. Bis hierhin haben wir geguckt, was aus Reality in den Alltag wandert, aber Reality TV ist keine Einbahnstraße, es nimmt auch auf.

Und zwar von einem Ort, der heute mindestens so viel Sprachprägung leistet wie das Fernsehen selbst. Wahrscheinlich sogar mehr. Mittlerweile, ich spreche vom Internet Reality Formate übernehmen mittlerweile Aktivsprache aus Social Media, Slay spility It's giving Wer das in einer Reality Show hört, fragt sich manchmal, war das jetzt n Original von dieser Person oder eine Übernahme aus dem Internet und in vielen Fällen ist es eine Übernahme.

Kandidatinnen, die Ihre online Präsenz pflegen. Und das tun Sie alle, denn auch hier geht es um Reichweite und Sichtbarkeit. Die bringen die Sprache der Plattform mit ins Format und das Format verstärkt sie wiederum. Gleichzeitig läuft die Bewegung auch in die andere Richtung, Sätze aus dem Reality TV werden im Internet zu Memes, mein Fuß klemmt oder lillay werden zu Soundvorlagen für Tausende andere Videos. Fick dich, ich bin Krebs, zirkuliert in Kommentarspalten als Universalkonter, völlig losgelöst vom Sommerhausstreit, aus dem es ursprünglich kommt.

Und genau in dieser Verkoppelung wandern die Sätze noch weiter aus dem ursprünglichen Reality Kontext heraus. Sie werden zu universellen Internetphrasen, deren Herkunft nur noch eine Untergruppe der Nutzerinnen kennt. Was dabei besonders interessant ist. Internetsprache und Reality Sprache haben eine ähnliche Funktion, beide funktionieren über Ironie.

Beide leben davon, dass die Sprecherinnen signalisieren, sie nehmen das nicht ganz ernst. Beide sind Zugehörigkeitscodes, werden Sound kennt, gehört irgendwie dazu. Wer nicht kennt, ist außen vor. Diese Verwandtschaft macht die wechselseitige Schleife so produktiv, Reality, Sprache und Internetsprache verstärken sich gegenseitig, weil sie nach demselben Prinzip funktionieren, und genau dieses Prinzip ist auch der Schlüssel zum letzten großen Punkt dieser Folge, die Mechanismus der Ironie. Und damit kommt der Full Circle Moment dieser Folge, denn wir kommen zurück zu den 46% dehnt 46% von euch, die in der Umfrage gesagt haben, sie benutzen Reality Sprache zwar im Alltag, aber nur ironisch.

Diese Antwort ist, wie ich am Anfang von Teil 1 schon gesagt habe, der Schlüssel zur ganzen Folge, weil nur ironisch eine erstaunliche Konstruktion ist. Es heißt, ich benutze das Wort, den Spruch, die Phrase, aber ich mein es nicht so. Und ich sag es trotzdem. Und genau in dieser doppelbewegung ich sage es, ich meine es nicht, passiert etwas, das wir oft unterschätzen. Erstens, Ironie ist keine echte Distanzierung, sondern funktioniert als Erlaubnis, Worte, die ich ernst nicht sagen würde, kann ich ironisch problemlos benutzen, die Anführungszeichen, die ich in Gedanken drum herum lege, machen das Wort gefahrlos.

Ich kann Kappel seit Tag 1 über meine eigene Beziehung sagen, weil ich es mit Augenzwinkern meine. Aber aus meinem Mund kommt es ja trotzdem. Im Sprachgebrauch ist es trotzdem angekommen. Das Augenzwinkern hat das Wort nicht entschärft, es hat es zugelassen, zweitens, die ironische Markierung bleibt nicht stabil, mit jedem mal, dass ich ein Wort ironisch benutze, gewöhne ich mich daran. Mit jeder Wiederholung wird der Spruch normaler und irgendwann fällt die ironische Markierung weg, ohne dass ich es merke, was als Witz angefangen hat, ist plötzlich einfach Vokabular geworden.

Drittens, die ironische Markierung kommt beim gegenüber dann nicht mehr an. Wenn ich, du schämst mich gerade mit Augenzwinkern sage mein Gegenüber das aber als ernsten Vorwurf hört, dann ist die Ironie verpufft. Was bleibt, ist die Wirkung des Wortes ohne die Distanzierung, die ich vielleicht für mich selbst noch mitgedacht habe.

Realitysprache wandert also nicht, trotz Ironie in unseren Alltag, sondern überironie die ironische Verwendung ist nicht das Gegenteil von Übernahme. Sie ist ihr Vehikel, sie ist die Verpackung, die das Wort harmlos aussehen lässt. Sobald wir die Verpackung aber routiniert öffnen, gewöhnen wir uns ans Wort selbst, und das Wort bleibt lange, nachdem die Ironie vergessen ist. Das hat Konsequenzen, die über Reality TV hinausgehen. Wenn wir Narzisst ironisch über unseren Ex sagen, dann fällt irgendwann die Ironie weg und wir denken wirklich, er war ein Narzisst, wenn wir psychoironisch über eine Kollegin sagen.

Dann bleibt die Stigmatisierung, auch wenn wir uns selbst eingeredet haben, das sei doch nur Spaß, wenn wir voila ironisch sagen, dann wandert das Wort weiter, und gleichzeitig wandert die Geringschätzung für die Menschen, deren Sprache wir uns hier ausgeliehen haben. Mit Ironie ist nicht harmlos, sie ist das wirksamste Verbreitungswerkzeug, das Reality Sprache hat. Zum Schluss möchte ich noch mal einen Blick auf das große Ganze werfen.

Wenn wir die Sprache, die Reality T produziert und transportiert, einmal als ein System betrachten, fällt etwas auf. Die meisten dieser Wörter haben ähnliche Funktionen, sie machen Beziehungen taktisch, sie verschieben Verantwortung, sie pathologisieren Konflikte, Sie bewerten andere, ohne dass der oder die sprechende sich selbst angreifbar macht, sie sortieren Menschen in Typen, in Charaktere, in Diagnosen, das ist nicht zufällig, das ist die Sprache, die die Formate brauchen, um zu funktionieren.

Reality TV lebt von Konflikt. Es lebt von der Aufladung zwischenmenschlicher Beziehungen. Es lebt davon, dass Menschen sich auf bestimmte Weise ausdrücken, dramatisch urteilend, Eskalierend, und genau diese Sprache wandert nach außen. Was uns fehlt, wenn wir diese Sprache übernehmen, Wörter für nicht eskalierende Auseinandersetzungen, Wörter für gegenseitiges Verstehen, Wörter, die andere Menschen nicht in Diagnosen oder Tiernamen pressen, Wörter für Ambivalenz, für Unsicherheit, für ich weiß noch nicht, was ich davon halten soll, was besonders auffällt Reality TV produziert vor allem Sprache der Behauptung es produziert wenig Sprache des Zweifels und genau diese Schieflage tragen wir mit uns,

wenn wir das Vokabular übernehmen. Wir werden lauter, Urteilender, schneller im Diagnostizieren was dabei verloren geht, die Zwischentöne, die Möglichkeit erst mal etwas stehen zu lassen ohne sofort einzuordnen. Das ist jetzt keine Dramatisierte, pessimistische Beobachtung. Sprache verändert sich immer und sie hat schon viele Formate überstanden, aber es lohnt sich, das zu wissen, damit wir bewusst entscheiden können, welche Wörter wir in unseren Alltag holen und welche wir vielleicht in der Show lassen, wo sie hergekommen sind.

Ich stell jetzt noch 3 Fragen zum Mitnehmen, die ich in dieser Folge nicht abschließend beantworten werde. Erstens verändert die Sprache, die wir aus Reality TV übernehmen, auch, wie wir über uns selbst denken. Mein erstes Bauchgefühl ist ja, aber ich kann das natürlich nicht beweisen. Es wäre eine eigene Folge wert, das mit Sprachwissenschaftlerinnen einmal genauer auseinander zu nehmen.

Ich habe dafür jetzt leider nicht ausreichend Skills, denn mein eigenes Studium der Sprachwissenschaften habe ich abgebrochen und mich lieber der Literatur und Kulturwissenschaft gewidmet, aber wenn du jemanden kennst, meld dich sehr gerne. Zweitens was passiert, wenn ein Beziehungsvokabular aus einem Spiel in eine echte Beziehung wandert?

Safen verkappeln kappeln sei Tag 1. Diese Wörter kommen aus Formaten, in denen Beziehungen Strategie sind, wenn wir sie in unseren Alltag tragen, tragen wir die Strategie Logik mit. Was macht es mit echten Beziehungen, die eigentlich nicht nach Strategie funktionieren sollen, und drittens, wenn 46% von uns sagen, sie benutzen Reality Sprache nur ironisch, wer entscheidet eigentlich, wann die Ironie endet, wer markiert sie, wer hört sie raus, wer hält sie stabil?

Ironie funktioniert nur, wenn 2 Personen sich einig sind, dass etwas ironisch gemeint ist in einer Welt, in der Sprache ständig zirkuliert und Kontexte sich verschieben, wird diese Einigung immer schwieriger. Vielleicht ist das auch einer der Gründe, warum so viele Konflikte gerade so eskalieren, wir sind uns nicht mehr einig, was ernst gemeint ist und was nicht, wir wandern weiter mit unseren Wörtern, Reality TV wird nicht aufhören, Sprache zu produzieren und wir werden nicht aufhören, sie zu übernehmen, aber vielleicht können wir das n bisschen aufmerksamer tun. Ein bisschen wissender, ein bisschen weniger naiv. Das war Teil 2 der Doppelfolge zur Sprache vom Reality TV. Wenn dir die Folge etwas gegeben

hat, freue ich mich sehr, wenn du sie teilst. Und vor allem, wenn du mir schreibst, ob du dich in irgendwas wiedererkannt hast. Schreibs hier in die Kommentare was sind deine Reality Wörter, welche benutzt du selbst, welche kannst du nicht mehr hören, welche fallen dir gerade ein, die ich vergessen habe? Schreib mir auch gerne auf Instagram in die DM s. Ich freue mich über jede Nachricht. Dort findest du den Podcast unter Reality TV Check und vielleicht wird aus dem weiteren Input Ja auch noch ein dritter Teil.

Die nächste Folge gibt es dann zu den nächsten beiden Kampf der Reality All Stars folgen, wir hören uns an dieser Stelle und abschließend möchte ich jetzt mit der Frage aller Fragen, wo ist die Fairness geblieben?

0:00 / 0:00