
SWR Kultur lesenswert - Literatur
Der Tod, der Kampf und die Wunden des Lebens
Mittwoch, 23. September 2026 · 4 min
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Shownotes
„Combat toujours perdant“ – das könnte man auch mit „Der Kampf, der stets vergeblich ist“ übersetzen. 1996 lautete der Titel eines Gedichtbandes Houellebecqs noch „Le Sens du combat – Der Sinn des Kampfes“.
Jetzt, dreißig Jahre später, hat der Kampf jeglichen Sinn verloren, denn der Tod klopft an das Tor des Lebens – ein lyrisches Memento mori.
Man wird nur noch um einen schmerzlosen Tod bitten, / Eine Kombination verschiedener Mittel, / Um einem ein wenig durch die Nacht zu helfen.
Quelle: Michel Houellebecq –Der stets verlorene Kampf
Der Tod und die westliche Kultur
Das Leben, es ist „ein im Voraus verlorener Kampf“ – ein „Combat perdu d’avance“. Einerseits umfasst das Todesthema den Untergang der westlichen Kultur. Im Gedicht Fin de partie“, Endspiel – der Titel bezieht sich bewusst auf Samuel Becketts Stück – werden wir, die „Occidentaux“ – die „Westler“, die „Abendländischen“ – direkt vom lyrischen Ich angesprochen.:
„Ich weiß, das Ende wird traurig sein.“ Erstaunlich ist, dass Michel Houellebecq in fast allen Gedichten mit Strophen und Endreim arbeitet. Damit schreibt er sich in den französischen Symbolismus ein, besonders in die melancholischen Abgesänge eines Charles Baudelaire (swr.de/kultur/literatur/charles-baudelaire-hg-…).
Der Tod des je einzelnen
Andererseits umfasst das Thema Tod das Ableben des je einzelnen. In „Tristes falaises / Traurige Klippen“ erträumt man mit Houellebecq zwar das Dasein der Engel, doch der Gedanke an den Tod lässt sich nicht abschütteln.
Alles wird in leisem Stöhnen enden, / Ein Pflegebett in einem weißen Vorort. / Es wird Mittwoch, Samstag oder Sonntag sein, / Der ungetröstete Körper wird in aller Ruhe verlöschen.
Quelle: Michel Houellebecq –Der stets verlorene Kampf
Der Tod ist „le gouffre“, der unüberwindliche „Abgrund“. Doch genau mit solch Worten schreibt sich Houellebecq in die Tradition französischer Moralisten ein, die den Menschen mit seiner irdischen Vergänglichkeit konfrontierten. Im Gedicht „Den Untergang erkennen“ gilt es, jeglichen Kampf für sinnlos zu erachten.
Houellebecq hat sich selbst als Agnostiker bezeichnet und steht den Weltreligionen kritisch gegenüber. Umso erstaunlicher ist es, dass er sich im neuen Gedichtband mit kritischer Distanz dennoch christlicher Anschauung zaghaft annähert. Wer im Angesicht des Todes bewusst sein Leben führt, der wünscht sich eben kein schnelles Hinscheiden.
Wir bitten Gott um einen nicht allzu langsamen Tod.
Quelle: Michel Houellebecq –Der stets verlorene Kampf
Der Tod und die Hoffnung
Im Band findet man auch einen kürzeren Prosatext. Darin wird die katholische Kirche kritisiert, da sie den Tod durch die verheißene Auferstehung instrumentalisieren würde. Und dennoch begleitet einen bei einer Beerdigung ein unerhörter Gedankengang:
„Ist es undenkbar, dass das, was einmal gelebt hat, wieder zum Leben erwacht? Jedes Mal, wenn wir die Tore eines Friedhofs durchschreiten, jedes Mal, wenn wir vor einem Grab niederknien, nähren wir tief in uns diese unerhörte Hoffnung.“
„Cette inavouable espérance“ – diese unerhörte, unaussprechbare Hoffnung, die man sich nicht eingestehen möchte – sie ist dennoch da. Man könnte sagen, Hoffnung ist für Houellebecq widersinnig – und dennoch existenziell.
„Wir haben alle Mittel ausgeschöpft / Und hoffen nicht mehr auf Erbarmen oder Errettung, / Erdrückt vom Himmel, an dem die Geier kreisen, / Warten wir dennoch auf den undenkbaren Befreier.“
Quelle: Michel Houellebecq –Der stets verlorene Kampf
Die Wunden unserer Zeit
An dieser Stelle muss man die durchaus gelungene Übersetzung von Stephan Kleiner kritisieren. Denn „Befreier“ heißt auf Französisch „liberateur“. Houellebecq schreibt aber „sauveur“.
Das ist der „Retter“ und im religiösen Sinn Jesus Christus als „Heiland“. Freilich, dieser Retter bleibt „impensable“, undenkbar, unfassbar – und dennoch in einem lyrisch-existenziellen Sinn sagbar.
Michel Houellebecqs Gedichtband Combat toujours perdant. Der stets verlorene Kampf ist bei aller Tristesse keineswegs der Abgesang auf alles Existentielle. Im Gegenteil! Indem er den „Tod“ provokant ins Zentrum setzt, fordert er zum Mitdenken auf.
Was haben wir, die „Occidentaux“ – die „Westler“, die „Abendländischen“, dem Abgrund entgegenzusetzen? Welche Werte? Welche Gesinnung?
Genau so fragen Moralisten. Lyrisch betörend versetzt der Autor seine Leserschaft in den Zustand absoluter Verletzlichkeit. Wer die Wunden unserer Zeit zu spüren vermag, der wird an Houellebecqs Gedichten nicht vorbeikommen.