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Die Zerstörung der Vernunft: Robert Misiks „Die Kunst des Widerstands“
Sonntag, 11. Oktober 2026 · 4 min
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Shownotes
Die Verschwurbelung der Welt schreitet voran, der gesellschaftliche Diskurs wird immer aggressiver. Die radikale Rechte trägt dazu mehr als nur ein Scherflein bei.
Eines ihrer wirksamsten Instrumente: die Grenzen zwischen Verschwörungswahn, völkischer Hetze und raunender Esoterik mehr und mehr zu verschieben.
Damit betreiben die Rechtsautoritären das, was der Philosoph Georg Lukács einmal „Die Zerstörung der Vernunft“ genannt hat, meint der Wiener Publizist Robert Misik:
„Ich glaube, wir erleben eine Zerstörung der Vernunft in zweierlei Hinsicht. Einerseits in dieser alltäglichen Form: vielleicht zweimal nachdenken, die verschiedenen Seiten einer Sache zu betrachten und so weiter. Das ist heutzutage im Schwarz-Weiß-Denken der allgemeinen Empörung, die immer mehr zutage tritt, nicht mehr so en vogue.“
„Und andererseits, in einem viel breiteren Sinne, versucht die rechtsradikale Agitation, die immer mehr Raum einnimmt, Vernünftigkeit und Vernunft grundsätzlich zu zerstören, die Menschen zu verwirren“, führt der Autor fort.
„Weil die Konfusion und das Gefühl, man kennt sich überhaupt nicht mehr aus, man durchschaut überhaupt nichts mehr, es ist alles gleich viel wert, denen eigentlich in die Karten spielt.“
Ein aufgeweckter Kopf
Robert Misik zu lesen ist ein Gewinn, auch für Menschen, die seine weltanschauliche Grundposition nicht teilen – einen für Grüne und Liberale offenen Sozialdemokratismus.
Der Autor, ein aufgeweckter Kopf, argumentiert schlüssig und ohne dogmatische Verkrampfungen. In seinem aktuellen Buch plädiert Misik für einen kämpferischen Linksliberalismus:
„Aber gleichzeitig hat natürlich auch der Linksliberalismus seine Schwächen. Der denkt so lange nach – und bedenkt alle Seiten und ist immer vorsichtig und moderat – bis er überhaupt nichts mehr zuwege bringt. Das ist die Hauptschwäche des Linksliberalismus.“
Wenn man die Stärken des Linksliberalismus bewahren will, dann bräuchte es so etwas wie einen „radikalen Linksliberalismus“, also einen Linksliberalismus, der nicht so lahm daherkommt. Zumindest in diese Richtung sollte man denken.
Quelle: Robert Misik
Linkspopulismus als Sackgasse
Womit Robert Misik wenig anfangen kann: mit linkspopulistischen Konzepten, wie sie der britisch-argentinische Philosoph Ernesto Laclau und später auch Sarah Wagenknecht formuliert haben – die autoritäre Rechte zu besiegen, indem man sich selbst rechter Argumentationsmuster bedient.
Das kann nicht klappen, so Misik. Er wählt dafür ein einleuchtendes Beispiel: Aus Trump-Wählern Bernie-Sanders-Wähler zu machen, indem man ein bisschen rede wie Trump, das funktioniere nicht.
„Ich glaube nicht, dass Linkspopulismus, so wie man sich das vorstellt, funktionieren kann. Schon alleine deswegen, weil das Reservoir für linke Parteien, das Wählerpotential, aus einer ganzen Breite von Bevölkerungsteilen besteht“, erläutert Misik.
„Und wenn ich jetzt versuche, mit einer Versimpelung der Sprache und plumpem Schwarz-Weiß-Denken verärgerte, frustrierte Wähler zu gewinnen, dann schrecke ich mindestens genauso viele Wähler und Wählerinnen ab, die das gar nicht so toll finden, die auch Komplexität und Uneindeutigkeit aushalten wollen.“
Kämpferische Widerständigkeit
„Die Kunst des Widerstands“: Robert Misiks Essaysammlung ist eines der Bücher der Stunde. Zum einen bietet der Band eine profunde Gegenwartsdiagnose, zum anderen zeigt der Autor, auch im Rückgriff auf emanzipatorische Geister wie George Orwell (swr.de/kultur/literatur/paul-theroux-burma-sah…) und Pier Paolo Pasolini, gangbare Wege kämpferischer Widerständigkeit auf.
Wobei sich Misik in einem sicher ist: Die „terribles simplificateurs“, die schrecklichen Vereinfacher, kann man nicht schlagen, indem man selbst zum schrecklichen Vereinfacher wird. Gegen den autoritären Irrationalismus hilft letztlich nur eines: Aufklärung, Aufklärung, Aufklärung – und der Mut, sie offensiv und lustvoll zu verteidigen.