SWR Kultur lesenswert - Literatur

Sehnsucht nach Stabilität

Mittwoch, 7. Oktober 2026 · 4 min

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Shownotes

Auch in dieser Familie, von der Philipp Oehmke in seinem zweiten Roman erzählt, liegt einiges im Argen. Emilia Papenburg hat ihren Mann verlassen und ist aus der Uckermark nach New York gezogen. Die beiden Kinder hat sie mitgenommen, andere familiäre Brücken abgebrochen:
„In den letzten fünfzehn Jahren hatte sie ihre Eltern erfolgreich aus ihrem Leben verbannt. Ihre Mutter war eine charakterschwache Alkoholikerin, und ihr Vater hatte einfach zu viele Fehler gemacht.“

Erst seit sie selbst Mutter war, fiel ihr auf, wie schlecht ihre eigenen Eltern waren und wie unverzeihlich sie das fand. Sie wollte sich nicht mehr in deren Dreck hineinziehen lassen, in deren ungelöste Probleme, ihre Streits.
Quelle: Philip Oehmke – Papenburg

„Das Leben ist zu kurz, um sich durch dysfunktionale Familien zu quälen“

Thomas Papenburg, Emilias Vater, ist ein Tech-Milliardär auf Sinnsuche. Von ihrer Mutter Katrin, die immer wieder erfolglos versucht, dem Alkohol abzuschwören, hat er sich schon vor Jahren getrennt – und Tochter Emilia damals mitgenommen.
Katrin blieb alleine zurück. Verpflichtungen sind in Thomas Papenburgs Familienmodell nicht vorgesehen:
„Mein Modell ist moderner, freier. In meinem Modell geht man, wenn es nervt. Denn warum sollte man bleiben? Wenn die Longevity-Forschung weiterhin so langsam vorankommt, bleibt das Leben momentan zu kurz, um sich durch dysfunktionale Familien durchzuquälen.“
Doch dann erfolgt ein Sinneswandel. Der rote Faden des ausladenden Romans von Philipp Oehmke ist die Wiederzusammenführung der Familie Papenburg – und der Schönwalds aus seinem ersten Roman, dieser bundesdeutschen „Betonfamilie“, wie Emilia sie nennt, in der alle Konflikte unter den Teppich gekehrt werden.
Vor der Kulisse der USA in der zweiten Amtszeit von Donald Trump verknüpft Oehmke die Schicksale der beiden Familien bis zu einem gemeinsamem, komplett aus dem Ruder laufenden Weihnachtsfest.
Benni Schönwald, Emilias Mann und „linksliberaler Funktionsjackenträger“, reist nach New York, um sich dort in Emilias luxuriösen Townhouse nach dem „Nesting“-Prinzip wochenweise um die Kinder zu kümmern.
Politische Gesinnungswechsel nach vermeintlichen Notwendigkeiten

Bennis Bruder Chris Schönwald, ehemals gefeierter Literaturprofessor, arbeitet jetzt als Communications Director für die Trump Regierung und unterstützt Thomas Papenburg bei dessen neuestem Projekt, einem Think Tank, der Konzepte für die Sicherheit im Atomkrieg entwickeln soll.
Die politische Einstellung seiner Unterstützer ist für Thomas Papenburg, der seine Gesinnung ebenso wie Chris Schönwald den vermeintlichen Notwendigkeiten anpasst, nebensächlich:
„Urs Leuthard und Chris Schönwald, man musste sie wohl als rechts bezeichnen, falls diese Begriffe noch etwas bedeuteten. Und seine alten Freunde Thiel, Andreessen und natürlich den furchtbaren Elon sowieso. Thomas war es, ehrlich gesagt, egal, solange er dabei sein konnte. Es waren nur Hüllen. Mal trug man die Hosen eng, dann wieder weit.“
Etwas langatmig sind die Passagen über den Think Tank, etwas bemüht der Versuch, wirklich alle Ereignisse der jüngeren US-Geschichte anzuspielen, von 9/11 über die Erstürmung des Kapitols, die Ermordung George Floyds, die Opioid-Krise bis zum aktuellen gewaltsamen Vorgehen der ICE-Beamten gegen Immigranten, das immer wieder über Bildschirme flimmert.
Protestantischer Widerwillen gegen Luxus

Mit Mutter Ruth Schönwald, die zum gemeinsamen Weihnachtsfest mit ihrem Mann nach New York fliegt, nimmt der Roman noch an Fahrt und auch an Komik auf.
Tatsächlich ist Mutter Ruth in ihrem protestantischen Widerwillen gegen das Luxusleben der Papenburgs die Figur mit der überzeugendsten psychologischen Zeichnung.
Verunsicherung, Verletzungen und Sehnsucht nach familiärer Stabilität werden bei allen Figuren deutlich.
Dass Philipp Oehmke lange Jahre als Reporter gearbeitet hat, ist auch sprachlich spürbar und führt zu einem Unterhaltungsroman, der politische Gesinnungswechsel ebenso vor Augen führt wie die fundamentalen Risse, die durch die US-amerikanische Gesellschaft gehen – und durch diese beiden Familien.

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