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Rekonstruktion eines kurzen Lebens: „Cedrick“ von Gish Amit
Dienstag, 1. September 2026 · 4 min
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Shownotes
Cedrick ist tot. Vor acht Jahren war er mein Schüler.
Quelle: Gish Amit - Cedrick
Aus der Zeitung erfährt Gish Amit von Cedricks Tod. Zwar fiel dieser im Unterricht nicht auf, war passiv und still, doch auf dem Foto, das den jungen Filipino in der Uniform der israelischen Armee zeigt, erkennt sein ehemaliger Lehrer ihn sofort. Er beschließt, über ihn zu schreiben.
Über Cedrick, dessen Mutter in Israel als Putzkraft arbeitet und dessen Vater kurz nach seiner Geburt aus dem Land ausgewiesen wurde. Über einen jungen Mann, der vorübergehend in die Drogenkriminalität abrutschte und die Armee als Chance sah, sein Leben ins Positive zu wenden.
Tatsächlich hatte er sich geändert, hatte darum gekämpft, zur Armee gehen zu können.
Quelle: Gish Amit - Cedrick
„Seine Mutter erzählte, er habe das Schreiben zerrissen, in dem die Armee ihm mitteilt, man sei an seinem Militärdienst nicht interessiert. Gleich am nächsten Tag, so erzählte sie, sei er zur Einberufungsstelle gegangen und habe verlangt, einen Musterungsoffizier zu sprechen, und letztendlich sei es ihm gelungen.“
Das Recht, für sein Geburtsland zu sterben
Das schreibt Gish Amit. Mit der Aufnahme in Israels Armee erkämpfte sich Cedrick, der staatenlose Gastarbeiter-Sohn, ein Stück Zugehörigkeit zu dem Land, in dem er auf die Welt gekommen war. Er erkämpfte sich auch das Recht, für sein Geburtsland zu sterben.
Am 7. Oktober 2023, dem Tag des Terrorüberfalls der Hamas auf Israel mit mehr als 1.200 Toten, fuhr der Reservist Cedrick Garin sofort zu seiner Einheit. Drei Monate später, im Januar 2024, wurde er, 24-jährig, bei einem Militäreinsatz im Gaza-Streifen getötet.
Ausgehend von diesem tragischen Tod rekonstruiert der Autor Cedricks kurzes Leben, setzt ihm auf warmherzige Weise ein Denkmal. Er geht zu Beerdigung und Trauerfeiern, verabredet sich mit den Eltern, der Witwe, den ehemaligen Mitschülern.
Durch ihre Aussagen lernen wir Cedrick als liebevollen Sohn und Ehemann, guten Freund und engagierten Soldaten kennen. Aber Gish Amit hat kein rührseliges Heldenepos verfasst.
Empathie für die Migranten und ihre Kinder
In „Cedrick. Der Preis der Zugehörigkeit“ ist er Beobachter und Erzähler. Anschaulich beschreibt er Situationen und Menschen aus dem Milieu der Gastarbeiter und Geflüchteten in Israel.
Dabei ist Amits Empathie für die Migranten und Migrantinnen und ihre Kinder unverkennbar. Als Philosophie-Lehrer unterrichtet er selbst seit vielen Jahren Jugendliche aus asiatischen und afrikanischen Ländern.
Der Ton seines Buchs ist mal distanziert, gar ironisch, mal sehr persönlich. Seine Zuneigung zu Cedricks Freunden, seinen ehemaligen Schülern, bringt der Autor unverhohlen zum Ausdruck.
Und auch die Bewunderung dafür, wie sie ihr Leben meistern – in einem Staat, zu dem sie gehören wollen, der es ihnen aber nicht leicht macht.
„Offen und ohne einen Anflug von Groll sprechen sie über all die Genehmigungen, die ihr Leben diktieren und es in einem unsichtbaren, aber sehr greifbaren Netz aus Beschränkungen, Verboten und Gefahren gefangen halten, die ihnen überall und jeden Tag aufs Neue auflauern.“
Ein berührendes, aufschlussreiches Buch
Gish Amit wirft einen äußerst kritischen Blick auf die prekären Lebens- und Arbeitsverhältnisse vieler nichtjüdischer Migranten in Israel. Er erzählt von Reinigungs- oder Pflegekräften, denen bei Kündigung ihres Jobs die Ausweisung droht. Von Menschen, die mit ständiger Angst vor Razzien und Verhaftungen leben.
Oder von Cedricks Vater, dem ein Minister nach dem Tod des Sohnes die israelische Staatsbürgerschaft verspricht, um die sich der Filipino dann bei den Behörden vergeblich bemüht. Amits berührendes, aufschlussreiches Buch bringt uns Lebenswelten nah, die hierzulande und wohl auch in Israel selbst wenig bekannt sind.
Seine Würdigung von Menschen, deren Liebe zur neuen Heimat oft nicht erwidert wird, ist aber auch universell lesbar.