
SWR Kultur lesenswert - Literatur
Der Krieg mit anderen Mitteln: „Die Liebeshungrigen“ von Karine Tuil
Sonntag, 30. August 2026 · 4 min
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Shownotes
Sie gehören zu den Spitzen der Pariser Gesellschaft: der prominente Politiker, die erfolgreiche Schriftstellerin, die bewunderte Schauspielerin, der genialische Filmemacher. Sie sind „Die Liebeshungrigen“ in Karine Tuils gleichnamigem Roman.
Doch in Wahrheit gleicht ihre Welt einer einzigen Konfliktzone. Denn der Hunger nach Liebe, um den es hier geht, bringt vor allem unkontrollierbare Leidenschaften, Ängste, Gier und Gewalt hervor. Weshalb der Titel der französischen Originalausgabe unverblümt vom „Krieg mit anderen Mitteln“ spricht.
Angst vor dem Absturz
Dan Lehmann hatte es bis zum Staatspräsidenten geschafft, doch nach der gescheiterten Wiederwahl geht es mit ihm bergab. Das muss er sogar vor seiner Frau verheimlichen.
Er konnte ihr nicht gestehen, dass er trank, weil es ihm schlecht ging und er traurig war. Dass er in einem Leben ohne politischen Kampf keinen Sinn fand. Dass er seit seinem Auszug aus dem Élysée-Palast spürte, wie er allmählich zugrunde ging.
Quelle: Karine Tuil - Die Liebeshungrigen
Lehmann ist in diesem Roman nicht der einzige Problemfall. Seine Ex-Frau Marianne, die Schriftstellerin leidet an Selbstzweifeln, weil sie für eine Jüngere verlassen wurde. Seine gegenwärtige Gattin Hilda, die Schauspielerin, fürchtet mit zunehmendem Alter um ihren Marktwert im Filmgeschäft.
Der Regisseur Romain dagegen hofft noch immer auf den Ruhm und verschafft sich seine Erfolgserlebnisse unterdessen als rücksichtsloser Schürzenjäger.
Feministinnen in der Krise
Die Frauenfiguren dagegen verhalten sich in Beziehungsfragen und beim Sex erstaunlich unterwürfig.
„Sie bezeichnete sich als Feministin, engagierte sich für Vielfalt und Inklusion, und nun heulte sie um einen Typen! Zu ihrer Freundin hatte sie am Telefon gesagt, das sei »total inkonsequent«, und die Freundin hatte gelacht, so sei die Libido nun mal – ein Hort des Widerspruchs.“
Es ist der alte Krieg der Geschlechter in neuester Auflage: Erotische Machtspiele, toxische Männlichkeit, sexualisierte Gewalt, Feministinnen im Krisenmodus. Karine Tuil verwendet viel Raum darauf, die Befindlichkeiten ihrer Figuren zu beleuchten.
Doch über lange Strecken versäumt sie es, das zu tun, was Erzählen leisten sollte: nämlich ihre aktuellen Themen vom Allgemeinen ins Individuelle zu vertiefen. Allzu oft dominiert eine Tendenz zum Leitartikel.
Szenisches Leben kommt erst in die Romanhandlung als der Macho Romain nach dem Buch von Marianne einen Film über toxische Männergewalt mit Hilda in der Hauptrolle dreht.
Trotzdem lässt er es sich nicht nehmen, gleich drei der Protagonistinnen sexuell auszubeuten und sich mit einem MeeToo-Skandal zu blamieren.
Showdown in Cannes
Als alle beim Filmfestival in Cannes zusammentreffen, ist der dramatische Höhepunkt des Romans erreicht. Der Regisseur darf nicht auf die Bühne, der Expräsident versinkt im Nebel von Tabletten und Alkohol und die Schriftstellerin beschließt dem 50-plus-Alter mit guten Vorsätzen zu begegnen.
Freiheit gibt es nicht umsonst – ich musste meine Denkweise auf eine neue Grundlage stellen, meine Erziehung hinterfragen, einen Teil meiner selbst dekonstruieren.
Quelle: Karine Tuil - Die Liebeshungrigen
Nein, große Literatur ist das nicht. Immerhin aber hat Karine Tuil viel von dem, was die Zeitgeist-Spatzen von den Dächern pfeifen, unterhaltsam und mit glamouröser Garnitur zwischen zwei Buchdeckel gepackt.