
Gesundheit, Globalisierung, Klimawandel: Welche Bedeutung haben Megatrends?
Freitag, 10. Oktober 2025 · 40 min
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Shownotes
mit Anja Kirig, Zukunftsforscherin
Übersicht:
Willkommen
Thema: Megatrends
Definition Megatrend
Kriterien für Megatrends
Globale Bedeutung der Megatrends
Überblick über aktuelle Megatrends
Megatrend Gesundheit
Longevity als potentieller Megatrend
Megatrend Klimawandel
Megatrend Globalisierung
KI als potentieller Megatrend
Abschluss
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Stella Schön, dass ihr wieder eingeschaltet habt. Trends, die begegnen uns ja immer wieder. Zum Beispiel jüngst in Form von diesen kleinen, plüschigen Schlüsselanhängern. Falls ihr die kennt, das sind allerdings eher diese Modeerscheinungen. Und es gibt aber auch Trends, die uns wirklich langfristig begleiten.
Stella Und das sind die sogenannten Megatrends. Und genau darüber möchte ich heute mit der Zukunftsforscherin Anja Kirig sprechen. Sie forscht seit Jahren zu Megatrends und zu soziokulturellen Trends. Hi Anja, schön, dass du bei uns bist.
Anja Hallo Stella, vielen Dank für die Einladung.
Stella Und ich muss mich natürlich auch noch einmal kurz vorstellen. Ich bin Stella-Sophie Wojtczak, Host von t3n Interview. Und Anja, ich würde sagen, wir legen direkt los. Vielleicht einmal zur Einordnung, bevor wir zu den Megatrends kommen. Wie genau entstehen eigentlich generell Trends?
Anja Das lässt sich so ganz eindimensional nicht beantworten. Also es braucht schon irgendwie verschiedene Stellschrauben, um sozusagen dann auch ein, dass aus einem schwachen Signal oder aus einem Rauschen wirklich auch ein Trend wird. Das sind zum einen natürlich dann irgendwie Innovationen, die vielleicht so von Early Adapters aufgegriffen werden. Aber das funktioniert dann tatsächlich auch nur, wenn bestimmte gesellschaftliche Situationen vorhanden sind.
Anja Also das heißt zum Beispiel über Wertewandel oder überhaupt auch über sozialen und demografischen Wandel. Vielleicht ist es aber auch noch ein zusätzlicher ökonomischer Anreiz. Es braucht also sozusagen einen gewissen Nährboden, das aus etwas ein Trend wird. Und natürlich auch, wir haben es heute mit Medien, die überall und ständig uns erreichen und wo wir partizipieren können.
Anja Das heißt, das sind natürlich auch nochmal Verstärker, die Trends, die sozusagen aus einem Nicht-Trend einen Trend machen.
Stella Jetzt habe ich ja eingangs einmal diese plüschigen Schlüsselanhänger angesprochen, die Labubus, die dieses Jahr 2025 sehr beliebt gewesen sind, unter anderem auf Social Media. Aber wir wollen ja heute über Megatrends sprechen und ich weiß, da geht es ganz sicher nicht um Labubus oder sonstige Modeerscheinungen, die ja immer wieder kommen.
Stella Kannst du vielleicht einmal erklären, wie unterscheidet sich denn jetzt ein Trend zu einem Megatrend?
Anja Genau, also generell muss man natürlich sagen, dass es jeweils auf die Definition ankommt. Also es gibt sozusagen nicht die eine Definition für einen Trend und für einen Megatrend. Das heißt, man sollte, bevor man über Megatrends und auch Trends spricht, immer sich darauf einigen, was verstehen wir überhaupt darunter oder was ist das für einen.
Anja Und der Begriff Megatrends ist tatsächlich auch noch jetzt gar nicht so alt. Also im Verhältnis gesehen, er wurde Anfang der 80er von John Naisbitt geschaffen und kreiert. Das heißt, er hat diesen Terminus Megatrend geprägt. Und die Idee dahinter ist, dass es tatsächlich eine Entwicklung, ein Phänomen ist oder mehrere Phänomene, die eine gewisse Langfristigkeit in unserer Gesellschaft haben, die Wirtschaft, Politik, Kultur, Alltag alles prägen.
Anja Technologien prägen, also die quasi für uns in allen Alltagsbereichen spürbar sind und die Gesellschaft wirklich global eben auch beschäftigen und verändern. Und das ist so der Megatrendbegriff, der meistens eigentlich im Grunde genommen auch oder die Definition, die verwendet wird, wenn wir von Megatrends sprechen, also tatsächlich einen langfristigen Horizont zu haben, also eine Halbwertszeit, man kann so sagen, von vielleicht 50 Jahren und die wirklich auch systemisch wirkt, also in allen Bereichen unseres Lebens und vor allem dann halt tatsächlich auch Gesellschaft verändert in ihrem Sein und dadurch eben auch neue, andere Trends und Bedürfnisse kreiert.
Anja Also Megatrends, kann man so sagen, sind so ein bisschen der Überbau der darunter zu definierenden Trends.
Stella Dann würde ich doch sagen, du hast gerade gesagt, man muss sich immer darauf einigen, was man dann als Trend sieht, was man als Megatrend definiert. Die Definition, die du gerade angeführt hast, würde ich auch einfach für diesen Podcast nutzen, dass das ist, was wir hier jetzt als Megatrend eben definieren.
Stella Du hattest ja eben auch schon verschiedene Kriterien angesprochen, beispielsweise Langfristigkeit von über 50 Jahren, wo so ein Megatrend eben wirken soll, auch in verschiedenen Bereichen. Gibt es da noch mehr von diesen Kriterien, die einen Megatrend quasi beschreiben?
Anja Genau, also die Langfristigkeit ist sicherlich eins der Kriterien. Dann arbeite ich damit, also eigentlich mit vier verschiedenen Merkmalen. Also neben der Langfristigkeit ist es die globale Wirkkraft. Es ist aber auch sozusagen diese Vielschichtigkeit, dass sie wirklich alle Bereiche unseres Alltags verändert.
Anja Und dann auch sozusagen die Komplexität. Also das heißt, Megatrends führen dazu, dass sie wirklich auch einen hohen Komplexitätsgrad in unserer Gesellschaft verursachen. Und gleichzeitig bedeutet das aber auch, dass sie miteinander wirken. Also wir haben ja nie nur einen Megatrend, sondern auch mehrere, die gleichzeitig wirken und die auch miteinander verschränkt sind.
Anja Also das kann man sagen, das ist es. Und was vielleicht noch ein weiteres Phänomen ist und was vielleicht auch von anderen Trends ein wenig sie unterscheidet, ist, dass sie schon in einer gewissen Weise auch prognostizierbar sind. Also natürlich haben wir dann auch sozusagen technologische Disruptionen, Disruptionen, die dann unter Umständen auch die Megatrends immer wieder verändern oder auch gesellschaftlich, also sie wirken, sie verändern sich in ihrer Langfristigkeit schon auch, aber trotzdem, also wenn wir jetzt zum Beispiel den Megatrend des demografischen Wandels nehmen, da können wir tatsächlich auch mit Zahlen hantieren und sagen, okay, der demografische Wandel hat quantitativ diese Auswirkung.
Anja Also Megatrends, sie haben sowohl einen qualitativen, einen empirischen Charakter, aber auch einen quantitativen.
Stella Jetzt muss ich mich aber doch einmal fragen, wenn wir über Megatrends sprechen, warum sind die eigentlich relevant? Also warum brauche ich denn diese Megatrends?
Anja Ja, tatsächlich, also die Megatrends erklären einfach unglaublich viel in unserer Gesellschaft. Die sind so ein bisschen wie so ein Schlüssel oder so eine, ja, wie ein Schlüssel, der sozusagen uns erklärt, warum wir gerade auch einen großen Wandel spüren. Also das heißt, sie zu kennen, damit kann man zum einen Prognosen erstellen, wie ich gerade sagte, indem wir zum Beispiel auch quantifizieren, wie hat sich vielleicht der demografische Wandel, wie entwickelt sich, wie können wir auch vielleicht Urbanisierung in den nächsten Jahren vorhersagen, prognostizieren.
Anja Das sind so Dinge, mit denen man dann tatsächlich auch ganz gut arbeiten kann, weil wir natürlich auch als Gesellschaft, als Organisation etwas benötigen, mit dem wir sozusagen auch planen können. Und das ist so der eine Punkt. Und der andere ist natürlich auch, dass es für uns selber ein Verständnis gibt, warum manche Dinge einfach gerade passieren. Also das heißt, auch das ist natürlich eine, es gibt uns eine Erklärung, was tatsächlich nicht in der Zukunft passiert, sondern was im Jetzt passiert.
Anja Und das finde ich tatsächlich manchmal noch fast spannender, weil diese Megatrends, wenn wir sie uns anschauen, sind sie ja als solches nicht unbedingt gerade jetzt so Phänomene, von denen man denkt, ach, damit hätte ich jetzt aber nicht gerechnet. Also über Individualisierung, demografischen Wandel, Urbanisierung, Globalisierung, das sind so Themen, über die sprechen wir eigentlich tagtäglich, wo man sagen könnte, ist das denn überhaupt ein Trend, das ist doch irgendwie was, was uns tagtäglich beschäftigt, aber tatsächlich ist es etwas, was uns nicht nur tagtäglich irgendwie vielleicht als Begriffe über den Weg läuft, Sondern uns natürlich auch verändert, nicht erst in der Zukunft, sondern im Hier und Jetzt.
Anja Und damit entscheiden wir auch, wie tatsächlich auch die Zukunft ist. Und das ist so ein bisschen auch tatsächlich dann der interessante Baustein, um Zukunft zu planen. Also wenn wir Megatrends kennen, können wir uns auf die Zukunft einstellen und können sie natürlich nicht nur prognostizieren nach dem Motto, wie wird es denn vielleicht 2035 sein, sondern tatsächlich auch, wie kann ich vielleicht diesen Weg bis 2035 mitgestalten.
Stella Du hast gerade schon ein paar Megatrends, die es aktuell gibt, angesprochen. Da kommen wir auch gleich zu. Aber vorab noch eine Frage. Du hattest ja auch gesagt, diese Megatrends haben eine globale Gültigkeit. Bedeutet das denn, dass quasi beispielsweise, wenn du dich mit internationalen KollegInnen austauscht, dass die ähnliche Megatrends sehen, die gleichen Megatrends?
Stella Oder unterscheidet sich das auch beispielsweise nach Kontinenten?
Anja Meistens unterscheidet es sich eher nach der Methodik, mit der man arbeitet. Also tatsächlich gibt es da auch wirklich nicht die eine Schule, sondern unterschiedliche Schulen und unterschiedliche, es ist in Soziologien und in Soziologie ist es halt meistens so in Sozialwissenschaften, dass es unterschiedliche Schulen gibt, die dann auch unterschiedliche Megatrends quasi beschreiben oder definieren.
Anja Das heißt, das ist meistens sehr gut, aber eigentlich ist man sich so ziemlich einig, was so die großen Entwicklungen sind und die sind tatsächlich dann auch global wirksam. Also ich nehme nur als Beispiel das Thema der Individualisierung. Das ist wirklich ein Megatrend, der uns global beschäftigt, auch wenn wir manchmal den Eindruck haben, das ist vielleicht ein westliches Phänomen.
Anja Es ist es nicht. Also Individualisierung ist tatsächlich etwas, was uns alle vielleicht manchmal in unterschiedlicher Ausprägung, aber doch irgendwie global betrifft. Und das ist vielleicht dann eher so die Relevanz, dass wir sagen können, okay, Globalisierung, Individualisierung, demografischer Wandel sind Trends, sind Megatrends, die uns überall auch begegnen.
Anja Das heißt, auch im internationalen Austausch kann man sich darauf einigen, dass diese Megatrends sind. Aber wie sie dann tatsächlich manchmal in der Ausprägung sind und wie sie auf die Gesellschaft wirken, also welche soziokulturellen Veränderungen sie bewirken, das kann dann tatsächlich vom kulturellen Raum und auch von der Lokalität unterschiedlich sein.
Stella Dann lass uns doch jetzt einmal auf diese Megatrends schauen. Du hast ja eben gerade schon von der Individualisierung gesprochen, auch von der Globalisierung als zwei Trends. Was gibt es denn noch?
Anja Also ich arbeite tatsächlich momentan mit sechs bis sieben Megatrends, wie wir gerade schon auch angesprochen haben, Globalisierung, Individualisierung, demografischer Wandel. Das Thema der Digitalisierung ist sicherlich auch ein Megatrend. Dann haben wir auch das Thema Klimawandel, wird als Megatrend genommen.
Anja Das Thema der Urbanisierung und was auch genutzt wird und womit ich auch arbeite, ist das Thema Gesundheit. Das sind so die großen Megatrends und man kann aber natürlich auch darüber hinaus noch durchaus, Und das mache ich auch mit KollegInnen immer wieder, dass wir diskutieren, ist das eine nun ein Megatrend oder nicht?
Anja Wie wird das eigentlich? Ist das vielleicht eher ein Bedürfnis oder ist es tatsächlich ein Megatrend? Und das ist sicherlich auch immer eine spannende Frage innerhalb der Forschung. Was definieren wir nun als Megatrend?
Stella Dann gib uns doch genau an dem Beispiel mal einen Einblick. Wo seid ihr denn gerade vielleicht am diskutieren, ob es eher ein Bedürfnis ist oder wirklich ein Megatrend?
Anja Lass uns gerne auch beim Beispiel Gesundheit bleiben. Also da kann man wirklich sagen, ist das eigentlich ein Bedürfnis, weil wir ja irgendwie auch ein Bedürfnis nach Gesundheit haben oder es ist eben auch ein Megatrend, der uns nämlich genau mit diesen Kriterien tatsächlich beschäftigt. Also dass es ein globales Phänomen ist, dass es eben auch ubiquitär wirkt, dass es diese Komplexitätsstufe hat und auch diese längere Halbwertszeit und damit eben auch alle Bereiche unseres Alltags verändert wird.
Anja Und es ist natürlich, Megatrends haben eben auch immer zum Beispiel eine große ökonomische Kraft und eine ökonomische Auswirkung auf Märkte. Und da kann man bei dem Thema Gesundheit tatsächlich sagen, dass das der Fall ist. Insofern würde ich Gesundheit durchaus auch als Megatrend sehen, weil er eben auch nicht nur zum Beispiel in dem Kontext der Gesunderhaltung der Personen, der individuellen Personen geht, sondern wir auch darüber hinausgehen können, in welchen Lebensräumen leben wir eigentlich. Wie halten uns Lebensräume gesund?
Anja Oder wie ist auch die planetare Gesundheit, können wir sogar sagen? Also wie sind eigentlich verschiedene Stufen, in denen wir als Individuum dann leben, in Gemeinschaft, in politischen Systemen? Also was macht das eigentlich mit unserer Gesundheit? Und das ist tatsächlich wieder so eine Komplexitätsstufe, wo man sagen kann, das verändert sich auch in der Wahrnehmung.
Anja Und ich glaube, das ist dann tatsächlich auch wiederum, wo so ein Wechselspiel ist. Wenn die Gesellschaft tatsächlich in ihrem Wertewandel diese Megatrends aufgreift und mit auch wieder verändert, dann würde ich sagen, entwickeln kann es als Megatrend definiert werden.
Stella Was mir gerade bei dem Bereich Gesundheit auch direkt in den Kopf kam, ist natürlich auch die wirtschaftliche Situation. Also gerade Unternehmen im Bereich Gesundheit gelten ja auch gerade, da gibt es große Wachstumsprognosen, nicht nur im Bereich Abnahmemittel etc., sondern ganz auch im Bereich der Forschung.
Stella Spielt das damit rein? Also hat das was mit dem Megatrend zu tun oder ist das einfach eine Entwicklung, wie du sie gerade angesprochen hast, die durch einen Fokus in der Gesellschaft, durch einfach eine hohe Relevanz von Gesundheit zustande kommt?
Anja Beides würde ich sagen. Also wir haben natürlich diese Themen jetzt auch gerade zum Beispiel, finde ich sehr spannend, Longevity als Thema. Das knüpft ja an dem Megatrend Gesundheit an, aber es knüpft natürlich auch an das Thema des demografischen Wandels oder der Individualisierung an. Also hier sehen wir auch tatsächlich eine Schnittstelle von verschiedenen Bedürfnissen.
Anja Also die Frage ist ja immer sozusagen, warum ich auch dieses Thema in den Fokus setze, zum Beispiel bei der Longevity. Es ist so, dass daraus sich natürlich neue Bedürfnisse in unserer Gesellschaft entwickeln und natürlich wir haben auch technologischen Fortschritt, was natürlich dann auch das Thema wiederum von der anderen Seite pusht.
Anja Also hier sieht man tatsächlich, dass es nicht den einen Grund gibt, warum etwas eine solche Popularität und auch solch eine Veränderungsbereitschaft impliziert. Das heißt, es ist ja nicht nur sozusagen das Phänomen, wenn wir uns anschauen, dass der Megatrend Gesundheit momentan vielleicht eine starke Rezeption in unserer Gesellschaft hat, sondern das ist natürlich auch mit uns, mit unserem Verständnis von Gesundheit etwas verändert.
Anja Und das finde ich dann auch wirklich wieder diesen relevanten Punkt. Wie diskutieren wir eigentlich das Thema Gesundheit heute, beziehungsweise wie blicken wir auf das Thema der Gesundheit in Zukunft, gerade nochmal auch unter diesen Querschnitts oder unter den anderen Megatrends, die damit reinwirken.
Stella Wenn du sagst, hey, wie gucken wir heute auf das Thema Gesundheit? Wie wollen wir es in Zukunft diskutieren? Was sind denn da aus deiner Forscher:innen-Perspektive? Was ist denn da wichtig, wenn man über das Thema Gesundheit für die Zukunft spricht? Also was muss ich quasi jetzt dazu wissen und im Kopf haben?
Anja Also tatsächlich finde ich, zum einen diesen Wechsel, Also das erleben wir ja schon auch häufiger und wir hatten sicherlich auch nochmal durch die Pandemie da einen leichten Shift, aber dass wir stärker nicht mehr Gesundheit unter der Abwesenheit von Krankheit verstehen, sondern wirklich auch zu schauen, wie können wir uns nicht aus dem Selbstoptimierungsgedanken heraus gesund halten, sondern tatsächlich, um unsere, man nennt es so schön, diese Health Spend zu verlängern.
Anja Also es geht gar nicht mehr unbedingt darum, möglichst lange zu leben. Also natürlich möchten wir alle möglichst lange leben, aber eben unter Bedingungen, die wir als gesund verstehen können. Und was dann gesund ist, ist natürlich auch immer sozusagen eine individuelle Perspektive. Das heißt, ich kann eine chronische Grunderkrankung haben. Ganz viele Menschen haben chronische Grunderkrankungen wie hohen Blutdruck oder vielleicht auch Diabetes und kann trotzdem eine Form von Gesundheit haben.
Anja Und das ist tatsächlich so das, was sich so ein bisschen verändert. Also wie gehen wir mit Erkrankungen auch um? Wie können wir die in unseren Alltag integrieren? Wie haben wir da einen anderen Zugang auch, vielleicht einen resilienteren Zugang? Und gleichzeitig aber eben sozusagen auch das Wissen, Gesundheitswissen und natürlich hat das auch viel dann mit Zugang zu Gesundheit zu tun, wie ich es schaffe, meine Healthspan, also die Lebensspanne, die gesunde Lebensspanne zu verändern oder zu verlängern.
Anja Und hier ist natürlich auch das Thema Prävention, finde ich da, einfach ein sehr, sehr spannendes Thema für die Zukunft, wie Prävention tatsächlich sich auch nochmal in den nächsten Jahren verändern wird und auch die Märkte anders nochmal bestimmen wird.
Stella Jetzt hast du aber gerade auch gesagt, beim Thema Gesundheit, wenn wir bei dem Beispiel nochmal kurz bleiben, ist es so, dass Gesundheit nicht unbedingt immer gleich bedeutet, länger leben. Aber der Longevity-Trend ist ja genau das. Also man möchte länger leben, möglichst bis hin zur Unsterblichkeit.
Stella Wie passt das denn jetzt zusammen? Also entwickelt sich quasi Longevity gerade zum nächsten Megatrend oder ist es trotzdem ein Trend unter dem Megatrend Gesundheit?
Anja Das ist eine interessante Frage, die man durchaus diskutieren kann. Also ich würde Longevity nicht auch nur eben unter diesem Aspekt von lange Leben betrachten, sondern wirklich lange gesund leben. Also ja, natürlich haben wir sozusagen diese Themen und diese Diskussionen, wie kann ich sozusagen unsterblich werden?
Anja Und da muss man so ein bisschen eben auch schauen, was ist da wirklich realistisch und was ist aber tatsächlich auch irgendwie ein medialer Hype oder eine Fantasie der Menschen auch. Fakt ist, dass die Idee eben eher dahin geht zu sagen, ich möchte möglichst lange leben, aber möglichst lange gesund eben dabei bleiben.
Anja Also das ist wirklich das Ziel darin und das finde ich ist so der Kern, wo ich auch sage, dass sich Longevity hin entwickeln wird. Es ist aber ganz klar eben auch eine Frage, wie wir das definieren. Also ich würde schon sagen, dass Gesundheit sich als Begriff für einen Megatrend, kann man durchaus diskutieren, ob sich das in Richtung Lebensqualität, in Richtung Longevity oder in Richtung Prävention entwickelt und wir da quasi auch in den nächsten Jahren oder auch Jahrzehnten einen neuen Begriff für finden muss, der vielleicht momentan von allen dreien, ich sage jetzt mal Lebensqualität, Prävention und Longevity, noch nicht richtig abgedeckt wird, sondern tatsächlich erst noch daraus sich etwas Neues entwickelt.
Anja Also wenn tatsächlich etwas daraus entsteht, was so eine Komplexitätsstufe auch hat und so eine Wirkkraft hat, dass es eben das Thema Gesundheit rechtfertigt, eben abgelöst zu werden. Und das ist ja auch immer so ein bisschen das Thema und auch die Kunst vielleicht auch der Zukunfts- und Trendforschung, Dass man manchmal Räume beschreiben muss, die heute noch nicht existieren, die aber sich in Zukunft abzeichnen lassen.
Anja Also zu schauen, wie kann wirklich so dieser Bereich sich entwickeln, der in Zukunft dann vielleicht auch das Thema Gesundheit ablöst.
Stella Wenn du sagst, Träume beschreiben, die sich gerade erst noch entwickeln, die Trends, die du genannt hast, die muss ich sagen, die kamen mir schon recht vertraut vor. Also zumindest schon von der Individualisierung, Globalisierung, wir haben auch über Klimawandel etc. Gesprochen. Das ist ja alles etwas, das erleben wir schon im Hier und Jetzt.
Stella Hast du vielleicht Beispiele für dieses in die Zukunft gucken?
Anja Ich finde tatsächlich, mein Fokus liegt dann eher zu schauen, wie sich Gesellschaft, also wie soziokulturelle Trends sich von den Megatrends ableiten lassen und was das mit unserer Gesellschaft macht und da tatsächlich diese Dynamiken zu untersuchen, weil dort können wir tatsächlich auch Zukunft mitgestalten.
Anja Das heißt, Megatrends kann man sicherlich auch schauen. Es ist, finde ich, manchmal schwieriger. Ich sagte jetzt, beim Thema Gesundheit würde ich tatsächlich einen Raum sehen, der sich entwickelt. Bei der Individualisierung kann man so ein bisschen sagen, dass sich das vielleicht auch weiterentwickelt in diese Richtung der Co-Individualisierung.
Anja Wobei man auch eben streiten kann, ist das nicht ein Thema, ein Subtrend und ein soziokultureller Trend. Also, dass wir als Co-Individuen gemeinsam leben. Ganz kurze Erklärung vielleicht dazu. Ja, bitte. Genau, die Idee dahinter ist, wir haben sozusagen aus der, die Individualisierung bedeutet, dass wir natürlich eine Ausdifferenzierung unserer Gesellschaft haben.
Anja Sie hat sehr, sehr viele Vorteile. Wir können unser Leben sehr freigestalten, in den meisten oder in vielen Gegenden und Regionen zumindest. Aber es verändert quasi die Ansprüche an die Idee, wie wir uns als Individuen verstehen, nämlich zunehmend in einer Ausdifferenzierung, in Eigenarten, in Identitäten, mit verschiedenen Identifikationsflächen auch.
Anja Gleichzeitig brechen dadurch gewisse Anker weg. Also, wenn man sich so die Gesellschaften vor 40, 50, 60 Jahren anschaut, die stark vielleicht noch an demografischen Daten sich orientiert haben, wie man als Frau Mitte 40 zu sein hatte, das widerspricht sich mit den heutigen. Und dadurch verlieren Menschen aber so ein Stück weit einen Anschluss und einen Anker, wo sie Zugehörigkeit empfinden.
Anja Wir diskutieren viel darüber, aber das Thema Einsamkeit, das ist bei Jungen wie bei älteren Generationen zu beobachten, auch weltweit ein Phänomen und das ist sicherlich eine Folge der Individualisierung, dieser Ausdifferenzierung und gleichzeitig suchen Menschen eben nach neuen Zugehörigkeitsformen.
Anja Und Co-Kulturen oder Co-Individualisierung beschreibt im Grunde genommen das Phänomen, dass wir als Individuen mit all unseren Unterschiedlichkeiten zusammenfinden in einer neuen Gemeinschaftsform, wo wir eben mit all unseren Unterschiedlichkeiten eine Zugehörigkeit finden. Und das finde ich tatsächlich eine spannende Entwicklung, weil sie unsere Gesellschaft wirklich umkrempelt, weil wir neue Formen von Gemeinschaft, von Zugehörigkeit, weil wir gerade dabei sind, die eben auch zu definieren und zu finden und zu kreieren. Und wir merken auch in unserer Gesellschaft, wie schwer es ist.
Stella Das Ding, ehrlich gesagt, und das finde ich gerade ganz schön, sehr versöhnlich und auch recht hoffnungsvoll für die Zukunft, dass es da quasi eine Lösung gibt, weil Individualisierung kann ja auch ein Problem sein, so wie du es gerade beschreibst, eben durch Einsamkeit etc. Ist denn diese Entwicklung gerade eher wahrscheinlich, oder ist das eine Sache, die passieren könnte und noch nicht so ganz klar ist, ob es in die Richtung geht?
Anja Ja, sicherlich. Wir haben, wenn wir uns Trends anschauen, ganz egal eigentlich, ob es Megatrends sind oder auch gesellschaftliche Trends, wir haben immer auch mit Gegentrends zu rechnen oder wir müssen mit Gegentrends arbeiten. Und wir merken natürlich auch in unserer Gesellschaft gerade, dass viele Diskussionen wieder zurückgehen, also ein Stück weit wie ein Rückschritt gegen die Individualisierung sind.
Anja Dass man versucht, Menschen wieder eher starke einzuordnen, dass man Freiheiten auch versucht zurückzunehmen. Gleichzeitig lassen sich manche Dinge einfach nicht wieder negieren. Und ich denke, diese Individualisierung ist ja nicht auch etwas, was erst in den letzten 30, 40 Jahren aufgetaucht ist. Das ist ja wirklich ein Megatrend, der schon sehr, sehr lange mit uns etwas als Gesellschaft macht und verändert.
Anja Und wir haben ein so starkes Bedürfnis in unserer Gesellschaft nach Gemeinschaft, und viele wissen allerdings nicht, wie sie Gemeinschaft vielleicht auch finden können und erleben können. Und ich muss ganz ehrlich sagen, ich bin hier eher optimistisch, was diese Entwicklung angeht. Es braucht einfach, wir sind soziale Wesen, wir sind Menschen, als Menschen auf Kollaboration angewiesen, um zu wirken, um Gesellschaft auch zu gestalten.
Anja Und ich sehe da tatsächlich eher so dieses, aufgrund dieses großen Bedürfnisses der Menschen eben auch noch Zugehörigkeit, dass sich in der Co-Individualisierung ja etwas entwickeln kann. Aber, und ich denke, das ist immer wichtig zu wissen, das ist kein linearer Prozess. Wir haben mit diesen, auch mit diesen Gegentrends müssen wir einfach arbeiten und daraus entsteht dann auch wieder etwas Neues.
Anja Vielleicht, wenn wir uns in zehn Jahren hier erneut treffen sollten, vielleicht nennt sich dann der Trend ganz anders und hat eine andere Ausprägung, weil eben auch Gesellschaft ständig damit arbeitet und das auch eben verändert durch Gegenwahl. Also es ist mal eine Frage der Perspektive, und das trifft tatsächlich eben bei allen Entwicklungen und bei allen Megatrends auch zu, dass wir dort immer auch mit Gegentrends arbeiten müssen.
Stella Ich glaube, ein Feld, was vielleicht auch viele Gegentrends wahrscheinlich mittlerweile hat, ist ja das ganze Feld Klimawandel, was du auch als Megatrend beschrieben hast. Also da sehen wir ja auch, wird sehr viel in Frage gestellt etc. Dieses Thema Klimawandel, ist das dann eigentlich noch ein Megatrend, wenn es in der öffentlichen Wahrnehmung immer mehr in den Hintergrund ja vielleicht auch rutscht?
Anja Ja, das denke ich ist ganz wichtig, auch bei den Megatrends zu beobachten oder zu wissen, dass sie nicht immer unglaublich präsent in unserem Diskurs sein müssen, um trotzdem wirken zu können. Das heißt, man kann es ein bisschen nennen, manchmal vielleicht einen unterschiedlichen Puls oder auch eine unterschiedliche Sichtbarkeit.
Anja Und dass wir überhaupt das Thema Klimawandel wird einfach teilweise natürlich auch sehr emotional diskutiert und es erscheint gerade so, als wäre es vielleicht sozusagen nicht mehr so relevant für unsere Gesellschaft und für unser Zusammenleben und für unsere Welt, für unsere Gesundheit, hat es aber einfach aufgrund der Existenz des Klimawandels eine große Wirkung.
Anja Und das heißt, selbst wenn wir die Augen davor verschließen, bedeutet es nicht, dass dieses Phänomen davon weggeht und uns in den nächsten Jahren stark auch weiter beschäftigen wird und wir Lösungen finden müssen und wir darüber diskutieren müssen. Also das ist auch manchmal vielleicht eine Frage von Sektor, von Perspektive.
Anja Wie beschäftigt es mich gerade vielleicht als Individuum, wie beschäftigt es mich vielleicht aber auch gerade als Organisation oder eben auch als Gesellschaft und da würde ich tatsächlich auch nochmal ein bisschen unterscheiden. Wir erleben hier durchaus politische Gegenmaßnahmen oder Maßnahmen, wo wir dachten, wir sind mal mit der Reaktion auf Klimawandel weiter und man versucht, eine Lösung stärker zu erarbeiten, diese zu fördern.
Anja Und das ist natürlich etwas, was in den letzten Monaten, Jahren ein Stück weit zurückgenommen wurde oder auch stärker negativ diskutiert wird. Aber tatsächlich ist es trotzdem ein Thema, was ganz viele Unternehmen, ganz viele Organisationen einfach prägt und auch Gesellschaft betrifft. In den nächsten Jahren einfach stark. Also wir müssen ja nur einfach die Diskussionen über im Sommer oder die Nachrichten im Sommer anschauen, wenn es um Waldbrände geht oder wenn es über Überflutung geht.
Anja Also das heißt, nicht alles ist vielleicht immer automatisch ein Thema des Klimarandes, aber lässt sich häufig damit schon auch wissenschaftlich eine Verbindung oder es wird zumindest diskutiert, ob es diese Verbindung geben wird. Und das finde ich tatsächlich ist einfach, es hat trotzdem in den Medien weiterhin eine hohe Präsenz und auch in unserer gesellschaftlichen Debatte.
Stella Noch ein Thema, das finde ich damit auch in Teilen vielleicht zusammenhängt, zumindest wenn man das Politische anschaut, ist das der Trend der Globalisierung. Da habe ich mich gefragt bei der Vorbereitung auf diesen Podcast, gerade unter US-Präsident Donald Trump, der ja sehr negativ auf die Globalisierung wirkt, aber man sieht es auch in anderen Teilen der Welt.
Stella Was bedeutet das eigentlich für einen Megatrend? Ist das dann quasi auch ein kurzer Impuls, der sich auf den insgesamt weiter bestehenden Trend auswirkt? Oder ist das ein sehr starker Gegentrend, der den Megatrend dann ins Wanken bringt?
Anja Zunächst einmal kann man sagen, dass Globalisierung natürlich auch unter verschiedenen Perspektiven betrachtet werden kann. Also wir können Globalisierung sicherlich aus dieser Handelspolitik, aus des Zusammenwachsens von Märkten und von Institutionen uns anschauen. Infrastruktur, die sich geöffnet. Aber wir können auch ganz klar Globalisierung als einen Wert betrachten, den wir vielleicht als Gesellschaft leben oder versuchen zu leben.
Anja Das heißt, dass Globalisierung so aus dem Thema des Kosmopolitismus, also ein kosmopolitisches Denken eher ein Wert ist, der uns prägt als Gesellschaft. Das sind sicherlich zwei verschiedene Perspektiven, Was man sagen kann, ist, dass Globalisierung auch schon vor Trump ein Stück weit von einem Gegentrend geprägt war, nämlich so diesem starken Sehnsucht nach dem Lokalen, nach dem Regionalen, also wieder so der Fokus auf das Lokale, weil es ein Stück weit eine Vereinheitlichung vielleicht auch impliziert hat oder mitgebracht hat, die Globalisierung.
Anja Das heißt, man hat auch hier wieder ein Stück weit Anker gesucht, ein Stück weit nach Herkunft, nach Zugehörigkeit oder auch nach etwas Authentischem. Auch das sind ja so Begriffe, die vielleicht manchmal auch ein bisschen überstrapaziert werden. Aber diese Sehnsucht nach Lokalität, Regionalität ist weiterhin in uns sehr stark und er prägt auch diesen Megatrend der Globalisierung.
Anja Das heißt, meine KollegInnen sprechen teilweise von Glocalisierung, also wo wir beides im Grunde genommen kombinieren können. Dieses globale Denken, also diesen Wert des kosmopolitischen Denkens, und gleichzeitig aber trotzdem zu sagen, wir haben einen Fokus auf, wir stärken zum Beispiel lokale, regionale Netzwerke, und gleichzeitig haben wir trotzdem ein globales Denken oder haben dieses überregionale, vernetzte Denken.
Anja Das ist für mich eher so dieses Spannende eigentlich auch an dem Thema Globalisierung. Aber ja, natürlich bewirkt Politik auch etwas und verändert damit natürlich auch die geopolitische Situation und wie die Welt zusammen Handel betreibt und wie es auch überhaupt möglich ist, natürlich dann auch diesen Gedanken des Lokalen noch umzusetzen.
Anja Also insofern, dass ich würde sagen, diese häufig mit Globalisierung verbundene Interpretation der Handels- und Investitionspolitik, der Kapitalmärkte, der Institutionen, der Vernetzung von Institutionen und das ist sicherlich etwas, was durch Politik gerade auch verändert wird und am Verändern ist. Dass wir mehr geopolitische Spannungen haben und auch das Thema Sicherheit und Datenschutz nochmal ganz anders diskutiert wird.
Anja Das ist so diese politische Ebene und auf der anderen Seite haben wir als Gesellschaft durchaus dieses Denken oder beziehungsweise manchmal auch hier wieder ein Gegentrenddenken, wo das natürlich auch als Gefahr oder als etwas Unangenehmes empfunden wird, wenn wir zunehmend auch in diesem offenen, weltoffenen Denken oder in einem weltoffenen Mindset sozusagen leben.
Anja Und aber es prägt einfach gerade auch jüngere Generationen, die mit dieser vernetzten Welt eben stark aufgewachsen sind. Und das widerspricht sich eben nicht.
Stella Was du auch gerade angesprochen hast, du hast gesagt, für manche kann Globalisierung auch als Problem gesehen werden. Und generell ist mir bei den ganzen Trends, oder Megatrends, um konkret zu sein, die du aufgezählt hast, aufgefallen, kann man auch immer im Verbund mit Problemen sehen. Klimawandel, ganz eindeutig, riesiges, existenzielles Problem.
Stella Globalisierung kann als Problem gesehen werden. Also beschäftigt ihr euch quasi bei der Megatrend-Forschung eigentlich primär mit Problemen?
Anja Das ist immer so die Frage, mit welcher Perspektive schaut man drauf. Also ich lade immer dazu ein, generell Trends erstmal mit einer, ich sag so ein bisschen einer zeitlosen Neugierde zu betrachten und sich erstmal zurückzunehmen und sich das erstmal anzuschauen. Und gar nicht erst mal zu werfen, dass etwas gut oder schlecht sein muss, sondern erst mal, es ist, es passiert gerade etwas.
Anja Und wie du auch sagtest, die meisten Entwicklungen sind nicht schwarz-weiß, sondern die meisten Entwicklungen sind komplex und sie haben Dinge, die positiv sind, sie haben Dinge, die negativ sind. Wir können nur allein das Phänomen von sozialen Medien nehmen, da gibt es viel, viel, viel zu kritisieren, aber es hat theoretisch der Grundgedanke, es hat auch eigentlich etwas Positives.
Anja Also wir haben durchaus, gibt es immer unterschiedliche Wertungen und auch jedes, je nachdem, was ich als Individuum mitbringe, werte ich eine Sache anders. Das heißt, meistens ist diese Wertung sagt eher etwas über mich aus, als über das Trendphänomen als solches. Und das finde ich dann auch wieder so dieses Spannende, diese Reflexion zu haben.
Anja Wie reagiere ich eigentlich auf etwas? Mit welcher Haltung? Und das sagt meistens mehr über mich in meiner jetzigen Situation aus, als über die Entwicklung tatsächlich. Das trifft natürlich nicht für alle Phänomene zu, ganz klar. Es gibt politische Phänomene, da ist es einfach wichtig, auch eine Position zu übernehmen.
Anja Das möchte ich überhaupt nicht infrage stellen. Aber wenn ich mir das Phänomen von künstlicher Intelligenz anschaue, kann ich mit ganz vielen verschiedenen Brillen drauf schauen und kann ganz unterschiedlich auch darauf reagieren und es nutzen und auch vielleicht die ethische Debatte mitprägen. Also ich habe hier auch immer dann diese Möglichkeit, mich zurückzunehmen und zu schauen, okay, ich schaue es mir erst mal an, um mich dann zu fragen, in welcher Zukunft möchte ich eigentlich leben und wie kann ich vielleicht mit den Mitteln, die mir zur Verfügung stehen, auch dazu beitragen, diese Diskussion mitzuprägen und als Gesellschaft eben auch in eine bestimmte Richtung, die vielleicht für mich wertvoll ist, mit weiterzuentwickeln.
Anja Und dafür brauchen wir eigentlich diesen gesellschaftlichen Diskurs. Und deswegen ist es auch so, dass am Anfang gefragt, warum es so wichtig ist, sich mit diesen Trends auseinanderzusetzen. Weil sie tatsächlich wichtig sind, in der Gesellschaft auch debattiert zu werden, um uns klarzumachen, wie wollen wir eigentlich in Zukunft leben?
Anja Was bedeutet für uns Zukunft Lebensqualität? In welchen Räumen, mit welchen Gemeinschaften, in welchen Gesellschaften wollen wir leben? Und da gibt es nicht die eine Zukunft, auf die wir uns hin entwickeln. Und es gibt auch nicht die eine Antwort, sondern wir sind gefordert als Gesellschaft, uns mit diesen Veränderungen auseinanderzusetzen, um dann daraus zu entscheiden, was möchten wir eigentlich in Zukunft haben und wie möchten wir leben?
Stella Was ich mich auch gefragt habe, der Bereich Digitalisierung. Du hast gerade das Stichwort Künstliche Intelligenz geliefert. Wird ja gerade viel diskutiert. Wird KI jetzt der nächste Megatrend? Ist KI ein Trend der Digitalisierung? Gib mir doch da nochmal und natürlich auch den ZuhörerInnen eine kurze Einordnung.
Anja Ja, also momentan, ich definiere es als Teil der Digitalisierung. Ich finde es aber durchaus auch diskussionswürdig zu fragen, ist künstliche Intelligenz ein neuer Megatrend? Weil er wirklich auch diese Auswirkungen, zumindest momentan gehen wir davon aus, dass er wirklich diese starken Auswirkungen auf so viele Bereiche unseres Alltags hat. Er verändert bereits unsere Werte, er verändert bereits, wie wir miteinander sprechen.
Anja Kommunikation wird davon beeinflusst. Es verändert auch die Märkte momentan. Es wird mit Sicherheit unsere Arbeitswelt stark verändern. Also wir haben hier wirklich auch ein Phänomen, das sehr groß und globale Auswirkungen hat auf uns Menschen in unserem Wertesystem, auf unsere Politik, Die Frage von Rechten und von Copyrights.
Anja Das ist natürlich auch irgendwie, wird gerade, und auch Datenschutz wird irgendwie gerade, muss irgendwie ausgehandelt werden. Es ist die Frage der Arbeitskultur, es ist die Frage auch von, es entstehen neue Konsummärkte, es entstehen neue Bereiche wie auch des Kulturraums. Also auch das ist etwas, was ja daraus neu entstehen kann.
Anja Also insofern finde ich diese Diskussion durchaus interessant, ob die künstliche Intelligenz neben der Digitalisierung eben auch ein eigener Megatrend sein kann. Und ich glaube, das ist vielleicht auch immer so eine Frage, mit wem arbeitet man gerade und wie arbeitet damit. Aber definitiv ist es keine Frage des Obts, sondern eher, wie wir damit umgehen.
Anja Und das ist einfach, es ist etwas, was bleibt und nicht mehr weggehen wird.
Stella Welche Trends im Bereich Digitalisierung gibt es denn eigentlich noch? Wir sprechen gerade so viel über KI, aber was ist denn aus deiner Sicht noch relevant?
Anja Ja, das hast du völlig recht, aber wir haben natürlich viele Bereiche, auch der Technologisierung, wo natürlich digitale Strukturen mit reinfliehen, fallen, die unglaublich spannend sind. Also ich sage jetzt auch mal der ganze Biotech-Bereich, Biotechnologien, also auch wie zum Beispiel unsere Lebensmittel in Zukunft sind oder auch Themen, wo auch wieder so Schnittstellen sind.
Anja Also ich finde einfach unglaublich spannend, was da gerade auch tatsächlich an technologischen Innovationen passieren kann, die natürlich auch direkt im Zusammenhang mit einer erhöhten Digitalisierung stattfinden. Also Dinge wie CO2-Capturing, also CO2 aus der Luft nehmen, daraus Proteine machen, also das finde ich sind unglaublich, sind natürlich momentan keine Nischen, aber es sind spannende Ideen, es sind spannende Themen, die aus diesen Bereichen entstehen können.
Anja Also das ist sicherlich noch etwas, wo ich gerade auch einfach viel, wo ich mich begeistern für kann, weil es einfach viel passiert. Viel auch gerade beim Thema, wir haben, auch das ist ein Thema von Gesundheit und Klimawandel. Wie gehen wir mit unserer Ernährung in Zukunft um, gerade das Thema pflanzenbasierte Alternativen?
Anja Hier ist natürlich auch viel durch Digitalisierung, Technologie, Neues entstanden und verändert sich gerade auch in der Qualität, verändert sich auch gerade in der Preisgestaltung. Also auch das hat wieder sozusagen eine Auswirkung, nicht nur im Bereich der Technologie oder der Digitalisierung, sondern auch, wie wir dann zum Beispiel in Zukunft essen und uns ernähren werden.
Stella Ich finde, dieses Beispiel zeigt, oder die Beispiele, die du gerade genannt hast, zeigen auch hervorragend diese Vernetzung nochmal der ganzen Megatrends, dass sofort in dem Fall auch Digitalisierung mit Gesundheit verbunden ist, aber auch in gewisser Art und Weise, wenn wir auf Handel gucken, mit Globalisierung.
Stella Und so hängt ja wieder alles zusammen. Gibt es eigentlich eine Limitierung? Also habt ihr quasi, weil ich glaube, es sind jetzt aktuell sieben Megatrends, wenn ich mich nicht geirrt habe und verzählt habe, sagt ihr, bei sieben ist Schluss und sprich, wenn KI jetzt doch ein Megatrend wird, dann muss die Digitalisierung weg oder wie ist das?
Anja Nein, und ich möchte nochmal betonen, dass das auch je nachdem von Netzwerken ganz unterschiedlich ist, mit welchen Megatrends und wie sie arbeiten. Also es ist tatsächlich erstmal für mich diese Einladung, sich mit diesen großen Phänomenen zu beschäftigen, und dann auch tatsächlich diese Diskussion immer wieder zu öffnen, nutzen wir es als Megatrend.
Anja Und wenn wir es als Megatrend nutzen, was bedeutet es dann tatsächlich auch vielleicht für unser Unternehmen, für unsere Organisation, für unsere Gesellschaft oder auch für uns als Individuum. Vielleicht ist es manchmal auch gar nicht so unbedingt wichtig zu wissen, ist das jetzt ein Megatrend oder es ist ein gesellschaftlicher Trend.
Anja Wichtig ist erstmal, sich tatsächlich mit diesem Phänomen auseinanderzusetzen und zu sagen, okay, es ist etwas, was bleibt und es ist vielleicht auch etwas, was ich tatsächlich, wo ich mich mit auseinandersetzen sollte, und auch vielleicht mir erstmal es neutral anschauen kann. Erstmal, okay, es ist da. Und dann mich aber fragen, wie möchte ich es eigentlich nutzen und wie möchte ich vielleicht auch, dass sich zum Beispiel eine Technologie entwickelt, oder wie möchte ich diese Technologie für mich nutzen.
Anja Also, dass wir da einfach stärker, wenn wir uns dieser Entwicklung bewusst machen, stärker in Diskussionen gehen und ich glaube, das ist das ganz Wichtige dabei, dass wir wieder auch lernen, und das ist vielleicht auch ein Trend der Zukunft, wieder mehr lernen, miteinander ins Gespräch zu kommen, Diskurse auszutragen, die nicht sozusagen unbedingt immer gegeneinander sind, so nach dem Motto, ich habe Recht, du hast Unrecht, wir sehen die Welt schwarz und weiß, sondern tatsächlich auch in dieser Komplexität sehen und auch diskutieren lernen.
Stella Ich muss sagen, wir müssen leider jetzt zum Ende des Podcasts kommen, auch wenn ich sehr gerne noch weiter mit dir über Megatrends und die Auswirkungen sprechen würde. Und ich fand, das war eigentlich auch schon ein sehr, sehr gutes Schlusswort. Ich würde es nochmal einmal so zusammenfassen, dass für dich Megatrends auch gerade bedeuten, eben darüber in Diskurs zu gehen, in Austausch zu kommen, weil das ist etwas, was wir quasi Megatrend, trendübergreifend auch einfach gerade für alle unsere Gesellschaften brauchen. Würdest du mir dazu stimmen?
Anja Definitiv, auf jeden Fall genau. Es ist das Sichtbarmachen, es ist das drüber in Diskurs gehen und sich darüber auszutauschen. Was bedeutet es eigentlich für unsere Zukunft? Was bedeutet es aber auch für unser Jetzt, wenn wir sozusagen Zukunft mitgestalten wollen?
Stella Dann danke ich dir doch an dieser Stelle sehr herzlich, dass du heute bei uns im Podcast bei t3n Interview zu Gast gewesen bist, liebe Anja.
Anja Vielen Dank. Ja, vielen Dank für die Einladung. Es war ein sehr nettes Gespräch mit dir.
Stella Das freut mich zu hören und ich hoffe, das geht auch den ZuhörerInnen so, dass ihr auf jeden Fall, ob ihr jetzt ein Videocast schaut oder beim Podcast zuhört, etwas mitnehmen konntet zu dem ganzen großen Feld der Megatrends. Vielleicht sprechen wir in zehn Jahren oder eher nochmal in fünf darüber, wie sich die Trends entwickelt haben.
Stella Und ansonsten gibt es eine neue Folge von t3n Interview, nicht zum Thema Megatrends, sondern zu einem anderen spannenden Thema in der nächsten Woche am Freitag. Ich freue mich, wenn ihr wieder einschaltet und natürlich, damit ihr es nicht verpasst, Drückt doch mal auf Abonnieren in der Podcast-App euer Wahl und lasst auch gerne eine Bewertung da und schickt uns Feedback an podcast@t3n.de.
Stella Die Adresse findet ihr auch in den Shownotes und in dem Sinne verabschiede ich mich bis zur nächsten Woche. Tschüss!