
Kapitelklicken springt direkt hin
Shownotes
mit Jannike Stöhr, Coachin
Direkt zu unserem KI-Newsletter: lp.t3n.de/KI-NL
Feedback für die Episode erreicht uns unter podcast@t3n.de.
Hinweis: Dieser Podcast wird von einem Sponsor unterstützt. Alle Infos zu unseren Werbepartnern findest du hier (linktr.ee/t3npodcast).
Transkriptvom Podcast bereitgestellt · Zeitmarken springen hin
Stella Ich habe eine Folge angekündigt, in der es darum geht, zu besprechen, ob mein Job noch passt. Und so viel vorweg, ich glaube, diese Episode, die wird vielleicht ein bisschen anders, als es bei der Frage klingt. Wir schauen uns in den nächsten 30 Minuten an, ob diese Frage eigentlich aktuell den Raum braucht, den sie vielleicht in der Vergangenheit hatte und wenn ja, wie wir sinnvoll mit ihr arbeiten.
Stella Und zu Gast ist bei mir Jannike Stöhr, Coachin und Autorin. Und sie hat sich jahrelang damit beschäftigt, wie Menschen den richtigen Job finden. Ich bin Stella-Sophie Wojtczak, Host von t3n Arbeit in Progress. Und ich würde sagen, wir legen direkt los. Heute am 30. Januar zeichnen wir auf, so viel als Transparenzhinweis.
Stella Und heute Morgen meldete die Bundesagentur für Arbeit einen Anstieg der Arbeitslosenzahlen auf 3.085.000. Wem das nicht so viel sagt, kurz gefasst ist es ein 12-Jahres-Hoch in Deutschland. Das heißt, die Lage am hiesigen Arbeitsmarkt, die dreht sich vielleicht gerade so ein bisschen. Und das ist die erste Frage, mit der ich gerne einsteigen möchte.
Stella Dieses, hey, passt mein Job eigentlich noch zu mir? Erfüllt mich meine Tätigkeit? Ist da eigentlich aktuell die richtige Zeit für, sich diese Frage zu stellen?
Jannike Also ich habe gar nicht so eine ganz klare Antwort dazu, weil ich persönlich habe meinen Job auch aufgegeben. Also ich habe lange als Coach gearbeitet für erfüllte Karrieren und habe mich genau damit beschäftigt. Ich habe Menschen begleitet, genau diese Fragestellung für sich zu beantworten. Und ich für mich habe für mich die Antwort gefunden, dass ich mich anderen Themen widmen möchte.
Jannike Also ich werde sicherlich coachend noch unterwegs sein und anderen Menschen helfen, erfüllter zu arbeiten. Aber die Frage nach dem richtigen, erfüllenden Job ist für mich persönlich nicht mehr so passend, nicht mehr so ausfüllend, weil ich das Gefühl habe, dass der Arbeitsmarkt sich total gewandelt hat.
Jannike Ich habe das Gefühl, oder wir alle haben sicherlich das Gefühl, dass wir von vielen Krisen umgeben sind, dass die Energie, die wir so zum alltäglichen Leben haben, zum Arbeiten haben, gedämpft wird durch die vielen Krisen, die wir irgendwie auch mental bewältigen müssen. Also ich habe irgendwie das Gefühl, für mich persönlich ist dieser Raum nicht mehr da, so wie er in den letzten Jahren da war.
Stella Spannend. Vielleicht für diejenigen, die dich noch nicht so gut kennen. Du hast ja unter anderem auch ein Buch darüber geschrieben, dass du 30 Jobs getestet hast, um deinen Traumjob zu finden. Und ja, nach dieser Testphase hast du dich dann auch als Coachin selbstständig gemacht, hast, wie du gesagt hast, Menschen beraten.
Stella Und wenn du jetzt sagst, hey, für mich hat sich das schon gewandelt. Wenn dich heute jemand fragen würde, hey, ich würde auch gerne 30 Jobs testen und gerade so meinen Traumberuf finden, würdest du dann sagen, hey, vergiss das lieber, die Zeiten sind vorbei?
Jannike Nein, ich finde es sehr gut, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen, herauszufinden, was man gut kann, was einem wichtig ist, wofür man sich einsetzen will. Nur habe ich auch den Eindruck, dass es noch vermehrt auch um die Frage geht, was kann ich noch machen auf dem Arbeitsmarkt? Also auch KI greift ja um uns und verändert ganz viele Arbeitsplätze oder eigentlich alle Arbeitsplätze.
Jannike Das heißt, was kann ich noch tun oder wie verändert sich auch die Arbeit und auch wofür möchte ich mich einsetzen? Also ich glaube, die Fragen werden in dem Zusammenhang noch wichtiger als das, was ich vielleicht früher im Fokus hatte. Was macht mir Spaß? Das erfüllt mich persönlich. Also ich finde, dass die Zeiten erfordern, die anderen beiden Dinge mit zu bedenken.
Stella Das, was du gerade gesagt hast, gerade dieses Thema, das Stichwort Erfüllung. Das war ja auch in den vergangenen Jahren immer etwas, was zum Beispiel kritisiert worden ist, wo es hieß, hey, das ist doch so eine Gefühlsdoselei. Das ist doch eine Art von Naivität. Du brauchst doch keine Erfüllung, du bekommst Geld für deinen Job, nicht, du bezahlst Geld für deinen Job, so soll das nicht sein.
Stella Du bekommst Geld für deinen Job, geh dahin, mach eine gute Arbeit, Erfüllung kannst du dir in deiner Freizeit holen. Haben jetzt diese KritikerInnen dann quasi plötzlich Recht bekommen mit diesem Zeitgeistwandel?
Jannike Ich finde persönlich nicht, weil es immer die Frage ist, wie viel Bedeutung messe ich meiner Arbeit bei. Ich zum Beispiel ziehe viel Bedeutung aus meiner Arbeit, mir war das schon immer wichtig. Und für mich wäre es schwer, nach acht Stunden den Stift fallen zu lassen und Geld einzustreichen und das war es dann.
Jannike Das heißt aber nicht, dass wenn jemand so ist, das schlecht ist. Das ist einfach nur anders. Aber wenn ich jetzt ein Mensch bin, der da viel Bedeutung rauszieht, dann sollte ich dem auch einen Raum geben. Also ich finde immer, dass diese Frage individuell zu betrachten ist. Viele Menschen leiden auch unter ihrer Arbeit, das heißt, sie werden depressiv oder fühlen sich, als ob sie nichts beitragen könnten oder nichts Wesentliches zur Gesellschaft beitragen könnten oder fühlen sich nicht gesehen, nicht gewertschätzt.
Jannike Es gibt auch ganz schlechte Arbeitsbedingungen, muss man einfach sagen. Und wenn ich darunter leide, in den Burnout gerate, eine Depression bekomme, dann ist auch niemandem geholfen. Also ich finde es schon wichtig, sich zu gucken, wie geht es mir mit meiner Arbeit. Aber die Frage ist eben, in welchem Ausmaß mache ich das und wie viel Energie habe ich auch zur Verfügung, um die Veränderungen, die dafür notwendig sind, einzuleiten.
Stella Aber was ich mich da frage, als ich zum Beispiel jetzt gestartet bin vor Jahren in die Berufswelt, da war der Fokus total auf der Individualisierung. Was macht dir Spaß? Du hast es eingangs angerissen. Jetzt, für mich ist es wie so ein Pendel, schwingt das plötzlich zurück in, sei eher froh, wenn du einen Job hast, die Arbeitslosenzahlen steigen und nimm mal ein bisschen mehr dieses Individualverhalten, nimm das mal ein bisschen zurück. Was ist denn denn jetzt richtig?
Jannike Also auch hier kann ich wieder mehrere Antworten geben. Es gibt zum einen so eine Tendenz bei Menschen, dass sie sich in den ersten Jahren ihres Berufslebens eher um sich kümmern, also die Knee-Curve, so wird es genannt, und ab dem 40. Lebensjahr die We-Curve. Das heißt, wir wollen eher dann unser Wissen weitergeben, uns für die Gemeinschaft einsetzen.
Jannike Also das hat auch mit dem Lebensalter zu tun, einer Person. Und gleichzeitig habe ich den Eindruck, dass die Bedingungen, in denen wir leben, sich so zuspitzen, verändern, uns gewissermaßen unter Druck setzen, dass vielleicht sowieso eine Veränderung zu dem Gemeinschaftlichen tragender ist für auch den Einzelnen.
Jannike Das heißt aber auch, also beinhaltet auch, dass ich mich fragen sollte, was kann ich denn beitragen? Worum bin ich denn gut? Was kann ich denn einer Gemeinschaft auch mit Leichtigkeit beitragen, weil es in meiner Stärken, in meinem Stärkenbereich liegt? Was macht mir auch Freude? Also ich finde, diese Fragen sind ja deswegen nicht falsch.
Jannike Nur ich glaube, dass die Gemeinschaft wichtiger wird in Zeiten wie diesen, in denen wir leben.
Stella Du hattest auch vorhin einmal gesagt, dass es schon bestimmte Fragen gibt, die man sich immer noch stellen sollte. Zum Beispiel die eine Frage für sich selber einfach, wie viel Erfüllung brauche ich persönlich? Du sagst, ich brauche sehr viel Erfüllung. Jemand anders sagt vielleicht eher, okay, im Job brauche ich eher Sicherheit, dass ich weiß, das Gehalt kommt sehr regelmäßig.
Stella Da kann ich auch mal Erfüllung ein bisschen zurückstellen. Ich möchte das hier gar nicht jetzt gegeneinander ausspielen. Das war jetzt einfach nur ein Beispiel. Welche Fragen gibt es denn da vielleicht noch aus deiner Sicht, die jetzt auch gerade aktuell sind bei der Frage, hey, passt das, was ich beruflich tue, zu mir?
Jannike Also ich würde gerne nochmal einen Ausdruck korrigieren. Ich meine nicht den Grad an Erfüllung, sondern den Grad an Bedeutung, den meine Arbeit für mich hat. Also wenn ich viel Bedeutung meiner Arbeit beimesse, dann ist mir das eben total wichtig, was ich in dieser Zeit mache und kann vielleicht hinterher nicht so gut loslassen oder identifiziere mich halt stark über meinen Job.
Jannike Also es geht nicht unbedingt um die Erfüllung per se, sondern eher um die Bedeutung, die ich dem beimesse. Welche Fragen sind wichtig? Ich würde sagen definitiv, welche Stärken habe ich? Was fällt mir leicht stärken und was fällt mir leicht bitte zusammen denken da gibt es einen großen unterschied also ich habe den eindruck gewonnen über die jahre oder ich habe das bemerkt dass viele menschen denken ein guter output allein reicht um etwas als seine stärke zu bezeichnen dem ist nicht so wir können uns auch total verausgaben kaputt machen gute ergebnisse erzielen aber absolut keine freude dabei empfinden dann haben wir vielleicht etwas gut gelernt aber es macht uns nicht Freude, wir machen es nicht mit Leichtigkeit. Und es gibt Dinge, die wir...
Jannike Die uns leicht von der Hand gehen. Und wir sollten eben das finden, was in uns liegt oder was aus uns herauskommt, weil das viel Einfluss hat auf, wie fühle ich mich eigentlich mit der Arbeit. Dann ist auch wichtig, was ist mir wichtig? Also wofür möchte ich mich einsetzen? Thema Sinn, Thema Werte. Bedürfnisse, finde ich, gehören da auch zu.
Jannike Also wenn ich zum Beispiel ein Mensch bin, der nicht so gut mit Lärm umgehen kann, vielleicht eher introvertiert ist, nicht so viele soziale Kontakte verkraften kann an einem Tag und ich sitze dann in einem Callcenter, dann habe ich einfach ein Problem, dann leide ich darunter. Das ist einfach, widerspricht meinen Bedürfnissen. Das heißt, welche Werte habe ich, was stiftet mir Sinn, welche Bedürfnisse habe ich?
Jannike Und was ich dann noch als E-Tüpfelchen draufsetzen würde, ist sozusagen, was interessiert mich eigentlich? Aber da sind wir dann schon in dem Bereich nah an dem, was muss es eigentlich oder wie muss es aussehen, um perfekt zu werden. Also das würde ich als i-Tüpfelchen noch mit reingeben, muss aber nicht sein, aus meiner Sicht.
Stella Ich habe mich bei der Recherche auch gefragt, wie viel Unbequemes muss ich eigentlich in einem Job aushalten? Also es geht einem nicht alles leicht von der Hand. Manche Sachen machen mir auch ehrlich gesagt vielleicht mal keinen Spaß. Heißt das dann schon, okay, ich bin hier falsch oder muss ich da auch irgendwie mal durch?
Jannike Also ich kann ja ganz offen sagen, ich habe zehn Jahre jetzt selbstständig gearbeitet und mir hat definitiv nicht alles Spaß gemacht. Buchhaltung, Steuer, you name it. Das heißt, zu einer erfüllenden Tätigkeit werden sicherlich auch Tätigkeiten gehören, die uns nicht so liegen, die uns nicht so Spaß machen.
Jannike Das finde ich aber auch gar nicht weiter schlimm, wenn man den Sinn hinter dem, was man tut, erkennt. Also ich habe nie daran gezweifelt oder irgendwie gedacht, das will ich jetzt nicht machen, sondern ich hatte immer diesen ganz großen Antrieb, warum ich das eigentlich tun möchte und warum ich auch bereit bin, das eben zu tun, was mir nicht liegt, aber was eben auch dazugehört.
Jannike Also, was will ich damit sagen? Ich glaube, bei jedem Job gibt es etwas, was nicht 100 Prozent ideal ist. Und dann ist aber die Frage, erkenne ich genug Sinn dahinter, also hinter dem großen Ganzen, wofür ich mich einsetze, sodass das dann auch gar nicht mehr so relevant ist? und zweitens, wie bin ich eigentlich in meiner Gestaltungskraft?
Jannike Das heißt, wie bin ich eigentlich bereit, auch hinzugucken und den Rahmen an dem, was ich verändern kann, auch zu nutzen? Das habe ich auch mit ganz vielen Menschen, die ich begleitet habe, gemacht, immer zu gucken, okay, es ist jetzt vielleicht gerade nicht gut, aber was kann ich an kleinen Dingen verändern, damit es besser wird?
Jannike Und ich glaube, dass am Ende des Tages wichtig ist, dass man... Und nicht, dass es einem nicht schlecht geht. Also man kann phasenweise, muss es einem nicht gut gehen, aber zumindest nicht schlecht. Und vor allen Dingen nicht über einen längeren Zeitraum sollte es einem schlecht gehen. Und dann immer zu gucken, was kann ich verändern in diesem Setting und was muss ich noch klären, was darf ich vielleicht auch ansprechen.
Jannike Und dann kann man immer noch gucken, okay, braucht es größere Veränderungen, wenn das mich wirklich runterzieht oder man merkt, es passt überhaupt nicht zu mir, also ich kann dir gar nichts beitragen, also dann finde ich es schon wichtig, da hinzugucken, definitiv.
Stella Es geht ja dann auch in die Richtung, du hast einmal den Sinn angesprochen, den muss ja jeder für sich auch selbst definieren, natürlich auch schauen, welchen Sinn hat vielleicht die Organisation, für die ich tätig bin. Aber was ich mich da frage, wie kann ich denn eigentlich auch differenzieren zwischen, Hey, dass ich gerade unmotiviert bin, dass ich so irgendwie nicht so richtig reinkomme und mich frage, hey, passt das hier alles noch?
Stella Liegt das an meinem Job, liegt das an meinem Arbeitgeber oder liegt das vielleicht auch an mir, weil ich meine Einstellung hinterfragen muss? Hast du da vielleicht noch ein paar Sachen, die man sich in solchen Situationen selber fragen kann?
Jannike Ich würde eher gucken, wenn ich keine Lust habe, wenn ich nicht motiviert bin, geht mir das in anderen Bereichen auch so. Also wo habe ich diese Unlust? Und ich glaube, dass wenn man die auch im Privaten hat, dass man dann schon nochmal genauer hingucken sollte auf die mentale Gesundheit. Also wie geht es mir eigentlich mental gesehen und dann sich gut um sich selbst zu kümmern.
Jannike Also das wäre der erste Schritt aus meiner Sicht. Ich würde dann gucken, was kann ich erstmal für mich tun, abseits der Arbeit, früher ins Bett gehen, gut ernähren, also wirklich gut um sich selbst zu kümmern und dann zu gucken, verändert das was. Also das wäre jetzt so mein erster Test, den ich mal machen würde, wenn es quasi flächendeckender ist, da gut für mich selbst zu sorgen und im nächsten Schritt dann anzusetzen an den Dingen, die mich im Arbeitskontext stören und da für Veränderung zu sorgen.
Stella Worüber wir noch gar nicht gesprochen haben, ist so der Punkt Werte. Also Unternehmen haben Unternehmenswerte, ich selber als Individuum Werte. Was ist eigentlich mit dem Thema, welche Werte vielleicht nicht verhandelbar sind? Sollte ich mir da auch drüber Gedanken machen, gerade wenn wir nochmal auf das Thema Sinn gucken?
Jannike Finde ich ganz, ganz wichtig. Also ich habe mit den Menschen, die ich begleitet habe, immer so die Top-5-Werte definiert und ich kenne viele, die das einfach schon gemacht haben. Es gibt ja wahnsinnig viele Übungen dazu, auch im Netz. Also das zu machen, finde ich total wichtig. Und wenn mir Ehrlichkeit wichtig ist und ich arbeite in einem Unternehmen, das einfach unehrlich ist, dann wäre das, finde ich, so ein Verstoß gegen die eigenen Werte, dass es mir wahrscheinlich auf Dauer damit nicht gut geht.
Jannike Also da würde ich schon gucken, was für mich persönlich wichtig ist. Und für mich, also das ist sehr individuell. Und da aber zu gucken, wo möchte ich keine Abstriche machen? Und dann aber auch den Mut zu haben, in Gespräche zu gehen. Man muss ja nicht sagen, jetzt wurde der Wert einmal gebrochen, jetzt kündige ich, sondern in Gespräche zu gehen.
Jannike Viele Unternehmen haben auch Werte auf ihren Webseiten stehen, die werden da aber nicht gelebt. Also finde ich auch eine spannende Diskussion, wenn ein Mitarbeiter sagt, ich nehme wahr, das, was hier auf der Webseite steht, wird gar nicht gelebt. Wie stehen wir eigentlich dazu? Also da auch Gespräche anzustoßen, finde ich auch spannend.
Stella Was ich mich aber bei dem Punkt Werte auch frage, wenn ich an unseren Gesprächseingang zurückdenke, ist das nicht gerade ein Punkt, der extrem wichtig ist, in dem, was wir um uns herum erleben, wenn wir uns fragen, welche Fragen sind sinnvoll, ist dann nicht gerade auch das Thema Werte, vielleicht abgesehen von Ehrlichkeit auch demokratische Werte nochmal im Fokus zu nehmen, ist das nicht gerade was, was immens wichtig ist?
Jannike Ja, finde ich auf jeden Fall. Und für mich ist das auch so. Und gleichzeitig gibt es ja so viele Probleme in dieser Welt, so viele Krisen in dieser Welt, dass wir auch da sagen könnten, du kannst dich eigentlich um alles kümmern. Und auch da, finde ich, braucht es wieder eine Differenzierung oder eine Individualisierung.
Jannike Eben, was ist für mich persönlich besonders wichtig oder das Wichtigste. Und nicht jeder hat die Kraft, sich um die Erhaltung der Demokratie zu kümmern. Und das finde ich irgendwie schwierig, fast das zu sagen, weil es so wichtig ist. Und gleichzeitig erlebe ich das aber in der Begleitung von Menschen.
Jannike Manche haben diese Reserven überhaupt nicht dazu. Die müssen erst mal gucken, dass sie ihren eigenen kleinen Radius stabil halten. Und da finde ich das auch eben legitim zu sagen, okay, was ist für mich persönlich wirklich wichtig, was möchte ich beitragen? Ich finde, diese gesellschaftliche Relevanz hat auf jeden Fall, gewinnt immer mehr an Wichtigkeit und Notwendigkeit, Dringlichkeit.
Jannike Also je mehr Menschen sich da einsetzen können, ich befürworte das. Und ich habe früher sehr auf mich geschaut, würde ich sagen, auf meine persönliche Erfüllung. immer aber mit dem Gedanken, auch was zurückzugeben, was Positives in der Welt zu bewirken. Aber ich habe für mich zum Beispiel jetzt die Antwort gefunden, dass diese persönliche Erfüllung für mich nicht mehr ausreichend ist, an dem, was ich beitragen möchte.
Jannike Ich möchte an grundlegenderen Dingen arbeiten. Also Demokratie zum Beispiel ist was, wo ich denke, ja, da muss man eigentlich ran. Also da möchte ich eigentlich auch gerne was tun. Aber ich finde, dass die Frage ist, wie viel kann ich auch rausgehen und wie viel verkrafte ich auch, weil ich finde, dass es ja herausfordernd ist, auch diesen Krisen so direkt ins Gesicht zu gucken und sich auszumalen, was könnte passieren eigentlich, wenn es so weitergeht oder wenn die Entwicklungen vielleicht noch sich zuspitzen.
Jannike Und ich will damit wirklich nicht sagen, dass man die Augen verschließen sollte, sondern dass man genau gucken sollte, was kann ich in diesem Moment wirklich realistisch gesehen leisten. Und je mehr Menschen, glaube ich, gut für sich selbst sorgen, desto mehr Menschen haben auch Kraft, sich für diese elementaren Dinge einzusetzen.
Stella Und jeder Mensch hat ja auch eine bestimmte Menge, sage ich jetzt mal, an Energie zur Verfügung. Manche stecken vielleicht besonders viel in die Arbeit und andere dann vielleicht auch, was heißt weniger in die Arbeit, aber wollen auch Energie haben für das Leben um die Arbeit drumherum, zum Beispiel auch für gesellschaftlichen Einsatz etc.
Stella Ist das nicht vielleicht auch etwas, was so ein bisschen jetzt zu dem Zeitgeist passt, dass manchmal auch sowas wie, hey, ja, ich mache meinen Job und ich mache ihn gut, aber ich brauche gerade gar nicht dieses, viel da drumherum, das Erfüllende, dass meine Bedürfnisse, natürlich, Bedürfnisse sollten immer abgedeckt sein, aber dass man da guckt, hey, okay, vielleicht gebe ich 60% meiner Energie in den Job und das ist gerade fein, weil die anderen 40% investiere ich vielleicht in was anderes.
Jannike Ja, ich finde sowieso, dass wir nicht nur auf Erwerbsarbeit schauen dürfen, sondern auch, was mache ich drumherum? Erziehe ich Kinder, pflege ich Eltern, setze ich mich anders für die Gemeinschaft ein? Also das, finde ich, darf man mit einbeziehen in die Überlegung, was gebe ich eigentlich für die Gesellschaft?
Jannike Und gleichzeitig gibt es ja diesen Spruch, andere zerstören die Welt in Vollzeit. Da reicht es vielleicht auch nicht, dann halt im Privaten das als Freizeit zu betreiben. Also zumindest nicht, wenn alle so denken würden. Also ich glaube, es braucht immer mehr Menschen, die sich Vollzeit auch mit den relevanten Zeitthemen oder Themen dieser Zeit auseinanderzusetzen.
Jannike Das glaube ich schon, dass die Notwendigkeit steigt, dass da immer mehr Menschen auch im Job sich für Themen engagieren.
Stella Ja, jetzt wollte ich das eine, was du so gesagt hast, quasi am Rande hast du angemerkt, dass du ja auch jemand bist, der immer sehr individual getrieben war, auch mit Blick natürlich auf die Gesellschaft, aber dennoch, dass du ja auch gerade bei dir merkst, dass sich da einfach viel wandelt, wo du dich darauf fokussieren möchtest.
Stella Und was ich mich da gefragt habe, ob das nicht gerade generell auch vielleicht auch eine Art von Zeitgeist ist, nachdem viel im beruflichen Leben in der Vergangenheit geschaut wurde, gerade in den vergangenen zehn Jahren vielleicht, hey, was macht mir Spaß, was möchte ich? Wir haben darüber jetzt ausführlich gesprochen, dass es vielleicht auch eine Chance ist, jetzt wieder mehr Teams und Zusammenhalt bei der Arbeit und natürlich auch drumherum in den Fokus zu nehmen.
Jannike Ich hoffe, ich hoffe das sehr, dass wir Stärkung erfahren durch Teams, die uns tragen, durch Gemeinschaften, in denen wir etwas beitragen, in denen wir uns aufhalten, von denen wir unterstützt werden auch. Es ist ja nicht immer nur geben, sondern auch nehmen. Immer wenn wir zusammenkommen, ist es ja beidseitig, idealerweise.
Jannike Also ich hoffe, dass das immer wichtiger wird, beziehungsweise, also ich habe auch den... Also nochmal anders angefangen. Ich werde ja dieses Jahr 40, deswegen kann es auch einfach sein, dass ich mich jetzt auf der We-Curve befinde, also dass ich meine Me-Curve schon abgearbeitet habe. Das kann sein.
Jannike Gleichzeitig nehme ich aber wahr, dass viele die Themen oder die Krisen, die es aktuell gibt, als so bedrohlich empfinden, dass sie schon was tun wollen. Also ich glaube, es ist nicht nur etwas Individuelles, was jetzt mich betrifft, sondern ich würde schon sagen, dass immer mehr Menschen die Notwendigkeit sehen, da was zu tun.
Jannike Und wenn das dann durch Teams und Gemeinschaft und Zusammenhalt und Verbundenheit getragen wird, umso besser.
Stella Lass uns doch zum Ende dieses Podcasts noch ein bisschen, sagen wir mal, was Schönes im Ausblick haben. Oder vielleicht auch nicht. Jetzt habe ich das schon so geprimed, das wollte ich gar nicht. Und zwar würde ich dich gerne fragen, wenn du so auf die Arbeitswelt in fünf Jahren guckst. Also Ausgangspunkt jetzt, wir hatten eine Phase mit hoher Individualisierung, wir haben jetzt eine Phase mit mehr Verunsicherung, vielleicht auch wieder mehr Gedanken, Gott sei Dank, ich habe einen Job in fünf Jahren.
Stella Wenn du jetzt so schnipsen könntest und sagen könntest, so würde ich mir da die Arbeitswelt wünschen, wie würde sie dann aussehen?
Jannike Puh, große Frage, um sie so spontan zu beantworten, aber ich versuche es mal. Also ich würde mir wünschen, dass wir alle einen Umgang mit KI gefunden haben, weil ich glaube, daran kommen wir nicht vorbei und ich wünsche mir, dass jeder sich diese Fähigkeiten aneignen kann und dass wir sie integrieren können in die Jobs, die wir machen.
Jannike Und dann, dass wir die Arbeitszeit oder die Energie, die wir aufwenden, für die wichtigen Dinge wirklich aufwenden. Das würde ich mir wünschen und dass wir mehr aufeinander schauen. Und genau, ich glaube, das trifft auch ganz gut, was wir heute besprochen haben, dass das schöne Entwicklungen in dem Ganzen sind, wo wir gerade drinstecken.
Stella Ich würde sagen, kein ganz optimistisches Schlusswort, ein vielleicht realistisch neutrales, Aber was ich dich gerne noch zum Abschluss dann auch wirklich fragen würde, welche Fragen sollten sich denn Menschen in der Berufswelt jetzt gerade stellen, die eben die nächsten Jahre positiv mitgestalten?
Jannike Also ich finde unbedingt, sich die Frage stellen, wie geht es mir mit meiner Arbeit und den Gestaltungsspielraum, den sie haben, zu nutzen. Finde ich wichtig, auch wenn wir darüber geredet haben, dass es vielleicht nicht mehr das oberste Ziel ist, erfüllt zu arbeiten. Aber ich finde trotzdem wichtig, zu gucken, wie kann es mir gut mit allem gehen und wie kann ich gut für mich sorgen. Finde ich super wichtig.
Jannike Und zweite Frage, wofür möchte ich mich einsetzen? Auch wenn ich nicht die Welt verändern kann, aber wie kann ich in meinem Wirkkreis Veränderung erzielen und für welches Thema möchte ich das tun? Die beiden Fragen würde ich gerne mitgeben.
Stella Zwei kompakte Fragen zum Abschluss dieses Podcasts und damit danke ich dir sehr herzlich, dass du bei T3 in Arbeit in Progress zu Gast gewesen bist.
Jannike Danke dir, Stella.
Stella Und ich würde sagen, ihr schaltet einfach in der nächsten Woche wieder ein und zwar sprechen wir dann, dann machen wir einen ganz harten Themenschwung. Wir sprechen dann über Künstliche Intelligenz im Recruiting, nämlich was Unternehmen da bei der Nutzung beachten sollten. Zu Gast ist die Wirtschaftsprofessorin Claudia Bünthe.
Stella Und damit ihr das nicht verpasst, macht ihr folgendes, ihr klickt auf Abonnieren im Podcast Player euer Wahl, lasst auch gerne eine Bewertung da und schreibt natürlich euer Feedback an podcast.t3n.de. Ich freue mich, wenn ihr nächste Woche wieder dabei seid. Auf Wiederhören!