
The cold war files - der Kalte Krieg Podcast
Werner Stillers: Der wichtigste Überläufer des Kalten Krieges
Donnerstag, 20. August 2026 · 20 min
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Shownotes
Der Überlauf des Stasi-Oberleutnants Werner Stiller im Jahr 1979 gilt bis heute als einer der spektakulärsten Erfolge in der Geschichte des Bundesnachrichtendienstes (BND). Doch was in Geschichtsbüchern oft wie ein meisterhaft geplanter Coup wirkt, war hinter den Kulissen ein haarsträubendes Lehrstück an Inkompetenz und organisatorischem Chaos, das Beteiligte rückblickend spöttisch als Werk von „Schlafmützen und Schlappschwänzen“ bezeichneten.
In dieser Folge öffnen wir die Pannen-Akte des Pullacher Geheimdienstes. Wir enthüllen, wie schlampig gefälschte Pässe mit falschen Augenfarben und veralteten DDR-Einreisestempeln das Leben der Beteiligten gleich mehrfach aufs Spiel setzten.
Erfahre, wie brisante Geheim-Telegramme wegen bürokratischer Patzer direkt auf den Schreibtischen der Stasi-Spionageabwehr landeten, warum Instruktionen auf Frequenzen gesendet wurden, die in der DDR kein normales Radio empfangen konnte, und wie die Stasi den unknackbaren BND-Code entzifferte, weil ein Agent die Codetabellen einfach im Koffer mitführte. Eine Episode über verhängnisvolle Schlampereien, unbemerktes Versagen von Observanten und das schiere Glück, das ein tödliches Fiasko gerade noch verhinderte.
In dieser Episode erfährst du:
• Gefälschte Identitäten voll Fehler: Warum Stiller plötzlich blaugraue Augen im Pass hatte und veraltete Stempelfarben die Flucht fast stoppten.
• Logistische Blindgänger: Von verwechselten Transit-Zügen, erfundenen Deckenplatten in Waggon-Toiletten und verpassten Kontakten auf dem Flughafen Helsinki.
• Post für Mielke: Wie eine fehlende Vereinbarung mit der Bundespost dazu führte, dass ein BND-Telegramm direkt an die Stasi zugestellt wurde.
• Geknackte Codes & Stasi-Maulwürfe: Wie die Stasi Flugzeuge manipulierte, um Geheimkoffer zu durchsuchen, und über BND-Safehouses in Hannover Bescheid wusste.
• Das Warten im Versteck: Warum die Fluchthelfer tagelang wegen „schlechtem Wetter“ in Polen festsaßen.
Verwendete Primärquellen & historische Dokumente:
• BND- & BStU-Archivakten zum Fall Werner Stiller: Deklassifizierte Protokolle, Einsatzberichte und interne Ermittlungen der HVA und des BND.
• Erlebnisberichte & Zeitzeugeninterviews: Rekonstruktionen von Werner Stiller und der Agentin Uschi Mischnowski über die Pannen der Operation.
• Historische Analysen der westdeutschen Spionageabwehr: Aufarbeitungen zu den Sicherheitslücken und der Stasi-Unterwanderung im Pullacher Dienst während der 1970er Jahre.
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Weiterführende Literatur auf Booklooker.de
Werner Stiller: Im Zentrum der Spionage
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Werner Stiller: Der Agent - Mein Leben in drei Geheimdiensten
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Stell dir das mal vor, du denkst an Meisterspione im Kalten Krieg und Du hast sofort dieses typische James Bond Bild im Kopf, oder? Ja, genau. Maßgeschneiderte Anzüge, eisige Nerven, absolute Perfektion sozusagen. Richtig, man stellt sich vor, wie die völlig lautlos durch irgendwelche Laserschranken gleiten, aber dann schnappst du dir für unseren heutigen Deepdive die echten Akten. Und die Realität sieht dann doch, na ja, ein bisschen anders aus.
Absolut anders. Du stehst plötzlich gedanklich am Grenzübergang Friedrichstraße in Ostberlin, es ist Januar, 1979, ein hochrangiger Stasi Spion hat 2 Koffer voll mit den brisantesten Geheimakten des Ostblocks bei sich. Und er schwitzt wahrscheinlich Blut und Wasser, weil sein gefälschtes Ausreiseformular fehlerhaft ist.
Genau. Der Grenzsoldat schaut ihn super misstrauisch an. Und weißt du, was unser Meisterspion in dem Moment sagt, um quasi den Dritten Weltkrieg zu verhindern? Er rollt einfach mit den Augen und meint Zeh, unsere Sekretärin ist so blöde. Das ist so unfassbar und der Grenzsoldat nickt einfach, stempelt dieses fehlerhafte Papier ab und lässt ihn durch.
Das ist, das ist fast schon Realsatire. Es ist komplett absurd und genau deshalb stürzen wir uns heute in diese Quellenanalyse. Wir haben da echt ein faszinierendes Konvolut vorliegen. Ja, das reicht von Spiegelartikeln aus den Neunzigern über detaillierte Berichte aus dem deutschen Spionagemuseum bis hinzu extrem persönlichen Aufzeichnungen.
Richtig, die Notizen von Thomas Wagner, dem Sohn der damaligen Freundin dieses Spions. Der hat das als Teenager alles hautnah miterlebt. Also, wer war dieser Typ eigentlich, der das übermächtige Ministerium für Staatssicherheit, das MFS, mit so einem dreisten Spruch? Ausstellen konnte. Also wir sprechen hier über Werner Stiller. Er war Oberleutnant in der Hauptverwaltung A, kurz HVA, das war der Auslandsgeheimdienst der DDR, der von diesem legendären Markus Wolf geleitet wurde.
Dem Mann ohne Gesicht, wie er oft genannt wurde. Richtig. Genau. Und Stiller saß dort im Sektor Wissenschaft und Technik. Sein primärer Job war also die Nuklearspionage in der Bundesrepublik. Er saß auch nicht in irgendeinem unbedeutenden Vorstadtbüro. Sondern. Er saß direkt im Nervenzentrum der Macht.
In der Stasi Zentrale in der Normannenstraße, Haus 15 5. Etage. Das allein finde ich schon völlig verrückt. Ich meine, wenn du als Spion überlaufen willst, ist es doch am Allerschwersten, wenn du direkt unter den Augen deiner Bosse im Hauptquartier sitzt, wie konnte er da überhaupt unbemerkt irgendwas planen?
Na ja, er hatte schlichtweg die perfekte Tarnung. Er hat das System nach außen hin nicht nur gelebt, sondern förmlich geatmet. Er galt als der absolute Vorzeigekommunist. Wow. OK. Ja, er war sogar Parteisekretär seiner eigenen Abteilung. Wahnsinn, das ist, das ist so, als ob DEIN IT Administrator, der die Firewall für das ganze Netzwerk baut, nachts heimlich die Server klaut.
Die Firewall wehrt alles von außen ab, aber sie schlägt eben nicht an, wenn der Typ mit den höchsten Adminrechten von innen agiert, weil das System ihm ja vertraut. Exakt das System baute auf ideologischer Reinheit und Überwachung auf. Und der Parteisekretär, der da die großen Reden schwingt, der steht im absoluten blinden Fleck. Niemand verdächtigt den moralischen Vorzeigegenossen. Wobei, wenn man sich die Quellen so ansieht, war er privat alles andere als ein moralisches Vorbild, oder? Ich sehe hier auf dem Papier eine Ehefrau Ärztebett und 2 Kinder.
Ja, auf dem Papier war er der solide Familienvater. In der Realität führte er aber ein ziemliches Doppelleben. Er hatte diverse Affären und nutzte seine Stasi Privilegien dafür völlig schamlos aus. Er hat sich dann in Stasi Wohnungen mit ihm getroffen. Oder wie? Ganz genau. Er hat diese konspirativen Wohnungen genutzt. Es gab da zum Beispiel eine im Prenzlauer Berg, die nannten sie in den Akten das Schloss.
Das heißt, er hat geheime Regierungseinrichtungen für seine Kinderdates benutzt. Krass. So kann man das sagen. Ja, dort traf er sich unter anderem mit Uschi Mischnowski, einer Kellnerin aus dem Hotel Panorama in Oberhof. Die wird in den Akten übrigens oft Helga genannt. Wenn er so ein bequemes Leben hatte, mit all den Privilegien, warum wollte er dann überhaupt weg? Und wie fängt man an, so eine Flucht zu planen? Mitten im Hauptquartier kann er schlecht beim BND anrufen. Er beschloss, 78 überzulaufen.
Das war wohl so ne Mischung aus Abenteuerlust, Frust über diese Stagnation im Osten und natürlich der Verlockung des westlichen Geldes. Und da kommt dann Uschi ins Spiel. Hat er sie aus Liebe eingeweiht? Wahrscheinlich weniger aus großer Romantik. Sie bot ihm einfach einen strategischen Vorteil, sie hatte nämlich einen Bruder namens Herbert, der in Westdeutschland lebte. Ah verstehe, sie war quasi sein Türöffner in den Westen, also eher eine nachrichtendienstliche Ressource für ihn. Genau so hat er sie instrumentalisiert. Das fing im Frühjahr 78 an, Uschis Bruder Herbert war in Oberhof zu Besuch.
Und Stiller drückt ihm heimlich eine Geldbörse in die Hand. Eine Geldbörse mit Infos drin. Ja, erste geheime Informationen und er bittet Herbert, das dem Bundesnachrichtendienst dem BND zu übergeben. Und der BND glaubt das einfach. Ich meine, irgendein Tourist bringt eine Geldbörse von einem Kellnerin Freund mit angeblichen Nukleargeheimnissen.
Die waren natürlich dann extrem misstrauisch. Hätte ja auch eine Stasi falle sein können, aber die Infos waren so brisant, dass der BND angebissen hat, OK. Und wie ging es dann weiter? Im Juli 78 legen Sie einen sogenannten toten Briefkasten in einem Ost Berliner Park an, um mit Stiller zu kommunizieren. Erklärt das mal kurz, wenn ich toter Briefkasten höre, denke ich an irgendwelche Hightech Gadgets in einer Parkbank. Wie sah so.
War es Ende der 70er aus? Viel, viel banaler in der Spionage ist das einfach ein unauffälliges Versteck, wo man Nachrichten hinterlässt, ohne sich persönlich zu treffen. In diesem Fall war es einfach ein altes, verwittertes Holzbrett, das da unter einem Laubhaufen lag. Ernsthaft? Ein Holzbrett.
Ja, und darunter waren Codes und Instruktionen vom BND versteckt. Und wie lief der Austausch dann langfristig ab? Stiller konnte ja nicht jeden Tag im Park unter irgendwelchen Blättern wühlen. Richtig, der BND wollte über Kurzwellenfunk mit ihm kommunizieren. Das Problem war nur Stiller brauchte dafür ein spezielles Radio, um diese Frequenzen überhaupt reinzukriegen.
Die normalen DDR Radios konnten das oft nicht. Also ab in den Intershop. Genau, sie mussten in einen Intershop gehen, um ein westliches Grundig Radio zu kaufen. Für alle, die das nicht kennen Intershops waren diese Läden in der DDR, wo man nur mit Westgeld einkaufen konnte. Aber woher hatte Stiller die D Mark? Er hatte als HFA offiziell Zugang zu operativem Geld, also Westwährung für Einsätze.
Das hat er einfach abgezweigt. Aber ab hier begannen dann die Fehler und zwar richtig massive Fehler auf Seiten des BND. Oh ja, die Chronologie dieser Fehler ist echt atemberaubend. Ich dachte beim lesen, ich bin im falschen Film. Was genau hat der BND da verbockt? Der BND sagte stiller, er solle Telegramme an bestimmte Deckadressen im Westen schicken, als Empfangsbestätigung.
Klingt ja erst mal logisch. Wäre es auch, aber der BND hatte mit der Westdeutschen Post nur eine geheime Vereinbarung zur Weiterleitung von Briefen an diese Adressen. Für Telegramme galt das nicht. Oh mein Gott, das heißt, der Postbote im Westen steht da mit dem Telegramm vor einer Fake Adresse, weiß nicht wohin damit und dann?
Dann ging das als Unzustellbar zurück an den Absender, in die DDR. Und solche unzustellbaren Telegramme an westliche Adressen landeten direkt auf dem Schreibtisch der Stasi. Spionageabwehr. Ist das dein Ernst? Bei wem genau? Bei General Günther Kratsch. Das ist doch ein Alptraum. Der BND liefert seinen eigenen Informanten ans Messer wegen eines bürokratischen Postdetails wusste die Stasi da schon, wer er ist?
Namentlich noch nicht, aber sie wussten, da funkt jemand in den Westen und dann passierte im August 78 der nächste krasse Fehler. Noch einer, ja. Stiller und Uschi schreiben einen Brief an eine westliche Adresse und benutzen Geheimtinte. Die Botschaft stand unsichtbar zwischen den normalen Zeilen.
OK, aber Geheimtinte ist doch so der Klassiker. Warum wurde das zum Verhängnis? Weil die Stasi zu dem Zeitpunkt schon eine gigantische Postüberwachung hatte. Die haben jeden Tag bis zu 2000 Briefe in den Westen geöffnet, und die hatten Labore, die genau auf solche chemischen Sachen spezialisiert waren. Oh nein, die haben den Brief also abgefangen und die Tinte sichtbar gemacht.
Genau. Das war der Startschuss für die Operation Borste. Jetzt wusste die Stasi hundertprozentig, dass da ein Verräter sitzt. Ich versteh 1 nicht, wenn der BND merkt, dass ihr Agent im Osten auffliegt, holen die den doch sofort raus, oder warum zieht sich das bis in den Winter? Tja, die Bürokratie malte auch im Westen langsam.
Der BND musste gefälschte Ausweise besorgen. Die liefern sie dann auch im Winter 78 aber mit dem wohl dümmsten Fehler überhaupt. Lass mich raten, irgendwas hat nicht gestimmt. Sie haben bei Stillers Pass die Augenfarbe grau eingetragen, er hatte aber eindeutig braune Augen. Stell dir das mal vor.
Dein Leben hängt an diesem einen Stück Papier. Du stehst kurz vor der Todesstrafe, bist völlig im Ausnahmezustand und ein hochprofessioneller Geheimdienst schickt dir einen Pass, mit dem du sofort verhaftet wirst, weil der Grenzer nur in dein Gesicht schauen muss. Er muss völlig verzweifelt gewesen sein.
Er musste also neue Dokumente anfordern und während sie warten, macht Uschi dann ihren eigenen tragischen Fehler. Was hat sie gemacht? Im November und Dezember fängt sie an, Pakete mit ihren geliebten Kristallvasen per Post an ihren Bruder im Westen zu schicken. Warum um Himmels Willen schickt man in so einer Situation Vasen per Post? Es ist irgendwie diese Tragik der Normalität. Sie wollte Ihre Wertsachen nicht in der DDR zurücklassen. Aber die Stasi kontrolliert diese Pakete natürlich. Und sie vergleichen die Handschrift ganz genau. General Cretch lässt die Handschrift auf den Paketen mit der aus dem abgefangenen Geheimtinte Brief vergleichen. Und im Dezember haben Sie ein hundertprozentiges Match. Das heißt, im Dezember wissen
Sie, Helga Mischnowski, Kellnerin in Oberhof, ist die Absenderin. Die Schlinge zieht sich zu. Warum verhaften Sie die beiden nicht sofort? Weil das Wetter dazwischen kam. Es gab diese historische Kältewelle um den Jahreswechsel. 7879 - 25 grad. Ah, der berühmte Schneewinter. Genau das ganze Land stand still, Züge fielen aus, Straßen waren dicht.
Das hat den Zugriff der Stasi um ein paar entscheidende Tage verzögert. Ein Witterphänomen rettet denen also kurzfristig das Leben. Wahnsinn. Und so landen wir dann im Januar 1979 Uschi und ihr Sohn fliehen am 14. Januar mit dem Zug nach Warschau, um in die westdeutsche Botschaft zu kommen. Und da war es extrem knapp, exakt 15 Minuten, nachdem Uschis Taxi in Oberhof abfährt, steht ein Rollkommando der Stasi mit Haftbefehl vor ihrer Tür. 15 minuten. 15 Minuten zwischen Freiheit und Stasi. Gefängnis.
Unglaublich und stiller. Der bleibt ja noch in Berlin. Am 18 Januar telefoniert er dann ein letztes Mal mit seiner Frau erzzebit. Die beiden streiten sich wohl, sie droht mit Scheidung und er legt einfach auf und sagt, das war s dann. In dem Moment wusste er, er kommt nie wieder nach Hause. Und nach Feierabend schleicht er sich wieder in sein Büro in der Zentrale.
Er wollte ja nicht mit leeren Händen gehen, oder? Richtig, er wollte sein Wissen beim BND möglichst teuer verkaufen und da geht es wieder völlig absurd. Wie bricht man nachts im bestbewachten Gebäude der DDR ein? Die Quellen sagen, er nimmt Hammer und Meißel und fängt an wie wild auf den Stahlschrank seines Chefs einzuschlagen. Mitten im Spionagehauptquartier Es ist ein Wunder, dass ihn kein Wachmann gehört hat, aber der Tresor vom Chef ging nicht auf. Und dann?
Aus Frust hat er sich dann den Schrank der Sekretärin vorgenommen. Der war schwächer, den bekam er auf. Und was hat er da gefunden? Über 7000, westmark, dazu mikrofilme, Akten und das war sein Ticket in die Freiheit, leere Passierscheine für den Gepäckkanal am Bahnhof Friedrichstraße. OK, erklär uns das kurz. Warum war dieser Gepäckkanal so überlebenswichtig, warum ist er nicht normal ausgereist?
Bei einer normalen Kontrolle am Bahnhof Friedrichstraße wurdest du komplett gefilzt. Stiller hatte. Taschen voller Geheimakten da hätte er keine 2 Minuten durchgehalten. Der Gepäckkanal war aber ne VIP Spuren. Für Diplomaten und so. Genau. Für Diplomaten oder Kuriere. Da durfte das Gepäck ohne diese strenge physische Durchsuchung über die Grenze, man brauchte nur diesen speziellen Passierschein. Und er hat diese Blankoscheine füllt die selbst aus, geht zum Grenzübergang, steht vor Oberst Manfred Brückner, reicht das Papier rüber, und dann merkt der Grenzer, da fehlt ein vermehrt. Das Formular war fehlerhaft.
Und hier kommt genau dieser Moment von vorhin. Stiller spielt einfach den genervten Vorgesetzten. Unsere Sekretärin ist so blöde, ich begreife das einfach nicht. Warum lässt der Grenzer ihn durch, warum ruft der nicht kurz in der Zentrale an, war der einfach unfähig? Nein, das war die systemische Psychologie der Stasi.
Die Macht basierte auf extreme Autoritätshörigkeit, ein Offizier der Auslandsaufklärung war für so einen normalen Grenzer quasi ein Halbgott. Wenn der Grenzer also nachfragt, riskiert er seinen Job. Mir noch. Wenn Stiller auf einer eiligen Geheimmission gewesen wäre und der Grenzer ihn aufhält, wäre der Grenzer selbst im Gefängnis gelandet. Er hatte also mehr Angst vor der eigenen Obrigkeit als davor, einen Spion entkommen zu lassen.
Die Mauer im Kopf war stärker als der Beton. Absolut. Und so geht Stiller durch die Tür und steht im Westen. Er steigt dann in die U Bahn, aber ist nervlich völlig am Ende, oder? Ja. Die Bahn bremst auf offener Strecke und er gerät in absolute Panik. Er denkt, die Stasi hat den Zug gestoppt, er reißt die Türen auf und springt aus der fahrenden U Bahn.
Aus der fahrenden U Bahn und dann rennt er zum Flughafen Tegel, stürmt in das Büro der Polizei, zieht seine Waffe. Die Polizisten erstarren und dann holt er triumphierend eine Flasche Wodka und Bier aus der Tasche. Ein filmreifer Auftritt. Aber für die Stasi begann am nächsten Morgen ein unvorstellbarer Alptraum.
Er hat ja bei den Verhören im Westen extrem ausgepackt. Er enttarnte seinen eigenen Chef Markus Wolf, von dem der Westen bis dahin nicht mal ein Foto hatte, und er verriet über 60 DDR Agenten in der Bundesrepublik. Stasi Chef Erich Mielke muss doch vor Wut geschäumt haben. Laut unseren Quellen bekam der einen massiven Tobsuchtsanfall.
Stiller wurde in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Die haben 1000000 D Mark Kopfgeld auf ihn ausgesetzt und killerkommandos geschickt. Es gibt da diesen bizarren Vorfall von 1980, wo ein als gasableser verkleidetes Kommando ein Haus in Bayern stürmt. Und es war das völlig falsche Haus, da saß eine unbeteiligte Familie beim Abendlesen.
Ja, das zeigt einfach, wie panisch und fehlerhaft diese Hetzjagd war. Stillers Verrat hat den Mythos der perfekten Stasi komplett zerstört. Es ging Mielke also nicht nur um die Akten, sondern um sein Gekränktes Ego. Genau. Ein eigener Musterschüler hatte bewiesen, dass ihr System löchrig war. Aber bei allem Respekt für seinen Mut, die Quellen zeigen auch eine extrem dunkle Seite.
Stiller hinterließ regelrecht verbrannte Erde bei den Menschen, die er zurückließ. Das ist der menschlich tragischste Teil dieser Analyse. Nehmen wir seine Ehefrau Erzebeth. Die wusste von all dem absolut nichts. Was ist mit ihr passiert? Wenige Stunden nach der Flucht holen Stasi Offiziere sie buchstäblich aus der Badewanne. Sie wird nächtelang verhört und komplett isoliert. Und Sie haben ja noch viel perfidere Methoden angewandt, oder die Stasi hat angeblich Pornobilder gefälscht und ihr Gesicht darauf montiert.
Ja, um sie psychisch komplett zu brechen. Man drohte ihr ganz offen, dass sie ihr die Kinder wegnehmen und ins Heim stecken, wenn sie sich nicht scheiden lässt. Unfassbar. Sie wurde also sozial vernichtet und jahrelang überwacht. Und was ist mit Uschi, die nach Warschau geflohen war? Die Erlebte einen ähnlichen Höllentrip. Sie saß mit ihrem Sohn tagelang in Todesangst in der westdeutschen Botschaft in Warschau fest. Warum ging es von dort nicht direkt in den Westen? Weil der BND Kurier, Deckname Sissi, ihre falschen Pässe nach Warschau brachte, sie ansah und sie sofort im Kamin der Botschaft verbrennen musste.
Schon wieder die Pässe. Was war denn diesmal das Problem? Die waren unter Zeitdruck so unfassbar schlecht gefälscht worden. Es fehlten elementare Stempel für Polen, wenn Uschi damit am Flughafen aufgetaucht wäre, hätten die polnischen Grenzer sie sofort der Stasi übergeben. Sie musste also wochenlang in diesem Limbo ausharren. In ständiger Angst, dass die polnische Polizei stürmt. Sie riskierte ihr Leben für ihn und wie hat er ihr das gedankt? Na ja, kaum war sie im Westen in Sicherheit, ließ stiller sie 81 auch schon wieder sitzen.
Für eine Neunzehnjährige, die er am Gardasee kennengelernt hatte. Das ist so bitter. Und dann gab es da noch andere Kollateralschäden. Ein Spion namens Armin Raufeisen zum Beispiel. Ja, der floh aus Panik vor Enttarnung mit seiner Familie zurück in die DDR. Als sie dann merkten, in was für einem Gefängnisstaat sie gelandet waren, wollten sie wieder in den Westen.
Und wurden verhaftet. Raufeisen starb dann im Stasi Gefängnis und sein Sohn, ein Teenager, saß 3 Jahre in Haft. Das zeigt diese gewaltige Doppelmoral. Der BND und die CIA feierten Stiller als Helden. Er bekam über 400000 D Mark Prämie und ein Studium in den USA finanziert. Er hat dann ja eine zweite Karriere hingelegt. Er nannte sich Klaus Peter Fischer, wurde Börsenmakler, hat für Goldman Sachs und Lehman Brothers gearbeitet. Genau, lebte in toll und Lofts, reiste um die Welt, aber er bezahlte diesen Aufstieg mit dem Leid jener Menschen, die ihm vertraut hatten.
Wir haben heute echt gesehen, wie ein Mann durch eine toxische Mischung aus Charme, Berechnung und unfassbar viel Glück dieses System sprengte. Er hat in beiden Systemen Wege gefunden, die Regeln zu seinen Gunsten zu manipulieren. Ja, er hat bewiesen, dass kein Überwachungssystem unfehlbar ist. Aber eben auch, dass Geheimnisverrat nie ohne unschuldige Opfer stattfindet.
Vielen Dank für diese tiefen Analysen und dass du diese ganzen absurden Details für uns so toll aufgeschlüsselt hast. Sehr gerne. Und an dich, der uns gerade zuhört. Danke, dass du bei diesem Deepdive dabei warst. Wir hoffen, du konntest die Mechanismen hinter dieser historischen Flucht jetzt viel besser greifen. Zum Schluss möchte ich dir aber noch einen Gedanken mitgeben, der mich nach all diesen Quellen einfach nicht loslässt. Stell dir mal vor.
Wenn ein Mensch wie Werner Stiller dazu fähig ist, über Jahre hinweg seine Ehefrau, seine Geliebte, seine Vorgesetzten, also wirklich jeden in seinem Umfeld jeden Tag direkt ins Gesicht zu lügen, verliert so jemand dann nicht irgendwann die grundsätzliche Fähigkeit zu echter, aufrichtiger, zwischenmenschlicher Nähe?
Kann jemand, der das Instrumentalisieren anderer derart perfektioniert hat, in seinem neuen Leben jemals wieder jemandem wirklich vertrauen oder umgekehrt? Kann er jemals wieder wahrhaftig geliebt werden, ohne dass da immer ein Schatten des Zweifels bleibt? Eine Frage, die uns leider keine Stasi Akte der Welt beantworten kann.