Track17 - Der Musikpodcast· Folge 73
Shorts 09 | Haldern Pop Festival 2022 - Ein Bericht
Montag, 22. August 2022 · 22 min
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Shownotes
von Christopher Hunold
Wir trotten Samstag aus dem kleinen Tonstudio Haldern, im Ohr noch immer die soeben dort gehörte in kleinem Kreis performte viertelstündige Improvisation, in der Black Country, New Road und das Orchester-Kollektiv stargaze sich mit 15 Instrumenten, doppelt so vielen Ideen und noch mehr Talent dabei übertrafen, mich von einem verschwitzen Tränenmoment in den nächsten zu katapultieren. Während ich versuche zu verarbeiten, was da gerade passiert ist, sehe ich zwei Leute in einem Zelt sitzen. Sie prosten sich zu, reden irgendetwas, die Blicke sind unter den Sonnenbrillen nicht erkennbar. Sie werden nie erfahren, was sie wenige Meter von ihnen verpasst haben und vielleicht nur 30 Leute erleben durften und weder wiederholt werden wird noch aufgezeichnet wurde. Die Beine schwach, das Herz rast, Gefühle überall, ich auch… Ob ich das „uff“ gerade denke, ausspreche oder seufze, bemerke ich gar nicht.
Es war das beste Haltern aller Zeiten (Platz 2: 2019, Platz 3: 2011)
Was soll ich sagen. Black Country, New Road, black midi, Squid auf einem Festival. Dazu Famous, Wu-Lu, Ghum, Nilüfer Yanya, Sons of Kemet, Dry Cleaning undundund. Ein Line-Up, das hier in diesem kleinen Pop-Dorf noch nie so gut sein durfte, trotz der vielen guten Jahre, die hinter dem Festival liegen. Was ich dem Festival und der Planung anrechnen muss, ist dass sie mehr Risiken eingehen und nach einigen mittelmäßigen Jahren (zwischen 2013 und 2019 war das Line-Up insgesamt viel schlechter mit all ihren typischen folky Klampfmännern, den offensichtlichen WIederkehrern und wenigen neuen, spannenden Künstler:innen - trotz der selbstredend immer wieder gestreuten Highlights) eine Verjüngung anstreben, das Festival nicht mit dem Publikum altern lassen und das abgesagte 20er-Haldern zumindest in Teilen rekonstruieren konnten. Der Plan ist frühzeitig erstellt, wenn er das nicht schon für sich alleine erledigen muss.
HALDERN 2022
DONNERSTAG, 11.08.22
Das Dorf, es glüht, man winkt der Sonne zu, die als ungebetener Gast mit nichts außer einer gut eingestellten Uhr in den Abendstunden zu vertreiben sein wird. Bis dahin wird nach ein paar Songs der nicht so spannenden Emilie Zoe die Kirche aufgesucht, wenn auch nur von außen, weil das noch mitgeschleppte Gepäck einen Eintritt verhindert. Keine Kühlung, keine Musik. Wobei. Das stimmt nicht, Etaoin ist auch von den Stufen der Kirchenrückseite zu vernehmen, auf denen wir sitzen. Während Grashalme das bisschen Wind in Empfang nehmen, das sich hierhin verirrt hat, hallt es durch die Schlitze der dicken Tore, die als Rückenlehne herhalten müssen. Schöne Stimmung und das erste Corny lässt sich dabei gut verspeisen. Es ist ein bisschen Schokolade drauf, die Idee war nicht so gut, aber in Ermangelung negativer Erfahrungen an diesem Wochenende kann diese guten Gewissens die Öffentlichkeit erreichen.
Zurück auf dem Marktplatz. Dort steht das einzige Überbleibsel des Wander-Halderns 2021, über dies schrieb und sprach ich letztes Jahr ja ausführlich. Dort treten Husten auf und während ich nun überlege, ob es die Mühe wert ist, über einen Spruch nachzudenken, der eine Verbindung vom Klang eines Husters zur tatsächlichen Musik der Band herstellt, die hier in Uniform stehend Musik macht für die ich nie alt genug sein werde, bin ich in Gedanken bereits bei der traditionell jedes Jahr verspeisten und seit elf Jahren zuverlässig guten Pizza im Dorf. Mit etwas Verspätung ist dann auch der Gaumen soweit und mit einem seit 2011 lächerlich gering ausfallendem Preisanstieg von mickrigen 5,50 € auf 6 € kann auch hier nur von einem Erfolg gesprochen werden.
Der Weg auf das Gelände wird von einem gewohnt nachbarschaftlichen Spirit begleitet. Dieses „man hilft sich“, aber als Mood, aber als aufgestellte DIY-Dusche am Wegesrand, durch die man schnell durchrennt, das hgilt auch für den Rasensprenger und, der da einfach steht und darauf wartet, mit einem flotten Gang durchlaufen zu werden. Fresh. Unten auf dem Gelände ist alles für Yard Act angerichtet, die aber gecancelt haben, was der Physics House Band im Spiegelzelt die Möglichkeit gibt, diesen mit Spiegeln, üppigen Toren und einem selbst im Neuzustand gefühlt klebrigen Holzboden ausgestatteten Highlight-Ort jedes Halderns schon Nachmittags ihren größtenteils instrumentalen und sich überschlagenden Math-Rock unterzujubeln, bei dem Gitarren, Saxofone und Drums einen Tanz choreografieren, der in den meisten Staaten verboten scheint.
Rüber zur Hauptbühne, wo Supertyp Wu-Lu seine minimalst aufgestellte Band unter der gleißenden Sonne parkt, welche keinen Zentimeter Schatten für das Publikum bereitstellen will, was der allgemeinen Festival-Laune hätte schaden können, ich aber nicht bemerke, weil die Hände sich am Frontrow-Gitter bereits dezent verbrennen, während ich diesen von mir sehr geschätzten Post-Punk-Rap-Grime-Bass-Mix mit tanzgleichen Bewegungen belohne. Was auf Platte für Verwirrung stiften kann, wird auf der Bühne sauber aufgeteilt. Die hard hitting Songs dürfen beginnen, der von nicht mehr als den Drums begleitete Rap-Part nimmt den zweiten Teil ein. Wunderbar.
Crace Cummings zeigt sich auf der Leinwand, während Buntspecht zurecht ignoriert werden, schließlich muss die Getränkezufuhr gesichert werden und der nächste Energielieferant in Form einer überteuerten Mini-Portion von einer der etlichen Foodbuden muss geordert werden.
Dann aber ist es Zeit für SONS OF KEMET, eines der großen Highlights dieses ersten Tages. Der eingeleitete Sonnenuntergang fungiert als Intro für dieses einstündige, irrsinnige Schauspiel, bei dem allen voran Shabaka Hutchings, den wir in Track17 ja noch vorige Woche mit seinem neuen Solo-Album besprochen haben mit einer pausenlosen Performance Kinnladen mit dem staubigen Boden bekanntmacht. Tenorsaxofon, Flöte, zwei Drums, eine gigantische Tuba und k e i n e p a u s e. Sie spielen sich musikalische Bälle zu, die sie mit einer Luft aufpumpen, die sie irgendwo finden, wo auch immer, ich weiß es nicht. Airdrumming intensifies. Unbedingt anschauen.
Für Nilüfer Yanya darf man direkt stehenbleiben. Ihre Performance ist naturgemäß reduzierter, die Texte dürfen sich nach ganz vorne stellen und das trockene on-point-Spiel ihrer Band drückt auch hier alle richtigen Knöpfe. Vor vier Jahren spielte sie noch in der kleinen Turnhalle. Jetzt sind die Songs nicht einmal so groß, dass sie eine Hauptbühne brauchen, es ist aber maximal angemessen, dass sie das entsprechende Publikum serviert bekommt.
Für die New Yorker Punk- und Garagenrock-Verwalter GEESE geht’s zurück in das in Schweiß getränkte Spiegelzelt. Wobei, eigentlich geht es für Dry Cleaning ins Zelt und eigentlich will ich nur möglichst wenig Beatsteaks mitbekommen. Klappt alles, denn ja, das Haldern bleibt von der komplizierten Festivalsituation und der coronabedingten Müdigkeiten in all things Großveranstaltung nicht unberührt. Es werden nur etwas mehr als 5.500 der insgesamt 7.000 Tickets verkauft, was mich insgesamt betrübt, aber immerhin dafür sorgt, dass der Weg ins Zelt ein bisschen schneller verläuft. Any,way. Gesse. Das ist so ein Fall von „gewinnt durch Festival“, denn eine spektakuläre neuasrichtung von Gitarrenmusik sucht man hier vergeblich, dafür sind meine Briten zuständig. Die New Yorker Luft weht jede Menge Strokes-Staub auf ihre Songs. Alles fein. Kann man machen.
Jetzt aber wird’s wichtig. Erste Reihe. 2 Uhr nachts. Dry Cleaning. Ich mag ihren sprechbesingten, funky deadpan-indie SEHR, dass sich dieser aber live so spektakulär übertragen lassen sollte, hat mir vorher niemand gesagt. Gefragt habe ich zwar auch nicht, aber was für eine wenig befriedigende Ausrede ist das denn. Während Sprecherin Florence Shaw ihre Gesichtsmuskeln vor dem Mikrofon trainiert und Dinge mit Blicken bewirft, die nicht existieren, versuche ich tanzend drei Begriffe zu finden, die zu diesem Schauspiel passen. Haunted, Disgusted, Confused. Eh ein guter Album-Name, aber treffend für ihre Performance. Kassetten werden über ein …