Verbrechen der Vergangenheit· Folge 147

Tödlicher Hass: Der Mord an Treuhand-Chef Rohwedder

Freitag, 24. April 2026 · 1 h 02

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Shownotes

Die Treuhandanstalt wickelt ab 1990 die marode Staatswirtschaft der ehemaligen DDR ab, überführt sie in die kapitalistische Ökonomie des Westens. Doch die Härten der von Treuhand-Chef Detlev Rohwedder geleiteten Privatisierung sind gewaltig. So wachsen Frust, Wut – und tödlicher Hass.

Host und Redaktion: Insa Bethke (GEO Epoche)
Gast: Andreas Sedlmair
Sprecher: Peter Kaempfe
Produktion: Lia Wittfeld (RTL+)

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Die Treuhandanstalt wickelt ab 1990 die marode Staatswirtschaft der ehemaligen DDR ab, überführt sie in die kapitalistische Ökonomie des Westens. Doch die Härten der von Treuhandchef Detlef Rohwerder geleiteten Privatisierung sind gewaltig. So wachsen Frust, Wut und tödlicher Hass. Verbrechen der Vergangenheit Ein Crime-Podcast von Geo Epoche und RTL Plus.

Hallo, herzlich willkommen. Unsere kleine Frühjahrspause ist zu Ende. Es geht weiter mit Verbrechen der Vergangenheit, dem Podcast von Geo Epoche über die dunkle Seite des Menschen und der Macht. Vorab möchte ich noch einmal, wie schon beim letzten Mal oder die letzten Male, um Verständnis dafür bitten, dass ihr in diesem Podcast Werbung eingespielt bekommt.

Das ist nicht immer schön, aber es ist notwendig, damit wir diesen Podcast weiter kostenlos anbieten können. So, in dieser Folge geht es nun also um den letzten Mord, der auf das Konto der RAF, der Rote Armee Fraktion ging. Und es geht noch um viel mehr, nämlich um eine staatliche Institution, die für die einen den Ruf gewaltiger Skrupellosigkeit hatte, das werden wir gleich noch ausführlich hören, den Ruf, die Ex-DDR in eine Art Kolonie der BRD verwandelt zu haben.

Für andere wiederum hat sie schlicht das getan, was getan werden musste, was alternativlos war. Ich spreche natürlich von der Treuhand, genauer der Treuhandanstalt in Berlin und deren prägende Figur, das war Detlef Carsten Rohwedder. Der stirbt am 1. April 1991, also als letztes Mordopfer der RAF in seinem Arbeitszimmer daheim in Düsseldorf.

Das hören wir gleich ausführlich, ebenfalls wie die Treuhand überhaupt in die Welt kam, um durch Privatisierung die Planwirtschaft der Ex-DDR abzuwickeln. Aber uns interessieren ja immer die langen Linien der Geschichte sozusagen. Und darum schauen wir vorab einmal, was eigentlich davor los war. Also was die Endphase der DDR geprägt hat.

Ich bin Insa Bethke, Redakteurin bei Geo Epoche. Und mir gegenüber sitzt mal wieder unser langjähriger Factchecker Andreas Sedlmeier. Schön, dass du da bist. Ja, Insa. Also Andreas, es ist ja sehr interessant, wie es überhaupt zu der Situation kommen konnte, in der die Treuhand ihre Arbeit anfingen. Und dann mit meine ich jetzt nicht die politischen Umstände.

Also den Mauerfall, die Wiedervereinigung, sondern die wirtschaftliche Situation. Erzähl doch mal, in was für einem Zustand Finden wir die Wirtschaft der DDR sozusagen zum Zeitpunkt des Mauerfalls vor? Ja, da kann ich dir erstmal eine kurze und wenig überraschende Antwort geben. Insgesamt war die DDR-Wirtschaft in einem schlechten Zustand.

Viele Betriebe waren technologisch zurückgeblieben, die Anlagen waren veraltet. Es gab einen Investitions- und Modernisierungsstau und entsprechend auch nur noch ein geringes Wachstum in der industriellen Produktion. Und dann im privaten Konsum, also bei der Versorgung der Bürger, da kam es Ende der 1980er Jahre auch schon in einigen Bereichen zu echten Engpässen.

Aber das muss man eben auch sagen, das wäre jetzt noch keine Situation, in der alles zusammengebrochen wäre. Die Wirtschaft war zumindest äußerlich, sagen wir mal, noch halbwegs stabil. Die Betriebe produzierten ja trotz allem weiter. Die Menschen hatten ja Auskommen und von Armut konnte eben trotz mancher Schlangen vor den Geschäften, davon konnte keine Rede sein.

Jetzt kommt aber eben doch ein großes Aber. Diese äußerliche Stabilität, die die DDR dann ja im Grunde bis zum Ende prägte, die hatte die DDR-Führung sich in den Jahrzehnten zuvor erkauft. Zu einem hohen Preis. Und diesen Preis konnte die DDR am Ende nicht mehr zahlen. Das musst du jetzt natürlich erklären, wie du das meinst.

Ja, um es wieder erstmal mit einem Satz zu sagen, das alles war zum großen Teil nur auf Pump finanziert. Anders gesagt durch Schulden und zwar durch Kredite bei Banken im westlichen Ausland. Die DDR war verschuldet und zwar in einem solchen Maße, dass am Ende ein Staatsbankrott abzusehen war. Ja, zu dem Staatsbankrott oder dem Absehbaren kommen wir gleich nochmal.

Jetzt erstmal kurz die Frage, wie es nun wiederum dazu kommen konnte. Und dafür müssen wir jetzt ja noch ein bisschen weiter in der Geschichte zurückgehen. Jetzt kommt Erich Honecker ins Spiel. Genau. Und zwar müssen wir zurückgehen ganz bis zum Beginn der Herrschaft von Erich Honecker. Der hat ja 1971 die Macht in der SED und damit natürlich im ganzen Staat übernommen.

Den vorherigen Staats- und Parteichef Walter Ulbricht, den hat er nach mehr als 20 Jahren an der Macht einfach abgesägt. Ja, vielleicht müssen wir einmal kurz auf Erich Honecker schauen. Uns beiden ist dieser Name ja noch sehr geläufig. Das Gesicht haben wir auch, glaube ich, beide sofort vor Augen. Aber für den einen oder die andere jüngere Hörerin könnte es hilfreich sein, einmal zu erklären, wer das war, Erich Honecker.

Ja, gerne. Erich Honecker war, und das kann, soweit ich weiß, jeder ehemalige DDR-Bürger noch im Schlaf runterrattern. Das habe ich mir jedenfalls sagen lassen. Er war, und jetzt kommt es, Generalsekretär des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands und Vorsitzender des Staatrates der Deutschen Demokratischen Republik. Also diese Titel wurden in den DDR-Medien fast jedes Mal, wenn Honecker erwähnt wurde, in voller Länge genannt, als wäre der irgendwie...

Irgendwas Neues. So kann man Nachrichten auffüllen. Also er war, was heißt das? Er war also zum einen Chef seiner Partei, der SED. Und er war zum anderen das repräsentative Staatsoberhaupt der DDR, vergleichbar unserem Bundespräsidenten. Der wichtigere Posten davon war natürlich klar das Parteiamt. Die DDR war ja eine kommunistische Einparteiendiktatur, wobei man sagen muss, es gab noch andere Parteien, aber die Macht hat ja eben die eine Partei, die SED.

Ja, also Honecker kommt also 1971 in so einer Art parteiinternen Putsch an die Macht. Mit Unterstützung der sowjetischen Führung übrigens. Und er bleibt da bis hin im Oktober 1989, also bis ungefähr drei Wochen vor der Wende. Ziemlich lange Zeit. Aber 1971 als Neuling, da muss er sich natürlich erstmal innenpolitisch profilieren und sich absichern.

Und was er da als Neuling an der Macht überhaupt gar nicht gebrauchen kann, das sind natürlich Proteste oder gar Unruhen in der Bevölkerung. Muss man sagen, die hat es in der DDR zwar da schon lange nicht mehr gegeben, hier fahrt sich in großem Maßstab, aber dafür gab es sie 1970 in Polen, dem Nachbarland, dem sozialistischen Nachbarland.

Und da ging es vor allem um die Versorgungslage. Honeck ist also gewarnt und er schlägt nur zwei Fliegen mit einer Klappe. Er profiliert sich als der neue Macher und er sorgt für das erste jedenfalls für Ruhe in der Bevölkerung. Und das macht er mit einer Wirtschaftsreform und die direkt in etwas sperrigen Namen Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik.

Ja, und was dahinter steckt, was da beschlossen und dann ja auch umgesetzt wurde, das klingt erstmal eigentlich ganz gut. Genau, kann man sagen. Also oberflächlich betrachtet jedenfalls. Im Kern ging es darum, sich primär um den materiellen Lebensstandard der Menschen in der DDR zu kümmern. Der sollte steigen und zwar schnell.

Also nicht irgendwie langfristig in einer fernen kommunistischen Zukunft oder sowas, sondern wirklich jetzt sofort. Und um das zu erreichen, da gab es ein ganzes Bündel von Maßnahmen. Zum einen wurden staatliche Mittel verstärkt in solche Industriezweige gelenkt, die Konsumgüter herstellen, also direkt für die Bevölkerung.

Das konnte die DDR-Führung ja relativ einfach machen, da war sie klar im Vorteil gegenüber anderen Regierungsformen, weil die Wirtschaft der DDR eben eine Planwirtschaft war. Richtig, das ist heutzutage ja auch nicht mehr so geläufig. Das war eine Planwirtschaft und da hat man eben ganz andere Möglichkeit, die wirtschaftlichen Ressourcen von einem Bereich auf einen anderen umzulenken.

Viel mehr, als dass eine Regierung in eine Marktwirtschaft hat. Da hat halt nicht das Verhältnis von Angebot und Nachfrage darüber entschieden, wo investiert wird, wie in eine Marktwirtschaft, sondern das wurde einfach von oben geplant und dann an die Betriebe weitergegeben. Das ist ein Wirtschaftssystem mit vielen Nachteilen. Das wird dann gerade zum Ende der DDR hin klar.

Deswegen gibt es das jetzt ja auch kaum noch. Aber für die Umsetzung einer solchen grundlegenden Reform war das natürlich erst mal praktisch. Ja, du hast die Produktion von Konsumgütern, von mehr Konsumgütern erwähnt. Das war aber ja noch nicht alles bei Honeckers Reform. Die DDR-Bürgerinnen und Bürger, die wurden jetzt auf vielerlei Weise beglückt.

Absolut. Die Löhne und die Renten wurden angehoben, die staatliche Kinderbetreuung wurde verbessert, es gab mehr Urlaubstage. Dann wurden auch die Preise für Grundnahrungsmittel und für die Mieten staatlich subventioniert, also noch mehr als vorher und damit wirklich massiv. Die waren wirklich absurd niedrig bis zum Ende der DDR.

Und andere Konsumgüter, etwa Jeanshosen, die man nicht selber produzieren konnte, zunächst jedenfalls, die hat man aus dem Westen importiert für teures Geld und dazu gleich mehr. Ja, kann man sich heute nur noch schwer vorstellen, dass die DDR eigentlich jeansfreie Zone war, theoretisch zumindest. Ja, und besonders wichtig, Honecker treibt den Wohnungsbau in der DDR voran.

Also er lässt Hunderttausende Wohnungen bauen. Da gab es halt vorher ein großes Defizit und das will er beheben. Und dadurch entstehen dann übrigens auch diese ganzen Plattenbauten, die im Westen das Bild der DDR ja doch sehr stark geprägt haben. Ja, es ging bei all dem aber nicht nur darum, die Bevölkerung ruhig zu stellen, das ist wichtig, sondern da steckt schon auch eine wirtschaftliche Strategie dahinter. Ja schon, das ist so eine Art Wette auf die Zukunft.

Dadurch, dass der Staat quasi in Vorleistung geht, den Menschen also all diese Dinge gibt, dadurch sollen sie zu höheren Leistungen motiviert werden, also letztlich besser oder sagen wir mal auch produktiver arbeiten auf lange Sicht. Auf diese Weise, das ist dann der Gedanke, kann dann am Ende die gesamte Wirtschaft der DDR von diesen Maßnahmen profitieren.

Schöner Plan, hat nur nicht so geklappt, wie ja so einiges bei der Planwirtschaft. Ganz genau, das hat sich dann eher als Wunschdenken herausgestellt. Das ist ja psychologisch auch nachvollziehbar. Jetzt mal so ganz platt gesagt, diese ganzen Segnungen, die gab es ja sowieso, für die musste sich niemand besonders anstrengen.

Warum hätte das also jemand tun sollen? Und was die zufriedener mit dem eigenen Lebensstandard anging und dann darüber vielleicht eine engere Bindung an den sozialistischen Staat, das wäre so die Hoffnung, das hat auch nicht geklappt. Und das hatte in der DDR dann auch einen ganz konkreten Grund. Die Menschen dort haben ihren Lebensstandard nämlich nicht mit dem in den anderen sozialistischen Staaten verglichen. Da lagen sie nämlich tatsächlich weit vorne.

Nein, der Blick ging nach Westen, in die BRD, vor allem Westen. Durch das Westfernsehen, das konnte man ja in großen Teilen der DDR empfangen. Vor allem dadurch kam es dazu, dass die Menschen ihr Leben mit dem ihrer Landsleute im Westen verglichen haben. Und da war der Abstand natürlich immer noch riesig.

Ja und dann gab es aber ja noch die Frage, wie das alles überhaupt finanziert werden soll. Wir haben ja eben schon das Thema Schulden kurz gestriffen. Genau und das hat sich dann am Ende tatsächlich als der entscheidende Faktor für das Ende der DDR herausgestellt. Es gibt Fachleute, die in Honeckers neuem Kurs von 1971 den Anfang vom Ende der DDR sehen.

Finanziert wurde das Ganze nämlich überwiegend über Kredite, haben wir eben schon einmal kurz gesagt, über Schulden und zwar im westlichen Ausland. Und die Verschuldung der DDR, die ist in den Honecker-Jahren tatsächlich massiv gestiegen. Von 2 Milliarden D-Mark 1971 auf 25 Milliarden 1982. Und am Ende 1989 waren es dann 49 Milliarden. Und auch das war ja so eine Art, Wette auf die Zukunft, denn dieses Geld sollte so eingesetzt werden, dass mit den Ergebnissen der Investitionen die Kredite dann wiederum abbezahlt werden konnten. Richtig.

Einerseits sollte das eben gehen über die gesteigerte Zufriedenheit und Motivation der Bürger und Bürgerinnen und dadurch dann eine generelle Steigerung der Wirtschaftsleistung, das haben wir eben schon erwähnt. Und andererseits wurde das geliehene Geld dann auch konkret für die Modernisierung von Betrieben eingesetzt. Die sollten dann Waren herstellen, die die DDR exportieren könnte.

Und so sollten dann die Devisen für die Kreditrückzahlung erwirtschaftet werden. Ja, was Devisen sind, das müssen wir, glaube ich, einmal kurz klären. Ja, das stimmt. Dieser Begriff ist heutzutage auch nicht mehr ganz so geläufig wie früher. Also, die DDR, die hatte, wie alle sozialistischen Staaten damals, eine Währung, die nicht frei konvertierbar war.

Das heißt, man konnte die Mark, so hieß die Währung, einfach so, Mark, Die konnte man nicht eintauschen gegen westliche Währungen. Für die konnte man also innerhalb der DDR beziehungsweise des sozialistischen Systems etwas bekommen. Und das heißt, wenn die DDR irgendetwas im westlichen Ausland kaufen wollte, musste sie sich die dafür nötigen Beträge an Westwährungen, also D-Mark, US-Dollar oder was auch immer, erstmal im Westen besorgen.

Und dafür gab es prinzipiell zwei Wege. Ich sage mal prinzipiell, weil wir werden später noch hören, dass es auch noch andere gab, aber prinzipiell zwei Wege. Entweder sie hat Waren aus eigener Produktion verkauft, also exportiert und dafür Geld bekommen oder sie hat es sich von westlichen Banken geliehen.

Und dieses Westgeld, das nannte man dann halt Devisen. Die Devisenbeschaffung, die Versorgung mit Westgeld, die wurde entsprechend unter Honecker immer wichtiger und ab einem gewissen Punkt wurde die dann natürlich auch nötig für die Rückzahlung der Kredite, die konnte ja auch nur in Westgeld erfolgen.

Nur klappte das mit den Exporten ja nicht so wie erhofft, vor allem weil die wenigsten DDR-Produkte auf dem Weltmarkt überhaupt konkurrenzfähig waren, die waren nicht so beliebt. Genau. Und in dieser Situation kommt dann ein Mann ins Spiel, der für mich zu den faszinierendsten Personen der DDR-Geschichte gehört.

Der heißt Alexander Schalk-Golotkowski. Den Namen kennt man heute, glaube ich, wirklich nicht mehr. Ja, ich glaube, der Name ist heute schon wieder weitgehend vergessen. Aber in der Zeit direkt nach dem Mauerfall, da war der Mann plötzlich in aller Munde. Plötzlich, muss man aber auch sagen, weil ihn davor wiederum kaum jemand kannte, weder im Westen noch in der DDR.

Ein kurzen Auftritt in der Geschichte gehabt. Ganz genau. Vorher hat er komplett im Verborgenen agiert, aber er war dabei eine der wichtigsten Stützen des DDR-Regimes, das kann man wohl so sagen. Sein Auftrag dabei, der war klar, Devisen, Devisen, Devisen und praktisch jeden Preis. Und dafür stand ihm dann ein ganzes Konglomerat von Firmen zur Verfügung, Die waren alle zusammengefasst in einer Abteilung des DDR-Außenhandelsministeriums.

Und diese Abteilung, die hieß kommerzielle Koordination, kurz COCO. Ja, und wie wichtig Schalk-Golotkowski war, das sieht man schon daran, dass er vollkommen unabhängig handeln konnte vom Rest der DDR-Wirtschaft. Eine ziemliche Besonderheit in diesem doch sehr kontrollwütigen Staat. Und dass er nur Erich Honecker und dem Chef der DDR-Wirtschaft, das war ein Mann namens Günter Mittag, unterstellt war. Ja, also Schalk, Goldert, Koski, der sollte die begehrten Devisen ranholen.

Und die Methoden, mit denen er das getan hat, die sind interessant und zuweilen verbrecherisch. Ja, genau. Fangen wir doch gleich mal mit etwas besonders Unappetitlichem an. Und das ist der Waffenhandel. Den hat er nämlich stark betrieben, natürlich geheim. Und gerne mal am westlichen Embargos vorbei. Der hat also DDR-Waffen verkauft.

Ja, genau. An Länder in aller Welt. Also sehr viel auch in afrikanischen Ländern zum Beispiel. Es gab also eine ganze Menge Waffen aus DDR-Produktion. Das war das eine. Das andere waren die Häftlingsfreikäufe. Was war das? Ja, die Bundesrepublik, die hat über Jahrzehnte immer wieder in geheimen Verhandlungen politische Häftlinge aus der DDR freigekauft, die da also einsaßen.

Und dafür haben sie natürlich mit Devisen bezahlt. Und natürlich lief auch das über die Koko, über Schalk-Golotkowski. Ja, und auch mit der Gesundheit von DDR-Bürgern hat Schalk zeitwellig Geschäfte gemacht und gegen Devisen gehandelt. Er hat nämlich im Auftrag und gegen Zahlungen westlicher Pharmakonzerne veranlasst, dass in der DDR Dutzende Versuchsreihen mit unerprobten Medikamenten durchgeführt wurden. Das ist krass.

Ja, und natürlich floss auch da wieder das Geld an eine Tochterfirma der Coco. Und auch die Kunst, muss man jetzt mal sagen, anderes Feld, aber die war auch nicht sicher vor seiner Devisengier oder vor der Devisengier der DDR. So sieht es aus. Eine andere Tochterfirma der Coco, die hat nämlich systematisch private Kunstsammler in der DDR beraubt.

Die gab es, war mir auch nicht so ganz klar, aber es gab sie anscheinend. Die hatten noch Kunstwerke und die wurden ihnen einfach unterbreitet. Diversen Fonds, wenn entwendet und natürlich im Westen verkauft. Und dann gab es ja noch, Andreas, die berüchtigten Intershops, die hat er ja auch genutzt. Ganz genau, die kennen die Älteren von uns ja auch noch.

Das waren Läden in der DDR, in denen DDR-Bürger Westwaren erwerben konnten, aber natürlich nur, wenn sie über die Wiesen verfügten. Manche hatten das eben durch Geschenke von Verwandten aus dem Westen in der Regel. Ja, und für diese Verwandten aus dem Westen, da gab es dann auch noch eine andere schöne Möglichkeit.

Die konnten nämlich für ihre Angehörigen in der DDR aus einem Katalog, der wurde jährlich veröffentlicht, rare Waren aussuchen, DDR-Waren und die dann natürlich mit Westgeld bezahlen. Ja und auf diese Weise konnten ihre Verwandten dann zum Beispiel innerhalb von ein paar Wochen an ein Trabi oder ein Wart bekommen.

Das waren Autos aus der DDR-Produktion und auf die musste man normalerweise bis zu zehn Jahre warten. Der Mann, also Schalk Golodkowski, der war also wirklich extrem untriebig und skrupellos auch. Aber am Ende hat es alles nichts gebracht, oder? Naja, kommt ein bisschen darauf an, wie man das jetzt betrachtet.

Schalk-Golotkowski hat dem DDR-Regime viele Milliarden an Devisen erwirtschaftet und er hat damit die Lebensdauer des Regimes wahrscheinlich um einige Jahre verlängert. Aber letztlich, das stimmt, reichte das alles nicht aus, um den Niedergang zu verhindern. Vor allem nicht, das ist jetzt ein zusätzlicher Faktor, weil die DDR um 1980 das erlebt hat, was schon unzählige Privatpersonen und Firmen, aber auch andere Staaten erlebt haben.

Sie geriet in die Schuldenfalle. Ja, was meinen wir damit? Tja, sie musste seit dieser Zeit neue Kredite auch aufnehmen, nur um die Zinsen und die Rückzahlung für die älteren Kredite zu bedienen. Das ist ja ein bekanntes Phänomen. Nicht um Investitionen zu tätigen. Ganz genau. Ja, und in dieser Situation wird die Lage natürlich noch schwieriger, wenn die Kreditwürdigkeit nachlässt.

Und genau das kam da bei der DDR auch noch hinzu. Es wurde für sie immer schwieriger, auf dem internationalen Finanzmarkt weitere Kredite zu bekommen, weil die natürlich auch gesehen haben, dass es um die Zahlungsfähigkeit nicht mehr so gut aussah. Und das ist dann natürlich eine verhängnisvolle Konstellation.

Und da kommen der DDR-Führung auch zum ersten Mal schon Gedanken an einen Staatsbankrott. Ja, und in dieser Situation, da schlägt dann sozusagen Schalk-Golokowskis größte Stunde. Am 5. Mai 1983 reiste er nach Bayern auf das Anwesen eines ihm durch seine Geschäfte bekannten Fleischgroßhändlers. Ja, das ist eine super Geschichte.

Da trifft er zwischen Weißwürsten und Schweinshaxen, so stelle ich mir das zumindest gerade vor, einen der bekanntesten Politiker der deutschen Nachkriegszeit. Genau, wobei ich mir ehrlich gesagt nicht ganz sicher bin, wie bekannt der Name Franz-Josef Strauß, um den geht es, heute noch ist. Damals war ich jedenfalls einer der Menschen, der wirklich jedem ein Begriff war, das kann man ganz klar so sagen.

Strauß, der war damals CSU-Ministerpräsident von Bayern und vor allem war ein erzkonservativer Antikommunist. Und im Ausgang mit diesem Mann handelt Schalk-Golotkowski 1983 einen spektakulären Deal aus. Strauß verschafft nämlich der DDR einen neuen Milliardenkredit beim Deutschen Bankkonsortium. Und das macht er, indem er die Bundesregierung unter Helmut Kohl dazu überredet, für diesen Kredit eine Bürgschaft zu übernehmen.

Und die DDR, was macht die? Die gewährt im Gegentuk humanitäre Erleichterungen. Auch das war damals ein sehr geläufiger Begriff, den man heutzutage vielleicht nicht mehr so kennt. Das hieß in dem Fall vor allem, dass die Selbstschussanlagen an der deutschen Grenze abgebaut wurden. Ja, sehr sarkastisch, das dann als humanitäre Erleichterung zu bezeichnen. Ja, in der Tat.

Jedenfalls durch diesen Kredit erlangte die DDR dann wieder neue Kreditwürdigkeit, auch bei anderen Banken. Also es blieb nicht nur bei diesem einen Kredit. Sie konnten auch weitere Darlehen aufnehmen und so konnte der Staatsbankrott fürs Erste abgewendet werden. An der Gesamtsituation änderte das aber nichts. Die DDR blieb in der Schuldenfalle und so geht es dann in den 80er Jahren dort auch wirtschaftlich doch deutlich bergab.

Die Betriebe veralten immer mehr, die Infrastruktur verfällt und mit dem Massenkonsum, dem großen Anliegen von Erich Honecker, ist es dann auch nicht mehr so weit her. Jetzt haben wir uns in großen Schritten dem Mauerfall genähert. Wie geht es jetzt weiter? Richtig, da passiert noch was Interessantes, denn 10 Tage vor dem Mauerfall am 30.

Oktober 1989, da ist Erich Honecker übrigens schon weg vom Fenster, das Regime ist aber noch intakt. Also an dem Tag kommt es unter Honeckers Nachfolger, ein Mann namens Egon Krenz, zu einer Erfolge. Denkwürdigen Sitzung des Politbüros, also des wichtigsten Gremiums in der DDR, also dem eigentlichen Machtzentrum.

Krenz, der hat nämlich beim Leiter der staatlichen Planungskommission, also der höchsten Wirtschaftsbehörde, ein Gutachten zur wirtschaftlichen Lage in der DDR in Auftrag gegeben. Und das liegt den höchsten Genossen jetzt vor. Und da steht wirklich Sensationelles drin, denn kaum verhüllt steht dort geschrieben, dass die Lage desaströs ist. Dass der Staatsbankrott nahe ist und dass die DDR es kaum noch aus eigener Kraft ohne Unterstützung aus dem Westen schaffen kann.

Ja, das ist die Situation, in der zehn Tage später die Mauer fällt. Am 9. November. Richtig. Und diese Situation, in der die DDR-Oberen, also Krenz und Co., ihr Regime und ihre sozialistische Republik ja bestenfalls noch halbherzig verteidigen. Eigentlich ja gar nicht mehr. Wohl auch, weil sie spätestens seit dem 30. Oktober wissen, dass ihre Sache so oder so verloren ist.

Ja, und damit haben wir jetzt jedenfalls in wirtschaftlicher Sicht, was die Situation in den Betrieben angeht, weitgehend die Situation, in der die Treuhandanstalt dann im März 1990, also noch vor der Wiedervereinigung, ihre Arbeit antritt. Ja, und interessanterweise herrscht selbst da noch in vielen Köpfen die Vorstellung vor, dass die DDR-Volkswirtschaft sich noch in einem halbwegs soliden Zustand befindet.

Und erst allmählich stellt sich dann heraus, in den folgenden Monaten, wie ernst die Lage ist. Und dann eben auch, dass die Arbeit der Treuhand letztlich auf eine Abwicklung der DDR-Wirtschaft hinauslaufen wirkt. Und dagegen regen sich natürlich schnell Unmut, Entsetzen und oft blanker Hass. Und das ruft jetzt die RAF auf den Plan.

Die Rote Armee Fraktion, über die haben wir hier bei Verbrechen der Vergangenheit schon, glaube ich, zwei oder sogar drei Folgen gemacht. Hört da gerne mal rein. Vertiefen wir hier jetzt nicht. Nur so viel, Die RAF, die nutzt jetzt den allgemeinen Unmut über das, was da passiert, für ihre ganz eigenen radikalen politischen Zwecke anwärts.

Ja, genau. Die RAF, die berühmteste und aktivste Terrororganisation der deutschen Geschichte, die erschießt nämlich Detlef Carsten Rohwedder, den ersten Leiter der Treuhandanstalt. Ja, und das ist doch eigentlich jetzt eine super Überleitung. Machen wir hier einen Punkt und hören die Geschichte über den Mord an Detlef Rohwedder und die Treuhand. Tödlicher Hass.

Eine Reportage von Matthias Miesenhöller. Es liest Peter Kämpfe. Düsseldorf, 1. April 1991. Ein ruhiger Ostermontagabend im Ortsteil Niederkassel, einer gehobenen Wohngegend auf dem linken Rheinufer. Hier steht am Kaiserfriedrichring 71 die Villa Maximilian, ein gediegener Klinkerbau. Gegenüber liegt hinter einer Reihe winterlich-kahler Pappeln eine Kleingartenanlage.

Aus einem Fenster im Oberstock fällt noch Licht. Es ist das häusliche Arbeitszimmer von Detlef Carsten Rohwerder, dem Chef der Treuhandanstalt. Jener Organisation, die in der ehemaligen DDR volkseigene Betriebe an Investoren verkauft, sie saniert oder stilllegt. Gegen 23.30 Uhr steht Rohwerders hochgewachsene Gestalt gut sichtbar in dem erleuchteten Fenster. Da fallen in rascher Folge drei Schüsse.

Die erste Kugel durchschlägt die Scheibe, trifft Rohwetter in den Rücken, zertrümmert seine Wirbelsäule, zerreißt die Hauptschlagader, Luft- und Speiseröhre. Die zweite zerschmettert den linken Ellenbogen seiner herbeieilenden Frau. Die dritte dringt in ein Bücherregal. Die Alarmanlage des Hauses schrillt.

Minuten später halten Polizeiwagen vor der Villa. Der Notarzt, Blaulicht flackert. Von den Tätern ist nichts mehr zu sehen. Doch in der Kleingartenanlage finden sich Spuren. Drei Patronenhülsen, Zigarettenkippen, ein Fernglas, ein Campingstuhl und ein auf der Maschine getipptes Schreiben. Darin nimmt die Terrorgruppe Rote Armee Fraktion RAF den Anschlag auf sich.

Wenige Tage später taucht eine weitere sechs Seiten lange Erklärung der RAF auf. Der Treuhandchef Rohwerder, schreiben die Attentäter, habe als Bonner Stadthalter in Ostberlin mit Brutalität und Arroganz Millionen ins Elend gestürzt, die Unterwerfung und Ausbeutung der Ostdeutschen betrieben. Seit ihrer Annexion ist die Ex-DDR faktisch eine Kolonie der Bundesrepublik.

Alles vom Großbetrieb bis zur Kinderkrippe werde systematisch kaputt gemacht, um eine Konsumwelt voll aufgestallter Scheiße für Jappis und Bonzen durchzusetzen, während die arbeitslose oder unterbezahlte Masse im imperialistischen Wohlstandsland Großdeutschland nicht nur materiell verarme, sondern ebenso in den Köpfen und Herzen.

Radikale Parolen, ideologisch, polemisch. Doch liegen sie nicht fern von dem, was zahlreiche betroffene Publizisten und Politiker der Treuhand vorwerfen. Selbst marktradikal habe Robertas Anstalt Ostdeutschland in ein Eldorado für Westkonzerne, Glücksritter und Betrüger verwandelt. Aus dieser Perspektive ist die Geschichte der Treuhand die Geschichte einer Enteignung und Verwüstung ohne Skrupel.

Ohne Mitgefühl, ja ohne Verstand. Indes gibt es auch eine andere Sicht. Ihr Zufolge arbeiten bei der Anstalt ehrliche Patrioten und gestandene Wirtschaftsprofis daran, das katastrophale Erbe des Sozialismus aufzuräumen, um zu retten, was überhaupt zu retten ist. So wollen sie unter widrigen Bedingungen eine freie und soziale Marktwirtschaft auf den Weg bringen. In dieser Lesart ist die Geschichte der Treuhand eine Geschichte mutiger, zutiefst notwendiger Entscheidungen.

Am frühen Morgen des 2. April tragen Bestatter Dieter Frohwerders Leichnam unter einer graublauen Plane aus dem Haus. Für die einen ist er ein Märtyrer der deutschen Einheit, für die anderen ein gerichteter Schurke. Einigkeit besteht darüber, dass der Tote eine der mächtigsten und meist gehassten Institutionen der deutschen Nachkriegsgeschichte geprägt hat, die Treuhandanstalt in Berlin.

Als Ende der 1980er Jahre das sowjetische Imperium Schwäche zeigt, erheben sich in nahezu ganz Osteuropa die Völker gegen ihre sozialistischen Diktatoren. Auch in der DDR. Außer Freiheitssehnsucht treibt viele Bürgerinnen und Bürger nicht zuletzt die Mangelwirtschaft ihrer Republik in die Revolte. Großen Wohlstand konnte der Sozialismus noch nie bieten, wohl aber ein sicheres Auskommen für fast jeden.

Doch selbst das fällt nun immer schwerer. Am 30. Oktober 1989 leistet der Chef der staatlichen Plankommission schließlich intern den Offenbarungseid. Wollte die bereits gefährlich hochverschuldete DDR ohne weitere Westkredite auskommen, müsste sie den Lebensstandard der Menschen um 25 bis 30 Prozent senken.

Das System ist pleite. Gut eine Woche später, am 9. November 1989, fällt die Mauer. Die westdeutsche Politik wird von der friedlichen Revolution im Osten überrascht. Zwar bringt die konservativ-liberale Bonner Regierung schnell eine Wiedervereinigung ins Spiel, doch geht Bundeskanzler Helmut Kohl von einer mehrjährigen Angleichung der Volkswirtschaften aus.

Auf den Straßen der DDR ist mittlerweile anstelle des Protestrufs »Wir sind das Volk« vielfach zu hören »Wir sind ein Volk«. Immer mehr Ostdeutsche wollen keine reformierte DDR, sondern die Vereinigung mit der reichen Westrepublik. Andere mögen darauf nicht warten. Anfang 1990 erreichen Tag für Tag 2000 Übersiedler die Bundesrepublik.

Die ersten Westdeutschen beginnen zu murren, fürchten die neue Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt. Zugleich zeigen sich die Vormächte USA und UdSSR überraschend offen für deutsche Vereinigungsideen. Anfang Februar trifft Kohls engster Kreis deshalb eine Entscheidung, die Deutschland auf Jahre und Jahrzehnte prägen wird.

Um den Übersiedlerstrom einzudämmen, die außenpolitische Gunst der Stunde zu nutzen und nicht zuletzt die Wahlchancen der CDU-nahen Parteien bei den für Mitte März angesetzten ersten freien Wahlen zur Volkskammer zu erhöhen, bricht der Kanzler mit der Politik des Abwartens in einer atemberaubenden Kehrtwende bietet er der DDR eine Wirtschafts- und Währungsunion an als Vorstufe ihres Beitritts zur Bundesrepublik.

Ökonomen beider Seiten reagieren entsetzt. Sie warnen, eine plötzliche Umstellung der ostdeutschen Wirtschaft auf harte D-Mark käme einer schockartigen Erhöhung aller Preise gleich. DDR-Produkte würden mit einem Schlag unverkäuflich. Die Betriebe reihenweise einbrechen, die Menschen zu Millionen arbeitslos, gigantische Transfers aus dem westdeutschen Sozialhaushalt erforderlich.

Doch die Dynamik des Moments ist stärker. Die Hoffnung der Fehlen, die Getriebenheit der Mächtigen. Die Protestierenden im Osten überschätzen Wert und Wandlungsfähigkeit der eigenen Industrie. In der Bonner Regierung aber entfaltet der Mythos der Währungsreform von 1948 geradezu hypnotische Kraft, als D-Mark und freie Märkte vermeintlich über Nacht ein Wirtschaftswunder zündeten.

Wunschdenken, hier wie dort. 18. März 1990. Kohls Kalkül geht auf. Das seiner West-CDU nahestehende Parteienbündnis Allianz für Deutschland gewinnt die ersten freien Wahlen in der DDR. Der Wählerauftrag für die neue Regierung ist deutlich. Zügige Abwicklung der DDR und Anschluss an die Bundesrepublik.

Kaum von der Öffentlichkeit beachtet, nimmt einen Tag später in Ostberlin eine Agentur die Arbeit auf, die Regimegegner und Staatsmacht noch gemeinsam am sogenannten Runden Tisch entworfen hatten, die Anstalt zur treuhänderischen Verwaltung des Volkseigentums. Ihre Aufgabe besteht darin, die formal im Eigentum des Volkes stehenden Staatsbetriebe in Kapitalgesellschaften umzuwandeln und den Anspruch der DDR-Bevölkerung an diesen Firmen zu wahren.

Das Personal besteht überwiegend aus reformgesinnten Kadern der alten Planwirtschaftsbehörden. 17. Juni 1990. Die neue Volkskammer gibt der Treuhandanstalt per Gesetz ihren künftigen Zuschnitt. Sie wird nicht als Behörde verfasst, sondern wie eine Industrieholding. Ein Mega-Unternehmen, das Tausende von Einzelfirmen mit rund 4 Millionen Beschäftigten besitzt und dessen Auftrag darin besteht, diese Firmen möglichst schnell abzustoßen.

Denn inzwischen hat sich in Bonn wie Ostberlin die Ansicht durchgesetzt, dass private Investoren die beste, wenn nicht die einzige Chance sind, aus den sanierungsbedürftigen Werken wettbewerbsfähige Unternehmen zu machen. Über den Wert des zu veräußernden Volkseigentums kursieren Schätzungen von etlichen hundert Milliarden Westmark und weiterhin fasst das Gesetz, wenn auch vage, eine Verteilung der Erlöse unter der ostdeutschen Bevölkerung ins Auge.

Derweil warnt ein internes Papier bereits, bei solchen Größenordnungen könnten Unsauberkeiten nicht ausbleiben. 1. Juli 1990. Die Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion tritt in Kraft. Kleine Ersparnisse, Löhne, Renten werden 1 zu 1 auf D-Mark umgestellt, während der Wechselkurs zuvor bei rund 4 Ost für eine Westmark lag.

Der Schwarzmarktkurs noch höher. Zwar verschafft selbst der überhöhte Umtauschsatz den meisten Ostdeutschen ein im Vergleich zum Westen karges Einkommen, dennoch vermehrfacht er die Lohnkosten ihrer Betriebe. Für die Menschen ist der Kurs gerade wenig mehr als fair. Für Ökonomen ein Albtraum. Am Abend gratuliert Kohl per Fernsehansprache seinen lieben Landsleuten in Ost und West zu einem großen Schritt Richtung Einheit, Freiheit und Wohlstand.

Er erwähnt harte Arbeit, eine gewiss nicht einfache Zeit des Übergangs, doch im Ohr bleiben vor allem zwei Versprechen. An die Westdeutschen, dass keiner auf etwas verzichten müsse, und an die Ostdeutschen, es wird niemandem schlechter gehen als zuvor, dafür vielen besser. Schon bald werde sich der Osten in blühende Landschaften verwandeln, in denen sich zu leben und zu arbeiten lohnt.

Selbstbetrug? Gut gemeinte Ermutigung? Es bleibt unklar, was Kohl bewegt, die Deutschen nicht auf einen zähen Kraftakt einzuschwören, sondern Illusionen von einem Wirtschaftswunder zu bestärken. Gewiss ist, dass viele seiner Zuhörer binnen Jahresfrist umso härter landen werden, enttäuscht, verbittert, wütend, andere gebrochen, apathisch. 9.

Juli 1990 Die Treuhand wächst und bekommt mehr Platz Das vormalige Haus der Elektroindustrie Alexanderplatz 6 in Berlin-Mitte Laute Großraumbüros, ranzige PVC-Böden, abgestoßenes Mobiliar Erste Westmanager laufen über die Flure, verlangen Flipcharts und Overhead-Projektoren Bitte was? Fragt der Haustechniker.

Zu diesem Zeitpunkt sind bereits mehr als 800.000 Ostdeutsche auf die eine oder andere Art freigestellt. Tendenz rasch steigend. Schon nach wenigen Tagen zeigt die Währungsunion ihre von Fachleuten befürchtete Wirkung. Den Firmen geht das Geld aus. Sogar noch schneller als gemutmaßt. Hinzu kommt, dass wichtige Gewerkschaften eine Anhebung der vergleichsweise geringen Löhne im Osten durchsetzen.

Am Alexanderplatz 6 führt das zu hektischem Chaos Auf den Fluren vor den improvisierten, immer noch mit viel zu wenigen Telefonanschlüssen und Faxgeräten ausgestatteten Büros drängen sich verzweifelte Vertreter der Betriebe, um Sanierungspläne und Beihilfeanträge einzureichen, Treuhandmitarbeiter machen sich an die Wände gelehnt Notizen, weil die Schreibtische nicht reichen prüfen die Unterlagen in langen Schichten, Nacht- und Wochenendarbeit, vermitteln Bankkredite, um den Zusammenbruch aufzuhalten oder zumindest abzubremsen.

13. September 1990. Im Palast der Republik empfängt das Parlament der DDR den Chef der Treuhandanstalt, Detlef Carsten Rohwerder. Ein in den USA geschulter, pragmatischer Manager. SPD-Mitglied, groß gewachsen, verbindliche Manieren, durchaus eitel, dabei unverblümt in der Sache, impulsiv, dann wieder nachdenklich, anteilnehmend, schnell im Kopf.

Anfang der 1980er Jahre hat er den wankenden Dortmunder Stahlkonzern Hösch mit harten Einschnitten erhalten. Hochwetter, entweder hätten alle ihre Arbeitsplätze verloren oder nur die Hälfte. Ähnlich offen erklärt er nun der Volkskammer, dass seine Anstalt alles tun werde, um im Osten einen funktionierenden Markt zu schaffen, dass der Weg in des Schwerwerde und dass am Ende kein unverteilbares Volkseigentum, kein Erlös stehen dürfte, sondern eher ein Berg schulden.

Zumal das von der Sowjetunion gesteuerte osteuropäische Handelssystem in sich zusammenfällt. Und auch der Absatz im Land selbst stockt. Die Konsumenten stürzen sich förmlich auf die lang ersehnten Westmarken. Ihre vertrauten Ostprodukte lassen sie verächtlich in den Regalen liegen. 2. Oktober 1990. Nur einen Tag vor dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik verkündet die Treuhand die erste Schließung eines großen Traditionsbetriebs des Dresdner Fotoapparateherstellers Pentacon mit 5700 Beschäftigten.

Ein Paukenschlag. Denn Pentacon gilt als Vorzeigeunternehmen. Noch 1989 hat die Firma mit ihren Spiegelreflexkameras des Typs Praktika einen Weltmarktanteil von 10% erzielt. Allein die DDR exportierte die Kameras zu Dumpingpreisen, um an Devisen zu kommen. Nach der Währungsumstellung erlöst jeder Apparat höchstens noch ein Viertel dessen, was seine Fertigung kostet.

Pentagon macht einen Verlust von einer halben Million D-Mark pro Tag. Die Weltgeltung ist eine Illusion. Der Betrieb soll umgehend stillgelegt werden. Ein Muster, das sich wiederholt. Scheinbar erfolgreiche Produkte, wie etwa Nähmaschinen der Marke Veritas, erweisen sich bei näherer Betrachtung als unwirtschaftlich.

Da ihr Ende meist überraschend kommt, löst es Unverständnis aus, Wut bald, Widerstand. In Dresden jedoch greift Helmut Kohl persönlich ein. Der Bundeskanzler verbittet sich eine derart harte Maßnahme unmittelbar vor den Vereinigungsfeiern und setzt einen Aufschub durch. Zwar kann er so nicht verhindern, dass sich am 3. Oktober Demonstranten vor dem Treuhandsitz eine Straßenschlacht mit der Polizei liefern, aber insgesamt gelingt es Kohl in den folgenden Wochen, die Stimmung unter Kontrolle zu halten.

Und bei der ersten gesamtdeutschen Bundestagswahl am 2. Dezember 1990 wird der Kanzler der Einheit, wie seine Partei ihn nun bewirbt, klar wiedergewählt. Weitere größere Firmenschließungen sind bis dahin nicht verkündet worden. 1. Januar 1991. Inzwischen ist die Treuhandanstalt auf mehr als 1.100 Beschäftigte gewachsen, nimmt die Privatisierung der Betriebe Fahrt auf.

Die Mehrheit des Personals bilden sach- und ortskundige Ostdeutsche. Hinzu kommen vor allem auf der Leitungsebene westdeutsche Manager, die aus starren Konzernstrukturen ausbrechen oder nach einer erfolgreichen Mittelstandskarriere noch einmal etwas bewegen wollen. One-Dollar-Men, die bloß für ihre Spesen arbeiten, um zum Aufbau Ostdeutschlands beizutragen.

Ehrgeizige Absolventen direkt von der Uni. Relativ wenige Männer und Frauen mittleren Alters mit gesicherte Laufbahn im Westen. Die Arbeitstage sind lang, die Perspektiven begrenzt, da die Treuhand ein Unternehmen auf Zeit ist. Dafür sind die Dienstwege kurz, Entscheidungen fallen schnell. Jede Treuhänder genießt enorme Freiheit und Verantwortung, Hierarchien gelten wenig, es entsteht ein ausgeprägter Teamgeist.

Auf bizarre Weise gleicht die Stimmung dem, was nur wenige hundert Meter weiter passiert und doch an einem anderen Ende der Gesellschaft, dem unregulierten Aufblühen von Künstlerkneipen, Privatclubs und Hinterhofbars im heruntergekommenen Ost-Berlin. Wo geldknappe, aber fantasiereiche, meist junge Leute mit der plötzlichen Freiheit experimentieren, mögliches und unmögliches Erproben Neuland erobern.

Ein historischer, tief tragischer Moment, denn während die einen bedenkenlos aufbrechen, verlieren viele jede Sicherheit, die Orientierung bis hin zum Lebenssinn. Mehr als anderswo war im Sozialismus die Arbeit nicht nur ein Job, sondern ein Anker, bisweilen eine zweite oder erste Familie. Umso mehr als der Staat kaum unabhängige Vereine zuließ. Vielmehr unterhielten große Betriebe für ihre Belegschaften, Kulturhäuser, Freizeiteinrichtungen, Ferienlager, Kindergärten, Polykliniken.

Wer hier entlassen wird, verliert mehr als ein Gehalt. Und entlassen werden viele, auch wo Betriebskerne erhalten bleiben. Zu aufgebläht sind die Personalstände. So arbeitet beim VEB-Automobilwerk Eisenach von knapp 10.000 Mitarbeitern nur rund ein Viertel direkt im Fahrzeugbau. Zum anderen hat ein verbrieftes Recht auf Arbeit bewirkt, das vielerorts auch die eigentliche Herstellung überbesetzt ist.

Zusammen mit ineffizienter Organisation und überholter Technik führt das dazu, dass die Produktivität ostdeutscher Fabriken bei weniger als 30% der Westdeutschen liegt. Zahlen, die Menschen wenig helfen, denen mit der Arbeitsstelle der Halt weggeschlagen wird. Für sie erweist sich die Abwicklung des Staatssozialismus und die Integration einer ganzen Volkswirtschaft in den Weltmarkt als undurchschaubar.

Schmerzhaft. Eine Überforderung. 25. März 1991 1891. 80.000 Demonstranten drängen durch die Leipziger Innenstadt. Wut, Pfeifkonzerte, fast wie im Herbst 1989, diesmal gegen Kohl, gegen die Treuhand. Immer öfter zeigt das Fernsehen inzwischen Menschen mit leeren Blicken, hoffnungslos. Arbeiterinnen, noch keine 50 Jahre alt, schluchzen in die Kamera, da kann ich mir doch gleich einen Strick nehmen. Die Gelände um manche Neubaublocks verwahrlosen, aussortierte Lungern herumtrinken.

Die Euphorie der friedlichen Revolution ist verflogen. Viele Westdeutsche betrachten den Osten als Milliardengrab. Ostdeutsche die Wessis als Eroberer, Kolonialherren. Beide Seiten fühlen sich unverstanden und verstehen die Frustration ihres Gegenübers nicht. Ein geteiltes Hassobjekt ist die Treuhandanstalt.

Die einen sehen in ihr eine von Altkadern der DDR unterwanderte bräsige Planbehörde, andere eine Abrissbirne des entfesselten Kapitalismus, eine Agentur der westdeutschen Industrie zur Konkurrenzbeseitigung. Fast alle einen Moloch. 29. März 1991. In der Berliner Treuhandaußenstelle Schneeglöckchenstraße explodieren zwei Brandsätze.

Ein Bekennerschreiben beschuldigt das westdeutsche Großkapital, Ostdeutschland kaputt zu sanieren. Drei Tage später wird Dittlf Rohwerder durch das Fenster seines Arbeitszimmers in Düsseldorf erschossen. 1. April 1991. Der Schütze oder die Schützin hat 63 Meter von Rohwerders Fenster entfernt abgedrückt.

Kein leichter Treffer. Entsprechend kommen bald Gerüchte auf, dass die Stasi hinter dem Ort steckt. Ein westlicher Geheimdienst, Auftragskiller der Industrie, der Rohwerder bestimmte Monopole verwehrte. Ungeachtet dessen, dass Fachleute, die RAF Selbstbezichtigungsschreiben für zweifelsfrei echt halten und selbst als Jahre später mithilfe fortgeschrittener Kriminaltechnik ein an Tatort gefundenes Haar dem RAF-Mitglied Wolfgang Grams zugeordnet werden kann, verstummen die Verschwörungstheoretiker nicht.

Einen Beleg bleiben sie bis heute schuldig. 13. April 1991 Der Verwaltungsrat der Treuhandanstalt wählt als Rover das Nachfolgerin, dessen bisherige rechte Hand, Birgit Breul. Manchen gilt Breul als kalt, hart, berechnend. Vermutlich zum einen, weil sie eine Frau ist und Frauen mit Macht im Deutschland der frühen 1990er immer noch verunsichern.

Insbesondere wenn sie wie Bräuel größer sind als viele Männer, Zigarillos rauchen und sich weder ducken noch entschuldigen. Zum anderen formuliert die neue Treuhandchefin eher nüchtern und klar als einfühlend. Entschieden liberal traut sie dem Staat wenig zu, dem Einzelnen viel, mutet ihm deshalb aber auch viel zu und spricht das aus.

Gleichwohl vollzieht die Anstalt auf Druck der Bundesregierung nun einen Schwenk, der sich bereits in Rohwerders letzten Wochen abgezeichnet hat. Unternehmen, die wirtschaftlich am Ende sind, aber aus sozialen oder symbolischen, eben politischen Gründen nicht verschwinden dürfen, erhalten nun besondere Beihilfen.

Birgit Breul nimmt es hin und führt die von ihrem Vorgänger aufgebaute, inzwischen schlagkräftige Organisation erst recht in eine Phase der beschleunigten Privatisierung. Zugleich wechselt die Anstalt vom Alexanderplatz in das ehemalige Haus der Ministerien der DDR, einem gewaltigen Bau aus der NS-Zeit.

Im Innern endlich genug Büros und funktionierende Technik. 11.12.1991 Eine von vielen Nachtsitzungen in diesen Jahren, bei denen Durchhalte, Vermögen, Sturheit, Erpresser geschickt den Ausschlag geben. Treuhandmanager Klaus-Peter Wild verhandelt mit Lothar Späth, vor dem Ministerpräsident von Baden-Württemberg, nun Berater des Landes Thüringen in Sachen Karl Zeiss Jena.

Zeiss. Ein Optik- und Feinmechanikkonzern mit zehntausenden Beschäftigten ist ein weiterer Scheinriese. Große Tradition, gewaltiger Ruf. Die osteuropäische Kundschaft weggebrochen. Technisch im Rückstand mehr Verlust als Umsatz. Aber das prestigereiche Unternehmen einfach abzuwickeln, kommt politisch nicht in Frage.

Also pokert spät und gewinnt. Gegen 4 Uhr im Morgengrauen gesteht Wild ein milliardenschweres Sanierungspaket zu. Spät wird Geschäftsführer der neuen Jenoptik GmbH, führt sie 1998 als Jenoptik AG an die Börse und macht aus ihr über die Jahre den größten deutschen Industriekonzern mit Hauptsitz im Osten.

Ein Wirtschaftswunder im Kleinen. Zum Preis von gut einer Viertelmillionen Mark Anschubhilfe pro Arbeitsplatz. Mit einem ähnlichen Mitteleinsatz, der Marktwirtschaftlern den Schweiß auf die Stirn treibt, wird in der Region um Bitterfeld die alte hochgiftige Chemieindustrie ersetzt durch moderne, saubere Raffinerien, Grundstoff- und Pharmawerke.

Subventionen und immer noch günstige Facharbeiter ziehen Daimler-Benz und Volkswagen an die Fahrzeugbaustandorte Ludwigsfelde und Zwickau, wo sie nahe den abgewirtschafteten Ostwerken neue Fabriken errichten. Fast immer sitzen zumal die großen, global mobilen, politisch vernetzten Konzerne gegenüber der Treuhand am längeren Hebel.

Einzelhandelsketten, Versicherer, Energieversorger spielen ihre Marktmacht aus. Streben nach Monopolen oder Kartellen. Banken, die den Strom an Firmenkrediten organisieren, lassen sich mit öffentlichen Bürgschaften fast jedes Risiko abnehmen, verlangen aber marktüblich hohe Zinsen. 1. April 1992. Am Jahrestag des Attentats erhält der Sitz der Treuhand den Namen Detlef-Rohwerder-Haus.

1999 wird es Sitz des Bundesfinanzministeriums. 26. Februar 1993 Auch Götter Lorenz stammt aus dem Westen, ist von Ulm nach Halle an der Saale gekommen, in der es nicht als Treuhandmanager, sondern für die andere Seite. Der stämmige Mann mit Halbglatze, Brille, gern im gemusterten Pulli, vertritt die IG Metall.

Seit fast einem Jahr recherchiert Lorenz zu Unregelmäßigkeiten in einigen der privatisierten Betriebe. Nun erklärt er vor Journalisten, in Halle gäbe es eine Mafia aus Treuhandverwaltern und Investoren, die Firmen nach abgekarteten Verkäufen gezielt ausblute Betriebsvermögen für Untreue. Als sich die Vorwürfe bewahrheiten, wird daraus der vielleicht schrillste einer ganzen Reihe von Skandalen, die das Wirken der Treuhand begleiten.

Eben jene Unsauberkeiten, die schon bei ihrer Gründung als unvermeidlich eingeschätzt wurden. Vielerorts gelingt es beutesuchenden Hochstaplern immer wieder, unerkannt bei der Treuhand eingestellt zu werden. Ebenso gibt es die Seilschaften unter ostdeutschen Mitarbeitern wirklich, die alten Genossen lukrative Deals zu schanzen.

Korrupte Treuhandverkäufer setzen für Schmiergeld Kaufpreise zu niedrig an oder bevorzugen bestimmte Erwerber. Nicht alle Investoren investieren dann auch. Manche Käufer wollen lediglich den Grundbesitz eines Unternehmens filetiert vermarkten. Andere schöpfen gezielt Know-how oder Handelskontakte ab.

Wieder andere plündern die Firmenkonten und tauchen mit dem Bargeld unter, im Einzelfall ohne je den Kaufpreis entrichtet zu haben. Fördergelder werden in die Stammwerke im Westen umgelenkt, mit Bestechung maßlos in die Höhe getrieben. Statt vollwertiger Fabriken entstehen günstige verlängerte Werkbänke für einfache Zulieferproduktionen.

Vieles verliert sich in der Grauzone zwischen Trickserei und Kriminalität. Bereits seit Anfang 1991 hat die Treuhand eine eigene Stabsstelle, die klaren Betrug verhindern soll, aufdecken und anzeigen. Deren Abschlussbericht wird später die Privatisierungskriminalität auf einige hundert Millionen Mark veranschlagen.

Verhältnismäßig nicht höher als in irgendeinem Kaufhaus. Skeptiker halten das für eine Verharmlosung, rechnen mit einem Schaden von 10, 20 oder mehr Milliarden. Der Skandal in Halle schlägt bis zum Sommer öffentliche Wellen. Allein die Menschen reagieren kaum mehr. Sie sind müde. Viele haben resigniert.

Juni 1993. Mit 4.024 Mitarbeitern erreicht die Treuhand ihren höchsten Personalstand. Längst haben bürokratische Routinen, mehrfache Absicherungen, Controller die wilde Dynamik der frühen Tage eingehegt. Ähnlich wird in den Betrieben aus wütendem Widerstand ein Flackern. Zwar treten in Bischoffe-Rode mehrere Dutzend Bergarbeiter, deren Kali-Werk geschlossen werden soll, in den Hungerstreik.

Allein, es nützt nichts. Ende des Jahres wird die Grube stillgelegt und nicht einmal mit schlechten Gründen. Wie bei zahlreichen Verlusten, Umbrüchen unterscheidet sich weniger der Vorgang selbst vom Strukturwandel in Westdeutschland, vom Ende des Bergbaus dort, dem Sterben der kleinen Geschäfte und Vormarsch der Ketten, dem Niedergang der Schwerindustrie, dem Einknicken ganzer Branchen vor der Konkurrenz aus Asien.

Vielmehr löst das Tempo den Schock aus, das Trauma. Die von einem Tag auf den anderen umgekrempelte Lebenswelt, die plötzliche Arbeitslosigkeit zu Fehler, das abrupte Ende stolzer Traditionen, was sich im Westen über Jahrzehnte erstreckt, bricht über den Osten binnen Monaten herein, und es entsteht nur langsam, inselhaft, selten vollwertiger Ersatz.

30. Dezember 1994 Birgit Breul, schwarze Bluse, lange weinrote Jacke, dreht die letzte Schraube aus der Mauer des Detlef-Rohwerder-Hauses. Dann nimmt sie das Schild mit der nüchternen Aufschrift Treuhandanstalt ab und hält es lächelnd in die Kameras. Ihr Job ist getan. Die Treuhand ist Geschichte. Eine Nachfolgebehörde regelt den Rest.

Von mehr als 12.000 Produktionsbetrieben, die zeitweilig in ihrem Besitz waren, sind rund ein Drittel geschlossen, die übrigen vollständig oder zu teilen privatisiert. In knapp 3.000, oft von der Treuhand besonders geförderten Fällen, führen leitende Angestellte die Firma selbst weiter, etwa den Kosmetikhersteller Florena oder die Rotkäppchen-Sektkellerei.

Ähnlich sind die meisten von nahezu 25.000 Läden, Gaststätten, Hotels, Kinos und Buchhandlungen an örtliche Erwerber gegangen. Doch übernehmen gemessen am Kaufpreis Ostdeutsche lediglich 6% der von der Treuhand veräußerten Konkursmasse ihres Landes, während 80% an westdeutsche Unternehmen und Privatpersonen gehen, der Rest an ausländische Investoren.

Derweil sind Ende 1994 von den im Juli 1990 unter Treuhandaufsicht Beschäftigten noch 42% in den privatisierten Betrieben tätig, Knapp 20 Prozent wurden arbeitslos, etwas weniger in Fördermaßnahmen überstellt. Jeder Zwanzigste ist in Rente oder Vorruhestand gegangen. Aufwendungen für Subventionen und Sozialpläne gegen Verkaufserlöse gerechnet, schließt die Anstalt mit einem Gesamtverlust von 260 Milliarden D-Mark ab.

Davon, das Volkseigentum an das Volk zu verteilen, ist keine Rede mehr. Das soziale Desaster verbittert nicht nur Ostdeutsche. Westintellektuelle wie die Schriftsteller Rolf Hochhut und Günter Grass rechtfertigen kaum verbrämt den Mord an Dittler Frohwerder. Sie folgen einem Impuls, den Überbringer der üblen Nachricht zu strafen.

Denn jenseits aller schlechten politischen Entscheidungen, der Gaunereien und Raubzüge, auch persönlichen Fehler, haben Rohwerder, Bräuel, die Treuhand, die Investoren vor allem eine triste Wahrheit schmerzhaft offengelegt. Die DDR war am Ende, politisch und moralisch, aber auch ökonomisch kaputt. Dass es so weit gekommen war, dass die jahrzehntelangen Leistungen von Millionen Menschen fast über Nacht entwertet werden konnten, lag an den Fehlsteuerungen einer sozialistischen Diktatur, nicht am Kapitalismus, der auf sie folgte.

Dass aber die Diktatur sich etablieren und halten konnte, war die Folge des Weltkrieges, den die Deutschen vom Zaun gebrochen hatten und der mit der Teilung des Landes endete. Einer geografisch willkürlichen Teilung, deren Ungerechtigkeit darin lag, dass die einen um ein Vielfaches mehr für den Krieg büßten als die anderen.

Es ist diese Erfahrung, die bis heute schmerzhaft nachwirkt. Das war Peter Kämpfe mit einer Geschichte aus der Geo-Epoche-Ausgabe Das geteilte Deutschland. Andreas, du bist noch da? Ja. Das ist schön. Ich wollte dich nämlich in unserem Gespräch vorhin eigentlich noch was fragen und habe es dann nicht mehr getan.

Was wurde eigentlich nach der Wende aus unserem Alexander Schalk-Golotkowski? Ja, das ist tatsächlich eine recht interessante Geschichte. Der ist nämlich im Dezember 1989, also sehr bald nach dem Mauerfall, nach West-Berlin geflohen und hat sich da bei der Polizei gestellt. Das war also zu einer Zeit, wo die Mauer schon gefallen war, aber immer noch SED-Politiker, so reformorientierte SED-Politiker, die Macht hatten in der DDR.

Und Schalko Lutkowski, der hat wohl befürchtet, dass er nun zum Sündenbock für die Misere der DDR gemacht werden sollte. Wahrscheinlich nicht ganz so unrecht. Wahrscheinlich. Im Westen saß er dann sechs Wochen in Untersuchungshaft und dann war er ein freier Mann. Und wohin ist er dann gezogen? Nach Bayern. Ganz genau.

Franz Josef Strauß, der war da allerdings schon tot. Mit dem hatte Schalk-Golotkowski bis zu dessen Ableben 1988, also ein Jahr vorher, tatsächlich eine enge Freundschaft verbunden. Aber er hatte ja auch noch andere Connections da in Bayern, unter anderem die Firma von diesem Fleischgroßhändler. Und ja, man kann wohl vermuten, dass diese Connections ihm da wohl ein ganz angenehmes Leben ermöglicht haben.

Er hat in Rotterregern am Tegernsee gewohnt. Aber es gab auch Gerichtsverfahren gegen ihn. Ja, jede Menge. Ich glaube an die 30. Die allermeisten davon haben aber zu nichts geführt. 1996 wurde er dann tatsächlich in zwei Verfahren verurteilt, aber nur zu relativ geringen Haftstrafen und beide auf Bewährung.

Er musste also nicht mehr ins Gefängnis. Man kann also sagen, dass er das insgesamt auch eigentlich ganz gut erwischt hat. Deutlich besser als viele Menschen, die den Maßnahmen der Treuhand ausgesetzt waren. Mit der Gesundheit stand es für ihn dann aber schon bald nicht mehr so gut. Und 2015 ist er dann mit 82 Jahren nach langer Krankheit an Krebs verstorben. Wissen wir auch das.

Ich hoffe, dass euch diese Folge gefallen hat. Feedback und Fragen könnt ihr uns sehr gern per Mail an, verbrechendervergangenheit.geo.de schicken. Nachlesen lässt sich die Geschichte, die wir eben gehört haben, wie überhaupt alles von Geo-Epoche auf Geo-Epoche Plus. Ein Schnupperangebot dafür ist in den Shownotes verlinkt. Und dann freuen wir uns, wenn ihr Geo-Epoche auf Instagram folgt und Verbrechen der Vergangenheit in euren Podcast-Apps abonniert und womöglich freundlich bewertet.

Vielen Dank an alle, die das schon fleißig getan haben. In zwei Wochen geht es hier dann weiter. dann lernt ihr bei Verbrechen der Vergangenheit Genghis Khan kennen und fürchten. Macht's gut bis dahin. Tschüss. Tschüss.

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