Verbrechen der Vergangenheit· Folge 148

Dschingis Khan: Der Tod aus der Steppe

Freitag, 8. Mai 2026 · 1 h 07

MP3

Shownotes

Mit blutiger Gewalt und politischem Geschick formt ein Emporkömmling um das Jahr 1200 aus den konkurrierenden Nomadenclans der innerasiatischen Steppe das Reich der Mongolen. Der Klang seines künftigen Ehrentitels wird die Menschheit in Furcht erbeben lassen: Dschingis Khan – die Strafe Gottes.

Host und Redaktion: Insa Bethke (GEO Epoche)
Gast: Kirsten Bertrand (GEO Epoche)
Sprecher: Peter Kaempfe
Produktion: Andolin Sonnen (RTL+)

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Mit einem ungezügelten Willen zur Macht. Mit blutiger Gewalt und politischem Geschick formt ein Emporkömmling um das Jahr 1200 aus den konkurrierenden Nomadenclans der innerasiatischen Steppe das Reich der Mongolen. Der Klang seines künftigen Ehrentitels wird die Menschheit in Furcht erbeben lassen. Genghis Khan, die Strafe Gottes.

Verbrechen der Vergangenheit. Ein Crime-Podcast von Geo Epoche und RTL+. Hallo, herzlich willkommen zu einer neuen Folge von Verbrechen der Vergangenheit, dem Podcast von Geo Epoche, der sich der dunklen Seite des Menschen und der Macht widmet über alle Zeiten hinweg. Machen wir uns jetzt mal am Anfang gleich ehrlich. Der, um den es hier heute in dieser Folge geht, Dessen Namen kennen sicherlich viele von euch, vor allem durch einen Song, nicht nur irgendeinen Song, einen der größten Hits in der Geschichte des deutschen Schlagers.

Der hat Deutschland 1979, ich habe nachgeguckt, den vierten Platz beim ESC beschert, also beim Eurovision Song Contest. Ist jetzt nicht so ganz mein Geschmack, der Song. Das war aber sicher mein Erstkontakt mit dem Namen Genghis Khan. Hier geht es natürlich heute nicht um irgendwelche Klischees, die Hit-Produzenten im Kopf hatten, als sie den Song geschrieben haben, sondern darum, wer Genghis Khan eigentlich wirklich war.

Genghis Khan war, um es mal kurz auf den Punkt zu bringen, der Ahnherr des größten Weltreichs der Geschichte, zumindest was die Ausdehnung angeht. Und ihr hört gleich in dieser Folge, wie es dazu kam. Wie Genghis Khan vom Niemand zu einem Machthaber aufsteigen konnte, der die Menschen tatsächlich das Fürchten lehrte.

Mir gegenüber sitzt meine Kollegin Kirsten Bertrand, die gerade, und jetzt kommt ein bisschen Eigenwerbung, unsere aktuelle Ausgabe fertig produziert hat. Die widmet sich vollständig Genghis Khan und seinen Erben und der Welt der Mongolen. Also schon mal vorweg, wer nach dieser Folge nicht genug hat von Genghis Khan, der sollte sich vielleicht die aktuelle Geo-Epoche-Ausgabe Genghis Khan und seine Erben besorgen.

Da gibt es dann auch spannende Bilder, Illustrationen und Karten. So Kirsten, schön, dass du da bist. Meine Frage zum Warmwerden gewissermaßen. Hast du schon mal zu Genghis Khan mitgegrölt? Und dann natürlich ein bisschen ernster, was hat der Song überhaupt mit der historischen Figur Genghis Khan zu tun?

Also ja klar, mit gesungen auf jeden Fall, Genghis Khan. Wir singen das jetzt aber nicht vor. Nein, wir singen es bitte nicht. Aber es war natürlich ein richtiger Ohrwurm der gleichnamigen Gruppe damals. Und auch während der aktuellen Produktion haben wir das doch das ein oder andere Mal angestimmt. Schade, da war ich dann jeweils wohl nicht da, habe ich verpasst.

Auf jeden Fall, Genghis Khan gehört noch immer zum deutschen Party-Report, das kann man mal festhalten. Ja und dieser Song hat den Namen Genghis Khan auf jeden Fall ja förmlich in das popkulturelle Gedächtnis deutschsprachiger Hörer gehämmert, kann man schon sagen und ein paar Klischees dann gleich mitgeliefert.

Also in dem Text gibt es ja so Zeilen wie, sie trugen Angst und Schrecken in jedes Land oder über Genghis Khan heißt es dann an einer Stelle, er zeugte sieben Kinder in einer Nacht und über seine Feinde hat er nur gelacht. Muss sich ja reimen. Muss sich reimen, auf jeden Fall. Was sich reimt, ist gut.

Oder auch sehr bezeichnend noch ein schöner Reim, lasst noch Wodka holen, denn wir sind Mongolen. Ja, das klingt natürlich erstmal nach üblicher Schlagerpoesie und naheliegenden Reimen, aber völlig falsch ist es ja nicht, dass Genghis Khan und seine Krieger Angst und Schrecken verbreitet haben. Da ist was dran. Ja, das stimmt natürlich.

Genghis Khan und auch seine Nachfolger, also diese überwältigende Macht aus der mongolischen Steppe, die sich da ab dem 13. Jahrhundert Bahn bricht, das ist schon exzeptionell. Auch was Gewalt und Brutalität angeht, da gibt es gar keinen Zweifel. Und auch die Expansion unter Genghis Khan. Aus seinem kleinen Stammesgebiet auf dem mongolischen Plateau heraus eine Landfläche zu erobern, die sich dann über Zentralasien, Persien und das nördliche China erstreckt, das ist schon wirklich staunenswert.

Und das in nur 20 Jahren. Ja, und ähnlich legendär wie sein Name ist ja auch der der Mongolen. Und da müssen wir uns einmal klar machen, Genghis Khan ist überhaupt der, der das mongolische Volk erst geschaffen hat. Das gab es vorher gar nicht. Nee, genau. Anfangs sind die Mongolen im Grunde genommen nur ein kleiner Nomadenstamm von vielen. Es gibt noch etliche andere, also die Naiman, die Merkiten, die Euraten, die Tartaren und wie sie alle heißen.

Und erst nachdem dieser Temüjin, das ist nämlich der richtige Name eigentlich von Genghis Khan, sie dann vereint hat bis zum Jahr 1206, dann bildet sich daraus eigentlich jenes Volk, das man, die Mongolen kennt. Also der Name, der erst einem Stamm gehörte, der wurde dann auf das Volk übertragen. Und Temüchin bekommt dann, nachdem er das alles geschafft hat, diesen Herrschertitel Genghis Khan.

Das bedeutet eigentlich so viel wie Herrscher der Ozeane und meint eigentlich Herrscher der Welt. Ja, und unter ihm lassen diese Mongolen dann, das kann man wohl so sagen, die Welt erzittern. Wie das Reich genau entsteht, die Geschichte von Genghis Khans, der sich übrigens selbst als die Strafe Gottes bezeichnet hat, glaube ich.

Also dessen Geschichte, unglaubliche Aufstiegsgeschichte, die hören wir gleich, aber schon mal eben in die Zukunft geblickt. Seine Erben, die sind auch nicht von schlechten Eltern, die werden die Expansion nach dem Tod von Genghis Khan ja fortsetzen. Und da passt dann wirklich der Superlativ Genghis Khans Nachfolgerform, das größte zusammenhängende Landreich, das die Erde jemals gesehen hat. Ja, richtig, genau.

Und dieses fliesige Reich, das wird sich dann gegen Ende des 13. Jahrhunderts tatsächlich im Westen von der Donau und den Karpaten bis im Osten zum Pazifik erstrecken, im Norden bis Sibirien und bis zum Persischen Golf im Süden. Also das sind fast 24 Millionen Quadratkilometer, 16 Prozent der Erdoberfläche.

Unvorstellbar viele mit den beliebten Fußballfeldvergleichen braucht man da nicht anfangen. Sagen wir doch mal, wie groß ist das in etwa im Verhältnis zur Europäischen Union, das Reich der Mongolen? Also die Europäische Union hat ja ungefähr so vier Millionen Quadratkilometer und Genghis Khans Nachfolger herrschten also über eine Fläche, die sechsmal so groß war.

Oder nehmen wir jetzt mal das derzeit größte Reich der Welt, Russland, mit mehr als 17 Millionen Quadratkilometern. Das ist immer noch sieben Millionen weniger, als die Mongolen beherrscht haben. Was ja auch wirklich faszinierend ist, ist die kurze Zeit, in der das Reich entstanden ist. Wie lässt sich erklären, dass die Mongolen so schnell und fast schon ja aus dem Nichts aufsteigen konnten oder gibt es da vielleicht gar keine einfache Erklärung?

Ja, also bei solchen, jetzt kann man schon sagen, fast beispiellosen Aufstiegen, da kommen immer mehrere Faktoren zusammen. Und das ist auch genauso bei den Mongolen. Also der Mensch oder der Mann Temüjin, beziehungsweise Genghis Khan, wie er dann ja später genannt wurde, der ist an sich schon eine besondere Herrscherpersönlichkeit.

Also einer, der es zunächst mal schafft, die versprengten mongolischen Stämme zu vereinen und sie alle auf sich selbst als nahezu unumstrittenen Anführer einzuschwören. Das geht nicht ohne viele Rückschläge, das muss man jetzt auch mal sagen, das ist jetzt nicht so ein geradliniger, vorgezeichneter Weg, aber er setzt sich eben durch und nachdem er diese Stämme unterworfen hat, oder manche schlossen sich ihm dann auch freiwillig an, weil er einfach schon so mächtig geworden war, dann schafft er es aus diesen Clans auch noch eine sehr schlagkräftige Armee zu formen.

Also eine Armee, die zu ihrer Zeit wohl die beste oder sagen wir mal die erfolgreichste Armee der Welt ist. Er war also vor allem auch ein herausragender Stratege und Organisator. Ja genau und ziemlich entscheidend ist auch, dass unter Genghis Khan auch jeder Mann, jeder Kämpfer, der tapfer und treu und mutig war, in dieser neu geformten Armee aufsteigen kann.

Also belohnt werden Mut und Leistung und nicht irgendwie Geburt oder Abstammung und das verleiht seiner Kampftruppe eine ganz besondere, eine neue Art von Motivation. Genghis Khan verändert dann auch noch die Organisation der Truppe. Also er teilt sie in feste Einheiten ein und er macht Schluss mit diesen alten Clan-Strukturen, die ja auch oft für viel Streit und Verwirrung gesorgt haben.

Also er baut im Grunde das Fundament einer völlig neuen Gesellschaft auf. Er führt zum Beispiel auch ein, dass nach erfolgreichen Feldzügen alle an der Beute beteiligt werden, nicht nur die Anführer. Und auch das steigert die Motivation und den Zusammenhalt seiner Männer. Und gleichzeitig lässt er dann auch Verstöße sehr streng bestrafen.

Also etwa, wenn sich jemand vorzeitig aus dem Kampfgebiet zurückzieht, dann erwartet den eine drakonische Strafe. Und Genghis Khan baut sich selbst auch noch einen inneren Zirkel auf, der stützt sich auf einen Stab von Leibwächtern, von vertrauten und verdienstvollen Heerführern, die er dann auch selbstständig auf Feldzüge ziehen lässt.

Also er teilt die Verantwortung, er bleibt aber selbst der oberste Herrscher. Und trotzdem bleibt er ja jetzt noch dieses erschreckende und ja zugleich auch faszinierend rasante Tempo, mit dem er und seine Truppen vorrücken, dass ihm das gelingt, das wiederum erklärt sich schlicht ja aus der alltäglichen Lebensweise, der althergebrachten Lebensweise seiner Landsleute.

Bestimmt ist ein ganz wichtiger Faktor, dass die Mongolen als Nomaden von jeher extrem mobil sind. Also unterwegs zu sein ist für sie ja Alltag. Sie sind es gewohnt in kürzester Zeit ihre Camps aufzubauen oder abzubauen, ihre Jurten irgendwo hinzustellen. Also diese Zelte, die aus einem Holzgestänge bestehen, über das man Filzschichten legt. Also ein paar Bäume hat es doch da gegeben.

Man stellt sich ja die Steppe immer so als pure Graslandschaft vor. Also ein paar Bäume, Förster braucht man wahrscheinlich nicht, aber auf jeden Fall. Also es gab im Norden auch Bäume in der Steppe und diese Holzgestänge, die wurden aber auch gut gepflegt. Also das war schon was Wichtiges, so eine Jurte. Was wertvolles, diese Jurte, genau.

Also diese Nomaden, die sind eben einmal das gewohnt und sie sind es eben auch gewohnt, mit dieser harschen Natur zu leben und der zu trotzen. Also man muss sich das mal vorstellen, im Winter in der Steppe, da sinken die Temperaturen mal bis auf minus 40 Grad. Und ständig geht Wind und Stürme und ja, und die Nomaden sind das gewohnt.

Sie kennen auch das Gelände extrem gut, die Landschaft. Sie haben einen super Orientierungssinn, ein wunderbares Gedächtnis und sie finden eben Wege auch in unbekanntem Terrain. Das ist ein sehr großer Vorteil, muss man sagen. Jetzt waren wir bei den Menschen. Jetzt müssen wir mal zu den berüchtigten Pferden der Mongolen kommen, finde ich.

Da hat man ja so Szenen im Kopf von Bildern aus Filmen und Computerspielen und so weiter, wie die Mongolen im gestreckten Galopp ihre Pfeile abschießen. Und man muss sagen, diese Pferde, die sie reiten, die sind besonders. Ja, die sind extrem zäh und stark und eher klein und kräftig. Also jetzt nicht so...

Edel, wie man vielleicht denken würde. Pflegeleicht. Ja, pflegeleicht, genau. Die suchen sich ihr Futter selber, die brauchen keinen Stall, die brauchen keine Hufeisen. Und auf den Feldzügen führen die Krieger zum Beispiel oft gleich mehrere Pferde mit sich. Dann können sie nämlich immer ihr Reittier wechseln, wenn das eine erschöpft ist.

Und auf diese Weise, und das ist ja schon bemerkenswert, können diese Truppen Tagesetappen von mehr als 100 Kilometern am Tag schaffen. Auch in Schnee und Eis, wenn es sein muss. Also ohne die Pferde und ohne auch ihre Reitkunst wären die Mongolen wohl auch nicht so weit gekommen. Und man muss auch sagen, die Mongolen sind wirklich perfekte Reiter.

Die Kinder sitzen schon mit drei, vier Jahren erstmals auf dem Pferd. Und ja, kein anderes Tier ist für die Mongolen so wichtig wie eben dieses Pferd. Mehr als 100 Kilometer am Sattel hast du gesagt. Das ist schon eine echt krasse Leistung für Pferd wie Reiter. Ich kriege schon nach zwei Stunden Muskelkater. Ja, stimmt.

Du reitest ja auch. Und du weißt natürlich deshalb auch besonders gut, warum diese bemerkenswert großen Distanzen unter anderem auch möglich waren, weil die mongolischen Pferde nämlich als eine der wenigen Pferderassen überhaupt... Den sogenannten Tölt beherrschten. Ja, also was das ist, davon habe ich ja ehrlich gesagt keine Ahnung. Das erklärst wohl am besten du mal.

Ja, das kennt man zum Beispiel bei den Islandpferden, die ja hier in Deutschland ziemlich beliebt sind. Also Tölt, das ist eine Gangart von der Fußfolge her, wie Schritt nur eben viel schneller, sodass man ganz erschütterungsfrei relativ schnell vorankommt. Das ist sozusagen eine gute Reisegangart für längere Strecken.

Fühlt sich ein bisschen an, wie auf dem Sofa zu sitzen. Kann man nur empfehlen, das Tölten. Aber Kirsten, jetzt müssen wir wegkommen vom Reiten. Man sagt, dass das Verhältnis der Mongolen zu ihren Pferden und ihren Tieren überhaupt, die haben natürlich auch andere Nutztiere gehabt, besonders eng war.

Und das vermutlich nicht nur auf den Feldzügen, sondern im tagtäglichen Leben. Also ja, die Tiere, die liefern ihnen fast alles, was die Mongolen zum Leben brauchen. Wenn die Stuten Milch geben, dann lässt man die vergären und sie wird leicht alkoholisch und die trinkt man dann eben. Und es gibt aber auch Ochsen, die die Wagen ziehen, auf denen die Truppen dann ihre Besitztümer transportieren.

Und es werden auch tausende Schafe, Rinder und Ziegen für die Versorgung mitgenommen. Also die Existenz der Mongolen ruht in weiten Teilen auf den sogenannten fünf Schnauzen. Das sind Pferde, Schafe, Rinder, Ziegen und im Süden Kamele. Aus den Fällen und Häuten der Rinder und Ziegen machten die Frauen auch Kleidung.

Genäht wird dann mit Tiersehnen und aus der Wolle entsteht Filz und man verarbeitet die Wolle zusammen mit Pferdehaaren auch zu stricken. Und der Dung der Tiere, der dient als Brennstoff zum Kochen oder zum Heizen. Also man muss sagen, das ist im Grunde das perfekte mobile Kreislaufsystem. Ja, kann man so sagen.

Aber es gibt natürlich noch andere Faktoren, die die Mongolen auf ihren Vormärschen so erfolgreich machten. Also besonders ist ja auch ihre Waffentechnik. Die kämpften ja oft mit Pfeil und Bogen. Ja, jetzt kommt der berüchtigte mongolische Reflexbogen ins Spiel. Genau, also dieser sogenannte Reflexbogen, der wird aus mehreren Schichten Holz und Horn und Fasern zusammengesetzt oder zusammengeleimt.

Und dadurch sind die extrem biegsam, diese Bögen, und auch durchschlagkräftig. Und wie du schon gesagt hast, die geübten Reiter, die konnten sie auch im vollen Galopp abfeuern. Es gibt Quellen, die sagen, dass sie Ziele noch aus 300 Metern Entfernung treffen konnten. Das ist natürlich enorm. Das muss man sich mal vorstellen.

Und Rüstungen aus Metall, die durchschlugen die Pfeile noch aus 100 Metern Entfernung, heißt es. Ja, da hätte so ein europäischer Ritter auch keine Chance mehr. Die können also ihre Gegner schlagen, bevor die auch nur in ihre Nähe kommen. Und das hat natürlich zu ihrer Überlegenheit entscheidend beigetragen.

Ja, das war es einmal. Und dazu kam, dass die Mongolen auch im Kampf, ich sag mal, so Täuschungsmanöver angewandt haben, die ihnen dann oft zum Sieg verhalfen. Also zum Beispiel prescht dann eine mongolische Heeresabteilung vor, direkt auf den Gegner zu. Und dann machen die Uhr plötzlich kehrt und galoppieren zurück, anscheinend im Chaos und in wilder Flucht. Und die Gegner, ja, die sind dann überrascht.

Für die sieht das aus wie ein Rückzug oder wie ein leichter Sieg dann. Und sie setzen diesen versprengten Mongolen nach. Aber in diesem Moment werden sie von anderen mongolischen Truppen von der Seite oder von hinten angegriffen. Und dieser fingierte Rückzug, der hat also sehr viele gegnerische Truppen ins Verderben laufen lassen über Jahrzehnte.

Aber wenn man sich vorstellt, dass Genghis Khan und seine Krieger ja auch sesshafte Völker angegriffen haben, also Völker, die in befestigten Städten und Ortschaften lebten mit oft gewaltigen Stadtmauern, wie zum Beispiel im heutigen China oder auch später in Persien. Denn wenn man sich das vorstellt, klingt diese Pfeil- und Bogentechnik und diese fingierten Angriffe ja nicht mehr unbedingt so erfolgsversprechend.

Da trafen sie ja auf massive Verteidigungsanlagen. Ja, stimmt. Das war in der Tat anfangs ein bisschen schwierig für die Mongolen, die nur Zelte und kleine... Siedlungen kannten. Jetzt standen sie dann plötzlich vor meterhohen Stadtmauern und die Angegriffenen, die verschanzten sich dahinter. Man kam ja nicht so leicht an die ran.

Aber die Mongolen haben eben im Laufe der Jahre auch bewiesen, dass sie nicht nur schnell und neu organisiert sind, sondern auch besonders lernfähig waren. Damit meinst du aber natürlich nicht lesen und schreiben. Das, weiß man, spielte wohl keine besondere Rolle in der mongolischen Gesellschaft, diese Fähigkeiten.

Selbst Genghis Khan, der hat, soweit wir wissen, nie schreiben und lesen gelernt. Das nicht, aber seine Männer haben zum Beispiel von anderen unterworfenen Völkern gelernt, bei Stadteroberungen sowas wie Belagerungstürme oder Katapulte einzusetzen. Also diese Katapulte, die waren riesig, die waren acht bis zehn Meter hoch aus Holz, die wurden dann vor die Stadtmauer gezogen und dann schleuderte man mit Hilfe dieser Kriegsmaschinen Felsbrocken oder Brandsätze in diese belagerte Stadt.

Und viele Gebäude in diesen Städten, die waren ja aus Holz damals und da kann man sich wohl vorstellen, welche Zerstörungen dort angerichtet wurden. Und noch ein Aspekt, den sie gelernt haben, in China haben die Mongolen das Schießpulver kennengelernt. Und das haben sie dann mit Pfeilen über die Stadtmauer hinweg geschossen und dahinter fing es dann an zu brennen.

Also man kann schon sagen, je mehr die Mongolen eroberten, desto unschlagbarer wurden sie. Und wenn eine Stadt dann gefallen war, dann bedeutete das für die Bewohner nichts Gutes. Und da kommen wir jetzt wirklich zum Dunklen in der Geschichte der Mongolen und Genghis Khans. Also die Menschen wurden schon gnadenlos getötet. Frauen, Kinder, Männer, Alte, Junge.

Manchmal wurden auch große Gruppen vor die nächste Stadt getrieben, die die Mongolen angreifen wollten und die dienten dann als lebende Schutzschilde. Also es war schon sehr grausam. Teilweise waren ganze Landstriche leergefegt und die Toten blieben einfach so unter freiem Himmel liegen, weil da war einfach niemand mehr, der sie beerdigen konnte.

Und das konnten Archäologen noch Jahrhunderte später nachweisen, dass das so war. Ja, und die Mongolen sind damit ja der Region in Europa, in der wir heute leben, ganz schön nahe gekommen. Ja, das macht man sich manchmal gar nicht so klar. Die sind tatsächlich bis Schlesien und Ungarn vorgedrungen. Da kamen sie 1241 an und schlugen dann die christlichen Heere vernichtend.

Städte wie Krakau beispielsweise, die lagen in Schutt und Asche hinterher. Zwischenzeitlich waren die Mongolen in dieser Zeit dann nur noch rund 250 Kilometer von Berlin entfernt. Das war damals noch eine ganz kleine Stadt, ganz in ihren Anfängen, aber immerhin. Und eine mongolische Vorhut ist wohl fast bis Wien gekommen.

Sie sind dann aber auch schnell wieder verschwunden, fast genauso schnell, wie sie dann gekommen waren. So ein stetig wachsendes und auch schnell wachsendes Reich zu verwalten, das war ja unter Garantie auch keine leichte Aufgabe, aber auch da offenbarten die Mongolen großes Talent. Ja, dass die Verwaltung von so einem schnell wachsenden Reich komplex ist, das wusste auch Genghis Khan schon und der hatte auch bei aller Brutalität und brutaler Kriegsführung auch dafür gesorgt, dass sein Reich eine bestimmte Struktur bekam.

Also das macht ihn historisch auch so faszinierend. Auf der einen Seite haben wir da diesen gnadenlosen Krieger und auf der anderen Seite haben wir einen Staatsmann, einen fast schon politischen Denker. Also die Mongolen hatten, du hast es ja gerade schon kurz erwähnt, zum Beispiel keine Schrift. Genghis Khan aber, der hat die Bedeutung von niedergeschriebenen Dokumenten durchaus erkannt. Und dann hat er eine Schrift für die mongolische Sprache erschaffen lassen.

Er hat auch so eine Art Gesetzeskanon eingeführt, an denen sich alle zu halten hatten. Und er hat Richter eingesetzt, schriftgelehrte Beamte, die alle sollten in seinem Reich für Ordnung sorgen. Also man kann festhalten, bei allem Terror, den Genghis Khan und seine Nachfolger verbreitet haben, haben sie trotzdem innerhalb ihres Reiches ein hohes Maß an Frieden hergestellt. Ja, genau.

Und dazu gehört zum Beispiel auch, dass die Mongolen Religionsfreiheit gewährt haben. Also im Grunde durfte jeder glauben, was er wollte. Und dieser innere Frieden wiederum, der machte es möglich, dass dann trotz aller Zerstörungen bald wieder ausländische Kaufleute ins Land kamen, um zum Beispiel auch auf der alten Seidenstraße bis China reisten, um dort Geschäfte zu machen.

Zum Beispiel einen kennen wir, Marco Polo, der war einer von ihnen. Kann man auch in dem aktuellen Heft von Georg Bocher nachlesen, die Geschichte. Lass uns nochmal zur Eroberungsstrategie von Genghis Khan zurückkommen. Diese Feldzüge, die dauerten ja teilweise jahrelang und auch Genghis Khan, der kämpfte da persönlich mit an der jeweiligen Front häufig.

Wie sieht es denn in dieser Zeit im mongolischen Hinterland aus? Also der Herrscher ist an der Front, wer hält im Hintergrund sozusagen die Fäden zusammen? Ich verrate es, da kommen jetzt die Frauen ins Spiel. Ja genau, das ist wirklich interessant, denn wenn die Männer in den Krieg ziehen, dann übernehmen wirklich nicht selten ihre Frauen die Verantwortung und das Kommando.

Gerade die Herrschergattinnen, das sind die sogenannten Cartoons, das ist deren Ehrentitel, die haben eine hohe Stellung, die genießen ein großes Ansehen in der Gesellschaft. Manchen unterstehen Lager mit wirklich hunderten Zelten, die haben einen Beraterstab, DINA, Sklaven, deren Zahl geht in die Tausende.

Und diese Cartoons, die empfangen hohe Gäste und Diplomaten. Sie sind zuständig für die Förderung der Religion, sie treiben Handel. Sie mischen sich auch in das politische Geschehen ein. Dafür gab es auch Minister und Beamte, aber trotzdem, die Frauen waren wichtig. Man kann also schon sagen, dass sie oft das Rückgrat des Reichs waren.

Und so war das auch bei Genghis Khan. Der hatte, wie bei den Mongolen üblich, mehrere Ehefrauen, also eine Hauptfrau und mehrere Nebenfrauen. Die Geschichtswissenschaft, die entdeckt ja mehr und mehr die Bedeutung weiblicher Macht, gerade auch im Mittelalter, haben die mongolischen Frauen denn auch wirklich regiert?

Also sie konnten nicht selbst Khan werden, aber es gab zum Beispiel unter Genghis Khans Nachfolgern mehrere Fälle, in denen der Großkhan plötzlich verstarb und es war unklar, wer der Nachfolger werden sollte und dann übernahm die Witwe die Regentschaft, teilweise für drei, vier Jahre. Und da war sie also nicht nur eine Platzhalterin, sondern die war durchaus machtbewusst mit eigenen politischen Interessen, mit eigenen Vorstellungen, wie die Zukunft des Reichs aussehen sollte.

Und die hat dann eben so lange regiert, bis ein neuer Herrscher auf einer der großen Reichsversammlungen gewählt und bestätigt wurde. Also Frauen spielten durchaus eine größere Rolle, als man landläufig so denken mag. Wobei mir jetzt, da du die Polygamie erwähnst, doch wieder die anfangs zitierte Liedzeile einfällt, die von dir zitierte, in der es über Genghis Khan heißt, erzeugte sieben Kinder in einer Nacht.

Ist das sexistisches Schlagermärchen oder steckt da ein funke Wahrheit drin? Also ich habe tatsächlich nirgendwo eine verlässliche Zahl gefunden, wie viele Kinder Genghis Khan wirklich hatte. Es waren wohl viele. Also er hatte ja nicht nur seine Haupt- und Nebenfrauen, sondern auch noch wirklich viele Konkubinen und auch mit diesen wieder Kinder. Also die offiziellen Erben, die kennt man, denn das waren sowieso nur seine Söhne mit seiner Hauptfrau Börte.

Es gibt aber einen persischen Geschichtsschreiber, der schreibt um 1260, das ist nur gut 30 Jahre nach Genghis Khans Tod, dass es mehr als 20.000 Nachkommen des großen Herrschers gibt. Und der fügt da noch hinzu, er wüsste jetzt auch nicht so ganz genau wie, Zitat, aus den Länden eines einzigen Mannes in so kurzer Zeit eine so große Nachkommenschaft hervorgehen konnte.

Also wir wissen es nicht. Oha, wie sich das wohl potenziert hat. Wie viel es wohl heute noch gibt von den Erben Genghis Khans. Das wäre doch mal interessant. Ja, es hat tatsächlich vor einigen Jahren mal eine genetische Studie gegeben. Und die kam dann darauf, dass es heute rund 16 Millionen Männer gibt auf der Erde, die Nachfolger von Genghis Khan sind.

Ist nicht unumstritten, aber es ist auch nicht völlig auszuschließen. Apropos heute, kann man heute noch Spuren der Mongolen sehen in Europa? Ja, die kann man sogar hören. Ich war im vergangenen Jahr zum ersten Mal in Krakau, in Südpolen. Kann ich übrigens sehr empfehlen, eine wunderschöne Stadt. Und wenn man dann da zur vollen Stunde auf dem mittelalterlichen Marktplatz steht, in der Altstadt, vor der St.

Marienkirche, dann öffnet sich da am höchsten Turm dieser Kirche so ein kleines Fensterchen und dann kommt ein Trompeter und beginnt ein Lied zu spielen. Das ist das sogenannte Hey Now, Mariacki. Das ist nicht lang, nur so ungefähr 30 Sekunden und er spielt und dann urplötzlich, sozusagen mitten im Ton, bricht das Lied ab.

Jetzt musst du aber auch noch die Geschichte hinter diesem Lied oder dieser Tradition erzählen. Ja, wohlgemerkt, die Legende, also die Geschichte ist, dass mit diesem Trompetensignal im Jahr 1241 ein Trompeter die Krakauer vor den anrückenden Mongolen warnen wollte. Also so geht die Geschichte. Der stand dann auf seinem Turm und spielte, damit die Stadttore geschlossen wurden.

Und dann mitten im Spiel, mitten im Lied, durchbohrt ein Pfeil seinen Hals. Ja, genau. Ein bisschen gruselig. Wie gesagt, eine Legende, ob das wirklich so passiert ist, das lassen wir jetzt mal dahingestellt. Aber den wahren Kern der Geschichte, den gibt es auf jeden Fall. Die Mongolen haben Krakau zerstört, wie wir ja schon erzählt haben.

Und ja, das kann man also bis heute in Krakau hören. Und ich fand das ganz beeindruckend. Also fahr mal nach Krakau, lohnt sich auf jeden Fall. Sollte ich also mal tun. Vielleicht bekommt ihr ja auch Lust, wenn ihr die Geschichte von Genghis Khans Aufstieg, dem atemberaubenden Aufstieg gehört habt. Die folgt jetzt auf jeden Fall. Danke, Kirsten, dass du hier warst.

Wir hören jetzt Tod aus der Steppe, eine historische Reportage von Johannes Strempel. Es liest Peter Kämpfe. Zwei Blutsbrüder stehen sich bei Dallan Baltschut gegenüber, irgendwo in der Steppe unweit des Flusses Onom. Als Kinder haben sich die Männer kennengelernt, spielten zusammen auf dem Eis des gefrorenen Wasserlaufs, schworen sich Blutsbrüderschaft und beschenkten sich mit selbstgefertigten Pfeilen.

Später half der eine dem anderen, dessen entführte Frau zu befreien. Sie teilten sich ein Lager, schliefen gemeinsam unter einer Decke. Jetzt sind sie gekommen, einander zu töten. Denn Freundschaften, selbst die mit Blut besiegelten, sind in der mongolischen Weite selten von Dauer. Pakte zwischen Männern, Bündnisse zweier Clans, Koalitionen von Stämmen, sie alle gelten meist nur auf Zeit, bis ein Gewirr aus Gier, Fäden und Rachedurst sie zersprengt.

Die beiden Männer hat der Hunger nach Macht zu Todfeinden werden lassen. Jeder will allein die Herrschaft über die Steppe. Deshalb warten an diesem Tag im Jahre 1187 mit ihnen Armeen von je 30.000 Reitern auf den Befehl zum Angriff. Wirbeln Pferdehufe Staub auf, spannen Krieger ihre Bogensehnen. Der Tag soll die Entscheidung bringen.

Von der Schlacht, die nun anhebt, berichtet ein Chronist nur in ein, zwei dürren Sätzen, Aber es muss ein brutales Gemetzel sein. Nach deren Ende, so die Quelle, lässt der Sieger, der eine der beiden Blutsbrüder, etliche Gefangene in siebzig Kesseln bei lebendigem Leibe kochen. Die abgeschlagenen Köpfe zweier Gegner bindet er an den Schweif seines Pferdes und schleift sie umher.

Dieser grausame Mann heißt Jammutscha. Der andere, der in der Schlacht von Dallan Balchut unterliegt, hört auf den Namen Temüchin. Erst der Klang seines künftigen Ehrentitels wird die Menschheit in Furcht erbeben lassen, Genghis Khan. Als die Strafe Gottes wird er sich bezeichnen und anheben, die Welt zu erobern.

Noch liegt das in ferner Zukunft. An diesem Tag hat der Emporkömmling Temitschin die Herausforderung gegen den mächtigen Jamucha gesucht und verloren. Er erlitt eine Niederlage, musste sich zurückziehen und wich zum Engpass Dscherene am Ohnum aus. Mehr hat der Chronist nicht zu sagen. Während Jahre vergehen, glutheiße Sommer und eisige Winter über die Steppe ziehen, verliert sich Temüchins Spur, zumindest in den erhaltenen Aufzeichnungen.

Doch womöglich wissen auch Freunde und Feinde in seiner Heimat nicht, wo er sich aufhält, halten ihn längst für tot. Entbehrungen, Niederlagen und Rückschläge bestimmen das Leben des jungen Temüchin, bevor er als Genghis Khan das größte Landreich der Geschichte erschafft. Hunderttausende werden in seinen Eroberungskriegen sterben, Dutzende Metropolen als rauchende Ruinen enden, ganze Reiche untergehen.

Überzeugt vermutlich, dass der Gott des Himmels den Mongolen die ganze Welt versprochen hat, wird der Nomade aus seinen Reiterkriegern die disziplinierteste Armee seiner Zeit formen. Und, indem er besiegte Stämme in sein Heer integriert und mit traditionellen Clan-Strukturen bricht, eine soziale Revolution in der Steppe anstoßen, aus der eine gemeinsame Identität erwächst.

Die mongolische Weite ist ein seltsamer Ort für das Herzstück eines Weltreichs. Ein Plateau von rund zwei Millionen Quadratkilometern im Osten des eurasischen Steppengürtels, ein Panorama aus Grasland, begrenzt von Wüsten und Bergen. Es gibt keine Küsten, also keine Möglichkeit zum Seehandel wie in anderen Imperien.

Die wenigen Flüsse sind kaum schiffbar. So karg wie die Landschaft, so streng zeigt sich das Wetter. Im Winter sinken die Temperaturen auf minus 40 Grad Celsius, arktische Winde peitschen über die Ebenen, im Frühjahr lösen Sandstürme sie ab. Die Sommer sind kurz und heiß. Welch Kontrast etwa zu der lieblichen Hügellandschaft, die den Kern des antiken römischen Imperiums bildete.

Doch die Steppe bietet auch Vorteile. Die isolierte Lage schützt vor Feinden von außen. Die rauen Bedingungen haben ihre Bewohner abgehärtet und zu einer Lebensweise genötigt, die äußerst flexibel und beweglich macht. Seit Jahrtausenden ziehen die Menschen hier als nomadische Viehzüchter im Rhythmus der Jahreszeiten von den Sommer zu den Winterweiden.

Sie reiten zu Pferd, halten auch Rinder, Kamele, Ziegen, Schafe, verstauen ihre Besitztümer in Ochsenkarren und wohnen in Zelten aus Filz. Viele Stämme teilen sich die Steppe, leben nebeneinander her oder vermischen sich. Das sind die Naimanen im Westen, die Kireiten, die Merkiten, Euraten, die mächtigen Tartaren ganz im Osten und schließlich deren Nachbarn, die Mongolen.

Was diese Gruppen verbindet, sind die Lebensweise als Nomaden und ihre religiösen Rituale. Manche sprechen eines jener Idiome, die Linguisten, der einst zum Mongolischen zählen, manche eine der weitläufig verwandten Turk-Sprachen, viele beides. Unterhalb der Stammesverbände leben die Nomaden in Clans zusammen, bestehend aus mehreren Familien, die von Blutsverwandtschaft und persönlichen Bindungen zusammengehalten werden.

Die Dynamiken sind instabil. Mal verbünden sich Clans oder ganze Stämme, um gegen einen gemeinsamen Gegner in den Krieg zu ziehen, dann wieder führen sie untereinander einen brutalen Konkurrenzkampf um Weiden und Wasserstellen. Ihre Welt ist geprägt von Fäden, Blutrache und Plünderungen Überfallen die Clans ihre Rivalen, rauben sie etwa deren Vieh Entführen und vergewaltigen die Frauen, machen aus Kindern Sklaven.

Feste Siedlungen finden sich nur südlich der Steppen In den Gebieten der Sesshaften Meist gestalten sich die Beziehungen friedlich Die Nomaden sind den Ackerbauern und Städtern geschätzte Handelspartner Sie verkaufen Fleisch, Felle, Wolle und erstehen dafür Getreide, Werkzeuge und Tuche. Doch wenn in einem der sesshaften Reiche wegen einer Krise der Handel stockt oder im Grasland durch einen Wetterumschwung weiden und wasserknapp werden, zögern die Nomaden nicht, sich auf Raubzüge und Überfälle zu verlegen.

Wirklich gefährlich für die Gemeinschaften außerhalb der Steppe wird es, wenn die Reiterkrieger Konföderationen bilden und gemeinsam kämpfen. Durch die Jahrhunderte entstehen so immer wieder mächtige Nomadenreiche, die allerdings nie lange Bestand haben. Im 12. Jahrhundert hat ein Anführer namens Kabul die Clans der Mongolen hinter sich vereint, wodurch sie zu einem der führenden Stämme aufstiegen und zu einer Bedrohung für das nordchinaumfassende Reich der Jin-Dynastie wurden.

Im Gedächtnis der Zeit hat sich sein Name eingeschrieben, weil er der Urgroßvater des Genghis Khan ist. Von Kabul selbst überliefert eine Chronik die Anekdote, er habe bei einem Bankett des Dschinn-Kaisers diesen, übermütig und betrunken, an seinem Bart gezogen. Der Kaiser wollte sich den aufstrebenden Anführer aus der Steppe gewogen machen, doch nach dessen Unverfrorenheit, so die Erzählung, herrscht Krieg.

Viele Jahre lang behält der Mongole die Oberhand, erobert sogar Gebiete der Dschinn. Nach Kabuls Tod jedoch lassen die nordchinesischen Kaiser seinen Nachfolger ermorden. Das Reich zerbricht um das Jahr 1160. Die mongolischen Clans verstricken sich wieder in Feindschaft. »Sie hatten keinen Oberhaupt oder Herrscher«, schreibt ein Chronist, »sie lebten in äußerster Armut, sie kleideten sich in die Häute von Hunden und Mäusen und aßen deren Fleisch und auch solches von gefallenen Tieren.«, In diese chaotische Welt wird wohl um das Jahr 1165 Temüchin hineingeboren, der künftige Genghis Khan.

Temütschins Familie gehört zum mongolischen Clan der Borgigit, deren Weidegründe nahe dem Fluss Onon liegen, wohl an der heutigen Grenze zwischen dem Staat Mongolei und der russischen Föderation. Sein Vater Jesu Gai ist Anführer dieses Clans. Eine große Gefolgschaft wie sein Vorfahrer Kabul aber hat er nicht unter sich vereinen können.

Als sein Sohn zur Welt kommt, kehrt der Vater gerade von einem erfolgreichen Feldzug gegen die Tartaren zurück, den Erzfeinden der Mongolen, und führt dabei einen hochrangigen Gefangenen mit sich. So gibt Yezhegai seinem Sohn dessen Namen, Temüchin, was möglicherweise Schmied bedeutet. Angeblich hält der Säugling bei der Geburt einen großen Blutklumpen in der Hand, gedeutet als Vorzeichen seines späteren Aufstiegs.

Als Temüchin neun Jahre alt ist, begibt sich sein Vater mit ihm auf Brautschau. Bei einem verbündeten Clan wird Jesügei fündig. Das Mädchen Börte wird in einer Erzählung der Begebenheit mit denselben Worten beschrieben wie zuvor Temmitschin. Beide Kinder haben Glanz im Gesicht und Feuer in den Augen.

Offenbar sind sie füreinander bestimmt. Nachdem die Verhandlungen über die beabsichtigte Heirat abgeschlossen sind, bleibt der Knabe zunächst bei seinen künftigen Schwiegereltern, während der Vater nach Hause reitet. Unterwegs trifft er auf eine Gruppe von Tartaren, die ihn nach Brauch der Steppe gastfreundlich aufnehmen, ihn beim gemeinsamen Essen aber aus Rache wegen eines früheren Feldzugs vergiften.

Er stirbt nach der Rückkehr in seiner Jurte. Als der eilig herbeigeholte Temüjin eintrifft, ist er wohl bereits tot. Eine Katastrophe für die Familie, wie sich schon bald zeigt. Ein toter Anführer kann keine Beute und Sicherheit mehr bieten. Seine Witwe, Temüjins Mutter Höllun, darf bei einem Stammestreffen mit den anderen mongolischen Clans nicht an den Opferungen für die Ahnen teilnehmen.

Damit ist sie eine Ausgestoßene. Ihre Leute, Jesu Geis, gesamte Gefolgschaft, lassen sie daraufhin zurück. Mitsamt dem Vieh ziehen sie davon und schließen sich einem anderen Clan an. Hölun und die zweite Ehefrau Jesu Geis sind mit ihren zusammen sieben Kindern nun auf sich allein gestellt. Sie leben in Armut, sammeln Bären, Fischen, jagen Murmeltiere und steppen Ratten.

So zumindest schildert es die wichtigste Quelle zum Leben Temüchins, die geheime Geschichte der Mongolen, eine Art Chronik, die nicht lange nach Genghis Khans Tod verfasst wird. Geheim heißt das Werk, weil nur die Mitglieder der Herrscherdynastie darin lesen durften. Deren Ursprung hüllt die Schrift in Mythen. Temücchins Urahn, so heißt es, sei ein vom Himmel gezeugter Wolf gewesen, dessen Gattin eine Hirschkuh.

Dichtung und Wahrheit sind durchweg eng verwoben. Gut möglich etwa, dass die darin geschilderte bittere Armut in Temücchins Kindheit übertrieben ist. damit sein Aufstieg umso glorreicher erscheint. So mutet es zum Beispiel seltsam an, dass sich niemand aus der Verwandtschaft des Vaters um die Witwen und Halbwaisen gekümmert haben soll, wie es in einer Stammesgemeinschaft eigentlich üblich ist.

Nicht einmal innerhalb der verstoßenen Familie herrscht Eintracht. Eines Tages, so steht es in der geheimen Geschichte, stiehlt ein Halbbruder Temmetschins ihm und einem weiteren Bruder einen erbeuteten Fisch. Hölons Ermahnung, dass die Familie dennoch zusammenstehen müsse, weil sie keinen Gefährten außer den Schatten habe, verhallt.

Die beiden Jungen töten ihren Halbbruder kaltblütig mit Bogenschüssen. Wahrscheinlich geht es bei der tatsächlichen Bluttat, die der Erzählung zugrunde liegt, um mehr als den Fisch. Der Getötete war der Älteste von Jesigeis Söhnen. Temujin hat seinen ersten Rivalen im Kampf um Macht und Rang aus dem Weg geräumt.

Die darauffolgende Anekdote in der geheimen Geschichte gibt weiteren Aufschluss über Temmetschins Wesen. Kurz nach dem Brudermord entführt ihn ein konkurrierender Klan. Wenn Temujin dort nicht gerade als Sklave dienen muss, hindert ihn ein Holzkragen um Hals und Hände an der Flucht. Er erduldet sein Schicksal bis zu einer Vollmondnacht im Frühjahr, als der ganze Clan ein Fest feiert und wenig auf ihn achtet, schlägt seinen Wächtern nieder, versteckt sich in einem Fluss, wobei sein Holzkragen ihn über Wasser hält.

Dort entdeckt ihn ein wohlgesonnener Mann, der die Suchtrupps ablenkt. Doch statt nun sogleich ohne Pferd und Ausrüstung durch die Steppe zu seiner Familie zu fliehen, sucht Temüjin den Mann in dessen Jurte auf. Der willigt, wenn auch erst auf Drängen seiner Söhne, schließlich ein, den Flüchtigen mit einem Pferd, Verpflegung sowie Pfeil und Bogen zu versorgen.

Offenbar, so lässt sich die Geschichte lesen, handelt bereits der heranwachsende Temüchin planvoll statt impulsiv, vermag den richtigen Moment abzuwarten und mit Charisma insbesondere junge Menschen auf seine Seite zu ziehen. Gewalt steht auch am Anfang von Temedjins Aufstieg zum Herrscher. Er ist inzwischen etwa 16 Jahre alt und hat seine Braut Börte geheiratet.

Ein weiteres Indiz, dass die geheime Geschichte das Elend seiner Jugend womöglich übertreibt, denn der wohlhabende Vater des Mädchens hätte seine Tochter kaum einem chancenlosen Außenseiter zur Frau gegeben. Eines Tages überfallen Merkiten das Lager. Temüjin erweist sich nicht eben als Held. Während er mit Familienmitgliedern flieht, lässt er Börte im Stich.

Ohne Hilfe kann er sie unmöglich aus der Gewalt der Entführer befreien. Deshalb wendet er sich an Togril, den mächtigen Anführer der Kireiten, eines Stammes, der westlich der Mongolen lebt. Togril schloss einst Blutsbrüderschaft mit Temüjins Vater, der ihm dabei geholfen hatte, zum Herrscher aufzusteigen.

Nun bitte Temmetschin, der sich zuvor schon als Nöker, als Vasall in dessen Dienste gestellt hat, Togril um Hilfe. Ich will dir deine Börte wieder herbeischaffen, versichert der ihm daraufhin. Bei dem folgenden Feldzug begegnet Temüjin einem alten Freund wieder, Jamucha, den er als Zehnjähriger kennenlernte.

Zusammen spielten die Jungen auf dem Eis des Onon, wurden Blutsbrüder. Lange haben sich die beiden nicht getroffen, die Wiedersehensfreude muss groß sein. Jamucha, Anführer seines eigenen Clans, ist mit Togrill verbündet. Für den anstehenden Waffengang stellt er selbst ein großes Kontingent unter seinem Kommando.

Die drei Männer, Togril, Jamucha und Temujin, die nun gemeinsam gegen den Feind ziehen, werden in den folgenden zwei Jahrzehnten als zentrale Rivalen den Kampf um die Herrschaft über die Steppe austragen. Noch ist Temujin mit Abstand das schwächste Glied in der Kette. Während Togrill und Jamucha große Heere aufstellen können, die geheime Geschichte nennt die sicher übertriebene Zahl von je 20.000 Kriegern, folgen ihm nur wenige erste Anhänger.

Im Jahr 1180 oder einem der folgenden überfallen sie das Lager der an dem Raub beteiligten Merkiten und befreien nicht nur Börte, sondern töten auch viele Gegner und machen reiche Beute. Überraschend zart schildert die geheime Geschichte das Wiedersehen der Eheleute. Im hellen Mondschein sah er Börte. Beide stürzten aufeinander zu und umarmten sich.

Börte wird zeitlebens Timmedjins Hauptfrau, eine wichtige Vertraute und weise Ratgeberin, bleiben. Sie gebiert mindestens neun Kinder. Ihre Söhne werden dereinst das Erbe des Vaters antreten. Nach Börtes Befreiung bleibt Temüjin zunächst bei seinem Freund Jamucha. Die beiden erneuern ihren Bund, teilen sich nachts eine Decke.

Dann aber zerbricht die Eintracht. Die geheime Geschichte deutet die Gründe nur an. Börte hegt offenkundig Zweifel an Jamucha, hält ihn für wankelmütig und rät ihren Mann, sich von ihm zu trennen. Wahrscheinlich ahnt seinerseits Jamucha, dass Temüjin, obwohl noch weitgehend machtlos, sich nicht dauerhaft mit einer Stellung als sein Vasall zufrieden geben wird.

Die Trennung der Blutsbrüder soll sich für Temüjin als vorteilhaft erweisen. Mehr und mehr Steppenbewohner schließen sich ihm an. Hochrangige Mitglieder von Jamuchas Gefolgschaft, sogar dessen eigener Bruder, aber auch einfache Krieger, Gruppen von Männern, die ihren Clan verlassen, weil sie sich bei Temüjin ein besseres Leben versprechen.

Denn es hat sich wohl herumgesprochen, dass Temüjin die Beute nach dem Sieg über die Mekiten weit großzügiger und gerechter verteilt hat als Chamucha. Zudem berichten manche der neuen Anhänger den Chroniken zufolge von Visionen, in denen die höchste von den Mongolen verehrte Schöpfer-Gottheit, der ewige Himmel, Temujin, zum Führer der Steppe bestimmt habe.

Einem Schamanen soll das Himmelswesen gar verkündet haben, es werde dem Mongolen die gesamte Oberfläche der Erde geben. Temujin nutzt die Erzählungen offenbar geschickt als Propaganda. Vielleicht glaubt er auch selbst an seine göttliche Bestimmung. Das religiöse Sendungsbewusstsein, mit dem die Mongolenherrscher bald ihre Heere ausschicken, die Welt zu unterwerfen, hier nimmt es seinen Anfang.

Als immer mehr Männer und ganze Clans ihm folgen, lässt sich Temüjin um das Jahr 1185 zum Kahn aller Mongolen ausrufen, so der von vielen Turkvölkern seit Jahrhunderten gebrauchte Titel für den Anführer eines ganzen Stammes. Was für eine Anmaßung des Emporkömmlings! Doch dahinter stehen vermutlich mächtige Verbündete, die lieber den unerfahrenen Temüjin als Herrscher von ihren Gnaden installieren wollen, als sich dem Willen Chamuchas zu unterwerfen.

Togril, selbst Khan der Kereiten, gratuliert seinem Vasallen. Viele der etablierten mongolischen Anführer aber sehen in Temüjins Ernennung eine Kampfansage und schließen sich gegen ihn zusammen, an ihrer Spitze Chamucha. Im Jahr 1187 treffen beide mit ihren Heeren bei Dalan Balchut aufeinander. Jambucha triumphiert. Temüchen muss fliehen, wohl nur von wenigen Getreuen begleitet.

Statt ihn zu verfolgen, stillt der Sieger seinen Rachedurst an den Gefangenen, die er in 70 Kesseln kochen lässt. Temüchens Spur verliert sich im Grenzgebiet zu Nordchina. Für beinahe ein Jahrzehnt verschwindet er aus den Annalen. Die geheime Geschichte und andere Chroniken lassen die Zeit einfach aus, weshalb auch nicht bekannt ist, was während seiner Abwesenheit in der Steppe geschieht.

Doch vieles weist darauf hin, dass Temüjin Zuflucht bei den Jinen findet. Im nordchinesischen Reich jener Dynastie, deren Kaiser von seinem Urahn einst an Barth gezogen wurde. Was mag der Mongole dort erleben? Vielleicht lernt er das städtische Leben und die Verwaltung der sesshaften Chinesen kennen.

Vermutlich dient er in der Armee der Jin als Söldner, verbessert sein militärisches Können, steigt zum Truppenführer auf. Denn als Temujin 1196 wieder in der Steppe auftaucht und an der Spitze eines Heeres einen erfolgreichen Feldzug gegen die Tartaren führt, tut er dies im Auftrag der Jin. Eigentlich sind die Tartaren Verbündete des Kaiserreichs, sollen als dessen verlängerte Arm dafür sorgen, dass keiner der anderen Nomadenstämme zur Bedrohung für die Jin wird.

Doch immer wieder fallen die Tartaren selbst zu Raubzügen in Nordchina ein, plündern Städte und Dörfer der sesshaften Nachbarn. Temmijins Kampagne ist eine Strafexpedition gegen sie. Der Mongole mag nun um die 30 Jahre alt sein. Er sei von hohem und majestätischem Wuchs, berichtet ein Chronist. Seine Stirn ist breit und sein Bart lang.

Lebhafte, katzenartige Augen, schreibt ihm ein anderer zu. Sein Auftreten ist meist ruhig, selbstbeherrscht, gewinnend. In der Nomadengesellschaft ist nichts wichtiger als Reputation und persönliche Beziehungen. Offenbar macht Temücci einen großen Eindruck auf die Menschen, zieht besonders junge Männer an.

Oft erwähnen die Quellen auch seine Großzügigkeit so wie seine Wertschätzung für Gehorsam und Ergebenheit. »Ich kümmere mich um meine Soldaten, als ob sie meine Brüder wären«, sagt er später einmal. Vielleicht wegen seiner eigenen ärmlichen Kindheit hegt er auch als Heerführer keine Standesdünkel, teilt die Härten seine Truppen.

Wenn er erst von der Loyalität eines Gefolgsmanns überzeugt ist, vertraut er ihm, sucht seinen Rat. Er trägt, sehr ungewöhnlich, sogar Kritik. Verrat widert ihn an, auch wenn die Verräter ihm von Nutzen sind, als einmal Überläufer ihren in Temmijins Augen rechtmäßigen Anführer an ihn ausliefern, lässt er sie hinrichten.

Doch ein Charakterzug überschattet alles andere an Temmijins Wesen, der unbeugsame Wille zur Macht. Schon die Geschichte vom Mord an seinem Halbbruder lässt erahnen, dass weder Freundschaft noch Blutsverwandtschaft ihn davon abhalten, Rivalen kaltblütig zu beseitigen. Die Jahre bei den Jinn scheinen seinen Ehrgeiz und seine Entschlossenheit nur noch gehärtet zu haben.

Zurück in der Heimat erneuert Temujin den Pakt mit Togril. Doch das Gewicht hat sich verschoben, denn Togril, zwischenzeitlich von einem Verwandten vertrieben, kann sich nur mit der Hilfe seines einstigen Vasallen wieder als Kahn der Kereiten etablieren. Erneut sammelt Temujin Anhänger um sich, bis er zur stärksten Kraft im Osten der mongolischen Ebene aufsteigt, während Togril im Zentrum herrscht.

Zusammen bilden sie eine schlagkräftige Allianz, die alle anderen Steppenführer in Furcht versetzt. In einer raschen Folge von Feldzügen, manchmal im Verbund mit Togrel, manchmal ohne ihn, besiegt und unterwirft der Mongole nun in der Zeit zwischen 1197 und 1203 Clan um Clan, Stamm um Stamm. Die Chroniken widersprechen sich.

Der Fortgang der Ereignisse ist verwirrend, Jahreszahlen fehlen oftmals. Togrill, so viel scheint sicher, erweist sich als unzuverlässiger Partner. Einmal bricht er mit seinem Heer in der Nacht vor einer Schlacht plötzlich das Lager ab und lässt Demigin im Stich. Bei anderer Gelegenheit weigert er sich nach einem Sieg, die Beute zu teilen.

Doch weit undurchsichtiger verhält sich der alte Rivale Jamuja. Zwischenzeitlich als Heerführer in Togrels Diensten tätig, müht er sich Zwietracht zwischen den beiden Bündnispartnern zu sehen Dann schmiedet er gar eine Armee aus Gegnern und zieht gegen sie ins Feld, Anschließend plündert er die Lager seiner eigenen Verbündeten, um danach erneut als Vasall bei Togrel zu dienen, Es herrschen chaotische Verhältnisse. Allianzen entstehen und brechen auseinander, erneuern sich und scheitern wieder.

Und doch sind es diese kriegerischen Jahre, als mörderische Schlacht auf Schlacht folgt, in denen Temujin planvoll seine Macht ausbaut. Noch bekämpfen sich die Nomaden gegenseitig. Doch schon bald werden ihre Reiterscharen die sesshaften Völker in Angst und Panik versetzen, weil ihre Kampfweise so anders, ihre Taktik fremden, schwerfälligeren Militärverbänden oft überlegen ist.

Bereits als Kinder lernen die Jungen reiten und das Schießen mit dem Reflexbogen, der aus Holz, Horn, Fasern, von Tiersehnen und Leim gefertigt ist und wegen seiner extremen Gegenkrümmung eine gewaltige Durchschlagskraft besitzt. Ihn zu beherrschen erfordert langes Training, aber danach treffen die metallenen Pfeilspitzen ihr Ziel aus einer Distanz von 300 Metern, durchschlagen Rüstungen noch 100 Meter weit entfernt.

Die Reiter auf ihren kleinen, zähen Steppenpferden schützen sich zumeist mit einem leichten Panzer aus Leder, der zum Schutz gegen Nässe mit Lack überzogen ist. Darunter tragen sie ein seidenes Gewand. Der Stoff bremst Pfeile ab und umfängt deren Spitzen, so dass sich das Geschoss später leichter aus dem Fleisch ziehen lässt. Die Attacken der Verbände sind exakt koordiniert.

Auf jährlichen Treibjagden üben die Nomaden sich in ihrer Taktik. Überraschungsangriffe, Hinterhalte und vorgetäuschte Rückzüge, welche die Verfolger in eine Falle aus tödlichem Pfeilbeschuss laufen lassen. Im Jahr 1202 rüstet Timurjin einmal mehr zu einem Feldzug gegen die Tataren. Diesmal will er die schlagkräftigen Feinde endgültig besiegen.

Seinen Truppen, so berichtet es die geheime Geschichte, schärft er dafür neue Kampfregeln ein. Wenn wir den Feind besiegen, wollen wir uns nicht bei der Beute aufhalten. Erst nach dem endgültigen Sieg gehört diese Beute uns. Wir werden sie miteinander teilen. Sollten sie hingegen zurückgedrängt werden, haben sich alle Einheiten am Ausgangspunkt zu treffen und neu aufzustellen.

Wer sich nicht dort einfindet, wird hingerichtet. Das verstößt gegen jedwede Tradition der Stippe. Clanführer waren bislang vor allem daran interessiert, auf Kriegszügen zu plündern. Die geraubten Reichtümer teilten sie dann nach eigenem Ermessen ihren Gefolgsleuten zu. Nun soll dieses Machtinstrument allein in der Hand Temmetschins liegen, der so sein eigenes Belohnungssystem aufbaut.

Er verteilt die Beute nach Leistung statt nach sozialem Rang. Zugleich greift er hart gegen Clan oder Truppenführer durch, die, sobald sie auf einem Feldzug genug Schätze zusammengerafft haben, ihre Kampfgenossen im Stich lassen. Die Tartaren werden vernichtend geschlagen. Alle, die die Mitte eines Wagenrades überragen, so die geheime Geschichte, sollen hingerichtet werden.

Temüjin entledigt sich auf diese Weise fast der gesamten Oberschicht seiner Feinde. Die restlichen gefangenen Männer, Frauen und Kinder verteilt er unter seinen Leuten. Denn eines der entscheidenden Erfolgsgeheimnisse seines Aufstiegs ist, dass er Besiegte in sein Volk integriert, zudem ihre Kämpfer in sein stetig wachsendes Heer aufnimmt.

Die Stammesidentitäten beginnen sich aufzulösen. Eine neue Gemeinschaft entsteht, wie es sie zuvor in der Steppe nicht gegeben hat. Temüchins Verhältnis zu Togrill jedoch verschlechtert sich zusehends. Als der Mongole vorschlägt, einen seiner Söhne mit einer Tochter des Keraiten Oberhaupts zu vermählen, zieht er sich den Zorn des alten Weggefährten zu, der dies als Griff nach seinem Thron auffasst.

Wie könne Temüchin es wagen, so lässt sich ein europäischer Reisender die Geschichte später erzählen, ruft Togel aus, weiß er denn nicht, dass ich sein Lehnsherr bin und er, mein Vasall, sagt ihm, dass ich eher meine Tochter verbrennen werde, als sie seiner Familie zur Heirat zu geben. Der Mongolenkahn hat seine Stellung wohl überschätzt.

Auch mit der Schlagkraft seiner Gegner, die sich nun zusammenschließen, rechnet er offenbar nicht. Nur knapp entkommen er und einige seiner Getreuen bei einem Überraschungsangriff, den Togrill im Verbund mit Jamuja anführt, unterstützt von einigen hochrangigen Anführern aus Timijins eigenem Clan. Es dauert vermutlich Monate, bis Timijin wieder genügend Kräfte versammelt hat, um den Gegenangriff zu wagen. Die folgende Schlacht tobt drei Tage und drei Nächte, dann ergeben sich die Kereiten.

Togrel wird auf der Flucht getötet. Nach diesem Sieg, ab dem Jahr 1203, beginnt Temüjin, seine aus verschiedenen Stämmen gebildeten Kriegerscharen zu einer straff organisierten Eroberungsarmee umzubauen. Als erstes gründet er eine Leibgarde, Keschik genannt, wobei zunächst 70 Mann am Tage und 80 als Nachtwache dienen.

Wenige Jahre später wird daraus eine Elite-Truppe mit 10.000 Kämpfern erwachsen. Die Keschikten stehen wegen ihrer Nähe zu Temüjin in hohem Ansehen. Nachts schlafen einige von ihnen im Kreis, um sein Zelt um Attentate zu verhindern. Manche dienen auch als Ratgeber, Vorkoster und übernehmen heikle Aufgaben wie Gesandtschaften.

In der Schlacht reitet die Garde stets an der Seite Temügens. Die regulären Truppen unterteilt der Kahn nach dem Dezimalsystem in 10, 100 und 1000 Schaften. Jeder erwachsene Mann kann zum Militärdienst herangezogen werden. Zumeist kämpfen einzelne Clans oder Stämme jetzt nicht mehr gemeinsam, vielmehr werden sie gezielt auf verschiedene Verbände verteilt.

Das gilt vor allem für Angehörige unterworfener Gruppen. So verlieren alte Bindungen an Bedeutung. An ihre Stelle tritt absolute Loyalität zu der eigenen Einheit und zum obersten Anführer. Termitschin beschneidet auch die Macht der Clan-Chefs. Statt ihrer führen nun seine Vertrauten die großen Truppenteile an.

Die Kommandeure der Tausendschaften rekrutieren sich oft aus seiner Leibwache. Doch auch Schafhirten und Pferdeknechte können zu Anführern ganzer Verbände aufsteigen. Statt vererbtem Status zählen für Temujin nur Leistung und Fähigkeit. Und Disziplin. Wer nicht gehorcht, wird streng bestraft. Die Todesstrafe erwartet jeden, der unerlaubt seine Einheit verlässt.

Bestimmten zuvor ad hoc aufgestellte Truppen in unbeständigen Allianzen die Kriege in der Steppe, verfügt Temmetschin nun über eine durchorganisierte permanente Armee. Einmal soll ein Kommandeur auf die Frage seiner Männer, wie lange der Feldzug denn dauern werde, geantwortet haben, für immer. Vor allem aber stößt Timmedjin damit eine soziale und politische Revolution an Aus früheren Rivalen und Todfeinden, verschiedene ethnigen Stämme, Religionen Entsteht eine Gesellschaft mit einer gemeinsamen Identität, ein Volk Das in seiner Gesamtheit den Namen jenes Stammes tragen wird, aus dem sein Herrscher hervorgegangen ist, die Mongolen.

Schon im folgenden Jahr kann sich das reformierte Heer beweisen, im Endkampf um die Herrschaft über die Steppe. Alle verbliebenen Feinde Temütschins, auch sein Blutsbruder Jamucha, haben sich inzwischen um die Naimanen gescharrt, die ganz im Westen der mongolischen Ebene leben, am Fuße des Altai-Gebirges.

Weil immer mehr Clans sich der Allianz anschließen, drängt Temüjin im Frühling 1204 zum Handeln und zieht den bereits anrückenden Naimanen entgegen. Es ist ein riskantes Spiel. Die Pferde seiner Krieger sind noch geschwächt von dem harten Winter. Das Gebiet, in dem sie auf den Naimanen treffen, liegt hunderte Kilometer entfernt.

Damit die Tiere wieder zu Kräften kommen können, greift Temujin, so erzählt es die geheime Geschichte, zu einer List. Jeder Soldat soll in der Nacht eigene Lagerfeuer entzünden. So will er die überlegene Koalition der Gegner über die Zahl seiner Männer täuschen und den Angriff hinausschieben. Der Trick gelingt. Als die feindlichen Späher dem Kahn der Naimanen von den Feuern berichten, zahlreicher als die Sterne, lässt der sich erst nach langem Zögern auf die Konfrontation ein.

Auf dem Schlachtfeld bewährt sich Temmetschins neu organisiertes Heer. Die geheime Geschichte berichtet von mehreren präzisen Manövern, mit denen Temmetschin den stärkeren Gegner bezwingt. Die Taktik Erbsenstrauch etwa, bei der Truppeneinheiten sich über ein weites Areal verteilen, wie eine in der Steppe verbreitete Buschart, um damit den Feinden die Möglichkeit zu nehmen, sie einzukreisen.

Oder den Meißel. Wieder und wieder stoßen Gruppen von Reitern vor, schießen sämtliche Pfeile gegen einen bestimmten Abschnitt der feindlichen Front ab, ziehen sich sofort zurück und lassen die nächste Gruppe angreifen. Schließlich drängen seine Krieger die Naimanen und ihre Verbündeten einen Berg hinauf.

Als die von dort fliehen wollen, stürzen sie von den Felsen in den Tod. Die geheime Geschichte erzählt auch, dass Temüjin nach dem Sieg seinen gefangenen Blutsbruder Jamuja begnadigen will. Dieser jedoch habe aus Stolz abgelehnt und so seinen Tod gewählt. Tatsächlich lässt der Mongole seinen Rivalen wohl ohne Umschweife hinrichten.

Mit dieser Schlacht hat Temüjin alle Völker in den Filzwandzelten, wie die Nomaden in der geheimen Geschichte genannt werden, unterworfen. Er ist nun der unbestrittene Herr der mongolischen Steppe. Im Frühling des Jahres 1206 treffen sich an der Quelle des Onon die Anführer zu einem Kuril-Tai, einer großen Versammlung, und ehren ihren Gebieter mit dem Titel Genghis Khan.

Die Bedeutung des Wortes Gengis ist unklar. Möglich, dass es abgeleitet ist vom Wort Tengis, das in den Turksprachen »meer« bedeutet. Der Titel stünde dann für den Herrscher der Ozeane, also der ganzen Welt. In 21 langen Abschnitten führt die geheime Geschichte nun aus, wie der Herrscher an diesem Tag in ausführlicher Rede seine Getreuen würdigt und mit Geschenken und Ehrungen überhäuft.

Womöglich blickt Genghis Khan dabei auf Tausende seiner Kämpfer, die sich über ihre Belohnungen freuen, von noch reicherer Beute träumen. Und vielleicht fällt sein Blick dann in die Ferne, dahin, wo die sesshaften Völker wohnen, wo die Eroberung der Welt beginnen soll. Ja, denn was Genghis Khan bis hierher geschafft hat, das ist, das haben wir vorhin schon besprochen, das ist erst der erste Schritt auf dem Weg zum größten Weltreich der Geschichte, wenn auch ein sehr wichtiger.

Ja genau, also jetzt sind wir ja im Jahr 1206, da hat er schätzungsweise 95.000 Krieger versammelt und mit denen macht er sich jetzt auf, ein ganz großes Ziel zu erreichen, die Eroberung der Welt. Dazu fühlt er sich von den Göttern berufen. Und wie geht man da vor, wenn man sich vornimmt, nicht weniger als die Welt zu erobern?

Ja, also er geht so vor, indem er eins nach dem anderen die benachbarten, sesshaften Völker unterwirft und der hört einfach nicht auf damit. Genau das wird er also in den nächsten 20 Jahren machen. Er wird die Völker im Süden und Osten, im heutigen China niederwerfen, vernichten oder zu Vassallen machen.

Und dann wird er sich weiter nach Westen wenden. Und einige seiner Krieger, die werden sogar bis in die heutige Ukraine gelangen. Und Genghis Khans Reich wird bei seinem Tod, er stirbt im Jahr 1227 vom Pazifik bis zum Kaspischen Meer reichen. Also über Persien, Zentralasien und das neidliche China. Die Grundlage für das, haben wir jetzt schon mehrfach erwähnt, größte zusammenhängende Landreich der Geschichte.

Genau. Und ohne diesen Genghis Khan, also ohne diesen Mann, ohne ihn und seine Persönlichkeit hätte es dieses mächtige Mongolenreich nie gegeben. Aber man muss dazu auch sagen, lange gehalten hat es sich ja nicht. Es beginnt ja bald in vier Teilreiche zu zerbrechen. Guter Cliffhanger, das machen wir jetzt nicht auf das Fass.

Das kann man nämlich auch nachlesen. Ich habe vorhin schon ein bisschen Werbung gemacht für die neue Ausgabe von Geo Epoche. Genghis Khan und seine Erben heißt die, ist seit dem 2. April am Kiosk, im Buchhandel oder auch im Abo zu bekommen. Und natürlich auch digital lesbar, wenn ihr ein Abo für Geo Epoche Plus habt.

Den Link dorthin zu einem Schnupperangebot für Geo Epoche Plus findet ihr in den Shownotes. Ansonsten, wie immer, schickt uns gern euer Feedback und eure Fragen per Mail an verbrechendervergangenheit.geo.de. Folgt Geo Poche gern auf Instagram. Und dann freuen wir uns über freundliche Bewertungen und Abos in den Podcast-Apps.

Hier geht es dann in zwei Wochen weiter mit einer sehr spannenden Spionage-Geschichte aus dem 20. Jahrhundert. Mehr verrate ich nicht. Macht's gut bis dahin. Tschüss. Tschüss.

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