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Verbrechen der Vergangenheit· Folge 149

Spionage vor dem Ersten Weltkrieg: Der Verrat des Alfred Redl

Freitag, 22. Mai 2026 · 56 min

MP3

Shownotes

1913, in einer Zeit internationaler Spannungen, der Kriegsfurcht und Spionagehysterie, nehmen österreichische Fahnder die Spur eines Verräters in ihren Reihen auf. Als sie die Identität des Mannes erkennen, sind die Geheimdienstler fassungslos: Es ist ihr ehemaliger Vizechef, Oberst Alfred Redl. Jahrelang hat der Oberst brisante Militärgeheimnisse an Russland verkauft – darunter der Aufmarschplan der Habsburgermonarchie für den bald darauf beginnenden Ersten Weltkrieg.

Host und Redaktion: Insa Bethke (GEO Epoche)
Gast: Manuel Opitz (GEO)
Sprecher: Peter Kaempfe
Produktion: Andolin Sonnen (RTL+)

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1913, in einer Zeit internationaler Spannungen, der Kriegsfurcht und Spionage-Hysterie, nehmen österreichische Fahnder die Spur eines Verräters in ihren Reihen auf. Als sie die Identität des Mannes erkennen, sind die Geheimdienstler fassungslos. Es ist ihr ehemaliger Vize-Chef, Oberst Alfred Redel. Jahrelang hat der Oberst Militär Geheimnisse an Russland verkauft, darunter den Aufmarschplan der Habsburger Monarchie für den bald darauf beginnenden Ersten Weltkrieg.

Hallo, herzlich willkommen zu einer neuen Folge von Verbrechen der Vergangenheit, dem Podcast von Geo-Epoche über die dunkle Seite des Menschen und der Macht. Mögt ihr James Bond? Die Frage muss jetzt mal sein bei diesem Thema. Dass ihr den Namen schon mal gehört habt, das setze ich voraus. Ich bin mit den Filmen auf jeden Fall groß geworden und ich fand die schon ziemlich cool.

007 James Bond im Auftrag ihrer Majestät auf gefährlicher Mission. Ja, eher Auftragskiller als Geheimagent, kann man ja sagen. Immer smart auf jeden Fall und ausgestattet mit futuristischen Gadgets. Die waren natürlich immer besonders großartig. Ich muss euch jetzt natürlich sagen, dass James Bonds Dasein als Agent nicht viel und das ist vermutlich noch untertrieben mit der Realität zu tun hat.

Die Realität der Spionage, die lernt ihr heute in unserer Geschichte über einen real existierenden Geheimdienster namens Alfred Redel kennen. Genauer, Oberst Alfred Redel und ja, was soll ich sagen, James Bond, Alfred Redel, da liegen schon vom Klang der Namen Welten dazwischen, aber dafür ist Oberst Redel oder auch Agent Nummer 25 oder kurz R, wie ihr gleich hören werdet, ja, dafür ist er echt und das, was Oberst Redel in Wien treibt und wie er schließlich auffliegt, das ist auch ohne fiktionale Zutaten wirklich richtig spannend.

Ich bin Insa Bethke, Redakteurin bei Geo Epoche und vorbereitet hat diese Folge mit mir mein Kollege Manuel Opitz. Manuel, schön, dass du da bist. Hi Insa, schön bei dir zu sein. Ich muss jetzt natürlich erstmal nochmal kurz mit dir zu James Bond kommen, bevor wir weiter uns mit Spionage beschäftigen.

Sag doch mal kurz, was sind deine Lieblings-Gadgets? Das waren schon immer die sehr coolen Autos. Also Reifenschlitzer, Vernebelungsanlage, Schleudersitz. Alles diese Gadgets, mit denen ich auch mal gerne durch Hamburg rasen würde. Davon abgesehen, wimmeln die Filme ja nur so von spektakulären Technikspielereien.

Erinnerst du dich noch an den Düsenrucksack, diesen Jetpack, mit dem James Bond mal durch die Gegend geflogen ist? Ja klar, das ist diese legendäre Szene in Feuerball, also einer der ganz alten James-Bond-Schinken, 60er Jahre glaube ich. Ich habe die, auch die alten, geschaut, weil der Bruder meiner besten Freundin, der war James-Bond-süchtig, kann man sagen.

Der sollte aber abends nicht ständig allein fernsehen, deswegen waren wir dann oft dabei. Später die neueren James-Bond-Filme, die habe ich dann aber sogar freiwillig geschaut. Und dann hast du auch die Vorwegnahme der Smartwatch gesehen, ein Spiel, der mich liebte. Da kriegt ja Bond eine Nachricht vom MI6 auf seine Uhr.

Ja, genau, nur dass die nicht digital angezeigt wird, sondern da kommt irgendwie so ein Band mit Prägedruck raus. Ja genau, da könnte man fast endlos weitermachen. Machen wir natürlich nicht. Jetzt müssen wir uns mal der Realität zuwenden, der historischen Wahrheit sozusagen. Und da können wir schon mal kurz klären, James Bond, den hat es wirklich gegeben.

Ganz genau, das war ein amerikanischer Ornithologe, der 1936 ein Werk über die Vögel der westindischen Inseln schrieb. Und das war nicht irgendein Buch, sondern... Das war das ultimative Vogelstandardwerk für diese Region. Und der Autor Ian Fleming, der beobachtete Vögel ebenfalls leidenschaftlich gern, las das Buch von James Bond und fand diesen Namen einfach so gewöhnlich, so unromantisch und so maskulin, dass er seinen Geheimagenten nach dem Vogelkundler benannte.

Das ist doch hier mal wieder gutes Partywissen. Das ist sehr schön. Damit verlassen wir jetzt James Bond aber wirklich. Spionage an sich, die ist natürlich sehr geschichtsträchtig. Und ja, wir Historikerinnen und Historiker, wir wollen ja immer wissen und bestimmen, wann und wie und wo irgendwas begonnen hat, wo wichtige Entwicklungen ihren Anfang genommen haben.

Das ist klar bei der Spionage nicht so einfach zu sagen. Die gibt es schon sehr lange, man kann sagen, seit Menschen sich bekämpfen, Krieg gegeneinander führen. Denn Wissen über den Gegner zu erlangen und damit sozusagen einen Vorsprung zu bekommen, das ist ja das Wesen der Spionage. Dass Mächte Agenten losschicken, die Menschen aushorchen, beschatten und bespitzeln, sowas gibt es schon seit tausenden Jahren.

Schon in der Bibel heißt es, dass Mose Männer ins gelobte Land entsandte, um rauszufinden, was da los ist. Also wie das Land so ist, ob es Festungen gibt, ob das dort lebende Volk eher schwach oder stark ist. Also alles Informationen, die nützlich sein könnten. Das ist also schon Aufklärung im Feindgebiet.

Mose, sehr schön. Ich darf meinerseits an einen Franziskanermönch erinnern. Giovanni da Pian de Carpine war sein Name. Ich hoffe, ich habe den richtig ausgesprochen. Der hat seinerzeit im Auftrag des Papstes die gefürchteten Mongolen ausspioniert. Warum die so gefürchtet waren, das haben wir in unserer letzten Folge über Genghis Khan geklärt. Hört da gerne mal rein.

Bei beiden, also bei Mose und dem Mönch, da handelt es sich streng genommen um einzelne Kundschaft. Da muss man sagen, heute verbinden wir aber ja Spionage mit richtigen Institutionen, großen Apparaten, also Geheimdiensten. Und auch die gibt es schon ziemlich früh. Das byzantinische Reiche im Mittelalter kennt ein Amt für barbarische Angelegenheiten.

Ich finde diesen Namen wunderbar klangvoll. Und mit Barbaren sind die Nichtchristen im Reich gemeint. Und ja, die will man genauer im Auge behalten. Der Chef dieses Amtes ist ein Spitzenbeamter, der jeden Morgen dem Kaiser zu berichten hat, was im Land so vor sich geht. Und ja, heute würden wir einfach Briefing dazu sagen.

Das war also schon sowas wie ein Vorläufer der modernen Geheimdienste über den ersten richtig organisierten und international agierenden Agentenring. Über den haben wir zum Glück auch schon bei Verbrechen der Vergangenheit eine Folge gemacht. Das war der Spionagedienst um Sir Francis Walsingham, den ersten Staatssekretär von Königin Elisabeth I.

Wie gesagt, haben wir schon erzählt, in die Schattenwelt der Macht heißt die Folge, glaube ich. Aber Manuel, ganz kurz, der Vollständigkeit halber und auch für alle, die die Folge nicht gehört haben bisher, ist auch schon zwei Jahre her. Was treibt dieser Walsingham dann in England? Ja, also ganz kurz im Schnelldurchlauf.

Dieser Walsingham, der baut in London ein Netz aus Agenten, Beobachtern und Spitzeln auf. Und seine Spione, die berichten ihm, wie du schon gesagt hast, nicht nur aus England, sondern von den Königshöfen Europas, aus Städten von Tripoli bis Konstantinopel. Und ja, Händler, Kapitäne, Botschaftsmitarbeiter und Leibärzte stehen in seinen Diensten.

Also das ist eben wirklich der erste Geheimdienst, der auch international agiert. Und ja, Walsingham setzt auch Spionagetechniken wie unsichtbare Tinte ein, zu seinem Stab gehören Spezialisten, die angeblich Siegel brechen und wieder verschließen können, ohne dass das auffällt. Und Experten im Entschlüsseln von Geheimalphabeten hat er auch noch.

Ja, jetzt müssen wir einmal schauen, warum dieser erste Geheimdienst ausgerechnet in England entsteht, warum Walsingham da gebraucht wird. Ja, Walsingham hat eine Mission und zwar das Leben seiner Königin zu schützen und alle potenziellen Attentäter zu stoppen. Wir müssen uns vorstellen, England in dieser Zeit ist kein besonders friedlicher Ort.

Damals dreht sich alles um die Frage, ist man Katholik oder Protestant? Die Konfessionen führen Krieg gegeneinander und mittendrin steht Elisabeth, eine Anglikanerin und damit in den Augen von Katholiken ja eine Ketzerin, also eine Agentin des Satans. Und ja, jedenfalls gibt es jede Menge Intrigen und Verschwörungen gegen die Königin.

Also man kann sich vorstellen, diese Situation von Angst und Komplotten, die ist sozusagen der Nährboden für die Entstehung eines Geheimdienstes. Ja, ganz genau. Und von Worthingham stammt auch der Satz, es liegt weniger Gefahr darin, zu viel zu fürchten als zu wenig. Unermüdlich warnt er Elisabeth vor Attentaten, vor vergifteten Speisen oder auch Gift in der königlichen Bettwäsche.

Also er ist ein richtiger Schwarzseher, er wittert überall das Böse. Er wittert überall das Böse, aber tatsächlich schafft er es, im Elisabeth vor allem Attentat zu bewahren. Ja, woran man dann auch wiederum sehen kann, was für eine immense Bedeutung so ein funktionierender Geheimdienst haben kann. Zeitlich nähern wir uns jetzt aber mal in großen Schritten, überspringen da ein paar Jahrhunderte.

Unser Oberst Redel, der hat sich seinen Platz im Kabinett der berühmten Spione Anfang des 20. Jahrhunderts verdient. Und das ist eine wichtige Zeit für die Spionage, weil sich die Geheimdienste, und ich spreche jetzt nur von denen in Europa, die haben sich in dieser Zeit Ja, gerade ab dem 19. Jahrhundert sind die Geheimdienste der europäischen Großmächte den Kriegs- oder Innenministerien zugeordnet oder sie bilden eine Abteilung im militärischen Generalstab.

Hören wir aber gleich noch genauer. Sie haben also ganz gezielt den Auftrag, die militärischen Fähigkeiten anderer Staaten auszuforschen und gleichzeitig auch Spione im eigenen System zu enttarnen. Ja, hören wir gleich genauer, hast du schon gesagt. Ich finde, wir nutzen jetzt nochmal die Gelegenheit, ein bisschen auf so ein paar berühmte Spione zu gucken, denn die lösen, Stichwort James Bond, ja wirklich eine ungemeine Faszination aus.

Also Manuel, wer ist dein Lieblingsspion? Hast du einen Lieblingsspion? Ich muss schon sagen, dieser Oberst Redel, der rangiert bei mir schon ziemlich weit oben. Nicht, weil ich ihn so sympathisch finde, sondern weil er einfach so unfassbar dreist ist und militärisches Wissen vor allem deshalb verkauft, um sein Liebes- und Luxusleben zu finanzieren und das muss man ja auch erstmal bringen.

Da war er beileibe ja nicht der einzige pure Geldgier, die hat ja wirklich viele Spione angetrieben. Von Redel hören wir gleich noch, da verraten wir jetzt nicht mehr. Nein, auf gar keinen Fall. Nur so viel, sein Leben klingt wie ein Sprung aus einem Hollywood-Drehbuch. Kommen wir mal zu jemand anderem. Eine andere, spannende Persönlichkeit in ganz anderer Hinsicht ist für mich Witold Pilecki.

Das ist wirklich ein ganz anders gelagerter Fall. Witold Pilecki, das war ein polnischer Offizier im Zweiten Weltkrieg, der ja wirklich durchaus hehre Ziele hatte und dafür zu sterben bereit war. Genau. Nach der Niederlage der polnischen Armee gegen die Wehrmacht hilft Pilecki beim Aufbau einer Untergrundarmee gegen die deutschen Besatzer.

Und 1940 macht er dann was total Wahnsinniges. Er lässt sich in Warschau bei einer Razzia von SS-Leuten verhaften, weil er weiß, dass die meisten Verhafteten in ein neues Konzentrationslager namens Auschwitz verschleppt werden. Und Pilecki soll herausfinden, was in diesem Komplex vor sich geht. Er geht also freiwillig in die Hölle von Auschwitz.

Und dort baut Pilecki eine Widerstandsgruppe auf, die Berichte aus dem Lager schmuggelt. Die Gruppe fordert die polnische Heimarmee und die Alliierten auf, das KZ mit Flugzeugen anzugreifen. Wir wissen, dass das nicht passiert. Und während dann in Auschwitz ja täglich Menschen ermordet werden, gelingt Pilecki die Flucht.

Eines Nachts 1943 hat er Schicht in der Backstube und die liegt außerhalb des Lagergeländes. Und von da aus kann er dann gemeinsam mit zwei Kameraden fliehen. Ja, er kann fliehen, aber Pileckis Leben, das endet dann doch tragisch. Ja, denn was Pilecki über Auschwitz berichtet, das ist so furchtbar, dass ihm anfangs nicht mal die polnischen Widerstandskämpfer glauben wollen.

Manche halten ihn sogar für einen deutschen Spitzel. Später kämpft er dann gegen die sowjetischen Besatzer in Polen, wird aber festgenommen und zum Anführer einer Verschwörung in Diensten westlicher Imperialisten abgestempelt. Und 1947 wird er dann hingerichtet. Ja, was für eine krasse Geschichte und ein Beispiel dafür, dass die Tätigkeit und Bedeutung von Agenten ja oft jahrzehntelang verborgen bleibt und erst dann lange nach ihrem Tod irgendwie den Weg in die Öffentlichkeit findet.

Wo wir hier so über Spionage reden, Manuel, da fällt mir auf, dass es wie so häufig in der Geschichte ja... Um Männer geht. Was ist denn mit Spioninnen, also mit weiblichen Agenten? Da fällt einem natürlich sofort Matahari ein. Ja, der Name, der fällt sozusagen immer, wenn es mal um weibliche Spione geht.

Matahari, die legendäre niederländische Tänzerin, die im Ersten Weltkrieg erst vom deutschen Militärgeheimdienst angeworben wird und dann am Ende fliegt Matahari auf und wird in Frankreich hingerichtet. Das ihre Geschichte in ganz kurz, aber wen haben wir dann noch außer Matahari? Also es gibt noch viele andere Spioninnen, Wen ich wirklich beeindruckend finde, ist Nathalie Sergoujev.

Das ist quasi die Frau hinter dem D-Day. Also dem Tag der 6. Juni 1944, an dem die Alliierten in der Normandie gelandet sind, um Westeuropa von der Herrschaft der Nationalsozialisten zu befreien. Dass da eine Frau dahinter steckt, eine Spionin oder Agentin, das wissen wahrscheinlich aber nicht so viele.

Ja, also die Alliierten wollen die Nazis damals mit einer Desinformationskampagne auf die falsche Fährte locken. Und Siguryev spielt dabei eine wichtige Rolle. Sie ist in Russland geboren und in Paris aufgewachsen. Und als die Deutschen 1940 Frankreich angreifen und Paris besetzen, da geht sie ein extremes Risiko ein.

Sie lässt sich von Berlin anwerben und danach auch noch von London. Im Krieg versorgt sie dann die Deutschen mit Falschinformationen über Panzer, Flugzeuge, Truppenbewegungen und die Briten verlässlich mit wertvollen Einsichten. Und so trägt sie dann dazu bei, dass das NS-Regime sich an der falschen Stelle gegen die Landung der Alliierten wapnet.

Denn mit ihren Funksprüchen sorgt Sigurjev mit dafür, dass die Deutschen glauben, die Alliierten wollten nicht in der Normandie landen, sondern östlich des französischen Departements Pas-de-Calais. Ja, das Ergebnis kennen wir. Der D-Day, der gelingt, die Alliierten befreien Frankreich und gewinnen dann ja den Krieg gegen NS-Deutschland.

Und noch eine letzte, ganz und gar nicht historische Sache, um mal jetzt in die Gegenwart zu springen, noch mal zum Thema Frauen in Geheimdiensten. Wusstest du, dass seit 2025 zum ersten Mal eine Frau an der Spitze des britischen Geheimdienstes MI6 steht? Nein. Ja, ihr Name ist Blaise Mitrevelli. Nee, das wusste ich tatsächlich noch nicht. Ist interessant.

Dazu fällt mir ein, dass sich ja damit James Bond eigentlich auch einmal mehr als Visionär erweist. Denn da spielt ja Judi Dench ab 1995 für, ich glaube, 20 Jahre ungefähr M. Also die Leiterin des britischen Auslandsgeheimdienstes, die James Bond in die Welt schickt, ihn brieft und ausstattet. Ja, großartige Schauspielerin.

Und ja, wir sehen nicht nur in Sachen Technik-Gadgets, ist James Bond einfach seiner Zeit voraus. Ja, haben wir doch einen schönen Bogen geschlagen. James Bond wird sich freuen. Jetzt geht es aber los mit dem Fall Oberst Redel, dem Leiter der österreichischen Spionageabwehr, der Europa eine der größten Spionageaffären vor dem Ersten Weltkrieg bescherte.

Dass wir die überhaupt kennen, diese Geschichte, das haben wir übrigens vor allem einem weltberühmten Reporter zu verdanken. Das ist Egon Erwin Kisch. Der war damals investigativ in Wien unterwegs und hat mit dafür gesorgt, dass die ganze Geschichte nicht vertuscht werden konnte. Wie es häufig der Fall ist, weshalb wir auch gar nicht alle guten Geschichten kennen können, die in dem Thema Spionage schlummern.

Im Solltes Zahn hört ihr jetzt eine historische Reportage von Marion Hombach. Es liest Peter Kämpfe. Am Nachmittag des 24. Mai 1913 verlangt ein eleganter Herr von etwa 50 Jahren, grauer Anzug, dunkler Hut, auf dem Wiener Hauptpostamt am Fleischmarkt nach seiner einlagernden Korrespondenz. Sein Name sei Nikon Nicetas.

Die Schalterbeamtin versucht zunächst, den Mann in ein Gespräch zu verwickeln, holt dann zögernd den Brief aus dem Abholfach im Regal. Der Herr im grauen Anzug greift ungeduldig nach dem Kuvert, zeichnet für den Empfang ab und eilt aus dem Postamt. Draußen nehmen drei Männer seine Verfolgung auf. Kriminalbeamte, die die Postmitarbeiterin über einen eigens installierten Alarmknopf herbeigerufen hat.

Seit Wochen warten die Polizisten auf diesen Moment. Denn Nikon Nizetas ist ein Deckname und der Empfänger des Briefes in Wahrheit ein Spion. Der Verdächtige bemerkt die Männer offenbar, hastet weg. Einige Straßen weiter nimmt er sich ein Taxi und fährt davon. Die Polizisten notieren die Nummer des Fahrzeugs, warten am Taxistand auf die Rückkehr des Wagens und erfahren vom Fahrer, der Gast habe anfangs das Hotel Klomsa als Ziel angegeben, es sich dann aber anders überlegt und sei früher ausgestiegen.

Der Spion scheint verschwunden. Die Beamten lassen sich in dem Taxi zum Hotel fahren. Unterwegs finden sie auf dem Boden des Wagens ein ledernes Messerfutteral und fragen den Chauffeur, ob sein Fahrgast Post mit einem Taschenmesser geöffnet habe. Ja, bestätigt der Taxifahrer, der Herr habe einen Brief aufgeschlitzt.

Was nun folgt, werden die Polizeiakten später so beschreiben. Nach der Ankunft im Hotel deponieren die Beamten das Etui auf einem Tisch im Empfang und schärfen dem Portier ein, nicht preiszugeben, dass die Polizei es dort hinterlegt hat. Falls jemand nach der Hülle frage, solle er behaupten, der Chauffeur des Taxis habe es gebracht.

Dann verteilen sich die Fahnder vor dem Hotel, um nach dem Mann aus dem Postamt Ausschau zu halten. Der taucht tatsächlich wenig später in einer nahegelegenen Einkaufspassage auf, zieht einige Zettel aus der Westentasche, zerreißt sie, wirft die Schnipsel zu Boden und geht weiter in Richtung des Hotels.

Die Polizisten sammeln die Papierfetzen ein und folgen dem Mann. Als sie im Hotel eintreffen, ist das Messerfutteral verschwunden. Gerade sei ein Gast zurückgekehrt, sagte Portier und habe es an sich genommen. Er sei sehr erschrocken gewesen und habe sich erst beruhigt, als er erfahren habe, dass der Taxifahrer das Etui gebracht habe.

Die Beamten haben keine Zweifel, Nikon Nicetas ist gefunden. Doch noch wissen sie nicht, wer unter diesem Namen soeben im Zimmer Nummer 1 verschwunden ist. und sie ahnen nicht, dass er ein Verräter ist, wie er in dieser Zeit schlimmer kaum denkbar ist. Von machtpolitischen Rivalitäten getrieben und durch Bündnisse aneinandergekettet, stehen sich Europas Großmächte in gespannter Erwartung gegenüber.

Frankreich, Großbritannien und Russland auf der einen, Deutschland und Österreich-Ungarn auf der anderen Seite. Sie alle rechnen mit einem großen Krieg, einem Konflikt, den manche Scharfmacher herbeisehnen, dessen Dimensionen aber alle fürchten. Kämpfe hochgerüsteter Flotten und Armeen, die sich bis in entlegene Kolonialgebiete ausbreiten könnten.

Schlachten mit Waffen von ungeheurem Zerstörungspotenzial. Angriffe, die kaum vorhersehbar sind, weil Soldaten nicht mehr wochenlang an Einsatzorte marschieren, sondern per Eisenbahn binnen Tagen in Stellung gebracht werden. Und so versuchen Regierungen und Generalstäbe sich mit allen Mitteln Informationen über die militärische Stärke der Gegenseite zu verschaffen, deren Kriegsplanungen, Verteidigungsstrategien.

Nachrichtenoffiziere arbeiten nun in den Kriegsministerien, Geheimagenten sind in Grenzregionen unterwegs. In den Luxushotels europäische Metropolen und Kurorte treffen sich Diplomaten und Militärs mit Spionen und dubiosen Zuträgern, werden Landkarten, Kasernen, Grundrisse und Mobilmachungspläne für viel Geld verkauft.

Es ist ein dunkler Markt der Geheimnisse, auf dem das entscheidende Wissen für einen mit neuen Mitteln geführten Krieg gehandelt wird, die Informationen darüber, wann und wo der Gegner massiert angreifen wird. Denn die europäische Kriegskunst hat sich nach dem Sieg Preußens über Frankreich durch den Einsatz effektiverer Transportmittel weiterentwickelt.

1870-71 konnten die deutschen Truppen die Franzosen auch deshalb bezwingen, weil die deutsche Armeeführung detaillierte Eisenbahnfahrpläne für die Verlegung der eigenen Truppen im Kriegsfall parat hatte und ihre Einheiten rasch gen Westen transportieren konnte. Das rasant wachsende Eisenbahnnetz spielt seither in den Kriegsplanungen aller Militärstrategen eine zentrale Rolle. Für das Tempo des Aufmarsches die Koordinierung der Truppen.

Als sich fast alle großen Staaten Europas ab 1890 zu zwei rivalisierenden Machtblöcken zusammenschließen, beginnen die führenden Militärs Mobilisierungspläne und Handlungsanweisungen für unterschiedliche Kriegsszenarien zu erstellen, Heere und Flotten massiv aufzurüsten sowie Waffensysteme von nie gekannter Reichweite in ihre Pläne einzubeziehen, gepanzerte Schlachtschiffe, Handgranaten, Maschinengewehre.

Schon seit Jahren unterhalten Europas Großmächte professionelle Geheimdienste. Organisationen, die den Kriegs- oder Innenministerien zugeordnet sind oder wie in Frankreich und Deutschland eine Abteilung im Generalstab bilden und den Auftrag haben, die militärischen Fähigkeiten anderer Staaten auszuforschen und gleichzeitig Spione im eigenen System zu enttarnen.

In Frankreich, wo bereits Napoleon Bonaparte einen effizient arbeitenden Spionageapparat zur Überwachung von vermeintlichen Staatsfeinden betrieben hatte, stellt das Deuxième Bureau, organisatorisch als zweite Abteilung des Generalstabs gegründet, ab 1871 Geheimdossiers über die Armeen ausländischer Mächte zusammen.

Die Einzelinformationen liefern Agenten, die etwa auf Außenposten in den deutsch-französischen Grenzgebieten verteilt sind. Das Zarenreiche nimmt sich den französischen Dienst zum Vorbild, um eine bereits existierende Spionageabteilung im Kriegsministerium zu reformieren, die 1826 gegründete Razvjetka-Aufklärung.

Deren Führungskor ist alt. Zugetragenes Material wird oft nicht ausgewertet, übermäßig viel Spionagegeld an korrupte Grenzer und Schmuggler verschwendet statt an Informanten gezahlt. Daher werden jüngere, rangniedere Offiziere in Führungspositionen eingesetzt, die ihre Arbeit mit mehr Energie betreiben.

Und in den grenznahen Erkundungssektionen setzen junge Generalstäbler endlich professionelle Feindaufklärung durch. So entsendet die Rasvjetka 1895 spezialisierte Offiziere in ihren Niederlassungen in Kiew und Warschau, die nun gegen die Mittelmächte Deutschland und Österreich-Ungarn spionieren sollen.

In Polen, das zum Zarenreich gehört, werden die Mitarbeiter nach der Ausbildung in einer neuen Agentenschule mit einer Kamera ausgestattet und auf Fahrrädern unter anderem ins deutsche Grenzgebiet geschickt. Dort halten sich die Männer des Zaren in der Nähe von Kasernen auf, versuchen mit Soldaten ins Gespräch zu kommen und spähen dabei den Aufbau von Festungen und Truppenstärken aus.

Um an Geheimdokumente zu gelangen, bestechen die Agenten das Schreibpersonal der Kasernen oder setzen Soldaten unter Druck, die ihnen zuvor Ehrenrühriges erzählt haben. Andere Spione bedienen die russischen Militärattachis in Wien und Berlin, die wiederum geheime Informationen in die Warschauer Geheimdienstzentrale liefern.

Die Rasvjetka setzt ihr üppiges Budget außerdem für zwielichtige Gestalten ein, die aus deutschen und österreichischen Kasernen, Karten und Pläne stehlen, Skizzen von Brücken und Bahnlinien, Mobilmachungsanweisungen, Einzelheiten über Manöver, bei denen der Kriegsfall simuliert wird. Etliche dieser Dokumente sind vermutlich gefälscht, doch das fällt in der Regel nicht auf, weil die Männer in der Zentrale ihre Quelle nahezu nie auf Plausibilität prüfen und immer wieder Spionageberichte ungelesen in ihren Aktenschränken verschwinden.

Obwohl über all diese Vorgänge in der Öffentlichkeit nur wenig bekannt ist, wächst in den europäischen Staaten die Furcht vor einer Unterwanderung durch ausländische Agenten. Spionage-Romane heizen dieses Bedrohungsklima noch an. So behauptet ein französischer Schrittsteller 1906 in einem Buch, dass in Frankreich mehr als 30.000 deutsche Agenten unterwegs seien.

Drei Jahre später beschreibt ein Brite in einem Roman das Szenario einer deutschen Invasion Großbritanniens, vorbereitet von Spionen des Kaiserreichs. Und tatsächlich, die Nachrichtendienstabteilungen der britischen Armee sind winzig, unterfinanziert und nicht in der Lage, feindliche Späher abzuwehren oder gar selbst systematisch Informationen über andere Staaten zu sammeln.

Ein Oberstleutnant im Londoner Kriegsministerium, der schon länger für eine eigenständige Spionageabteilung wirbt, nutzt die Romanschilderungen für seine Zwecke. Er webt sie in Berichte ein, mit denen er seine Vorgesetzten über ein angeblich weitverzweigtes deutsches Agentennetz in England unterrichtet und hat damit Erfolg.

1909 wird das Secret Service Bureau seine Arbeit aufnehmen. Wenig später entstehen daraus der für Gegenspionage zuständige Inlandsdienst, Military Intelligence Section 5, und der Auslandsdienst MI6. Dessen Agenten werden schon bald in Deutschland aktiv, geführt von einem Mann, der alle Dokumente nur mit seinem Kürzel unterzeichnet und der Organisation so eine besonders geheimnisvolle Aura verleiht, C, für Mansfield Smith Cumming.

Auch die Militärs der Mittelmächte setzen zunehmend Agenten ein. In Deutschland operiert seit 1867 das Nachrichtenbüro des großen Generalstabs, ab 1889 Sektion 3b genannt. In der Habsburger Monarchie koordiniert das bereits 1850 gegründete Evidenzbüro die Militärspionage. Dieser Nachrichtendienst verfügt in den 1890er Jahren über ein sorgsam aufgebautes Netz von Informanten in Russland, das er nach der Niederlage des Zaren im Krieg gegen Japan 1905 jedoch kaum noch beschäftigt, weil die KUK-Diplomaten die Gelegenheit für eine Annäherung an St. Petersburg sehen.

Das Evidenzbüro baut seine Russlandabteilung weitgehend ab, streicht die Mittel zusammen. Österreich wird im Osten blind und merkt nicht, dass dorthin immer mehr eigene Staatsgeheimnisse abfließen. Im Herbst 1906 meldet Mitrofan Marzenko, der neue russische Militärattaché in Österreich, seinen Vorgesetzten in St.

Petersburg die Wünsche eines äußerst hochwertigen Mannes in Wien, der bereit sei, gegen Geld geheime Militärinformationen preiszugeben. Als Agent Nummer 25 oder R wird der Spion, ein Major der österreichischen Armee, in den Büchern der Raswerker geführt. Sein Name? Alfred Redel. Der aus dem galizischen Lemberg stammende 42-jährige Offizier hat bereits eine steile Karriere im österreichischen Heer hinter sich.

Diente im Wiener Eisenbahnbüro des Generalstabs, bei der Infanterie, im Generalstabskorps. In der Schule hat er polnisch und ukrainisch gelernt. Der Generalstab schickte den begabten Offizier mehrfach nach Russland. Dort lernte er die Landessprache, ehe er ab 1900 in der russischen Gruppe des Evidenzbüros eingesetzt wurde, wo er Anfangsinformationen über die Armee des Zarenreichs auswertete.

Redel gilt bei seinen Vorgesetzten und Kollegen als intelligent, fleißig, bescheiden und absolut vertrauenswürdig. Im Herbst 1907 wird er Vize-Chef des im Kriegsministerium untergebrachten Evidenzbüros mit Zugang zu nahezu allen Geheimnissen der österreichischen Spionage und Gegenspionage. Da hat er vermutlich längst beschlossen, den Russen alles zu verraten, wenn die zu zahlen bereit sind.

Bis spät in die Nacht hinein fotografiert Redel in seinem Appartement in der Wiener Josefstadt Unterlagen, die er im Dienst einsehen kann. Dazu gehören Reservatdienstbücher der Militärs mit genauen Informationen, etwa für die Sicherung von Eisenbahnanlagen oder über die Lage von Minenfeldern, Aber auch Direktiven zur Sicherung der Grenzen, Informationen über die Ausrüstung von Militärstützpunkten, Mobilisierungsanweisungen für die möglichen Kriegsfälle Russland und Italien.

Und vor allem die Aufmarschpläne der KOK-Truppen und die Abfolge ihres Einsatzes im Falle eines Krieges mit Russland, Italien oder den Balkanstaaten. Dies sind die wichtigsten Dokumente, die Redel für seine Abnehmer ablichtet. Kontakt zu seinen Auftraggebern hält er vermutlich per Post. Gut möglich auch, dass er manche Dokumente persönlich an Agenten der Rassvjetka übergibt, etwa in dem mondänen Kurort Karlsbad.

Sicher ist nur, Russland steht im Ruf, Verräter sehr gut zu bezahlen. Und Redel braucht Geld, viel Geld. Der Sohn eines Eisenbahnbeamten, in einfachen Verhältnissen groß geworden, Er regiert nach Luxus, Glanz, Extravaganz. Er beschäftigt zwei Diener, speist in den teuersten Restaurants, besitzt zwei Daimler-Limousinen und erhält sich einen jungen Leutnant als Liebhaber, Stefan Hordenka, den er in der Wiener Gesellschaft stets als seinen Neffen vorstellt.

Redel zahlt Hordenka eine monatliche Appanage, finanziert ihm eine Wohnung, stellt ihm zwei Reitpferde zur Verfügung, schenkt ihm Schmuck und einen seiner Wagen. Zudem hat er eine Dame engagiert, die in der Öffentlichkeit als seine Geliebte gilt. Damit hält der Offizier die Fassade aufrecht, die 1907 schon den russischen Militärattaché getäuscht hat, als der in einem Brief nach St.

Petersburg berichtete Redel sei ein Liebhaber der Frauen. Seinen Lebensstil kann sich der Vize-Chef des Evidenzbüros nur dank der üppigen Bezahlung für seine Spionagedienste leisten, die er wohl über postlagernde Briefe im Wiener Hauptpostamt empfängt. Binnen weniger Jahre zahlt Redel mindestens 150.000 Kronen bei seiner Bank ein, das Zehnfache seines Jahresgehalts.

Vermutlich erhält er sogar weitaus mehr Geld, von dem er den größten Teil sofort ausgibt für Dutzende Glacé-Handschuhe, Havanna-Zigarren, Parfums exquisite Uhren. Seine unglaublichen Einkünfte erklärt er mit einer reichen Tante, die ihm ihr Vermögen hinterlassen habe. Um Nachforschungen zu verhindern, ändert er sogar seinen Eintrag in den Personalakten des Evidenzbüros und gibt an, er habe 250.000 Kronen geerbt.

Jahrelang kommt niemand dem Verräter auf die Spur. Auch weil er sich selber glänzend als Agentenjäger inszeniert, die Russen geben ihm die Namen einiger Spione preis, die ihnen keinen Nutzen mehr bringen und deren Enttarnung Redel dann betreibt. Umgekehrt liefert der Elite-Offizier der Rasvjetka anscheinend eine Liste mit den Namen der noch in Russland aktiven österreichischen Agenten und vernichtet so das ohnehin geschwächte Spionagenetz der Habsburger im Zarenreich nahezu vollständig.

Nur einmal fliegt Redel beinahe auf. 1909 behauptet der britische Militärattaché in St. Petersburg gegenüber seinem österreichischen Kollegen beiläufig beim Tee, es müsse auf höchster Ebene des Generalstabes der KUK-Monarchie einen Verräter geben. Wie genau er darauf kommt, ist unklar. Aber da die Verbindungen Englands mit Russland zu dieser Zeit immer enger werden, mag der Hinweis von dort kommen.

Als der Diplomat daheim in Wien den Verdacht dem Leiter des Evidenzbüros meldet, lässt der den Fall untersuchen, ausgerechnet durch seinen Vize-Chef Redel. Der findet natürlich nichts. Bald darauf verhaftet die Polizei in St. Petersburg einen Journalisten, der beschuldigt wird, für den österreichischen Militärattaché in Russland geheime russische Dokumente ausgespäht zu haben.

Der Attaché muss das Land verlassen und wird später sagen, Redel habe diese Affäre inszeniert, um ihn loszuwerden. Im Oktober 1912 wird Redel, inzwischen Oberst, als Generalstabschef zu einem Armeekorps im böhmischen Prag versetzt. Er hat nun keinen direkten Zugriff mehr auf die Unterlagen des Evidenzbüros, aber dort noch so viel Autorität, dass er sich von ehemaligen Kollegen vertrauliche Dokumente unter dem etwas dürftigen Vorwand zuschicken lassen kann.

Sein Neffe, der noch am Anfang seiner Militärkarriere stehe, brauche sie zu Studienzwecken. Zum Verhängnis vertrete schließlich der deutsche Militärnachrichtendienst die Sektion 3b. Die Aufklärungsabteilung des Deutschen Generalstabs ist seit ihrer Gründung 1867 systematisch aufgebaut worden und auch in und gegen Russland aktiv.

Besonders hilfreich sind dabei ihre Kontakte in die Schweiz. Aus Sorge, dass die Franzosen bei einem Konflikt mit den Mittelmächten Teile ihres Landes besetzen könnten, um von dort aus besser gegen Deutschland Krieg führen zu können, haben die Generäle des neutralen Alpenstaates die Deutschen heimlich um Hilfe für einen solchen Fall gebeten und ihnen als Gegenleistung Unterstützung bei der Spionageabwehr zugesagt.

So hat die 3b erfahren, dass der französische und der russische Geheimdienst über die Schweiz ein Spionagenetz mit Deckadressen, falschen Identitäten und sicheren Häusern betreiben, dessen zentrale Figur offenbar der russische Militärattaché in Bern ist. Die Deutschen wissen auch, dass die Raswerdga mit ihren Zuträgern in Österreich und Deutschland über Briefe kommuniziert.

Diese Schreiben haben häufig bestimmte Decknamen als Absender, etwa J. Dietrich, das Pseudonym eines Informanten des russischen Militärattachés in Bern. Etliche kleine Spione des Zaren hat der deutsche Nachrichtendienst auf diese Weise bereits enttarnt. Anfang April 1913 fällt den Männern der 3b in Berlin ein postlagernder Brief auf, der bis zum Ende der Lagerfrist im Wiener Hauptpostamt gelegen hat und nun in die deutsche Hauptstadt retourläuft, wo er laut Stempel aufgegeben worden ist von einem J.

Dietrich ohne weitere Anschrift. Adressiert ist das Schreiben an Nikon Nicetas, Österreich-Wien-Hauptpostpostlagernd. Als die Männer der Spionageabwehr den Umschlag öffnen, finden sie 6.000 österreichische Kronen in Scheinen, mehr als 35.000 Euro in heutigem Geld, und eine der Tarnadressen des russischen Militärattachés in der Schweiz, die der 3B mittlerweile durch eigene Nachforschungen bekannt ist.

Der Brief ist also offenbar auf einem der russischen Kurierwege unterwegs. Anscheinend will die Rasvjetka mit dieser großen Summe einen in Österreich äußerst erfolgreichen Spion entlohnen, der allerdings hat versäumt, seine Sendung rechtzeitig abzuholen. Die Berliner informieren das Evidenzbüro in Wien.

Das setzt unter der Leitung eines Majors namens Maximilian Ronge eine Sondertruppe ein, um Nikon Nicetas gemeinsam mit E3B eine Falle zu stellen. Agenten beziehen in der Hauptpostposition und beobachten die Post restante Schalter. Drei Wochen lang ohne Erfolg. Da der Originalbrief beim Öffnen beschädigt worden ist, setzen Ronges Mitarbeiter Anfang Mai als Lockmittel ein neues an Nikon Nicetas adressiertes Schreiben auf und schicken es nach Berlin, von wo aus es deutsche Nachrichtendienstler postlagernd nach Wien senden.

Dort trifft es am 24. Mai ein. In der Hoffnung, dass der Unbekannte bald bei der Hauptpost auftauchen und sich durch das Abholen des Briefes verraten wird, hat Major Ronge inzwischen Vorkehrungen für eine unauffälligere Überwachung des Amtes getroffen. An den Schaltern für postlagernde Briefe haben seine Männer Alarmknöpfe angebracht, deren Drähte in einen Nebenraum führen.

Dort warten Beamte der Wiener Polizei auf ihren Einsatz. Alfred Redel, inzwischen ja bei der Armee in Prag stationiert, reist am letzten Mai-Wochenende nach Wien und mietet sich im Hotel Klomser ein, um sich mit seinem Liebhaber Stefan Horinka auszusprechen. Der Leutnant hat seit einiger Zeit eine Freundin, will sie heiraten und das Verhältnis zu Redel beenden.

Redel hofft, seinen Freund wie schon früher mit Geld zum Bleiben bewegen zu können. Zudem will er bei dieser Gelegenheit einen Brief abholen, von dem er erwartet, dass er auf dem Hauptpostamt für ihn bereit liegen müsste. Am späten Nachmittag des 24. Mai 1913 lässt er sich dort jenen Brief aushändigen, den die Wiener Fahndungsgruppe zuvor gefälscht hat.

Dann verlässt er auffällig schnell das Postamt. Möglicherweise hat er noch in der Schalterhalle Verdacht geschöpft, hat vielleicht bemerkt, dass der Brief etwas anders aussieht als frühere Lieferungen, eventuell die hinzutretenden Polizeibeamten wahrgenommen, denen auch er umgekehrt vage bekannt vorkommt.

Nachdem sie den Aufenthaltsort des Verfolgten ausfindig gemacht haben, stehen die Ermittler nun im Hotel Klomser, um den Mann vom Postamt festzunehmen. Sie können nicht fassen, was sie vom Portier erfahren. Der Gast, der soeben das Taschenmesser-Futteral an sich genommen habe und nun auf sein Zimmer gegangen sei, heiße Alfred Redel, der frühere Vize-Chef des Geheimdienstes, Redel ausgerechnet.

Die Männer sind fassungslos, verwirrt und rufen ihre Vorgesetzten an. Unmöglich, heißt es bei denen, Redel, ausgeschlossen. Der Leiter des Evidenzbüros lässt sich erst einen in Redels Handschrift ausgefüllten Abholschein auf dem Hauptpostamt zeigen, ehe er bereit ist, an dessen Schuld zu glauben. Dann die Order, direkt vom Generalstabschef Franz Konrad von Hötzendorf.

Man soll eine Militärkommission bilden, die Redel festnimmt und verhört. Was nun geschieht, lässt die österreichischen Offiziellen in einem so schlechten Licht erscheinen, dass sie vieles in ihren eigenen Darstellungen aussparen. So ist die Rekonstruktion der Ereignisse auf die späteren Schilderungen von Augenzeugen angewiesen.

Danach bleibt Redel, obwohl das Hotel nun mit Fahndern besetzt ist, erst einmal unbehelligt. Etwa gegen 19 Uhr zieht sich der Oberst auf sein Zimmer zurück. Dort erhält er Besuch, etwa eine Stunde lang. Es ist Stefan Hordenka, sein Liebhaber, mit dem er sich ausspricht und der sich an diesem Abend endgültig von ihm trennt.

Dann holt ein Bekannter, ein Staatsanwalt Redel zum Abendessen ab. Gemeinsam verlassen die Männer das Hotel, gefolgt von einigen Ermittlern. Spätestens im Hotel hat er vermutlich bemerkt, dass ihm seine früheren Kollegen auf der Spur sind. Und so versucht er wohl, in diesen Stunden doch noch einen Weg zu ersinnen, um sich seinen Jägern zu entziehen.

Fliehen will er nicht, vielleicht weil sich sein Automobil, mit dem er schnell verschwinden könnte, gerade in der Werkstatt befindet. Stattdessen schickt Redel seinen Bekannten vor, den Staatsanwalt Der soll gleich an höherer Stelle telefonisch um Gnade bitten Beim Vorgesetzten der Ermittler, Mittlerweile ist es 22 Uhr. In dem Telefonat schildert der Jurist, Redel habe ihm gestanden, gegen die Standesehre verstoßen zu haben und überwacht zu werden, mehr allerdings nicht.

Dann habe der Oberst augenscheinlich verwirrt, einen Revolver erbeten, um sich umbringen zu können. Ob Redel nicht als geisteskrank in eine Anstalt eingewiesen werden könne? Der Chef-Ermittler lehnt ab. Er beschwichtigt den Staatsanwalt, sagt ihm, er solle seinen Freund beruhigen und zur Rückkehr ins Hotel bewegen.

So kommt Redel gegen 22.30 Uhr wieder ins Klomse. Die Ermittler werden immer noch nicht aktiv. Vermutlich, weil die Untersuchungskommission noch nicht vollständig versammelt ist. Am späten Samstagabend ist zunächst kein Militärrichter aufzutreiben. Während die Beschatter weiter warten, verlässt Redel erneut das Hotel geht, verfolgt von einem Ermittler, auf eine Viertelstunde ins Café Central gegenüber, wo er Augenzeugen zufolge sichtlich erregt einen Brief schreibt und alsbald zum Hotel zurückkehrt.

Jetzt endlich erscheinen vier Männer, die über sein weiteres Schicksal richten sollen. Der stellvertretende Chef des Generalstabs, ein Militärrichter, der Leiter des Evidenzbüros, Oberst August Urbanski von Ostrimjetz, sowie Maximilian Ronge, der Chef der Ermittlungsgruppe gegen Nikon Nicetas und selber ein Schüler Redels.

Um 0.30 Uhr klopfen sie an die Tür von Zimmer Nummer 1. Redel öffnet. Er ist nicht überrascht, wirkt völlig gebrochen und begrüßt sie mit den Worten, er wisse schon, weshalb die Herren kämen. Er sei das Opfer einer unseligen Leidenschaft, wisse, dass er sein Leben verwirkt habe und bitte um eine Waffe, um sein Dasein beschließen zu können.

So zumindest schildert es der Geheimdienstchef August Urbanski von Ostrim jetzt später. Eine Waffe aber ist nicht vorhanden. So muss Maximilian Ronge zu seinem Büro eilen, um seine eigene Browning aus dem Safe zu holen. Nach Ronges Rückkehr will sich Redel nur von ihm vernehmen lassen, bittet um ein Vier-Augen-Gespräch und gesteht, 1910 und 1911 für Russland gearbeitet zu haben. Ohne Komplizen.

Er verschweigt, dass er schon weitaus länger spioniert, Und das nicht nur für Russland, sondern auch für andere Länder. Vor allem aber behält er für sich, dass er St. Petersburg den österreichischen Aufmarschplan verraten hat. Der Militärkommission jedoch genügt das Kurzgeständnis, sie lässt Redel mit der Pistole im Zimmer zurück.

Weshalb sie die Chance verstreichen lässt, das wahre Ausmaß von Redels Verrat zu erfahren, ist unklar. Vielleicht kommt den Männern gar nicht der Gedanke, der Oberst könne noch in dieser Situation gelogen oder sein Tun nur unvollständig dargestellt haben. Vermutlich aber ist die oberste Direktive, es darf nicht sein, dass ein Generalstäbler den Staat in Verruf bringt.

Den Suizid lassen sie dabei wohl auch deshalb zu, weil Österreichs Generalstabschef Franz Konrad von Herzendorf dies als Lösung der Affäre erlaubt hat. Und so bleibt Redel mit seiner Waffe allein, stundenlang, während vor dem Hotel die Mitglieder der Untersuchungskommission auf- und abgehen. Als sie gegen Morgen noch immer keinen Schuss gehört haben, sucht der Geheimdienstchef einen Vorwand, um den Portier in Redels Zimmer zu schicken.

Er übergibt ihm einen angeblich eiligen Brief. Die verschlossene Tür wird aufgebrochen, dahinter Alfred Redel. Tod. Er hat sich, offenbar unbemerkt, vor dem Spiegel mit der Pistole in den Mund geschossen. Die Ermittler wissen zu diesem Zeitpunkt noch nicht, was genau der einstige Russland-Experte des Evidenzbüros verraten hat.

Klar ist aber, die Öffentlichkeit darf nicht erfahren, dass einer der höchsten Militärs der KUK-Monarchie den Staat derart kompromittiert hat. Es wäre ein Skandal für die Armee, in der ein solcher Verräter groß werden konnte, und für den Geheimdienst, der dies nicht früher bemerkt hat. Zudem dürfte ein bekanntwerdendes Spionagefalls den wichtigsten Bündnispartner des Landes verstören.

Die Deutschen haben ja über Jahre immer wieder Militärdokumente mit Österreich-Ungarn ausgetauscht und müssen nun wohl fürchten, dass auch die von Redel verkauft worden sind. Um den Skandal klein zu halten, schreibt der stellvertretende Generalstabschef daher einen knappen Bericht über das Geständnis, das Redel im Hotel gemacht hat, der Oberst habe erst in jüngster Zeit für Russland spioniert und zwar ausschließlich er allein.

Doch als der Chef des Evidenzbüros noch am selben Tag Redels Appartement in Prag durchsuchen lässt, finden sich zwischen großen Mengen an Kleidung, Bargeld, Schmuck und pornografischen Fotos etliche Hinweise darauf, dass der Oberst in großem Stil Militärgeheimnisse verraten hat, und zwar seit Jahren.

Denn Redel hat Kontaktadressen aufbewahrt, ebenso Notizen zu kopierten Unterlagen, Späaufträge, Geld, Anweisungen, sogar Briefe seiner Auftraggeber, etwa ein Schreiben, in dem die Russen sich über die schlechte Qualität der gelieferten Fotos beklagen. Ein weiterer Beweis sind die Papierschnipsel, die Redel kurz vor seiner Enttarnung weggeworfen hatte und die Beamte wieder zusammengesetzt haben, darunter Briefe an konspirative Adressen im Ausland.

Und noch etwas erfahren die österreichischen Ermittler. Russland war nicht der einzige Geschäftspartner, dem der Oberst über Jahre hinweg Material geliefert hat. Zumindest Frankreich und der schwierige Verbündete Italien waren ebenfalls Kunden des Verräters. In den ersten Tagen nach Redels Tod gelingt es den staatlichen Stellen, die Spionageaffäre zu vertuschen.

Die Zeitungen bringen nur die Notiz, dass sich Oberst Alfred Redel infolge von Überarbeitung und einer plötzlichen Geisteskrankheit selbst entleibt habe. Doch dann nehmen Reporter die Spur auf. Zu auffällig sind die Beamten vorgegangen, als sie stundenlang vor dem Hotel Klomser patrouillierten und die Wohnungen Redels in Prag und Wien untersuchten.

Zu stark wird der Fall heruntergespielt, als dass die Journalisten jetzt kein Interesse entwickeln würden. Verdächtig ist außerdem, dass Redel in aller Stille und ohne militärische Ehren beigesetzt wird. Reporter wie der Prager Egon Erwin Kisch beginnen zu recherchieren, befragen Wiener Hotelangestellte, Augenzeugen in Prag, reimen sich fehlende Details zusammen, interpretieren nach Gutdenken.

Wenig später liest ganz Österreich von den Eskapaden des Obersts, seinem Lebenswandel und dem Geheimnisverrat. Das ist der Skandal, den Polizei und Armee unbedingt verhindern wollten. Ein Regierungsvertreter wird vor das österreichische Parlament zitiert. Vollends außer Kontrolle gerät die Affäre, als in Prag Riedels Nachlass versteigert wird.

Ein Kaufmann erwirbt seinen Fotoapparat samt zugehörigen Filmkassetten, die die Fahnder beim Durchsuchen seines Appartements nicht geöffnet hatten. Weil er wenig von Fotografie versteht, gibt der Käufer sie an einen Schüler weiter, der sich auskennt, und der findet darin noch einen Film mit Aufnahmen geheimer Militärunterlagen.

Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand, der Teile der Staatsführung von Kaiser Franz Josef übernommen hat, seinem altersschwachen Onkel, zitiert den Armeeschef zu sich, brüllt ihn an. Er solle den Sauhaufen in Ordnung bringen. Das Rücktrittsangebot des Generals lehnt Franz Ferdinand ab, aber bald darauf wird der Leiter des Evidenzbüros aus dem Dienst entfernt.

Der betagte Kaiser, desillusioniert über sein geliebtes Heer, klagt verzweifelt über die neue Zeit und die Kreaturen, die sie hervorbringt. Der Geheimdienst soll nun allen Anzeigen und Verdächtigungen aus der Bevölkerung nachgehen. Österreich scheint plötzlich voller Spione. Die Militärs, die Redel mit Unterlagen für den Neffen versorgt haben, zeigen sich vorsorglich selbst an.

Und wer sich als Offizier noch in teuren Restaurants blicken lässt, gerät nun schnell in Verdacht, seinen Wohlstand mit dem Verkauf von Staatsgeheimnissen zu finanzieren. Das ganze Ausmaß von Redels Spionage fördert das Evidenzbüro in den Folgemonaten zutage, als Ronge Blatt für Blatt die Unterlagen aus Redels Appartement durchgeht.

Dabei wiegt der Verkauf des österreichischen Aufmarschplanes an Russland wohl am schwersten. Die Geheimdienstler empfehlen dem Generalstab daher die Umarbeitung zahlreicher Reservatdienstbücher und auch eine kostspielige Änderung konkreter Kriegsvorbereitungen. Tatsächlich ändern die Militärstrategen den Aufmarschplan in einem wichtigen Detail, ehe im Sommer 1914 der Europäische Krieg entbrennt.

Nach der Mobilmachung marschieren ihre nahe der Grenze zu Russland stationierten Armeen etwa 100 bis 200 Kilometer weiter westlich auf, als von den Russen erwartet, und gewinnen zunächst zwei Schlachten gegen den Feind. Doch dann erleidet das österreichische Militär mehrere Niederlagen in den Kämpfen mit den Truppen des Zaren Und bis heute ist ungeklärt, ob diese Blamagen, für die der Generalstab Redel verantwortlich macht, tatsächlich dem Verrat jenes Mannes anzulasten sind, der sein Heimatland verkaufte, für Glacé-Handschuhe, Havanna-Zigarren und zwei Daimler-Limousinen.

Das war Peter Kämpfe mit einer Geschichte aus der Geo-Epoche-Ausgabe Geheimdienste. Bequem nachlesen lässt sich das Ganze auf Geo-Epoche Plus, der digitalen Welt von Geo-Epoche. Schaut euch gern mal das Schnuppe-Angebot, das wir für Geo-Epoche Plus in den Shownotes für euch verlinkt haben. Dort bei Geo-Epoche Plus gibt es auch unsere Podcast-Folgen, wie bei RTL Plus immer zwei Wochen früher als anderswo zu hören.

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Ansonsten nichts, das ist also pure Geschichte. Hier bei Verbrechen der Vergangenheit geht es in zwei Wochen weiter. Wir heften uns in der nächsten Folge mal wieder an die Fersen der Wikinger und zwar in ihrer Funktion als Krieger und Räuber. Macht's gut bis dahin. Tschüss.

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