Wahrnehmung wirkt! Wege des Embodiment mit Integrativer Körperarbeit· Folge 2
2. Zuhören aus dem Anfängergeist
Donnerstag, 8. Oktober 2026 · 37 min
Kapitelklicken springt direkt hin
Shownotes
Mit Berührung, Bewegung, Atem, Stimme und Sprache begleiten wir in Integrativer Körperarbeit (IKA) Menschen bei physischen und psychischen Anliegen. Voraussetzung für das „Tun“ ist aber das „Sein“, das Anwesend-Sein als waches, wahrnehmendes Gegenüber. Warum es so wichtig ist, selbst wie „eine leere Schale“ zu sein, und was ein Resonanzraum ist, der neue Erfahrungen ermöglicht, erfahrt Ihr in dieser Folge. Und noch etwas: Zum Einstieg unseres Podcasts dürft Ihr auch gleich selbst etwas erleben und Euch von Eurer eigenen Körpermitte finden lassen!
Informationen über den IKA-Lehrgang und alle anderen Angebote des Instituts für Integrative Körperarbeit findet Ihr auf integrative-koerperarbeit.at
Anregungen und Anfragen an: office@integrative-koerperarbeit.at
Für den Auszug aus Michael Endes Märchenroman „Momo“ haben wir die freundliche Genehmigung des Michael-Ende-Nachlasses, vertreten durch die AVA International GmbH München, erhalten. ava-international.de
Transkriptvom Podcast bereitgestellt · Zeitmarken springen hin
Titel Wahrnehmung wirkt.
Philip Herzlich willkommen.
Wir stellen euch in diesem Podcast Integrative Körperarbeit vor, kurz IKA, eine leiborientierte, traumasensible Behandlungsmethode. Ihr bekommt Hintergrundinformationen über die Wurzeln der somatischen Arbeit. Wir sprechen über die Wirkung von Berührung unterschiedlicher Gewebe in unserem Körper. Wir hören Geschichten, die der Körper erzählt, und wir teilen mit euch den Zauber von Embodiment als Weg, ganz im Augenblick anzukommen.
In dieser ersten Folge besprechen wir die innere Haltung, die der Arbeit zugrunde liegt, die Basis dessen, was wir unseren Kundinnen und Kunden anbieten, eine Form des Zuhörens, nicht nur mit den Ohren. Wir, das sind Ingrid Huber und Philip Scheiner, diesmal gemeinsam mit IKA-Praktikerinnen. Ingrid Huber, die hier in Kürze zu hören sein wird, hat gemeinsam mit Anton Stejskal die Methode Integrative Körperarbeit entwickelt.
Sie behandelt Menschen mit dieser Methode und hält IKA-Ausbildungsseminare, die Menschen wie ich besucht haben.
Liese Was mich auch so sehr zu dieser Arbeit gezogen hat, dass diese Haltung, nichts verändern zu wollen, so viel verändern kann.
Philip Das war Liese, vor etlichen Jahren Teilnehmerin des IKA-Lehrgangs.
Damit sind wir schon beim Thema dieser ersten Ausgabe von „Wahrnehmung wirkt“. Wir wollen euch die Methode anhand der inneren Haltung, die dieser Art der Körperarbeit zugrunde liegt, beschreiben. Dieser inneren Haltung nähern wir uns zunächst an, indem wir einer anderen Absolventin des IKA-Lehrgangs unsere Aufmerksamkeit schenken: Christine. Sie wird in dieser Podcast-Reihe immer wieder zu hören sein und aus ihrem privaten und beruflichen Alltag berichten, und dass da wie dort vieles mit ihrer Wahrnehmung und deren Wirkung zusammenhängt.
Liese hat soeben von der Haltung, nichts verändern zu wollen, gesprochen. Christine, die beruflich mit alten und kranken Menschen zu tun hat, schildert eine ihrer Erfahrungen mit dieser Haltung.
Christine Im Palliativbereich hat man ja etwas mehr Zeit als prinzipiell auf Stationen in Krankenhäusern.
Und zu Beginn meiner Tätigkeit dort hat eine Kollegin gesagt: „Magst noch einmal in das Zimmer reinschauen zu der Person, der es gerade nicht so gut gegangen ist oder die am Weg war zu sterben.“ Und dann bin ich so in meinem Kopf durchgegangen: Wir haben das gemacht, das gemacht, gelagert, gewaschen, das war heute Mundpflege, und hab sie dann angeschaut.
Ich wüsste ja nicht, was jetzt noch groß zu tun wäre. Die Person schläft, und dann hat sie mir angelächelt, und dann: „Gehst jetzt vor die Tür, stellst dir vor, du bist eine leere Schale, machst die mal ganz leer, und dann gehst hinein und schaust, womit sich die Schale füllen möchte.“ Und das ist für mich auch so der Gedanke von IKA: dieses Leerwerden und nichts wollen und mit keiner Erwartung kommen und hingehen und schauen, was entsteht dadurch, dass ich jetzt diesem Menschen gegenüber bin, da bin, in Berührung, in Zuhören, Verständnis mitbringe, und vielleicht auch von der Gegenüberseite Ruhe zulasse.
Wo hat man das, dass man mal zusammensitzt und vielleicht kommt ein Gedanke, ein Wort, eine Erkenntnis, und dann sitzen beide und lassen das einmal sacken und sagen gar nichts, und dann kommen vielleicht Tränen oder auch nicht, aber es verändert sich was. Und das habe ich so ein bisschen eben schon beruflich erfahren können und jetzt einordnen können, und gehe jedes Mal in diesen Treffen von Menschen, wo wir Körperarbeit machen, versuche ich als leere Schale hinzugehen.
Also nicht nur jetzt, weil es bei dem Patienten gerade passt oder so, sondern eigentlich jedes Mal.
Philip Zum Thema leere Schale und verwandten Bereichen unserer Arbeit spreche ich jetzt mit der Lehrgangsleiterin sämtlicher Kurse, die sich mit Integrativer Körperarbeit beschäftigen, Ingrid Huber. Etwas später hören wir, weil es ziemlich gut zum Thema passt, einen Ausschnitt aus Momo von Michael Ende.
Ingrid Wozu ich in der Ausbildung für Integrative Körperarbeit anrege:
Das ist einerseits mal eine Selbstreflexion, also sich selbst zu fragen: Was ist meine Motivation, mit anderen Menschen zu arbeiten oder mit anderen Menschen zu sprechen oder ihnen helfen zu wollen? Also hat es viel zu tun mit eigener Anerkennung, die ich gerne gewinnen möchte, oder mit eigenem Leistungsdruck oder Erfolgsdruck, wenn ich in so eine Begegnung, eine professionelle Begegnung mit einem anderen Menschen gehe.
Das ist so eine Sache, die eher was mit einem mentalen Vorgang, mit Erkenntnis zu tun hat. Und das andere ist, dass so eine leere Schale auch verkörpert werden kann. Also wir als ganzer Mensch mit unserem Leib können eine leere Schale werden. Und was wir üben können, das ist, eine innere Fähigkeit zu entwickeln, still zu sein, innerlich still zu sein und uns leer zu machen von unseren eigenen Gedanken, unserem Gedankenkreisen, unseren Wünschen und Wollen, unserer Zielgerichtetheit, und die Stille zu üben im Sinne von: im Moment ankommen und die Fülle des Moments zu spüren.
Und wahrzunehmen, uns schätzen zu lernen, aber eben auch die Leere des Moments. Und das ist etwas, was wir ganz viel üben, indem wir einfach wirklich still sitzen. Und wenn ich sage „verkörpern“ – es ist ein Vorgang der Verkörperung –, dann nützen wir natürlich auch unseren Leib für dieses Spüren von Schale-Sein und Still-Sein.
Das ist etwas, was wir in dem sogenannten Zentrieren üben, was später in dieser Folge noch dran sein darf und wo ich die Zuhörenden dazu einlade, zu so einer Zentrierung im eigenen Körper.
Philip Du hast vom Stillsein oder Stillwerden und von der Stille gesprochen.
Was genau ist damit gemeint?
Ingrid Ich würde es vielleicht beschreiben als ein Anwesend-Sein.
Mir kommt vor, dass unsere Gedanken, unsere mentale Aktivität, uns so viel wegführt aus dem Moment und aus dem, was jetzt gerade da ist, auch weg von dem Menschen, der vielleicht gerade vor uns ist oder mit uns ist. Und ich glaube, es ist eine Übung und eine Kunst, anwesend zu sein. Und wie ich gerade gesagt habe, in diesem Moment, in dem wir anwesend sind, ist ganz viel – bringe ich ganz viel mit als Mensch – und gibt es diesen anderen Menschen vor mir, der eine Fülle an Erlebnissen und Lebensgeschichten und Wahrnehmungen und Ausdruck ist.
Ich bin anwesend für diese Fülle, und gleichzeitig ist in dem Moment, in dem Hier und Jetzt, nichts zu tun mit dieser Fülle. Und das ist vielleicht etwas, was wir dann als Stille beschreiben können.
Philip Was ist denn da der Sinn dahinter, hinter dem Nichtstun-Müssen, Nichtstun-Wollen in dieser Stille?
Ingrid Was vor allem dann in einer Begleitung passiert, das ist, dass durch diese Stille ein Raum geöffnet wird.
Ein Raum, der auch offen ist für Neues, für neue Möglichkeiten, für Veränderungen, die sich die Menschen ja meistens wünschen, wenn sie zu Behandlungen von Integrativer Körperarbeit kommen. Da gibt es ja ein Anliegen, das auf körperlicher Ebene ist oder auf seelischer, auf Beziehungsebene, berufliches Thema.
Also es gibt einen Wunsch nach Veränderung, nach Heilung, nach Verbesserung, nach Schmerzfreiheit, nach Wohlgefühl. In der Zugangsweise, wie wir sie praktizieren, ist es so, dass wir einen Raum öffnen, der sich wie von selbst füllen darf mit den Antworten, die aus dem Menschen selber kommen. Also nicht Antworten, die ich als Begleiterin schon vorgefertigt habe oder die ich aus meiner Expertise, aus meiner Erfahrung anbiete, als Ratschläge.
Wir öffnen einen Raum, und dieser Raum muss möglichst still und leer sein, damit in der Begegnung, in der Begleitung, in der Berührung dieses Menschen die Veränderung geschehen kann, die gerade organisch natürlich bereit und möglich ist.
Philip Warum ist das so, dass man seinen eigenen Raum wahrnehmen muss, sozusagen um dem Raum des anderen Platz machen zu können, um dem anderen in der Behandlung begegnen zu können?
Warum ist der eigene Raum so wichtig für das Gespräch mit dem anderen?
Ingrid Ich würde sagen, es hat zu tun mit dem Resonanzraum-Sein.
Also mir fällt das Prinzip der Resonanz ein, damit ich ein Gegenüber sein kann. Für jemanden ist es notwendig, dass ich ein Resonanzkörper bin. Und dieser Resonanzkörper bin ich nur, wenn ich einen Körper habe und in diesem Körper auch bin. Also ich bin nur dann ein spürbares Gegenüber für Menschen, die zu mir kommen, wenn ich ein spürbares, anwesendes, präsentes Instrument bin, in mir verankert und in mir deutlich, auch in meinen Grenzen, in meiner Gestalt als Individuum präsent, und gleichzeitig aber mit dieser Fähigkeit, mitzuschwingen – mitzuschwingen mit der Geschichte, die mir jemand erzählt, mit Emotionen, die geteilt werden mit mir.
Ich kann dann mit diesen Emotionen mitschwingen, wenn ich zu einem Teil stabil bin in mir und mir meine eigenen Emotionen klar sind und ich in der Rolle der Begleiterin von anderen Menschen meine Emotionen auch gut an ihrem Platz wissen kann, sodass ich mich nicht verliere in den Emotionen von anderen Menschen, und damit ich auch meine Emotionen, meine Ideen, meine Gedanken sozusagen nicht auf die anderen Menschen projiziere.
Philip Was hat denn Momo mit dieser Art des Zuhörens zu tun?
Ingrid Es geht um die Momo aus dem gleichnamigen Buch von Michael Ende.
Und die Momo ist ein Kind, keine professionell ausgebildete Pädagogin oder Therapeutin. Aber die Momo kann eine Sache sehr gut: Sie kann zuhören, und sie kann zuhören auf eine Art und Weise, wo die Menschen wie ihren eigenen Resonanzraum finden. Die Momo spiegelt offensichtlich, während sie zuhört, den Menschen ihre Wünsche, ihre Potenziale, ihre Möglichkeiten, ohne dass sie was sagt und ohne dass sie was fragt.
Und da hören wir jetzt einen Auszug aus diesem Buch, gelesen von Saskia Klar.
Zitat „Momo“ (Saskia) War Momo so unglaublich klug, dass sie jedem Menschen einen guten Rat geben konnte?
Fand sie immer die richtigen Worte? Wenn jemand Trost brauchte, konnte sie weise und gerechte Urteile fällen? Nein, das alles konnte Momo ebenso wenig wie jedes andere Kind. Konnte Momo dann vielleicht irgendetwas, das die Leute in gute Laune versetzte? Konnte sie zum Beispiel besonders gut singen? Oder konnte sie irgendein Instrument spielen?
Oder konnte sie, weil sie ja in einer Art Zirkus wohnte, am Ende gar tanzen oder akrobatische Kunststücke vorführen? Nein, das war es auch nicht. Konnte sie vielleicht zaubern? Wusste sie irgendeinen geheimnisvollen Spruch, mit dem man alle Sorgen und Nöte vertreiben konnte? Konnte sie aus der Hand lesen oder sonst die Zukunft voraussagen?
Nein, nichts von alledem, was die kleine Momo konnte wie kein anderer, das war zuhören. Das ist nichts Besonderes, wird nun vielleicht mancher Leser sagen: Zuhören kann doch jeder. Aber das ist ein Irrtum. Wirklich zuhören können nur ganz wenige Menschen. Und so, wie Momo sich aufs Zuhören verstand, war es ganz und gar einmalig.
Momo konnte so zuhören, dass dummen Menschen plötzlich sehr gescheite Gedanken kamen. Nicht etwa, weil sie etwas sagte oder fragte, was den anderen auf solche Gedanken brachte. Nein, sie saß nur da und hörte einfach zu, mit aller Aufmerksamkeit und Anteilnahme. Dabei schaute sie den anderen mit ihren großen dunklen Augen an, und der Betreffende fühlte, wie in ihm auf einmal Gedanken auftauchten, von denen er nie geahnt hatte, dass sie in ihm steckten.
Sie konnte so zuhören, dass Ratlose und Unentschlossene auf einmal ganz genau wussten, was sie wollten. Oder dass Schüchterne sich plötzlich frei und mutig fühlten. Oder dass Unglückliche und Bedrückte zuversichtlich und froh wurden. Und wenn jemand meinte, sein Leben sei ganz verfehlt oder bedeutungslos, und er selbst nur irgendeiner unter Millionen, einer, auf den es überhaupt nicht ankommt und der ebenso schnell ersetzt werden kann wie ein kaputter Topf, und er ging hin und erzählte alles das der kleinen Momo, dann wurde ihm, noch während er erzählte, auf geheimnisvolle Weise klar, dass er sich gründlich irrte, dass es ihn, genauso wie er war, unter allen Menschen nur ein einziges Mal gab und dass er deshalb auf seine besondere Weise für die Welt wichtig war.
So konnte Momo zuhören.
Philip Die Momo hört den Worten der Menschen zu.
Ingrid Man weiß es nicht genau, weiß es
Philip nicht, was sie alles, wie sie das macht.
Ingrid Man weiß nicht genau, wie sie zuhört.
Es steht in der Geschichte ja nur drin, was für eine Wirkung es hat, dass die Menschen so ihre eigenen Stärken gefunden haben, während Momo ihnen zugehört hat. Wir wissen nicht, wie sie es gemacht hat, das nicht.
Philip Aber wie wir in der Integrativen Körperarbeit es machen, lässt sich beschreiben: Zuhören, das
Ingrid nicht nur über unsere Ohren passiert und unseren Hörsinn, sondern indem wir die Menschen anschauen und sie sehen, vielleicht auch eine Art von Zuhören mit den Augen.
Und ich glaube, dass es ein ganz, ganz starkes Zuhören gibt mit dem Herzen, dass unser Fühlen und die Tatsache, dass wir mitfühlende Menschen sind, eine ganz starke Wirkung hat auf andere Menschen, die sich nicht nur gesehen fühlen und gehört fühlen, sondern die sich auch gefühlt fühlen von uns. In der somatischen Arbeit sprechen wir auch über somatische Resonanz.
Also da ist dann auch gemeint, dass wir mit unserem ganzen Körper zuhören oder mit unserem ganzen Körper mitschwingen mit einem anderen Menschen. Und was gehört dazu? Also in der Körperarbeit sprechen wir auch über die zelluläre Resonanz, und über die Zellen gehen wir in Resonanz mit Stimmungen unter Menschen, aber auch Stimmungen auf der Welt, glaube ich, oder Stimmungen mit der mehr als menschlichen Welt, Stimmungen, die wir in der Natur, in einem Wald, auf einer Klippe am Meer erfühlen können.
Das geht nicht nur über unsere Augen und die Ohren, also diese Sinne, sondern das ist ein gesamtleibliches Erleben. Und das machen wir auch ganz bewusst in der Begleitung mit anderen Menschen, dass wir sie als zelluläre, lebendige, in einem Körper wohnende Wesen wahrnehmen.
Liese Dieses Zuhören, Nachfragen ist ein Nicht-Eingreifen, sondern interessiertes Zuhören.
Und dadurch kann sich der Mensch, der einem gegenübersteht, aus seiner eigenen Kraft mit seinen eigenen gefundenen Worten oder Empfindungen wieder neu ausrichten.
Philip Das war noch einmal die IKA-Praktikerin Liese. Das Zuhören ist nicht allein auf die Kundinnen und Kunden gemünzt.
Das Wahrnehmen eigener innerer Prozesse und Bewegungen ist für IKA-Praktikerinnen und Praktiker eine Grundlage der Arbeit. Ohne die Übung in Selbstwahrnehmung wäre es schwierig, dem Gegenüber mit dem gebotenen Verständnis zu begegnen.
Ingrid Für mich war das, oder ist es immer wieder, auch eine wirklich spirituelle Erfahrung, weil ich bei diesem Nach-innen-Schauen und Nach-innen-Spüren zu all diesen Geweben und Organen, aus denen ich bestehe, so ein innerliches Verständnis bekommen habe
für die Natur, die außerhalb von mir ist, also für andere Lebewesen oder für den Aufbau von einem Baum, der sich verästelt oder der Jahresringe hat, oder von Felsen und Steinen und ihrer Struktur, die ja zum Beispiel in unseren Knochen auch wiederzuentdecken und wiederzufinden ist. Also ich habe von dem, was ich da in meinem Innenschauen und Innenspüren erlebt habe, dann plötzlich im Außen – das ist es, also passiert ist eine Verbundenheit, die wirklich verglichen werden kann mit so einem Wiedererkennen von Zugehörigkeit.
Das sind Felsen am Meer, deren Struktur ich sehe, die vielleicht dem Aufbau eines spongiösen Knochens gleicht, dass ich diesen Felsen wirklich als ein Geschwister sehen kann, oder dass Tiere, die sich bewegen, so wie ich mich auch bewegen kann, dass ich mit denen wirklich was gemeinsam habe, was Leben heißt, und Leben drückt sich immer in Bewegung aus.
Also Leben ist nichts Starres und Totes, sondern in irgendeiner Form drückt es sich durch Bewegung und Beweglichkeit aus. Und dieses Erkennen von dem, was in mir ist, ist das Gleiche oder Ähnliche außerhalb von mir. Und das hat eine unglaubliche Verbundenheit für mich geschaffen. Gleichzeitig ein Zuhause sein in mir, in meinem Körper oder in meinem Leib, und mich aber auch zu Hause fühlen in der Also ich verwende dieses Wort nicht nur Natur, nicht nur Welt, sondern in der Schöpfung.
Philip Und um nun wieder zurück auf den Boden zu kommen: Wir haben jetzt noch eine Anleitung für eine Wahrnehmungsübung.
Damit ist vortrefflich beschrieben, welcher Art unsere Zuwendung zu inneren Vorgängen ist, was für eine innere Haltung es ist, von der wir in IKA Gebrauch machen. Wer mitmachen möchte, hat hier Gelegenheit, die Folge zu pausieren, um sich an einen ruhigen Ort zu begeben und eigentlich nichts anderes zu tun, als sich hinzustellen.
Die Übung dauert circa zwölf Minuten. Wir stellen sie euch auch als extra Folge zur Verfügung.
Ingrid In Integrativer Körperarbeit gibt es eine Praxis, die nennen wir Zentrieren.
Und in diesem Zentrieren finden wir sozusagen in uns im Moment dann eine Art Nullpunkt – ich nenne ihn auch ganz gerne Nullpunkt –, der für heute einmal der spürbare, erlebbare leibliche Zustand ist, in dem wir ruhen, bevor wir in eine Begegnung, in das Gespräch, in die Berührung gehen. Und ich möchte euch jetzt einladen, so ein Zentrieren mal mitzuerleben.
Finde dir einen Platz im Raum und steh mit den Füßen ungefähr hüftbreit. Und ich würde vorschlagen, wir beginnen mit einem leichten Wippen und Schütteln. Du darfst gerne deinen Schwerpunkt senken, ein bisschen in die Knie gehen, auch die Sprunggelenke gebeugt haben. Haltung hört sich ja auch immer ganz stark nach Halten an.
Als Allererstes mal wippen wir und schütteln wir, um so die unbewusste Alltagshaltung aus unserem Körper rausschütteln zu lassen. Du wippst in den Sprunggelenken und achte darauf, dass dein Becken mitwippen darf, dass das Steißbein frei ist, dass deine Hüftgelenke mitwippen und dass du die Atmung nicht anhältst.
Auch das Zwerchfell darf mitwippen, und hab gern den Mund leicht geöffnet und lass den Atem durch deinen Mund ausströmen, gerne auch mit Tönen. Dein Kehlkopf darf mitwippen, deine Schultern, die Handgelenke, die Finger dürfen Spannung loslassen. Und dein Kopf darf auf dem Nacken in Bewegung sein. Zuerst einmal gehaltene Stellen lösen und den Atem fließen lassen.
Und dann wird dieses Wippen kleiner. Und du bleibst stehen, hüftbreit. Und du wirst bemerken, jetzt nach diesem Schütteln und in Bewegung sein, dass schon jetzt dein Stehen ein bewegtes ist. Und ich möchte dich einladen, dass du deinem Körper erlaubst, in ein Lehnen und Schwanken zu gehen, dass du deinem Körper erlaubst, nach vorne zu lehnen.
Das Gewicht geht nach vorne auf die Vorfüße und schwingt wieder nach hinten durch eine Mitte. Und du lehnst mit dem Gewicht etwas weiter hinten auf deinen Fersen und bleibst aber auch da nicht lang, sondern wanderst durch die Mitte wieder nach vorne. Wichtig ist wieder, dass du den Atem nicht anhältst, sondern fließen lässt.
Und dann beobachte, was passiert in deinem Körper, wenn du das Gewicht nach vorne wandern lässt, auf deine Ballen, die Zehenballen zu den Zehen hin. Was machen die Muskeln in deinem unteren Rücken, was passiert im Nacken, um dieses Lehnen auszugleichen, damit du nicht nach vorne fällst. Und du bleibst aber gar nicht so lang vorne, sondern löst wieder und lässt dich wieder zur Mitte zurückkommen und durch die Mitte wandern mit dem Gewicht nach hinten auf deine Fersen.
Was macht dein Körper, um dieses Lehnen auszugleichen, damit du nicht nach hinten fällst? Wo im Körper gibt es muskuläre Aktivität, die sich dann wieder lösen darf, wenn du wieder durch die Mitte wanderst in die andere Richtung. Achte darauf, dass deine Kiefergelenke locker sind. Der Kopf auf dem obersten Halswirbel darf mitschwingen in diesem Lehnen zwischen vorne und hinten.
Und dann erlaube deinem Körper, dass dieses Lehnen immer kleiner, immer leiser wird und dein Körper ganz von selbst zur Ruhe kommt in einer Mitte, in deiner Mitte – nicht in einer Mitte, von der du glaubst, dass es die Mitte ist. Erlaub wirklich deinem Körper, deiner Wirbelsäule, deinen inneren Organen, dass sie eine Mitte finden, in der das Stehen ein müheloses ist.
Und noch bleiben wir nicht in dieser gefundenen Mitte, sondern beginnen mit einem Lehnen nach rechts. Das Gewicht wandert mehr auf deinen rechten Fuß. Und du bleibst dann nicht allzu lang, sondern du kommst wieder zurück, und das Gewicht darf hinüberwandern zur linken Seite, auf den linken Fuß. Du neigst dich etwas nach links, nicht so weit, dass du dich verkrampfst, und nicht so weit, dass du umfällst.
Es geht so um ein Ausloten. Wie weit geht es da hinüber? Wieder auf die rechte Seite, Atem fließen lassen, und durch deine Mitte, deine Mittellinie, wieder auf die linke Seite. Und wenn es wieder nach rechts geht, dann schau einmal auf dein Kiefergelenk, sich mitlehnen nach rechts, und dein Ohr und deine Schulter und dein rechter Lungenflügel.
Und du kommst wieder zurück zur Mitte und lehnst dich nach links. Dein linkes Ohr lehnt sich, dein linkes Kiefergelenk, die linke Schulter, der linke Lungenflügel. Und du atmest, während du dich spielst mit deinem Gleichgewicht, so ein bisschen an den Rändern deines Gleichgewichts. Und dieses Lehnen darf wieder kleiner werden.
Und du erlaubst wieder deinem Körper, dass er die Mitte findet. Die Mitte zwischen diesem Links und Rechts, die Mitte zwischen vorne, hinten – da gibt es eine Linie. Die Orientierungslinie ist für deine Wirbelsäule, für deine inneren Organe, für die Ausrichtung deines Beckens und deine Hüftgelenke. Und das Schwingen der Wirbelsäule bis hinauf zu dem obersten Halswirbel.
Auf dem der Kopf sitzt. Und über diese Mittellinie bist du nach unten hin verbunden zum Boden und auch zum Erdmittelpunkt. Von dort aus wirkt die Schwerkraft auf dich. Und ich lade dich ein, zu stehen, deinen Körper stehen zu lassen im Austausch mit der Schwerkraft, mit der Anziehungskraft der Erde. Und diese Linie, die durch deinen Körper führt und die deine Mitte ausmacht, die reicht über deinen Scheitelpunkt nach oben, Richtung Himmel.
Und frag deinen Scheitelpunkt, wohin er sich ausrichtet: zur Sonne, zum Licht, zu den Sternen oder einfach zur Weite des Himmels über dir. Der Boden unter dir und dieser Himmel und seine Weite über dir sind die zwei Orte, zwischen denen du deine Mitte findest. Und diese Mitte zwischen oben und unten, zwischen vorne und hinten, zwischen links und rechts darf deine schwingende Mitte sein.
Keine gehaltene Mitte, sondern eine atmende.
Philip Das war die erste Folge von „Wahrnehmung wirkt“, eine Podcast-Reihe über Integrative Körperarbeit, kurz IKA, über jene leiborientierte Behandlungsmethode, die Ingrid Huber gemeinsam mit Anton Stejskal entwickelt hat und seit vielen Jahren unterrichtet.
Hierzu findet ihr Informationen im Begleittext zu dieser Ausgabe. Für den Auszug aus Michael Endes Märchenroman „Momo“ haben wir die freundliche Genehmigung des Michael-Ende-Nachlasses, vertreten durch die AVA International GmbH München, erhalten. Hierfür besten Dank. Die Internetadresse ist ava-international.de.
Die musikalische Gestaltung unserer Podcasts besorgt Florian Kmet, auch hierfür ein Dankeschön. Die innere Haltung in IKA wird uns auch in der nächsten Folge beschäftigen. Wir freuen uns, wenn ihr unseren Podcast abonniert. Fragen und Anregungen könnt ihr uns gerne per Mail schicken. Die Adresse findet ihr ebenfalls im Begleittext.
„Wahrnehmung wirkt“ ist ein Podcast von Ingrid Huber und Philip Scheiner. Auf bald.