Wahrnehmung wirkt! Wege des Embodiment mit Integrativer Körperarbeit· Folge 4
4. Vom Zuhören zum Dialog
Donnerstag, 15. Oktober 2026 · 43 min
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Shownotes
Über die Lust, sich gemeinsam aus dem Nicht-Wissen in das Neu-Entdecken zu bewegen.
Schöpferisches Zuhören und Sprechen aus der körperlich-sinnlichen Erfahrung lässt neue Wirklichkeiten entstehen. IKA nützt die Prinzipien des Dialogs in der Kommunikation durch Worte, Hände, Beobachtung und vielfache sinnliche Wahrnehmung.
Kommunikation schafft Integration. Beide sind sie zentrale Wirkweisen von Integrativer Körperarbeit.
Wir beschreiben, wie sich die sogenannte "Sprache des Körpers" durch subtile Bewegungen im Gewebe ausdrückt. Wir reden darüber, was das mit Emotionen zu tun hat und warum Entschleunigung eine gute Zutat fürs Embodiment ist.
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Titel Wahrnehmung wirkt.
Philip Willkommen zur zweiten Folge einer Podcastreihe über Integrative Körperarbeit.
Auch diesmal beschäftigen wir uns mit Grundsätzlichem, nämlich mit bestimmten Aspekten der inneren Haltung, die unserer Arbeit zugrunde liegt. In der ersten Folge von „Wahrnehmung wirkt“ haben wir über das Raum-Halten und Zuhören gesprochen, das die Voraussetzung für Kommunikation ist. Das Thema diesmal sind die unterschiedlichen Ebenen von Kommunikation in einer IKA-Sitzung.
Ingrid wird zuerst beschreiben, inwiefern „das dialogische Prinzip“ Grundlage für die innere Haltung und Kommunikation in der Integrativen Körperarbeit ist. Der Dialog ist eine uralte Form des Gesprächs, die wir bei den Philosophen des antiken Griechenlands ebenso finden wie bei Gesprächskreisen indigener Völker.
Im Vordergrund steht dabei die Beziehung der Sprechenden untereinander, aus der heraus sich eine gemeinsame Lösung entwickeln kann. Der Physiker David Bohm und der Religionsphilosoph Martin Buber haben im 20. Jahrhundert den sogenannten Dialogprozess entwickelt; eine Art des Sprechens von zwei oder mehreren Personen, bei dem die Beiträge der Beteiligten gleichwertig gesehen und mit einem verbindenden „Und“ anstatt eines trennenden „Aber“ gesammelt werden.
Daraus entsteht „dia logos“, der Fluss des Sinnes, das ist die Bedeutung des Begriffes Dialog. Dieser gemeinsame Fluss bringt gänzlich Neues hervor, das mehr ist als die Summe des Gesagten. Es geht da um sogenanntes generatives Zuhören. Ingrid Huber wird das im Gespräch gleich ausführen. In der ersten Folge konntet Ihr auch einen Ausschnitt aus Michael Endes „Momo“ hören.
Was ist die Verbindung zu Integrativer Körperarbeit?
Ingrid Naja, dass die Momo auf eine Art und Weise zugehört hat, dass in den Sprechenden die Wirkung hatte, dass sie ihr nicht nur erzählt haben, was gerade ihr Leid ist und was sie gerade belastet, was ihnen am Herzen liegt, sondern dass sie weiter gesprochen haben.
Momo hat sie nicht unterbrochen, war aufmerksam, sehr präsent und sie haben weiter gesprochen und haben sich sozusagen wie selber in die Lösung hineingeredet, hatten plötzlich Ideen, die ohne Momos Gegenwart, ohne Momos Zuhören vorher gar nicht da waren. Und generativ heißt, durch das Zuhören wird was erschaffen.
Deswegen nenne ich das auch ganz gerne schöpferisches Zuhören. Da passiert plötzlich mehr, als vorher gewusst wurde.
Philip Wir lassen den Raum auch bestehen für Situationen, die wir normalerweise im Gespräch übergehen würden.
Was ist der Sinn hinter diesem Aushalten von dem Zustand, der vielleicht unangenehm ist.
Ingrid Der Sinn ist, dass die Sprechenden oder in der IKA Sitzung sind es natürlich unsere Kunden und die Kundinnen, dass die Zeit bekommen, dass was sie gerade sich vom Herzen geredet haben, sacken zu lassen oder wie drunter zu sinken in eine Schicht in sich selber, wo ihnen plötzlich einfä Womit hängt denn das noch zusammen?
Oder was fällt mir da noch dazu ein? Andere Situationen in meinem Leben. Und es ist sozusagen dann ein assoziatives Sprechen. Die Menschen haben Gelegenheit und Zeit und Raum dafür, dass sie ihre Empfindungen, inneren Bilder, Gefühle eine nach dem anderen aussprechen und benennen dürfen und dabei nicht unterbrochen werden und von uns als Begleiter und Begleiterinnen auch nicht in eine bestimmte Richtung gedrängt, gezogen, gelenkt werden.
Und was wir diesem Zuhören dann hinzufügen, das ist die innere Haltung der oder des Lernenden. Im Zen Buddhismus wird es auch der Anfängergeist genannt. Und das bedeutet, dass wir in jeder Sitzung versuchen, jede Kundin und jeden Kunden, jedes Thema und auch jede Sitzung, in jeder Sitzung, zu der jemand kommt, mit einem neuen, frischen Blick präsent zu sein und zuzuhören und die Lage zu betrachten.
Wir versuchen dabei vorgefertigte Meinungen loszulassen und mit einem, ich möchte fast sagen, vielleicht auch so ein bisschen einem kindlich offenen, staunenden Auge und einem fragenden Ohr bei der Sache zu sein. Dabei sehen wir uns als Expertinnen des Fragenstellens und da braucht es durchaus Mut auch dazu.
Also diesen Mut zum Nicht Wissen. Ich weiß noch nicht, wie es ausgeht und ich weiß noch nicht, wie es weitergeht und ich weiß noch nicht, welche Kurve im Prozess wir gemeinsam nehmen werden. Aber im richtigen Moment dann die richtige Frage zu stellen, ist das, was ungeahnte Schätze in den Kundinnen hebt und was neue Blickwinkel öffnet.
Philip Was passiert bei den Kundinnen und Kunden, wenn man diese Art von Kommunikation anbietet, dieses Nichtwissen, was ja relativ untypisch ist für das Sprechen miteinander?
Ingrid Also was wir natürlich nicht tun, Wir sitzen nicht da und sagen, wir wissen es auch nicht, sondern wir halten diesen offenen, staunenden Raum.
Und aus dem Nichtwissen heraus kommen eben die Was ist noch nicht gesagt in der Geschichte der Kundin, die jetzt da gerade sitzt? Was ist noch nicht gesagt? Aber was kann ich erfühlen oder erspüren, was vielleicht zwischen den Zeilen liegt oder was in der Mimik, in der Körperhaltung der Person liegt und auch gesagt wird, wenn ich dem Worte gebe, auch in der Form einer Frage, wenn ich dann einfach noch mal nachfrage, was für ein Gefühl gehört dazu, dann werden die Personen wieder auf sich zurückgeworfen, auf ihr Spüren, auf ihr inneres Wahrnehmen.
Und sie fühlen und sprechen sich selbst aus einer Situation des Nichtwissens, also des Anstehens mit einer Lebenssituation oder Anstehens auch mit einem gesundheitlichen Thema. Sie sprechen und fühlen sich selbst in ein neues Wissen, in neue Erkenntnisse.
Philip Für mich heißt das auch, dass wir nichts beschleunigen und nichts, vor allem auch nichts abkürzen.
Eine Therapeutin von mir hat einmal gesagt, sie würde jedem Prozess, der schnell geht, misstrauen. Gilt das auch für die Integrative Körperarbeit?
Ingrid Das gilt auch für die Integrative Körperarbeit.
Und das ist ein ganz wesentlicher Aspekt auch dieses Dialogprozesses nach Bohm und Buber, das Element des In-der-Schwebe-Haltens oder Verlangsamens. Und das darf ruhig Zeit brauchen. Also das, was die Menschen als erstes erzählen, was sie als erstes so von Herzen oder auch aus den Sorgen heraus sprechen, das ist durchaus das, was sie vielleicht schon oft erzählt haben.
Das heißt, wir laden wirklich dazu ein, dass die Menschen vielleicht auch mal langsamer sprechen, aber sich immer wieder Zeit nehmen zum Nachspüren und Nachfühlen und noch einmal wahrnehmen. Also was so ganz an der Oberfläche auch des Bewusstseins oder des Sprechens liegt, das erzählt sich schnell. Und dann liegen aber vielleicht noch Aspekte drunter, die schon lang nicht bedacht wurden, die noch unbewusst sind.
Und dafür braucht es dann Zeit und braucht die Ermutigung an die Menschen, dass sie nicht so schnell eine Lösung oder ein Ergebnis haben wollen. Und es kann natürlich sein, dass es da Ungeduld gibt. Also es gibt ja Menschen, die haben schon so lang irgendein chronisches Symptom und wollen das endlich loskriegen.
Oder sie sagen, ich, ich will endlich eine Entscheidung treffen, ich tue schon so lange rum. Oder sie wollen sich endlich in ihrem Leben anders fühlen und ihr Leben anders gestalten. Also es ist ja zu dem Zeitpunkt, wo sie zu uns kommen, zur Begleitung kommen, ist ja sehr oft schon Dringlichkeit da oder ein Leidensdruck.
Und unsere Kunst in der Begleitung ist sozusagen, den Menschen auch Zuversicht zu vermitteln, dass es jetzt nicht ganz, ganz schnell gehen muss, sondern dass wir miteinander uns Zeit nehmen zu spüren, was gehört noch dazu zum Thema oder was gehört noch dazu zu diesem schmerzenden Rücken oder zu der chronischen Migräne.
Und das ist tatsächlich ein leiblicher Vorgang der IKA Praktikerin oder des Praktikers, wenn wir mit denen, die wir begleiten und für die Person es mit aushalten, wie die Situation eben gerade ist, wie sich eine Körperstelle gerade anfühlt und dass da vielleicht ein unangenehmes Gefühl da ist. In einem allerersten Schritt geht es darum, anzuerkennen, was da ist, das ernst zu nehmen.
Und gleichzeitig ist aber auch nicht zu ernst, zu schwer zu nehmen, einzuordnen oder verfrüht zu beurteilen. Jede Empfindung, auch ein Schmerz oder eine Angst, die da ist, ist als allererstes mal eine wichtige Information und deswegen wichtig, weil sie zu dem Menschen und seinem Erleben und seiner Realität jetzt dazugehört.
Philip Ich frage mich gerade, wenn Menschen kommen, die berechtigterweise mittlerweile ungeduldig geworden sind, weil, keine Ahnung, chronische Schmerzen, andere Beschwerden, die vielleicht keine erkennbare Ursache haben und so weiter.
Und dann kommen Menschen zu dir in die Praxis und wollen schnelle Heilung. Was ist denn aus deiner Erfahrung der Weg, den du anbietest, auf dem diese Menschen dann erkennen können? Es geht jetzt nicht um Abkürzung, sondern es geht darum, mal zuzuhören, was sind die Angebote, die du machen kannst, sodass die Menschen aus dieser Ungeduld kommen?
Ingrid Also ein Angebot ist einfach mal Information, dass es für ein Symptom nicht unbedingt die eine funktionierende Lösung gibt.
Wobei viele Menschen, die zu mir kommen, ja schon eine Geschichte auch mit ihren Symptomen haben. Also die waren auch schon bei vielen Ärzten. Ärztinnen haben schon viele Methoden ausprobiert. Das heißt, diese Information haben sie oft schon, dass es so ganz schnell und leicht vielleicht nicht geht. Ich habe die chronischen Symptome A und jetzt gibt es B, ein Heilmittel, das sofort wirkt und funktioniert.
Was für IKA typisch ist und was die Menschen dann oft auch sehr schätzen, das ist, dass wir gemeinsam mit dem Menschen so den Raum und den Horizont öffnen für Zusammenhänge. Dass wir sozusagen nicht nur auf das Symptom schauen und darauf schauen, wie wird denn das besser oder wie kriege ich es weg? Sondern dass wir danach fragen: Was gehört da noch dazu? Wenn das ein körperliches Symptom ist: Was hat es mit Lebensstil, mit Lebensrhythmus zu tun?
Was hat es mit Beziehungen zu tun? In denen der Mensch ist und welche Emotionen tauchen denn vielleicht wiederkehrend in diesen Beziehungsgefügen auf? Gibt es eine andere körperliche Vorgeschichte? Gab es früher andere Symptome, an denen sich das neue Symptom vielleicht angeschlossen hat oder drangehängt hat sozusagen?
Also wir öffnen den Blick für die Zusammenhänge. Und zur Information über IKA gehört auch noch dazu, dass körperliche Symptome oder überhaupt Körper auch eine Form von Sprache hat, von einer Sprache, die wir gemeinsam entschlüsseln können.
Philip Was kann man sich da vorstellen darunter?
Ingrid Naja, das ist, was so üblicherweise benannt wird als ein Symptom, hat auch eine Botschaft in sich. Und die Botschaft, das ist das, was ich gerade mit den Zusammenhängen beschrieben habe.
Da gehört noch ein Lebensthema dazu, da gehören Emotionen dazu, da gehören auch innere Einstellungen. Also wie ist es so mit der eigenen Zufriedenheit oder mit der eigenen Selbst Liebe, Selbstbewusstheit? Genau, was gehört da alles dazu? Und es ist ganz wunderbar, dass man den Körper fragen kann.
Philip Wir haben in einer anderen Folge über die innere Haltung von IKA-Praktikerinnen und Praktikern gesprochen. Und wir werden auch noch über das Menschenbild sprechen, das IKA zugrunde liegt. Ein Detail von diesem Menschenbild und von der inneren Haltung scheint mir ein Begriff zu sein, den du in der Ausbildung radikalen Respekt genannt hast.
Was ist denn das und was ermöglicht der radikale Respekt im Dialog mit Menschen?
Ingrid Also dieser Ausdruck radikaler Respekt, der kommt aus der Dialogarbeit, ist eine der Kernfähigkeiten des Dialogs.
Und was das jetzt für die Arbeit mit den Menschen in IKA heißt, das heißt, wir respektieren die Lebensgeschichte, den Lebensentwurf der Menschen und wir respektieren ihr Timing, das Timing ihres Prozesses, ihres Heilungsprozesses. Und da gehören aber auch Widerstände dazu oder es gehört Ungeduld dazu.
Wir respektieren das und bewegen uns mit ihnen zusammen zu diesem rechten Zeitpunkt, wo dann die Zeit reif ist, dass eine Erkenntnis kommt oder dass der Körper zum Beispiel eine Spannung auslässt und eine neue Ordnung findet oder dass der Mensch in unserer Begleitung wirklich ganz, ganz tief sinken und sich entspannen darf, wie er es vielleicht schon viele, viele Jahre oder sogar Jahrzehnte nicht gemacht hat.
Und zu dem radikalen Respekt gehört eben auch, dass wir im Hier und Jetzt alle Empfindungen und inneren Bilder und Gefühle respektieren, die auftauchen. Und es ist jetzt eines, dass wir als die Begleiter und Begleiterinnen diesen radikalen Respekt dafür haben. Also ich denke uns in der professionellen Rolle ist das vielleicht auch nicht so schwierig zu üben.
Aber es ist natürlich für die Menschen oft ungewohnt oder oft auch gar nicht so leicht, dass sie selber das, was unangenehm ist, dass sie das auch respektieren können und nicht nur endlich weg haben oder endlich anders haben wollen.
Philip Zu verstehen, warum solche Prozesse nicht innerhalb von sehr kurzer Zeit vonstatten gehen können, sondern mitunter längere Zeit brauchen, hilft dir vielleicht auch zu wissen, dass der Körper Sinne besitzt, die nach außen gehen und solche, die nach innen gerichtet sind und die nach außen gehen, funktionieren mitunter sehr schnell.
Und das innere Wahrnehmen braucht ja seine eigene Zeit. Und mitunter sind das längere Prozesse als die, die man in der Außenwahrnehmung bemerken kann. Warum brauchen innere Veränderungen oder Erkenntnisprozesse so lang? Hat das mit der Nervenleitgeschwindigkeit zu tun. Oder was ist da los?
Ingrid Also es gibt im Nervensystem eigene Nerven oder Rezeptoren für die Innenwahrnehmung. Das sind die sogenannten Interorezeptoren, die großteils nicht myelinisiert sind.
Das heißt, die haben keine Fettschicht, keine Schutzhülle um den Nerv, die die Nervenleitung schneller macht. Also es gibt so eine physiologische Basis dafür, dass Interzeption, die Innenwahrnehmung zu unseren Organen zu Geweben im Körperinneren, dass die tatsächlich etwas langsamer vonstatten geht, mehr Zeit braucht, als wenn ich jemandem Schau mal hierhin und schau mal dorthin.
Nur was du jetzt gerade gesagt hast über das Timing des Prozesses, also das Fühlen oder die Veränderung, dass die mitunter mehr Zeit braucht, dem würde ich gar nicht so zustimmen. Also ich bin immer wieder mal erstaunt über das Timing, über das inhärente Timing in Menschen oder auf dem Heilungsweg, Entwicklungsweg von Menschen, weil ich könnte jetzt gar nicht sagen, dass immer alles ganz lang dauert.
Also es gibt sehr oft Menschen, die kommen zu mir und schon in einer ersten Sitzung passiert wirklich ein Durchbruch, passiert eine ganz, ganz starke Veränderung, die sie selber als fast wundersam erleben. Also insofern ist es so, dass wenn die Leute mich anrufen und einen Termin ausmachen und mich fragen: „Wie oft muss ich kommen?“ Dann sage ich oft schon: „Naja, wenn sie das schon so und so lang haben, wenn sie schon seit 15 Jahren regelmäßig Migräne haben, kann es durchaus sein, dass es eine Weile dauert, bis sich was ändert, bis sich Tonus verändert, bis wir draufkommen, womit es denn zusammenhängt, um sozusagen den Menschen ein bisschen eine Idee davon zu geben, dass es eben nicht unbedingt einmal den Schalter rüberlegen ist und dann ist alles gut, dass es einen Weg gibt oder einen Prozess gibt.
Aber es ist tatsächlich so. Und da bin ich immer wieder, auch nach so vielen Jahren, mit Menschen zu arbeiten, bin ich immer wieder erstaunt, wie schnell es oft geht und dass gerade die Menschen, bei denen ich zuerst den Eindruck Na ja, so viel Körpererfahrung, Selbsterfahrung, Selbstwahrnehmung haben die vielleicht noch gar nicht. Trotzdem kann es so schnell gehen, dass das, was in der Sitzung passiert, so eindrücklich ist, nicht nur für das Bewusstsein, sondern auch für den ganzen Organismus, dass es Alltag ganz schnell umgesetzt werden kann.
Also das ist was ganz Wunderbares. Und ich möchte da noch hinzufügen zu dem Dialogprozess, über den wir ja auch gerade sprechen, dass da das Typische dafür ist, dass zwischen zwei oder wenn man das in Gruppen macht, zwischen mehreren Menschen ein Feld entsteht, ein gemeinsames Feld, wo jeder und jede die eigenen Wahrnehmungen, die eigenen Regungen, die eigenen Ideen hinein gibt. Und in diesem Feld darf ganz was Neues entstehen, neue Bilder, neue Ideen, neue Gefühle, neuer Körpertonus, die da aus dem Unbewussten oder Unbekannten auftauchen.
Und das ist sehr oft ganz überraschend und unerwartet. Da gibt es dann auch unkonventionelle Lösungen, die sich für die Menschen aber meist sehr stimmig anfühlen, weil sie ja aus ihrem eigenen Erkenntnis und Fühlprozess heraus entstanden. Sind und nichts sind, was von außen an sie herangetragen wird als Ratschlag oder als Tipp oder als Rezept.
Philip Was kann man sich denn unter unkonventionellen Lösungen zum Beispiel vorstellen?
Ingrid Also was mir dazu einfällt, vielleicht ist unkonventionell gar nicht das richtige Wort.
Vielleicht geht es wirklich eher um unerwartet. Kürzlich war eine Frau dort, die ist gekommen und hat erzählt von ihrer Ehe und dass die Ehe sehr unerfreulich ist und sie in sich unklar ist, aber tatsächlich in Erwägung zieht, ob eine Trennung oder eine Scheidung das ist, was es braucht, dass das noch unausgegoren ist und dass sie auch nicht recht weiß, wie sie das angehen soll, sich ganz zu trennen oder scheiden zu lassen, weil es eben Kinder gibt und ein gemeinsames Haus.
Es war ein Teil des ganzen Themas, das sie hatte, aber wir haben da eine Weile darüber gesprochen und dann auch körperlich gearbeitet. Und beim nächsten Mal kam sie zurück und ich habe sie gefragt, wie es ihr geht, hat sie erzählt: „Ja, ich habe jetzt Urlaub, dieses und jenes ist passiert.“ Und dann habe ich gefragt: „Naja, und wie ist es mit dem Mann?“ Und dann hat sie mir erzählt, dass sie nach der Sitzung bei mir sich so anders gefühlt hat, dass sie heim ist und mit ihrem Mann ins Bett gegangen ist und den besten Sex seit langer Zeit hatte.
Und jetzt bei der zweiten Sitzung kam sie gerade von einem genüsslichen, langen Frühstück zu zweit. Also das meine ich vielleicht mit unkonventionell im Sinne von unerwartet, weil sie wollte eher Ratschlag Wie kriege ich das mit der Trennung hin? Und dann hat aber diese neue und Körpererfahrung ist hier wirklich falsch. Also es ist eher eine Leiberfahrung, sie als Ganze von oben bis unten und alles, was zu ihr dazugehört, hatte irgendwie so eine erleichternde und auch weitende Erfahrung, gleichzeitig weitend in der Körperarbeit. Und sie war aber so sehr bei sich wie schon seit langem nicht mehr.
Und aus diesem Bei sich Sein heraus hat diese Situation in ihrer Ehe und mit ihrem Mann einfach völlig anders ausgesehen und sich anders angefühlt.
Philip Wir führen ja unsere Dialoge nicht nur verbal, sondern auf verschiedenen Ebenen, wenn man das so sagen möchte.
Was sind die Ebenen, auf denen wir kommunizieren mit den Menschen?
Ingrid Also das ist einerseits die verbale, über die wir jetzt gesprochen haben im Sinne des Dialogs zu diesem Austausch von Worten, also unser Fragestellen, das Benennen des gemeinsamen Worte Findens.
Auch für Empfindungen gibt es als eine weitere Ebene die nonverbale Kommunikation. Die hat verschiedene Aspekte, aber jetzt der erste, den ich beschreiben würde, ist die Kommunikation in der somatischen Resonanz. Also dass wir ja nicht nur mit unseren Ohren hören, was jemand erzählt, was jemand sagt oder welche Antwort die Person auf eine Frage hat, sondern dass wir gleichzeitig über die somatische Resonanz auch spüren, was ist da für eine Gefühlsstimmung da.
Wir sehen auch die Mimik der Menschen, die Gestik, die Körperhaltung, also das, was so üblicherweise auch als nonverbale Kommunikation beschrieben wird. Wir schauen da auch durchaus ganz genau hin Ob beim Sprechen die Person ihre Haltung, ihre Aufrichtung mal verändert, das hängt oft mit dem zusammen, was sich da innerlich dann tut.
Oder wenn die Menschen auf der Liege liegen, schauen wir immer wieder auch ins Gesicht. Gibt es da Veränderungen in der Mimik? Gibt es ein Stirnrunzeln oder gibt es ein Zittern um den Mund herum Oder gibt es Tränen, die aus den Augenwinkeln rinnen? Also auch darauf schauen wir. Und das sind wir so mit unserer empathischen Fähigkeit einfach auch im Mitfühlen bei dem, was sich gerade innerlich tut.
Und darüber hinaus hat Integrative Körperarbeit als Berührungsarbeit natürlich als ganz, ganz starkes Kommunikationsmittel die Hände, unsere Hände, mit denen wir berühren und Gewebe in den Körperstellen im Leib des Menschen differenzieren können, erspüren können. Ist da gerade eine Spannung im muskulären, faszialen Gewebe oder geht es gerade um einen Knochen oder darum, ein Organ zu halten?
Und mit unseren Händen hören wir Dynamiken an der Körperstelle zu. Und mit diesem zuhörenden Berühren öffnen wir auch wieder so einen Kommunikationskanal. Also nicht nur Menschen fühlen sich gehört und fangen an zu sprechen, sondern auch Körperstellen, in denen Spannungen gehalten sind oder in denen Erinnerungen, Gefühle, auch körperliche Erlebnisse wie Stürze, Unfälle gehalten sind, die beginnen zu erzählen.
Und das machen sie natürlich nicht mit Worten, sondern das machen sie eher mit Zittern, mit Zug, Schub, mit Hitze. Manchmal wird so eine Körperstelle ganz, ganz heiß, manchmal wird sie kalt, manchmal gibt es Gänsehaut, wie ein kalter Schauer oder ein Kribbeln, das auftaucht. Also das ist unsere Kommunikation mit Händen am Körper der Kunden und Kundinnen.
Philip Und was machen denn wir mit den Händen, während sich im Gewebe da irgendwas zeigt oder wenn sich im Gewebe etwas zeigt?
Ingrid Wir haben da verschiedene Möglichkeiten.
Also eine Möglichkeit ist eben dieses Zuhören, den Raum halten für Hitze, die aufsteigt, für Zittern, für Oszillieren im Knochen. Wir bleiben mit den Händen dabei und mit diesem radikalen Respekt, mit dem Verlangsamen. Also wir müssen ein Zittern oder einen Zug nicht schnell wegkriegen, weil der jetzt vielleicht irritierend ist oder unangenehm oder unbekannt.
Auch da sind wir mit diesen dialogischen Prinzipien da und Ah, jetzt zittert es oder jetzt wird es sehr heiß oder da zieht sich was zusammen und das darf jetzt da sein. Das ist jetzt gerade die wichtige Information. Also wir sind vor allem mal einfach in Kontakt mit dem, was da ist und und dann ist es aber auch so, dass Erlebnisse, nicht verdaute, integrierte Erlebnisse, an denen der Körper oder spezifische Körperstellen beteiligt waren, dass die Bewegung halten, Bewegungsimpulse, Bewegungsdynamiken und wenn die spürbar werden für unsere Hände, dann begleiten wir die.
Und das hat oft damit zu tun, dass da viel Druck ist, dann begleiten wir den Druck oder es kann sein, dass an der Körperstelle es einen Zug gibt oder eine Verdrehung um ein Gelenk herum. Und das ist etwas, was wir dann begleiten. Wir gehen mit mit dem, was im Gewebe da ist. Und dieses Mitgehen und Begleiten ist auch eine Art von Anerkennung.
Gesprochene Worte können gehört werden und Spannung im Gewebe kann erfüllt werden. Also wir gehen da mit und was dadurch dann passiert oder möglich wird, das ist ein Halten mit einer starken Spannung an einer Körperstelle, dass sich das lösen kann, wenn wir es begleiten und mit dem Begleiten minimal verstärken, aber eben damit an die Körperstelle oder an das Gewebe die Botschaft Ich sehe dich, ich nehme wahr, mit welcher Kraft du hältst oder angespannt bist.
Und das hat einen unglaublich lösenden und erleichternden und befreienden Effekt.
Philip Es gibt da noch eine Kommunikationsebene, über die du sprechen wolltest, Ingrid.
Ingrid Wir haben jetzt bisher gesprochen über die Kommunikationswege zwischen der Praktikerin und der Kundin, also das Sprechen, das nonverbale Sehen, Spüren, Mitfühlen und diese sehr spezifische Kommunikation mit den Händen.
Und mir fällt aber jetzt noch eine wichtige Kommunikationsebene ein und das ist die, die durch dieses Sprechen, Spüren, Berühren, Mitgehen, Ausdrücken in der Person selber geöffnet wird. Also da gibt es so das Bewusstsein oder das bewusste Erleben der Person und ganz viel von dem, was da im Leib passiert, was im Organism passiert, aber was vielleicht auch Symptome erzeugt, ist natürlich unbewusst. Ganz viele Symptome entstehen dadurch, dass in uns etwas abgekapselt ist oder dass Kommunikationswege im Organismus, dass die eingebremst sind oder auch vielleicht gar nicht mehr bestehen.
Und dieses Herstellen von Kommunikation im Körper zwischen den unterschiedlichen Körperstellen und Körperteilen, aber auch die Kommunikation zwischen Körper und Bewusstsein ist ein ganz wesentlicher heilsamer Schritt, der passiert, dass die Bereiche, die so aus dem Spüren ganz draußen waren, die wie blinde Flecken sind auf der eigenen Landkarte, dass die durch die Berührung, durch die Einladung zur Wahrnehmung, dass die wieder dazugehören dürfen zum großen Ganzen, dass der Mensch ist und auch die Gefühle, die da vielleicht versteckt waren oder die überdeckt waren, dass auch die wieder dazugehören dürfen, dass die ausgedrückt werden dürfen, dass sie anerkannt werden.
Alle diese kleinen Vorgänge sind Schaffen von Verbindung und Schaffen von Kommunikation auf den unterschiedlichen Ebenen, die so zu unserer Lebendigkeit, zu unserem Leben dazugehören. Und da ist eben wirklich die Physis, also dieser physische Körper, aber es gibt unser Empfinden, das Körperempfinden, es gibt Gefühle, Gefühlsstimmungen, es gibt unsere Emotionen, es gibt unsere Gedanken, unsere Vorstellungen und Wünsche, da gehören durchaus auch Glaubenssätze dazu und Regeln. Es gibt die Träume, die Träume in der Nacht, die Träume am Tag, es gibt unsere Spiritualität. Und Menschen sind dann am ehesten gesund und fühlen sich ganz, wenn all diese Ebenen miteinander in Kommunikation und dadurch integriert sind.
Philip Jetzt sind wir dem Geheimnis auf der Spur, was denn das Wörtchen integrativ heißt in der Integrativen Körperarbeit.
Ingrid Ja, ich glaube, dieses Wörtchen integrativ oder die Integration, das ist so ein sehr weitreichender Begriff. Je länger ich diese Arbeit mache, desto mehr komme ich darauf, was daran noch integrativ ist oder was integrieren noch bedeuten könnte. Also ich glaube, da bin ich selber auch immer noch erforschen oder Erkenntnisse haben, aber das, was ich gerade beschrieben habe, das ist auf jeden Fall ein Aspekt davon, dass Teile von uns, die vergessen wurden, die vielleicht auch verdrängt wurden, die zu einem anderen Zeitpunkt im Leben irgendwie zu groß waren, um sie ganz zu fühlen oder ganz zu erfassen, dass die bewusst gemacht werden und Teil des Ganzen wieder sein dürfen.
Und dieses Teil des Ganzen sein dürfen ist nicht nur so, wie wenn man Legosteinchen hat und dann werden alle Teile zusammengesetzt oder ins Bild gesetzt, sondern ein wesentlicher Aspekt von Integration ist auch der Ausdruck, dass ich ein Gefühl, das lange nicht erkannt und gefühlt und da war, dass das ausgedrückt wird oder dass eine Bewegung, die ich lang mit meiner Schulter nicht machen konnte, dass ich die jetzt mache und dass ich nicht nur theoretisch weiß, jetzt bin ich schmerzfrei und jetzt kann ich es wieder machen, sondern dass ich Bewegungsfreiheit wirklich dann auch genieße und nütze und Bewegungen, die wieder möglich sind, wo es vorher eng war und gesperrt hat oder schmerzhaft war, dass ich die auch wirklich tun, dann sind sie integriert, wenn ich die Erkenntnisse und Veränderungen in meinem Leben, in meinem Alltag auch umsetzen kann.
Und das mag für eine Weile ein bewusster Vorgang sein, dass ich mich daran Ah, das sollte ich üben oder ich sollte ja üben, anders zu sitzen oder anders zu atmen. Also manchmal braucht es noch so eine Übungsphase und irgendwann darf es aber auch vergessen sein. Darf eine neue Bewegungsfreiheit in dem Gelenk oder eine Mühelosigkeit im Sitzen, im Stehen, im Atmen einfach wieder ganz zu uns dazugehören?
Philip Und gibt es Kundinnen und Kunden, die von dieser inneren Haltung, die wir in der IKA-Praxis pflegen, etwas mit nach Hause nehmen können auf irgendeine Weise?
Ingrid Also ich glaube auf jeden Fall, dass diese Aspekte von Verlangsamen, von Entschleunigung im eigenen Spüren, dass das sehr oft etwas ist, wo die Menschen merken, ich sollte vielleicht mit mir selber ein bisschen milder sein oder mit mir geduldiger, mit meinen körperlichen Symptomen ein bisschen geduldiger oder achtsamer.
Also mit der Entschleunigung hat es oft zu tun, dann auch mit dem, was wir jetzt vorhin radikalen Respekt genannt haben, sozusagen die eigenen Fehler und die eigenen Schwächen, die eigenen Schmerzen, mit denen respektvoller umzugehen im Sinne von, dass diese Gefühle oder auch Schmerzen an der Körperstelle, dass die ganz oft eigentlich uns ja nichts Böses wollen, sondern dass sie wie eine Art Kompassnadel sind, die uns darauf hinweisen: „Hey, da war jetzt was zu viel“, oder „da war was zu schnell“, oder „da habe ich mich schon wieder ungerecht behandelt gefühlt oder verletzt durch Worte, die mir jemand sagt.“ Also da gibt es ja diese Reaktionen in unserem Leib, und die gilt es ernst zu nehmen und jetzt nicht nur ernst, sondern auch dankbar dafür zu sein, dass es sie gibt, weil sie uns anregen, eine andere Richtung einzuschlagen oder für uns selbst einzustehen oder uns anregen, eine Beziehung zu klären, die unangenehm ist oder die sich nicht gleichwertig anfühlt.
Philip Und hast du auch schon erlebt, dass Menschen vielleicht die Form des Dialogs, die wir anbieten, in ihren Alltag irgendwie integrieren konnten?
Ingrid Also ich glaube, dass wenn die Menschen mit sich selbst geduldiger sind oder mit sich selbst ehrlicher sind, dass sie auch mit anderen Menschen geduldiger oder ehrlicher sein können. Und dass sie, wenn sie in der Integrativen Körperarbeit erlebt haben und geübt haben, zu fragen: „Wie fühle ich mich denn jetzt gerade wirklich? Oder welches innere Bild habe ich denn dazu, zu dem, was da gerade in mir vorgeht?“, dass sie das gerade in der Familie, mit den eigenen Kindern, mit dem Partner vielleicht auch da anbieten, so ein Nachfragen.
Was ist denn da gerade da? Wie geht es dir gerade, wenn du gerade so aufbrausend bist oder wenn du gerade trotzig bist oder wenn du gerade verletzende Dinge sagst? Also dieses Lernen, mit sich selbst zu kommunizieren und mit sich selbst wohltuend, liebevoll, respektvoll zu kommunizieren, hat meistens den Effekt, dass wir mit den uns umgebenden, mit den nahen Menschen auch anders sind. Manchmal ist es nicht nur liebevoll, sondern einfach auch klar, dass wir klarer Grenzen ziehen oder klarer einfordern, was wir in Beziehungen brauchen, was wir im Zusammenleben brauchen.
Aber ich habe sehr das Gefühl, dass das auch sehr natürlich passiert dann, dass es umgesetzt wird im Leben. Nicht bei allen Menschen, aber bei sehr vielen.
Philip Das war die zweite Folge von „Wahrnehmung wirkt“, einer Podcastreihe über Integrative Körperarbeit, von Ingrid Huber und Philip Scheiner.
Wenn Ihr interessiert seid, abonniert uns gerne, wir bringen hier regelmäßig neue Folgen – demnächst gibt es eine IKA-Behandlung zu hören. Wir sprechen mit Absolventinnen darüber, wie die Integrative Körperarbeit ihr Leben verändert hat, hören der Mutter eines Buben mit Behinderung zu, was IKA in seinem und ihrem Leben bewirken konnte, und einiges mehr.
Wenn Ihr Fragen oder Anregungen habt, schreibt uns, die E-Mail-Adresse findet Ihr im Begleittext zu dieser Folge, wie auch einige Links, die Euch interessieren könnten. Ingrid Huber und Philip Scheiner danken Euch fürs Zuhören. Bis bald!