Wahrnehmung wirkt! Wege des Embodiment mit Integrativer Körperarbeit· Folge 6

6. Jakobs Geschichte

Donnerstag, 29. Oktober 2026 · 41 min

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Shownotes

In dieser Folge hört Ihr ein Gespräch mit Dagmar. Sie ist die Mutter von Jakob und berichtet von der ersten Zeit nach einer schweren Geburt, durch die ihr Sohn mit Beeinträchtigungen ins Leben gestartet ist. Ich, Ingrid Huber, durfte sie und Jakob in den ersten Jahren als IKA-Praktizierende begleiten. Gemeinsam erinnern wir uns an diesen besonderen Entwicklungsweg, auf dem wir viel über Geduld, Einfühlungsvermögen, unerwartete Erfolge und tiefes Vertrauen in die Regenerationsfähigkeit des Körpers gelernt haben.
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Transkriptvom Podcast bereitgestellt · Zeitmarken springen hin

„Wahrnehmung wirkt!“ Wann ist ein Zwerchfell bereit, dass es eine Spannung auslässt? Oder wann ist eine kleine Fußsohle bereit dafür, dass sie Kontakt aufnimmt mit dem Boden? Oder wann ist ein Gesicht dafür bereit, Mimik zu zeigen? Jetzt im Fall von Jakob, wenn ich der Entwicklung Zeit gebe, bis sie von selbst kommt, dann ist es mühelos.

Ihr hört die sechste Folge eines Podcasts rund um das Thema Integrative Körperarbeit. Mein Name ist Philip Scheiner. In dieser Folge könnt ihr Ingrid Huber, die Leiterin des Instituts für Integrative Körperarbeit, im ausführlichen Gespräch mit Dagmar hören. Dagmars Sohn Jakob hat im Zuge seiner Geburt durch Sauerstoffmangel eine existenzielle Notsituation erlebt und überlebt und starke Beeinträchtigungen davongetragen.

Dagmar und Ingrid erzählen im Folgenden von pessimistischen Prognosen und selbstständigem Essen, also von einem kontinuierlichen Veränderungsprozess mit faszinierenden Wendungen im Leben des mittlerweile zehnjährigen Jakob. Integrative Körperarbeit, kurz IKA, war in Jakobs ersten Jahren eine von mehreren schulmedizinischen, ergotherapeutischen, physiotherapeutischen, logopädischen und so weiter.

Ihr könnt in dieser Ausgabe von „Wahrnehmung wirkt!“ erfahren, was Ingrid für Jakob tun konnte. Zunächst hören wir Dagmar, deren Sohn wir diese Folge widmen. Ich habe eine problemlose Schwangerschaft gehabt und die Geburt war einfach sehr dramatisch. Er ist ohne Vitalfunktionen auf die Welt gekommen, er hat wiederbelebt werden müssen und ist eigentlich vom Kreißsaal auf die Intensivstation gekommen.

Irgendwie war mir ganz schnell klar, da ist ganz viel passiert. Also das ist jetzt nicht nur kurze Anpassungsschwierigkeiten und es ist dann alles wieder gut, sondern da ist jetzt ordentlich was schiefgegangen. Der Jakob war insgesamt vier Wochen auf der Intensivstation, ist intubiert worden, ist über Sonde ernährt worden.

Genau, ein Hirnödem hat er auch gehabt, er ist drei Tage lang gekühlt worden. Auf 32 Grad oder so ist die Körpertemperatur runtergekühlt worden, damit man das eindämmen kann, das Hirnödem, und so weiter. Und ich bin dann einfach jeden Tag zu ihm und bin bei ihm gesessen. Wir haben uns abgewechselt, mein Mann und ich. Also einer war immer daheim bei der Tochter und einer war beim Jakob im Krankenhaus.

Nach drei Wochen auf der Intensivstation war für mich so ein Punkt: Da hab ich das Gefühl gehabt, es kann ihm medizinisch jetzt momentan niemand weiterhelfen. Also aus der Situation kommen wir jetzt nicht so schnell raus. Sprich, er hat eine Nasensonde gehabt, er hat einen Überwachungsmonitor gehabt, es ist die Sauerstoffsättigung permanent gemessen worden, und aus der Situation kommen wir nicht raus.

Also müssen wir irgendwie schauen, wie kommen wir aus dem Krankenhaus raus mit dem, wie es einfach war. Und ich hab nach drei Wochen so vorsichtig angefragt: „Dürfen wir den Jakob mitnehmen? Wie schaut’s aus?“ Und dann bin ich mit dem Jakob gemeinsam in ein Mutter-Kind-Zimmer auf der Intensivstation verlegt worden und bin eingeschult worden in alles, was man sich so vorstellen kann.

Also ich hab gelernt, die Nasensonde zu legen, ich hab gelernt, die Sauerstoffsättigung zu messen, ich hab einen Erste-Hilfe-Kurs machen müssen, damit ich ihn im schlimmsten Fall wiederbeleben kann. Und wir sind noch vier Wochen später mit einem Kofferraum voller, mit einer mobilen Intensivstation sozusagen heimgekommen.

Und ich habe im Krankenhaus schon eigentlich in der Woche, wo ich mich so vorbereitet habe auf zu Hause, mich auf die Suche gemacht nach allem, was zu Hause helfen kann.

Also angefangen bei Wer kann für mich kochen, wer kann auf die Tochter aufpassen, wer kann vielleicht einmal die Bettwäsche wechseln, bis hin zu: Okay, wer kann noch helfen, so insgesamt.

Und zu der Zeit war eine Freundin von mir bei einem Seminar von der Ingrid, und die Ingrid hat wohl in dem Seminar vom BMC, vom Body-Mind Centering, erzählt und von IKA. Und meine Freundin hat damals gefragt: „Ingrid, kennst du auch jemanden, der das in Graz anbietet?“

Und Ingrid hat gesagt „Ja.“ Und so war eigentlich der Erstkontakt zu Ingrid hergestellt.

Wir sind im Mai damals heimgekommen und ich glaube, im Juni haben wir den ersten Termin gehabt mit der Ingrid. Also die Ingrid ist damals zu uns nach Hause gekommen, wöchentlich auch dann, und hat mit Jakob und auch mit mir IKA gemacht. Nach Jakobs Geburt kam Dagmar in einen Funktionsmodus, wie sie sagt, in dem das Geschehen am Laufen gehalten wird, während die neue Situation erst nach und nach bewusst wird.

Der Jakob ist schon weggebracht worden auf die Intensivstation und ich bin nach der Geburt ins Zimmer gegangen und hab Milch abgepumpt, weil ich mir gedacht hab: Mein Sohn braucht was zum Essen, was ist jetzt zu tun? Und das, was zu tun ist, das machen wir jetzt. Und im Nachhinein ist es einfach so, dass wir komplett erstarrt waren, dass mir einfach überhaupt nicht bewusst war, was da eigentlich so los ist.

Also Funktionieren und Starre. Wir haben nächtelang nicht geschlafen, vor allem als ich dann zu Hause war, haben wir im Schichtbetrieb die Nächte verbracht und einfach ganz wenig geschlafen. Ich war absolut kraftlos. Ich hab einfach Dinge nicht mehr machen können. Ich hab mich einfach nur mehr über Wasser gehalten.

Womit wir beim Thema Ressourcen wären. Es ist definitiv so, dass mein Mann und ich den gleichen Sinn oder die gleiche Wertigkeit haben, was Familie betrifft. Also Familie ist für uns beide ganz hoch, und wir haben wirklich ganz, ganz gut zusammengeholfen und zusammen das alles geschupft, im Wechsel und im Gespräch.

Wir haben einfach alles geteilt, und natürlich auch Freunde, Familie. Es hat ganz viele Menschen in meiner Nachbarschaft gegeben, die für mich gekocht haben, das super vor die Tür gestellt haben, und ein kurzes WhatsApp: Mittagessen steht vor der Tür. Also das war total hilfreich, und ich bin sehr gut, was Organisieren betrifft.

Ich habe einfach ganz schnell meinen Block her und meinen Kugelschreiber und habe mir Listen gemacht: Wer ist da, was brauchen wir, was machen wir, was tun wir? Also sehr rational eigentlich. Dann kam, wie bereits angedeutet, Ingrid Huber ins Spiel. Sie wird gleich davon erzählen, wie Körperarbeit mit einem Säugling mit starken Behinderungen stattfinden kann.

Zunächst Was konnte Dagmar dabei lernen?

Es war einfach so, dass die Ingrid ins Zimmer furchtlos, empathisch zu uns gekommen ist und für uns mit den Raum gehalten hat. Also sie ist hergekommen und war sehr präsent, sehr empathisch und hat sich überhaupt zu uns getraut. Es war zu der Zeit so, dass viele Menschen sich einfach nicht zu uns getraut haben, weil es einfach zu schwer auszuhalten war.

Der Jakob hat starre, große, schwarze Augen gehabt, er hat sich ständig überstreckt. Es war einfach schwer auszuhalten. Und die Ingrid hat das in den Stunden, die sie bei uns war – wir haben uns so mitgetragen gefühlt, und das war wirklich schön und hilfreich, dass da jemand ist, der unser Schicksal und unsere Geschichte ein Stück weit mitträgt.

Und das hat mich dann auch irgendwie furchtloser gemacht. Und das, was ich auf jeden Fall gelernt habe, ist das Im-Moment-Bleiben. Und ich glaube, das ist auf jeden Fall eine Ressource, die ich mitgenommen hab, dass man schaut: Was ist jetzt da? Weil die Vergangenheit war schlimm, der Rückblick auf die Geburt und die Zeit im Krankenhaus war schlimm.

Da braucht man nicht immer zurückzuschauen. Natürlich, wenn was hochkommt, schauen wir es an, aber ich muss jetzt nicht immer in dem hängen bleiben, und der Blick in die Zukunft war und ist ungewiss. Da finde ich die Ressourcen auch nicht. Und in dem, dass ich da bin und mir anschaue, was jetzt da ist, geht es mir eigentlich ganz gut.

Und wie hat Ingrid diese Phase ihrer Arbeit mit dem kleinen Jakob erlebt? Ganz wesentlich ist, glaube ich, dass ich ja nicht als Freundin oder Nachbarin oder Familienmitglied gekommen bin, sondern doch als Professionistin. Und ich hab viele Jahre Erfahrung gehabt mit geistig und körperlich beeinträchtigten Menschen als Musik- und Bewegungserzieherin einerseits, und andererseits habe ich in der Ausbildung mit der Bonnie Bainbridge speziell die Arbeit mit Babys, also mit Neugeborenen oder Kindern im ersten Lebensjahr, einfach miterlebt.

Wir haben dort in der Ausbildung nicht selber behandelt, aber ganz schön war, dass einmal in der Woche in den Ausbildungswochen eine Familie gekommen ist, Eltern mit einem Neugeborenen, Kinder, die so wie der Jakob Sauerstoffmangel hatten bei der Geburt. Die Bonnie hat mit den Kindern gearbeitet und wir haben einfach zugeschaut, und nachher, wenn die Familie dann wieder abgereist ist, durften wir Fragen stellen und hat sie uns beschrieben, was sie wahrgenommen hat.

Und das habe ich sehr in mich aufgesaugt. Und ein großer Teil dieser Ausbildung, Body-Mind Centering, ist ja eben das Wissen und das erfahrene Wissen über die Bewegungsentwicklung oder Entwicklungsmuster, die schon ab der Empfängnis oder ab der Befruchtung des Eis beginnen und sich über die Geburt hinaus im ganzen ersten Lebensjahr, circa bis das Kind dann stehen und freigehen kann, entwickeln.

Also das war sozusagen das berufliche Wissen, das ich hatte, als ich zum Jakob gekommen bin. Und was für mich wirklich schön war, das war, dass die Dagmar oder die Familie das, was eigentlich die Stärke ist von IKA, wirklich auch haben und nehmen wollten, weil es gab natürlich viele Diagnosen für den Jakob und es gab viele vorgeschlagene und durchgeführte Therapien.

Also es kam eine Sehfrühförderin für seine Augen, weil vermutet wurde, dass er nicht sieht oder nur verschwommen sieht, also auf jeden Fall die Augen nicht scharf stellen kann. Es gab eine Logopädin, die herausfinden wollte, ob der Jakob irgendwann mal schlucken und kauen und also selbstständig essen kann.

Es gab natürlich die Physiotherapie, die an seinen Reflexen, an seiner motorischen Entwicklung gearbeitet hat. Und dann gab es zusätzlich mich mit Integrativer Körperarbeit. Und bei mir war es so fein, dass ich sozusagen nicht an einer Diagnose gearbeitet habe und auch nicht ein bestimmtes, eng gefasstes therapeutisches Ziel erwartet war.

Und so konnte ich hingehen und einfach bei jeder Sitzung, zu der ich kam, wahrnehmen: Was ist denn heute gerade da, oder welche Stelle in seinem kleinen Körper ist die Stelle, wo gerade ein Entwicklungsfenster offen ist, also eine Stelle, die ich wahrnehmen und berühren darf und mit der ich kommunizieren darf, weil sie jetzt gerade und heute bereit dafür ist.

Und so sind wir eigentlich relativ unlinear, also wirklich spielerisch forschend und immer wieder hinschauend und fühlend und zuhörend vorgegangen. Und das ist die Stärke von Integrativer Körperarbeit. Und das war ein Privileg, dass das auch gewünscht und eingeladen war. Es hat einmal zwei Momente gegeben, die mir sehr stark in Erinnerung geblieben sind von dem, was die Ingrid in den ersten Sitzungen gemacht hat.

Also ich würde das so als die Catcher bezeichnen, die mich wirklich so sehr neugierig auf IKA gemacht haben.

Und das eine war Ingrid hat – ich weiß nicht, ob es schon beim ersten Mal war, aber definitiv eine von den ersten Behandlungen oder Sitzungen – da hat sie gesagt, sie hat den Erstkontakt über den Darm aufgenommen, weil sie gemeint hat, der Darm zeigt sich gesund und präsent.

Und das war für mich so schön An dem Kind ist irgendwas gesund, und die Verdauung war und ist gesund.

Das hat einfach gestimmt und das war total schön. Es gibt gesunde Anteile an dem Kind, das war sehr schön. Und das Zweite war, dass die Ingrid einmal gesagt hat, sie hat über den Sehnerv meditiert. Das habe ich so schön gefunden, weil es so sanft war. Also der Jakob hat zu der Zeit einfach ganz viele massive Eingriffe über sich ergehen lassen müssen, und ja, nicht nur Eingriffe, sondern Übergriffe.

Wir haben ihn mehrmals am Tag absaugen müssen, weil er den Schleim nicht schlucken hat können, und so weiter. Der Tag war durchtränkt mit Eingriffen, und über den Sehnerv zu meditieren war einfach schön und sanft und genau das, was ich mir gewünscht habe für mein Kind. Ich war immer dabei, entweder habe ich selbst den Jakob gehalten oder die Ingrid hat den Jakob gehalten oder wir beide haben ihn gehalten.

Und das waren einfach sehr schöne Momente. Ich hätte es damals nicht beschreiben können, was es jetzt wirklich war, aber es war so eine guttuende gemeinsame Atmosphäre und Stimmung. Also jetzt von außen würde ich das einfach so beschreiben, dass Ingrid ihre Hände aufgelegt hat und passiert ist, dass sie den Raum gehalten hat für die ganze Geschichte, für den Jakob, für die Geschichte, für alles drumherum und den Raum bereitet hat, damit Entwicklung passieren darf.

Also da würde ich schon hinzufügen, dass von außen erlebt dieses Raumhalten eventuell im Vordergrund war, aber dass ich schon sehr, sehr konkret kommuniziert habe, mit ganz konkreten Strukturen. Also ganz viel waren wir – ich sag „wir“ – gemeinsam an dem Zustand seines Hirnstamms dran, weil das ja der Ort ist, wo der Sauerstoffmangel dann sozusagen seine Auswirkungen auch gezeigt hat.

Und für die Schulmedizin ist es so, dass bei einem Hirnstamm, der Sauerstoffmangel hatte bei der Geburt, einfach, wie soll ich sagen, sozusagen hingenommen wird, dass bestimmte Funktionen beeinträchtigt oder einfach völlig ausgeschaltet sind. Und das ist etwas, was ich auf jeden Fall von Bonnie Bainbridge gelernt habe: dass man auch mit Nervengewebe und Nervensystem, das beschädigt oder beeinträchtigt wurde, kommuniziert, in dem Glauben dran, dass es möglich ist – dass es vielleicht nicht unbedingt geschieht, aber dass es möglich ist –, dass da auch wieder Leben hinkommt.

Und das habe ich, glaube ich, sehr oft benannt, dass ich nicht den Eindruck hatte, dass im Hirnstamm was zerstört ist, sondern dass dieser Hirnstamm – also die Dagmar hat mich daran erinnert, dass ich gesagt habe, dass er dunkel ist, aber ich habe so in Erinnerung, dass er wie in einem Tiefschlaf ist, also so genau da schläft, aber es wäre möglich, das wieder zu wecken.

Und um sozusagen zu fragen „Ist das, was geweckt werden kann, bereit?“, bin ich immer wieder mit den Händen und mit meiner inneren Absicht zu dem Hirnstamm.

Und an was ich mich auch noch gut erinnern kann, das ist, dass der Jakob über die Nasensonde ernährt wurde. Also das Essen wurde sozusagen durch die Nase, durch die Speiseröhre in den Magen geleitet. Aber ganz oft war es so, dass ich gekommen bin und die Dagmar mir erzählt hat: „Ui, heute hat er schon sechsmal das Essen wieder gespuckt.“

Und dann habe ich zum Beispiel viel mit seinem Zwerchfell gearbeitet.

Wir sind draufgekommen Wenn sein Zwerchfell in hoher, hoher Spannung und hochgezogen war, dann haben der Magen und der Darm sozusagen ihre Arbeit nicht gut machen können.

Dann ist eben diese Sondennahrung einfach von unten nach oben wieder rausgekommen. Und in der gemeinsamen Erinnerung ist uns auch gekommen, dass ich jetzt weniger direkt an seinem Bewegungsapparat, an seinen Muskeln, an seinen Bewegungsabläufen gearbeitet habe. Das ist etwas, was eher auch von der Physiotherapie abgedeckt wurde, aber ich habe viel meine Aufmerksamkeit dort gehabt, wo die Voraussetzung ist für motorische Entwicklung.

Und das ist einerseits ein guter Kontakt zur Schwerkraft, dass alle Gewebe des Körpers die Schwerkraft kennen und in Kooperation mit der Schwerkraft arbeiten. Und das war bei ihm oft nicht, weil er eben in so einer gehaltenen Überspannung oder Hochspannung war, also an diesem Nachgeben-Können, und in den Boden, in einen Arm, der ihn gehalten hat, sich hineinschmiegen können.

Das war ein wiederholtes Ziel oder in meiner Aufmerksamkeit. Und das andere waren seine inneren Organe, die auch in so einer – manche Organe vielleicht in einer Überspannungsstarre, aber manche auch in einer Hypotonie-Starre. Und die Organe sind die innere Voraussetzung dafür, dass ein Kind sich irgendwann aufrichten kann.

Also die Fülle, das Volumen, der dynamische Tonus der inneren Organe ist das, was eine Wirbelsäule und Hüftgelenke und einen Nacken irgendwann in die Aufrichtung auch bringt oder diese Aufrichtung ermöglicht. Und das haben wir einfach wiederholt und immer wieder jede Woche, oder manchmal waren es auch zweiwöchige Abstände, miteinander gemacht, und manchmal war der Jakob wach dabei.

Gerade am Anfang hat er auch viel geschlafen, einfach weil Babys sowieso viel schlafen, aber weil wir dann auch gemerkt haben, dass die Arbeit noch tiefer gehen kann, wenn er schläft. Und ich bin dann tatsächlich zu den Zeiten gekommen, wo er von seinem Rhythmus her vermutlich schläft, und es ist immer wieder gut gegangen.

Und dann hat er seinen Rhythmus verändert. Und dann bin ich zu einer anderen Uhrzeit gekommen. Genau, das war irgendwie auch toll, weil mein Stunden- und Arbeitsplan ist an sich sehr voll und meine Kinder waren damals auch noch klein, und ich habe eigentlich nie gedacht, dass ich Zeit habe für Hausbesuche, die noch dazu außerhalb von Graz sind.

Aber das war wie ein Wunder, dass sich das ausgegangen ist. Also es gab immer einen Vormittag, wo das gepasst hat. Es war besonders. Was waren die bemerkbaren Veränderungen, die in der Arbeit von Ingrid und Jakob geschehen konnten? Sein Mund war absolut bewegungslos, also da hat es keine Muskelbewegungen gegeben.

Und da sind wirklich immer wieder mal nach den Behandlungen Zuckungen gekommen. Ich hab gelernt, sehr wach zu sein, was Veränderungen betrifft. Und da war das einmal, dass er danach besser geschlafen hat, oder wenn die Ingrid wirklich am Zwerchfell gearbeitet hat, er danach wirklich weniger erbrochen hat.

Oder einmal war es nach einer – da hat er wohl einen Infekt gehabt vorher, wobei er hat zu der Zeit eigentlich immer irgendwie Lungeninfekte gehabt. Und da war auch so eine Sitzung, wo man – ich weiß es nicht mehr genau, aber wir haben das so empfunden, als ob er den ersten Schrei nachgeholt hätte. Er hat einfach nach der Geburt nicht geweint, nicht geatmet, nicht geschrien.

Und es war in einer Sitzung so, dass wir den Eindruck gehabt haben, jetzt hat er das nachgeholt. Und ich bin danach mit ihm heimgefahren. Also das war dann schon später. Da habe ich eine Sitzung in Graz in der Praxis gehabt, und er hat beim Heimfahren so viel erbrochen, dass ich stehenbleiben hab müssen und ihn irgendwie da befreien hab müssen von dem Ganzen.

Und er war danach freier in der Atmung. Also nicht nur jetzt in dem Moment, wo der ganze Schleim draußen war, sondern nachhaltig freier. Und so über die lange Zeit würde ich einfach sagen, dass er ruhiger geworden ist, dass sich das Nervensystem beruhigt hat, dass er sich weniger überstreckt hat, dass er ein bisschen mehr gelandet ist in seinem Körper.

Was mir da als Erstes einfällt, ist, dass wirklich sehr, sehr, sehr hilfreich war, dass die Dagmar bei den Sitzungen immer dabei war. Und zwar jetzt nicht nur als Mutter, die am Rande sitzt und mir das Kind übergibt, damit ich hier meinen Job mach, sondern ich habe immer den Eindruck gehabt, dass wir zu dritt in die Behandlungen gehen oder in diese kleinen Reisen, nenne ich sie fast, was so eine Behandlungseinheit war.

Und das war so ein gutes Beispiel dafür, dass Heilung und Entwicklung, dass beides in Beziehung passiert. Und ich als eine Person, die von außen kommt – und auch wenn ich einmal in der Woche gekommen bin, kann ich zu so einem Neugeborenen ja keine intensive Beziehung aufbauen. Für ein Neugeborenes ist eine ganze Woche wie ein ganzes Leben.

Aber ich hatte eine Beziehung zur Dagmar, und die Dagmar in ihrer engen Beziehung zum Jakob hat ihm diesen Beziehungsraum gehalten, auch zu mir. Und mir ist bewusst geworden, wie unglaublich wirksam das war, dass die Dagmar eben in ihrer ganzen Präsenz, in ihrem Mitfühlen dabei war und sich genauso berühren lassen hat, wie der Jakob sich hat berühren lassen.

Also das kam mir unglaublich essenziell vor dafür, dass viel von dieser Arbeit in ihm gut gelandet ist und sich tatsächlich umgesetzt hat in seiner Entwicklung. Die Dagmar hat mir auch erzählt, mit welchen Prognosen sie aus dem Krankenhaus entlassen wurde, oder sie musste in sehr, sehr engen Abständen auch zu Kontrollen in die Kinderklinik.

Und da ist ihr auf höfliche Weise nicht viel Hoffnung gemacht worden in Bezug auf Essen, Sprechen, Aufstehen, Gehen. Und das war tatsächlich auch besonders an der Dagmar, dass sie diese Diagnosen und Prognosen zur Kenntnis genommen hat, aber sich selbst und der Familie und dem Kind Raum gehalten hat für: Da dürfen auch Dinge passieren, die die Medizin aus ihrer Erfahrung nicht so sieht.

Also dieser Glaube an Entwicklungsfähigkeit, in dem haben wir uns, glaube ich, getroffen, ein Glaube dran, und dann schauen, welche Schritte nach und nach möglich sind. Und es hat sich einfach in seinen Füßen ganz viel getan. Ich kann mich noch erinnern, du hast einmal irgendwie über Schuhe gesprochen bei der Kontrolle in der Kinderklinik und dann gesagt, dass diese Ärztin dort dann irgendwie ganz betreten reagiert hat, weil sie halt gedacht hat, dieser junge Mensch wird niemals Schuhe anhaben, weil er wahrscheinlich in Rollstühlen und Liegeschalen sein Leben verbringen wird.

Ich kann mich genau erinnern, sie hat damals gemeint: „Ja, Schienen, Schienen, das wird er eh nicht brauchen.“ Und in dem Moment habe ich mir gedacht: Nein, das wird er sicher nicht brauchen, weil er ja gehen lernt, warum soll er Schienen brauchen? Und erst danach ist mir bewusst geworden: Hoppla, die hat das anders gemeint.

Sie hat gemeint, er wird keine Schienen brauchen, weil er sowieso nicht gehen können wird. Und das war für mich so ein Schlüsselerlebnis. Na, schauen wir mal, schauen wir mal, wo wir hinkommen. Und wir haben mit seinen Füßen gearbeitet und mit dem Kontakt seiner Füße zum Boden und mit den Reflexen und mit der Reaktion.

Genau, wir sind an der Gesichts- und Mundmuskulatur drangeblieben, obwohl von der Schulmedizin eigentlich klar war, er wird immer mit Sonden ernährt werden. Und das war auf jeden Fall die Dagmar. Du hast den Raum für das gehalten. Das könnte IKA nicht, wenn es nicht Eltern gibt, die – wir richten uns dahin aus, dass Heilung sein kann, dass Heilung passieren kann.

Und das hat eigentlich ermöglicht, dass ich meine Expertise oder meine Aufmerksamkeit, meine Absicht da hineingegeben hab, ohne die Eltern, ohne die Mutter auch. Der Boden ist eigentlich – die Mamas und die Papas sind der Boden für die Entwicklung eines Kindes. Und wenn dieser Boden aber nicht da ist oder nicht in Kontakt mit mir geht, dann genau, dann ist da ganz viel weniger möglich.

Und das war sehr speziell, dass das immer so ein Tanz zu dritt war. Und es hat dann auch Tage gegeben, da bin ich gekommen und der Jakob hat geschlafen, und die Dagmar hat mir aber erzählt, was in ihr gerade vorgeht, welche Erinnerungen sogar bis zu ihrer Herkunftsfamilie gerade da sind, die hochgekommen sind in Bezug auf das, was mit dem Jakob gerade ist.

Und dann haben wir das in die Mitte geholt und damit gearbeitet. Also die Dagmar ist mindestens genauso viel gewachsen wie der Jakob. Und wie hat Dagmar ihre Zuversicht behalten können? Vielleicht bin ich einfach stur genug. Also ich bin sicher von meinem Wesen her stur, und ich habe es einfach nicht gern, wenn jemand heute schon weiß, was morgen passiert.

Also das ist einfach nicht bei mir. Ich bin der Schulmedizin sehr dankbar. Ich hab Pharmazie studiert, also ich komme aus dem Eck, und ich weiß, dass die Schulmedizin Jakobs Überleben gesichert hat. Und dazu gibt es noch was anderes, nämlich das, was heute noch keiner weiß. Und daran glaube ich ganz fest.

Und ich glaube an die Entwicklung und ich glaube an Wachstum und ich glaube daran, dass nicht alles, was wir in die Wiege gelegt bekommen haben, reicht. Also wir können einfach noch dazulernen und dazuwachsen. Und genau das glaube ich auch für mich und für den Jakob. Und das war mein Antrieb. Wie geht es Jakob jetzt?

Er geht frei, er isst selbstständig, wir haben keine Sonde mehr, er hat keine wiederholten Lungenentzündungen mehr aufgrund von Aspiration. Er hat überhaupt ein sehr gutes Immunsystem, er ist kaum krank, er kommuniziert über Gebärden, über unterstützte Kommunikation, er ist gut. Gelandet. Er geht in die Schule, er kann lesen und schreiben, er kann das ganze Alphabet, und er kann es von vorne nach hinten und von hinten nach vorne aufzählen.

In der Behandlung eines schwerkranken Menschen ist das respektvolle Miteinander von Körperarbeit und Schulmedizin besonders bedeutsam. Viele therapeutische und nicht zuletzt diagnostische Maßnahmen bleiben selbstverständlich Ärztinnen und Ärzten vorbehalten. Dem körperlichen und seelischen Gesundheitszustand von Jakob dienlich waren und sind aber auch andere Begleit- und Unterstützungsmaßnahmen.

Ich glaube auch, dass die Schulmedizin das Leben gerettet hat vom Jakob, dass sie diese unglaublich tollen Geräte zur Sauerstoffsättigungsmessung, die Absauggeräte, die Sonde – er hat ja dann auch eine Magensonde gehabt einige Zeit. Also das sind einfach unschätzbare Erfindungen, und die haben sein physiologisches Überleben ermöglicht.

Nicht nur das Leben gerettet, sondern auch das Überleben ermöglicht. Und was irgendwie bei den Stratils besonders war, das war, dass einfach auch die Ressourcen da waren, den Jakob vielfältig zu begleiten. Also da sind viele Menschen ein- und ausgegangen in dem Haus in den ersten, sage ich jetzt mal, zwei, drei Jahren, bevor ihr dann selber außer Haus gehen konntet.

Und ich kann mich erinnern, es war, glaube ich, der vierte oder fünfte Geburtstag, da gab es zum ersten Mal ein Geburtstagsfest. Also vorher waren Geburtstagsfeste einfach gar nicht möglich, Organisation und Ressourcen und Nerven. Und dann gab es ein Geburtstagsfest, und da sind dann alle Menschen gekommen, die den Jakob oder überhaupt die Familie in den ersten Jahren begleitet haben.

Und es waren einfach sehr, sehr viele verschiedene Therapeutinnen und Therapiearten. Und das fand ich so kostbar. Ich fand diese Kooperation so kostbar, dass es die Schulmedizin gab, die mit ihren Geräten, auch mit ihrer Überwachung, mit der Kontrolle das Überleben gesichert hat. Dann gab es spezialisierte Therapeutinnen wie die Physiotherapie, die Sehfrühförderung, die Logopädie.

Und dann hat die Dagmar sich auch sehr viel erkundigt und hat dem Jakob die Tomatis-Methode angeboten und Traumatherapie und IKA. Und IKA war so eingebettet in dieses Therapeutenteam. Und das war für mich unglaublich schön. Und da hat, glaube ich, IKA auch einfach so als Methode, als Herangehensweise seine Stärke ausleben können.

Eben diese Stärke von immer wieder schauen: Was ist heute und hier im Jetzt möglich und was ist jetzt dran, und das greifen wir auf und holen es in den Vordergrund. Und Integrative Körperarbeit hat ja auch dieses Eigenschaftswort „integrativ“ direkt im Namen. Und ich könnte mir vorstellen, dass IKA eben auch das Verbindende war zwischen den anderen Therapieformen, die sich mehr auf eine Fähigkeit oder eine Fertigkeit des Jakob konzentriert haben.

Und das ist etwas, was IKA gerne möchte: den Blick öffnen für diese vielen verschiedenen Ebenen des Menschseins, aber auch der menschlichen Entwicklung. Gerade bei Kindern, Babys geht es ja um Entwicklung, oder auch bei Heilung. Also ich glaube, dass Heilung auch kein linearer, eng gefasster Weg ist, sondern dass Heilung immer auf vielen verschiedenen Ebenen gleichzeitig oder zumindest mäandernd stattfindet und ermöglicht werden kann.

Es ist eine Mischung ihn begleiten in seinem Rhythmus – und das ist etwas, was IKA macht und machen möchte, Menschen in ihrem ureigenen Entwicklungs- oder Erkenntnisweg und Erkenntnis-Timing zu begleiten – und andererseits auch die Entwicklung in die höchste Möglichkeit, ins Gesundsein, gleichzeitig im Raum zu halten, oder in der inneren Ausrichtung, nennt man das wohl, das zu halten und gleichzeitig den Menschen nicht hinzupushen in Möglichkeiten oder in Potenzial, weil Heilung auch ein Lernprozess ist.

Es ist ein Lernprozess, und lernen können Menschen nur von innen heraus, und dazu ist ihr eigenes Timing notwendig. Es hat was mit Geschwindigkeit zu tun oder mit rechten Momenten, die zu bestimmten Zeiten da sind und wirken. Also es ist eine innere Haltung von Respekt und Achtsamkeit und auch, ich sage jetzt mal, Gewaltfreiheit, Menschen da abzuholen, wo sie gerade sind, und sie einzuladen in das, wofür sie gerade motiviert sind.

Und damit meine ich den Menschen als Ganzes mit seiner Psyche. Aber ich spreche tatsächlich auch von Körpergeweben oder Körperstellen. Wann ist ein Zwerchfell bereit, dass es eine Spannung auslässt, oder wann ist eine kleine Fußsohle bereit dafür, dass sie Kontakt aufnimmt mit dem Boden? Oder wann ist ein Gesicht dafür bereit, Mimik zu zeigen, jetzt im Fall von Jakob.

Aber das gilt ja für alle Begleitungen mit Integrativer Körperarbeit. Das waren in der sechsten Ausgabe von „Wahrnehmung wirkt!“ Dagmar und zuletzt Ingrid in einem Podcast, der diesmal vor allem Dagmars Sohn Jakob gewidmet war. Ich habe so das Gefühl, dass diese Zugangsweise von Integrativer Körperarbeit Menschen gut unterstützen kann in Ungewissheit, die ja jetzt nicht nur bei euch und bei Jakobs Entwicklung da war, sondern auf eine Art und Weise ist das Leben immer ungewiss für uns alle, oder wenn wir chronische Krankheiten oder Symptome haben, auch wenn uns Unfälle passieren, liegt immer eine Ungewissheit drin.

Und ich habe das Gefühl, dass dieser zuhörende, begleitende Zugang von Integrativer Körperarbeit da sehr hilfreich ist. Hilfreich ist, in der Ungewissheit Vertrauen zu schaffen, und ein Vertrauen, das nicht nur vom Kopf her kommt oder von Affirmationen – ich rede mir ein, es wird schon gut ausgehen –, sondern eine gefühlte Sicherheit im lebendigen Leib, im Kontakt mit dem Boden unter uns, in Berührung, im Gesehenwerden, in Begegnung mit anderen Menschen, in Begegnung mit der Natur.

Also Integrative Körperarbeit unterstützt, vertrauensvoll ins Ungewisse zu schauen und ins Ungewisse zu gehen. „Wahrnehmung wirkt!“ ist ein Podcast von Ingrid Huber und Philip Scheiner. Wir freuen uns, wenn ihr uns abonniert, und über Rückmeldungen aller Art. Folge 7 bringt wieder einmal eine Anleitung von Ingrid. Es wird um Innen und Außen und um die Grenze dazwischen gehen. Bis dann.

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