Zeitreise. Der Podcast

dr Schutzruum: Plan B für den Weltuntergang

Donnerstag, 15. Oktober 2026 · 58 min

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Shownotes

In der Schweiz sollte für jede Einwohnerin und jeden Einwohner ein Platz im Schutzraum bereitstehen. Wie kam es zu diesem riesigen Bauprojekt unter der Erde?
In dieser Zeitreise «dr Schutzruum» erzählen wir, wie die Angst vor dem Atomkrieg den Ausbau der Bunker vorantrieb. Wir schauen uns an, wie die Räume funktionieren sollten und welche Vorstellungen von Familie, Ordnung und Sicherheit in ihnen steckten.
Nach dem Kalten Krieg wurden viele Schutzräume anders genutzt: als Probelokale, Lager oder Weinkeller, aber auch als Unterkünfte für Geflüchtete. Und heute wächst das Interesse an Bunkern und privater Krisenvorsorge erneut massiv an.
Was erzählt der Luftschutzkeller über die Schweiz? Wen sollte er schützen, wer nutzt ihn heute – und wie viel Sicherheit kann oder konnte er jemals bieten?
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00:05 Zeitreise, der Podcast, der die Vergangenheit hörbar macht. Mit Ausflügen in unbekanntere Kapitel der Geschichte. Vorwärts und rückwärts durch das 20. Jahrhundert. Und über Umwege vom kleinen Detail zum grossen Ganzen. Ich bin Barbara Miller. Und mein Name ist Simone Rees.

00:29 Hallo zusammen. Heute gehen wir gemeinsam in den Untergrund und schauen uns die Geschichte eines — ja, man kann sagen — durch und durch helvetischen Phänomens an.

Wir sprechen nämlich heute über die Schweizer Luftschutzräume, und von denen gibt es im ganzen Land rund 360.000, und zusätzlich gibt es dazu etwa 2.300 große öffentliche Schutzanlagen, die eben jeder Einwohnerin und jedem Einwohner in der Schweiz bei einer Krise einen geschützten Platz zusichern.

01:02 Also, eine massive, unvorstellbar riesige, aber unsichtbare Welt, kann man sagen, unter der Erde. Unter Wohnhäusern, unter Überbauungen, unter öffentlichen Gebäuden. Und das ist ja schon die Frage wert, finden wir: Wie ist das überhaupt historisch erklärbar? Dass das, was sich sonst nur Milliardäre wie zum Beispiel Donald Trump leisten können, in der Schweiz einfach so für die ganze Bevölkerung zur Grundausstattung gehört. Ein eigener Platz zum Schutz vor dem Weltuntergang, also quasi ein Plan B im Keller.

01:37 Ja, weil die Schweizer Schutzinfrastruktur hat international einen außergewöhnlichen Umfang. Ich erinnere mich mega gut: Wir waren einmal auf Reisen und haben dort einen Israeli getroffen, und dann irgendwie am Abend ist das Gespräch auf den Luftschutzkeller meiner Kollegin gekommen, also im Haus ihrer Eltern, oder? Ja, und der Israeli hat uns überrascht angeschaut, so: "Switzerland?" "Why? Why do you have bunkers?" Völliges Unverständnis.

02:04 Aha. Und wir haben uns so sehr daran gewöhnt, oder? Niemand ist befremdet, wenn er die massiven Türen sieht.

02:12 Genau, genau. Und eben: Vergleichbare Systeme finden sich nur in ganz wenigen Ländern. Unter anderem in Schweden, Finnland und Singapur. Anders als in der Schweiz war dort aber nie vorgesehen, dass die gesamte Bevölkerung untergebracht werden kann.

02:26 Ja, das ganze Bauvolumen in der Schweiz sprengt ja völlig die Vorstellungskraft. Also, zumindest meine Vorstellungskraft sprengt es. Aber dass man sich vielleicht diesen Dimension ein bisschen annähern kann in der Vorstellung: Wenn man jetzt eben diese Schweizer Schutzbauten aneinanderreihen würde, dann würde das, Schätzungen zufolge, eine Strecke von rund 1.2000 Kilometern ergeben, also mehr als dreimal die Länge der Schweiz von Ost nach West. Wahnsinn.

02:59 Unglaublich. Ja, was wir heute diskutieren oder anschauen werden, ist eben: Ein Großteil dieser Anlagen wurden im Kalten Krieg errichtet. Und heute kennen sie viele sicher eher in einer zweckentfremdeten Form, also zum Beispiel als Lagerraum, als Luftpistole-Keller-Schießstand, oder zur Aufbewahrung von Wein.

03:18 Aber jetzt erlebt ja der Bunker auch wieder ein Comeback. Wenn auch nicht für alle in der gleichen Form, muss man sagen. Also Wohlhabende lassen sich jetzt so unterirdische Luxusresidenzen bauen für einen Notfall. Und in der international vernetzten Prepper-Szene wiederum bereiten sich Menschen mit Vorräten Überlebenstraining und privaten Schutzräumen auf länger dauernde Krisen oder einen Zusammenbruch der Versorgungskette vor. Und ja, Klimakrise, Pandemieerfahrungen und Sorge vor gesellschaftlichen Konflikten haben das Interesse natürlich noch verstärkt. Und in Europa hat der russische Angriff auf die Ukraine dieser Entwicklung natürlich noch einen zusätzlichen Schub verleiht. Also auch die Schweizerinnen und Schweizer treibt jetzt die Frage: Wohin gehen wir denn im Ernstfall? Also wie reagieren wir auf das?

04:06 Also, man kann sich fragen — oder wir haben uns gefragt — woher kommt das, dass das Schutzkonzept in der Schweiz so eine außerordentlich lange Tradition hat? Wie lässt sich unsere Bunkermentalität erklären? Haben wir einfach ein extrem ausgeprägtes Sicherheitsbedürfnis? Und ist der Schweizer Bunker heute ein Relikt, ein Denkmal, oder wieder eine Zukunftsvorsorge?

04:25 Ja. Gehen wir rein in den Bunker. Ja. Räume zu planen, die die Zivilbevölkerung vor einem möglichen Krieg schützen sollen, also Formen der vertikalen Flucht, quasi, das macht man in der Schweiz schon seit den 1930er Jahren, also seit der Zwischenkriegszeit.

04:45 Ja, damals war schon die potenzielle Bedrohung eines Luftkriegs aufgrund der wachsenden politischen Spannungen in Europa deutlich geworden. Und mit Schutzräumen hätten eben Menschen und lebenswichtige Güter bei Katastrophen, schweren Notlagen oder eben auch bewaffneten Konflikten geschützt werden sollen. Und 1934 ist der Schweizerische Luftschutzverband gegründet worden, und der Bundesrat hat mit einem dringlichen Baubeschluss das Bauen eines passiven Luftschutzes geschaffen. Und Bund und Kantone sind verpflichtet worden, geeignete Maßnahmen zum Schutz der Zivilbevölkerung gegen die Auswirkungen von Fliegerangriffen vorzubereiten und durchzuführen.

05:24 Und jetzt ein Jahr später, also 1935, hat der Bundesrat verordnet, dass Ortschaften mit über 5.000 Einwohner:innen eine örtliche Luftschutzorganisation gründen müssen. Gleichzeitig ist die Bevölkerung durch eine breite Kampagne, also zum Beispiel durch Wanderausstellungen, durch Vorträge, durch Filme und Broschüren, über die Projekte und Vorteile von Luftschutzräumen informiert worden, respektive überzeugt worden, warum das so vorteilhaft sei. Und es hat sich immer mehr die Idee durchgesetzt, bestehende Kellerräume zu privaten Schutzräumen auszubauen.

06:02 Wie das technisch umgesetzt werden soll, darum kümmert sich eine kleine Expertengruppe in der Eidgenössischen Luftschutzkommission. Und Anfang 1939 kriegen sämtliche Haushalte Broschüren "Anleitung zur Erstellung einfacher Schutzräume". Und dort drin wird eben erklärt, wie sich Kellerräume nahtreffsicher ausbauen lassen. Also sie hätten die Bewohnerinnen und Bewohner vor Splittertrümmern und der Druckwelle einer Bombe, die in der Nähe einschlägt, schützen sollen.

06:30 Wobei, jetzt muss man sagen: In der Praxis ist der private Luftschutzbau kaum vorangekommen in dieser Zeit. Oder? Also die Umbauten waren für Hauseigentümer:innen und Mietparteien teuer und haben sich natürlich auch oft mit den kantonalen Bauvorschriften nicht vereinbaren lassen. Also Bauen ist eine Sache der Kantone.

06:53 Ja, auch während dem Zweiten Weltkrieg änderte sich daran wenig. Zwar warben Behörden mit sehr aufwendigen Kampagnen für den Luftschutz und beschworen die umfassende Bedrohung eines modernen totalen Kriegs. Also selbst General Guisan hat dazu aufgerufen, möglichst viele Schutzräume zu errichten. Doch selbst als die Alliierten ihre Luftangriffe auf deutsche Städte verstärkt haben, blieb der Ausbau schleppend. Und bei Kriegsende standen für lediglich 15 Prozent der Schweizer Bevölkerung provisorische Schutzplätze bereit.

07:27 Ja. Wobei, man muss sagen, dass es ja ganz anders beim Militär ausgesehen hat, oder? Also während des Zweiten Weltkriegs entstehen ja in kurzer Zeit zahlreiche Befestigungen, die sicher die eine oder der andere von euch vielleicht schon einmal beim Wandern antraf. Also so verborgene Infanteriestellungen, Artilleriewerke, so im Alpen- und Voralpenraum. Und natürlich später dann auch weiterausgebaute geschützte Militärflugplätze.

07:57 Ja, das gewaltige Bauprogramm kostete rund 900 Millionen Franken. Und der Historiker Andreas Bäumler beschreibt seine Dimensionen mit einem sehr eindrücklichen Bild: Das Schweizer Staatsgebiet sei durch die Stollen im Inneren der Alpen um etwa 250 Kilometer erweitert worden. Das muss man sich einfach mal vorstellen.

08:20 Ja, und angetrieben wird ja dieser massive Ausbau durch das sogenannte Réduit-Konzept. Also die Vorstellung, dass man sich im Ernstfall in den Alpen verschanzen kann, die geht ja zurück bis ins 19. Jahrhundert und erreicht ja im Zweiten Weltkrieg so ihren wirklich krassen Höhepunkt. Also das Alpenmassiv soll als natürlich geschaffene Festung dienen, und ja, sie sei dadurch schwer einzunehmen und abschreckend für alle möglichen Angreifer.

08:50 Ja, und nach Kriegsende wird das Réduit zu einem zentralen Bestandteil der nationalen Erfolgserzählung. Also dass die Schweiz nicht angegriffen worden sei, schreibt man jetzt auch ihrer Verteidigungsbereitschaft und eben insbesondere dieser alpinen Festung zu.

09:05 Und diese Vorstellung hat ja enorme Symbolkraft entwickelt, oder? Also mitten in einem Europa, das eben vom Krieg verwüstet ist, so die Erzählung, ist die Schweiz dank ihrer alpinen Festung und natürlich ihrer Armee, die so widerständig war, ist diese Insel der Schweiz verschont geblieben. Und diese vermeintliche Abschreckungswirkung des Réduit hat sich so nach Kriegsende zu einem nationalen Mythos, kann man sagen, verfestigt. Und der Historiker Thomas Meissen spricht in diesem Zusammenhang von einem "zivil-religiösen Auserwähltheitsglauben". Also gemeint ist eben die Vorstellung, die Schweiz habe den Krieg nicht nur dank ihrer ausgefuchsten militärischen Strategie überstanden, sondern sie sei eben auch auf besondere Weise bewahrt worden.

09:59 Also gerade die Alpen haben in dieser Erzählung ja weit mehr als eine geografische oder militärische Funktion erhalten. Sie sind zum natürlichen Schutzwall und fast schon zum Zeichen göttlicher Vorsehung geworden. Also, wie wir aus unseren Folgen zur Neutralität und zu den Stolpersteinen wissen, ist diese Erzählung natürlich sehr stark verkürzt und verklärt. Also dass die Schweiz nicht besetzt worden ist, hat eben nicht nur am Réduit und am Wehrwillen der Armee gelegen.

10:25 Wir können es vielleicht hier noch einmal erwähnen: Entscheidend war vielmehr ein komplexes Zusammenspiel, also die geografische und militärische Ausgangslage, aber auch die wechselnden Interessen der Achsenmächte haben eine Rolle gespielt. Und zusätzlich dazu sind ja die weitreichenden Zugeständnisse gegenüber dem nationalsozialistischen Deutschland gekommen, also vom Handel und Finanzverkehr bis zur besprochenen restriktiven Flüchtlingspolitik, die ja dann wirklich für sehr viele Menschen tödliche Folgen hatte. Und vielleicht noch abschließend kann man dazu sagen: Eben auch die wechselnden militärischen Prioritäten von Hitler haben natürlich für den Verlauf des Krieges auch in der Schweiz eine Rolle gespielt.

11:05 Man kann es nicht genug oft wiederholen. Also der Réduit-Mythos hat eben diese widersprüchliche Geschichte auf eine ganz einfache Heldenerzählung reduziert: Die wehrhafte Schweiz hat sich aus eigener Kraft gerettet. Und dadurch sind natürlich auch ein bisschen unbequemere Fragen nach Anpassung, Abhängigkeit und Mitverantwortung lange in den Hintergrund geraten.

11:25 Ja, genau. Jetzt, nach dem Zweiten Weltkrieg macht sich eine allgemeine Friedenseuphorie in der Schweiz breit. Also ein neuer Krieg ist für viele Menschen in der Schweiz als wenig wahrscheinlich erschienen. Entsprechend hat der Schutz der Zivilbevölkerung auch so ein bisschen an Dringlichkeit verloren. Und der Bundesrat hat darum Teile des Luftschutzes zurückgebaut und zahlreiche provisorische Schutzräume dann auch aufgehoben.

11:49 Aber diese Zuversicht hält nicht lange an, weil bei der Neuordnung der Nachkriegswelt die gegensätzlichen Interessen der USA und der Sowjetunion immer deutlicher wurden. Also Europa hat sich in zwei Machtblöcke geteilt, die sich dann später auch militärisch organisiert haben, kennen wir alle, oder? Im Westen die NATO, im Osten der Warschauer Pakt. Und aus diesen Spannungen zwischen den ehemaligen Verbündeten, also zwischen den ehemaligen Alliierten im Zweiten Weltkrieg, ist eben der Kalte Krieg entstanden. Und mit ihm eine Bedrohung, die zunehmend die ganze Welt erfasst hat und die jetzt auch die gesellschaftliche und die politische Atmosphäre in der Schweiz geprägt hat.

12:29 Ja, und innerhalb von kurzer Zeit hat sich ja die internationale Lage noch weiter zugespitzt. Also im August 1949 hat die Sowjetunion die erste Atombombe gezündet und damit das nukleare Monopol der USA beendet. Also ein sehr wichtiger Punkt. Und dann, wenige Wochen später, haben die Kommunisten in China gesiegt und die Volksrepublik ausgerufen, was natürlich das Kräfteverhältnis noch einmal massiv verschoben hat. Und im Juni 1950, ist schließlich der Krieg in Korea ausgebrochen. Und damit ist jetzt der Kalte Krieg zum ersten Mal zu einem großen militärischen Konflikt geworden. Also der Kalte Krieg ist heiß geworden zu diesem Zeitpunkt, zum ersten Mal, kann man sagen.

13:12 Ja, und eben das nukleare Wettrüsten hat immer mehr an Fahrt aufgenommen. Also die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki haben schon 1945 gezeigt, dass ein moderner Krieg nicht mehr nur Armeen treffen wird, sondern eben ganze Städte und ihre Bevölkerung innerhalb von wenigen Augenblicken vernichtet werden können.Und mit jedem weiteren Ausbau des Atomwaffenarsenals ist die Gefahr globaler und bedrohlicher geworden.

13:42 Ja. Und es kommt eben noch dazu, dass die USA, die Sowjetunion und Großbritannien ihre Kernwaffen in der Wüste von Nevada, in der kasachischen Steppe, auf arktischen Inseln, im Pazifik und in Australien getestet haben. Und die Explosionen, die dann auch im Fernsehen mitverfolgt werden konnten, oder die jetzt diese gewaltigen Feuerbälle ausgelöst haben und die Druckwellen erzeugt haben und Krater in die Landschaft hineingerissen haben, so dass wirklich so mondartige Szenarien zurückgeblieben sind. Und ja, eben auch der radioaktive Niederschlag, der sich weit über das Testgebiet hinaus dann auch verbreitet hat. Und das hat natürlich extrem Eindruck gemacht zu dieser Zeit, wenn man das so gesehen hat.

14:29 Ja, erst ab 1963 sind solche Versuche in der Atmosphäre, im Weltraum oder unter Wasser durch das Moskauer Atomtest-Stop-Abkommen verboten worden. Unterirdische Tests sind weiterhin erlaubt geblieben. Das ist einfach auch so eine absurde Logik, oder? Auch die Schweiz hat lange mit einer eigenen atomaren Bewaffnung geliebäugelt. Schon 1946 hat der Bundesrat Karl Kobelt im Geheimen prüfen lassen, wie eine Schweizer Uranbombe oder eine vergleichbare Waffe entwickelt werden könnte.

15:00 Wobei, es ist ja nie zu einem Bau von so einer Schweizer Atombombe gekommen. Aber die nukleare Option ist über Jahrzehnte hinweg offen gehalten worden.

15:09 Also eben auch die Schweizer und Schweizerinnen haben sich zu dieser Zeit unsicher und bedroht gefühlt. Gedanken über einen nuklearen Angriff und auch die Erwartung eines Atomkriegs und die Idee eines bevorstehenden Weltuntergangs waren quasi normaler Begleiter in ihrem Alltag. Das Ausbrechen des Dritten Weltkriegs mit der absoluten Zerstörung durch ein nukleares Inferno hat eben nicht wie eine ferne Möglichkeit gewirkt, sondern wie eine Katastrophe, die jederzeit eintreten könnte.

15:50 Also, wir sehen: Diese massive Bedrohungswahrnehmung in den 1940er und 1950er Jahren hat den Ausbau des Schweizer Zivilschutzes entscheidend vorangetrieben. Die damalige Logik war quasi wie: An einem totalen Krieg, der eben nicht nur die Armee betrifft, sondern die ganze Bevölkerung, dem kann man eben auch nur mit einer totalen Landesverteidigung begegnen.

16:18 Und jetzt ist eben auch wieder die Erzählung wichtig, dieser Mythos über die schweizerische Sicherheitspolitik, die nach dem Zweiten Weltkrieg dominiert hat, eben die militärische Abwehrbereitschaft und der Rückzug der Armee in den Alpenraum, habe wesentlich dazu beigetragen, einen deutschen Angriff zu verhindern. Und mit dem fortschreitenden Kalten Krieg wird dieses Verteidigungsdenken auf die Zivilbevölkerung übertragen. Weil, wenn jetzt auch ein Atomkrieg als mögliches Szenario in Betracht gekommen ist, sollte sich nicht nur die Armee, sondern das gesamte Land auf den Ernstfall vorbereiten und im Zweifelsfall eben in den Untergrund ausweichen können.

16:55 Also der private Schutzraum wird damit eigentlich wie zu einer zivilen Fortsetzung des Réduit oder? Und vor allem wird er eben auch genau gleich mythisch verklärt. Also analog zu den befestigten Alpenräumen soll jetzt auch das flächendeckende Netz von unterirdischen Räumen unter den Wohnhäusern einem Gegner signalisieren, dass die Schweiz auch unter extremen Bedingungen absolut widerstandsfähig bleiben würde.

17:21 Und diese totale Landesverteidigung hat auf drei Pfeiler beruht: Erstens eine starke Armee, zweitens die wirtschaftliche Vorsorge für den Kriegsfall und drittens den Schutz der Zivilbevölkerung. Und der Zivilschutz sollte dabei nicht nur ganz praktisch Leben retten, sondern er hatte auch ganz explizit einen erzieherischen Auftrag. Also die Bevölkerung sollte Disziplin, Durchhaltewillen und Bereitschaft zum gemeinsamen Widerstand entwickeln. Also Vorsorge ist damit auch als moralische Pflicht gegenüber dem Land verstanden worden, als helvetische Pflicht und sollte die Identität und den Widerstandswillen des Volkes stärken.

17:58 Ja, man kann sagen, dass der Schutzraumbau eben weit mehr war als einfach nur ein praktischer Zweck zum Schutz bei einem nuklearen Angriff. Schweizerinnen und Schweizer haben in ihrem Selbstbild als eben widerständige, du hast es gesagt, demokratische und unabhängige Gemeinschaft bestärkt werden sollen. Und gleichzeitig hat so ihre Zugehörigkeit auch zu einem sogenannten christlichen Abendland betont werden sollen, natürlich. Also die Werte der geistigen Landesverteidigung haben so im Konzept der totalen Landesverteidigung weiterleben sollen. Nur sind diese Werte jetzt eben nicht mehr einfach transportiert worden über Reden und nationale Symbole, sondern eben buchstäblich in Beton gegossen worden.

18:41 Massiv. Wichtig war auch die Politik eines breit verankerten Antikommunismus, der in den 1950er Jahren einen Höhepunkt erreicht hat. Also diese Angst vor dem "roten Terror" hat sich nicht nur auf einen militärischen Angriff bezogen. Also in Teilen der Öffentlichkeit ist die Sowjetunion als Macht dargestellt worden, die nach der Weltherrschaft strebe. Und ja, der Kommunismus gezielt in westliche Gesellschaften einschleuse. Also nicht nur Panzer und Atombomben sind eben als Gefahr erschienen, sondern auch politische Parteien, Gewerkschaften, Kulturschaffende oder andere Personen, die als zu links gegolten haben. Vielleicht erinnert ihr euch: Felix Wirth hat in seiner Podcastfolge zu Science-Fiction-Hörspielen erzählt, dass Kulturschaffende, wenn sie eine Reise zum Beispiel nach China gemacht haben, nachher in der Schweiz einfach keine Aufträge mehr gekriegt haben oder nicht mehr gespielt wurden.

19:37 Ja, das hat ja dann eine Hochkonjunktur gehabt, oder? Und man muss auch differenzieren: Also es hat eine reale Bedrohung gegeben, aber Antikommunismus als Ideologie meint etwas anderes. Und eben auch in diesem Zusammenhang war es sehr funktional aufgeladen. Also die äußere Bedrohung ist mit der Angst vor dem inneren Feind verbunden worden.Und weil jetzt eben zum Beispiel die Armee oder der Zivilschutz oder die gesellschaftliche Ordnung kritisiert wurde oder nicht unterstützt wurde, oder man eben zum Beispiel Kritik an der Funktionalität eines solchen Luftschutzbunkers geäußert hat, dann hat man dann schnell einmal, ja, das als zweifelhafte Vaterlandstreue oder sogar als Unterstützung des Kommunismus interpretieren können oder abtun. Ja, und hier haben sich auch politische Feindbilder dann mit religiösen Vorstellungen vermischt, oder? Also der Kommunismus ist ja auch zum Beispiel als Antichrist bezeichnet worden, als der Teufel und als fundamentaler Gegenpol zu dieser christlich-abendländischen Schweiz, die es jetzt eben durch einen Bunker zu beschützen gilt.

20:41 Antikommunismus hat ja auch eine ganz wichtige Rolle gespielt bei der katholischen Weltmission. Ja, ihr glaubt es nicht, aber sogar beim Podcast zu den Luftschutzbunker schaffen wir es einen Link zur Mission herzustellen. Ja, also der Zivilschutz sollte nicht nur auf einen möglichen Angriff vorbereiten, er sollte eben auch Zusammenhalt, Gehorsam und Widerstandswillen stärken. Also wer vorgesorgt hat, einen Schutzraum gebaut hat und sich in die Landesverteidigung eingefügt hat, der hat in dieser Logik eben bewiesen, dass er politisch zuverlässig und loyal ist.

21:09 Ja, und am Ende der 1950er Jahre wird der Schutz der Zivilbevölkerung in der Schweiz jetzt zu einer staatlichen Aufgabe von nationaler Bedeutung. Also die verfassungsrechtliche Grundlage wird eigentlich geschaffen, und zwar im Jahr 1959, wo 62,3 Prozent des Schweizer Stimmvolks - Achtung - also der stimmberechtigten Männer, weil Frauen haben ja dann natürlich noch lange in der Schweiz nicht abstimmen können. Naja, auf jeden Fall: 62,3 Prozent des Schweizer Stimmvolks haben jetzt dafür gestimmt, den Zivilschutz wirklich fest in der Bundesverfassung zu verankern.

21:47 Schon am Anfang stand die Frage im Raum: Wie kann man sich vor dieser unglaublichen Gefahr einer Atomwaffe schützen? Und man hat ein technisches Konstrukt besprochen, nämlich den Atomschutzbunker. Also das ist natürlich etwas anderes als ein Luftschutzbunker, der vor einer Luft, also vor einem Bombenangriff, schützen soll, oder? Und im Jahr 1962 hat man sich auf den enormen Ausbau des Untergrunds geeinigt. Als einziges Land weltweit hat für die gesamte Bevölkerung einen Platz in einem Bunker sichergestellt werden sollen. Und 1963 wird dafür schließlich das Bundesamt für Zivilschutz geschaffen.

22:28 Übrigens: Dieser Grundsatz, pro Einwohner:in ein Bunkerplatz, der gilt bis heute. Also für jede Einwohnerin und jeden Einwohner soll in der Nähe des Wohnorts ein Schutzplatz vorhanden sein. Diese Pflicht bedeutet allerdings nicht, dass unter jedem einzelnen Gebäude zwingend ein eigener Bunker gebaut werden muss. Entscheidend ist die örtliche Versorgung mit Schutzplätzen und die Größe des Bauvorhabens. Und fehlen jetzt eben in einem Gebiet Schutzplätze, können Eigentümerinnen und Eigentümer beim Bau eines Wohnhauses verpflichtet werden, einen Schutzraum zu erstellen, auszurüsten und anschließend zu unterhalten.Und übrigens auch im Krisenfall wird dann die Gemeinde entscheiden, mit wem sie den Schutzraum teilen müssen.

23:13 Gute Nachbarschaft, so wichtig.

23:16 Ja, so wichtig. Also im Ernstfall stelle ich mir vor, gibt es dann auch so die eine oder andere Unannehmlichkeit. Also zum Beispiel wäre es verboten, dass die Leute ihre Haustiere mitnehmen könnten. Da würden fix so viele mit ihren Haustieren in die Bunker reingehen. Ich bin überzeugt.

23:32 Wir schaffen es ja nicht einmal, eine Waschmaschine zu teilen, konfliktfrei, geschweige denn zusammen einträglich in einem Bunker zu sitzen.

23:40 Für zwei Wochen.

23:41 Zwei Wochen, ja, ja. Und das bedeutet übrigens auch, dass, wenn kein eigener Schutzraum gebaut wird, zum Beispiel weil schon genug Plätze vorhanden sind oder technische Gründe dagegen sprechen, dann fällt grundsätzlich ein Ersatzbeitrag an. Und der ist momentan 1.400 Franken pro nicht erstelltem Schutzplatz. Und diese Mittel werden wiederum unter anderem für öffentliche Schutzräume und für die Erneuerung von Anlagen eingesetzt. Und Gemeinden müssen öffentliche Schutzräume bereitstellen, wenn das private Angebot nicht ausreicht. Jetzt ist natürlich die Frage, Simone: Weißt du, wo dein Schutzraum ist?

24:20 Ähm, hey, nein, das weiß ich gerade nicht.

24:23 Ich weiß, als Kind hat man das gewusst. Aber es war so ein riesen Ding, weil gerade ein neues Schulhaus gemacht wurde und dort darunter war der Zivilschutzraum und dann haben wir genau gewusst dass wir dort hin müssen. Aber nachher habe ich nie mehr eine Ahnung gehabt, wo mein Schutzraum ist.

24:36 Viel wichtiger als die Frage, wo das wäre, wäre für mich: Mit wem müsste ich ihn teilen? Je nachdem würde ich im Fall einfach sagen, ich bleibe draußen.

24:49 Ich sterbe lieber allein.

24:52 Und ich glaube, jetzt in Tschappina hat eben kein Mensch einen eigenen Luftschutzbunker.

24:56 Das habe ich mich vorhin beim Kochen noch gefragt.

25:00 Wir haben eben einen großen in der Gemeinde, dann wären alle Einwohner, alle 160, die wir haben, wären zusammen im Luftschutzbunker. Ich glaube nicht, dass das gemütlich wäre, ehrlich gesagt.

25:14 Also wir sehen, diese Geschichte hat bis heute rechtliche Folgen für die Schweiz. Und bestimmt ja auch, wie Teile des ausgeweiteten Wohnraums auch gestaltet werden müssen. Wenn wir jetzt wieder auf die Geschichte schauen, ist ja auch der internationale Vergleich spannend, weil das Luftschutzbunkerbauen zu dieser Zeit nicht einfach ein internationaler Trend war, den die Schweiz einfach mitgemacht hat. Weil zu diesem Zeitpunkt, als die Schweiz Bunker flächendeckend zu bauen begann, hat man ja zum Beispiel in Westdeutschland sich im Gegenteil mit der Beseitigung von alten Bunkern beschäftigt.

25:52 Das hat natürlich auch ganz stark mit den Erfahrungen von Deutschland im Zweiten Weltkrieg zu tun. Also Millionen Menschen haben ja Schutz in Bunkern und in Luftschutzkellern gesucht. Aber vor allem die einfachen Keller sind dann eben bei Volltreffern, bei Gebäudeeinstürzen oder bei Feuerstürmen immer wieder zu Todesfallen geworden. Also Menschen sind verschüttet worden, verbrannt oder in Rauch und Hitze erstickt. Also der Bunker ist darum in Deutschland nicht nur mit Schutz, sondern auch mit ganz vielen Traumatischen Erfahrungen des Bombenkriegs verbunden. Also wahrscheinlich der Feuersturm von Dresden ist ja den meisten ein Begriff, oder? Wo ganz viele Menschen eben in den Schutzräumen verstorben sind.

26:34 Genau. Also es gab natürlich schon auch Bunker, die viel geschützt haben, aber eben gerade vor allem diese Keller nicht... Und ja, und dann ist es natürlich auch so, dass das geteilte Deutschland eben direkt an der Frontline des Kalten Krieges gelegen ist. Und im Ernstfall eines atomaren Schlachtfeldes wäre es mittendrin gewesen. Und dann war der Glaiben an wirksamen Schutz durch einen Bunker deutlich schwächer als in der Schweiz, wo man wie davon ausgegangen wäre, ja, gut, wir wären mehr wie ein Kollateralschatten, oder? Aber natürlich, wenn du mittendrin bist, dann spendet so ein Bunker im Keller nicht so viel Hoffnung.

27:11 Ja, selbst in den USA hat die Begeisterung für private Atombunker nach der Kubakrise 1960 allmählich nachgelassen. Aber die Schweiz hat ihr Schutzraumsystem munter weiter ausgebaut.

27:24 Ja, und das Schweizer Volk ist wirklich breit hinter diesem massiven Projekt gestanden. Wie wir gehört haben, wenn man es nicht war, dann war man vielleicht auch nicht vaterlandstreu oder ein Kommunist. Aber es ist natürlich auch der weitreichenden Propaganda zu verdanken, oder durch das sichergestellt worden. Also ein Slogan in den 1960er Jahren hat zum Beispiel gelautet: "Neutralität schützt nicht vor Radioaktivität." Die Message dahinter ist deutlich, oder? Dass ein Atomkrieg das Land nicht direkt treffen muss, weil radioaktive Niederschläge keine politischen Grenzen kennen, natürlich. Und ja, Bunker werden so zu einer technischen Antwort auf eine Gefahr, die selbst der vermeintliche Sicherheitsgarant, den man in der Schweiz hat, die Neutralität, keinen Schutz mehr davor bieten würde.

28:14 Ja, eine ganz wichtige Metapher war in diesem Zusammenhang die der Mungge. Also der Murmeltier. Und das ist dann zum Beispiel...

28:21 Mungge.

28:22 Mungge, natürlich.

28:26 Murmeli.

28:27 Murmeli, Murmeltier.

28:29,375 --> 01:28:31,833 Aber Munggen gefällt mir auch.

28:31 Und das wird dann zum Beispiel in den Propagandafilmen immer wieder hervorgebracht und erwähnt, um die Bunker so als etwas typisch Schweizerisches zu porträtieren. Und so wird eigentlich auch der Schutzbunker so ein bisschen naturalisiert, also wie so als eine logische oder eine natürliche Strategie für das Schweizer Volk dargestellt. Also so wie die Mungge in den heimischen Alpen eben Schweizer und Schweizerinnen, sobald Gefahr droht, durch einen Warnpfiff mobilisiert und könnten sich dann blitzschnell in die sichere Erdhöhle zum Schutz zurückziehen. Ich mag Mungge, so sehr. Das ist mein Totemtier, ich sage es dir. Offenbar ist das das Totemtier von uns Schweizer und Schweizerinnen? Es sagt ja auch viel über unsere Mentalität aus. Es ist nicht irgendwie der Löwe oder so. Es ist das Murmeltier.

29:17 Und der Zivilschutz übersetzt eben jetzt auch die Angst vor dem Atomkrieg in eine beruhigende Bildsprache. Also Schutzräume werden so wie sichere, fast schon wohnliche Inseln für Vater, Mutter und Kinder inszeniert. Also so erscheint sogar die Katastrophe als etwas, das sich lässt organisieren. Ja, und das sich lässt überstehen und überleben. Und nach Silvia Berger-Ziauddin, also sie ist DIE Historikerin, die umfangreich zu der Geschichte des Bunkers in der Schweiz geforscht hat. Und sie verweist jetzt eben darauf, dass der Bunker die Menschen gedanklich auf ein Leben nach der postapokalyptischen Zerstörung vorbereiten würde oder vorbereitet habe. Und macht dadurch das Unvorstellbare wie ein Stück weit normal oder normalisiert es. Ihr Buch heißt übrigens "Bunkerland: Die Schweiz im nuklearen Zeitalter". Und ja, sie zeichnet da drin die Geschichte sehr detailliert nach, falls jemand an mehr Infos interessiert ist.

30:19 Jetzt ist natürlich diese sehr schnelle Umsetzung dieses Schutzkonzepts nicht nur durch die Stimmung in der Schweizer Bevölkerung und durch die wirkmächtigen Kampagnen mobilisiert worden, sondern auch durch die wirtschaftliche Hochkonjunktur und den Bauboom, das kann man in meinem Dialekt nicht sagen, und den Bauboom begünstigt worden. Also der Betonverbrauch, der hat explodiert. Und wie sehen jetzt die Bunker aus? Also das Innere eines privaten Schutzraums hat einer klaren technischen Logik gefolgt. Es hat so massive Stahlbetonwände gehabt und eine rund eine halbe Tonne schwere Panzertür. Das hätte Druckwellen und Trümmer standhalten sollen und dann einen kräftigen Verschlussmechanismus, wir haben das wahrscheinlich alle vor Augen, oder? Das ist so ein Rad, das man hätte drehen können, oder? Und das hätte dann den Raum abdichtet, während Explosionsschutzventile die Lüftungsöffnungen gesichert hätten. Es ist wirklich, man muss sich das massiv, ihr habt es alle vor Augen, aber man muss sich das massiv vorstellen. Es ist nicht, es war einfach ein Keller.

31:23 Also da gab es ja natürlich sehr viele Expertinnen und Experten dahinter, die sich überlegt haben, wie man dort überleben könnte, oder? Und es waren ja ganz standardisierte Vorgaben. Also man konnte nicht einfach irgendwie bauen. Zur vorgeschriebenen Ausstattung gehörte zudem eben auch ein Notausstieg und eine einfache Toilettenlösung. Und eine zentrale Funktion übernimmt natürlich die Filteranlage, oder? Also wenn die Stromversorgung ausfallen sollte, dann lässt sich die mit einer Handkurbel betreiben. Und durch das Kurbeln wird frische Luft angesogen, gefiltert und in den Schutzraum geleitet. Gleichzeitig ist im Inneren immer ein leichter Überdruck, der verhindern soll, dass verunreinigte Luft unkontrolliert eindringen kann. Also das eben mal so zu der oberflächlichen, zu der technischen Seite dieser Luftschutzkeller.

32:15 Dann musste jemand zwei Wochen lang kurbeln?

32:17 Nein, man musste einfach kurbeln, bis das Level genug war. Und darum sollte man eigentlich, ich glaube, die Idee war dann, wenn ich es richtig verstanden habe, dass man wie die ganze Zeit ein Kerzchen hätte brennen lassen und wenn es anfängt zu flattern, hat man wieder kurbeln müssen.

32:35 Das ist wie wenn du in einer Schneehöhle übernachtest.

32:38 Ja. Jetzt ist aber der Aufbau des Zivilschutzes, also der hat sich ja nicht nur mit der Einrichtung oder der Errichtung von unterirdischen Anlagen beschränkt, oder?

32:48 Nein, nein. Weil parallel dazu wird Personal für den Einsatz im Krisenfall ausgebildet. Und einheitliche technische Vorgaben haben geregelt, wie die Schutzräume geplant, gebaut und ausgerüstet werden müssen. Also im Zentrum stehen robuste Konstruktionen, eine standardisierte Ausstattung und eine möglichst einfache Handhabung. Alles war ganz strikt durchreglementiert. Im Kriegsfall, das hat man gewusst, würden die Menschen unter der Erde sehr schnell an ihre Grenzen gebracht werden. Und darum sollte überall ein Schutzraumchef für Ordnung sorgen. Man hat aber auch, das finde ich recht gruselig, man hat auch die Sedierung durch Schlafmittel oder die Drosselung der Luftzufuhr empfohlen, sodass sich alle schläfrig ins Bett legen würden und eben gar nicht Energie hätten, für Unruhe zu sorgen.

33:39 Ja, so quasi Murmeli geht schlafen. Also ich meine, da drin zeigt sich ja völlig auch die autoritäre Logik dieses Schutzraums, oder? Also Angst und Konflikte haben nicht aufgefangen werden sollen, sondern durch Kontrolle über den Körper - gegen das Wissen und den Willen dieser Menschen - unterdrückt werden sollen. Und Ordnung und Gehorsam haben dabei viel mehr gezählt als Gesundheit, als Zustimmung oder als persönliche Selbstbestimmung.

34:07 Im Bunker geht es eben um weit mehr als um eine Vorstellung von Schutz und Sicherheit. In ihm zeigt sich der Glaube der damaligen Epoche, dass selbst eine Bedrohung wie der Atomkrieg, dass man dem mit Technik, mit Berechnungen und klaren Abläufen Herr werden könnte, also dass man das beherrschbar machen könnte.

34:29 Also die Geschichte des unterirdischen Raums erzählt eben vor allem davon, wie sich die Schweiz im Kalten Krieg eine funktionierende Gesellschaft vorgestellt hat, oder? Also gut organisiert, strukturiert, diszipliniert und geprägt von festen Rollen innerhalb der Familie.

34:46 Silvia Berger-Ziauddin bezeichnet darum den Schutzraum auch als eine Art Staatsterritorium in Miniaturformat. Also der Bunker sollte nicht nur Schutz bieten, sondern auch die damalige Gesellschaftsordnung konservieren oder bewahren.

35:01 Also ich finde das hier sehr spannend, oder? Wie sie eben basierend auf Zivilschutzmaterialien aus den 1960er Jahren zeigt, wie die eben häufig mit einem klaren Gegensatz gearbeitet haben, oder? Also an der Also an der Oberfläche herrscht Zerstörung und Chaos, während im Schutzraum eine kleine Familie geordnet und sicher zusammen am Tisch sitz. Also wir wissen alle, so hat es ja auch in keinem einzigen Bunker ausgesehen. Also auch in den privaten Schutzräumen, die wären ja nicht eigentlich eingerichtet gewesen. Und das ist ja dann nicht eine Reproduktion von bürgerlichen Kleinfamiliestuben. Und wenn du dann in einen dieser Massenbunker gekommen bist, hast du auch nicht unbedingt das Bild gesehen. Ja, und dabei waren eben die Rollen eindeutig verteilt. Also der Vater gilt als Familienoberhaupt und hält über Zeitung oder Radio den Kontakt zur Außenwelt, und die Mutter kümmert sich um Nahrung und natürlich um die Kinder. Und das finde ich auch super spannend. Sie konnte dann eben anhand von Zeichnungen von Kindern zeigen, wie fest das sich das eingeprägt hat, über Generationen hinweg. Also dass dann eben die Kinder genau dieses Szenario, das Bunkerszenario der Kleinfamilie mit Mama, Papa und Kindern in ihren Zeichnungen sehr oft als Narrativ gewählt haben und dementsprechend die Logik, die Ordnung reproduziert, also die bürgerlich-konservativen Geschlechterrollen im Kleinformat.

36:24 Der Schutzraum im Einfamilienhäuschen ist so wie als kleine Überlebenskapsel erschienen, kann man sagen. So als Zeitkapsel, in der nicht nur die Familie, sondern eben sinnbildlich auch die Schweiz mit ihren bürgerlich-konservativen Werten fortbestehen sollte.Ja, und zum Bevölkerungsschutz gehört übrigens in der Schweiz auch die Sicherung des kulturellen Erbes. 1962 hat die Schweiz das Hager-Abkommen zum Schutz von Kulturgut bei bewaffneten Konflikten ratifiziert. Und eine Vorsorgemaßnahme, die sich daraus entwickelt hat, ist die Herstellung von Sicherheitskopien und von detaillierten Dokumentationen, vor allem was bedeutende Bestände oder Bauwerke anbelangt. Und diese Unterlagen werden im Mikrofilmarchiv des Bundes Heimiswil im Emmental, aufbewahrt. Und in dieser unterirdischen Anlage lagern Kopien von wertvollen Archiv- und Bibliotheksbeständen sowie Fotografien und Pläne und Zeichnungen und Beschreibungen von schützenswerten Objekten.

37:28 Und jetzt der Anspruch, für die gesamte Bevölkerung Schutzplätze bereitzustellen, hat auch zu Bauwerken enormer Dimensionen geführt. Also zum Beispiel in Luzern hat man dann eben festgestellt, dass der Stadt rund 30.000 Plätze gefehlt haben. Und darum ist dann ein Bunker geplant worden, der als Teil des neu gebauten Sonnenbergtunnels eingeplant wurde. Man muss sich vorstellen, als man dann den Sonnenbergtunnel gebaut hat, hat man gemeint, ah, wir brauchen aber auch noch einen Schutzraum für um die 20.000 Leute. Dann hat man beschlossen, die Bauwerke zusammen zu nehmen. Und man konnte den Tunnel im Krisenfall mit riesigen Türen verschließen, wo dann die Leute hätten schlafen sollen. So war das konzipiert. Das wäre dann wie in Teil des Bunkers geworden. Und so ist jetzt eben zwischen 1971 und 1976 die größte Zivilschutzanlage der Welt entstanden. Mittlerweile hat man es ein bisschen zurückgebaut, weil sie nicht ganz so relevant war, wie man das damals noch angenommen hat. Also es ist wirklich ein Bunker der Superlative, oder? Also im Ernstfall hätten dort in diesen beiden Tunnelröhren eben 20.000 Menschen schlafen können.

38:41 Ich bin echt nicht klaustrophobisch, aber der Gedanke, mit 20.000 Leuten in einem Tunnel drin zu sein, ich weiß nicht?

38:47 Ja. Und das technische und organisatorische Zentrum war dann eine siebenstöckige Kaverne. Siebenstöckig. Rund 20 Meter hoch, 37 Meter lang und 16 Meter breit ist dieses Teil. Und da drin war unter anderem ein dreigeschossiges Notspital mit 336 Betten.

39:07 Und immerhin...

39:08 Ja, zwei Operationssäle, eine Kommandoposten, ein Radiostudio und Arrestzellen für mehr als 250 Menschen.

39:16 Arrestzellen für mehr als 250 Menschen? Die haben mit einer hohen Kriminalitätsrate gerechnet.

39:24 Teile davon kann man übrigens heute auch noch als Museum besichtigen. Also falls ein paar von unseren Zuhörenden nach dieser Folge finden, das möchte ich mir mal mit eigenen Augen anschauen. Es gibt immer wieder mal Führungen.

39:35 Wir machen mal einen Zeitreise-Ausflug. Wer mitkommen möchte mit Simone und mir in den Sonnenbergtunnel diesen Bunker anschauen gehen...

39:42 Schreibt es in die Kommentare!

39:46 Das würde ich gerne mal gesehen haben.

39:48 Ja ich auch. Es muss faszinierend sein. Also man kann zusammenfassend festhalten, dass auf dem Höhepunkt des Schweizer Bunkerglaubens sogar der Atomkrieg ja wie nur noch als Frage der richtigen Planung erschienen ist.

40:12 Jetzt Ende der 1970er und Anfang der 1980er Jahre verdichten sich jetzt aber viele Krisenstimmungen. Also es verbreitet sich immer mehr die Angst, dass das alles eben doch an seine Grenzen stoßen könnte, dass eben nicht alles planbar oder machbar ist. Und in der Bevölkerung macht sich eher so ein Gefühl der Zukunftslosigkeit breit anstelle des bisherigen Fortschrittsoptimismus.

40:37 Also das Vertrauen in Bunker bekommt tiefe Risse. Und Vertreterinnen und Vertreter der Friedensbewegung zum Beispiel werfen jetzt dem Zivilschutz immer wie lauter vor, den Atomkrieg eigentlich nicht zu verhindern oder nicht zu verhindern gedenken, sondern eigentlich nur das Überleben im Atomkrieg zu organisieren.

40:58 Ja, und auch die Bilder während dieser Zeit werden immer düsterer. Also der Fernsehfilm "The Day After" hat ja 1983 einem Millionenpublikum vor Augen geführt, dass man nach dem Atomschlag eben nicht einfach wieder mit dem Wiederaufbau anfangen kann, sondern dass das etwas anderes ist, oder?

41:15 Ja, sehr deutliche Kritik ist ja auch von Ärztinnen und Ärzten gekommen. Also dass eben zum Beispiel für die Folgen des Atomkriegs, dass es dort gar keine ausreichende medizinische Hilfe würde geben. Und eine Kongresspublikation, die 1982 erschienen ist, hat dann zum Beispiel auch den düsteren Titel getragen: "Die Überlebenden werden die Toten beneiden". Da ist ein klarer Grundtenor drin, also eigentlich lieber sterben als zwei Wochen lang noch überleben. Und auch die Literatur kehrt jetzt so das offizielle Bild des Schutzraums um, also aus dem sicheren Rückzugsort, dieser Insel, dieser sicheren Insel wird jetzt mehr eine Betonsarg, aus dem Schutzraum eine mögliche Massengruft. Und der Bunker verspricht damit eben auch kulturell, in diesen Bildern jetzt nicht mehr zu überleben. Er wird mehr eben zum Sinnbild für Katastrophen, die man, ja, von einer Katastrophe, vor der man eigentlich eben nicht fliehen kann, auch nicht in die Vertikale.

42:12 Was natürlich auch nicht geholfen hat, ist, dass viele Schutzraumübungen missglückt sind und Tests zur Wirksamkeit und Funktionsfähigkeit dieser Bunker gescheitert sind. Und dass viele Schutzplätze für einen kurzfristigen Einsatz nicht ausreichend vorbereitet waren.

42:27 Ja, oder dass Zivilschutzanlagen nur zwei Wochen Menschen und autark hätten versorgen können. Dann wäre das Wasser ausgegangen.

42:34 Oder auch, dass kein Plan für die Zeit nach diesen zwei Wochen bestanden hätte. Und als Studien zum langfristigen Überleben nach dem Atomkrieg veröffentlicht wurden, die eben die Nützlichkeit der Bunker doch sehr infrage gestellt haben.

42:47 Ja, das wird natürlich besonders deutlich nach der Nuklearkatastrophe in Tschernobyl, oder? Der Bunker hat jetzt also immer mehr als Schutzversprechen seine Überzeugungskraft verloren. Und viele verweigern jetzt den Zivilschutzdienst. Andere wiederum verwandeln die Schutzräume um. Also eben zum Beispiel in Bars oder Fitnesszimmer oder Abstellräume. Aber auch Kletterhallen zum Beispiel gibt es in ehemaligen Schutzräumen. Ja, und dabei sind dann, muss man sagen, illegalerweise auch teilweise Panzertüren und Notausgänge entfernt worden. Also man darf sie umwandeln, aber man darf nicht eigentlich die technischen Grundlagen demontieren.

43:27 Die Bedeutung des Bunkers bleibt nicht unverändert. Also besonders sichtbar wird die Aneignung durch die Jugendkultur. Ich glaube, jedes kleinere Dorf hat doch irgendwie den Jugendkeller, ist doch im Luftschutzraum. Schon seit den 1970er Jahren haben sich Kulturschaffende und linke Jugendgruppen dort Räume angeeignet und haben daraus Probelokale gemacht oder Treffpunkte oder Orte der Gegenkultur. Und in einem Zürcher Luftschutzbunker ist zum Beispiel die "Autonome Republik Bunker" ausgerufen worden. Ja, und später hat auch die Punkszene den Untergrund für sich entdeckt. Dazu gibt es dann vielleicht auch mal einen eigenen Podcast. Also der Bunker steht für sie, sinnbildlich für eine Gesellschaft ohne glaubwürdige Zukunft, no future, oder? Und gleichzeitig bietet er genau das, was ihnen über der Erde fehlt, also so einen Raum, in dem man laut sein kann und Musik machen und unter sich sein kann.

44:20 Also aus einem Instrument staatlicher Vorsorge wird jetzt wirklich so wie ein Freiraum für Menschen, die eben gerade diese gesellschaftliche Ordnung infrage gestellt haben. Also während eben der Bunker vorher die organisierte und regulierte Schweiz im Miniaturformat hätte sein sollen, oder? Ist er jetzt viel Abbild einer Gegenwelt, einer Verweigerung und bietet eben gerade diesen Menschen Raum, die diese technokratischen Logiken besonders stark und laut anzweifeln und zu hinterfragen und zu kritisieren.

44:52 Also die Geschichte des Bunkers handelt darum eben nicht nur von Beton und von Panzertüren und von Luftfiltern, sondern erzählt eben auch ganz viel über politische Ängste, über gesellschaftliche Leitbilder und ja, und dem Wandel der Schweiz schlussendlich, oder?

45:05 Aber während der Bunker in der Schweiz an Bedeutung verliert, wird das Schweizer Bunkerwissen zum Exportschlager.

45:15 Ja, Ingenieurbüros und Hersteller von Schutzraumtechnik haben neue Absatzmärkte gesucht und sie bieten jetzt Planung und Beratung an, aber auch Filteranlagen, Ventile, Panzertüren und andere technische Komponenten.

Aber nicht diese Panzertüren, die man anderweitig abmontiert hat, hoffe ich. Die Unternehmen finden neue Kundschaften im Nahen Osten, in Saudi-Arabien, im Libyen von Muammar al-Gaddafi und auch im Irak von Saddam Hussein. Also, und der Werbe-Slogan war dann ganz selbstbewusst: "Switzerland, your partner in civil defense".

45:49 Ja, und so verändert sich jetzt auch eben auch die Idee des Bunkers grundlegend. Also in der Schweiz hat ja eigentlich der Schutzraum zumindest dem Anspruch nach, oder? Hat der ja eigentlich die ganze Bevölkerung retten sollen. Aber jetzt im internationalen Geschäft wird Sicherheit zunehmend zu einer sehr selektiven Ware, oder? Wer Geld und Macht hat, kann sich sein privates Überleben teilweise sehr luxuriös bauen lassen in seinem Untergeschoss. Aber der Bunker ist so eben nicht mehr länger ein Instrument des Zivilschutzes. Es wird zu einem Privileg von Superreichen.

46:24 Ja, und entsprechend werfen dann Kritiker und Kritikerinnen Ende der 1980er der Schweiz auch vor, dass sie durch die Weitergabe des Zivilschutzwissens eben auch Krieg mitbefördern würden. Weiß man denn etwas darüber, ob Muammar al-Gaddafi einen Schweizer Luftschutzkeller hatte?

46:42 Weiß ich nicht. Es ist halt schon immer die Frage, oder? An wen liefert man Waffen und wem stellt man Schweizer Luftschutzräume zur Verfügung?

46:52 Es ist ein Abwägen.

46:55 Aber der größte Bruchmoment kommt jetzt mit dem Ende des Kalten Kriegs.

47:00 Ja, 1990 verschwindet zum Beispiel die autoritäre Rolle des Schutzraumchefs und an vielen Orten fängt ein pragmatischer Umgang mit dem unterirdischen Erbe an. Also eben, wir haben es schon gesagt, Bands haben drin geprobt und Fasnachtscliquen haben ihre Requisiten dort drin gelagert und andere haben Trainingsräume oder eben Schießkeller eingerichtet. Also aus der ehemaligen Lebenszelle der Nation wird ein Raum für alles, was anderswo keinen Platz findet. Silvia Berger-Ziauddin redet darum davon, dass der Bunker metaphorisch und buchstäblich zur Abstellkammer der Nation geworden ist.

47:34 Ja, und das gilt jetzt eben auch für Menschen. Also ebenfalls ab 1990 sind Geflüchtete in unterirdischen Anlagen untergebracht worden. Das war ja zuerst nur für Notfälle gedacht. In den ein paar Kantonen hat sich das immer mehr zu einer längerfristigen Lösung entwickelt. Also Menschen haben über Wochen und teilweise Monate unter der Erde leben müssen. Und eben teilweise ohne Tageslicht und mit sehr wenig bis absolut gar keiner Privatsphäre.

48:06 Eben wir denken mit so einem leichten Schauern im Rücken daran, wie das wäre, wenn man dann wirklich in diese Bunker hätte müssen. Und für ganz viele Menschen ist das einfach Realität.

48:16 Ja, und damit erhält der Bunker auch eine neue gesellschaftliche Funktion. Er schützt nicht mehr die Bevölkerung vor einer äußeren Gefahr, sondern hält bestimmte Menschen vom öffentlichen Raum fern. Seine Nutzung ändert sich, seine autoritäre Seite bleibt aber. Und im Zweifelsfall würde man all diese Menschen wahrscheinlich auswerfen, oder? Wenn man dann wirklich den Bunker gebraucht hätte.

48:36 Genau. Ja, es gab ja eine Ausstellung in Lausanne und "Aux abris!". Und die haben diese Praxis eben sehr kritisch beleuchtet. Also ihre These lautete: Der Bunker verwaltet eben nicht nur die vorhandene Platz, sondern auch Menschen, die gesellschaftlich unerwünscht erscheinen. Und ursprünglich hat sich die Schweizer Bevölkerung bei einer Gefahr unter der Erde wie ein Murmeltier retten wollen, oder? Und jetzt werden aber ausgerechnet Geflüchtete, die schutzbedürftig sind und gerettet werden müssen, dort untergebracht und verschwinden so buchstäblich aus dem öffentlichen Blickfeld. Also werden völlig unsichtbar.

49:11 Ja, auch eine ARD-Dokumentation hat darum die unangenehme Frage gestellt, ob solche Unterkünfte wirklich nur eine vorübergehende Notlösung sind oder vielleicht eben doch auch die Botschaft transportieren sollen, dass Asylsuchende ja möglichst nicht bleiben sollen und auch keinen Platz haben sollen in unserer Gesellschaft.

49:29 Ja, also die Schutzräume verlieren immer weniger ihre ehemalige Funktion. Sie werden umfunktioniert, verlieren damit auch den Support oder eben die Schutzfunktion für sehr viele Menschen in der Schweiz. Und 2011 hat dann eben der Nationalrat die Pflicht zum Bau von Schutzräumen breit diskutiert, ob man die abschaffen soll. Wobei das eben sogar bei bürgerlichen Parteien teilweise auf Zustimmung gestoßen ist. Also die Baupflicht sei so ein antiquiertes Ärgernis. Und diese Perspektive hat sich dann aber mit dem Erdbeben in Japan einerseits und mit dem Reaktorunfall von Fukushima komplett gekehrt. Und der Nationalrat hat seine Meinung geändert, also eben die Pflicht besteht bis heute dementsprechend.

50:16 Und du hast schon ganz am Anfang einmal erwähnt, also das intensiviert sich eben nochmal durch den russischen Angriffskrieg. Und bei ganz vielen Menschen verbreitet sich auch wieder mehr Angst und das Schutzbedürfnis. Und sie wollen einen Plan B, quasi. Und der Bundesrat hat darum im Jahr 2025 Änderungen in der Zivilschutzordnung angenommen. Also dass unter anderem mehr für den Erhalt von Bunkern investiert werden soll, sodass eben der Grundsatz "ein Schutzplatz pro Einwohner oder Einwohnerin" auch weiterhin gewährleistet werden kann.

50:46 Wir Schweizer, wir bunkern so gerne.

50:49 Wir Munggen.

50:51 Ja, diese Stimmung im Moment entspricht ja dem aktuellen Trend der Prepper-Szene. Also im Moment, wenn man so ein bisschen auf YouTube geht und Sachen anschaut zu den Bunkern, ist es meistens so Survivalism und Preppers, oder?

51:05 Das hast sicher auch einen lustigen Algorithmus nach der Vorbereitung auf diese Folge.

51:11 Absolut. Also der Begriff Prepper leitet sich vom englischen Verb "to prepare" ab, also sich vorbereiten. Und es bezeichnet eben Menschen, die sich gezielt auf mögliche Krisen und Katastrophen vorbereiten, etwa mit Lebensmittelvorrat, Notfallausrüstung, Überlebenstraining oder eben Schutzräumen.

51:30 Ja, die modernen Wurzeln dieser Bewegung liegen, wie könnte es auch anders sein, in den USA, wo Survivalism, also Survivalismus, seit den 1970er Jahren verbreitet ist. Inzwischen gibt es eine erkennbare Prepper-Szene unter anderem in Großbritannien, in Frankreich, in Deutschland, in Schweden, in Finnland, in Kanada, in Australien und in Südafrika. Also wissenschaftliche Untersuchungen sprechen mittlerweile von einem globalen Phänomen.

51:57 Ja, und eben man muss jetzt nicht irgendwie die Schweiz als Prepperstaat darstellen, das ist nicht unser Ziel. Aber es gibt schon so ein bisschen Parallelen dazu, oder? Ja, bei Prepper denken viele zuerst an Waffen, Konservendosen und Menschen, die im Bunker auf den Weltuntergang warten. Eine britische Studie warnt aber eben davor, Prepper einfach als paranoid zu belächeln oder verrückt abzutun. Ihre Ängste verweisen vielmehr eigentlich auf reale Schwachstellen der modernen Gesellschaft, also auf fragile Lieferketten, überlastete Sozialsysteme und eine starke Abhängigkeit von Strom, von Wasser, von funktionierender Infrastruktur. Und so verschiebt sich eben langsam die Verantwortung des Staates zum Einzelnen. Also es heißt so wie: Du musst selber zu dir schauen und wenn du das nicht schaffst, dann ist halt dein Problem.

52:42 Die private Vorsorge ist natürlich nicht unproblematisch. Also wer Geld und Platz und Zeit hat, kann sich besser schützen als andere. Also schlussendlich macht Prepping dann eben auch wieder die grundlegende Ungleichheit sichtbar. Sicherheit steht theoretisch allen zu, aber praktisch können sich eben gewisse Menschen deutlich mehr davon kaufen als andere.

53:03 Und die entscheidende Frage ist darum weniger, ob Prepper oder eben auch die vielen Menschen, die jetzt wieder auch verständlicherweise wirklich Angst haben vor der Bedrohung, also gerade eben durch einen Angriffskrieg. Also es geht dort nicht darum, übertreiben die, ist das einfach paranoid, führen sie am Ziel vorbei, sondern auch, warum so viele Menschen glauben, im Krisenfall eigentlich auf sich alleine gestellt sein müssen und dem nachgeben müssen. Und dann eben auch hier wieder die Frage des Raums und nach der Ungleichheit. Also wem gehört eigentlich der Raum unter der Erde? Also wer kann ihn kaufen? Für wen ist er zusätzlich? Wer kann sich es leisten, dort so einen Luxusbunker einzurichten? Und das sind natürlich Fragen, die dringend auch adressiert werden müssten. Gerade auch, wenn man sich überlegt, dass wahrscheinlich durch die globale Erwärmung der Untergrund auch zu einer Ressource werden wird.

53:57 Ja, zusammenfassend können wir festhalten: Der Aufbau des Zivilschutzes zählt zu den größten Infrastruktur- und Gesellschaftsprojekten der modernen Schweiz. Also ähnlich wie der AHV oder wie die Eisenbahn oder das Nationalstraßennetz ist er über mehrere Jahrzehnte hinweg entstanden und hat eigentlich das ganze Land umfasst.

54:16 Ja, und eben die Flucht in die Vertikale ist als lange unhinterfragte und einzige Schutzstrategie demokratisch vereinbart worden. Also Bund, Kantone und Gemeinden haben dann gesetzlich und organisatorisch die Grundlagen geschaffen und private Eigentümer und die öffentliche Hand haben Schutzräume finanziert. Und so ist eben ein flächendeckendes Netz im Untergrund erschaffen worden.

54:41 In seiner stärksten Ausbauphase war der Zivilschutz auf rund eine halbe Million Dienstpflichtige ausgerichtet. Und bis 2009 sind schätzungsweise 7,6 Milliarden Franken in etwa 270.000 Schutzräume geflossen. 7,6 Milliarden.

55:00 Der Journalist und Buchautor Jost Auf der Maur hat ja da zu Recht angemerkt: In anderen Ländern ist das Geld zum Beispiel für eine kostenlose medizinische Versorgung ausgegeben worden.

55:11 Ja, was sagt das über die Schweizerinnen und Schweizer aus? Unsere Bunkermentalität. Warum wollen wir alle Murmeltiere sein, sind wir einfach viel schutzbedürftiger und ängstlicher als Menschen in anderen Ländern? Also Friedrich Dürrenmatt hat ja mal kritisch und ein bisschen belächelnd geschrieben: "Der Schweizer ist ein vorsintflutliches Wesen in Erwartung der Sintflut." Also er hat die Schweizer und Schweizerinnen so ein bisschen als rückständig und gleichzeitig in Erwartung dieser biblischen Flut eingeordnet. Also die Schweiz erscheint so ein bisschen als moderne Noah, die quasi vorsorglich eine Arche aus Beton im Untergrund gebaut hat.

55:45 Ja, also kritisiert wird ja hier eigentlich eine Haltung, die sich vor der Katastrophe einigelt. Oder die Katastrophe, die man voraussieht, die man annimmt, potenziell einmal eintreffen könnte, anstatt eigentlich die Ursachen davon zu bekämpfen und sich mit dem auch gedanklich auseinanderzusetzen.

56:07 Ja, also hochmoderne Schutztechnik trifft auf ein archaisches Denken, das eben nicht die Zukunft gestalten will oder verändern, sondern sich im Untergang einrichtet.

56:17 Ja, und hier auch wieder nochmal ein Verweis auf die Expertin Berger-Ziauddin. Und sie interpretiert eben den Schutzbunker vor allem so, dass er vor allem etwas über das Schweizer Selbstverständnis aussagt, nämlich über einen tief verankerten Glauben an Planbarkeit und Beherrschbarkeit, selbst bei hochkomplexen Bedrohungen, also eben sogar in einer postapokalyptischen Zukunft.

56:40 Ja, und sie beantwortet auch die Frage, ob der Bunker vom Kalten Krieg die Antwort auf die Polykrise des 21. Jahrhunderts sein kann. Und ihre Einschätzung ist sehr zweischneidig. Also es macht wie Sinn, weil die Infrastruktur bereits besteht und teuer genug war, sich auch zu fragen, wie man sie nutzen kann. Und gleichzeitig hält eben genau die Existenz dieser Infrastruktur uns ein Stück weit auch davon ab, mit anderen Konzepten gedanklich zu spielen und die zu erproben, eben wie zum Beispiel, was weiß ich, eine Evakuierung oder so.

57:11 Also die Flucht, die vertikale, ist vielleicht eben nicht die einzige und vielleicht eben auch nicht die ideale Option. Und es wäre vor allem wichtig, dass auch noch fundierte Debatten stattfinden würden. Und ja, ich würde sagen, mit dem schließen wir ab.

57:27 Herzlichen Dank fürs Zuhören. Ja, wie immer der Aufruf: Lasst uns ein Abo da, einen Kommentar, einen Daumen hoch oder ein paar Sternchen oder ein paar Herzchen. Und ja, falls euch diese Folge spannend gedacht hat oder falls ihr Lust habt auf einen Ausflug in den Bunker mit Simone und mir, lasst es uns wissen.

57:43 Wir würden uns freuen. Merci vielmal fürs Zuzuhören, und hoffentlich bis zum nächsten Mal.

57:48 Bis bald. Tschüss miteinander.

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