
5-Minuten-Talk – wir haben ja nicht ewig Zeit· Folge 350
Elif Eralp erobert Berlin: Vier Lehren aus dem linken Rausch
Dienstag, 22. September 2026 · 5 min
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Shownotes
Eine Zahl ist besonders bemerkenswert: Unter den 16- bis 24-Jährigen hat die Linkspartei in Berlin schier unglaubliche 43 Prozent geholt. Die Dominanz unter den jüngeren Wählerinnen und Wählern dürfte einer der Gründe dafür gewesen sein, dass Spitzenkandidatin Elif Eralp abräumte – und jetzt aufs Regieren hoffen kann. Wenn sie denn Partner findet.
Einigermaßen fassungslos blicken Union, SPD und Grüne auf den Erfolg der Linken. Sie sollten nicht darauf setzen, dass dieser Sieg nur eine Momentaufnahme ist. Verschieben sich hier nachhaltig die politischen Gewichte? Und was lässt sich aus dem Triumph von Elif Eralp lernen? Darüber diskutieren die stern-Politikchefs Veit Medick und Jan Rosenkranz.
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+++Redaktion und Produktion: Veit Medick, Jan Rosenkranz und Isa von Heyl+++
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Fünf-Minuten-Talk, wir haben ja nicht ewig Zeit. Mein Name ist Veit Medig. Und ich bin Jan Rosenkranz. Jan, die ganze Welt redet natürlich über Friedrich Merz, aber lass uns mal über die Linkspartei reden. Ich glaube, da ist irgendwie noch was, was wir erklären müssen, oder? Absolut. Die Partei hat es ja geschafft, in Berlin nicht nur die Wahlen zu gewinnen, sondern die hat in Innenstadtbezirken, Kreuzberg, Friedrichshain, Neukölln, teilweise wirklich über 50 Prozent in den Wahlbezirken geholt.
Das ist also irgendwie ein ziemlicher Erdrutschsieg, kann man so sagen. Kann man total so sagen und ich finde, lass uns nochmal ein paar Lehren besprechen, die man vielleicht aus diesem Wahlerfolg ziehen kann. Also eine ist doch zum Beispiel, hey, liebe politische Mitte, ihr müsst euch ein bisschen mehr um die Jugend kümmern, weil die ist wirklich massiv abgeholt worden für eine Linkspartei.
Also ich glaube, es braucht eine komplett neue Ansprache und Vermittlung von politischen Inhalten, weil sonst geht diese Generation einfach mal komplett verloren für Parteien wie SPD und CDU. Also eine Statistik, über die ich gestolpert bin, war, in der Wählergruppe zwischen 16 und 24 Jahren hat die Linkspartei 43 Prozent geholt.
Das muss ich mir vorstellen, fast jeden zweiten jüngeren Wähler, auch Erstwähler sind natürlich darunter, ist ins Lager der Linkspartei gewechselt. Eigentlich ein Wahnsinn. Was noch zu erkennen ist, eine Leere wäre oder zumindest erstmal ein Symptom. In den Innenstadtbezirken ist die Partei sehr stark gewesen, während in der Peripherie und auf dem Land ja eher die AfD-Erfolge feiern kann, wo sich Menschen abgehängt fühlen und ausgeschlossen, ist es in dem urbanen, modernen, wie auch immer, Milieu sehr offensichtlich en vogue, die Linke zu wählen. Das hat auch einen speziellen Grund.
Die stellen auch eine Systemfrage. Und zwar in diesem Falle ja ganz klar die Eigentumsverhältnisse stellen die in Frage. Konkret, wenn es um Wohnraum geht. Und dann kann man natürlich sagen, Leute, die Parteien der politischen Mitte stellen diese Fragen nicht mehr konkret oder nicht mehr so radikal. Die sagen, ja wir müssen uns mit einem Mietpreisdeckel behelfen und vielleicht hier und da Erleichterungen vornehmen oder vielleicht Zuschüsse zahlen.
Aber grundsätzlich das Problem anzugehen, dass hier viele Menschen einfach nicht mehr ihren Wohnraum bezahlen können, das traut sich halt niemand so richtig. Also im Grunde genommen hat die Linkspartei das Change-Versprechen von links jetzt abgegeben und versucht sie einzulösen, so wie die AfD es von rechts versucht. Lehre 3.
Die Linke war in Berlin so ein bisschen wie eine Bewegung. Das ist ja was, was auch die Parteien der Mitte überhaupt gar nicht schaffen. Liegt natürlich auch daran, dass der Mitgliederzuwachs ziemlich stark war bei der Linkspartei, dass also viele neue, gerade junge Mitglieder da reingeströmt sind, die natürlich entsprechend mobilisiert sind und Bock haben auf Politik.
Macht das ganze Unternehmen natürlich so ein bisschen unkontrollierbar, also weil du nicht so richtig gucken kannst, wer kommt denn da überhaupt rein, helfen die uns, also was du dir da reinholst, wird man dann sehen, ob das alles so funktioniert, aber das ist schon interessant. Und es ging sehr um die Person Elif Eralb. Also das fand ich bemerkenswert.
Die Linkspartei, die doch eigentlich immer so total programmatisch daherkommt, ja auch radikal, hat sehr auf sie als Person gesetzt. Also auf den Plakaten stand immer nur Elif und gar nicht so wahnsinnig viel anderes Zeug. Auch die Ecken und Kanten im Programm hat die Partei versucht so ein bisschen auf den letzten Metern noch abzuschleifen, um möglichst viele anzuziehen und möglichst wenig Leute zu verschrecken. Jetzt gibt es aber auch einen problematischen Teil, du hast es schon erwähnt.
Es gibt da auch Leute, die vielleicht irgendwie nicht so richtig gut dazugehören sollten. Es ist also einerseits Elif Ehralp hat eine wahnsinnige Ausstrahlung ins migrantische Milieu gehabt, spielt in Berlin sicherlich eine große Rolle, auch wenn man schaut in welchen Bezirken war die Linke sehr erfolgreich, sind das migrantisch geprägte Bezirke auch jedenfalls.
Es gibt eine urbane Schicht, die im Prenzlauer Berg durchaus sehr stark Linke gewählt hat, aber im Wedding, in Neukölln, in Kreuzberg sind es eben auch viele Migranten. Das ist ja per se auch alles völlig in Ordnung und gut so, da fühlten sich viele erstmals von der Politik so richtig abgeholt und überhaupt erstmals angesprochen, auch durch die Person.
Auf der anderen Seite gibt es natürlich ein Problem damit, dass auch sehr viele Menschen mit eher problematischem Verständnis oder problematischer Nähe zur Hamas und problematischem Blick auf Israel und auf den Nahostkonflikt in dieser Partei jetzt eine Rolle spielen. Und das hat die Linke ja schon in den vergangenen Monaten sehr hart durchgeschüttelt.
Überleg mal, es sind drei der ehemaligen Senatoren, die Linke hat ja in Berlin schon mal mitregiert, sind ausgetreten aus der Partei im Streit um die Haltung gegenüber Israel. Absolut. Ich glaube in diesem ganzen Rausch, in dem die Linkspartei sich jetzt befindet, liegt auch ein enormes Risiko für diese Partei. Weil natürlich die allermeisten der Anhänger und auch Wählerinnen und Wähler jetzt glauben, okay, alles was wir hier gewählt haben wird jetzt Realität.
Und da bin ich gespannt auf den Realitätsschock, weil Koalitionsverhandlungen, die stehen erst noch an und ich sehe noch keine Partner, die das linke Programm einfach so durchwingen. Das war der 5-Minuten-Talk für heute. Vielen Dank fürs Zuhören. Wir sind natürlich wie immer Montag bis Freitag ab 5 Uhr morgens mit einer neuen Folge am Start. Und wir warten auf eure Kommentare oder E-Mails an 5mt-app-stern.de.