
Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ)
Syrien - mit Kristin Helberg, Guido Steinberg und Nahla Osman
Mittwoch, 3. Dezember 2025 · 45 min
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Shownotes
Ein Jahr ist seit dem Sturz des Assad-Regimes vergangen. Seitdem regiert die islamistische HTS. Wie stehen die Chancen, dass es unter ihrer Führung Frieden und Versöhnung in Syrien gibt? Darüber spricht Moderatorin Sarah Zerback mit der Journalistin Kristin Helberg, mit dem Islamwissenschaftler Guido Steinberg und der Rechtsanwältin Nahla Osman. Weitere Informationen zum Thema und das Transkript der Folge finden Sie unter www.bpb.de/572331.
Transkriptvom Podcast bereitgestellt · Zeitmarken springen hin
O-Ton Syrien *Feierlichkeiten*
Sarah Zerback In den Tagen nach dem 08.12.2024 wurde in den syrischen Straßen gefeiert.
Hier hören wir die Menschen in Damaskus. Der Sturz des Assad-Regimes war das Ende von 54 Jahren Didaktur unter der Assad-Familie und fast 14 Jahren Bürgerkrieg in Syrien. *Musik* Ein Jahr ist das nun her. Die islamistische Miliz HTS hat die Macht in Syrien übernommen. Ahmed al-Scharaa wurde politischer Führer und im Januar 2025 Übergangspräsident.
Ein großer Hoffnungsmoment für Syrien, aber von Anfang an waren viele Menschen im Land auch verunsichert, wie sich Syrien unter der Herrschaft der islamistischen HTS entwickeln würde und wie gut die Aussichten für Frieden wirklich sind. Wie ist die Lage in Syrien heute? Kann sich die syrische Gesellschaft unter diesen Umständen vom Bürgerkrieg und der Diktatur erholen?
Darum geht es in dieser Folge „Aus Politik und Zeitgeschichte“ und ich bin Sarah Zerback. Die Journalistin Kristin Helberg beschreibt, wie die politische und gesellschaftliche Situation in Syrien ein Jahr nach dem Sturz des Assad-Regimes ist. Der Islamwissenschaftler Guido Steinberg erklärt, welche geopolitischen Auswirkungen der Machtwechsel in Syrien für die Region und für die Welt hat.
Und Nahla Osman, Vorsitzende des Verbands deutsch-syrischer Hilfsvereine und Menschenrechtsanwältin, blickt auf die Situation der syrischen Diaspora in Deutschland nach dem Sturz von Assad. Die Ausgabe der Zeitschrift „Aus Politik und Zeitgeschichte“ zum Thema „Syrien“ finden Sie auf bpb.de/apuz. Wie immer gibt es auch zu dieser Folge ein Transkript.
Sie finden es in der bpb-Mediathek oder als Link in den Shownotes. *Musik*
Nahla Osman Der 08.12., das ist tatsächlich jetzt ein Nationalfeiertag in Syrien.
Das ist jetzt fast ein Jahr her. Aber die Freude, die wir als Deutsch-Syrer, Syrer empfunden haben, ist unbeschreiblich. Ich habe das damals so beschrieben wie Weihnachten und Ramadan zugleich.
Sarah Zerback Das sagt Nahla Osman.
Sie ist Deutsch-Syrerin. Als Menschenrechtsanwältin und Vorsitzende des Verbands deutsch-syrischer Hilfsvereine ist sie eng mit dem Land und mit der syrischen Diaspora in Deutschland verbunden.
Nahla Osman Ich habe einen Mitarbeiter, der ist syrischer Christ, Anwalt,
der war jetzt auch 12 Jahre nicht in Syrien. Und er hat gesagt, im Flugzeug, als er syrischen Boden gesehen hat, hat er nicht mehr aufgehört zu weinen. Und das empfindet jeder, der zurückkehrt und jeder, der diesen 08.12., ja, gedenkt. Also als wir dort waren, ich war zwei Wochen nach dem Sturz in Syrien, wirklich an jeder Ecke wurde getanzt, an jeder Ecke kamen die Freiheitslieder und die Menschen haben es einfach verdient, endlich in Sicherheit und in Frieden zu leben.
Sarah Zerback Das Ende des Terrorregimes von Baschar al-Assad und das Ende des Bürgerkriegs nach 14 Jahren,
das sind extrem bedeutsame Entwicklungen für die Menschen im Land und auch für Syrerinnen und Syrer in der Diaspora. *Musik* Am 08. Dezember 2024 wurde das Assad-Regime gestürzt. Die Rebellen der islamistischen HTS-Miliz haben die syrische Hauptstadt Damaskus in der Nacht erobert. Ihre Offensive hatte sie erst Ende November gestartet und dann ging alles sehr schnell: Innerhalb von elf Tagen hat die HTS erst Aleppo eingenommen, dann weite Teile des syrischen Westens.
Regierungstruppen gaben ihre Stellungen auf, die Gegenwehr blieb in großen Teilen aus. Der Präsident Baschar al-Assad floh in Richtung Moskau. Der Weg war frei für den Sturz der syrischen Diktatur. Im Januar ließ sich Rebellenchef Ahmed al-Scharaa zum Übergangspräsidenten ernennen und dieses Jahr im Oktober hat er die ersten Wahlen abgehalten.
Dass das Regime von Baschar al-Assad nach 14 Jahren Bürgerkrieg so schnell gefallen ist, hat viele überrascht. Alle Hoffnungen liegen jetzt auf der HTS, den neuen Machthabern. Dabei ist das alles andere als selbstverständlich. Die HTS war früher eine dschihadistische Terrororganisation und ein syrischer Ableger von Al-Qaida.
Auf den heutigen Übergangspräsidenten und früheren Anführer, Ahmed al-Scharaa, hatten die USA zeitweise ein Kopfgeld von 10 Millionen USD ausgesetzt. Heute präsentiert sich die HTS als pragmatische islamistische Gruppierung, und hat sich offiziell von ihren dschihadistischen Ursprüngen distanziert. Wie groß die Chance für einen Neustart in Syrien unter dieser neuen Führung und in der aktuellen Situation ist, darüber habe ich mit Kristin Helberg gesprochen.
Sie ist Journalistin und Expertin für Syrien und Nahost, hat von 2001 bis 2008 in Syrien gelebt. Zuletzt ist sie im April 2025 durchs Land gereist. Hallo und schönen guten Tag, Kristin Helberg.
Kristin Helberg Hallo Frau Zerback, danke für die Einladung.
Sarah Zerback Also ein Jahr jetzt nach Ende des Bürgerkriegs und nach Sturz des Assad-Regimes,
ist Syrien da in einem humanitären Zustand, in dem die Menschen dort, ja, menschenwürdig leben können?
Kristin Helberg Nein, an der wirtschaftlichen Lage hat sich noch gar nichts verbessert eigentlich in Syrien.
Also es gilt immer noch, 90 Prozent der Menschen leben in Armut und mehr als 16 Millionen sind auf humanitäre Hilfe angewiesen. Das hat sich nicht verändert, weil noch nicht große Infrastrukturmaßnahmen oder Investitionen ins Land gekommen sind, auch weil die Sekundärsanktionen der USA nur für sechs Monate immer ausgesetzt werden, aber noch nicht ganz grundsätzlich aufgehoben sind.
Das heißt, all diese Versprechen von saudischen, katarischen Unternehmen, die sind noch nicht angekommen, da hat noch nicht wirklich was angefangen. Das bedeutet, die Unterstützung, die über die Vereinten Nationen ins Land kommt, über NGOs, über bilaterale Geber, da spielt Deutschland eine große Rolle, das ist bisher das Einzige und das konzentriert sich zum jetzigen Zeitpunkt auf die humanitäre Hilfe und die ist überlebensnotwendig für die allermeisten Syrer.
Sarah Zerback Was heißt das, also wenn wir mal auf die Wasserversorgung blicken,
auf die Versorgung mit Nahrungsmitteln, wichtige Infrastruktur? Sie sind ja regelmäßig im Land und waren es auch erst im April 2025. Was haben Sie sich da für einen Eindruck machen können?
Kristin Helberg Ich bin im April durch die Landesteile gefahren,
die ich jetzt auch die letzten Jahre gar nicht besuchen konnte. Also, ich war in Damaskus, im Umland von Damaskus, in Homs und in der Provinz Idlib unterwegs. Das sind zum Teil ganz schwer zerstörte Städte, Vororte, auch ländliche Gebiete, Orte im südlichen Idlib, zum Beispiel in der Provinz Hammah. Sehr viel Zerstörung, weil das die Frontlinien waren über viele Jahre zwischen dem Assad-Regime und den Gebieten, die unter aufständischer Kontrolle waren.
Das heißt, das sind genau jene Städte und Dörfer, die eben gezielt bombardiert wurden durch die russische Luftwaffe, wo zivile Infrastruktur zerstört wurde. Die Krankenhäuser, die Schulen, Marktplätze. Also ein Drittel der Wohneinheiten, so sagen es die Vereinten Nationen, und ein Drittel eben auch der Gesundheitseinrichtungen gelten als schwerbeschädigt oder zerstört.
Das heißt, das muss man natürlich erst mal aufbauen. Und eine ganz besorgniserregende Zahl für mich sind immer die Zahl der Schulkinder, die überhaupt in die Schule gehen, nämlich 40 bis 50 Prozent der 6- bis 15-Jährigen gehen nicht zur Schule. Und das ist ja die nächste verlorene Generation. Ich habe mir verschiedene Schulen angeguckt in den ehemaligen Assad-Regime-Gebieten, aber eben auch in anderen Landesteilen und da braucht es so viel Investitionen und eigentlich einen Neustart dieses ganzen Bildungssystems.
Und das ist natürlich auch für all jene Familien entscheidend, die im Ausland sind und die sich überlegen, wie sie zurück sollen, wenn ihre Kinder gar nicht zur Schule gehen können.
Sarah Zerback Also dieses Ausmaß der Zerstörung, die schwierige humanitäre Lage, das ist das eine.
Nehmen Sie uns doch mal mit ins Land. Also, es kommt ja immer wieder auch zu Gewalttaten. Wie würden Sie die Sicherheitslage ein Jahr danach jetzt beschreiben?
Kristin Helberg Syrien ist ja noch gar kein geeintes Land wieder,
sondern es gibt bestimmte Landesteile, die noch nicht unter der Kontrolle dieser Übergangsregierung in Damaskus stehen. Das ist vor allem der Nordosten mit der autonomen Verwaltung Nord- und Ostsyrien, also eine kurdisch geprägte Selbstverwaltung, die in Verhandlungen steht gerade mit Damaskus, ob und wie man eben in diesen neuen Staat integriert werden kann.
Und im Süden haben wir insbesondere seit Juli 2025 die Situation, dass die Teile der Provinz Sueida nicht unter der Kontrolle von Damaskus sind nach den Massakern und nach dieser Gewalteskalation vor allem an der drusischen Bevölkerung vor Ort und der Abriegelung von Teilen dieses Gebietes. Also, diese zwei Gebiete sind noch gar nicht integriert in den syrischen Staat und nach den Massakern, die in Sueida habe ich erwähnt im Juli, und denjenigen an der Küste im März 2025, bei denen eben auch hunderte von alawitischen Zivilisten ermordet wurden, nach diesen beiden schlimmen Ereignissen hat sich für viele Leute im Land noch mal die Lage geändert, weil jetzt nämlich insbesondere Alawiten, aber eben auch Drusen und auch Kurden
und mit Abstrichen vielleicht auch Christen, die das anfängliche Misstrauen, das sie gegenüber diesen neuen Machthabern hatten, gewandelt hat in ganz offene Ablehnung. Also, man sagt eben, mit dieser neuen Führung Übergangspräsident Ahmad al-Scharaa, islamistisch, die können nicht unsere Sicherheit garantieren und wir haben keine Hoffnung, dass es hier irgendwie besser wird.
Und das ist ein echter Wendepunkt, denn am Anfang direkt nach dem Sturz des Assad-Regimes hatten wir sehr viel Hoffnung, sehr viel das Gefühl von Aufbruch, wir bauen uns ein neues Syrien für alle. Da gab es schon immer Misstrauen, aber dieses Misstrauen hat sich gewandelt in diese Ablehnung. Und das ist sehr problematisch für ein Land, das sich eben mit so vielen Herausforderungen konfrontiert sieht und das eigentlich alle Teile der Bevölkerung ja auch mit einbeziehen muss, um dort für Sicherheit zu sorgen für alle Menschen, die dort leben.
Sarah Zerback Kurz zur Einordnung:
In Syrien leben Menschen vieler Religionen und Volksgruppen. Die Mehrheit der Bevölkerung ist sunnitisch. Rund 12 Prozent der Menschen sind Alawiten. Daneben gibt es in der Bevölkerung weitere religiöse Minderheiten wie Christen und Drusen. Die größte nichtarabische Gruppe sind die Kurden, die vor allem im Norden Syriens leben.
Im syrischen Bürgerkrieg kämpfte eine vorwiegend von Alawiten getragene Regierung gegen sunnitische Rebellen. Auch die HTS ist sunnitisch. Wie stark sind denn ehemalige Assad-Unterstützer im Land noch aktiv?
Kristin Helberg Das ist schwierig zu sagen.
Es gibt immer wieder Hinweise darauf, dass im Untergrund nach wie vor Bewaffnete gegen diese neue Führung agieren. Die Massaker im März an der Küste hatten auch diesen Ursprung. Also, das war eine konzertierte und vorbereitete Aktion an mehreren Checkpoints dieser neuen Führung, wo Sicherheitskräfte angegriffen wurden, eben auch mehrere Dutzend getötet, dann, mehr als 230 waren es, glaube ich, insgesamt, die auch getötet wurden durch ehemalige Assad-Anhänger, die im Untergrund nach wie vor agieren und die auch leichtes Spiel haben, alawitische Syrer zu rekrutieren in ihren Reihen zum Teil, weil deren Lage sich deutlich verschlechtert hat.
Also viele Alawiten haben eben ihren Job verloren, zum Beispiel auch im Staatswesen, also als Beamte zum Beispiel. Es gibt alawitische Bewohner von Damaskus, die vertrieben wurden aus ihren Häusern, weil sie selbst dort mal angesiedelt wurden und andere Leute enteignet wurden vor Jahrzehnten. Das sind also ganz viele alte Rechnungen in Syrien.
Das Assad-Regime hatte dann diese Alawiten also in Wohnungen gesetzt von anderen Menschen, die jetzt sagen: so, das ist eigentlich mal unsere Wohnung gewesen, gehört meiner Familie. Deswegen sind die jetzt an die Küste zurückgegangen und leben dort eben gerade in sehr prekären Situationen, weil sie gar nicht die Möglichkeit haben, ihre Familien gerade so gut zu ernähren.
Also, manche von denen. Das hat nur dazu geführt, dass eben Gruppen wie die Alawiten jetzt besonders ansprechbar sind für andere Akteure, die dann kommen und sagen, ja, seht mal her, die neuen Machthaber wollen euch sowieso alle nicht hier haben, die wollen euch alle umbringen und macht doch mit bei uns, ich geb dir hier eine Waffe und lass uns diese neuen Machthaber auch stürzen.
Das war so ein bisschen der Hintergrund der Ereignisse im März. Und daraufhin ist eben dann eine Gewalt ausgebrochen, die auch von Sicherheitskräften mitgetragen wurde, mitzuverantworten ist. Das wird jetzt gerade aufgearbeitet, nicht transparent genug, aber immerhin. Und das sind so die Hintergründe.
Wir haben also ein Land voller bewaffneter Männer, ein Land voller Waffen, weil auch Milizen zwar offiziell eingegliedert wurden in die neuen Sicherheitskräfte, aber noch gar nicht strukturell wirklich integriert wurden, und ein Land voller offener Rechnungen nach 14 Jahren eines Krieges, der wahnsinnig brutal und blutig geführt wurde, ja, auch vom Ausland befeuert wurde und 54 Jahre Diktatur.
54 Jahre Unrechtsregime, 54 Jahre, in denen ich nicht in meinem eigenen Wohnzimmer über Politik gesprochen habe aus Angst. Ein Polizeistaat, Überwachung und das aufzuarbeiten, das dauert natürlich. Und es wird eben auch immer wieder mit Rückschlägen einhergehen. Und das Drama ist eben, dass jede Eskalation, jeder Racheakt, jede Hinrichtung, Entführung, jede schlechte Nachricht eben stellt ganz grundsätzlich immer die gute Absicht infrage dieser neuen Übergangsregierung.
Also, möchte Ahmed al-Scharaa das eigentlich richtig machen und kann es nur nicht? Oder ist er eben jemand, der in Wirklichkeit gar nicht an einer Demokratie interessiert ist?
Sarah Zerback Und inwieweit grenzt er sich auch von zum Beispiel der Terrororganisation Islamischer Staat ab,
die ja wahnsinnig stark war als Akteur im Land, bevor dann territoriale Verluste den IS geschwächt haben? Trotzdem heißt es ja, sollen sich auch da immer noch Mitglieder im Land aufhalten. Was würden Sie sagen, welche Gefahr geht von dem IS in Syrien heute noch aus?
Kristin Helberg Zunächst mal ist es ein Missverständnis zu glauben, dass Ahmed al-Scharaa Teil des IS war.
Ahmed al-Scharaa ist in den Irak gegangen in den 2000er Jahren, hat sich dort Al-Qaida im Irak angeschlossen. Das ist richtig, er war fünf Jahre in Haft. Er hat sich auch 2016 dann distanziert von Al-Qaida, also gebrochen mit diesem internationalen Dschihadismus, weil sein Ziel eigentlich der Sturz des Assad-Regimes war, die Befreiung seiner Heimat Syrien.
Der IS ist nicht verschwunden, der ist nach wie vor präsent, vor allem im Nordosten des Landes, mehrere tausend bewaffnete Männer, die dort im Untergrund agieren. Und wir haben etwa 8000 männliche, ehemalige Kämpfer oder Mitglieder des IS, die in Gefängnissen dort sitzen und die dann wiederum auch, also die müssen natürlich bewacht werden, das passiert mit Unterstützung der US-amerikanischen Truppen, die Hauptverantwortlichen sind die syrischen demokratischen Kräfte.
Das ist die SDF. Das sind die Truppen im Nordosten, also in diesem von den Kurden verwalteten Gebiet. Und das große weitere Problem, das Erbe des IS sind nicht nur Kämpfer, sondern auch Angehörige. Also Frauen und Kinder, 38.000 sind es etwa noch, die in zwei großen Lagern vor sich hin überleben, nämlich in El Hol und in Roj.
Ich habe eines davon, Roj, auch selbst besucht. Und da sind eben noch mehr als 8000 ausländische Frauen und Kinder. Das sind diejenigen, um die wir, sage ich jetzt mal, also der Rest der Welt, sich eigentlich kümmern musste. Und das passiert natürlich viel zu wenig. Also die Resozialisierung, die Versorgung, eigentlich auch die, naja diese Frauen müssen ja auch mal angeklagt werden oder vor Gericht gestellt werden, wenn sie Verbrechen begangen haben und wenn sie die nicht begangen haben, darf man sie nicht festhalten seit sechs Jahren.
Das Ende des Kalifatstaats war 2019. Sechs Jahre in einem Camp unter katastrophalen Bedingungen mit Kindern, die jetzt von kleinen Kindern zu Teenagern geworden sind und die wieder rekrutiert werden vom IS in diesen Camp El Hol zum Beispiel. Also, das wird häufig beschrieben als tickende Zeitbombe. Ich weigere mich diesen Begriff zu verwenden, weil es geht am Ende Menschen.
Aber die Frage, wie man verhindern kann, dass der IS wieder erstarkt, dass er also genau rekrutiert unter Frauen und auch Jugendlichen, die dafür auch wieder ansprechbar sind, wie rette ich die Frauen, die gar nichts mehr mit dem IS zu tun haben aus diesen Camps? Eine riesige Aufgabe.
Sarah Zerback Auf welchem Stand sind wir denn jetzt ein Jahr danach,
also eben die wichtige juristische Aufarbeitung anzustoßen in einem Land, das ja, wie Sie eindrücklich beschreiben, noch an vielen anderen Fronten und mit ganz vielen anderen Problemen zu kämpfen hat?
Kristin Helberg Also, die juristische Aufarbeitung der Verbrechen, die in Syrien passiert sind,
ist ganz grundlegend für alle anderen Themen. Und es ist wahrscheinlich auch die größte Herausforderung für die Zukunft Syriens, ist die Aufarbeitung der Vergangenheit. Weil wir eben nicht nur mit diesen 14 Jahren Krieg zu tun haben, sondern mit Jahrzehnten eines Unrechtsregimes. Und zum jetzigen Zeitpunkt ist nicht erkennbar, dass irgendjemand Verantwortung übernommen hätte in irgendeiner Weise.
Also wir haben noch immer mehr als 100.000 Verschwundene zum Beispiel, von denen die Angehörigen nicht wissen, wo sie sind. Das betrifft tatsächlich fast jede Familie in Syrien, die jemanden verloren hat in den letzten Jahren oder jemand, der verhaftet wurde. Das heißt, dass der Bedarf an Übergangsjustiz, also die Notwendigkeit, das aufzuarbeiten, hat diese neue Führung schon erkannt.
Sie hat im Mai eine Übergangsjustiz-Kommission eingerichtet und eine Kommission für Verschwundene. Die große Herausforderung ist, wie ich die ganze Expertise, die in diesem Bereich schon existiert, bei syrischen Nichtregierungsorganisationen, bei internationalen NGOs und bei den Vereinten Nationen, die seit vielen Jahren Dokumente sammeln, Beweise sammeln, die zusammenführen, die Prozesse vorbereitet haben, Deutschland hat schon Prozesse geführt gegen die systematische Folter des Assad-Regimes, der Prozess in Koblenz, der berühmte El-Hatib-Prozess, wo zwei Vertreter des Sicherheitsapparates verurteilt wurden.
Also, wir haben echte Experten in Deutschland bei der Bundesanwaltschaft in Karlsruhe für Staatsfolter in Syrien. All diese Vorarbeit, all diese wichtigen Erkenntnisse müssen jetzt eigentlich zusammengeführt werden, koordiniert werden in Damaskus, um dann Vertreter dieses alten Regimes vor Gericht zu stellen, um aber natürlich eigentlich auch die Gewalt aller bewaffneten Gruppen auch vor Gericht zu bringen.
Also auch von HTS, Haiʾat Tahrir asch-Scham, also jener Miliz, die Ahmed al-Scharaa selbst angeführt hat in Idlib, die auch Verbrechen begangen haben und viele andere, unter anderem der sogenannte IS, Islamische Staat. Also das ist natürlich noch gar nicht wirklich in Gang gekommen. Und solange die Menschen nicht das Gefühl haben, es wird irgendjemand dafür zur Rechenschaft gezogen und dann ein Gefühl von Gerechtigkeit haben, ein Mindestmaß an Gerechtigkeit, solange können die Menschen sich auch nicht aussöhnen, weil sie jeden Tag durch Syrien laufen und immer noch einen ehemaligen Geheimdienstoffizier treffen oder hören, ach, der ist wieder da, hast du den gesehen, der ist verantwortlich für die Verhaftung jenes Nachbarn.
Also, das ist ja eine Dauerpräsenz eben auch dieses Unrechts um die Menschen herum.
Sarah Zerback Jetzt hat sich ja der Übergangspräsident al-Sharaa
von diesem früheren Al-Qaida-Zweig distanziert und hat dafür auch international ziemlich viel Vorschussvertrauen bekommen. Jetzt, ein Jahr danach, würden Sie sagen, er hat sich das auch verdient? Also ist er moderat geworden, ist er dabei, das Land zu öffnen und möglichst viele Gruppen, wie sie es beschreiben, wo es notwendig ist, in diesen neuen Staatsaufbau zu integrieren.
Kristin Helberg Also distanziert von Al-Qaida hat er sich 2016 schon.
Er hat ja dann dieses Salvation Government in Idlib aufgebaut, also eine Heilsregierung und hat dort eben schon mal im Kleinen ein Gebiet regiert. Es ist wichtig, sich noch mal vielleicht einmal anzugucken, wer ist eigentlich Ahmad al-Scharaa, wo kommt er her, weil er wird hier häufig nur so als der geläuterte Dschihadist wahrgenommen, aber er hat natürlich eine Vorgeschichte, er hat ja auch eine Kindheit gehabt, die hat er im Übrigen in Damaskus verbracht, im Stadtteil Mese, wo viele Botschaften stehen.
Also, das ist so gehobener Mittelstand, würde ich sagen. Seine Nachbarn waren unter anderem Christen. Er ist also mit christlichen Nachbarskindern aufgewachsen. Sein Vater ist Wirtschaftswissenschaftler und Pan-Arabist, überzeugter Pan-Arabist gewesen, die Mutter Lehrerin. Also, ein ziemlich bürgerlicher Haushalt.
Er hat sich dann als junger Mann, er hat Kommunikationswissenschaften studiert, hat sich dann dem Islamismus zugewendet in den 2000er Jahren. Das ist genau die Zeit, in der ich sieben Jahre in Syrien gelebt habe. Und ich erinnere mich daran, wie damals viele junge Männer sich ja diesem Kampf im Irak angeschlossen haben gegen die Amerikaner.
Aus einem Gefühl von Ungerechtigkeit, weil man den Eindruck hatte, die imperialistischen Amerikaner, die haben Saddam Hussein gestürzt, alles gut, aber jetzt besetzen sie hier irgendwie unser Land. Also das war wahrscheinlich eine der Motivationen von Ahmed al-Scharaa, sich anzuschließen den jungen Männern, die damals vor der irakischen Botschaft in Damaskus in Busse gestiegen sind, um als freiwillige Kämpfer in den Irak gebracht zu werden.
Dort war er wie gesagt fünf Jahre inhaftiert. Er kam zurück, hat sich dann von diesem Islamismus-Gedanken, also er ist nach wie vor natürlich vom politischen Islam überzeugt, das denke ich auch, er ist ein konservativer, pietistischer Vertreter, Sunnit. Aber diese dschihadistische Idee hat er dann wie gesagt abgelegt und wurde dann ein nationaler Führer.
Also der Nationalismus, der wahnsinnig ausgeprägt ist in Syrien, arabischer Nationalismus vor allem, das sind so die drei Ideologien, die er verkörpert, die sehr typisch sind für Syrien: Pan-Arabismus, Islamismus, Nationalismus. Das sind aber natürlich drei Ideologien, die überhaupt nicht geeignet sind, aus Syrien eine pluralistische Demokratie zu machen.
Also einerseits repräsentiert er genau das ideologisch, was die meisten Syrer in sich tragen, andererseits ist es aber leider nicht das, was Syrien eigentlich bräuchte gerade. Die Frage, ob er wirklich interessiert ist an Demokratie und an der Einbeziehung aller, wird sich in den nächsten Jahren erst zeigen.
Sarah Zerback Vielleicht gab es einen ersten Stimmungstest ja im Oktober,
als zum ersten Mal dann ein Parlament gewählt wurde. Wie demokratisch und frei lief das denn ab?
Kristin Helberg Das war keine demokratische Wahl, und das hat auch keiner behauptet.
Das ist eben der westliche Blick auf Syrien zu sagen, so, zack zack, zehn Monate nach dem Ende eines Regimes, wo ist denn hier die Demokratie mit Rechten für Homosexuelle und einer Frauenquote? Und es tut mir leid, aber ich muss einmal noch mal erwähnen, wie lange das in Europa gedauert hat von der französischen Revolution zur Einführung des Frauenwahlrechts in Frankreich.
155 Jahre. Das hat ewig gedauert. Als ich geboren wurde, musste meine Mutter sich noch die Erlaubnis holen meines Vaters, hätte sie irgendwie ein Konto eröffnen wollen alleine. Also das ist alles nicht so lange her. Also ein bisschen mehr realistischer Blick und ein bisschen mehr auch eigene vielleicht noch mal Selbstreflexion und Bescheidenheit in der Beurteilung von solchen Übergangsprozessen wäre angebracht.
Was nicht heißen soll, dass man das nicht einfordern soll oder kritisch begleiten soll oder beobachten soll. Diese Wahlen, die im Oktober stattgefunden haben, waren keine demokratischen Wahlen. Das war eine indirekte Bestimmung von Parlamentsabgeordneten. Zwei Drittel über Wahlgremien, Wahlleute vor Ort, die wiederum Ahmed al-Scharaa auch über mehrere Instanzen ernannt hatte.
Deswegen ist es natürlich ein Parlament, das loyal ist, aber dennoch kann es auch Dinge diskutieren. Und offensichtlich war es wichtig, eine Legislative zu haben, weil er will ja nicht per Dekret regieren. Deswegen hat er gesagt, okay, wir machen ein Parlament, wir bestimmen das indirekt durch diese Wahlleute.
Demokratische Wahlen kann man gar nicht abhalten zum jetzigen Zeitpunkt, weil ja noch nicht mal klar ist, wer lebt eigentlich in Syrien? Wir haben kein Wahlregister, wir haben nicht mal einen Zensus, wir wissen gar nicht, wie viele Menschen wo leben. Also, es ist völlig unrealistisch, demokratische Wahlen abzuhalten zum jetzigen Zeitpunkt.
Ein Drittel dieser Abgeordneten ernennt er selbst. Das ist eben auch die Gelegenheit, das ein bisschen auszugleichen, was da jetzt so frustrierend gelaufen ist oder so ungenügend war, nämlich, dass ganz wenig Frauen nur gewählt wurden, obwohl 20 Prozent eigentlich Frauen sein sollten. Es waren, glaube ich, am Ende nur zwei oder drei Prozent.
Es sind auch sehr wenig Vertreter von Minderheiten gewählt wurden über dieses System. Also da kann er mit seinem einen Drittel noch etwas gegenhalten und da jetzt eben noch andere Leute ins Parlament bringen. Aber es geht darum, dass wir in einem Übergangsprozess sind. Die Kernfrage ist, glaube ich daran, dass er das Land in Richtung mehr Mitbestimmung, Einbeziehung aller und Demokratie führt oder glaube ich daran nicht?
Und vor dieser Frage stehen alle Syrerinnen und Syrer, auch zivilgesellschaftliche Gruppen, die das stark kritisieren, die sagen, okay, ich lehne das total ab, das ist ein Islamist, der will die Diktatur, dann ist nämlich die Frage, was mache ich denn jetzt? Bekämpfe ich das jetzt wieder aktiv oder gehe ich ins Ausland, verlasse ich das Land wieder?
Und da ist eben die große Einigkeit unter den Syrern, also wie ich, das ist einer der wenigen Punkte, glaube ich, wo die Menschen sich schon einig sind, ist, dass sie auf keinen Fall zurück wollen zu Gewalt und zum Bekämpfen und zu diesen internen Kämpfen. Und das wollen die Syrer nicht im Land und das wollen die Nachbarländer nicht und das will vor allem auch Europa, die internationale Gemeinschaft, nicht.
Deutschland, die Bundesregierung sagt ganz klar, dieser Übergangsprozess soll geschützt werden. Wir wollen ihn erhalten, dieser Übergang muss irgendwie das Land stabilisieren und deswegen hat Ahmed al-Scharaa vor allem Vertrauen gewonnen im Ausland. Viel mehr eben als im Land, weil er im Land eben durch die genannten Gewaltereignisse da auch sehr viel Vertrauen verloren hat.
Sarah Zerback Wenn wir jetzt mal darauf blicken, wie das Land zusammenwachsen kann.
Was würden Sie sagen, was muss passieren, damit eben diese ganzen unterschiedlichen Minderheiten im Land, Alawiten, Christen zusammenfinden und auch so eine Art von nationaler gemeinsamer Identität entwickeln können?
Kristin Helberg Das ist eine große Frage, mit der sehr viele Syrerinnen und Syrer,
die im Exil leben, sich seit vielen Jahren beschäftigen. Wer sind wir eigentlich? Was ist eine syrische Identität? Die war über Jahrzehnte ja vor allem arabisch dominiert, also durch den arabischen Nationalismus. Das hat die Kurden ausgeschlossen. Dadurch waren dann unter Assad eben formell alle Christen, Alawiten, Sunniten, waren ja Hauptsache Araber und deswegen irgendwie Syrer.
Das kann kein Konzept sein für die Zukunft, sondern im Grunde müsste sich eine syrische Identität eben unabhängig von ethnischer oder konfessioneller religiöser Zugehörigkeit herausbilden. Was extrem schwierig ist vor dem Hintergrund, dass der Konflikt zuletzt eben der Krieg auch so verlaufen ist entlang dieser Linien und jetzt auch die tiefsten Gräben bis heute verlaufen zwischen Arabern und Kurden, würde ich sagen, und zwischen Alawiten und Sunniten.
Das sind so die tiefsten Gräben und ohne Aufarbeitung wird es nicht gelingen. Ohne diese Aufarbeitung kann man sich nicht aussöhnen, kann die Gesellschaft nicht wieder zusammenwachsen. Und der erste wichtige Schritt ist, dem anderen zuzuhören, in andere Gebiete zu fahren, zu verstehen, wie waren eigentlich die letzten 14 Jahre in Kamischli, also im Nordosten des Landes?
Was haben eigentlich Leute in Idlib erlebt? Was ist eigentlich passiert mit den Geflüchteten aus den Vororten von Damaskus? Wie war das eigentlich in Sueida? Wie haben die Drusen irgendwie diese 14 Jahre überstanden? Da sehe ich ganz wenig Wissen bei Menschen und auch wenig Bereitschaft, sich das überhaupt anzuhören und einfach nur mal anzuerkennen, wie schlimm das auch für andere anderswo war.
Also einfach mal zu sagen, es tut mir wirklich leid, was mit euch in Homs passiert ist. Oder es tut mir wirklich, unabhängig davon, dass ich dafür keine Verantwortung trage und ich nicht persönlich schuld daran bin. Also, das sind so ganz wichtige, glaube ich, erste Schritte. Das Gute an Syrien ist immer, dass immer dann, wenn man denkt, oh Gott, die Herausforderungen sind so riesig, wie soll ein Land das jemals schaffen, dass man dann Menschen trifft, die schon angefangen haben, genau das zu bearbeiten.
Nämlich Syrerinnen und Syrer, die eigentlich Experten sind für genau diese Themen. Es gibt syrische Experten für die Dokumentation von Verbrechen, für die Aufarbeitung von Verbrechen, für die Suche nach Vermissten. Es gibt syrische Experten für Übergangsjustiz. Es gibt syrische Experten für Housing, Land and Property Rights, also Eigentumsrechte.
Riesiges Thema angesichts der Vertreibung. Hälfte der Bevölkerung vertrieben. Wer kehrt zurück in welches Haus? Wer wohnt da jetzt drin? Wo wurde die Person vertrieben? Hat die noch ein Haus? Kann die das beweisen? Ein Riesenthema. Auch da gibt es syrische NGOs, die sich spezialisiert haben seit Jahren auf dieses Thema.
Also, wir haben für jedes Thema, ob Gesundheit, Bildung, wir haben Syrerinnen und Syrer, die sich damit auskennen. Sie müssen jetzt nur in Damaskus gehört werden und ins Land kommen und das irgendwie nachhaltig wieder aufbauen können. Das ist sozusagen die gute Nachricht, wenn ich nach Homs fahre, gibt es da schon einen Workshop mit Frauen verschiedener Konfessionen, die sich zusammensetzen und darüber reden, was sie erlebt haben.
Dann treffe ich einen Psychologen, der gerade schon Traumatherapie macht, dann gibt es Anwälte, die schon Workshops machen für ihre syrischen Kollegen über internationales Völkerrecht und überhaupt juristische Prinzipien. Also, es ist ganz viel im Gang, aber die Herausforderungen sind so groß, dass man eben häufig auch zweifelt, ob das überhaupt gelingen kann.
Und ich würde nicht sagen, dass das schon feststeht, dass der Übergang gelingt. Wir wissen nicht, wohin das führt. Und in jedem Fall hat Syrien jede Unterstützung dafür verdient, würde ich sagen, vor allem dadurch, dass man auch eine kluge, aufenthaltsrechtliche Politik macht und Syrerinnen und Syrer aus dem Exil ermächtigt und befähigt und es ihnen ermöglicht, ihr Land wieder aufzubauen, ohne sie deswegen auf Nimmerwiedersehen zurückzuschicken in ihre Heimat.
Das ist der falsche Weg.
Sarah Zerback Kristin Helberg, danke schön.
Kristin Hellberg Sehr gerne, vielen Dank.
*Musik*
Sarah Zerback Der Machtwechsel in Syrien hat nicht nur die Situation im Land grundlegend verändert,
der Sturz Assads sorgt auch dafür, dass sich die Gleichgewichte und Beziehungen in der ganzen Region verändern. Das erklärt der Islamwissenschaftler Guido Steinberg von der Stiftung Wissenschaft und Politik.
Er sagt Es gibt in der Region nach dem Sturz Assads Gewinner und Verlierer.
Die Türkei zum Beispiel profitiert ganz klar von der Machtübernahme durch die HTS.
Guido Steinberg Die Türkei ist seit spätestens 2017 der große Patron der HTS,
also des Befreiungskomitees Syriens, das im Dezember 2024 die Macht in Damaskus übernommen hat. Diese Gruppierung hat vorher ein kleines Gebiet in der Provinz Idlib im Nordwesten des Landes beherrscht. Und dieses Gebiet wurde von türkischen Truppen vor dem Militär des Assad-Regimes und seiner Verbündeten geschützt.
Und jetzt ist natürlich der Sieg eines solchen Verbündeten in Damaskus auch ein Sieg Ankaras und ist auch mit der Hoffnung verbunden, dass Ankara die große Schutzmacht Syriens werden bzw. bleiben wird.
Sarah Zerback Um Syrien nicht komplett dem türkischen Einfluss zu überlassen,
hat sich eine weitere Regionalmacht ins Spiel gebracht: Saudi-Arabien.
Guido Steinberg Saudi-Arabien hat jetzt auf diese neue Situation in Syrien reagiert,
indem es sehr großzügige Kooperationsangebote an die HTS, an Damaskus gemacht hat, mit dem offenkundigen Zweck, zu verhindern, dass da ein vollkommen von der Türkei abhängiger Staat entsteht. Und die neue Führung in Damaskus ist auf diese Avancen eingegangen, weil natürlich auch Damaskus nicht vollkommen von der Türkei abhängig sein will.
Syrien unter dem neuen Präsidenten al-Scharaa will ganz schlicht kein türkischer Satellitenstaat werden. Dazu braucht es neue Verbündete, die Unterstützung von Staaten aus der Region. Und da ist Saudi-Arabien natürlich besonders wichtig, weil es nun einmal die größte Volkswirtschaft der arabischen Welt ist und darüber hinaus die arabische Regionalmacht überhaupt.
Sarah Zerback Mit dem Machtwechsel in Syrien änderten sich auch die Unterstützer des Landes,
was Auswirkungen auf die ganze Region hat. Seit den 1980er Jahren war das Assad-Regime ein enger Verbündeter Irans. Und so wurde in Syrien zwischen 2011 und 2024 nicht nur ein Bürgerkrieg geführt, sondern auch regionale und überregionale Konflikte ausgefochten, zum Beispiel der zwischen Iran und Israel.
In der ganzen Region unterstützt Iran anti-israelische Gruppierungen wie die Hisbollah im Libanon und die Hamas.
Guido Steinberg Iran hat sich bis letztes Jahr bemüht, in Syrien eine zweite Front aufzubauen.
Eine zweite Front bedeutet: neben der ersten Front im Libanon, die von der Hisbollah gehalten wurde. Iran wollte Israel von Syrien aus vor allem mit Raketen, mit Drohnen, mit Marschflugkörpern bedrohen.
Sarah Zerback Dafür hat Iran viel Militärpräsenz in Syrien aufgebaut, mit Waffenfabriken und Checkpoints.
Iran hat das Assad-Regime und schiitische Milizen, die auf Seiten Assads gekämpft haben, unterstützt. Dadurch wurde Syrien auch zu einer Verbindungsroute zur Hisbollah im Libanon.
Guido Steinberg Seit 2017 hat sich Israel gegen diesen Truppenaufmarsch der Iraner gewehrt,
mit weit über 1000 Luftschlägen, schon in den ersten Jahren des Konflikts. Und diese Luftschläge die haben an Intensität noch einmal zugenommen im Verlauf des Jahres 2024. Weil nun einmal im Kontext des Gazakrieges die Israelis auch im Libanon, auch in Syrien, im Irak und später dann auch im Iran dagegen gehalten haben.
Und das ist letzten Endes einer der Gründe dafür, warum das Assad-Regime zusammengebrochen ist. Der wichtige Verbündete Iran, die vielen schiitischen Milizen, die waren so stark geschwächt, dass sie sich der HTS nicht mehr entgegenstellen konnten.
Sarah Zerback Die Schwächung anderer Akteure in der Region um Syrien hat also indirekt dazu geführt,
dass das Assad-Regime Unterstützung verloren hat und sein Sturz erst ermöglicht wurde. Aus der Sicht Israels sind die neuen Machthaber, die HTS, eine neue Bedrohung. Sofort nach dem Sturz des Assad-Regimes haben sie Syrien aus der Luft angegriffen und einen Großteil der militärischen Ausrüstung zerstört.
Guido Steinberg Die Israelis haben den Zusammenbruch des Assad-Regimes genutzt,
um militärische Hardware zu zerstören, unter anderem um zu verhindern, dass Panzerwagen, vielleicht sogar Flugzeuge in die Hand der HTS gelangen. Also letzten Endes haben die Israelis versucht, eine fast vollständige Entwaffnung Syriens mit militärischer Gewalt durchzusetzen. Hinzu kommt, dass sie dann auch noch Gebiete im Süden des Landes eingenommen haben, Pufferzonen mit dem Argument, dass es sich ja bei der HTS um eine terroristische Organisation handelt und Israel sich schützen muss.
Sarah Zerback Der Sturz des Assad-Regimes hat also die Machtbeziehungen
zwischen Syrien und seinen Nachbarländern neu sortiert. Wenn man über die regionalen Beziehungen hinausblickt, dann spielen auch andere Staaten eine wichtige Rolle, damit Syrien wieder stabil werden kann. Die syrische Wirtschaft lag zum Ende des Bürgerkriegs am Boden, vor allem durch die Wirtschaftssanktionen von EU, USA und den arabischen Staaten.
Zugleich sind die Zerstörungen im Land immens, knapp zwei Drittel der Bevölkerung sind auf humanitäre Hilfe angewiesen. Da werde die EU gebraucht, sagt Guido Steinberg: mit ihrem Know-How und mit ihrem Geld. Die EU hat Syrien im März Unterstützung von 2,5 Milliarden Euro zugesagt und im Mai beschlossen, alle Wirtschaftssanktionen gegen Syrien aufzuheben, damit dem Land ein Neustart ermöglicht wird.
Guido Steinberg Da ist die Europäische Union aufgrund ihrer geografischen Nähe,
aufgrund ihres Reichtums natürlich ein ganz, ganz wichtiger Partner. Und auch die Europäer haben insgesamt sehr positiv reagiert, in etwas unterschiedlicher Form. Da gibt es Staaten, die wirklich mit ausgebreiteten Armen auf die Syrer losgelaufen sind, wie zum Beispiel Frankreich. Aber da gibt es dann eben auch Staaten wie Deutschland, die etwas vorsichtiger gewesen sind.
Wir haben da auf der einen Seite die Außenministerin, das Außenministerium, die ja sofort Reisen organisiert haben, Sanktionen beendet haben und dann haben wir eher so unseren Sicherheitskomplex in der deutschen Politik, die vor allem aufgrund der Verbrechen der HTS nach der Machtübernahme dann die Entscheidung getroffen haben, da etwas vorsichtiger zu agieren.
Vor allem haben sie eben die HTS auf der deutschen Terrorliste belassen, auch wenn sich an der Strafbarkeit ein bisschen was verändert hat.
Sarah Zerback Die USA haben die HTS von ihrer Liste ausländischer Terrororganisationen entfernt.
Al-Scharaa war im November als erster syrischer Staatschef überhaupt im Weißen Haus zu Gast. Der syrische Übergangspräsident setzt sich dafür ein, gute Beziehungen zu vielen Ländern aufzubauen. Trotzdem dämpft Guido Steinberg zu hohe Erwartungen an die Zukunft Syriens, gerade mit Blick auf das Vorgehen der HTS gegen Minderheiten und die Biographie von Ahmed al-Scharaa.
Guido Steinberg Natürlich darf man akzeptieren, dass politische Akteure sich verändern.
Man muss dem syrischen Präsidenten und seinen Leuten zugestehen, dass sie sich verändert haben im Laufe ihrer Karriere. Aber es sind immer noch islamistische Gewalttäter und arabische Chauvinisten, denen man mit einer gesunden Portion Misstrauen begegnen muss. Und man muss sich, glaube ich, auch in Europa darauf einstellen, dass da vielleicht ein Regime entsteht, das nicht ganz so schlimm ist wie das Assad-Regime, das aber auf einen Autoritarismus anderer Art setzt, der vielleicht auch nicht dem entspricht, was wir uns für Syrien so wünschen.
*Musik*
Sarah Zerback Über 950.000 Menschen aus Syrien leben in Deutschland.
Damit sind Syrerinnen und Syrer die drittgrößte ausländische Bevölkerungsgruppe in Deutschland. Auch wer in Deutschland eingebürgert wird, behält die syrische Staatsbürgerschaft. Für diese Menschen hat sich die Situation seit dem Machtwechsel in Syrien grundlegend verändert, erklärt Menschenrechtsanwältin Nahla Osman.
Nahla Osman Zum einen wünschen sich natürlich die Menschen, nach Syrien zurückzukehren,
sei es nur für einen Besuch, sei es, weil sie ihre Mutter 14 Jahre nicht gesehen haben oder ihr Eigentum oder weil sie wirklich sagen, okay, ich habe jetzt hier 14 Jahre gelebt, ich habe viel von Deutschland bekommen und ich möchte jetzt in Syrien meinen Dienst erweisen. Also das sind natürlich Dinge, wenn ich die deutsche Staatsbürgerschaft habe, dann kann ich mir das auch erlauben.
Dann kann ich sagen, okay, ich gehe jetzt dahin und schaue, ob ich dort Fuß fassen kann oder ob ich dort Unterstützung leisten kann. Wenn ich aber subsidiär Schutzberechtigter bin oder eben anerkannter Flüchtling und nicht die Erlaubnis erhalten habe, nach Syrien zu gehen und zu schauen, kann ich da leben oder nicht oder kann ich meine Verwandten 14 Jahren sehen oder nicht, dann ist es natürlich auch leider so, dass man eben dieser Person die Entscheidung genommen hat.
Deswegen haben wir jetzt auch nur einen kleinen Teil von Menschen, die sagen: „Wir kehren zurück“, weil sie eben wissen, wenn wir zurückkehren, dann können sie nicht mehr nach Deutschland kommen.
Sarah Zerback "Hier können wirklich kaum Menschen richtig würdig leben."
Das hatte Bundesaußenminister Johann Wadephul bei einer Reise nach Syrien Ende Oktober dieses Jahres gesagt. Damit hat er eine Debatte innerhalb der Union losgetreten, denn für Kanzler Merz gibt es mit der Beendigung des Bürgerkriegs keinen Grund mehr für Asyl. Er hat Übergangspräsident al-Scharaa nach Deutschland eingeladen und möchte mit ihm auch über die Rückkehr von syrischen Staatsbürgerinnen und -bürgern und die Abschiebung von Straftätern sprechen.
Für viele geflüchtete Syrerinnen und Syrer in Deutschland bedeutet der Sturz Assads also auch eine große Verunsicherung über ihre Lebenssituation. Nahla Osman hat beobachtet, wie das deutsche Asylsystem ziemlich direkt auf den politischen Umbruch in Syrien reagiert hat
Nahla Osman Zum einen gab es jetzt über ein Jahr fast keine Bescheide mehr für die Menschen,
die nach Deutschland gekommen sind und hier Asyl beantragt haben. Ich habe jetzt täglich leider Mandanten, die eine Ablehnung bekommen haben und Abschiebungsandrohungen nach Syrien. Das sind zumeist junge Männer, die seit über zehn Jahren in der Türkei zum Beispiel oder im Libanon überlebt haben, also unter schlimmsten Bedingungen gearbeitet haben, damit sie das Geld zusammentreiben können und hier in Deutschland sich eine Existenz aufbauen.
Diese Leute haben jetzt alle eine Ablehnung gekriegt. Wir sehen, das Bundesamt sieht Syrien entgegen der Aussage des Außenministeriums als sicher an und lehnt deswegen die Asylanträge ab. Wir haben zum zweiten leider erneut den Ausfall des Familiennachzugs zu subsidiär Schutzberechtigten. Das bedeutet, die Menschen können ihre Familien für zwei Jahre nicht nach Deutschland holen.
Also, die haben einen Antrag gestellt vor möglicherweise ein, zwei Jahren, hätten jetzt einen Termin kriegen müssen und jeder, der subsidiär schutzberechtigt ist, darf nicht mehr seine Familie holen für mindestens zwei Jahre. Das ist natürlich auch sehr negativ und belastet die Menschen sehr, weil sie ihre Frauen, Kinder, Ehemänner immer noch irgendwo in Zelten möglicherweise haben und sie jetzt nicht nach Deutschland holen können.
Sarah Zerback Die Bestandsaufnahme ergibt:
Ein zerstörtes Land, eine von Terror und Krieg gezeichnete Gesellschafft, die große Unsicherheit, wie es weitergeht. Aber wenn Nahla Osman gefragt wird, ob sie trotzdem Hoffnung hat für ein friedliches Syrien, dann sagt sie
Nahla Osman Ich habe gar keine andere Wahl.
Wir haben so lange darauf gewartet, also nicht nur die letzten 14 Jahre. Mein Vater durfte 47 Jahre nicht nach Syrien und ist leider drei Wochen vor dem Sturz des Assad-Regimes verstorben. Deswegen klammern wir uns an alles und hoffen natürlich, dass Syrien stabil wird, dass Syrien seinen Platz wieder in der Weltordnung findet, dass es gerecht wird für alle Menschen, für alle Gesellschaften vor Ort, für jede Stadt unabhängig von Religion und Ethnie.
Also ich habe gesehen, dass die Menschen schnell verzeihen in Syrien, dass sie alle gewillt sind und ich hoffe sehr, dass man den Menschen eine Chance gibt und dass von außen auch keine weiteren Hindernisse erfolgen. Und dann bin ich auf jeden Fall sehr optimistisch, dass es klappt. *Musik* Was wir also mitnehmen können 1. Nach 14 Jahren Bürgerkrieg und Jahrzehnten der Diktatur steht Syrien vor massiven Herausforderungen Wiederaufbau, politische und wirtschaftliche Stabilisierung, Versöhnung.
Dafür sollte man dem Land auch Zeit lassen, hat Kristin Helberg betont. 2. Der Sturz des Assad-Regimes wirkt sich über die Syriens Landesgrenzen hinaus aus, Machtverhältnisse haben sich verschoben. Syrien sucht nach neuen Partnern in der Region und international. Mit großer Hoffnung in die neue Regierung sollte man aber vorsichtig sein, warnt Guido Steinberg.
3. Die Hoffnung der Menschen in Syrien und in der Diaspora ist groß. Für die meisten ist und bleibt der Sturz Assads bisher eine historische Erleichterung. Davon ist Nahla Osman überzeugt. *Musik* Das war „Aus Politik und Zeitgeschichte“. In unserem Heft mit dem Titel „Syrien“ können Sie noch mehr zum Thema lesen.
Den Link dazu finden Sie in den Shownotes. Wir freuen uns natürlich über Feedback zu diesem Podcast. Fragen, Lob, aber auch Kritik können Sie uns schicken an apuz@bpb.de. In vier Wochen erscheint dann die nächste Folge, dann sprechen wir über Angst. Mein Name ist Sarah Zerback, bis zum nächsten Mal. *Musik* Zum Schluss haben wir noch einen Podcast-Tipp für Sie.
Wenn einem alles genommen wird, was dann? Diese Frage mussten sich unzählige Jüdinnen und Juden stellen, die im Nationalsozialismus verfolgt und ins Exil gezwungen wurden. Die neue Staffel des Podcasts „Exil“ beginnt mit der Geschichte der Comiczeichnerin Lily Renée, die in den USA dem Sexismus der Branche trotzte.
Doch ihre Comicfiguren waren in Europa lange vergessen. Bis es in ihrem Leben im hohen Alter eine unerwartete Wendung gab. Der Podcast „Exil“ erzählt basierend auf Tagebucheinträgen, Briefen und Interviews meist unbekannte Geschichten und zeigt, wie das Schaffen deutschsprachiger vertriebener Jüdinnen und Juden Teil unserer Gegenwart ist.
„Exil“ ist eine Kooperation des Leo Baeck Instituts New York,Berlin und der Bundeszentrale für politische Bildung. Die neuen Folgen der zweiten Staffel erscheinen jede Woche dienstags in der bpb-Mediathek und auf allen gängigen Podcastplattformen. *Musik* Der Podcast „Aus Politik und Zeitgeschichte“ wird von der APuZ-Redaktion in Zusammenarbeit mit hauseins produziert.
Redaktion für diese Folge Lorenz Abu Ayyash, Gina Enslin und Isabel Röder.
Produktion Oliver Kraus. Musik: Joscha Grunewald. Am Mikrofon war Sarah Zerback.
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