
BILLION DOLLAR BABIES – Der Aal und die Gier· Folge 2
Folge 1 - Deutschland: Kokain mit Flossen
Dienstag, 24. März 2026 · 29 min
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Shownotes
Weniger Risiko als Kokain, der gleiche Profit. Organisierte Kriminalität, Geld für einen Krieg und ein ermordeter Präsident - wegen eines Tiers, das durch unsere Flüsse schwimmt?
Hier geht es zum Film: kurz.zdf.de/bdb
Ein in der Karibik abgestürztes Flugzeug voller Baby-Aale bringt die Filmemacher Sebastian Weis und Marcel Ozan Riedel auf eine Spur.
Glasaale werden geschmuggelt – mit ebenso absurden Gewinnmargen wie sie mit Kokain erzielt werden. Die Reise führt über mehrere Kontinente. Eine Aal-Dame, gesprochen von Schauspielerin Katja Riemann, begleitet die Geschichte als kluge, eigenwillige Erzählerin. Sie spricht für ihre bedrohte Spezies, erzählt von jahrhundertealten Mythen und lenkt den Blick immer wieder auf das, was auf dem Spiel steht: das Überleben des Aals.
BILLION DOLLAR BABIES – Der Aal und die Gier ist ein Podcast von Lisa Ludwig, Sebastian Weis und Marcel Ozan Riedel.
Erzählt von Katja Riemann, Sebastian Weis und Marcel Ozan Riedel.
Regie & Schnitt: Nele Dehnenkamp.
Co-Autorin: Birgit Tanner.
Dramaturgische Beratung: Miku Sophie Kühmel.
Ton & Technik: Andre Moghimi & Stanisław Miłkowski & Jochen Voerste.
Musik: Andre Moghimi.
Mit weiterer Musik aus dem Film von Nils Kacirek.
Zusätzliches Sounddesign: Felix Denzer.
Produktionsassistenz: Stefanie Kaiser und Philipp Fischer.
Coverdesign: Victoria Müller.
Creative Producing: Maike Brülls.
Head Of Content Richtig Cool: Jan Lindenau-Rank.
Executive Producer Richtig Cool: Robin Blase.
Executive Producer DOCDAYS: Antje Boehmert.
Produktionsmanagement ZDF: Christiane Alsfasser, Anna Sophie Schmid.
Redaktion ZDF: Lisa Reisch und Vanessa Olivier, Susanne Mertens (ARTE)
Mit großem Dank an Sam Piranty, ohne den dieser Podcast nicht möglich gewesen wäre, sowie Anja Herrenbrück, Marla Hünninghaus, Katharina Fülle und das Kinderhospiz „Berliner Herz“
BILLION DOLLAR BABIES ist ein Podcast von ZDFkultur. Und eine Zusammenarbeit von Richtig Cool und DOCDAYS Productions.
Transkriptvom Podcast bereitgestellt · Zeitmarken springen hin
Was ihr hier hört, ist eine Meldung über einen Flugzeugabsturz in Haiti. Eine kleine Propellermaschine ist gleich nach dem Start in ein Wohngebiet gestürzt. Deshalb stehen auch überall Leute um das Frack herum. Ein Reporter filmt das Ganze mit seinem Handy. Die Piloten, ein Amerikaner und ein Haitianer sind tot.
Plötzlich entdeckt der Reporter etwas. Auf ihren Körpern winden sich kleine, fast durchsichtige, wurmartige Wesen. Es sind Aale. Genauer gesagt Baby-Aale. Was haben die in einem kleinen Flugzeug verloren, in dem man eher Drogen vermuten würde? Ich kann euch jetzt schon so viel sagen. Mit kleinen Aalen lassen sich genauso hohe Gewinne einfahren wie mit Kokain.
Zum Zeitpunkt des Absturzes habe ich zu dem laut Europol größten Wildtierverbrechen Europas recherchiert. Ich habe Wissenschaftler, Ermittlerinnen und Händler getroffen. Und ich bin der Frage nachgegangen, ob Geld aus dem Schmuggel von Ahlen in den russischen Angriffskrieg fließt. Und ich wollte herausfinden, ob der Flugzeugabsturz mit dem Präsidentenmord auf Haiti zu tun hat.
Ich bin Sebastian Weiß, Filmemacher und Investigativjournalist. Für ZDF Arte, ZDF Kultur und BBC Eye habe ich einen Film gemacht über eine gefährdete Tierart, die in den Flüssen vor unserer Haustür schwimmt und mit deren Schmuggel Milliarden verdient werden. Und was ihr in der Doku nicht seht, hört ihr hier.
Das hier ist nicht irgendein True Crime Podcast. Kein Wirtschafts-Thriller, zumindest nicht für uns. Das ist das größte Wildtierverbrechen, von dem kaum jemand weiß. Das ist Billion-Dollar-Babys. Folge 1. Deutschland. Kokain mit Flossen. Im Februar 2024 sitze ich in einem kleinen Privatflugzeug. Auf seiner rot-weißen Flanke steht ein Schriftzug.
G-Eels. Das G steht für Großbritannien, nicht für Gangster. Eels heißt einfach Aale. Es ist mitten in der Nacht, als wir abheben. Unter uns wird der französische Küstenort La Rochelle immer kleiner. Dann verschwindet er ganz. Ich teile mir die eiskalte Rückbank mit meinem Freund und Kollegen Marcel Osanriedl.
Eigentlich montiere ich Sebastians gedrehte Bilder im Schneideraum. Aber diesmal gehen wir zu zweit auf die Reise, ohne großes Filmteam. Weil wir flexibel sein wollen und weil wir hoffen, so Zugang zu Menschen zu bekommen, die eigentlich nicht vor der Kamera sprechen würden. Dabei werden wir auch auf Menschen treffen, deren Ansichten wir nicht teilen.
Wir transportieren 255 Kilogramm lebende Baby-Aale nach Bayern. Sie liegen direkt hinter uns im Frachtraum, in flachen Styroporkisten mit Eis. Klitzekleine, durchsichtige Würmer sehen aus wie Glasnudeln. Die Baby-Aale sind bestimmt für einen Fischzuchtverband in Bayern. Welcher genau spielt hier keine große Rolle, nur dass sie die Aale dringend brauchen.
Der Bestand an europäischen Aalen geht seit Jahren dramatisch zurück. Mittlerweile um über 90 Prozent. Nur in Frankreich kommen noch relativ viele an. Deshalb werden sie dort gefangen und dann in deutschen Flüssen und Seen wieder ausgesetzt. Restocking heißt das oder Besatz. Rettungsbemühungen für eine bedrohte Art. Klingt erstmal nach Naturschutz, oder?
David sagt, viele Leute würden behaupten, der Alindustrie gehe es nur um den Profit. Dabei würden sie eigentlich etwas Gutes für die Umwelt tun. David arbeitet seit Jahrzehnten für den letzten Aalhändler Großbritanniens, Peter Wood. Dessen Firma gehört auch das Flugzeug, in dem wir sitzen. Peter Wood lernt hier in Folge 2 kennen.
David und sein Chef sehen sich als die Guten, als die Retter einer bedrohten Art. Was sie damit verdienen würden, sei überschaubar. Ein Flugzeug, um kistenweise Aale durch Europa zu fliegen, können sich trotzdem leisten. denke ich mir. Und frage mich, was so einem Aal eigentlich durch den Kopf geht, während er in einer Styroporbox herumgeflogen wird.
Ich habe keinen Namen, keine außergewöhnliche Farbe. Ich bin nicht besonders. Ich bin nicht mal ein einzelnes Tier. Ich bin jede und alle auf einmal. Ich spreche für meine Spezies, die keine Stimme hat. Denn irgendjemand muss es tun. Ich spreche für den Aal. Hier in dieser weißen Styroporkiste bin ich ein europäischer Aal.
Angia, Angia. Unser wissenschaftlicher Name klingt wie eine Liebeserklärung an das Wasser, in dem wir eigentlich leben, das sich bewegt und nie stillsteht. Ich habe keine Angst vor diesem bayerischen Gewässer und dem, was danach kommt. Aber ich weiß, dass unser Leben hier besiegelt ist. Wir werden im Gegensatz zu unseren freien Artgenossen sehr wahrscheinlich nicht an den Ort zurückkehren können, an dem unser Leben so beginnt und endet, wie es die Natur vorgesehen hat.
An dem wir geboren werden und an dem es uns irgendwann einmal zieht. Dazu erzähle ich euch später noch mehr Jetzt erzähle ich euch erstmal, dass es uns Aale bedeutend länger gibt als euch Menschen. Ja, erstaunt ihr, was? Es gibt uns schon so lange, da war die Idee, Mensch, noch gar nicht geboren Es gibt uns, seit den Dinosauriern Die älteste Aalform existierte schon in der Trias, Ich wüsste jetzt nicht genau, wann das war Ich sag's euch.
Vor über 200 Millionen Jahren, da gab es noch keinen Bayern, kein Deutschland, kein Europa. Die von euch bewohnte Welt war damals noch vereint. In einem großen Kontinent. Pangäa. Wir haben erlebt, wie der Kontinent auseinanderbrach. Wie Asteroiden die Welt in Flammen aufgehen ließen und den Untergang der Dinosaurier einläuteten.
Zwei der fünf größten Massenaussterben der Erdgeschichte, mehrere Eiszeiten, Millionen Lebensarten, die es nicht mehr gibt, aber wir haben überlebt. Wir sind zäh, hartgesotten. Nur euch, euch Menschen. Euch überleben wir vielleicht nicht. Lange dauert es nicht mehr, bis wir in der neuen Heimat der Aale landen.
Doch uns geht eine Sache nicht mehr aus dem Kopf. Benoit, ein Kollege von David, hat uns kurz vorm Start in Frankreich etwas erzählt. Sie würden häufig von der Polizei kontrolliert werden, aber die würde nie etwas finden. Das fand er ziemlich amüsant. Benoit sagt, die Polizei würde nur ihren Job machen und vielleicht nicht dorthin schauen, wo sie eigentlich hinschauen sollten.
Er lächelt, als er das sagt und sieht aber ein bisschen aus wie Al Pacino in Im Auftrag des Teufels. Danach wird es totenstill, als wäre ihm da etwas rausgerutscht, das er lieber nicht hätte sagen sollen. Willkommen in Hausfurt Hausfurt Wir sind in Haarsfurt gelandet. Mittlerweile bricht der Tag an und ich bin todmüde.
Als die Türen aufgehen, sehen wir einen weißen Transporter. Davor steht ein grinsender Typ mit Käppi, ein Mitarbeiter von dem Fischstuchtverband, für den die Aale bestimmt sind. Guten Morgen. Weiße Transporter werden in diesem Podcast noch eine wichtige Rolle spielen. Doch dazu später mehr. Erstmal beobachten wir den Typ mit Käppi, der die Styroporboxen voller Aale in seinen Van verlädt.
Dann fragen wir ihn, was er mit den Aalen eigentlich vorhat. Genau, das ist nur der vorliegenden Platz. Die Angelvereine sind zusammen besetzt, die ihre Gewässer dann noch mitnimmt. Damit die dann hoffentlich alle wachsen und die Angler die irgendwann wieder rausangeln können. Angeln? Naturschutz? Ich frage mich, warum die Polizei sich dafür interessieren sollte.
Der europäische Aal ist seit 2010 geschützt. Er ist vom Aussterben bedroht und darf in der EU nur unter strengsten Auflagen gefangen und verkauft werden. Jedenfalls in der Theorie. Die EU hat eine Richtlinie festgesetzt. Von den Fängen dürfen 40 Prozent gemästet und am Ende gegessen werden. Die anderen 60 Prozent müssen zurück in die Natur, in Gewässer, in denen fast kein Aal mehr zu finden ist.
Ein Export in Länder außerhalb der EU ist streng verboten und wird hart bestraft. Und es gibt noch eine Sache, die man über den Aal wissen muss. Aale kann man kommerziell nicht züchten. Jeder Aal, der gegessen wird, wurde in der Wildnis gefangen. Für uns klingt das alles eher wie Naturschutz, den man räuchern kann.
Nicht wie das laut Europol größte Wildtierverbrechen Europas. Dann sind alle Baby-Ale in den weißen Van verladen und der Typ mit dem Käppi braust davon. Ah, Bayern also. Entgegen anderslautender Videos eines dort ansässigen, ziemlich hohen Tieres, gibt es dort offenbar nicht nur Fleisch, sondern auch Fisch. Also uns.
Für uns ist es egal. Das Wasser schmeckt in allen Becken gleich abgestanden. Wie sie uns durch die Wasseroberfläche anstarren, diese Menschen. Wie sie versuchen auszumachen, wie viele meiner Geschwister gestorben sein könnten. Wie viel Profit durch irgendeine Nachlässigkeit verloren sein könnte. Wir werden in Kilo gezählt, weil sich unser Wert einzig an Gewicht bemisst. Wir alle.
Vielleicht liegt es daran, dass der Mensch nicht wirklich weiß, wo wir herkommen. Das genau zu wissen, ist dem Menschen offenbar ein besonderes Anliegen. Bis heute hat es niemand geschafft, das Ei eines Aals zu finden. Aber in der Sargasso-See, diesem Stück Ozean, das nur von Meeresströmungen begrenzt ist, und in deren Bermuda-Dreieck der Legende nach Schiffe und Flugzeuge auf mysteriösem Weg verschwinden, beginnen wir unser Leben als Weidenblattlarven.
Durchsichtig, winzig. Kaum vorstellbar, dass wir den Strömungen vor der Küste Floridas standhalten. Drei Jahre driften wir unsere Natur folgend durch den Atlantik und landen schließlich an den europäischen Küsten. Währenddessen durchlaufen wir eine Metamorphose. Wir werden länger, schlangenartiger. Glasaal nennt der Mensch uns jetzt. Kaum sichtbar für das menschliche Auge suchen wir uns unseren Weg vom Meer in die Flüsse.
Unser Stoffwechsel passt sich an das Süßwasser an. Wir werden größer, kräftiger. Es dauert Jahre, bis wir in den Flüssen Europas erwachsen werden. Ein Aal leben ist lang, bis zu 50 Jahre, wenn der Mensch uns leben lässt. Im Schlamm und Schlick wachsen wir bis zu eineinhalb Meter lang. Nach sechs bis 15 Jahren erreicht unsere Metamorphose, wir sind inzwischen ganz dunkel geworden, den letzten Schritt.
Die Natur ruft uns. Wir sollen zurück nach Hause. In die Sargassu-See, ins Bermuda-Dreieck. Wir schwimmen los. Tausende Kilometer vor uns. Geleitet von einer inneren Stimme, die lauter ist, als ihr Menschen es begreifen könntet. Unser Bauch wird im Meereswasser silbern. Unsere Augen größer. Unser ganzer Körper verändert sich ein letztes Mal. Wir haben jetzt nur noch eine Aufgabe.
Unsere Nachkommen auf den Weg schicken. Dann verabschieden wir uns aus diesem Leben, verschwinden wie die Schiffe im Bermuda-Dreieck und eine neue Aalreise beginnt. Der Mensch weiß mittlerweile, wie man uns verpackt, damit wir stundenlange Flüge durch die ganze Welt überleben. Manchmal in Containern, im Bauch kleiner Privatflugzeuge, manchmal in einer Plastiktüte mit Eis, in anonymen Koffern, die bei keiner Sicherheitskontrolle auffallen.
Wir brauchen nicht mehr. Wir überleben 24 Stunden ohne Wasser. Doch wir sind im Widerstand. Denn dass der Mensch uns überhaupt durch die Welt fliegen muss, statt uns in diesen deprimierenden Wasserbecken zur Paarung zu zwingen, hat einen Grund. Wir unterwerfen uns ihm nicht. Zwar haben die Menschen geschafft, unsere Larven zu erzeugen, aber weiter sind sie nie gekommen.
Vorher sind wir verhungert, weil unser Geheimnis bleibt, wie wir uns in diesem Stadium ernähren. Dieses Geheimnis geben wir nicht preis. Um mehr herauszufinden, sind wir nach Lyon gefahren, in Frankreich. Dort ist eine Tagung, bei der eigentlich keine Presse erlaubt ist. Ich muss nach Interpol gehen, bitte.
Wir sind unterwegs mit Florian Stein, einem Wissenschaftler beim Deutschen Angelfischerverband. Stein hat seine Doktorarbeit zum Aalschmuggel geschrieben und ist auf dem Weg zum Wildlife Crime Working Group von Interpol. Von außen betrachtet, glaube ich, kann man schnell erstmal den oberflächlichen Eindruck bekommen, Glasallhandel ist ein langweiliges Thema.
Ein Fisch wird gehandelt. So what? Wenn man sich aber genauer damit beschäftigt, dann stellt man fest, dass das ein Thema ist, was ständig im Wandel ist. Florian Stein verfolgt den weltweiten Handel mit Babyalen und gibt seine Analysen weiter an die internationalen Ermittlungsbehörden. Einmal im Jahr trifft er sich mit den Ermittlerinnen und Ermittlern, dieses Mal in Lyon.
Und weil Stein schon so lange dabei ist und gute Kontakte hat, durften wir ihn zu dieser eigentlich geschlossenen Veranstaltung begleiten. Die Teilnehmerzahl im Raum ist überschaubar. Viele internationale Ermittlerinnen sind online zugeschaltet. Florian Stein steht hinter einem kleinen Redepult und erklärt, was Aale mit dem größten Wildtierverbrechen Europas zu tun haben.
Man könne Aale nicht in Gefangenschaft züchten. Die, die auf den Tisch kommen, sind in der Wildnis gefangen. Und das sei der Grund, warum Baby-Aale geschmuggelt würden. Im Wert von 2 bis 3 Milliarden Euro pro Jahr. Dahinter soll die organisierte Kriminalität stecken. Laut Stein sollen jedes Jahr 100 Tonnen europäische Glas alle nach China geschmuggelt werden.
Trotz Exportverbot. Illegal. Aber wie? Und wer steckt dahinter? Die Antwort auf diese Fragen erhoffe ich mir von einem Mann, den uns Florian Stein nach dem Treffen bei Interpol bei einem Bier vorstellt. Bruno Collin. Bruno sitzt am Tresen, weiße Haare, Bart, ein charismatischer älterer Herr. Früher hat er eine Elitinheit des französischen Zolls geleitet und asiatische organisierte Kriminalität bekäpft.
Mittlerweile ist er in Rente, deshalb darf er offen mit uns sprechen. Bruno erzählt uns, dass er 1998 zum ersten Mal vom Schmuggel mit Glas eingehört habe. In der Region um Calais sind er und sein Team eigentlich auf der Suche nach geschmuggeltem Alkohol, bis sie in einer Lagerhalle auf komisches Equipment stoßen.
Der Eigentümer behauptet, das sei für die Lagerung von lebenden Fischen. Jedes Jahr zwischen Oktober und April der Aalfangsaison kämen Briten und Chinesen, die diese großen Tanks benutzen würden. Auch den Namen eines englischen Händlers habe er dort zum ersten Mal gehört. Seitdem habe ihn der Glasalschmuggel nie wieder losgelassen.
Bruno ist Experte für lauter ausgefallene Dinge. Er hat Dutzende Bücher über historische Münzen geschrieben und verteilt einmal im Jahr sogar als Cheftester Sterne für die beste Gänsestopfleber. Bevor Bruneau in den Ruhestand gegangen ist, hat er aber eine Sache noch zu Ende gebracht. Im Februar 2023 gelingt Bruneau und seinem Team der finale Durchbruch.
Er hat bewiesen, dass mitten aus Paris heraus tonnenweise Glasaale nach Hongkong geschmuggelt wurden. Bruno zeigt uns den Tatort in einem Vorort von Paris. In einer Rügenstraße stehen Einfamilienhäuser. Ich würde hier eher Rentner-Ehepaare mit Zierfisch-Aquarien vermuten als kriminelle Schmuckler-Netzwerke.
Doch genau hier im Gebäude einer stinknormalen Autowerkstatt finden Bruno und sein Team mehrere Wasserbecken und hunderte Kilo Glasaale. Hier werden die Klaas alle für den Schmuggel vorbereitet. Sie werden in Plastiktüten gefüllt und zusammen mit gefrorenen Wasserflaschen in Koffer gepackt. 25 bis 30 Kilogramm pro Person können die Schmuggler, sogenannte Moulis, pro Flug transportieren.
Die Moulis würden genauso vorgehen wie im Drogenschmuggel, sagt Bruno, nur eben mit lebenden Tieren, im Aufgabe-Gepäck. Die Gewinnspanne sei gigantisch. Für ein Kilogramm Glasaale bekommt ein Fischer in Frankreich bis zu 300 Euro. In Hongkong angekommen, ist das Kilo locker 10.000 Euro wert. Und am Ende werden die mittlerweile gemästeten Aale in China als sogenanntes Unagi verkauft werden bis zu 30.000 Euro.
Das ist eine Gewinnspanne wie bei Kokain. Aale sind das Kokain des Tierschmuggels. Aale auf Koks. Drogen in Gewässern werden zur großen Gefahr. Rückstände illegaler Drogen reichern sich in Aalen an und beeinträchtigen ihre Körperfunktionen. Es klingt wie ein Witz, ist aber traurige Realität. Viele Aale in Europa kommen mit Kokain in Berührung, was dramatische Folgen für ihre Gesundheit hat. Findet ihr witzig, oder?
Alle auf Cooks, haha. Wir lachen uns auch jedes Mal tot. Oder wenn ihr uns im Internet als Meme verwendet. Wie dieser Bad Joke Eel. Den fandet ihr ja vor ein paar Jahren auch wahnsinnig lustig. I know a whale joke. It's a real killer. Would you like to buy a male or female dog? Bitch, please. Ab und zu frage ich mich schon, wer der schlechtere Witz ist. Ihr oder wir.
Früher waren wir zumindest Teil der Hochkultur. In der Blechtrommel von Günter Grass zum Beispiel. Naja, so gut kommen wir darin am Ende auch nicht weg. Der Respekt vor uns ist irgendwie verloren gegangen. Auch heute. Offenbar haben wir nicht genug Reichweite, um erwähnenswert zu sein. Dabei waren wir über Jahrhunderte hinweg eine nahrhafte und vor allem auch preiswerte Alternative zu Fleisch.
Den Armen haben wir das Überleben gesichert, die europäische Esskultur entscheidend mitgeprägt. Vom England des 11. Jahrhunderts bis zu Aale-Dieter am Hamburger Fischmarkt. Jeder Aal ist spitzenklasse. Was hat's uns gebracht? Nischt. Sushi-Restaurants bieten uns heute weltweit als Unagi an. Unagi. Das klingt ganz weich, beinahe zärtlich.
So gar nicht nach Tod. Aber wir sind keine exotische Speise von Weigweg, die nur dann etwas mit Deutschland, mit euch zu tun hat, wenn ihr sie mit Essstäbchen in eure Münder befördert. Wir schwimmen durch die Flüsse eurer Städte, vorbei an weggeschmissenen Bierflaschen mitten in Berlin, vorbei an Hobbyanglern in Niedersachsen, die sich über das Wetter unterhalten.
Aber der Mensch lebt nicht unter Wasser. Der Mensch lebt in einer Aufmerksamkeitsökonomie. Wahrscheinlich müssen wir Aale froh sein, wenn überhaupt über uns gesprochen wird. Denn wenn es keine TikToks zu unserer Art gibt, existieren wir dann wirklich. Die gesamte Menschheit weiß nicht, wo fucking Aale herkommen.
Eals may be from another planet and here's why. Du hast richtig gehört, diese länglichen, komischen Fischviecher, die jeder von uns kennt. Wir sind komisch. Wir sind spannend. Vielleicht eklig. Eklig. Der Mensch findet uns nicht süß. Das Höchste der Gefühle sind grausige Faszinationen und Verschwörungstheorien.
Ihr versteht uns nicht und deswegen liebt ihr uns nicht. Aber wisst ihr was? Der Aal und der Mensch, das ist eine Jahrhundertgeschichte. Wir gehören zusammen, auch wenn ihr das noch gar nicht gemerkt habt. Manchmal dauert es eben ein bisschen länger. Ich werde es euch erzählen, weil mir gar keine andere Wahl bleibt.
Hinter dem Kokainhandel stecken brutale und menschenverachtende Organisationen, wie das Medellin oder Sinaloa-Kartell. Das ist den Ermittlungsbehörden hinreichend bekannt. Wer aber sind die Organisationen, die im Arschmuggeln mitmischen? Und wie sind sie organisiert? Dort Bruno gibt es drei verschiedene Gruppen, die beim Aalsschmuggel Geld verdienen.
Als erstes die Fischer, die legal und illegal Glas alle abfischen. Dann die, die den Schmuggel organisieren. Größtenteils Chinesen, sagt Bruno. Und dann gibt es die Leute, die die Aale in Hongkong entgegennehmen. Hongkong sei der Schmuggelhub nach China. Dort sei eine mächtige kriminelle Organisation tätig. Die Triaden, die chinesische Mafia.
Aber ob die wirklich hinter dem Altschmuggel stecken, weiß Bruno nicht. Dafür gebe es keine Beweise, sagt er. Keiner aus der Szene würde reden. Omerta, das Schweigergelübde. Ich will nicht zu viel verraten, aber wir werden mit ihnen in Kontakt kommen, diesen Triaden. Und wir werden Dinge herausfinden, die Bruno nicht gefunden hat.
Von Bruneau erfahren wir auch, dass es einen großen Unterschied zwischen Drogen und Arschmuggel gibt. Die Scanner und Spürhunde am Flughafen sind auf Waffen, Bomben oder Drogen spezialisiert. Glasaale werden im Aufgabegepäck nicht automatisch erkannt. Und der Zoll fokussiere sich auf Einreisende, nicht aber auf Ausreisende.
Deshalb rutschen die Babyahle meistens durch. Und wer mit kleinen Aalen in der Plastiktüte erwischt wird, landet nicht gleich im Gefängnis. Aalschmuggel bedeutet also weniger Risiko und hohe Gewinne. Und genau deshalb interessiert sich die organisierte Kriminalität für Baby-Aale. Erinnert ihr euch an den Flugzeugabsturz in Haiti und den toten Piloten voller Aale? Im Dezember 2021 ist in der New York Times ein Artikel erschienen, geschrieben von der Journalistin Maria Abihabib.
Sie berichtet darin über den Mord am damaligen Präsidenten von Haiti, Jovenel Moïse. Moïse wurde von einem Killerkommando umgebracht. Vermutlich, weil er gegen mächtige Kriminelle in seinem Land vorgehen wollte. Und Maria ist da ein interessanter Zusammenhang aufgefallen. Der Präsident war im Aalhandel involviert, sagt sie, einem Multimillionen-Dollar-Business.
Im Journalismus gibt es ein ewig gültiges Prinzip, das oft zum Ziel führt. Follow the money. Oder in diesem Fall den Spuren des abgestürzten Flugzeugs. Was nicht einfach werden wird. Haiti gilt als eines der gefährlichsten Länder für Journalistinnen. Die Hauptstadt wird von Gangs beherrscht und der Flughafen ist geschlossen, Seit die Gangs mehrere Flugzeuge durchlöchert haben.
Wie es weitergeht, hört ihr in der nächsten. Ein Podcast von Lisa Ludwig und uns, Sebastian Weiß und Marcel Ozan-Riedel. Erzählt hat außerdem Katja Riemann. Regie und Schnitt Nele Dehnenkamp. Co-Autorin ist Birgit Tanner. Dramaturgische Beratung Miku-Sophie Kümel. Ton und Technik haben André Mogimi, Stanislav Milkovski und Jochen Först übernommen.
Musik André Mogimi mit weiterer Musik aus dem Film von Nils Katschirek. Zusätzliches Sounddesign von Felix Denzer. Produktionsassistenz Stefanie Kaiser und Philipp Fischer. Unser Cover hat Viktoria Müller gestaltet. Produktionsmanagement ZDF Christiane Alswasser und Anna-Sophie Schmidt. Creative Producing Maike Brülz.
Redaktion ZDF Kultur Lisa Reisch und Vanessa Olivier. Redaktion ZDF Arte Susanne Mertens. Head of Content Richtig Cool Jan Lindenau-Rang. Executive Producer Richtig Cool Robin Blase. Executive Producer Dog Days Antje Böhmert Mit großem Dank an Sam Perenti, Anja Herrenbrück, Marla Höninghaus, Katharina Fülle und das Kinderhospiz Berliner Herz.
Billion Dollar Babies ist ein Podcast von ZDF Kultur und eine Zusammenarbeit von Richtig Cool und Dog Days Productions. Übrigens, Billion Dollar Babies gibt es auch als Film. Milliarden Dollar Babies, große Geschäfte mit kleinen Aalen. Und zwar bei Arte und ZDF.