
BILLION DOLLAR BABIES – Der Aal und die Gier· Folge 3
Folge 2 - Dominikanische Republik: Bestien und Seekühe
Dienstag, 24. März 2026 · 30 min
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Shownotes
In der Karibik stoßen wir auf die Spur des Präsidentenmords und Fischer in der Nacht. In England auf einen Händler, der mitten im Krieg Aale per Flugzeug nach Russland bringt.
Hier geht es zum Film: kurz.zdf.de/bdb
Sebastian und Marcel wollen den Präsidentenmord in Haiti untersuchen - doch die Hauptstadt wird von Gangs kontrolliert. Deswegen führt sie ihr Weg erstmal in die Dominikanische Republik.
Getarnt als harmlose YouTuber stehen sie nachts an einen Strand, an dem hunderte Fischer im Mondlicht Babyaale fangen - bewacht von einem Mann, den alle nur „La Gonga" nennen – den „Boss“. Hier wird mit Geldbündeln bezahlt, Journalisten werden mit Macheten bedroht, und ein geheimnisvoller chinesischer Händler soll fast alle Aale der Insel aufkaufen.
Doch die Reise geht noch weiter: Nach England, zum letzten Aalhändler Großbritanniens. Der fliegt seine Babyaale per Privatflugzeug in die russische Enklave Kaliningrad - mitten im Angriffskrieg auf die Ukraine.
Die Aaldame erinnert derweil an Sigmund Freud, der als junger Forscher an 400 Aalen scheiterte - und vielleicht genau deshalb die Psychoanalyse erfand.
BILLION DOLLAR BABIES – Der Aal und die Gier ist ein Podcast von Lisa Ludwig, Sebastian Weis und Marcel Ozan Riedel.
Erzählt von Katja Riemann, Sebastian Weis und Marcel Ozan Riedel.
Regie & Schnitt: Nele Dehnenkamp.
Co-Autorin: Birgit Tanner.
Dramaturgische Beratung: Miku Sophie Kühmel.
Ton & Technik: Andre Moghimi & Stanisław Miłkowski & Jochen Voerste.
Musik: Andre Moghimi.
Mit weiterer Musik aus dem Film von Nils Kacirek.
Zusätzliches Sounddesign: Felix Denzer.
Produktionsassistenz: Stefanie Kaiser und Philipp Fischer.
Coverdesign: Victoria Müller.
Creative Producing: Maike Brülls.
Head Of Content Richtig Cool: Jan Lindenau-Rank.
Executive Producer Richtig Cool: Robin Blase.
Executive Producer DOCDAYS: Antje Boehmert.
Produktionsmanagement ZDF: Christiane Alsfasser, Anna Sophie Schmid.
Redaktion ZDF: Lisa Reisch und Vanessa Olivier, Susanne Mertens (ARTE)
Mit großem Dank an Sam Piranty, ohne den dieser Podcast nicht möglich gewesen wäre, sowie Anja Herrenbrück, Marla Hünninghaus, Katharina Fülle und das Kinderhospiz „Berliner Herz“
BILLION DOLLAR BABIES ist ein Podcast von ZDFkultur. Und eine Zusammenarbeit von Richtig Cool und DOCDAYS Productions.
Transkriptvom Podcast bereitgestellt · Zeitmarken springen hin
Mein Kollege Marcel und ich sind auf dem Weg in die Dominikanische Republik. Eigentlich wollten wir nach Haiti. Das ist der andere Teil der Insel Hispaniola. Aber das hat sich als unmöglich erwiesen. Der Flughafen ist gesperrt und 90 Prozent der Hauptstadt Port-au-Prince werden von Gangs beherrscht. Deshalb versuchen wir es nun über diesen Umweg, das All-Inclusive-Paradies Domrep.
Unser Ziel? Verstehen, wie das internationale Schmuggel-Netzwerk funktioniert. Und wir wollen Kontakte knüpfen, um schließlich direkt in Haiti zum Aalhandel recherchieren zu können. Ihr erinnert euch, in Folge 1 habe ich erzählt, dass ich in einem Artikel der New York Times auf eine mögliche Verbindung zwischen dem Aalhandel und dem Mord am Präsidenten von Haiti gestoßen bin.
Präsident Jovenel Moïse hat in seinem Haus getötet. 2021 wurde der Präsident in seiner Villa erschossen. Die Killer gaben sich als Agenten der US-Drogenbehörde die EA aus. Doch viel interessanter ist, welchen zeitlichen Zusammenhang die Journalistin Maria Abihabib bei diesem Mord sieht. Maria hat eine Verbindung zwischen dem Mord und dem Aalhandel auf Haiti gefunden.
Kurz vor seinem Tod wollte Moise den Handel regulieren und darüber soll sich wohl ein riesiger Streit entfacht haben. Maria sagt auch, dass hinter dem Aalhandel die politische oder wirtschaftliche Elite des Landes steckt. Leute, die im Geld schwimmen und es nach Miami bringen. Wir vermuten, dass diese Leute auch in der Dominikanischen Republik aktiv sind.
Deshalb treffen wir uns gleich mit dem Journalisten Marvin De Sitte. Er soll uns helfen, sie zu finden. Marvin hat uns vor dem Abflug eine Sprachnachricht geschickt. Wir sollen nicht sagen, dass wir als Investigativjournalisten arbeiten und schon gar nicht davon sprechen, dass wir wegen der Ali hier sind.
Deshalb tagen wir uns als harmlose YouTuber, die ein Filmchen über Seekür drehen wollen und deshalb Marvin treffen. Wir sind schon fast raus aus dem Flughafen, da werden wir plötzlich von zwei schlecht gelauten Polizisten angehalten. Ich erzähle was von Cocktails, Saufen und Seekühen und bekomme ein dickes Grinsen zurück.
Dann steht Marvin endlich vor uns. Dunkler Vollbart, Brille, zwei Meter groß. Ein echter Bär. Unser Aal-Inkrise-Verbenteuer kann losgehen. Zum Zeitpunkt des Treffens habe ich zu dem laut Europol größten Wildtierverbrechen Europas recherchiert. Ich habe Wissenschaftler, Ermittlerinnen und Händler getroffen.
Und ich bin der Frage nachgegangen, ob Geld aus dem Schmuggel von Aalen in den russischen Angriffskrieg fließt. Und ich wollte herausfinden, ob der Flugzeugabsturz mit dem Präsidentenmord auf Haiti zu tun hat. Ich bin Sebastian Weiß, Filmemacher und Investigativjournalist. Für ZDF Arte, ZDF Kultur und BBC Eye habe ich einen Film gemacht über eine gefährdete Tierart, die in den Flüssen vor unserer Haustür schwimmt und mit deren Schmuggel Milliarden verdient werden.
Und was ihr in der Doku nicht seht, hört ihr hier. Das hier ist nicht irgendein True Crime Podcast. Kein Wirtschafts-Thriller, zumindest nicht für uns. Das ist das größte Wildtierverbrechen, von dem kaum jemand weiß. Das ist Billion-Dollar-Babys. Folge 2. Dominikanische Republik. Bestien und Seekühe.
Im März 1876 läuft ein junger Mann über einen Markt in Triest. Ich beobachte ihn aus der Tonne, in der ich mich mit meinen Artgenossen winde. Der Mann, nein, eigentlich ist er eher noch ein Junge, kommt zielsicher auf den Stand des Fischverkäufers zu. Einen Aal bitte, sagt er. Er kauft mich nicht, um mich zu essen.
Dieser junge Mann hat etwas anderes mit mir vor. Er wird an mir scheitern, so viel kann ich jetzt schon verraten. Dafür wird er anderweitig Geschichte schreiben. Der junge Mann ist der damals 19-Jährige Sigmund Freud. Nicht sonderlich stark, aber entschieden ist die Hand, die mich auf dem verschrammten Holztisch fixiert.
Über mir blitzt Metall auf. Das Messer senkt sich und öffnet meinen Körper. Doch Freud findet nicht, was er sucht. Nicht an diesem Tag, nicht in den folgenden Tagen und Wochen. Er wird immer frustrierter, wütender, einsamer. Sigmund Freud hat als Nachwuchsforscher an der meeresbiologischen Versuchsstation in Triest den Auftrag, die männlichen Geschlechtsorgane meiner Spezies zu finden. Kein Witz.
Die Menschheit war damals befremdlich fasziniert von uns. Die Aalfrage beschäftigte die ganz großen Geister von Aristoteles bis, ja, Freud. 1777 wurden zum ersten Mal weibliche Fortpflanzungsorgane bei einem Aal gefunden. Seitdem veranstaltet die Wissenschaft eine Art Wettrennen, wer das männliche Pendant findet.
Als könnte man die Welt nur verstehen, wenn man sie in binäre Systeme teilt. 0 und 1, A und B, nur zwei Optionen, sonst nichts. In seinem kleinen, vollgestellten Labor wird Freud immer obsessiver. Egal, ob er aufs Meer oder einer schönen Frau hinterherblickt, er sieht nur noch ums Aale, flirrend vor seinem inneren Auge.
Das Letzte, was ich und die meinen sehen, sind seine manischen Augen. Ein obsessiver Forscher, kurz vom Wahnsinn. Die Situation wird von Woche zu Woche absonderlicher. Er schreibt viele Briefe, dieser junge Freud. Vielleicht fühlt er sich inmitten all dieser sinnlos getöteten Tiere einsam. Gegenüber seinem Kindheitsfreund Eduard Silberstein gibt er endlich zu, dass wir Aale eine Plage sind.
Er kritzelt einen Aal auf den Brief, der aussieht, als würde er Freud auslachen. Dieser große Wissenschaftler nennt uns nicht mal mehr beim Namen. Für ihn sind wir nur noch Las Bestias. Entschuldigung, aber wer ist hier das Monster? Nach einem Monat und 400 toten Aalen hat Freud genug von uns. Zum Glück.
Wären wir Geschwister im Geiste, hätte ich ihm verraten, dass wir nur sehr kleine, nicht findbare Hoden in unseren Körpern haben. Zumindest nicht, wenn wir in Italien sind oder im Rest Europas. Vielleicht verrate ich dazu irgendwann mehr. Aber jetzt gerade? Das habt ihr Menschen euch noch nicht verdient.
Sigmund Freud scheitert an der phallusartigen Spezies Aal und wird später dafür berühmt, in allem einen Penis zu sehen. Ich glaube ja, dass er diese peinliche Niederlage nie verkraftet hat. Bei dem Ego? Dann noch das ganze Kokain. Ein paar Biografen sind sogar überzeugt, dass wir alle der Grund für Freuds zwanghafte Beschäftigung mit Genitalien und Sex sind.
Vielleicht waren wir wirklich die Initialzündung für sein späteres Lebenswerk. Psychoanalyse. Sicher ist, dass ihn Fische nicht losließen In seinem ersten Werk schreibt er, wer von Fischen träumt, träumt eigentlich von Sex, Naja, träumt weiter. Gleich zu Beginn. Niemand in der Dominikanischen Republik isst Aale.
Und doch ist sie die wichtigste Fischerei des Landes. Im Gegensatz zu Europa ist der Fang und Export kaum eingeschränkt. Und noch etwas. In der Dominikanischen Republik lebt der sogenannte amerikanische Aal. Er pflanzt sich auch beim Belmuda-Treieck fort, ist aber nicht geschützt, im Gegensatz zum europäischen Aal.
Deshalb ist er bei den chinesischen Händlern umso begehrter. Und wahnsinnig wertvoll. So wertvoll, dass es jahrelang zu Machtkämpfen auf der Insel kam. Antes del 2019 yo tenía ya varios años sabiendo que esto estaba pasando pero todo el mundo me decía que era muy peligroso venir a documentar Marvin erzählt uns, dass es für ihn lange Zeit zu gefährlich war, über den Arlhandel zu berichten.
Bei den Kämpfen zwischen den Fischern gibt es immer wieder Tote, weil es auf dem Schwarzmarkt sehr viel Geld zu verdienen gibt. Journalisten sind deshalb nicht erwünscht. Einmal wollte Marvin nachts am Strand filmen, aber die Fischer haben ihn und sein Team mit Macheten bedroht und auf seine Drohne geschossen.
Jetzt wird uns klar, warum er uns so eindringlich gewarnt hat, vorsichtig zu sein. Doch Marvin hat einen Plan. In Elimon kennt Marvin den Boss vom Strand. Er hat seine Kontakte genutzt, damit wir dort Aalfischer treffen können und vielleicht sogar die Männer, die hinter dem Business stecken. Wir machen uns auf den Weg und passieren die vielen Armviertel der Insel.
Statt einem Vier-Sterne-Hotel schlagen wir in einem aus Brettern gebauten Landhaus unser Lager auf. Zusammen mit zwei Bediensteten, mehreren Pferden und sogar einem Hunderudel. Am Abend treffen wir Maren, um endlich zum Strand zu gehen. Marcel und ich sind nervös. Wir haben keine Ahnung, was uns erwartet.
Es ist mittlerweile stockdunkel und in der Ferne hören wir Dutzende Fischer mit ihren Motorrädern ankommen. Um zum Strand zu gelangen, müssen wir über eine riesige Wiese laufen, die im Schein unserer Lampen klitzert. Als ich mich hinknie, sehe ich tausende winzige Spinnen, deren funkelnde Augen das Licht reflektieren.
Jetzt würde ich doch lieber meine Crocs gegen Stiefel tauschen. Marvin lacht über mich und erzählt uns eine Anekdote von dem ehemaligen Umweltminister. Marvin wollte mit dem Minister über den Aalhandel sprechen. Doch dieser habe ihm nur tief in die Augen geschaut und gesagt, dass die gleichen Netzwerke wie bei Drogen hinter dem Handel stecken würden.
Marvin erzählt uns auch, dass der Staat nur wenige Exportlizenzen vergibt. Es geht um Korruption und sehr viele Dollars. Mehr will er nicht erzählen, um sich selbst nicht in Gefahr zu bringen. Marvin hat eine eiserne Regel. Nicht über den Drogenhandel berichten. Jetzt verstehen wir, glaube ich, was er meint.
Dann sind wir endlich am Strand und sehen das erste Mal, wie Aale gefischt werden. Die Fischerinnen und Fischer stehen knietief im Wasser. Auf dem Kopf haben sie kleine Lampen, hunderte Lichter, die in den Wellen glitzern. Mit ihren Stirnlampen beleuchten sie ihre selbstgebauten Netze, die sie im Rhythmus der Wellen ins Wasser tauchen. Als hätte ein Choreograf ein monumentales Schauspiel inszeniert, Bilder wie aus einer ganz anderen Welt.
Nur rund um den Neumond herum schwimmen die Glaselle wie von einem inneren Kalender geleitet aus dem Atlantik in die Flüsse Richtung Landesinnere. Deshalb sind heute auch so viele Frauen und Männer jeglichen Alters im Wasser. Doch als uns zwei Junge mit Amphetamin zugetrönte Fischer entdecken, wird es ungemütlich. Sie mögen nicht, dass wir am Strand filmen.
Marvin versucht zu vermitteln und sagt plötzlich ein Wort, das die beiden sofort beruhigt. La Gonga. La Gonga ist schätzungsweise in seinen 50ern und hat nicht nur die Optik, sondern auch die Ausstrahlung eines Anführers. Und das, obwohl er die ganze Zeit an einem Lolli lutscht. La Gonga ist karibischer Slang und bedeutet so viel wie Boss.
La Gonga hat früher den Schwarzmarkt in der Region kontrolliert. Mittlerweile hat er mit staatlicher Erlaubnis eine Kooperative gegründet. Das sorgt dafür, dass alles friedlich abläuft und dass jeder am Strand sein Geld bekommt. La Gonga gefällt sich in seiner Rolle. Umringt von Fischern sitzt er grinsend in seinem Zelt und wedelt mit Geldbündeln herum.
Vor ihm steht eine Waage, um das exakte Gewicht der Babyale zu bestimmen. Gezahlt wird bar, auf die Hand. Pro Kilo 1.700 US-Dollar. Fischerinnen können hier den durchschnittlichen Monatslohn in nur einer Nacht verdienen. Was ist besser, fragt Marvin schließlich nachdenklich. Eine Spezies zu retten oder Menschen vor der Armut?
Ich denke an die Armenviertel, die wir auf der Hinfahrt gesehen haben. Und an die vielen Fischerinnen und Fischer, die sich durch den Aalfang eine gesicherte Existenz aufbauen konnten. Ich weiß nicht, was ich antworten soll. Marvin sagt, es gebe ein großes Geheimnis am Strand. Denn niemand wisse, wer die ganzen Aale im Land kaufen würde. Nein, nein, nein.
Ich habe nicht gesprochen von Chino Gao. Laut Marvin soll es einen Mann geben, der fast alle in der Dominikanischen Republik gefangenen Baby-Alle kauft. Die Leute würden ihn Chino Gao nennen, den Chinesen Gao. Es gäbe unzählige Geschichten über ihn, über Millionen Dollar in bar und den riesigen Einfluss, den er sich damit kauft, auch in Haiti.
Auf beiden Seiten der Insel würden die Fischerinnen ums Überleben kämpfen und ein paar wenige auf ihrem Rücken Millionen verdienen, sagt Marvin. Ah, ja, das ist sie, die große Frage, oder? Wessen Überleben ist mehr wert? Leute, das Konzept Armut haben nicht wir alle uns ausgedacht. Das ist eure Erfindung.
Euer Überleben ist doch nicht unsere Verantwortung. Es liegt eine Schönheit in dieser Nacht unter dem großen Mond, wie die Wellen sich um die Menschen teilen, die im Dunklen eigentlich nur noch Lichter sind. Die Wellen tragen mich auf sie zu und wieder weg. Noch bin ich nicht im Netz gelandet. Doch auch wenn sie mich nicht fangen, diese Ärmsten der Armen, die genau wie wir nur überleben wollen, dann kriegt mich etwas anderes.
Denn die tausenden Batterien, die die Lichter auf ihren Köpfen betreiben, landen am Ende im Meer. Die Batteriesäure verteilt sich im Wasser und verätzt meine Haut. Eine Lithiumbatterie verseucht viele Liter Wasser. Der Morgen danach ist auch in Freiheitsschmerz. In diesem toxischen Wasser, wenige hundert Meter Luftlinie von Menschen entfernt, die gerade ihren Karibikurlaub genießen, bin ich nicht mehr der europäische, sondern der amerikanische Aal.
Angia Rostrata. Vom europäischen Aal unterscheidet mich nur meine Rippenanzahl und die Tatsache, dass ich mich in der Sargasso-See dazu entschieden habe, eine andere Route zu schwimmen. Ich gleite durch den Atlantik, hunderte Kilometer, Milliarden leben über und unter mir. Der Mensch erhebt sich über die Natur.
Er weiß, dass das nicht richtig ist. Es macht seine Seele kaputt. Also will er es ungeschehen machen. Zumindest ein bisschen. Deswegen hat er sich dieses Restocking ausgedacht. Eine schöne Idee, wirklich. Er fängt uns als Glasaale da ein, wo wir noch viele sind, lässt uns unter Beobachtung größer und widerstandsfähiger werden und setzt uns dann dort aus, wo es uns kaum noch gibt.
Es gibt sicher viele Menschen, die glauben, dass sie unsere Art damit retten können. Aber andere, ich werde in den Gedanken nicht los, dass sie damit vor allem eines machen wollen. Geld. Ich bin mittlerweile in England angekommen und bahne mir meinen Weg durch den River Seven. Hier werde ich als europäischer Glasaal abgefischt. In dem großen Becken, in dem ich danach lande, kann ich mich noch frei bewegen.
Zwischen tausend und hunderttausend in anderen. Dann plötzlich ein Ziehen. Ein offener Abfluss. Dann ein Rohr, das uns in einen flachen, weißen Kanister leitet. Ich schaue nach oben, in übermüdete Menschengesichter, die uns wiegen. Was uns trennt, ist eine Wasseroberfläche. Nur wenige Millimeter. Wir haben die Dominikanische Republik verlassen und sind nach England geflogen.
Dort wollen wir Peter Wood treffen. Ihr erinnert euch, er ist der letzte Aalhändler Großbritanniens. Hi Peter holt uns mit seinem Auto ab. Er ist in seinen 70ern und wirkt mit seinem weißen Bart, der selbsttönenden Brille und dem angespannten Lächeln wie eine Figur aus einem Guy Ritchie-Film. Wood fängt sofort an, von seinem Leben zu erzählen. Vor über 50 Jahren habe er angefangen, mit Glaseilen zu handeln.
Er sei der erste Händler gewesen, der direkt nach China verkauft habe. Damit habe er Millionen verdient. Und er habe sogar einen Exportpreis bekommen, den Queen's Award, im Buckingham Palace überreicht. Mittlerweile ist der Handel mit China verboten und Wood sucht dringend nach neuen Abnehmern. Wenige Zeit später sitzt man in seinem Büro, das seine besten Zeiten schon lange hinter sich hat.
Wood sitzt auf einem alten Schreibtischstuhl und schwört sein Team energisch auf den Abend ein. Laut Wood geht es in dieser Nacht um alles. Sein Team bereitet sich darauf vor, die erste Hälfte von insgesamt einer Tonne Glasaale nach Russland zu fliegen. Und das mitten im russischen Angriffskrieg auf die Ukraine.
Seit dem Brexit ist England nicht mehr Teil der EU. Deswegen ist die Auswahl an Ländern, in die Wood seine Aale exportieren kann, dramatisch geschrumpft. Alles, was in ein EU-Land geht, muss über seine französische Firma laufen. Als Abnehmer für seine englische Firma ist ihm deshalb nur ein Besatzprojekt in der russischen Enklave Kaliningrad geblieben.
Für den Export hat er zum Zeitpunkt unseres Treffens eine Erlaubnis. Peter Wood ist bewusst, dass das kritisch gesehen wird, aber er versteht nicht so ganz, warum. Schließlich geht es nur um Naturschutz, nicht um Politik, sagt er zumindest. Die britische Zeitung Independent sieht das anders. Schon im März 2023 erscheint ein Artikel, der einen ziemlich, sagen wir mal, starken Vorwurf enthält.
Der Independent zitiert Tierschutzgruppen. Sie stellen in Frage, ob es Russland bei dem Projekt wirklich um Tierschutz geht. Ihr Verdacht? Russland verkauft die Tiere nach China, um mit dem Profit den Krieg gegen die Ukraine zu finanzieren. Wood sieht das anders. Es ist ein großer Wettbewerb, und in Bezug auf die Ukraine zu helfen, wir helfen die Dieses millionenteure Umweltprojekt würde den Ukrainern sogar helfen.
Russland könne so wenige Geld für Raketen und Drohnen ausgeben. Für uns klingt das völlig absurd. Gegen Mitternacht fangen Wurz Angestellte an zu packen. Je ein Kilo Glasaale kommt in eine flache Styroporbox. Zusammen mit ein bisschen Eis. So können die Aale locker 24 Stunden überleben. Die Stimmung ist angespannt. Kaum jemand sagt ein Wort, außer Wut.
Umweltschutzprojekte seien nicht sanktioniert, erzählt Wut. Und sie hätten große Hilfe bekommen, direkt aus Moskau. Dort habe man ihm eine Sondererlaubnis für den Flug nach Russland ausgestellt. Dann startet die Czesna von Wutts Unternehmen Richtung Kaliningrad. Diesmal ist er selbst an Bord. Nach Russland können wir nicht mit.
Wir nutzen die Zeit im Hotel und recherchieren, wo Peter Wutt mit seinen Aalen hinfliegt. Kaliningrad ist eine russische Enklave zwischen Polen und Litauen, direkt an der Ostsee. Ein wichtiger Fischereistandort. Hier soll laut Peter Wutt das größte Naturschutzprojekt für den europäischen Aal stattfinden?
Also alles, was man online liest, im russischen Netz, vom Fischereiministerium, es geht eigentlich darum, den Standort wieder richtig wettbewerbsfähig zu machen. Und das passt nicht zusammen. Ich meine, klar kann man auch sagen, ein paar Aale werden da auch abhauen aus der Bucht und zurück ins Bermuda-Dreig schwimmen und wieder zurückkommen.
Aber das ist ja nicht die Idee. Nein. Also das kann mir keiner erzählen, ob das die Idee ist. Nein, die futtern die da einfach. Was man in russischen Medien liest, klingt irgendwie nicht nach einem Naturschutzprojekt. Und ich kann mir auch nicht vorstellen, dass Russland mitten in seinem Krieg gegen die Ukraine Millionen für die Umwelt ausgibt, ohne davon zu profitieren.
Nach drei Tagen sind Wut und sein Team zurück. Auf der Rückfahrt vom Flughafen gibt er ein bisschen an. Wood schwärmt von einem Schlupfloch, das er für seinen Handel mit Russland gefunden hat. Niemand habe damit gerechnet, dass sie die Fracht mit einem Privatflugzeug nach Russland bringen würden, weil alle nur auf die großen Airlines schauen würden.
Abends sitzen wir bei ihm am Kamin. Wood kommt ins Plaudern. Er erzählt, wie er im Kalten Krieg vom britischen Geheimdienst beschattet wurde und von einer Geschäftsreise nach Nordkorea. Jedes erfolgreiche Business hänge von den persönlichen Kontakten ab. Der immer wieder erzählt, was er für eine krasse Connection mit kommunistischen Ländern hatte.
Und was sich halt spannend finde, die ganze Polennummer für mich noch mal verstärkt, dass er halt einfach so dicke mit der Sowjetunion war, so dicke mit der DDR war, man kriegt den irgendwie, ich finde, man kriegt den nicht so richtig zu greifen. Also ich... Weiß ich nicht. Peter Wood bleibt uns ein Rätsel.
Nach Bayern durften wir mitfliegen, aber als wir ihn gefragt haben, ob wir ihn bei einer Lieferung nach Polen begleiten dürfen, hat er herumgedruckst. Polen teilt sich nicht nur die Grenze mit Kaliningrad, sondern auch die Küste. In das sogenannte Kurische Haff setzt Russland Peters Aale aus. Und Polen macht das Gleiche. Seine Aale würden sich dort treffen, hat Wood einmal gescherzt. Wieder so ein komischer Witz, der uns nicht aus dem Kopf gehen wird.
Deshalb schreiben wir unserem Kollegen Sam von der BBC und fragen, ob er uns weiterhelfen kann. Und Sam hat sofort jemanden im Auge. Einen Journalisten namens Pavel. Pavel ist ein echter Wadenbeiter. So nennt man Journalisten, die nie aufgeben. Er hat monatelang recherchiert und wichtige Informanten gefunden.
Pawel glaubt, die Mafia sei auch in das Aal-Business in Polen involviert. Und will sie uns sogar vorstellen. Und zwar persönlich. Wie es weitergeht, hört ihr in der nächsten Folge. Peter Wood wurde im Rahmen unserer Recherchen die Gelegenheit zur Stellungnahme gegeben. Er gab auf Nachfrage an, dass alle für Kaliningrad bestimmten Aale nur zum Besatz bestimmt waren.
Die Lieferungen hätten den britischen Vorschriften entsprochen. Bei dem russischen Besatzprogramm handele es sich nach seiner Überzeugung um ein aufrichtiges und echtes Naturschutzprojekt. Das ist Billion-Dollar-Babys. Der Aal und die Gier. Ein Podcast von Lisa Ludwig und uns, Sebastian Weiß und Marcel Ozan-Riedel.
Erzählt hat außerdem Katja Riemann. Regie und Schnitt Nele Denenkamp. Co-Autorin ist Birgit Tanner. Dramaturgische Beratung Miku-Sophie Kümel. Ton und Technik haben André Mogimi, Stanislav Milkovski und Jochen Först übernommen. Musik André Mugimi mit weiterer Musik aus dem Film von Nils Katschirek Zusätzliches Sounddesign von Felix Denzer Produktionsassistenz Stefanie Kaiser und Philipp Fischer Unser Cover hat Viktoria Müller gestaltet Produktionsmanagement ZDF Christiane Alswasser und Anna-Sophie Schmidt Creative Producing Maike Brülz Redaktion ZDF Kultur Lisa Reich und Vanessa Olivier Redaktion ZDF Arte Susanne Mertens, Head of Content, Richtig Cool, Jan Lindenau-Rank.
Executive Producer, Richtig Cool, Robin Blase. Executive Producer, Dog Days, Antje Böhmert. Mit großem Dank an Sam Perenti, Anja Herrenbrück, Maler Höninghaus, Katharina Fülle und das Kinderhospiz Berliner Herz. Billion Dollar Babies ist ein Podcast von ZDF Kultur und eine Zusammenarbeit von Richtig Cool und Dog Days Productions.
Übrigens, Billion-Dollar-Babys gibt es auch als Film. Milliarden-Dollar-Babys. Große Geschäfte mit kleinen Aalen. Und zwar bei Arte und ZDF.