
Der Sicherheitsrat· Staffel 1· Folge 61
Sitzung 61 - Kinder, Krieg und Propaganda
Donnerstag, 17. September 2026 · 25 min
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Shownotes
Während in Deutschen Kindergärten und Grundschulen penibel darauf geachtet wird, Gewalt in Bilderbüchern und Lehrwerken zu verbannen und wenn dann nur im pädagogischen Kontext zu thematisieren, indoktriniert der russische Staat von klein auf.
Immer wieder erleben wir, wir russische Kinder auf die Staatsführung eingeschworen werden. Wir sehen Schulveranstaltungen, auf denen Armeevertreter Einführung in Waffenkunde geben und wir erleben Schulfeste, bei denen eine Häuserkampfszene von Schülern nachgestellt und anschließend frenetisch bejubelt wird.
Das alles unter einer Erzählung: Wir gegen Die. Unser Land ist vom Westen bedroht. Mit Schriftstellerin Nora Bossong sprechen wir darüber, was das mit einer ganzen Generation macht, die derzeit in Russland heranwächst und wie unter diesen Vorzeichen Aussöhnung in ferner Zukunft aussehen kann.
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Peter Tauber: Wir laufen und das ist großartig. Herzlich willkommen zu einer weiteren Sitzung des Sicherheitsrats mit mir und mich herum, hinter und vor mir, Timon Radicke, ohne den wir gar nicht wüssten, dass wir schon laufen. Hallo Timon!
Timon Radicke: Ja, immer dafür die Rückendeckung.
Peter Tauber: Ja, da gibt es gar nicht so viel zu lachen. Heute haben wir ein ernstes und zugleich spannendes Thema. Auch ein bisschen zeitlos und doch zugleich hochaktuell. Und mit uns sprechen über Kinderkrieg und Propaganda wird Nora Bosong. Nora, schön, dass du wieder Zeit für uns hast. Nora, es gibt ja immer wieder Bilder, verstörende Bilder, auch aus Russland, wo Kinder indoktriniert werden, zuletzt in einer Schule, ich weiß gar nicht genau, wie man den russischen Ort ausspricht, Tumen, glaube ich, wo Kinder in Schutzwesten und Tarnkleidung mit Waffen ertrappen, eine verwundeten Bergung und taktische Abläufe in einer Schule, anlässlich der Eröffnung der Schule. ich weiß gar nicht, ob man zelebriert sagen darf, inszeniert haben. Also ganz offensichtlich ist das für Kinder in Russland Alltag, dieser Krieg. Und zwar auch im Sinne von Propaganda, Vorbereitung, Erziehung und Prägung. Und wir wollen gerne mit dir heute darüber reden, ob das was so wirklich Neues ist oder ob das nicht in vielen Stellen, auch in der Geschichte immer wieder passiert ist, wie das auch in Deutschland war. Wir ja aktuell nicht vergleichbare Debatten, aber auch Diskussionen darüber, soll die Bundeswehr in Schulen, soll Kinder und Jugendliche Berührungen mit dem Militär haben. Also diese Fragen sind offensichtlich nicht nur angesichts dessen, was wir in Russland sehen, hochaktuell. Wie schaust du darauf? Was macht das mit dir, wenn du diese Bilder siehst von dieser Indoktrinierung von Kindern?
Nora: Ja, ich finde es sehr beunruhigend und eigentlich erdrückend, weil es mit dieser Brachialität passiert. Aber wie du schon sagst, ich glaube nicht, dass es etwas Neues ist. Kinder und Jugendliche sind natürlich hervorragend, sie zu indoktrinieren, weil da das Weltbild noch nicht gefestigt ist, weil da eine Autorität noch mal ganz anders angesehen wird und man viel stärker eingreifen kann in das, was geglaubt wird, was als Glaube aufgebaut wird. von daher leider nichts Neues, aber eben erschreckend, dass wir das wieder in solcher Wucht und solcher Abgründigkeit sehen.
Peter Tauber: Aber ist es nicht doch bemerkenswert, man schaut, nicht nur in die Geschichte, in der Regel dauern Kriege ja nicht eine ganze Generation lang. Da gibt es natürlich Ausnahmen, den Dreißigjährigen Krieg und so weiter. Aber man könnte ja sagen, wenn ein Staat alle Ressourcen, die er hat, bündeln muss, erfolgreich in einem Krieg zu bestehen. Wo nimmt er dann diese Kraft auch noch her? Denn bis diese Kinder sozusagen frontverwendungsfähig sind, ist in der Regel der militärische Konflikt ja rum. Also geht es hier mehr als nur eine unmittelbare Kriegsvorbereitung, sondern hier geht es schon die Prägung von Generationen über den unmittelbaren Konflikt, der jetzt zu dieser Veränderung im Erziehungsbild führt, hinaus offensichtlich.
Nora: Ja, ganz klar. wir haben, glaube ich, da zwei Ebenen. Zum einen ist es die Akzeptanz des Ist-Zustands auch durch die Kinder. Also stell dir vor, du hast eine Familie, der Vater ist als Soldat an der Front. Oder vielleicht kommt der Vater auch nicht zurück. Vielleicht ist der Vater schon gefallen. Dann hast du natürlich bei indoktrinierten Kindern eine viel größere Akzeptanz. Das ist ja ein Einschnitt, der entsetzlich ist für jedes Kind. Und da Kann eine Indoktrination ein Fundament, was den Glauben gibt für das Land, ist das alles gerecht? Und es gibt noch was über das Familienglück hinaus. Kannst sehr viel beeinflussen? Und auf der anderen Seite baust du damit natürlich auf die nächsten Jahrzehnte eine Gesellschaft auf, die zum einen auf Autorität hört und zum anderen Ja, Militär eine sehr, sehr positive Verbindung hat, sehr auch unkritische Beziehung hat. Und ich glaube nicht, dass jemand wie Putin nur auf die nächsten zwei, drei, vier Jahre schaut, sondern der hat ja Größeres im Sinn.
Timon Radicke: Ist es nicht vielleicht auch so, Nora, dass sich durch Indoktrination, also durch die Geschichten, durch Bilder, Gedichte, durch die Anpassung von Schulbüchern, ich meine, wir kennen das ja alles zuletzt aus dem Dritten Reich, durch die Gleichschaltung, ist es nicht auch so, dass Putin sich im Grunde hier versucht, über sein eigenes Leben hinweg mit einer Sichtweise, einem Weltbild im Grunde in die nächsten Generationen wortwörtlich einzuschreiben?
Nora: Ja, ganz sicher. glaube, da man sieht es ja auch bei, also bei weniger dramatischen Entscheidungen. Was kommt ins Schulbuch rein? Was ist der Leerstoff? Dass das immer eine extrem unkämpfte Frage ist. Und wir haben in ganz vielen Konflikten, also gerade in nationalistisch aufgeladenen Situationen den großen Streit das Geschichtsbild, den großen Streit darum, was wird betont, wer wird als Held gezeichnet, wer wird als Gegner gezeichnet. Und natürlich kann man dadurch schon so eine Art Mausoleum vorbauen. wenn wir jetzt, also Beispiel, das hat jetzt weniger mit Militär zu tun. Aber wenn wir uns in Deutschland anschauen, was für ein Streit es die Sexualerziehung gibt, ist das ja auch schon beispielhaft, dass zwei unterschiedliche politische Lager sich da sehr, sehr stark streiten. Und da geht es ja wirklich Wenn man da mal draufguckt, scheint es ja alles zu gehen. Also sozusagen das sogenannte Gender Gagga, wie Frau von Storches ausdrückt. Oder eben von der anderen Seite, die würden das progressiv sehen und sagen, aber wir müssen doch den Kindern mitgeben, dass es nicht nur eine Fraubeziehung gibt. Und das ist natürlich keine militärische Erziehung. Aber da kriegt man mit, wie umkämpft es ist, was man Kindern mitgibt. Und da hat die Schule natürlich nochmal eine große Funktion, weil sie sehr viel mehr Kinder mitnehmen kann, als das in den einzelnen Familien der Fall ist. Also da ist, oder neben die katholische Kirche, die auch immer sehr darum gestritten hat, auch noch im beginnenden Nationalsozialismus, dass sie den Schulunterricht durchführen konnten in Religionsfragen. Also Schule ist ein unglaublicher Hebel für die jetzige Generation, aber auch perspektivisch auf die Zukunft.
Peter Tauber: Wenn wir dann diese Bilder aus Russland sehen und so verstört sind, ist es glaube ich ganz gut, dass wir uns bewusst machen, dass das gut 100 Jahre her ist, dass das in Europa gang und gäbe war. wir haben dann immer eine sehr deutsche Perspektive, gerade mit Blick auf die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg und im Ersten Weltkrieg. Auch mit mit gedichten die kinder lernen mussten den berühmten hasgesang gegen england von ernst lissauer wir lieben vereint wir hassen vereint wir haben alle nur einen feind england dass das aber gar nicht typisch deutsch war sondern sehr europäisch weil kinder in frankreich oder in großbritannien ähnliche gedichte lernen mussten und bücher lesen mussten auch der erfinder des schungel buchs oder der autor des schungel buchs Rudyard kippling hat sich da hervorgetan mit entsprechenden gedichten also offensichtlich Natürlich ist das eben zunächst einmal vielleicht Teil der Selbsterhaltung oder auch Teil von Kriegsvorbereitung, dass Staaten versuchen die nächste Generation für ein Kriegsziel oder ein vermeintliches Kriegsziel einzuschwören. Hilft uns das mit dem, was wir da aus Russland gerade hören? anders umzugehen oder es zu verstehen oder vielleicht auch uns dazu zu verhalten? Wie seht ihr das?
Nora: Also zumindest hilft es zu verstehen. Von außen aus ist es sehr schwierig, in solche Prozesse einzugreifen. Ich glaube, dass es ja zwei unterschiedliche Elemente gibt. Zum einen diese Militarisierung von jungen Kindern und dann dieses klare Freund-Feind-Schema. Das heißt, wenn es darum geht, wenn wir jetzt mal nach Deutschland schauen, können wir Jugendliche mit den Aufgaben der Bundeswehr vertraut machen. Das wäre ja was deutlich anderes als Feindbilder zu schüren und deutlich zu machen, dass ein Angriff gegen eine andere Nation Ziel dieser ganzen Unternehmung ist. Das heißt erst mal die Frage
Timon Radicke: Mmh.
Nora: nach Sicherheit im Inneren oder Sicherheit für das eigene Land. Gibt es Militär? Wofür gibt es das? Warum ist das wichtig? Ist sozusagen der eine Lernimpuls. Und wirklich Feindbilder zu generieren, Feindbilder zu propagieren, ist halt ungleich schärfer und ungleich auch zerstörerischer natürlich, ganz klar.
Timon Radicke: Ja. Ja, ich würde auch sagen, es geht glaube ich vor allen Dingen darum, ist man für etwas oder ist man gegen was? Ich meine, wir erleben ja momentan auch im digitalen Raum, dass die Empörung gegen etwas immer eine stärkere Erzählung ist als das Kämpfen für etwas. Und wir kämpfen ja momentan, Peter, auch tagtäglich dafür, dass wir im Grunde für unsere Streitkräfte kommunizieren und uns etwas für unsere Streitkräfte wünschen und nicht gegen einen potentiellen Feind. ist natürlich die Indoktrinierung. Wir müssen gegen etwas sein, was uns ansonsten droht, zu vernichten, weil das ist ja die Erzählung in Russland. Es geht ja darum, die eigene Auslöschung in der Propaganda im Grunde der vorzubeugen. Und deswegen muss man gegen etwas sein. Das hat natürlich schon etwas von ... Ja, das habe ich so tatsächlich das letzte Mal im Nationalsozialismus gehört, auch in der Schärfe und in dem Tonfall, wie es da in Russland propagiert wird.
Peter Tauber: Wobei,
Nora: Also, ja.
Peter Tauber: auch da gibt es ja Beispiele, Nora hat es ja eben auch schon beschrieben für interessanterweise ja Debatten, die wir heute auch in unserer freien und offenen Gesellschaft führen, dass es im Endeffekt über diese reine nationale Mobilisierung ja doch hinaus ging und auch eine rassistische und antisemitische Komponente. hatte, die der Erste Weltkrieg so in dieser expliziten Form nicht kennt. Also es ist ja kein Kampf zwischen Nationen, laut Definition des Nationalsozialismus, sondern ein Kampf von Rassen, wo Kinder dann eben auch nochmal ganz anders kategorisiert werden, was Zugehörigkeit betrifft und so weiter. Ich glaube, das ist uns auch entsprechend fremd. Timon, jetzt bist du ja selber Vater. und kriegst ja so bisschen mit, was deine Kinder wahrscheinlich in der Schule erleben und hören und du bist auch noch Lehrer, also du bist in doppelter Hinsicht berufen mit uns auch deine Einschätzung zu dem Thema zu teilen, würdest du sagen? Auch wenn es nicht unmittelbar Eingang in die Lehrpläne findet, dass natürlich dieser Krieg in Europa auch in deutschen Schulen was macht mit Unterricht etc. pp. Also eben nicht wie in Russland, da müssen die Kinder antreten und dann wird auf einmal die Hymne gesungen und es gibt vormilitärische Erziehung etc. Aber doch in irgendeiner Form Gegenstand ist. Diskutiert ihr das im Elternabend oder wie ist das?
Timon Radicke: Nun ist es ja bisschen her, dass ich aus dem Schuldienst raus bin, aber es ist natürlich so, dass alltagsrelevante Themen, und das ist dieser Krieg nun mal seit Jahren, immer auch Themen der Einordnung sind, wo auch Lehrkräfte gefragt sind, auch bei der Bewertung zu helfen, bei der Einordnung zu helfen. und auch selbst als Lehrkraft sich wahrzunehmen ... als ein Faktor, der am Ende des Tages ... ... gefragt wird ... ... und sich da nicht rauszunehmen und zu sagen, ich bin aber nur Biologielehrer, ich habe da keine Ahnung von. Also am Ende des Tages ist da, ich, der grundsätzliche Bildungsauftrag ... erstmal relevant, deswegen ... ... ja, glaube ich auch. Ich glaube, dass auch ein Umdenken ... stattgefunden hat in den letzten Jahren. Da war die Schule eher ein entpolitisierter, ... eher prazifistischer Raum. Ich glaube, das hat sich schon ein bisschen gewandelt. Mir ist noch mal eine andere Sache wichtig ... und die geht auch nochmal ... in Richtung Nora, Peter, wenn ich darf. Und das ist vor allen Dingen der Punkt. Ich weiß, wie schwierig es ist, eingeübte Doctrinen Ich nenne es jetzt einfach mal Doktrien, Gewohnheiten, Denkgewohnheiten bei Menschen zu verändern. Und wenn ich mir jetzt überlege, dass wir in Russland sehen, wie in kleine Kinder Denkweisen implementiert werden, die durch diese Erziehung, durch die Beschulung im Grunde ständig durch die ständige Repetition verdichtet werden. Wie in Gottes Namen soll man in 10, in 15 Jahren mit diesen Menschen, die nichts anderes gelernt haben, denn eigentlich nochmal auf ein konsensuales Miteinander, auf einen Frieden, ein sich positiv gegenüberstehen kommen.
Nora: Ich glaube, das ist unglaublich schwer, das kommt sehr...
Peter Tauber: Das ist eine gute Frage. habe mich das eben auch gefragt. Ja, Nora, esst gerne, esst du.
Nora: Ich glaube, es kommt sehr darauf an, wie Russland in 10, 20 Jahren aussieht, also ob es überhaupt die Chance gibt, dass wir da in einen Dialog kommen. wenn ich mal zurückschaue, meine Großmutter, die im BDM war natürlich, also 25er Jahrgang, die hat die ganze Nazi-Zeit als Kind und Jugendliche mitgemacht. Das, was die Nazis ja einigermaßen klug gemacht haben, also nicht im Sinne Also positiv nur im Sinne des Funktionalen, ist ja, dass sie nicht nur eine kalte Indoktrination gemacht haben, sondern das Schöne war ja, dass dieser bunddeutscher Mädel so ein Zusammengehörigkeitsgefühl gehabt hat. Die haben auch einfach Lieder gesungen. Und dieser Satz, ich in meinem Musikunterricht gehört habe, also dieser wirklich blöde Satz, wo Menschen singen, da lasst dich ruhig nieder, böse Menschen kennen keine Lieder. Das ist so ein Quatsch, den man damals schon blöd. Aber das ist ja einfach Unsinn, weil was konnte HLJ und BDM wunderbar hervorragend singen? Und so war ja auch die ganze Propaganda der Nationalsozialisten, dass immer auch dieses unterhaltsame Element, dieses in Anführungszeichen fröhliche Element mit dabei war. Also nicht nur die Härte. Und ich glaube, das darf man auch nicht unterschätzen. in Deutschland gab es, ich rede jetzt über Westdeutschland, diesen ganz starken Bruch danach. Es hat auch Jahre gebraucht. meine, und bis heute haben wir Nazis in unserer Gesellschaft oder Leute, die das wirklich attraktiv finden, leider. Aber es gab ein wahnsinnig großes Angebot und das war Wohlstand. da kann man, also das ist jetzt sehr pragmatisch gedacht, aber in dem Moment, in dem ein gutes Angebot gemacht wird, glaube ich, kriegst du Menschen eher in den Dialog, als wenn du sie einfach nur abstrafst und Ihnen sagt, ihr habt alles falsch gemacht. Muss man auch machen. Man kann jetzt auch den Nazis, die bis 1945 Nazis waren, nicht sagen, alles super, kein Problem, verstehen wir, lassen wir mal irgendwie stehen. Das ist klar. Aber je besser das Angebot ist, was mit in diesem Gespräch verhandelt wird, desto mehr hat man die Chance da, was zu bewegen, glaube ich.
Peter Tauber: Das finde ich ganz interessant, das habe ich mich auch gefragt, denn die Kinder und Jugendlichen die noch im Endkampf 44, 45 an die Front gingen, die waren in der Tat ja schon lange indoktriniert, die hatten nichts anderes gelernt und gekannt und trotzdem ist die junge Bundesrepublik sehr schnell offen für Demokratie und eine freie Gesellschaft gewesen. Ich finde das hast du super aufgelöst, Nora. Trotzdem ist es ja so, diese totalitären Systeme die damals, also der Faschismus in Italien, der NS in Deutschland und auch die Sowjetunion den freien Gesellschaftsordnung England, Frankreich, USA gegenüber standen, haben es natürlich einfacher, weil sie ihre, das was zu gelernt werden muss, können die festlegen. Da gibt es keinen Diskurs drüber. Und in freien Gesellschaften gibt es natürlich einen Diskurs darüber, wie weit geht das. Wir merken das ja auch. Wie stark positionieren
Timon Radicke: Ja, ja, ja.
Peter Tauber: wir uns gegenüber Russland. WMW eher einen moderaten Ton haben, auch mit Blick auf die Geschichte freier Gesellschaften dann andere Mechanismen sich damit auch mit solchen Bedrohungen auseinanderzusetzen, also gerade vielleicht auch mit popkulturellen Anleihen. Die Amerikaner haben ja im im zweiten Weltkrieg auch Mickey Mouse und Donald Duck genutzt, Propaganda, so kann man es sagen, gegen die Nationalsozialisten im zweiten Weltkrieg zu machen. Also müssten wir uns anders überlegen, wie wir die Narrative, die eine freie Gesellschaft stärken, eben dann vermitteln, wenn wir das nicht so verordnen können wie totalitäre Systeme. Und ist da nicht Literatur, sind Bücher, Kinderbücher nicht dann auch dafür? zu sagen, nein wir verteidigen eine freie Gesellschaft doch auch für uns ein geeignetes Mittel. Und wie müssen die aussehen, Nora? Oder sagst du, das ist abwegig? Jetzt haben wir etwas abrupt aufgehört, Nora ist uns verloren gegangen. Wir hoffen, dass das keine Störversuche von russischer Seite waren. Aber das
Timon Radicke: fremden Mächten.
Peter Tauber: Thema ist natürlich unheimlich spannend, Timon, weil es gar nicht so sehr im Fokus steht und wir auch die Folgen dieser Indoktrination,
Timon Radicke: Ja.
Peter Tauber: die offensichtlich russische Kinder erleben, jetzt ja noch gar nicht ahnen können. Und es wird schwer genug nach diesem Krieg wieder Vertrauen und Nähe in Europa aufzubauen und das müssen wir als Ziel haben, wenn die Waffen schweigen. Und genauso müssen wir uns natürlich fragen, was vermitteln wir Kindern und Jugendlichen in Deutschland, damit sie das Gefühl haben, dass diese Freiheit und diese Ordnung wenn sie angegriffen wird, schützens- und verteidigenswert ist und auch diejenigen, die sie verteidigen, genau für diese Kinder und Jugendlichen tun und dass das kein Selbstzweck ist. Das wird ein Thema sein, das
Timon Radicke: Ja.
Peter Tauber: die Politik auf allen Ebenen beschäftigt, nicht nur in der Bundespolitik, sondern gerade vor Ort bis hin in die Kindergärten, in den Kommunen hinein. Ich weiß nicht, wie du es siehst, ich fand es aber ganz spannend,
Timon Radicke: Absolut.
Peter Tauber: darüber mal zu sprechen.
Timon Radicke: Jetzt kommt Nora gerade nochmal rein. Hallo
Peter Tauber: I don't know.
Timon Radicke: Also Peter hat jetzt sogar gerade schon mal kurz einen Abbinder gemacht.
Nora: Okay.
Timon Radicke: Ich hab vielleicht noch mal einen kurzen Punkt, der ganz wichtig ist, Nora. Vielleicht kannst du einmal für uns differenzieren. Das Thema Helden, Charaktere. Also mir ist wichtig, dass wir Indoktrination nicht in einen Top werfen mit ... Ich sage jetzt mal politischer Bildung auch über Charaktere, die sich verdient gemacht haben etwas. Man spricht da im Negativen immer über Heroisierung, das meine ich aber gar nicht, also die unkritischen Helden gestalten. Aber verstehst du, was ich meine? Dass man nicht Indoktrinierung und gleichzeitig das Herausheben herausragender Leistungen von Einzelpersonen in einen Topf wirft.
Nora: Ja, absolut. Aber wir können ja, wenn wir uns zum Beispiel die Nachkriegszeit anschauen und schauen, was für Heldenfiguren wir da hatten, haben wir jemand wie Sophie Scholl, wir haben jemand wie Stauffenberg. Stauffenberg, klar, da gibt es auch Debatten drum und hat er sich zu spät gegen den Nationalsozialismus gestellt und so weiter. Aber was deutlich ist, ist, das, was wir herausragend finden oder das, was wir bewundernswert finden, eine ganz andere Richtung angenommen hat als Helden oder sogenannte Helden, die einfach auf den Feind schießen oder zerstörerisch vorgehen. Also natürlich Stauffenberg hat auch sozusagen auf seinen Feind mit Gewalt reagiert. Aber das war natürlich eine Form, einen Diktator zu stürzen. Und das ist eine ganz andere Erzählung als aus der Diktatur heraus. Und wenn wir uns dann noch anschauen, was für Kinderbücher es gab, also direkt nach dem zweiten Weltkrieg zu jemand wie Pippi Langstrumpf, sehr anti-autoritär, lange vor 1968.
Timon Radicke: Stimmt, ja.
Nora: Aber auch wenn wir noch weiter zurückgehen, so was wie Karl May. Heute finden es auch nicht mehr alle toll. Aber da ist eigentlich die Grundmessage, dass Ist ziemlich egal, also nicht egal, ist aber, dass zwischen, sagen wir mal, Winnetou und Old Shatterhand als die beiden bekanntesten Charaktere bei ihm, dass die in eine Freundschaft eingehen, dass es da eine Verbindung gibt. Und das Heldenhafte ist diese Freundschaft. Das Heldenhafte ist nicht, dass man gegen die anderen ist. Das heißt, du hast immer wieder auch eben schon vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs andere Heldenfiguren. Und ich glaube, da man muss einfach schauen, wie werden Figuren inszeniert. Und es wäre absolut falsch zu sagen, wenn jemand was Großes geleistet hat, darf man das nicht mehr groß nennen, weil wir kommen dann in eine falsche Heroisierung. Nee, wenn jemand was Hervorragendes geleistet hat und wirklich ein Vorbild war, dann dürfen wir die Person auch weiterhin als Vorbild haben.
Peter Tauber: Das heißt aber, wir müssen uns trauen, wieder auch zwischen Gut und Böse im Sinne der Werteordnung, die wir leben oder die wir auch vermitteln wollen, der nächsten Generation zu unterscheiden und dass Friedfertigkeit kein Wert an sich ist, wenn er dazu führt, dass man sich unterwirft, weil das keine Freiheit ist und auch kein echter Friede. Ist das etwas, was wir
Nora: Ja.
Peter Tauber: dann auch Kindern wieder anders vermitteln müssen, das was wir in Wahrheit lange nicht getan haben? in dem der Friede sozusagen Selbstzweck wird, egal unter welchen Umständen.
Nora: Ich glaube, es braucht sehr viel mehr Differenzierung. Wenn du sagst, der Friede ist gut, das ist ja erst mal plausibel. Ich finde Frieden auch super. Wenn du dann aber Einschränkungen machst, naja, der Friede ist halt schon für sich gut, aber wir wollen ihn halt nicht unter allen Umständen. Wir wollen halt auch innerhalb des Friedens bestimmte Möglichkeiten unseres Lebens haben. Wir haben da Bedingungen an den Frieden. Dann ist das natürlich viel komplexer, als wenn du nur sagst, der Friede ist gut. Wir würden jetzt ja auch nicht sagen, Krieg ist super. Also das wäre auch wieder simpel, aber das ist ja auch nicht die Aussage, die wir jetzt hier unterstützen würden, eigentlich ist ein friedliches Leben schon das Optimum. eben nicht Also in dem Frieden muss es Bedingungen geben, die wir auch noch miterzählen. Das heißt, die Geschichte wird einfach länger, die wir zu erzählen haben.
Peter Tauber: Und ich glaube da muss der Unterschied liegen, den wir deutlich machen, wenn wir zum Beispiel aufgrund dieser Umstände, wie die Welt nun mal gerade ist, darüber nachdenken, warum es nicht sinnvoll sein könnte, Jugendoffiziere an Schulen zu schicken, Kindern und Jugendlichen auch eine Berührung mit der Bundeswehr zu ermöglichen, ohne dass sie an der Waffe ausgebildet werden, aber dass sie eben lernen, dass es da Männer und Frauen gibt, die dafür sorgen, dass sie in Frieden und Freiheit aufwachsen können. Ich glaube diese Transferleistung und Erziehungsleistung Die muss auch eine Demokratie in Schulen, in Kindergärten und an den Orten, junge Menschen sind, leisten, wenn sie im besten Sinne des Wortes resilient
Timon Radicke: Genau.
Peter Tauber: und wehrhaft sein will. Vielen Dank, Nora, dass du uns da auch nochmal auf dieser Ebene auch mit vielen Beispielen aus der Literatur reingenommen hast. Es ist ein kompliziertes, aber ich finde super spannendes Thema. Timo, du hast das letzte Wort.
Timon Radicke: Ja, ich kann mich nur anschließen. Vielen herzlichen Dank, Nora. Das ist ein Thema, was uns begleiten wird. Die Nachrichten, wenn man das sieht im Internet, was da teilweise passiert auch in Russland, ist erschreckend. Wir wollen aber hier nicht negativ enden, sondern wir wollen was mitnehmen dafür. Peter hat das gerade schon einmal kurz zusammengefasst. Ganz herzlichen Dank, dass du da warst und ich sage bis zum nächsten Mal.
Nora: Danke euch.